Zwölftes Kapitel

Die vierzehn Tage, die Mariclée in Irland zubrachte, lassen wir im Fluge

vorüberziehen. Sie liegen außerhalb der Bahn, deren Linien wir hier

verfolgen. Denn Mariclée hatte viele Existenzen, ja ein ganz weit

verzweigtes, nicht selten sogar ein verstricktes Netz von Existenzen, die

uns hier nicht kümmern; und sie war von ihren Zentren so vielfach

weggetrieben, daß sie nur selten fühlen durfte, daß sie lebte. Es war

deshalb in ihr eine innere Unaufmerksamkeit, welche sie immer wieder

meistern mußte, damit sie nicht in die Augen sprang. Sie war nicht

zerstreut, sie war abgewandt. Und nie war sie so versonnen und verträumt,

so fernab, wie an dem Orte, an dem sie sich jetzt befand. Lassen wir sie

also. Wir haben sie ja nicht zu suchen, wo sie nicht wirklich ist. Nur

eines einzigen unerwarteten, wenn auch lang vorbereiteten Erlebnisses

werden wir gedenken.

Wenn sich Mariclée diese Gegend ansah, geschah es stets mit derselben

Verwunderung wie das erste mal; sie konnte den Schlüssel zu ihr nicht

finden; und es ging ihr wie mit einem fremden Gesicht, das ein anderes,

wohlvertrautes, auf das man sich aber vergebens zu besinnen sucht, mächtig

evoziert. Sie meinte erst, das Rätsel läge wohl in ihrer historischen

Unkenntnis dieses Landes, und als sie reger geworden, verschlang sie ein

Geschichtsbuch um das andere. Als sie aber dann Bescheid wußte und wieder

hinaustrat in diese Natur, da wies sie alles zurück, vergaß und verwarf

alles was sie darüber gelesen hatte. Und nun erst war sie sich über ihren

Eindruck klar. Dieses Land erinnerte sie an Italien, aber es hatte keine

Geschichte, das heißt seine Geschichte fügte ihm nichts hinzu. Es gleicht

einem Pergament, an dem kein Griffel haften blieb.

Diese Natur schien, wie mit zurückgehaltenem Atem nur _einen_ Laut, nur

_einen_ Widerhall zu hegen und elende Geschicke, ununterbrochene Leiden und

Kämpfe verwischten sich auf diesem Boden und verwehten, als gehörten sie

nicht zu ihm. Und hier erst wußte Mariclée, warum ganz Norditalien, bis

hinab nach Rom (weiter war sie nicht gekommen) sie insgeheim irritierte:

weil Schritt für Schritt zu viel Geschichte, zu viel Begebenheiten sich

vorzudrängen suchten und weil es ermüdete, auf einen solchen Tumult von

Dingen, und auf so viele Fußstapfen zu stoßen. Kein gestürzter Sockel,

keine Steinplatte, kein noch so schlechtes Madonnenbild, das dem

Vorüberziehenden nicht zuzurufen scheint: »Achte mein!« »ich bin von dieser

Schule!« »ich aus jener Zeit«. Jeder Hügel, jede Straße, jeder Meilenstein

von Historie wie durchtränkt, und überall das Gedächtnis eines Namens,

eines Mordes, oder eines Affektes perpetuierend; ein zu redseliges,

gleichsam ausgeplauschtes Land, mit Daten und Erinnerungen wie ein

Kalendarium angefüllt; immer an das Tun von Menschen, die tot oder lebendig

stets die gleichen sind, und an das Vergangene und Vergängliche gemahnend,

und nie an das, was Mariclée vor allem liebte, an ein Verweilen und ein

Stillestehen. So war es denn ein untraditioneller, aber doch sehr deutscher

Zug, der ihre Liebe zu Italien mit einer gewissen Abneigung untermischte.

Hier dagegen war alles göttliche Vergessenheit und Öde. Dies wundervolle,

tiefbeseelte Land, seine verlassenen Ufer, seine leeren Abhänge und Täler

riefen inbrünstig nach edlen Bauten, nach Belebung, und doch liegt nichts

Abgestorbenes und nichts Begrenztes in ihrer Melancholie. Diese Höhenzüge

atmen nicht die wehe Holdseligkeit der allzu inkrustierten Hügel Fiesoles.

Ein stärkerer Trank: die Schale der Vergessenheit wird in dieser

ungelehrigen und ungelehrten Atmosphäre gebraut, die sich das Mittelalter,

die Renaissance wie den Amerikanismus gleicherweise entgleiten ließ, und

die nahe Brandung der Jahrhunderte nicht hört, weil sie, wie eine brausende

Muschel, der eigene Rhythmus erfüllt.

Mariclée ging eine herrliche Straße entlang, links vorspringende Felsen,

rechts den vielbesungenen Fluß, der in immer weiteren Kurven Inseln

umspült, und, als zögere er vor der unendlichen Meerespforte, seine

Strömung in Buchten zurückhielt.

Hin und wieder kam ihr ein Auto oder ein Wägelchen, nirgends ein Fußgänger

entgegen. Sie sah Wege, die einen Wald von märchenhafter Üppigkeit

durchzogen, epheuumrankte Bäume, wie Riesen zusammengerottet.

Mariclée war eine städtische Person, ihr Verhältnis zur Natur sehr kritisch

und mittelbar, wechselnd wie das Licht, und alles mit ihrer jeweiligen

Stimmung beleuchtend. Diese Gegend aber löste eine ungewohnte Sammlung in

ihr aus. Sie dachte an langes, blondes Gelock von goldenen Reifen und

Spangen gehalten, an die goldenen Kannen und Becher und die glatten

Diademe, die sie in der Dubliner Sammlung sehen würde, und von welchen sie

Abbildungen kannte, an eine verlorene Goldschmiedekunst, deren

unnachahmliche Arbeit auf ein so adeliges Leben deutete; sie dachte an den

Schwung, die köstliche Glätte und Musik normännischer Architektur, an die

beglückend reinen Schweifungen ihrer blanken Rotunden, und einzig solche

Dinge schwebten ihr hier vor, denn dieser Boden trug nur ein Merkmal, nur

ein Echo, wußte nur von Einem: dem Arischen. Dem Arier.

Nicht seinen Evolutionen etwa, noch seiner Geschichte, noch wie er im Lauf

der Zeiten sich ausbildete, verbildete, oder etwa wie sein Blut verarmte,

sich vermischte, wie seine Werte sich vermünzten, verzettelten, o, wie

belanglos zerfiel dies alles vor der allgewaltigen Idee, für die nicht _er_

stand, sondern die _ihn_ hielt. Denn diese Idee war der kastalische Quell,

der nur von einem _Werden_ begeistert murmelte, dessen klarer Strahl sich

vom Vergänglichen nicht trüben ließ und Gewesenes nicht kannte.

Mariclée sah nicht mehr den vielbesungenen Fluß, noch die traumhafte

Färbung seiner Gestade und ihre starke Trauer. Sie stand das Gesicht mit

ihren leidenden Händen verhüllt, und ließ den Ansturm ihrer Gedanken über

sich ergehen. Sie war sich mit einem Male so klar, warum sie eigentlich

lebte.

Das Exemplar · 第 15 / 34 题