Auf dem Marmortisch in Grosvenorstreet lagen am Montag morgen eine Anzahl
Briefe und Zeitungen. Aber die alte Klara hätte ebensogut sagen können: »No
letters, Madam«, denn das Exemplar hatte kein Zeichen gegeben.
Mariclée suchte sich weiszumachen, daß ihr Mut deshalb nicht gesunken sei.
Und nur noch wenige Tage, dann würde es sich ja zeigen; -- dann war der
Dreißigste. -- So lange und keine Stunde länger würde sie sich gedulden.
Zum luncheon hatten sie zwei Dollarprinzessinnen eingeladen. -- Ach nein.
Dafür dankte sie. Sie wollte ein paar Zeilen schreiben und sie dann
hinüberschicken. Das war zunächst ihre Beschäftigung. Und dann? Ja, was
wollte sie dann tun? Daran hatte sie nicht gedacht. Sie hatte nicht weiter
als an den Marmortisch gedacht und an den Brief, den sie darauf zu finden
hoffte und der nicht gekommen war. Ja, wohin sollte sie nun fliehen vor der
Ungewißheit, die sie verfolgte? Wie weit würden sie ihre Füße tragen in den
Wüstensand der Verlassenheit, dem sie sich anheimstellte?
War es nicht wieder ein Palliativ, sich den kreischenden Stimmen der
Multi-Millionärinnen auszusetzen, statt dem höhnisch grellen Widerhall der
Wirklichkeit, der anfing, gegen ihre drei Träume so mächtig zu detonieren?
Darauf durfte sie jetzt nicht hören. Nein! Sparsam mußte sie jetzt mit
ihren Kräften umgehen. Schon schmerzte sie das Tageslicht, schon wandelte
sich ihr Herz wie zu einem heißen Stein; das alte Fieber brach von neuem
aus; und Asche, Asche mußte sie nun unermüdlich auf ihre Sorge, ihre
Zweifel, ihre brennenden Gedanken schütten.
Sie zog sich um und eilte etwas verspätet ins Ritzhotel, in dem die zwei
Dollarprinzessinnen wohnten. Die eine war die Tochter eines immens reichen
amerikanischen Schlächters, und um ihre soziale Stellung hätte sie manche
bayrische Standesherrin beneiden können. Die zwei Damen warteten schon in
der Halle, in Gesellschaft eines englischen Offiziers und eines Herrn aus
dem Gefolge des Königs, beide sympathisch, unwissend und schön. Indes, --
ob geistvoll, ob borniert, im Ritz spielte das keine Rolle, alles war fürs
Auge. Die Sinne waren eingelullt wie von Musik angesichts der Leute, die
wie heimlich beleuchtete Schatten hier vorüberzogen. Diese
Frauensilhouetten so stilisiert, so künstlich, daß tief hineingesetzte,
gewagte, ja selbst häßliche Hüte auf diesen einzig auf den Effekt
hergerichteten Köpfen einen erhöhten, fast ein wenig perversen Charme
gewannen, und das Hohe, das Erhabene, das in seiner edlen Glätte Erhebende
war hier der _Boden_ des Lebens; vom deutschen Gedankenhimmel war man hier
fern genug, und auf ihn verzichtete man. Auch Mariclée war es da auf ein
Weilchen immer, als ob sie ihn nicht vermißte.
So verlief denn ihr Essen recht beschaulich, und sie zog dann noch mit in
das Atelier eines jener Modemaler, schlecht und recht, wie es deren zu
allen Zeiten und in allen Ländern gibt, um ein Kinderporträt, das eben
Furore machte, anzusehen. Es stellte ein kleines Mädchen dar und war ein
richtiges Salonstück, hübsch, gefällig und wertlos.
»Ist sie reich?« flüsterte einer der Herren.
»Aber sehen Sie doch ihre Haarschleife an!« erwiderte Mariclée, »nur die
Bandenden einer Millionärin halten sich so steil aufrecht.« --
»Dann will ich auf sie warten,« erklärte er.
Die Dollarprinzessinnen hatten sich indes in ein Gespräch vertieft, über
das alles andere vergessen war. Die eine hatte nämlich in Bondstreet einen
wundervollen Schlafrock entdeckt; und die andere wollte ihn auch. Der Preis
war für die eine der Prinzessinnen (deren Vater _kein_ Schlächter war) denn
doch zu hoch, und so einigten sie sich als gute Freundinnen, daß die eine
ihn kaufen wollte, die andere ihn kopieren dürfte. Um wie viel billiger als
das Original die Kopie sich belaufen würde, rechneten sie nun auf Schilling
und Pence mit einer Präzision und einem Eifer aus, der Mariclée überraschte
und verdroß. Sie war noch immer so naiv, bei reichen Leuten eine ihrem
Vermögen entsprechende Distanz ihres Zahlensinnes vorauszusetzen, ja diese
Distanz recht eigentlich als ihr vornehmstes und beneidenswertes
Privilegium anzuerkennen. Sie war deshalb starr über eine so
kleinkrämerhafte Genauigkeit und plötzlich von einem solchen Überdruß und
Ekel vor diesen gesättigten und tellerflachen Existenzen überkommen, einer
Scham, in dieser profanen Bilderwerkstatt mit diesen Müßiggängern
herumzustehen, daß sie das Zusammensein mit ihnen nicht mehr ertrug und
ihnen ganz abrupt unter irgendeinem Vorwand ausriß.
