Mariclée verbrachte ihren Sonntag, in Anbetracht des Montag, so gut es
ging, und nährte sich von Pfirsichen. Auf diese Weise gedachte sie die
überschrittene Bilanz des vorhergehenden Tages ein wenig auszugleichen; zum
Frühstück Pfirsiche, mittags Pfirsiche und abends Pfirsiche; das Kistchen
mußte schon dran glauben. So brauchte sie es auch nicht noch einmal
mitzunehmen. Wie ökonomisch von ihr!
Pünktlich und zu gleicher Zeit, wie viele Abgeordnete, fand sie sich Tags
darauf vor den Toren des Parlamentes ein. Diese waren sämtlich von
frierenden, geduldig dreinschauenden und überall von Schutzmännern
bewachten Suffragetten umlagert, die, mit ihren Vereinsbändern umgetan, den
Vorübergehenden Zettel und Traktate entgegenstreckten. Mit Mariclée waren
sie besonders dringlich; sie wagte aber nichts anzunehmen, aus Angst sich
zu kompromittieren, zudem sie, als einzige Dame, ein gewisses Aufsehen zu
erregen schien, und nicht rechts noch links sehend, verleugnete sie mit dem
Mut der Feigheit die ganze Gesellschaft. So drang sie, den Abgeordneten auf
dem Fuße folgend, von einem Gitter zum anderen, bis zu einer inneren Halle
vor, in der alsbald ein Wächter auf sie zukam, und ihr den Einlaß
verwehrte. Mariclée hielt ihm gelassen ihre von der deutschen Botschaft
ausgestellte Karte entgegen. Er aber schüttelte nur den Kopf.
»Wir müssen uns nach der neuesten Verordnung richten,« sagte er, »die
Suffragetten sind schuld daran.«
»Aber ich bin doch keine Suffragette, ich bin eine Fremde; Sie haben meine
Karte nicht gut angesehen.«
Er bedauerte, zuckte die Achseln, allein er wankte nicht. Sie bestand auf
ihrem Recht und er auf seinem Verbot. Sie zeigte sich hartnäckig, dann
unangenehm, dann unsanft, und schließlich riß ihm die Geduld und er rief:
Was rief dieser Mann? Er rief. O Leser, ich muß es im Text wiedergeben.
»But Madam,« rief er, »I would only be too happy if I could oblige you.«
Man denke! -- sie kam von München, der Stadt der hohen künstlerischen
Initiativen, zwar auch der lauten Schwadroneure, doch zugleich der stillen,
seltenen Größen, dieser reizenden Stadt, die in mancher Hinsicht allen
anderen den Rang abläuft, und es in der Tat verdienen würde, als heutiges
Athen gepriesen zu werden, wäre sie nicht die Stadt unausgeglichenster
Kultur, in der sich Gebildete von Schutzmännern wie Rekruten von einem
ungeschlachten Feldwebel angefahren sehen und _allgemein_ gesprochen, die
Stellung der »Dame« jeder Tradition entbehrt.
Mariclée starrte dem zivilisierten Wächter ins Gesicht und machte ohne ein
Wort zu sagen kehrt. Es war ja nicht eben angenehm, einen Rückzug durch all
die Gitter anzutreten, vor welchen so viel Neugierige Posten standen, und
ihren Einzug beobachtet und kommentiert hatten. Sie wunderte sich sehr,
niemand kichern zu hören, besonders als sie jetzt eine Flugschrift, die ihr
eine Suffragette darbot, höflich dankend, in ihre Tasche schob.
* * * * *
Zwei Monate sind schnell dahin und dennoch viel zu ausgedehnt für ein
extenso. Die kostbare Zeit ist das große Wertlose an sich, daher der
nichtige Klang des Wortes »Tagebuch«.
Es kann nur wenig interessieren, was Mariclée nach ihrem Ausweis aus dem
Parlament mit ihrem letzten Londoner Abend anfing. Im Vertrauen gesagt, da
ihr noch Pfirsiche blieben (es war dies ihre Art zu rechnen) fuhr sie in
ein Theater, und ihr Staunen über das niedrige Niveau des Stückes war
ebenso groß wie über die wundervollen Gestalten der Spieler, und sie mußte
sich sagen, daß man in Deutschland ebensowenig ein derartig albernes Werk
ertrüge, als man solche Gestalten über die Bühne ziehen sah.
Ohne den schönen Liftjungen wäre sie auch am nächsten Morgen nie
rechtzeitig zur Bahn gekommen. Er hatte sich wieder, auf seine schüchterne
Art, ganz zu ihren Diensten gestellt, sich um alles gekümmert, wie ein Page
sich um sie bemüht, bis er sie dann im Lift zum letzten Male hinunterzog.
Und nun starrte sie ihm mit ihren oft so leblosen Augen, die doch alles in
sich aufnahmen, ins Gesicht und sagte:
»Kann ich etwas für Sie tun?«