Fünfzehntes Kapitel

Mariclée fuhr nicht allein nach London, die junge Deutsche reiste denselben

Weg. Und sie plauderten, aber als die Dämmerung sank und London näher

rückte, hing jede ihren eigenen Gedanken nach. Wie wird es jetzt werden?

dachte Mariclée. Schweigend stiegen sie in London aus, als hätten sie durch

die bloße Tatsache ihrer Ankunft und die Verschiedenheit ihrer Ziele schon

Abschied voneinander genommen. Die Gefährtin hatte einige Stunden

Aufenthalt, bevor sie mit dem Nachtzug weiterfuhr, und begleitete Mariclée

in ihre neue Behausung. Der Wagen hielt in einer sehr stillen Straße, vor

einem regelrechten Palast. Sie zog die Glocke und es dauerte eine Weile,

bevor das Tor von einer alten Dienerin geöffnet wurde, die sich verbeugte,

als Mariclée ihren Namen nannte. Die beiden traten jetzt in eine tiefe

steinerne Halle. Hohe, verhängte Bilder hingen an den Wänden, und der

mächtige Lüster, sowie die Armleuchter an den Türen, waren verschleiert.

Eine breite, steinerne Treppe und eine kostbar getriebene Eisenrampe füllte

den meisten Raum aus, und trotz der geschnitzten Truhen und Stühle, die

herumstanden, war die Halle vor allem ein Stiegenhaus, und der Eindruck

pompös, aber sehr kahl.

»Gucke!« sagte die Freundin in ihrem schwäbischen Dialekt.

Es war ein sehr weitläufiger Bau. Sie wurden erst durch mehrere Säle und

Vorplätze mit zugedeckten Möbeln und verhängten Spiegeln und Bildern

geführt und dann einen schmalen Gang entlang, in ein nicht sehr großes,

aber prächtiges Zimmer. Die seidenen Vorhänge hatten einen breiten

kornblauen gestickten Rand, auf dem goldeingelegten geschweiften

Schreibtisch stand eine mit Briefpapier angefüllte Kassette. Im Kamin

brannte ein Feuer mit großem Geprassel.

Mariclée atmete auf. Hier war Stimmung; -- der behagliche Raum mitten in

diesem geschlossenen Hause, und Farbe und Einrichtung des Zimmers

entzückten sie.

»Ich packe schnell für dich aus und bringe deine Sachen in Ordnung,« sagte

die Architektin.

»Und ich fahre dann mit dir zur Station,« rief Mariclée, »wir essen dort

und bleiben zusammen bis zuletzt.«

Sie wußten recht wohl, daß sie Geheimnisse voreinander hatten, aber darin

beruhte eben der Reiz ihrer Intimität, daß sie sich so gut kannten, und

dabei nichts voneinander zu erfahren wünschten, und daß ihr gegenseitiges

Vertrauen so ohne Neugier und Vertraulichkeiten blieb.

»Liverpool Station!« rief Mariclées Gefährtin dem Kutscher zu, als sie mit

ihr wieder aus dem Hause trat und in den Wagen stieg, der mit ihren

Gepäckstücken gewartet hatte. Und aus der tiefen Stille ihres Squares

drangen sie nun wieder in das dämonische Herz der nächtlichen,

lichterbesäten Stadt und in jene rauschenden Straßen, in welchen, wie in

geschwellten Adern, Londons gewaltiges Leben umläuft.

Als sie die sehr entlegene Station erreichten, war es höchste Zeit, und von

Essen konnte nicht mehr die Rede sein. Die Architektin stieg schnell in

ihren Zug, der gleich darauf die Halle verließ, und fuhr einsam in die

schwarze Nacht hinaus, während die andere einsam in der schwarzen Stadt

zurückblieb.

Das Exemplar · 第 18 / 34 题