Es war noch früh am Nachmittag. Wohin wollte sie nun? und was war stark
genug, ihr eine Ablenkung zu schaffen? Zu Hause konnte sie nicht bleiben,
sie mußte ihren Gedanken aus dem Weg. Wie sie da ihre Treppe emporstieg und
ihr Spiegelbild ihr entgegentrat, wußte sie's; heute oder nie würde sie die
Fahrt nach Whitechapel unternehmen. Oft schon hatte sie sich ein Herz zu
diesem Gange fassen wollen und es immer wieder aufgeschoben. Sie lief auf
ihr Zimmer, warf sich rasch in einen dunklen, kurzen Rock und einen Mantel,
nahm einen Stock und stürmte wieder davon. Mariclées sich Umziehen war sehr
leicht ein sich Verkleiden; wer sie vorhin im Ritz gesehen, hätte sie kaum
wiedererkannt in dem weltfremden Wesen, das mit großen, entschlossenen
Schritten wie ein Seminarist einherging. Sie bestieg das Dach eines
Omnibusses, fuhr erst Piccadilly und die schönen Stadtteile entlang, dann
in die City und hinein in eine immer gedrängtere, einzig vom Trafik
überfüllte, drückende Welt. Sie wogte, grau in grau, in den sich häufenden
Gassen, wie eine im engen Bett hochtreibende Flut.
Auf einem düsteren Platze machte der Omnibus kehrt, und Mariclée mußte
umsteigen. Während sie auf einen anderen wartete, verfinsterte sich der
Himmel, und es fing an zu regnen. Ein Gefühl unendlicher Verlassenheit
senkte sich wie ein Nebel auf sie herab. Ein Überdruß hatte sie hierher
getrieben. Aber welchen Becher hielt sie sich jetzo hin? Und alle Warnungen
ihrer Freunde, ja nicht allein eine solche Gegend aufzusuchen, fielen ihr
nunmehr aufs Herz. Aber die Dinge waren nun einmal da, damit man seine
Schlüsse daraus zöge, und was für einen Sinn hätte das hier umzukehren?
Suchte sie nicht Kontraste, mußte sie nicht eine Ablenkung haben? -- Als
ein hoher Wagen einherpolterte, stieg sie rasch ein, aber schon dachte sie
an ihr Haus in Grosvenorstreet, wo die alte Klara für sie sorgte und sie
hegte, wie an den Olymp. Es stiegen jetzt seltsame, äußerst schmutzige
Leute ein, polnische Juden, schwatzende Frauen mit großen Ohrringen, ohne
Hut, nicht frisiert und schmierig. Und auch die Bevölkerung schien eine
ganz andere, viel dunklere geworden. Die Straße, auf die sie jetzt
hinaussah, dünkte ihr der richtige Übergang zu dem Orte, zu dem sie fuhr.
