Der Freitag

Mariclée wartete, bis die Mittagsstunde vorüber war, dann ging sie aus. Sie

bog wie gewöhnlich in Piccadilly ein, aber statt wie sonst an den Läden

vorüberzugehen machte sie heute allerlei Einkäufe. Weder nach Cambridge

noch nach Brighton, noch nach den Orten mit den normannischen Bauten, die

ihr der Botschaftsrat genannt hatte, war sie gefahren; denn das Geld für

»unvorhergesehene Fälle« hatte sie nie anzurühren gewagt. Jetzt warf sie es

hinaus. Es gab ja keine unvorhergesehenen Fälle für sie mehr. Sie schenkte

sich ein altes Döschen, vor dem sie oft stehen geblieben war, hielt sich

eine Weile bei einem Taschner auf und kaufte sich einen silbernen Spiegel.

Nur von dem Blumenladen, in dem wieder große Büsche heftiger Rosen

prangten, wandte sie sich ab. Warum nur die Rosen, von denen man träumte,

so viel herrlicher waren als die wirklichen? Aber sie hielt sich bei diesem

Gedanken nicht auf.

Er hatte ihr nicht geschrieben, und ihre Hoffnung war dahin.

Wie vernünftig sie mit einem Male geworden war! Sie faßte die Dinge ganz

grob und höhnisch ins Auge, wie sie der graue Tag jetzt zeigte. Im Spiegel

eines Auslagefensters, der eine Schar von Hüten zur Vervielfältigung

brachte, sah sie sich von Profil und etwas in die Länge gezogen

einhergehen; und jene alte Behauptung fiel ihr ein, daß an jedem Menschen

eine Ähnlichkeit mit einem Tiere nachzuweisen sei. Sie, mit ihrem langen

Kopfe, glich sicherlich einem Pferde und was an Dummheit in ihr lag, war

richtige Pferdedummheit. Nicht wo das Tor, sondern wo die Bretterlatte

stand, just da rannte sie an und wollte hindurch. So hatte sie geglaubt,

von Sachlagen absehen, ein so ausgemachtes Faktum wie die Ehe des Exemplars

einfach ignorieren zu können. Er selbst belehrte sie nun durch sein

Schweigen, daß es unzulässig war, sich den Dingen gegenüber nicht zu

verhalten.

Mariclée blieb bald vor diesem, bald vor jenem Laden stehen, lediglich weil

ihr der Mut fehlte, ihre Schritte zu lenken. Wohin sollte sie sich auch

wenden? Lagen ihr nicht alle Länder, alle Meeresstraßen, die weite Welt

verschlossen, da keine Wege mehr zu ihm führten? Irgendwie entglitten ihr

da die Zügel. Es war nicht mehr die reinliche Scheidung ihrer Gedanken,

deren sie sich sonst so mächtig zeigte. Trieb ihr der eine Zorneshitze

durch alle Adern, so konnte sie gleich darauf vor Bangigkeit erstarren. In

wilder Unordnung, bald in Flucht geschlagen, dann wieder im Ansturm,

schossen sie jetzt von einer Bahn in die entgegengesetzte und prallten jäh

wieder zurück.

