Mariclée fuhr nicht allein nach London, die junge Deutsche reiste denselben
Weg. Und sie plauderten, aber als die Dämmerung sank und London näher
rückte, hing jede ihren eigenen Gedanken nach. Wie wird es jetzt werden?
dachte Mariclée. Schweigend stiegen sie in London aus, als hätten sie durch
die bloße Tatsache ihrer Ankunft und die Verschiedenheit ihrer Ziele schon
Abschied voneinander genommen. Die Gefährtin hatte einige Stunden
Aufenthalt, bevor sie mit dem Nachtzug weiterfuhr, und begleitete Mariclée
in ihre neue Behausung. Der Wagen hielt in einer sehr stillen Straße, vor
einem regelrechten Palast. Sie zog die Glocke und es dauerte eine Weile,
bevor das Tor von einer alten Dienerin geöffnet wurde, die sich verbeugte,
als Mariclée ihren Namen nannte. Die beiden traten jetzt in eine tiefe
steinerne Halle. Hohe, verhängte Bilder hingen an den Wänden, und der
mächtige Lüster, sowie die Armleuchter an den Türen, waren verschleiert.
Eine breite, steinerne Treppe und eine kostbar getriebene Eisenrampe füllte
den meisten Raum aus, und trotz der geschnitzten Truhen und Stühle, die
herumstanden, war die Halle vor allem ein Stiegenhaus, und der Eindruck
pompös, aber sehr kahl.
»Gucke!« sagte die Freundin in ihrem schwäbischen Dialekt.
Es war ein sehr weitläufiger Bau. Sie wurden erst durch mehrere Säle und
Vorplätze mit zugedeckten Möbeln und verhängten Spiegeln und Bildern
geführt und dann einen schmalen Gang entlang, in ein nicht sehr großes,
aber prächtiges Zimmer. Die seidenen Vorhänge hatten einen breiten
kornblauen gestickten Rand, auf dem goldeingelegten geschweiften
Schreibtisch stand eine mit Briefpapier angefüllte Kassette. Im Kamin
brannte ein Feuer mit großem Geprassel.
Mariclée atmete auf. Hier war Stimmung; -- der behagliche Raum mitten in
diesem geschlossenen Hause, und Farbe und Einrichtung des Zimmers
entzückten sie.
»Ich packe schnell für dich aus und bringe deine Sachen in Ordnung,« sagte
die Architektin.
»Und ich fahre dann mit dir zur Station,« rief Mariclée, »wir essen dort
und bleiben zusammen bis zuletzt.«
Sie wußten recht wohl, daß sie Geheimnisse voreinander hatten, aber darin
beruhte eben der Reiz ihrer Intimität, daß sie sich so gut kannten, und
dabei nichts voneinander zu erfahren wünschten, und daß ihr gegenseitiges
Vertrauen so ohne Neugier und Vertraulichkeiten blieb.
»Liverpool Station!« rief Mariclées Gefährtin dem Kutscher zu, als sie mit
ihr wieder aus dem Hause trat und in den Wagen stieg, der mit ihren
Gepäckstücken gewartet hatte. Und aus der tiefen Stille ihres Squares
drangen sie nun wieder in das dämonische Herz der nächtlichen,
lichterbesäten Stadt und in jene rauschenden Straßen, in welchen, wie in
geschwellten Adern, Londons gewaltiges Leben umläuft.
Als sie die sehr entlegene Station erreichten, war es höchste Zeit, und von
Essen konnte nicht mehr die Rede sein. Die Architektin stieg schnell in
ihren Zug, der gleich darauf die Halle verließ, und fuhr einsam in die
schwarze Nacht hinaus, während die andere einsam in der schwarzen Stadt
zurückblieb.