Mariclée stand reisefertig auf dem Perron. Der allgemeine Aufbruch hatte zu
einer kleinen Komplikation geführt, und da die alte Dame mit ihrer Tochter
zu dem Landsitz eines ihrer anderen Kinder per Auto gebracht werden sollte,
und das andere nach Schottland benötigt war, fuhr Mariclée mit ihr, um dann
an einem nördlicheren Punkt ihren Zug nach London einzuholen. Was ihre
Fahrplankenntnisse anging, hatte sie noch ein Mißtrauensvotum in Gestalt
eines Zettels mitbekommen, auf dem die Zweigstationen, an welchen sie
umsteigen mußte, mit allen nötigen Zeitangaben genau aufgeschrieben
standen. Doch wollte dies der alten Dame nicht genügen, und sie gab ihr
unterwegs die Absicht kund, nicht eher weiterzufahren, als bis sie sie
wohlverwahrt in ihrem Kupee gesehen und dem Stationsmeister anempfohlen
habe, eine Idee, die nicht angetan war, ihrem Schützling zuzusagen.
Mariclée zeigte sich förmlich entrüstet über den Gedanken, drohte sofort
auszusteigen, wenn die Greisin sich ihretwegen einer solchen Mühe
unterziehen wollte, bat und beschwor sie, davon abzusehen, erreichte aber
nur ein freundliches Nicken dieses ehrwürdigen und naiven Kopfes und die
Versicherung, es sei ihr nur eine Freude, ihr bis zuletzt das Geleite zu
geben, und die Tochter, als die gute Seele, die sie war, echote: es sei nur
eine Freude. Da sah Mariclée zum Fenster hinaus und sandte einen mutlosen
Blick zum Himmel empor. Er nur wußte: sie mußte jetzt sparen, sparen. Es
gehörte zu den sonstigen Unzuständigkeiten des armen Kindes, daß sie stets
nur auf das Geld rechnen konnte, das sie gerade besaß. Ging es ihr aus, so
mußte sie unerbittlich den Rückzug antreten, und wenn zehn Exemplare tags
darauf herbeieilen würden. Nun hatte sie eine ganz hübsche Summe
zusammengerafft, die für einige Wochen ausreichend war, aber sie wußte
jetzt gar nicht mehr, wie lang ihre Reise sich ausdehnen würde und mußte
für Unvorhergesehenes gewappnet sein. Sie ließ jetzt einen letzten Drachen
steigen, zwar nicht besonders hoch, denn es war zu aussichtslos, aber mit
einem geographischen Interesse, das man sonst nicht an ihr gewohnt war,
fragte sie nach der Eisenbahnlinie, zu der sie jetzt fuhren, und wie sie
sich zu derjenigen verhielte, auf der sie gekommen war, und dann eine Terz
tiefer und etwas mehr Fortepiano, aber mit derselben rein sachlichen
Neugier: »Könnte man da eigentlich dritter Klasse fahren?«
Die Mutter hatte ihre Erkundigungen überhört, aber das »o nein!« der
Tochter war mit solcher Überzeugung gesagt, daß Mariclée ihre Frage lieber
nicht wiederholte.
»Ich muß, glaube ich, dreimal umsteigen,« bemerkte sie, nur um etwas zu
sagen. Aber das war wiederum Wasser auf eine andere Mühle.
»Sie brauchen sich gar nicht darum zu kümmern,« sagte die alte Dame, »der
Stationschef ist mir bekannt, ich werde mit ihm reden, und er wird Order
geben, daß der Schaffner Sie bei jedem Wagenwechsel benachrichtigt.«
»Aber ich bin doch kein Kind!« rief Mariclée ganz verzweifelt. »Sehen Sie,
es steht alles auf meinem Zettel! O ich bitte Sie, bleiben Sie im Wagen,
Sie haben noch eine lange Fahrt vor sich. Sie müssen sich schonen! Ich kann
nicht dulden . . . .!«
Es war alles in den Wind, und sie gab es auf. Aber am Perron, schnell den
Augenblick wahrnehmend, floh sie, wehenden Mantels, zum Schalter, konnte
aber nicht so schnell ankommen, denn es war Samstag und infolgedessen der
Andrang ziemlich stark. Endlich hatte sie ihr Billet (ein Billet erster
Klasse bis zur nächsten Zweigstation), und kehrte zu ihrer stattlichen
Suite zurück, bestehend aus den beiden Damen, dem Chauffeur und einem
Diener in weißer Livree, und man mußte wohl auch den Schaffner hinzuzählen,
der sich zu der Gruppe gesellt und dem man sie schon anempfohlen hatte.
Zwar waren sie alle im Begriff gewesen, sich zu zerstreuen, und auf die
Suche nach ihr zu gehen.
»Gottlob, da ist sie,« rief die Tochter.
»Ah! da sind Sie!« rief die Mutter, »warum entwischten Sie uns. Wir hatten
Sie ganz verloren! Wo steckten Sie denn?«
»Ich habe nur schnell mein Billet geholt,« sagte Mariclée, und weil auch
für den geringsten der Tage, ein ausgeworfener Würfel steht, drehte sie
sich jetzt selber den Strick.
