Achtes Kapitel

Mariclée stand reisefertig auf dem Perron. Der allgemeine Aufbruch hatte zu

einer kleinen Komplikation geführt, und da die alte Dame mit ihrer Tochter

zu dem Landsitz eines ihrer anderen Kinder per Auto gebracht werden sollte,

und das andere nach Schottland benötigt war, fuhr Mariclée mit ihr, um dann

an einem nördlicheren Punkt ihren Zug nach London einzuholen. Was ihre

Fahrplankenntnisse anging, hatte sie noch ein Mißtrauensvotum in Gestalt

eines Zettels mitbekommen, auf dem die Zweigstationen, an welchen sie

umsteigen mußte, mit allen nötigen Zeitangaben genau aufgeschrieben

standen. Doch wollte dies der alten Dame nicht genügen, und sie gab ihr

unterwegs die Absicht kund, nicht eher weiterzufahren, als bis sie sie

wohlverwahrt in ihrem Kupee gesehen und dem Stationsmeister anempfohlen

habe, eine Idee, die nicht angetan war, ihrem Schützling zuzusagen.

Mariclée zeigte sich förmlich entrüstet über den Gedanken, drohte sofort

auszusteigen, wenn die Greisin sich ihretwegen einer solchen Mühe

unterziehen wollte, bat und beschwor sie, davon abzusehen, erreichte aber

nur ein freundliches Nicken dieses ehrwürdigen und naiven Kopfes und die

Versicherung, es sei ihr nur eine Freude, ihr bis zuletzt das Geleite zu

geben, und die Tochter, als die gute Seele, die sie war, echote: es sei nur

eine Freude. Da sah Mariclée zum Fenster hinaus und sandte einen mutlosen

Blick zum Himmel empor. Er nur wußte: sie mußte jetzt sparen, sparen. Es

gehörte zu den sonstigen Unzuständigkeiten des armen Kindes, daß sie stets

nur auf das Geld rechnen konnte, das sie gerade besaß. Ging es ihr aus, so

mußte sie unerbittlich den Rückzug antreten, und wenn zehn Exemplare tags

darauf herbeieilen würden. Nun hatte sie eine ganz hübsche Summe

zusammengerafft, die für einige Wochen ausreichend war, aber sie wußte

jetzt gar nicht mehr, wie lang ihre Reise sich ausdehnen würde und mußte

für Unvorhergesehenes gewappnet sein. Sie ließ jetzt einen letzten Drachen

steigen, zwar nicht besonders hoch, denn es war zu aussichtslos, aber mit

einem geographischen Interesse, das man sonst nicht an ihr gewohnt war,

fragte sie nach der Eisenbahnlinie, zu der sie jetzt fuhren, und wie sie

sich zu derjenigen verhielte, auf der sie gekommen war, und dann eine Terz

tiefer und etwas mehr Fortepiano, aber mit derselben rein sachlichen

Neugier: »Könnte man da eigentlich dritter Klasse fahren?«

Die Mutter hatte ihre Erkundigungen überhört, aber das »o nein!« der

Tochter war mit solcher Überzeugung gesagt, daß Mariclée ihre Frage lieber

nicht wiederholte.

»Ich muß, glaube ich, dreimal umsteigen,« bemerkte sie, nur um etwas zu

sagen. Aber das war wiederum Wasser auf eine andere Mühle.

»Sie brauchen sich gar nicht darum zu kümmern,« sagte die alte Dame, »der

Stationschef ist mir bekannt, ich werde mit ihm reden, und er wird Order

geben, daß der Schaffner Sie bei jedem Wagenwechsel benachrichtigt.«

»Aber ich bin doch kein Kind!« rief Mariclée ganz verzweifelt. »Sehen Sie,

es steht alles auf meinem Zettel! O ich bitte Sie, bleiben Sie im Wagen,

Sie haben noch eine lange Fahrt vor sich. Sie müssen sich schonen! Ich kann

nicht dulden . . . .!«

Es war alles in den Wind, und sie gab es auf. Aber am Perron, schnell den

Augenblick wahrnehmend, floh sie, wehenden Mantels, zum Schalter, konnte

aber nicht so schnell ankommen, denn es war Samstag und infolgedessen der

Andrang ziemlich stark. Endlich hatte sie ihr Billet (ein Billet erster

Klasse bis zur nächsten Zweigstation), und kehrte zu ihrer stattlichen

Suite zurück, bestehend aus den beiden Damen, dem Chauffeur und einem

Diener in weißer Livree, und man mußte wohl auch den Schaffner hinzuzählen,

der sich zu der Gruppe gesellt und dem man sie schon anempfohlen hatte.

Zwar waren sie alle im Begriff gewesen, sich zu zerstreuen, und auf die

Suche nach ihr zu gehen.

»Gottlob, da ist sie,« rief die Tochter.

»Ah! da sind Sie!« rief die Mutter, »warum entwischten Sie uns. Wir hatten

Sie ganz verloren! Wo steckten Sie denn?«

»Ich habe nur schnell mein Billet geholt,« sagte Mariclée, und weil auch

für den geringsten der Tage, ein ausgeworfener Würfel steht, drehte sie

sich jetzt selber den Strick.