Auf Mariclées seltsames und nicht ganz ungefährliches Doppelleben wurde ja

schon hingewiesen. Das Stürmische und Elementare ihrer Natur, von ihrer

starken Gedanklichkeit getrennt, hatte jene merkwürdige stille Bucht in ihr

erzeugt, in der Kommendes sich zu spiegeln vermochte, wie heranziehende

Wolken in einem Teich. Es war nach ihrer Meinung nur folgerichtig, daß der

Traumsinn sich in ihr entfaltet hatte. Daran konnte auch der heutige

Zusammenbruch nichts ändern, daß es ihr bisher nie widerfuhr, aus der

Legion von Bildern, die an ihrem schlafenden Gehirn vorüberzogen, das hohle

herauszugreifen oder auf das Bedeutsame nicht zu merken. Denn dieses ließ

im Vorüberziehen das unbewegte Etwas, das sie in sich hegte, wie magisch

beschattet und von einem Echo umhallt, das sich noch immer als untrüglich

erwies. Ja nichts anderem dankte sie wohl letzten Endes jenen seltsam

saturierten Unterton, jene Fülle und Resonanz, die ihr Wesen gleichsam mit

einer Oktave bereichert hatten; alles Dinge, die sich zwar der Äußerung

entzogen, zu denen sie aber nichtsdestoweniger zurückgriff und die ihre

Atmosphäre kreierten. Aber war sie jetzt nicht zertrümmert, jene magisch

beschattete »stille Station«, und waren nicht alle Wege, die zu ihr liefen,

verschüttet? Es hatte sie einmal ein junger Mann zu Tische geführt, mit dem

sie übereingekommen war, daß zu glauben oder nicht zu glauben vor allem

Temperamentssache sei. »Ich fühle mich zwar hin und wieder zu glauben

versucht,« sagte er, »aber es sind nur Momente und es entspricht nicht

meiner Natur. Nie bin ich so sehr ich selbst«, und dabei leuchtete sein

Auge fast fanatisch auf, »als indem ich mich jeder, auch der vagesten

Unsterblichkeitstheorie verschließe.« Es war jedenfalls viel leichter, sich

eine elegante Maske zu bewahren, indem man den Glauben, als indem man die

Skepsis in sich selbst unterdrückte. Denn nicht glauben war ein Glaube wie

ein anderer!

Bei ihr war es umgekehrt. Sie hatte sich so weit eingelassen mit ihrer

Glaubensseligkeit, sich auf dieser Bahn so weit hinausgewagt, daß Momente

absoluten Nichtglaubens, wie sie jetzt für sie gekommen waren, sie ihres

Seins förmlich entwurzeln und ihr die geistige Fassung rauben mußten. Sie

blickte umher und die Häuser, die Läden, die Wagen, die Passanten, der

Regen, der herniederrauschte, alles _Positive_ nahm eine unerbittliche

Richtermiene an. Vor allen Dingen, die sich feststellen ließen, war sie als

zu leicht befunden und konnte nicht bestehen. Die Schecks, die sie hielt,

hatten am Tage der Abrechnung keine Gültigkeit; es war der Ruin. Ein wilder

Überdruß brach über sie herein. Doch wie? was ging in ihr vor? So durfte

sie nicht aus den Fugen geraten. Nun ja, sie hatte ihre Kalkulationen auf

eine falsche Basis gestellt, aber davon erholt man sich. Sie würde den

Verlust wettzumachen, ja daraus zu lernen wissen. Aber ein Entsetzen, ein

tiefer Schwindel erfaßte sie. So durfte sie jetzt nicht denken. Warum gab

sie den Tag verloren, bevor er zu Ende war? Warum hielt sie nicht stand? O

wie unwert zeigte sie sich des Außerordentlichen, das sich heute noch

ereignen konnte! Und so war denn wieder das Unwahrscheinliche, an das sie

sich jetzt klammern, die in der Luft hängende und abgebrochene Stelle, auf

die sie ihren Fuß setzen konnte, das morsche Seil, das sie selbst

ausgeworfen, an das sie sich in letzter Stunde halten mußte, um nicht zu

zerschellen.

Es war zwei Uhr. Sie ging in das Berkeleyhotel. Es war ja vollkommen

gleichgültig, wo sie heute aß. Sie fuhr einige Male mit der Gabel in ihrem

Teller herum, doch ohne sie zum Munde zu führen, weil sich etwas in ihrem

Halse so energisch dagegen sperrte, und schob den Teller beiseite. Wenn

nichts geschah, wollte sie heute abend fahren. Geschehen? -- -- -- was

sollte geschehen? Aber war er ihr nicht entgegengeeilt an jenem

Unglückstage, als sie ihm das falsche Datum zu wissen gab? O hier war

etwas, das sich nicht reimte. War es denkbar, daß er sie heute ohne ein

Wort verloren gab? Denn daß sie dann für immer aus seinem Leben glitt,

wußte er genau. Sie stützte den Ellbogen auf und starrte ins Leere. Der

Kellner trat herzu, verbeugte sich diskret und nannte eine andere Platte.

