Und er erwiderte: »Ich bin unglücklich in diesem Hause.«

Da ließ sie ihn Namen und Adresse aufschreiben und steckte den Zettel zu

sich. Dann durchschritt sie die Halle und verließ dieses Haus, für sie mit

einem grasigen Hofe und der freudlosen rohen Gotik eines mittelalterlichen

Kirchleins auf immer assoziiert.

Es war eine schlecht gezimmerte Barke, die Mariclée zur irischen Küste

hinübertrug. An Deck befand sich ein wunderschönes Mädchen mit einem jungen

Mann, die sich große Mühe gaben, nicht verliebt drein zu sehen, und in

deren Anblick sie sich sofort, wie in ein Bilderbuch, vertiefte. Nach einer

Weile befiel sie jedoch ein bedenkliches Würgen und sie floh nach dem

Damensalon, fühlte sich dort besser, streckte sich aber vorsichtshalber auf

einem Diwan aus, schloß die Augen und verhielt sich ganz ruhig. So bemerkte

sie nicht, daß ihr eine Stewardin gefolgt war, die Handtücher und eine

Wasserflasche in den Waschraum brachte und sich dann wieder zurückzog. Erst

als die Türe plötzlich aufgerissen wurde, fuhr sie aus einer Art Halbschlaf

empor und sah das wunderschöne Mädchen, mit bleichen, verzerrten Zügen

(einer Miene, mit der sie in einem fünften Akt Furore gemacht hätte) herein

und geraden Wegs in den Waschraum stürzen, wo sie sich einer ganz

formidablen Seekrankheit überließ. Sie stöhnte und jammerte und als sie

wieder zum Vorschein kam, war ihr Hut ganz verschoben und ihr Haar sehr

aufgelöst.

Mariclée bemerkte jetzt, wie völlig unausgerüstet sie war, erhob sich

sofort, goß Kölnisches Wasser in ein Glas und stellte ihr Reisenecessäre

zur Verfügung. Das Fräulein Wunderschön erzählte ihr nun, sie habe schon so

oft diese Fahrt unternommen, ohne je im Leben seekrank zu werden. Übrigens

erholte sie sich sehr bald, brachte ihr reizendes Haar in Ordnung, band mit

großem Geschick einen höchst kleidsamen Schleier vor, beguckte sich von

allen Seiten in Mariclées doppeltem Spiegel, und eilte dann, schnell wie

sie gekommen, wieder davon. Mariclée fühlte sich recht elend und legte sich

wieder hin. Zu müde, um zu lesen, und nicht mehr imstande zu schlafen,

starrte sie zu einer runden Luke empor, durch die man das blaue, aber

heftig bewegte Meer seine Wogen treiben sah, und ebenso elementar und

unaufhaltsam trieb da in ihr eine Woge von Melancholie die andere. Sie

dachte an das Exemplar, wie um an einer Planke sich daran festzuhalten,

jedoch umsonst. Er war zu fern, zu unerreichbar, eine zu lange Zeit hatte

zwischen ihnen schon geflutet. Schwermut schwoll zu etwas Mächtigerem an,

als ihr Gefühl und riß sie noch weiter von ihm weg. Und sie preßte ihre

heißen Hände auf ihr verdunkeltes Gesicht und überließ sich dem Unwetter,

das in ihr raste. O sterben zu können, ächzte sie, verlöschen zu dürfen. Es

löste nur der Anblick des treibenden Meeres durch die runde Luke solche

Leidenschaft in ihr aus, aber sie wußte es nicht.

Und indessen fuhr das Schiff, um ihren Weltschmerz unbekümmert, zur

irischen Küste hin. Schon machte sich jene Unruhe fühlbar, die einer

Landung vorangeht; Mariclée eilte auf den Vorplatz und spähte nach einem

Träger, als die Stewardin auf sie zukam, und sie mahnte, es sei

gebräuchlich, für Benützung der Handtücher etwas zu entrichten. »Ich

brauchte ja keines,« sagte Mariclée und wollte vorüber. Aber sie hatte es

mit einer cholerischen Person zu tun, die sofort die Hände über dem Kopf

zusammenschlug.

