Elftes Kapitel

Der Zug stand vor ihr, sie hatte nur ein paar Schritte zu gehen und weil

sie voll Schmerz über ihren eingebüßten Dukaten war und überhaupt nichts

mit der Menschheit mehr zu tun haben wollte, machte sie am äußersten Ende

ein leeres Kupee ausfindig, hob mit einiger Mühe dort ihre Tasche hinein,

und wollte eben selbst einsteigen, als sie ganz erbärmlich ausglitt. Sie

wußte nicht, daß in Irland die Stufen zu den Eisenbahnwagen tiefer, statt

höher, als der Boden gesetzt sind, und nun war sie so unglücklich gestürzt,

ihr Fuß so böse zwischen die Stufe und die Versenkung geraten, daß sie sich

weder rühren, noch ihn hervorziehen konnte. Er lag wie in einer Falle, und

buchstäblich auf die Folter gespannt, sobald sie sich bewegte. Alles lief

geschäftig hin und her, doch wie meilenweit von ihr entfernt, und ohne

ihrer zu achten. Sie wagte einen verzweifelten Ruck, da glitt ihr Vorderfuß

nur noch tiefer hinab. O Gott! dachte sie voll Entsetzen, noch einen

Augenblick und er bricht. Es war aus. Das Exemplar immerdar zu verfehlen,

mit einem gebrochenen Fuße hier zu stranden, dies war ihre Bestimmung, dazu

war sie herübergekommen und damit konnte sie nach Deutschland zurückhinken.

Es kam niemand ihr zu helfen, wer half ihr je? Ein drohendes Knacken, ein

unerträglicher, ein giftiger Schmerz; sie glaubte die Besinnung zu

verlieren; -- in dieser Sekunde, was sage ich? diesem Bruchteil einer

Sekunde, fühlte sie sich von rückwärts unter beiden Armen gefaßt, leicht

und geschickt auf die Beine geholfen und mit heilem Glied der gefahrvollen

Klemme entzogen. Sie wollte ihren Retter erkennen, aber dort rannte er

schon, einen letzten Koffer zu heben, ein Bürschlein, fast ein Kind,

angewiesen Trägerdienste zu leisten. Sie wollte ihn einholen, aber sie

konnte kaum auftreten, geschweige denn laufen, ein Schaffner gab ihr ein

warnendes Zeichen, halb stieg, halb kroch sie in den Wagen, ihre Türe wurde

zugeschlagen und der Zug setzte sich in Bewegung.

Sie hatte ihren Fuß ausgestreckt und saß da wie betäubt, denn sie konnte es

noch immer nicht fassen. Es dünkte ihr so unwahrscheinlich, so wunderbar,

daß sie gerade in jener Sekunde äußerster Not, und zwar nicht früher, auf

daß sie ihrer Drangsal voll bewußt werde, vor dem Schlimmsten verschont

geblieben war. Eine heiße Röte stieg in ihr auf, indem sie ihres

unbelohnten Retters gedachte, der wie auf ein höheres Geheiß auf sie

zuflog, ohne zu wissen was er tat -- sie aber wußte wohl, was sie ihm

dankte. Sie bedurfte hiezu keines Arztes, ein gesunder Instinkt hatte sie

im Moment der Gefahr nur zu hellsichtig gemacht und ihr die Eventualitäten

bedeutet, denen sie nun entronnen war. Aber warum eine solche Fügung zu

ihren Gunsten? Wo lag der Grund? der Sinn? den Sinn wollte sie haben! Es

war alles zu deutlich, zu kraß für einen Zufall gewesen, warum hatte dies

nicht geschehen, ein solcher Ruin ihrer Pläne und Hoffnungen sie nicht

treffen dürfen? Sie überdachte es noch einmal, rekapitulierte alles von

vorn. Warum war es so gekommen? Ja warum? Sie zermarterte sich das Gehirn

und konnte es nicht finden.

Draußen zog ein neues, ungewohntes, erstaunliches Land an ihr vorbei, eine

wilde, geheimnisvolle Gegend, deren Seele sie befremdete. Ein Bediensteter

trat bei ihr ein, meldete, daß ein Speisewagen im Zuge sei und fragte, ob

sie zu essen wünsche. Sie starrte ihn verwundert an. Was träumte dieser

Mensch?! Essen?! Ja richtig, solche Dinge gab es auch. Aber sie schüttelte

den Kopf. Nein. Das störte sie jetzt. Erst mußte sie diese Geschichte ihres

Sturzes ins reine bringen. Also wie war es? sie dachte an das Exemplar. Da

lag ihr Fuß, zwar mächtig in Schwellung begriffen, aber heil, nicht

gebrochen; er bedurfte keines Chirurgen ihn einzurenken, kein Knochen war

zersplittert. Denn dies hatte ja nicht sein dürfen. Und als es im Begriff

war dennoch zu geschehen, mußte just etwas anderes geschehen dies eine zu

verhindern. Aber warum denn? den Sinn wollte sie haben; und Mariclée stieg

immer tiefer in ihrem Bewußtsein hinab. Hast du selbst nicht immer

geholfen? sagte es ihr. Warst du nicht, ohne zu fragen, ja blindlings, zu

helfen immer bereit? und schlug hier nicht, nach dem Gesetz aller Dinge,

ein Pendel, so wie er anschlug, und genau wann er mußte, wieder zurück?

Denn warst du nicht selbst in jenem rettenden Knaben, der ohne zu fragen

dir zu Hilfe kam, und unbelohnt dir enteilte?

Das Exemplar · 第 14 / 34 题