Bald darauf läutete sie vor ihrem schönen Hause. Die Halle, die steinerne
Treppe mit der Rampe aus getriebenem Eisen erstrahlten in dem weißlichen
Licht der verschleierten Lüster. Klara öffnete ihr, blickte sie fürsorglich
an und verschwand hinter einem Pfeiler im Labyrinth der unteren Gänge.
Schweigsam hatte sie einen nichtigen Brief vom Tische genommen und stieg
ihre einsame Stiege hinauf, auf der ihr nie ein anderes Wesen entgegentrat
als in dem hohen Spiegel ihr eigenes Bild. In ihrem schönen Zimmer brannte
die Lampe im silbern umfransten Schirm und warf seelenvolle Scheine auf die
blauen Vorhänge mit der breiten Borte daran, die Mariclée so liebte. Sie
waren jetzt zugezogen; im Kamin loderten Flammen, und das heiße Bad war
schon bereitet. Sie las den Brief -- eine Einladung nach Brighton für
nächsten Sonntag -- und warf ihn dann ins Feuer. Nächsten Sonntag -- -- da
war sie nicht mehr hier. Aber etwas anderes, wichtigeres als ihre eigenen
Kümmernisse und Sorgen, auch eine andere Trauer als die eigene, lag ihr für
den Augenblick im Sinn. Wir deuteten schon darauf hin, daß sie eigentlich
nur ein bedingtes Leben hatte und es immer irgendwie entlehnen mußte wie
der Schatten sein Dasein dem Lichte. Sie glich einer Orgel, die stumm und
tot an ihrem Platze steht, bis sie einer in Betrieb setzt, dann aber die
weite Luft durchbraust. Und jetzt waren bei ihr mit solcher Allmacht
sämtliche Register gezogen, daß sie den leitenden Sopran, die Stimme ihres
Ichs, verschlangen. Sie selbst hörte sie nicht mehr heraus! Im Dunkeln
liegend und wie zerschlagen, hoffte sie in dieser Nacht vergebens auf den
Schlaf, um die Spannung ihres Hirns zu lösen. Mit aufgestütztem Arm und
glühenden Augen starrte sie ins Leere. Sie wurde den furchtbaren Eindruck
jenes Weibes nicht los, sie erlebte den Schrecken immer aufs neu, den sie
erfahren hatte, als sie den scheußlichen Kopf erblickte, der so zufrieden
aus dem Bündel hervorsah. Was war ihr jenes Weib, dessen Dasein sie als
eine solche Erniedrigung empfand? Es bestand kein Kontakt; Welten trennten
es von ihr, und sie begriff die Hartnäckigkeit nicht, mit der ihr Geist
daran haften blieb. Aber Mariclée war eine sehr zentrische Natur. Die paar
Ideen, die ihr im Kopfe saßen, hatten den Zug nach allem, was sich auf sie
zurückführen ließ, und hoben es auf ihre Geleise; es lief nichts nebenher.
Daher ihre Talentlosigkeit, ihr absoluter Stumpfsinn für so viele Dinge.
Jene paar Ideen waren zu sehr ihre Leidenschaften. Sie stand und fiel mit
ihnen, sie gehörten ihr so ganz! Wir sahen sie bei aller Unerfahrenheit in
Dingen der Politik so unbeeinflußbar wie in Dingen der Religion. So hatte
sie sich in den Kopf gesetzt, daß es für unsere Nationen an der Zeit sei,
nunmehr statt der Territorien die Qualitäten ihrer Nachbarn zu erobern, da
wir alle anfangen, uns selber langweilig zu werden und uns zu wiederholen.