»Ich bin wirklich sehr gescheit gewesen,« gestand sie mit einer kindlich
neckischen und noch dazu recht falschen Vertrauensseligkeit, »da ich immer
alles verliere, nahm ich mein Billet nur bis zur Station, an der ich
umsteigen muß,« (mein Gott, warum erzähle ich das? dachte sie) und fügte im
schwankenden Tone hinzu, »denn ich verliere es doch und so verliere ich es
nicht.«
Diese ebenso unnötige wie stupide Mitteilung fand die verdiente Wirkung:
»Aber mein bestes Kind, was für ein Gedanke! das ist ja ganz verfehlt! Sie
können doch nicht dreimal unterwegs an den Schalter laufen, um eine neue
Karte zu lösen, Sie riskieren ja Ihren Anschluß zu verfehlen. Geben Sie
her!«
Und schon war sie ihr entwunden und dem Schaffner überreicht, um
schleunigst umgetauscht zu werden. Er kam gleich wieder zurück, denn es war
jetzt höchste Zeit und der Schalter schon leer.
»Sie schieben das Billet in Ihren Handschuh, so können Sie es nicht
verlieren,« mahnte die Alte.
»O da ist keine Gefahr,« erwiderte Mariclée, sich selber vergessend »was
schulde ich Ihnen?« fragte sie den Schaffner mit gottergebener Miene. Dann
umarmte sie die Damen, dankte ihnen und stieg ein. Im letzten Augenblick
lief noch eine ladysmaid mit einem Kistchen Pfirsichen herzu, öffnete eilig
den Schlag und stellte es in ihr Kupee. Die Freundin hatte ihre Vorliebe
für diese Frucht wahrgenommen, und es für sie verpacken und in den Wagen
bringen lassen, woselbst Mariclée es dann vergaß. Nun aber war nicht mehr
zu spaßen. Ihre Türe wurde hastig zugeworfen und der Zug setzte sich in
Bewegung. »Schluß!« dachte Mariclée und fiel auf die Polster zurück.
Sie erwog jetzt, ob es nicht ratsamer wäre vor ihrer Londoner Wohnung, in
die sie doch nicht mehr zurückkehren würde, nur vorzufahren, ihre Koffer
aufzunehmen, und noch gleichen Abends nach Irland weiter zu fahren, vollzog
einen Kassensturz, und saß ganz in Gedanken, als der Schaffner mit
respektvoller Miene bei ihr eintrat, um ihr den ersten bevorstehenden
Wagenwechsel zu verkünden. Er teilte ihr gewissenhaft mit, was auf ihrem
Zettel stand und was sie schon wußte, trug ihre Sachen in ein anderes Kupee
und blickte von Zeit zu Zeit, wie zu einer Gefangenen, zu ihr hinein, als
wollte er sich überzeugen, daß seine hohe Schutzbefohlene noch am Leben
sei. Er gestattete ihr auch keinerlei Gefährten und hielt sie scheinbar für
zu vornehm, um mit anderen Reisenden in Kontakt zu treten. Als er sie dann
zum zweiten Male in einem leeren Wagen installiert hatte, trat er mit einer
Verbeugung vor und meldete, daß er selbst zwar nicht mehr weiterführe,
statt seiner jedoch sein Kamerad Sorge für sie tragen würde.
Mariclée hatte zu viel Humor, um ihm nicht den Lohn einzuhändigen, den er
von einer so hochgestellten Persönlichkeit erwarten durfte, und
verabschiedete ihn mit einem herablassenden Kopfnicken. Kaum war er
abgetreten, als schon die neue Wache aufzog, und zwei interessant
aussehende und sehr typische englische Herren, die bei ihr einsteigen
wollten, zurückhielt. Mariclée war sehr enttäuscht: es hätte ihr solche
Kurzweil bereitet, sie im stillen zu beobachten und zu studieren. Sie war
stets voll Interesse für Menschen, die sie nicht zu kennen brauchte,
betrachtete sie mit reger Anteilnahme für ihre Schicksale und ihr Sein,
ohne doch je durch eine Miene ihre Spannung zu verraten, und so ganz
Publikum verbleibend, daß die von ihr also Dramatisierten wie Bühne und
Zuschauerraum distanziert blieben. Es ging ihr mit den Menschen wie mit den
Bergen, deren Umrisse in der Ferne oft so viel verlockender sind, und die
man so mysteriös ausmalen kann, solang man ihren räumlichen
Weitschweifigkeiten und ihren rauhen Furchen nicht zu Leibe rückt. Allein
ihre neue Wache nahm es nicht minder genau wie die vorige, und hielt sie
streng isoliert. Sie mußte an den Kaiser von Österreich denken, von dem sie
gehört hatte, daß ihm die Briefe nie zukamen, die ihm geschrieben wurden,
und endlich verkürzte ihr der Schlaf ihre teure und langweilige Fahrt.