»O!« rief sie, »das ist nicht recht.«

»Es war eine andere Dame da,« sagte Mariclée ungeduldig, wurde aber

zugleich entsetzlich rot, verlor die Contenance und fügte hinzu:

»Was kosten denn die Handtücher?«

»Ich stehe hier Posten und habe keine andere Dame nicht gesehen,« dröhnte

die andere. Sie hatte durch ihren exaltierten Ton sofort Aufmerksamkeit

erregt, so daß sich Neugierige sammelten, die auf die Landung wartend,

nichts Besseres zu tun hatten, als hier aufzupassen; und sie gehörte wohl

irgendeiner Predigersekte an, denn, durch das Publikum stimuliert, wollte

sie jetzt vor Jehova ihr Recht austragen, und stimmte mit wirklichem Talent

ein regelrechtes Exordium an:

»Es ist nicht um des Geldes und es ist nicht um der Tücher willen, aber ich

habe keine andere Dame nicht gesehen.« Sie sagte es wie einen frommen Vers

herunter, und Mariclée stand jetzt einfach auf dem Pranger. Die

Umstehenden, schien ihr, konnten keinerlei Sympathien für sie hegen, denn

sie sah aus wie der Typ der überführten Lügnerin und war rot wie eine

Gartenerdbeere. Was wollte sie mit einem solchen Gesicht lange sagen? Je

weniger Worte je besser. »Wieviel macht es?« fragte sie nochmals. Aber so

schön hatte es die Alte nicht jeden Tag, und sie nahm die Gelegenheit wahr.

»Wahrlich, wahrlich,« hub sie mit lauter Stimme an, »ich bin arm und

geprüft, aber es ist nicht um der Tücher willen.« Und es klang, als sagte

sie: »Lügenhafte Lippen sind dem Herrn ein Greuel.«

O, ich darf nicht mehr allein reisen, dachte Mariclée, ich bin zu absolut

hilflos. Und sie zog ihre Börse wie einen Degen; dabei entsann sie sich,

daß sie vergessen hatte, zu wechseln und nur mehr Gold besaß. »Wechseln Sie

mir,« sagte sie. Die Landungsbrücke war jetzt gelegt worden; dies

interessierte die Umstehenden mehr und schweigend, wie sie sich versammelt

hatten, entfernten sie sich. Alsbald verstummte die Stewardin, sie kramte

jetzt ganz demütig in einer schmierigen Tasche herum und zog endlich einen

Schilling hervor. Mariclée war nun kreideweiß vor Erschöpfung und Zorn.

»Schnell,« sagte sie, »wechseln Sie sofort.« Die gottesfürchtige Alte lief

mit dem Pfunde die Treppe hinab. Mariclée wartete auf ihre Rückkehr, das

Schiff leerte sich rasch, und sie stand bald allein. »Der Zug wird gleich

abfahren, wir haben Verspätung,« sagte ein Matrose.

»Ich warte auf die Stewardin.«

»Sie haben kaum Zeit,« bedeutete er.

»Hier ist meine Tasche, ich komme gleich nach,« sagte sie, und lief die

Treppe hinab. Aber da war nirgends eine Stewardin zu sehen.

»Es sei höchste Zeit,« erfuhr sie nur. Da verlor sie den Kopf und rannte,

ohne ein Wort zu sagen, wieder hinauf, denn der Matrose, der ihre Tasche

trug, machte ihr von weitem immerzu Signale und den Zug wollte sie nicht

verfehlen. »Ich darf nicht zur Plattform, ich habe Dienst,« erklärte er.

Da nahm sie ihre Tasche und schleppte sie selbst.

Das Exemplar · 第 13 / 34 题