Und sicher war es ein im Grunde sehr einwandfreies Gefühl, das sie antrieb,
die Religion ins Profane zu setzen, und sie wußte genau, warum sie
Rokokokirchen mit theatralischen Draperien und die weltlichen Mozartmessen
so liebte. Was sie aber jetzt nicht wußte, während sie im Dunkel liegend
und mit aufgestütztem Arm ins Leere starrte, das war der Grund, warum jenes
Weib mit dem schauderhaften Bündel im Arm ihr Gehirn so aufwühlte und ihr
jedes andere Bild verstellte. Was war hier? -- welcher Konnex? und sie
mühte sich vergebens, den Faden zu erhaschen. -- Da mit einem Male
leuchtete ihr von einem ganz anderen als dem dogmatischen, ja dem
dogmatischen sogar tief entfremdeten Standpunkt die Jungfräulichkeit der
Mutter des göttlichsten Menschen ein; -- keineswegs als Wunder, sondern als
mystische Notwendigkeit. Dies Mysterium -- so absurd, sobald man es in
Worte kleidete, so widerwärtig, sobald man es als Dogma ausschrie und dem
rohen Glauben des ungebildeten Volkes überantwortete -- weitete sich ihr da
zum glitzernden Strome und erfüllte sie mit unaussprechlicher Genugtuung.
So hatte sie ihn endlich, den Kontrast, nach dem sie dürstete.
Sie war nicht länger böse auf die Dollarprinzessinnen und auf den
Modemaler, die sie auf ihrer Jagd nach Sensationen einer falschen Fährte
zugetrieben hatten. Denn auch der Modemaler, auch die Dollarprinzessinnen
waren gemein.
Aber war jenes Weib, dem es verlangte, an Mariclées Seite Londons schöne
Stadtteile zu befahren, nicht auch symbolisch für die Gärung, die sich in
diesem Lande bereitete? Wer die »Liaisons Dangereuses« liest, dem wird vor
allem eines klar: der Zusammenbruch einer Gesellschaft und eines Regimes,
das unmöglich noch weiter auf die Spitze getrieben werden konnte. So liegen
zwischen dem Frankreich der Valois und dem der Revolution noch wahre
Kontraste, zwischen der Revolution und Trianon aber nur mehr wahre Extreme.
Wer aber im letzten Dezennium Englands Werdegang verfolgte, fühlt auch hier
die Unausbleiblichkeit eines Umschwungs. Um in London rohen Kontakten zu
begegnen, muß man sie aufsuchen, wo sie noch relegiert sind: in den Slums;
und diese Slums schreien zum Himmel, es ist wahr. Viele glauben, daß sie
durch die jetzt herrschende Partei vielleicht etwas gemildert, daß es aber
dann gewiß mit dem Aufwand und der Pracht Londons vorbei sein wird. Schon
jetzt sähen sich viele Reiche so schwer betroffen, daß sie gezwungen seien,
ihre Häuser in der Stadt zu schließen. Aber wenn die Dämme, welche das
sordide London von dem prunkenden scheiden, durch die neue Strömung
niedergerissen und verwischt würden, wäre es in seiner Schönheit, seinem
eigensten Reize gemordet. Denn das Gewaltige, das Drückende, das Süperbe an
London ist die interessante Blässe seines Angesichtes, es sind die tiefen
Schatten, aber dann wieder die edle, köstliche Glätte der Stirn, die
göttliche Sicherheit des Blicks. Verödeten hier die Straßen und Paläste der
Reichen, so stünden die Londoner Armen ihrer blauen Blume, ihrer einzigen
Romantik beraubt. Schon war es auszudenken. An Dublin konnte man ja sehen,
welche Physiognomie Paläste annehmen, deren Räume Schustern und
Flickschneidern zu Parteiwohnungen zufielen. Es waren rein ästhetische
Gründe, die eine sozialistische Strömung in diesem Lande befürchten ließen.
Wieviel einzigartige, altvererbte, herrische Pracht stand hier gefährdet?
aber Mariclée fühlte wohl, daß Londons drückende Aura von nichts anderem
herrührte als von jenen Slums, die wie eine Schuld darauf lasten und sich
wohl einmal als das Verhängnis dieser Stadt erweisen würden. Denn in keiner
anderen eröffneten sich der Ungleichheit menschlicher Daseinsbedingungen
untröstlichere Perspektiven.
In Griechenland sollen durch die vielen Abholzungen und durch den
Suez-Kanal die klimatischen Verhältnisse eine gänzliche Änderung erfahren
haben. Wälder waren schön und nützlich, Brennholz war notwendig. In der
Tat; es war für das Klima von ganz Europa von größter Wichtigkeit, was sich
da in diesem Wetterwinkel der Kultur vollziehen würde.