Sie war sehr breit, mit niederen trostlosen Häusern. Zwei Hansoms, obwohl
schon alt und abgedankt, nahmen sich wie degradiert hier aus; und überall
mündeten von dieser Straße aus, schwarzen Schlünden gleich, finstere
Gäßchen, eng wie zwischen den Lagunen. Jetzt mußte bald die Brücke kommen,
denn sie hatte sich eingebildet, Whitechapel läge von der übrigen Welt
durch eine Brücke getrennt. Aber da hielt der Wagen, und da stand schon
»Whitechapel«, der berüchtigte Name, in grellen Lettern an allen Ecken zu
lesen. Es hatte nichts Schreckliches, es war nur schrecklich durch seine
Öde; alles Heitere, alles Behagliche verwiesen. Die Häuser zogen sich in
schmählicher Gleichförmigkeit wie Reihen von Sträflingen hin. Warum dieser
unwürdige Stempel einer ganzen Stadt aufgedrückt? wie ehrlos war eine
solche Unfreudigkeit! Welchen Sinn hatte das? Sie blickte umher,
unschlüssig, wohin sie sich wenden sollte, und ging dann eine der finsteren
Gassen hinab. Doch bevor sie noch ein Dutzend Häuser entlang gegangen war,
hielt sie inne; auch ohne die Warnungen ihrer Freunde hätte sie hier
gezögert und wäre umgekehrt. Das Herz schlug ihr im Halse; sie erkannte
ihre Unvorsichtigkeit. Selbst von Schutzmännern schienen diese höllischen
Gassen gemieden. Ein Stoß, und man verschwand auf immer in einem dieser
schwarzen, hohläugigen Eingänge. Ein Weib mit einem großen Bündel im Arm
hatte sie schon erspäht und trat aus einem Winkel hervor. Wie vor einem
Abgrund trat sie jetzt zurück; es saßen ihr mit einem Male tausend Augen im
Kopfe, und sie merkte die Gefahr. Sie lief nicht, ihre Füße waren wie Blei,
sondern mit angestrengten Schritten und nur einen einzigen Gedanken im Kopf
steuerte sie wieder dem Rande der breiten Straße zu, hielt sich an deren
Ecke wie an einem Geländer fest und sah dann, denn hier glaubte sie sich
geborgen, wieder hinab. Zwei Männer schlappten einher, so ganz in ihr
elendiges Gespräch vertieft, daß sie nicht aufblickten und Mariclée sie
ungestört betrachten konnte. Der eine horchte gespannt, der andere
gestikulierte, unsäglich geschäftig, in einem Anzug, der viel zu lang an
den Beinen, viel zu kurz an den Ärmeln war, und die Gliedmaßen der beiden,
ihre Schritte, die Art, wie sie ihre Daumen, ihre Finger, ihre Lippen
bewegten, wie sie lachten, ihre tierisch scharfen und zugleich verblödeten
Augen, alles war infam. Mußte man nicht an einen Riß in der Gattung
glauben, der solche Menschen vom Menschen schied? Indes war das Weib mit
dem großen Bündel im Arm auf Mariclée zugekommen und bettelte sie an. Sie
gab ihm schnell einen Penny und rückte weiter weg; allein es hielt sich an
ihrer Seite. Da warf Mariclée einen Blick auf das Bündel, aus dem ein sechs
bis acht Monate altes Kind zufrieden hervorsah. Dieser Anblick aber war es,
vor dem sie alsbald die Flucht ergriff und wie in sinnloser Angst einem
Omnibus zulief, der gerade einherfuhr. An jenen beiden Männern war etwas
grotesk Harmloses im Vergleich, und lieber hätte sie noch einen ganzen Troß
solch niedriger Subjekte einhergehen, wie dieses Kind einhertragen sehen.
Allein das Weib mit seiner Teufelsbrut folgte ihr schnell auf den Fersen,
löste mit ihrem Penny eine Fahrkarte und setzte sich neben sie, als
gehörten sie zusammen. Voll Ekel zog Mariclée ihren Rock straffer um ihre
Knie, aber dann fielen ihre Blicke wieder auf das entsetzliche Kind, dessen
kaum ans Licht gebrachte Züge auch nicht einen Hauch von Unschuld umwehte,
das sich vielmehr mit jedem Atemzuge an eine Welt der Verruchtheit und der
Verbrechen festzusaugen schien. Diese rüsselhafte Nase, dieses bestialische
Kinn behaupteten sich schon mit einer wüsten Sicherheit, als schmiede es
ein viel festerer Ring als andere kleine Lebewesen an die Kette der
Erscheinungen.
Ein Haß auf dies widerliche Stück Fleisch, ein Verlangen, die Erde davon zu
säubern, edle Mütter zu rächen, sei's nur, um wieder freier atmen zu
können, erfüllte sie ganz. Wie duldeten wir die Schmach, solche Kreaturen
als unseresgleichen ans Licht hervorkriechen, zeugen zu lassen? Und
plötzlich von neuem gebannt, vertiefte sie sich wieder in den Anblick
dieser Fleisch gewordenen Gemeinheit, in der ein ewiger Gedanke mit
verwegener Deutlichkeit nach Äußerung rang; denn ein abertausendjähriger
Funke hatte sich hier zu neuem Leben entzündet. Ja, an solchen Eltern hatte
sein verworfenes Feuer Nahrung, seinen niedrigen Herd erzwingen müssen.
Denn Blut war Alles. -- Die furchtbare Verantwortung für das, was es war,
lastete schwerer auf diesem Kinde als auf dem Weib, das es zur Welt
gebracht, und schaudernd erfaßte da Mariclée allen Makel der Geburt. --
Das Weib indessen, für Gedankenübertragung nicht empfänglich, wollte den
Ausflug an ihrer Seite noch weiter ausdehnen und verlangte wieder einen
Penny. Sie aber, in der Verwirrung, der Empörung, gab dem Kondukteur ein
Zeichen, der es auf der Stelle auswies, und so stieß sie es von sich.