»Nein, nichts mehr;« doch als er Kaffee vorschlug, nickte sie, und er

stellte ein braunes Kännchen vor sie hin, das dreimal ihre kleine Tasse

füllte. Sie leerte es ganz, zahlte und ging. Draußen standen viele Hansoms,

auf die der Regen herniederklatschte; die paar Minuten bis zu ihrer Wohnung

erschienen ihr so weit, das Gehen eine so aufreibende Qual. Sie stieg ein

und war gleich darauf zu Hause.

Als sie aus dem Wagen sprang, verhing sich ihr Kleid so ungeschickt, daß

ein mörderischer Riß den dünnen Stoff fast bis ans Knie zerfetzte. Obwohl

es aber das bleuardoise Kleid war, auf das sie so große Stücke hielt,

achtete sie kaum darauf und zog hastig die Glocke. Den Schlüssel vergaß sie

jetzt fast jedes Mal. Klara, die ihren triefenden Schirm entgegennahm,

hatte nichts zu vermelden, als daß ein abscheuliches Wetter sei und daß es

regnete. Der Marmortisch war leer.

»Wenn möglich,« sagte Mariclée, »möchte ich heute noch den Nachtzug

nehmen.«

Klara erbot sich, beim Packen behilflich zu sein.

»Danke ein wenig später; ich werde rufen.«

Sie sah noch die Alte hinter einem Pfeiler der unteren Gänge verschwinden,

dann stieg sie die Treppe hinauf und trat in ihr Zimmer. Nicht eher brach

es über sie herein.

Auch war es nicht, obwohl sie laut lachte und sprach, wie wenn ein

Wahnsinniger irr daherredet, der sein eigenes Lachen nicht weiß, sondern

wie jemand, der noch einen Gefährten bei sich hat, den er zum besten hält

und dessen groteske Figur er durchschaut.

Über ihr nasses und zerrissenes Kleid stolpernd, warf sie es ab, riß einen

ärmellosen, langen Umhang vom Haken und ging im Zimmer umher.

»Sieh da!« rief sie, »welch spaßhafte Reise! Ist sie zu Ende? sind die

Koffer gepackt, oder gibt es noch etwas zu träumen?«

Und sie öffnete die Türe, als beengte sie der Raum, und ging wieder mit

leichten, beschwingten Schritten die Treppe hinab und herauf, durch den

weiß umhängten Saal und ins Zimmer zurück. Mit ihren bloßen Armen, den

schlanken, fast überlangen, focht sie in der Luft, und immerzu summend,

oder lachend, oder sich selbst apostrophierend, strich sie durch das Haus.

Auf einige Stunden gehörte es ja noch ihr, die Alte würde sich nicht

ungerufen zeigen, und niemand schaute ihr zu. So gewährte sie dem Sturme,

der über sie her war. So beugt sich ihm der Baum und streicht sein weites

Geäst, wie gefaltete Segel, wenn ihm inmitten seines aufgewirbelten Laubes

die Sinne vergehen; und so gab auch sie sich ihm preis, ja wie ein von

Winden gepeitschter Baum, bald sich neigend, bald hoch aufgerichtet, ließ

sie sich endlich wie ein gefällter Stamm quer über ihr Bett hin stürzen.

Und dann fuhr sie wieder empor, weil es sie von neuem durch die Säle und

Gänge dahintrieb. Etwas in ihr war ins Wanken geraten und sie fühlte jene

Hirngespinste, die sie mit so vermessener Willkür in die reale Welt hinüber

zog, mit den feinsten Fasern ihres Ichs unheilbar verstrickt. Was sie da

aufgebaut hatte, war sie selbst, und aus den eingestürzten Trümmern mußte

sie sich jetzt selber hervorziehen. Sie hatte sich mit dem Absurden zu weit

engagiert (dies war Menschen wie Dingen gegenüber ihr Fehler), vom Absurden

entlehnte sie Name und Stand; Absurditäten waren ihr Rückhalt. _Sie selber_

war sinnlos, wenn das Absurde sie nicht länger schildete. Mit einem Wort,

sie fühlte sich ihres geistigen Inhalts beraubt. Die bereichernde Oktave

war nur ein gerissenes Pedal, ein dröhnender und lächerlicher Mißklang.