»Ich bin wirklich sehr gescheit gewesen,« gestand sie mit einer kindlich

neckischen und noch dazu recht falschen Vertrauensseligkeit, »da ich immer

alles verliere, nahm ich mein Billet nur bis zur Station, an der ich

umsteigen muß,« (mein Gott, warum erzähle ich das? dachte sie) und fügte im

schwankenden Tone hinzu, »denn ich verliere es doch und so verliere ich es

nicht.«

Diese ebenso unnötige wie stupide Mitteilung fand die verdiente Wirkung:

»Aber mein bestes Kind, was für ein Gedanke! das ist ja ganz verfehlt! Sie

können doch nicht dreimal unterwegs an den Schalter laufen, um eine neue

Karte zu lösen, Sie riskieren ja Ihren Anschluß zu verfehlen. Geben Sie

her!«

Und schon war sie ihr entwunden und dem Schaffner überreicht, um

schleunigst umgetauscht zu werden. Er kam gleich wieder zurück, denn es war

jetzt höchste Zeit und der Schalter schon leer.

»Sie schieben das Billet in Ihren Handschuh, so können Sie es nicht

verlieren,« mahnte die Alte.

»O da ist keine Gefahr,« erwiderte Mariclée, sich selber vergessend »was

schulde ich Ihnen?« fragte sie den Schaffner mit gottergebener Miene. Dann

umarmte sie die Damen, dankte ihnen und stieg ein. Im letzten Augenblick

lief noch eine ladysmaid mit einem Kistchen Pfirsichen herzu, öffnete eilig

den Schlag und stellte es in ihr Kupee. Die Freundin hatte ihre Vorliebe

für diese Frucht wahrgenommen, und es für sie verpacken und in den Wagen

bringen lassen, woselbst Mariclée es dann vergaß. Nun aber war nicht mehr

zu spaßen. Ihre Türe wurde hastig zugeworfen und der Zug setzte sich in

Bewegung. »Schluß!« dachte Mariclée und fiel auf die Polster zurück.

Sie erwog jetzt, ob es nicht ratsamer wäre vor ihrer Londoner Wohnung, in

die sie doch nicht mehr zurückkehren würde, nur vorzufahren, ihre Koffer

aufzunehmen, und noch gleichen Abends nach Irland weiter zu fahren, vollzog

einen Kassensturz, und saß ganz in Gedanken, als der Schaffner mit

respektvoller Miene bei ihr eintrat, um ihr den ersten bevorstehenden

Wagenwechsel zu verkünden. Er teilte ihr gewissenhaft mit, was auf ihrem

Zettel stand und was sie schon wußte, trug ihre Sachen in ein anderes Kupee

und blickte von Zeit zu Zeit, wie zu einer Gefangenen, zu ihr hinein, als

wollte er sich überzeugen, daß seine hohe Schutzbefohlene noch am Leben

sei. Er gestattete ihr auch keinerlei Gefährten und hielt sie scheinbar für

zu vornehm, um mit anderen Reisenden in Kontakt zu treten. Als er sie dann

zum zweiten Male in einem leeren Wagen installiert hatte, trat er mit einer

Verbeugung vor und meldete, daß er selbst zwar nicht mehr weiterführe,

statt seiner jedoch sein Kamerad Sorge für sie tragen würde.

Mariclée hatte zu viel Humor, um ihm nicht den Lohn einzuhändigen, den er

von einer so hochgestellten Persönlichkeit erwarten durfte, und

verabschiedete ihn mit einem herablassenden Kopfnicken. Kaum war er

abgetreten, als schon die neue Wache aufzog, und zwei interessant

aussehende und sehr typische englische Herren, die bei ihr einsteigen

wollten, zurückhielt. Mariclée war sehr enttäuscht: es hätte ihr solche

Kurzweil bereitet, sie im stillen zu beobachten und zu studieren. Sie war

stets voll Interesse für Menschen, die sie nicht zu kennen brauchte,

betrachtete sie mit reger Anteilnahme für ihre Schicksale und ihr Sein,

ohne doch je durch eine Miene ihre Spannung zu verraten, und so ganz

Publikum verbleibend, daß die von ihr also Dramatisierten wie Bühne und

Zuschauerraum distanziert blieben. Es ging ihr mit den Menschen wie mit den

Bergen, deren Umrisse in der Ferne oft so viel verlockender sind, und die

man so mysteriös ausmalen kann, solang man ihren räumlichen

Weitschweifigkeiten und ihren rauhen Furchen nicht zu Leibe rückt. Allein

ihre neue Wache nahm es nicht minder genau wie die vorige, und hielt sie

streng isoliert. Sie mußte an den Kaiser von Österreich denken, von dem sie

gehört hatte, daß ihm die Briefe nie zukamen, die ihm geschrieben wurden,

und endlich verkürzte ihr der Schlaf ihre teure und langweilige Fahrt.

Das Exemplar · 第 10 / 34 题