* * * * *
»Ich werde Samstag abreisen,« teilte sie am nächsten Morgen der alten Klara
mit und sagte hiermit, was sie wohl jetzt zwanzigmal des Tages dachte: am
Samstag würde sie der Tortur ein Ende machen. Es war wieder kein Brief vom
Exemplar gekommen. Dafür erkundigte sich ein belgischer Arzt, den sie
kürzlich kennen gelernt hatte, ob er ihr seinen heutigen Vormittag zur
Verfügung stellen dürfe. Erhielt er bis zehn Uhr keine Absage, so würde er
sie abholen. Sie schickte Klara an das Telephon, um sich entschuldigen zu
lassen, aber er war nicht mehr zu Hause. Mochte er immerhin kommen. Es war
ja so gleichgültig. Auch aus Weimar hatte sie einen Brief: Was denn mit ihr
sei? Von ihren Freunden wisse keiner etwas von ihr. War sie denn
verschollen?
Ja verschollen fühlte sie sich allerdings, in ihrer Unfähigkeit, auf solche
Zurufe zu erwidern. Ganz verschollen einem Lande, das sie in ein paar Tagen
wiedersehen würde. Und ein Schauer lief ihr durch alle Glieder.
Es war wie in einem Märchen. Einerseits: die Wirklichkeit, die
Wahrscheinlichkeit, die Tatsache der schlechten Zeitungsnachricht und ihres
unbeantworteten Briefes und andererseits? -- -- ja andererseits ein im
Karren gezogener Schimmel, ein von links erblickter Neumond und der
gläserne Berg ihrer drei Träume. Es war schon sehr komisch. Da fehlte nur
noch die Windmühle des Don Quichote. Mariclée fuhr erschrocken auf. »I
leave on saturday«, wiederholte sie der alten Klara, die eben eingetreten
war. »Yes, Madam, I am sorry, Madam«, erwiderte diese und meldete den Arzt.
Ihre Züge belebten sich nicht, als sie ihm entgegenkam. Aber er kannte sie
zu wenig, um die Abneigung zu lesen, die so deutlich darin lag; denn sie
war ungehalten, daß er so ohne weiteres bei ihr erschien. Sie hatte diesen
beweglichen Herrn mit seinem regelmäßigen Gesicht und seinem langweiligen
Bart bei sehr guten Freunden angetroffen, ihn aber ihres Wissens nicht
aufgefordert, sie zu besuchen. Sie war in solchen Dingen sehr
zurückhaltend, vollends in einem fremden Hause.
Welche Galerie wünschte sie zu besichtigen. »Gar keine,« erwiderte sie. In
ihr war jetzt nicht mehr die Stille, eine Statue, ein Bild, auch nur eine
getriebene Phiole würdig aufzunehmen. Auch war ihr dieser da nicht der
richtige Gefährte. Ach nein! Dann schon lieber unter die brüllenden Löwen,
die kreischenden Kolibris, die Wildkatzen und die Flamingos. Und sie schlug
ihm den zoologischen Garten vor, den sie noch nicht besichtigt hatte.
So verließen sie denn zusammen das Haus. Das Wetter änderte sich jetzt mit
jedem Tage und die Luft war heute nebelig und feucht. Im Richmond Park
fröstelten die Bäume und wußten nichts mehr von Sommer. Fast niemand in dem
großen London war bei dieser Witterung auf den Gedanken verfallen, den
traurigen Garten aufzusuchen, welcher die Tiere aller Zonen versammelte.
Ein schlechter Scherz für ihren Gefährten, der sich jetzt der Patienten
erinnerte, die er hätte besuchen sollen. Aber er erwies sich als ein sehr
kundiger Führer und Mariclée überschüttete ihn mit Fragen. Die Eisbären
waren heute munterer als die Antilopen, und die Giraffen hingen die Hälse.