Inmitten dieses Wirrsales suchte sie vergebens nach einem Halt. Da alles

trog, fiel jetzt auch jene grundlose Zuversicht von ihr, als sei das

Befinden des Exemplars, trotz der beunruhigenden Zeitungsnachricht, ganz

beruhigend. Hatte es ihr nicht der Mond zugeblinzelt, und hatten es ihr

nicht ihre Träume versichert? und dies und jenes? -- hatten sich nicht seit

jenem sorgenvollen Tage alle Dinge übler Vorbedeutung, wie auf ein

geheimnisvolles Kommando hin, von ihren Blicken ferngehalten? Wohl nur,

damit ihr endlich die Augen aufgingen und sie endlich die richtige Lehre

zöge?

Sie hielt plötzlich inne. Und wiederum geschah es, wie wenn der Sturmwind

mit einem Ruck aussetzt, als sei er in die Erde gefahren und erstickt. So

schlug plötzlich _eine_ Sorge all ihre Gedanken in Bann. Wie stand es mit

_ihm_? . . . . Vielleicht wußten es die Leute in seinem verlassenen

Stadthaus. Sie hatte niemals angefragt, weil eine begreifliche Scheu sie

zurückhielt, aber auch weil sie es besser zu wissen vermeinte. Nun wählte

sie rationellere Mittel, um sich zu erkundigen. Denn sie wollte Gewißheit.

Schon stand sie unten (das Telephon war in der Halle angebracht) und

verlangte die Nummer.

»Wer da?« hörte sie alsbald eine männliche Stimme.

Es war zu schnell; sie erschrak und es entstand eine Pause.

»Sind die Herrschaften hier?« fragte sie dumm.

»Ja, sie sind hier.«

Wie? hörte sie recht?

»Hier?« sagte sie bebend; »der Herr ist hier?«

»Der Herr ist in Cornwall.«

Ihr Sein hing an der Stimme, die da herüberdrang, wie an einem

ausgeworfenen Seil.

»Er ist nicht hier?« fragte sie.

»Nein, in Cornwall.«

»Sagten Sie nicht, er sei hier?«

»Die anderen Herrschaften sind hier. Der Herr ist in Cornwall.«

Sie hing das Rohr wieder ein; sie wußte kein Wort mehr zu sagen und fragte

nicht, wie es ihm ging. Was frommte es ihr, dies heute zu wissen? Wer gab

ihr morgen Ausschluß über sein Befinden? War er für sie nicht tot? Die

Augen saßen ihr wie Feuerbälle tief in den Höhlen und brannten vor

Sehnsucht.

»Welch ein Ende!« rief sie laut. Da schreckte sie ein Geräusch, schnell

verhallte Schritte dicht hinter ihr. Wer hatte sich hierher geschlichen,

ihre Jammergestalt zu belauschen? Aber niemand trat hinter den Pfeilern

zurück, die kahlen Mauern waren schattenlos geblieben, die Halle war leer.

Nur draußen auf der Straße war einer gekommen, vor der Pforte stehen

geblieben und wieder vorübergezogen. Etwas Weißes schimmerte durch den

Kasten: ein Brief aus Cornwall.

»So sehe ich mich denn, so leid es mir ist, am letzten Tage noch genötigt,

von meiner Londoner Reise abzusehen und direkt nach Southampton zu fahren,

um mich morgen früh um zehn Uhr mit der »Adriatic« einzuschiffen. Denn auch

ich verlasse morgen England« . . . .

