Der Zug stand vor ihr, sie hatte nur ein paar Schritte zu gehen und weil
sie voll Schmerz über ihren eingebüßten Dukaten war und überhaupt nichts
mit der Menschheit mehr zu tun haben wollte, machte sie am äußersten Ende
ein leeres Kupee ausfindig, hob mit einiger Mühe dort ihre Tasche hinein,
und wollte eben selbst einsteigen, als sie ganz erbärmlich ausglitt. Sie
wußte nicht, daß in Irland die Stufen zu den Eisenbahnwagen tiefer, statt
höher, als der Boden gesetzt sind, und nun war sie so unglücklich gestürzt,
ihr Fuß so böse zwischen die Stufe und die Versenkung geraten, daß sie sich
weder rühren, noch ihn hervorziehen konnte. Er lag wie in einer Falle, und
buchstäblich auf die Folter gespannt, sobald sie sich bewegte. Alles lief
geschäftig hin und her, doch wie meilenweit von ihr entfernt, und ohne
ihrer zu achten. Sie wagte einen verzweifelten Ruck, da glitt ihr Vorderfuß
nur noch tiefer hinab. O Gott! dachte sie voll Entsetzen, noch einen
Augenblick und er bricht. Es war aus. Das Exemplar immerdar zu verfehlen,
mit einem gebrochenen Fuße hier zu stranden, dies war ihre Bestimmung, dazu
war sie herübergekommen und damit konnte sie nach Deutschland zurückhinken.
Es kam niemand ihr zu helfen, wer half ihr je? Ein drohendes Knacken, ein
unerträglicher, ein giftiger Schmerz; sie glaubte die Besinnung zu
verlieren; -- in dieser Sekunde, was sage ich? diesem Bruchteil einer
Sekunde, fühlte sie sich von rückwärts unter beiden Armen gefaßt, leicht
und geschickt auf die Beine geholfen und mit heilem Glied der gefahrvollen
Klemme entzogen. Sie wollte ihren Retter erkennen, aber dort rannte er
schon, einen letzten Koffer zu heben, ein Bürschlein, fast ein Kind,
angewiesen Trägerdienste zu leisten. Sie wollte ihn einholen, aber sie
konnte kaum auftreten, geschweige denn laufen, ein Schaffner gab ihr ein
warnendes Zeichen, halb stieg, halb kroch sie in den Wagen, ihre Türe wurde
zugeschlagen und der Zug setzte sich in Bewegung.
Sie hatte ihren Fuß ausgestreckt und saß da wie betäubt, denn sie konnte es
noch immer nicht fassen. Es dünkte ihr so unwahrscheinlich, so wunderbar,
daß sie gerade in jener Sekunde äußerster Not, und zwar nicht früher, auf
daß sie ihrer Drangsal voll bewußt werde, vor dem Schlimmsten verschont
geblieben war. Eine heiße Röte stieg in ihr auf, indem sie ihres
unbelohnten Retters gedachte, der wie auf ein höheres Geheiß auf sie
zuflog, ohne zu wissen was er tat -- sie aber wußte wohl, was sie ihm
dankte. Sie bedurfte hiezu keines Arztes, ein gesunder Instinkt hatte sie
im Moment der Gefahr nur zu hellsichtig gemacht und ihr die Eventualitäten
bedeutet, denen sie nun entronnen war. Aber warum eine solche Fügung zu
ihren Gunsten? Wo lag der Grund? der Sinn? den Sinn wollte sie haben! Es
war alles zu deutlich, zu kraß für einen Zufall gewesen, warum hatte dies
nicht geschehen, ein solcher Ruin ihrer Pläne und Hoffnungen sie nicht
treffen dürfen? Sie überdachte es noch einmal, rekapitulierte alles von
vorn. Warum war es so gekommen? Ja warum? Sie zermarterte sich das Gehirn
und konnte es nicht finden.
Draußen zog ein neues, ungewohntes, erstaunliches Land an ihr vorbei, eine
wilde, geheimnisvolle Gegend, deren Seele sie befremdete. Ein Bediensteter
trat bei ihr ein, meldete, daß ein Speisewagen im Zuge sei und fragte, ob
sie zu essen wünsche. Sie starrte ihn verwundert an. Was träumte dieser
Mensch?! Essen?! Ja richtig, solche Dinge gab es auch. Aber sie schüttelte
den Kopf. Nein. Das störte sie jetzt. Erst mußte sie diese Geschichte ihres
Sturzes ins reine bringen. Also wie war es? sie dachte an das Exemplar. Da
lag ihr Fuß, zwar mächtig in Schwellung begriffen, aber heil, nicht
gebrochen; er bedurfte keines Chirurgen ihn einzurenken, kein Knochen war
zersplittert. Denn dies hatte ja nicht sein dürfen. Und als es im Begriff
war dennoch zu geschehen, mußte just etwas anderes geschehen dies eine zu
verhindern. Aber warum denn? den Sinn wollte sie haben; und Mariclée stieg
immer tiefer in ihrem Bewußtsein hinab. Hast du selbst nicht immer
geholfen? sagte es ihr. Warst du nicht, ohne zu fragen, ja blindlings, zu
helfen immer bereit? und schlug hier nicht, nach dem Gesetz aller Dinge,
ein Pendel, so wie er anschlug, und genau wann er mußte, wieder zurück?
Denn warst du nicht selbst in jenem rettenden Knaben, der ohne zu fragen
dir zu Hilfe kam, und unbelohnt dir enteilte?