»Eigentlich ist es doch ein furchtbar grausames Potpourri,« sagte Mariclée,
als sie von den Schlangen hinüber zu den Papageien wandelten, die ärgerlich
auf ihren Stangen saßen und mit wegwerfendem Schnabel über das schlechte
Wetter schimpften. Und sie wanderten hin und her, denn Mariclée war
unermüdlich. Vor dem schwarzen, desolaten Käfig eines Steinadlers aber
blieb sie wie gebannt, vertiefte sich in die Wesenheit des gefangenen
Tieres und in sein herrisches, glanzloses Auge. Man wußte ja nie im voraus,
was sie gleichgültig lassen, was sie ergreifen würde. Und nun war sie ins
Herz getroffen vom Blick dieses Vogels, der so beharrlich wegsah von den
Menschen, wie ein gefangener König, der es verschmäht, seine Henker
anzusehen. So starrte der Adler trüben, abgewandten Auges geradeaus; der
kleine Kopf stak zwischen dem göttlich kühnen Flügelpaar und regte sich
nicht. Und vor diesen grandios gezeichneten Flügeln, vor diesem trüben Auge
zog sein entschwundenes Reich an ihr vorbei. Ein unendlicher Himmel, die
fernen zackigen Alpen taten sich ihr auf. Bergseen, die in der Tiefe
blitzten, Klüfte, Täler und Auen und darüber selig kreisend, mit der Sonne,
den Wolken verwandt, diese weltbeherrschenden Schwingen, die sich nur mehr
ausbreiteten, um eine schmachvolle Enge zu messen. »Es ist zu entsetzlich,«
schrie sie auf und umklammerte mit kalten Fingern die Eisenstäbe des
Käfigs. Der Adler sah beharrlich nach einer anderen Seite hin und weg von
den Leuten, die da zu ihm hineinsahen, der Arzt aber zog seine Uhr. Er
hatte genug. Was für ein sentimentaler Tor war er gewesen, daß er sich von
einem sinnlosen Interesse, einer ganz ungerechtfertigten Sympathie
hinreißen ließ und seinen Vormittag opferte, seine Kranken im Stich ließ,
um diesen lächerlichen Spaziergang zu unternehmen? So viel alberne Fragen
hatte ihm ja sein Lebtag noch kein Frauenzimmer gestellt. Und ihr Äußeres
hatte er so bestechend gefunden und sie für begabt und geistreich gehalten;
sie war ja kein bißchen hübsch und zum Weinen dumm. Von nichts hatte sie
einen Begriff und alles wollte sie wissen. Wie denn das sei mit den
Pestbazillen und wie sie aussähen und ob man sie dann in Flaschen aufhebe
und was der Unterschied sei zwischen Bazillen und Mikroben und was
ansteckender sei? Und ob ein Allopath nie einen Homöopathen zu einer
Konsultation hinzuzöge und warum nicht? und »nein, wirklich?« und so in
einem fort. »Ich fürchte sehr,« sagte er, »daß meine Zeit jetzt um ist, da
ich meine Sprechstunde nicht versäumen darf.«
»Aber natürlich nicht!« rief Mariclée. »Ich habe Sie schon viel zu lange in
Anspruch genommen. Es tut mir so leid.« Und sie steuerten wieder dem
Ausgang zu. Es war aber ein anderes Tor als das, durch welches sie gekommen
waren. London (was man in London nicht für möglich halten möchte), London
war hier wirklich zu Ende. Man sah keine Häuser mehr, nur eine Straße und
von weitem im nebeligen Tag eine seltsame Kutsche, die nur sehr langsam
sich näherte.
»Wir müssen links gehen,« sagte der Arzt. »Ich bin ein schlechter Führer
gewesen; hier sind wir ganz aus der Welt.«
»Was kommt denn da drüben für ein Wagen auf uns zu?« fragte sie und
strengte ihre Augen an.
»Mit dem können wir nicht fahren, das ist ein Wagen, der die Toten über
Land fährt.«
»O!« sagte Mariclée erschrocken (Aber Gott sei Dank! er fuhr ihnen ja
entgegen).
Der Arzt schaute sich um.
»So, jetzt bin ich wieder im Bilde,« meinte er. »Wir gehen nach jener Seite
hin, der Mauer entlang, und kommen so bald auf den Platz.«
Aber wenn sie das taten, so hatten sie ja den Wagen im Rücken; er fuhr
ihnen dann nach. Nimmermehr!