Es war kein langer Brief: die übliche nüchterne Fassung und die Worte

abgezählt wie in Telegrammen. Warum lag da Mariclées Kopf plötzlich wie

_hingeschlagen_ auf dem Marmortisch? Was war anders geworden? welcher

Vorhang zerrissen? welches Tor gesprengt? War's ein chiffrierter Brief, der

anders lautete, als er hieß? standen Dinge zwischen den Zeilen, die nur

_sie_ entziffern konnte? Nein! Nichts. -- Er war keiner, der dunkle Worte

schrieb oder Rätsel zu lösen aufgab. Aber ebensowenig lag es in seiner

Natur, etwas Unbedachtes zu äußern, und das Zwecklose war ihm so konträr

wie einer Katze das Schwimmen. Wenn er ihr mitteilte, daß seine Abreise für

denselben Tag wie die ihrige festgesetzt sei, und ihr Schiff und Stunde

angab, so geschah dies, damit sie ihre Folgerungen daraus zöge. (Sie kannte

ihn zu gut!) Es geschah weder, um sie zu rufen (so radikalen Maßnahmen war

er spinnefeind) noch um ihr zu sagen: »Tue dies,« wohl aber: »es ist das

einzige, was sich eventuell noch tun ließe.« Und indem er es in ihre Hand

gab, machte er nicht nur das Unmögliche möglich, er setzte sie wieder in

Amt und Würden ein, was sie erst für wohl überlegt erachtet, und was sich

dann mit Spott und Hohn wider sie gekehrt hatte, war wieder der richtige

Weg. Ach! hätte sie doch standgehalten und sich dieser frohen Wendung

würdiger gezeigt! Sie war wieder ganz in ihrem Element, wieder von der

Zauberluft umflossen, deren sie bedurfte, um zu atmen. Wie ein Fischlein,

das noch eben jämmerlich im Sande zuckte und das ein gutes Geschick in die

Wellen zurückwarf. Ihr Plan, blitzschnell gefaßt, saß ihr schon fertig im

Kopfe. Wie gewagt, wie schwierig er auszuführen war, wollte sie jetzt nicht

bedenken: das kam später. Vorerst durfte sie keinen Augenblick verlieren,

vielleicht kam alles schon zu spät. Sie flog auf ihr Zimmer, um sich

anzuziehen, konnte sich aber an Schnelle nicht genugtun, so daß sie ihre

Sachen, die ihr doch zur Hand lagen, nirgends sah. Nichts zeigte sich als

eine dünne Bluse mit kurzen Ärmeln, und wo steckten denn ihre Handschuhe?

War denn alles verhext? sie fand nur ein altes, zerrissenes Paar, das sie

weggeworfen hatte, fuhr aber zugleich in ihren Mantel, ließ die Handschuhe

fallen und hob in der Eile nur den einen auf. Himmel! und wo war ihr

Schirm? Richtig! den hatte ihr Klara abgenommen.

»Klara! Klara!« rief sie in den Gang. Aber bis die ihre Treppe heraufkam,

das war zu lang! soviel Zeit durfte sie nicht verlieren. Ohne zu warten

griff sie rasch nach ihrem weißen Sonnenschirm; der grüne (zwar lehnte er

in der Ecke) war einfach unauffindbar! und stürmte die Treppe hinab, auf

die Straße. Klara sah nur mehr ein paar aufgerissene Schubfächer, in denen

blindlings alles durcheinander lag, als hätte ein Affe darinnen getobt.

Mariclée war längst unterwegs. Sie ging nicht, sie rannte. Kein freier

Wagen fuhr ihr entgegen, und sie ließ sich nicht Zeit, sich nach einem

umzusehen. Wenn sie nur nicht zu spät kam! Wenn nur das Schiff in einem

französischen Hafen einlief! Wenn sie nur genügend Geld besaß! Sie ahnte ja

nicht, was auch die kürzeste Fahrt auf einem großen Dampfer kostete.

Vielleicht das Zehnfache! was wußte sie? Ach, warum hatte sie das unnütze

Döschen gekauft und den sinnlosen Spiegel und heute morgen soviel Geld

hinausgeworfen! Hier war er jetzt, der »unvorhergesehene Fall«, um

dessentwillen sie auf so viele Dinge verzichtet und sie nicht gesehen

hatte. Und nun? -- Ein Glück, daß sie sich beim Taschner nicht entschloß.

