Die vierzehn Tage, die Mariclée in Irland zubrachte, lassen wir im Fluge
vorüberziehen. Sie liegen außerhalb der Bahn, deren Linien wir hier
verfolgen. Denn Mariclée hatte viele Existenzen, ja ein ganz weit
verzweigtes, nicht selten sogar ein verstricktes Netz von Existenzen, die
uns hier nicht kümmern; und sie war von ihren Zentren so vielfach
weggetrieben, daß sie nur selten fühlen durfte, daß sie lebte. Es war
deshalb in ihr eine innere Unaufmerksamkeit, welche sie immer wieder
meistern mußte, damit sie nicht in die Augen sprang. Sie war nicht
zerstreut, sie war abgewandt. Und nie war sie so versonnen und verträumt,
so fernab, wie an dem Orte, an dem sie sich jetzt befand. Lassen wir sie
also. Wir haben sie ja nicht zu suchen, wo sie nicht wirklich ist. Nur
eines einzigen unerwarteten, wenn auch lang vorbereiteten Erlebnisses
werden wir gedenken.
Wenn sich Mariclée diese Gegend ansah, geschah es stets mit derselben
Verwunderung wie das erste mal; sie konnte den Schlüssel zu ihr nicht
finden; und es ging ihr wie mit einem fremden Gesicht, das ein anderes,
wohlvertrautes, auf das man sich aber vergebens zu besinnen sucht, mächtig
evoziert. Sie meinte erst, das Rätsel läge wohl in ihrer historischen
Unkenntnis dieses Landes, und als sie reger geworden, verschlang sie ein
Geschichtsbuch um das andere. Als sie aber dann Bescheid wußte und wieder
hinaustrat in diese Natur, da wies sie alles zurück, vergaß und verwarf
alles was sie darüber gelesen hatte. Und nun erst war sie sich über ihren
Eindruck klar. Dieses Land erinnerte sie an Italien, aber es hatte keine
Geschichte, das heißt seine Geschichte fügte ihm nichts hinzu. Es gleicht
einem Pergament, an dem kein Griffel haften blieb.
Diese Natur schien, wie mit zurückgehaltenem Atem nur _einen_ Laut, nur
_einen_ Widerhall zu hegen und elende Geschicke, ununterbrochene Leiden und
Kämpfe verwischten sich auf diesem Boden und verwehten, als gehörten sie
nicht zu ihm. Und hier erst wußte Mariclée, warum ganz Norditalien, bis
hinab nach Rom (weiter war sie nicht gekommen) sie insgeheim irritierte:
weil Schritt für Schritt zu viel Geschichte, zu viel Begebenheiten sich
vorzudrängen suchten und weil es ermüdete, auf einen solchen Tumult von
Dingen, und auf so viele Fußstapfen zu stoßen. Kein gestürzter Sockel,
keine Steinplatte, kein noch so schlechtes Madonnenbild, das dem
Vorüberziehenden nicht zuzurufen scheint: »Achte mein!« »ich bin von dieser
Schule!« »ich aus jener Zeit«. Jeder Hügel, jede Straße, jeder Meilenstein
von Historie wie durchtränkt, und überall das Gedächtnis eines Namens,
eines Mordes, oder eines Affektes perpetuierend; ein zu redseliges,
gleichsam ausgeplauschtes Land, mit Daten und Erinnerungen wie ein
Kalendarium angefüllt; immer an das Tun von Menschen, die tot oder lebendig
stets die gleichen sind, und an das Vergangene und Vergängliche gemahnend,
und nie an das, was Mariclée vor allem liebte, an ein Verweilen und ein
Stillestehen. So war es denn ein untraditioneller, aber doch sehr deutscher
Zug, der ihre Liebe zu Italien mit einer gewissen Abneigung untermischte.
Hier dagegen war alles göttliche Vergessenheit und Öde. Dies wundervolle,
tiefbeseelte Land, seine verlassenen Ufer, seine leeren Abhänge und Täler
riefen inbrünstig nach edlen Bauten, nach Belebung, und doch liegt nichts
Abgestorbenes und nichts Begrenztes in ihrer Melancholie. Diese Höhenzüge
atmen nicht die wehe Holdseligkeit der allzu inkrustierten Hügel Fiesoles.
Ein stärkerer Trank: die Schale der Vergessenheit wird in dieser
ungelehrigen und ungelehrten Atmosphäre gebraut, die sich das Mittelalter,
die Renaissance wie den Amerikanismus gleicherweise entgleiten ließ, und
die nahe Brandung der Jahrhunderte nicht hört, weil sie, wie eine brausende
Muschel, der eigene Rhythmus erfüllt.
Mariclée ging eine herrliche Straße entlang, links vorspringende Felsen,
rechts den vielbesungenen Fluß, der in immer weiteren Kurven Inseln
umspült, und, als zögere er vor der unendlichen Meerespforte, seine
Strömung in Buchten zurückhielt.
Hin und wieder kam ihr ein Auto oder ein Wägelchen, nirgends ein Fußgänger
entgegen. Sie sah Wege, die einen Wald von märchenhafter Üppigkeit
durchzogen, epheuumrankte Bäume, wie Riesen zusammengerottet.
Mariclée war eine städtische Person, ihr Verhältnis zur Natur sehr kritisch
und mittelbar, wechselnd wie das Licht, und alles mit ihrer jeweiligen
Stimmung beleuchtend. Diese Gegend aber löste eine ungewohnte Sammlung in
ihr aus. Sie dachte an langes, blondes Gelock von goldenen Reifen und
Spangen gehalten, an die goldenen Kannen und Becher und die glatten
Diademe, die sie in der Dubliner Sammlung sehen würde, und von welchen sie
Abbildungen kannte, an eine verlorene Goldschmiedekunst, deren
unnachahmliche Arbeit auf ein so adeliges Leben deutete; sie dachte an den
Schwung, die köstliche Glätte und Musik normännischer Architektur, an die
beglückend reinen Schweifungen ihrer blanken Rotunden, und einzig solche
Dinge schwebten ihr hier vor, denn dieser Boden trug nur ein Merkmal, nur
ein Echo, wußte nur von Einem: dem Arischen. Dem Arier.
Nicht seinen Evolutionen etwa, noch seiner Geschichte, noch wie er im Lauf
der Zeiten sich ausbildete, verbildete, oder etwa wie sein Blut verarmte,
sich vermischte, wie seine Werte sich vermünzten, verzettelten, o, wie
belanglos zerfiel dies alles vor der allgewaltigen Idee, für die nicht _er_
stand, sondern die _ihn_ hielt. Denn diese Idee war der kastalische Quell,
der nur von einem _Werden_ begeistert murmelte, dessen klarer Strahl sich
vom Vergänglichen nicht trüben ließ und Gewesenes nicht kannte.
Mariclée sah nicht mehr den vielbesungenen Fluß, noch die traumhafte
Färbung seiner Gestade und ihre starke Trauer. Sie stand das Gesicht mit
ihren leidenden Händen verhüllt, und ließ den Ansturm ihrer Gedanken über
sich ergehen. Sie war sich mit einem Male so klar, warum sie eigentlich
lebte.