»Wir müssen uns hier leider trennen,« sagte sie. »Ich gehe nach rechts.«
»Nein, nein! durchaus nicht,« entgegnete er lebhaft. »Das wäre ein großer
Umweg. Sie dürfen sich mir anvertrauen. Ich bin schon öfter hier gewesen
und kenne die Gegend.« Und er wollte voraus gehen. Aber nicht einen Schritt
tat Mariclée nach dieser Richtung hin. Sie fühlte sich in ziemlicher
Bedrängnis aber keinen Augenblick unschlüssig.
»Herr Doktor,« sagte sie sehr förmlich, »ich danke Ihnen für Ihre
Führerschaft, es war sehr gütig, mir Ihren Vormittag zu widmen, ich
fürchte, daß ich Sie nur allzu lange aufhielt. Und nun adieu, auf
Wiedersehen. Hier müssen sich leider unsere Wege trennen. Ich gehe nach
rechts.«
»Wie meinen?« sagte er. Seine Augen waren ganz klein geworden, und seine
Nase trat jetzt mächtig hervor.
Mariclée sah ein, daß sie ihm eine Erklärung geben mußte. »Nun ja,« gestand
sie, »ich bin abergläubisch. Wenn wir nach links gehen, fährt jener Wagen,
der uns entgegenfährt, hinter uns her, und das möchte ich vermeiden.«
»Ich muß meine Sprechstunde einhalten und habe mich schon verspätet,«
erwiderte er eisig.
»Aber gewiß, natürlich!« rief sie, »Sie dürfen keinerlei Rücksichten auf
mich nehmen. Ich finde mich schon zurecht. Bitte, lassen Sie sich nicht
aufhalten,« sagte sie fast flehentlich.
»Dies kann nicht Ihr Ernst sein,« versetzte er.
»Doch, doch! ich bin einmal so!« versicherte sie.
»Aber Sie müssen nicht so sein!« gab er ihr zurück, unfähig, seine
Gereiztheit länger zu bemeistern. »Es gibt Dinge, die man einfach nicht
tut. Sie können nicht allein die Landstraße umherirren; ich habe aber keine
Zeit mehr. Dies ist zu unvernünftig. Bitte, kommen Sie jetzt!«
Aber da kam er ganz an die Unrechte. Es war jetzt an ihr, sich über einen
so unritterlichen Ton zu ärgern. Sie fand eine Dame, als die Schwächere,
stets so wohl ermächtigt einem Herrn gegenüber, dem sie in keiner Weise
verpflichtet war, zu tun, was ihr beliebte, daß er alsbald im Unrecht war,
wenn er dies Recht in Frage stellte. Und was hatte ihr denn dieser zu
befehlen? Sie hatte ihn doch nicht gerufen après tout. Was maßte er sich
an?
»Adieu, Herr Doktor,« entließ sie ihn. »Ich bedaure unendlich, aber hier
kreuzen sich unsere Wege.«
Und sie machte es jetzt wie der Steinadler und sah von ihm weg. »Wie Sie
wünschen,« erwiderte er, zog den Hut und entfernte sich, gefolgt von dem
Wagen, dem sie jetzt entgegen ging. Sie erreichte auch ihrerseits bald
einen Platz, von dem aus ein Omnibus in die Stadt zurückfuhr. Der Umweg war
nicht so schrecklich. Sie stieg auf das Dach und genoß ihr Alleinsein.
London schien im Nebel ein wenig zusammenzurücken und schaute heimlicher
drein. An den Straßenenden, die man sonst nicht übersah, lagerte er wie ein
Ballen zusammengerollt. Und siehe da, während Mariclée auf ihrem Dach so
dahin fuhr, tauchten aus dem Nebel, wie aus einer weißen Decke, wiederum
zwei schwarze, reich behangene und betrottelte Pferde empor, die ihr einen
gläsernen Wagen, darin ein brauner Sarg mit silbernen Beschlägen lag,
entgegenzogen. Und als sie die letzte Strecke zu Fuße ging und von
Oxfordstreet in Daviesstreet einbog, da, o mein Gott, noch einmal kam ein
solch düsterer Wagen auf sie zu und versperrte ihr den Weg. Ein Strahl der
Hoffnung, ja des Jubels durchzuckte sie. Sie eilte nach Hause, riß atemlos
an der Klinge. Die alte Klara sah in ihr müdes Gesicht und fing den
gespannten Blick ihrer Augen. »No letter, Madam«, berichtete sie.