Barmherziger Himmel! wenn sie auch noch das Köfferchen gekauft hätte. Sie

lief mit ihrem weißen Sonnenschirm unter dem strömenden Regen Piccadilly

entlang. Die Leute drehten sich um, und es wunderte sie gar nicht. »Es ist

mir ganz egal,« dachte sie. »Wer kennt mich?« Aber es war wirklich kein

Aufzug. Und dieses Ärmelarrangement! Die der Bluse waren an sich kurz,

besonders die des Mantels reichten nicht bis zur Hand. Die eine, im

defekten Handschuh, welche den Schirm hielt, trug in höchst uneleganter

Weise das Gelenk und eine unbedeckte Spanne des Armes zur Schau. Die andere

hing rot und verfroren herab. Bei Cooks zögerte sie einen Augenblick, bevor

sie eintrat, und erwog, ob sie den Schirm nicht lieber preisgeben und

draußen vor der Ladentüre stehen lassen sollte; dann ging sie doch mit ihm

hinein. Wußte sie denn, wie die Würfel für sie fallen würden? und

vielleicht mußte sie besten Falles bis ins Allerkleinste sparen und

brauchte den Schirm zum Heimweg. Im übrigen war sie jetzt zu größeren

Opfern bereit. Sie zog ihre bloße Hand möglichst weit zurück, so daß es

aussah, als ob sie keine hätte, trat an den nächsten Schalter hin und

erkundigte sich, ob die Dampfer, die von Southampton nach Amerika fuhren,

unterwegs in einem französischen Hafen anhielten.

»Das kommt ganz auf den Dampfer an.«

»Ich meine die >Adriatic<.«

»Bitte sich auf Schalter 10 zu informieren.«

»Ich möchte gerne morgen mit der >Adriatic< nach Frankreich fahren,« sagte

sie dort, »falls sie in einem französischen Hafen hält.«

Der Hüter von Schalter Nr. 10 war ein Allesbesserwisser.

»Das wäre höchst unpraktisch,« erklärte er.

»Ach, das macht nichts!« sagte Mariclée.

»Da wählen Sie die Route Dover-Calais . . .«

»Aber nein!« unterbrach sie ihn. »Ich will nach Southampton, kann ich von

dort aus nach Frankreich?«

»Es ist nicht üblich,« sagte er mißbilligend, »und außerdem natürlich auch

teurer.«

»Um wieviel ist es teurer.«

»Um, das Doppelte.«

»Nur!« rief sie strahlend.

Der Kommis glotzte sie verständnislos an.

Wir sagten schon, daß Mariclées Äußeres ein sehr unterschiedliches und

trügerisches war. Hin und wieder realisierte sie den Typ einer dem Luxuszug

soeben entstiegenen Straniera di distinzione und dies, wo immer sie sich

auch befand, denn ganz heimisch war sie ja in keinem Lande. Aber heute, mit

ihrem triefenden Sonnenschirm, ihrem alten, zu kurzen Handschuh und dem

ungefähren und eilig aufgesetzten Hut, ließ ihre Erscheinung jenes sehr

bestimmte Etwas, das die retuschierende letzte Hand einer Jungfer verleiht,

entschieden vermissen.

»Kann ich mit der >Adriatic< nach Frankreich fahren?« fragte sie jetzt mit

schlecht verhehlter Ungeduld.

»Ich weiß es nicht,« erwiderte der Kommis, »bitte sich an Schalter 16 zu

wenden.«

»Hält die >Adriatic< in einem französischen Hafen?« fing Mariclée auf

Schalter 16 wieder an. Würde sie es denn nie erfahren?

»Jawohl; in Cherbourg,« drang es wie aus einer Engelsposaune zu ihr. Ah!

sie wußte es ja!

»Kann ich bis Cherbourg mit diesem Schiffe fahren?«

»Bedaure: unsere Liste ist seit einer halben Stunde geschlossen. Wenn Sie

aber in Dover . . .«

»Ach nein! ich will nicht nach Dover, er ist doch in Southampton,« rief sie

mit flackernder Stimme. »Ich möchte Freunden, die mit der >Adriatic<

fahren, das Geleite bis Cherbourg geben,« verbesserte sie und sank in einen

Stuhl. Was tat sie? wie benahm sie sich denn? Auf Schalter 16 hatte sie es

aber mit einem ebenso gefälligen wie taktvollen Menschen zu tun, der, ohne

eine Miene zu verziehen, auf einen Ausweg sann. »Ein Billett für die

>Adriatic< kann ich Ihnen leider nicht geben, wenn Sie aber auf gut Glück

morgen früh mit dem Extrazug der Passagiere nach Southampton fahren, so

könnte es immerhin sein, daß Sie für die kurze Strecke an Ort und Stelle

noch zugelassen werden. Aber Sie müßten es eben riskieren. Und ich mache

Sie darauf aufmerksam, daß Sie keinerlei Gepäck mitnehmen dürfen.«

Er reichte ihr einen Zettel -- für sie ein kostbares Blatt -- auf dem in

rotem und schwarzem Druck alle Verhaltungsmaßregeln für die Passagiere der

»Adriatic« verzeichnet standen.

