Neuntes Kapitel

Ruß und Hitze lasteten noch schwerer auf London als vor einer Woche. Der

Hansom, den Mariclée an der Bahn genommen hatte, stand schon stille und

noch immer war sie unschlüssig, was sie tun würde, stieg aus, ließ den

Wagen warten, und trat ins Haus. Ein Brief vom Botschaftsrat stellte ihr

den ersehnten Einlaß ins Parlament für nächsten Montag in Aussicht und da

solche Vergünstigungen in Anbetracht der Suffragetten mit jedem Tage

seltener wurden, gab er ihr den Rat, die Gelegenheit nicht unbenützt zu

lassen, um so mehr als die nächste Sitzung sehr stürmisch zu werden

versprach; er schlug ihr, der Zeitersparnis halber vor, selbst um Mittag

auf die Botschaft zu kommen (sie brauchte nur quer durch den Park zu

gehen), bis dahin würde ihre Karte ausgefertigt sein, sie könnten zusammen

essen, ein Museum besuchen und von dort aus, er in seine Kanzlei, und sie

nach dem Parlament fahren; alles so recht nach seiner Art, ganz

programmäßig eingerichtet. Mariclée entschloß sich zu bleiben und zog

hinauf. Sie fand ihr Zimmer in bester Ordnung und bestellte sich Tee, teils

weil sie einen zu nehmen wünschte, teils um eine etwas anheimelndere

Atmosphäre zu schaffen. Aber kaum hatte sie sich eine Tasse eingeschenkt,

als wieder ein Pfiff die Stille unterbrach und ein telephonischer Fernruf

an sie erging. Sie stürzte hinaus, verlangte den Lift, und da er nicht

gleich in die Höhe zog, ließ sie sich nicht Zeit, auf ihn zu warten,

sondern fing an die steile Treppe, die sonst nur die Leute benutzten,

hinunterzulaufen, ohne zu bedenken, wieviel schneller sie doch der Lift,

auch wenn er sich einen Augenblick verspätete, die vier Stockwerke hinunter

brächte. Schon war er auf ihr Geheiß hinaufgeschnellt und schwirrte

pfeilschnell wieder hinab, indes sie ihre Stufen dahinstürmte, und doch

nicht vorwärts zu kommen glaubte. Es war wie in einem Traum: immer eine

neue steinerne Windung vor sich, die Treppe, die nie ein Ende nahm, und

ihre Ungeduld -- denn sie wußte: nur Einer konnte auf den Gedanken gekommen

sein, nach ihr zu rufen, nur Einer wußte von ihrer heutigen Rückkehr.

Das Telephon war in der Halle, ohne Deckung, nahe am Eingang und höchst

unpraktisch angebracht. Es standen Leute herum, und von draußen tönte aller

Straßenlärm herein. Mariclée nahm das Rohr und nannte, ein wenig atemlos,

ihren Namen. Eine fremde Stimme bat sie einen Augenblick zu warten und dann

klang _seine_ Stimme zu ihr hin. _Seine_ Stimme! Diese Stimme, deren Klang

fast aus der Welt verklungen, verhallt und fast vergessen, sie nun wieder

bis ins Mark durchdrang; ihre Bänder waren nicht zerrissen, fest

zusammengefügt zu jenem verwöhnten, melodiösen Organ, vor dem ihr jetzt

schwindelte, und das tausend Erinnerungen in ihr wachrief, als läge sie im

Sterben! Ach, wie hätte Mariclée da auch vernommen, was er zu ihr sagte?

»Ich verstehe Sie nicht!« rief sie angstvoll in die Tube. Und jener

gemeinsame Bekannte fiel ihr ein, der sie gefragt hatte:

»Ist er schon tot?«

Ha! nichts von Tod, nichts für ihn von solcher Schmach! Er war nicht

gestorben. Dies war _seine_ Stimme! O wie sie lebte!

»Ich verstehe Sie nicht!« rief sie von neuem.

Mochte sie immer ferne dieser ihrer Heimat, in der ihr Herz gleichsam wie

angekommen in sich selber rasten durfte, mochte sie trauernden Fußes immer

ferne von ihr irren, -- wenn dieser Mann nur lebte! -- Wenn die Schale, in

der die Elemente seines Wesens wie zu einer Götterspende, köstlich gemischt

zusammenflossen, nur nicht zerbrach, wenn er nur lebte!

»Ach, ich kann Sie nicht verstehen!« rief sie und vernahm jetzt deutlich,

wie er sagte:

»Es ist umsonst!«

Und statt schnell zu rufen: Ich höre Sie jetzt, schwieg sie, denn ihr Hirn

war wie ausgelöscht. Sie lauschte, doch er war verstummt; da hing sie das

Rohr wieder ein, wandte sich ab und zog wieder in ihre Wohnung hinauf. Noch

lag Sonne über dem grasigen Hofe, vor ihrem Fenster, und die Kirche, deren

rauhe, ungefeilte Gotik auch die Jahrhunderte nicht glätten und verfeinern

konnte, tat ihr in der Seele weh. Vorm Kamin stand noch das Tischchen mit

dem Teegeschirr, allein beim Anblick der gefüllten Tasse durchschauerte sie

Ekel, und sie blieb am Fenster und starrte in das Tageslicht, von

Bitterkeit gesättigt.

Das Exemplar · 第 11 / 34 题