Vierzehntes Kapitel

Ihren letzten Tag in Irland verbrachte sie in einem alten, verwitterten

Schlößchen, hart am Meere. Sie fuhr durch ein welliges Terrain, wie es bei

uns im Gebirge die Almen umgrenzt, ein Hochfeld entlang, das, immer stärker

umweht immer feierlicher anstieg; alle Farben wie verwunschen: ein Grün,

das ins Saphirne, ein Blau, das ins Smaragdne spielte, und eine silberne

Sonne. Sie sah, was ihr noch niemals vorgekommen war, grasende Kühe, die

ihre Weideplätze verließen, langsam die hellen Felsblöcke erklommen, und

unbeweglich niederschauten, als hätten sie Augen für dieses Land; und

plötzlich, in der Ferne, ein heftiges Indigoblau, das wie ein jubelnder

Schrei in diesen Farbenhimmel einriß: ein mächtiges gewölbtes Band: das

steigende Meer.

Wo bin ich? dachte Mariclée.

Unten im Schlosse traf sie unter den Gästen eine schöne und sehr witzige

junge Deutsche an, ihre frühere Institutsgefährtin.

Das Schloß war reizend und altertümlich, hatte eine köstliche Stiege und

war von raffiniertem Komfort. Es stand geschützt und behauptete ganz allein

einen merkwürdigen, winzigen Hafen.

Bis zum Ufer streckte sich ein sorgfältig gepflegter Garten hin, und

leuchtende Blumenbeete so hart am Meer hatten etwas Unwahrscheinliches,

Kostbares und Faszinierendes. Es war ein blauer Schimmer über sie

gebreitet, und auf den breiten Blättern der niederen Palmengewächse lagen

saphirblaue Reflexe. Aber der Tannenwald, der hinter dem Schlosse die

Anhöhe hinaufzog, schlug wieder eine andere, sehr unerwartete Note an, und

stellte einen gemütlichen, anheimelnden und sehr deutschen Hintergrund.

Mariclée wußte garnicht wohin sie schauen sollte.

Als früh am Nachmittage ein Ausflug in der Jacht zum Vorschlag kam,

meldeten sich drei oder vier andere Gäste und die Kinder, es wurde also in

zwei Booten weiter in den Hafen hinausgerudert, wo sie verankert lag. Sie

war sehr klein, man rückte ziemlich enge zusammen, und Mariclée stellte

sich vor eine Luke, teils ihr teils den anderen zugewandt und sich mit

ihnen unterhaltend. Aber bald kehrte sie sich der Luke immer öfter zu und

fand es immer mühsamer sich an den Gesprächen zu beteiligen, als rückten

die Sprecher immer weiter von ihr weg. Der Hafen war von niedrigen Bergen

umzogen, die man doch keine Hügel nennen konnte, ihre Grate liefen ganz

nach Bergesart und auf ihren hellgrünen Abhängen weideten Kühe. Die Jacht

schoß an ihnen vorbei, steuerte ins Uferlose hinaus, hob und senkte und

legte sich, wie es den Wogen beliebte. Sie passierte eine kleine, schwarze,

uferlose Felseninsel, die nie ein Fuß betreten hatte, die aber eine Art

Walhalla der Raben zu sein schien. Mit unbeweglich ausgestreckten Schwingen

sie umkreisend, sich in das Geklüfte niedersenkend, schwebten sie dann

wieder langsam, feierlich empor.

Sie gehörte _ihnen_; diese Insel war ihr Reich. Mariclée dachte an den Tag

zurück, an dem sie als Kind zum ersten Male ein Konzert besuchte; wie sie

sich freute, und wie enttäuscht sie dann gewesen war. Sie hatte sich die

Klangwirkung eines Orchesters noch idealer ausgemalt. Sie hatte sich _die

Musik_ noch schöner vorgestellt! -- Aber rauschte hier nicht eben jener

früh und unbewußt von ihr erträumte Urquell, aus dem wir unsere Tonwellen

schöpften, sie auf Instrumente überleiteten und transponierten? Hier

schwoll es an, das mächtige Originalcrescendo, das große Dolente; hier

waren die zärtlichen Harfen und die Oboe her, und die Attacca subita der

Klarinetten und das Einstimmen der Waldhörner und die bebenden Flöten, die

sie gemeint hatte . . . Die Beethovenschen Symphonien heroische

Abstraktionen, die Partitur des Tristan eine Bearbeitung und eine

Reduktion! und jener dritte Akt, der so golden hervorquoll, hier strömte

und blutete er.

Sie lauschte.

Jemand zupfte sie am Ärmel, und sie spürte den Schmerz der Schlafwandlerin,

die ein jäher Ruf ins Leben zurückschreckt. Sie wandte sich um, vernahm

ganz deutlich, was ihr gesagt wurde, und mischte sich freundlich und

geduldig ins Gespräch. Aber sobald es anging, kehrte sie sich wieder der

Luke zu und starrte hinaus. Von einem solchen Sturm der Gefühle hatte sie

nichts gewußt. Ihr Verhältnis zur Natur war ja so unberechenbar, so morbid

und solchen Schwankungen unterworfen! Und nun nahte sie ihr wie ein

zwingender Gott; von ihrer Schönheit fortgerissen brach ihr Herz und wie

entwurzelt gab sie sich mit aller Wonne und allen Schauern hin, und wandte

ihr ein Antlitz zu, das nur der Mann, den sie liebte, je an ihr gesehen

hatte.

Das Exemplar · 第 17 / 34 题