»Würden Sie meine Koffer nach Paris befördern?«

»Gewiß, sehr gern.« Und er verwies sie nochmal an einen anderen Schalter,

wo ihr ein Graubart mit einer Hornbrille alle nötigen Aufschlüsse erteilte.

Und dann verließ sie das schalterreiche Lokal. »Was für ein prachtvolles

Institut!« dachte sie.

Aber die alte Klara, die auf ihr stürmisches Läuten herbeieilte, war

wirklich entsetzt über den Schirm. Zum Glück hatte sie auch etwas zu

vermelden. Die Tochter ihrer Freundin war hier gewesen, um Mariclée zu

besuchen. Sie wohnte gleich um die Ecke und ließ sie bitten, noch vor sechs

Uhr zu ihr zu kommen, da sie später schon wieder fortführe. »Ich will

sogleich hin,« rief Mariclée, »und ich fahre erst morgen früh, Klara, und

meine Koffer werden morgen früh von Cook geholt. Wir brauchen uns um gar

nichts zu kümmern.«

Sie lief hinauf sich umzuziehen, aber auf ihrer Uhr war es schon nahezu

sechs. Da rückte sie nur ihren Hut zurecht, nahm andere Handschuhe und

eilte wieder fort. Sie war mit dieser Tochter ihrer Freundin während ihres

vorletzten Aufenthaltes in Glenford nur flüchtig zusammengetroffen, liebte

sie aber sehr. Denn sie tanzte so hübsch, war fabelhaft elegant, witzig und

graziös, eigentlich immer bereit, die Dinge nicht eben ins Lächerliche,

wohl aber ins Muntere zu ziehen, und es hatte Mariclée frappiert, daß sie

bei starker Äußerlichkeit einen Grad von fine-feeling und innerem Ernst

besaß, von dem sie selber noch nichts wußte. Indes war sie über ihren

Besuch ziemlich erstaunt. Denn sie standen ganz außer Kontakt, Mariclée

wußte von ihr nur, daß sie kürzlich geheiratet und außer ihrem Londoner

Hause auch ein wundervolles Besitztum geerbt hatte. Kurz, sie hatte sie

zwar sehr reizend gefunden, aber vergessen und sich besonders von ihr

vergessen geglaubt. Sie hieß Dorothy. Nur gut, dachte sie, daß ich den

Namen noch weiß.

»Endlich!« rief Dorothy, als Mariclée bei ihr eintrat. »Ich gab dich schon

auf,« und schloß sie in ihre Arme.

Dorothy hatte, um sie zu empfangen, einen Hut aufbehalten (oder

aufgesetzt?), dessen kühne Schweifung ihr wirklich sehr beglückend stand.

Es gibt schöne Brünetten, die aussehen, als ob ein Mondenstrahl sie

beschiene, Blonde, die etwas Sonnenlichtes an sich haben, Dorothy aber

schien von der wechselvollen Helle einer Kaminflamme beleuchtet, so tief

war das Leben, das ihr Gesicht und die Linien ihrer Gestalt umstrahlte.

»Laß mich dich anschauen, und schau mich nicht an, ich komme so verhetzt zu

dir!« sagte Mariclée. Es war ihr sehr arg, daß sie in der Eile schon wieder

zu kurze Handschuhe angezogen hatte -- und daß schon wieder ein Stückchen

Arm aus dem Mantel hervorsah -- und Dorothy hatte sich so schön gemacht!

Sie war so stilvoll in ihrem engen Rock, der ihre, wie aus Elfenbein

gemeißelten, so geistvoll schmalen Hüften (es gibt so stupide

Schlankheiten) so edel zur Geltung brachte. »Woher wußtest du denn, daß ich

hier bin?« fragte Mariclée. »Ich wußte nichts. Ich sah dich heute mittag im

Berkeley. Als ich auf dich zugehen wollte, warst du weg. Ich _mußte_ dich

aber sehen.« »Mochtest du mich denn?« fragte Mariclée verwundert.

»Aber ich liebte dich doch innig,« rief Dorothy, »und nun fährst du morgen

auf eine Woche mit mir!«

»O nein!« sagte sie fröstelnd. »Ich muß morgen nach Cherbourg.«

Sie dachte des morgigen Tages. O was dächten ihre Freunde, die sich ihr so

treu und so vertrauensvoll erzeigten, wenn sie von ihrem Plane Kenntnis

hätten und wenn sie wüßten, welch unmögliche Situation sie herbeizuführen

sich bereitete.

»Was hast du?« fragte Dorothy.

Von den Aufregungen des Tages saßen ihr die Augen tellergroß in den tief

umschatteten Höhlen und sie war so plötzlich erbleicht. »Ich ärgere mich

über meine kurzen Handschuhe,« sagte sie lachend. Aber mit einem Male

vertiefte sich ihr Gespräch. Und wieder staunte Mariclée über den Gehalt,

den seelenvollen Ernst dieses Dämchens, das aussah, als lebte es nur für

seine untadeligen Kleider. Als sie von ihr schied, folgte sie ihr noch bis

unter das Tor ihres Hauses. »Gott schütze dich!« rief sie ihr plötzlich mit

so spontanem Nachdruck zu, daß Mariclée stutzte. »Wie sie das sagte!«

dachte sie betroffen, aber es widerfuhr ihr ja nicht selten, daß Freunde,

die Abschied von ihr nahmen, sich wie von einer Sorge um sie überkommen

fühlten.

* * * * *

Eine Stunde später saß sie ratlos inmitten ihrer ausgestreuten Sachen »Es

hilft uns nichts, Klara,« sagte sie, »wir müssen das grüne Leinenkleid

heraußen lassen.« Das bleuardoise war ja hin, das, welches sie trug, nicht

hübsch genug; außerdem aber hatte sie nur Sommerfähnchen mit. Selbst wenn

sich morgen, wider Erwarten, ein strahlend schönes Wetter einstellen

sollte, war das grüne Leinenkleid für den 30. September nicht mehr am

Platz; goß es aber und war es kalt und stürmisch wie heute, so konnte sie

ja als verirrter Sommertag auf dem windumbrausten Schiffe ihres Effektes

sicher sein. Nun, dachte sie grimmig, dann paßt es ja vortrefflich zu der

Situation, die ist ja auch unmöglich.

Sie dachte ja keinen Augenblick daran, von ihrem Vorhaben abzustehen, aber

einesteils war ihr die ganze Sache dennoch gräßlich. Sie kam sich vor wie

am Vorabend einer Schlacht. Es war der Kampf mit dem Goliath der

Konvention, mit dem sie es morgen aufzunehmen hatte. Gnad Gott mir armen

David! dachte sie. Was hatte ihr doch die scherzhafte Dorothy so inbrünstig

nachgerufen? »Gott schütze dich.«

Der alten Klara war sie indessen beim Packen nur im Wege; spät wurde es

auch, am besten sie ging essen. Bevor sie aber das Haus verließ, trat sie

ans Telephon, die Frau ihres Freundes anzurufen. Denn dies gehörte mit zu

ihrem Plan. Es ging nicht an, daß sie meuchlings auf dem Schiffe vor ihr

erschiene. Sie mußte vorher Kenntnis davon haben. Diesmal antwortete eine

Jungfer. Ihre Herrin war beim Ankleiden. Da atmete Mariclée auf und hing,

ohne ihren Namen zu nennen, das Rohr wieder ein.

Und dann verbrachte sie ihren letzten Abend wie üblich vor einem

rotumschirmten Tischchen ihres unterirdischen Restaurants und aß, was ihr

der Kellner vorschlug, und wenn die Kapelle ihre Weisen spielte, dann

dachte sie an ihr morgiges Glück und ihre überstandene Not und wie alles

sich zuletzt so wundersam gefügt hatte. Aber während der Pausen überfiel

sie Bangigkeit und Furcht, und sie war ihrer Sache, ja ihrer selbst nicht

mehr sicher.

Setzte dann die Musik wieder ein, so schöpfte sie wieder Mut.

Das Exemplar · 第 29 / 34 题