Es war Schlag halb 10 Uhr, als die alte Dame, von ihrer Tochter begleitet,
die Halle betrat, in der Mariclée auf sie wartete. 85 Jahre trug diese Erde
sie, doch schien sie nicht dem Leben, sondern der etwas bleibenderen Region
eines Romans entnommen. In ihr war eine Vereinfachung, welche die
Vielfältigkeit des Lebens nie so ungebrochen gestattet, und man wurde ganz
träumerisch, ja man fühlte sich wie beschattet in ihrer Nähe. Denn sie
hatte das friedvoll Umgrenzte, das in sich selbst Beruhende und dabei
Spendende des Baumes. Sie hatte auch feine Weisheit, die von nichts zu
wissen braucht, die nie banal und doch für jedermann vorhanden ist. Ihr
Leben mußte ein merkwürdig geschütztes gewesen sein, aber daß es dabei so
hinaufwuchs, war ihr Verdienst. Mariclée war als ein recht fremder Vogel
diesem Baume zugeflogen, ein Grund mehr, um sein Gezweige schützend über
ihn zu breiten, denn irgendwie war das ein einsamer, vielgewanderter und
recht zerflatterter Vogel. Nahm sie ihren Tee nicht zu stark? war sie nicht
müde? das sollte sie lieber essen wie das. Sie hatte da ein hübsches Kleid,
und es stand ihr! Und bei allem, was die alte Dame äußerte, nickte sie mit
ihrem großen ehrwürdigen Kopf, der ihr nicht mehr recht solide auf den
Schultern saß. Mariclée kannte sie erst seit zwei Tagen. Wenn sie nicht bei
einem ihrer Kinder zu Gaste war, lebte sie in ihrem schönen Londoner Hause
mit dieser unverheirateten Tochter, die eine so närrische Liebe zu ihr
hatte, daß sie sie nie auch nur auf einen Tag verließ, so daß man sich
unwillkürlich fragte, was einmal aus ihr werden würde. Das ältliche
Fräulein hatte außerdem noch eine Leidenschaft; die des Schießens. Jeden
Morgen zog sie gemessenen Schrittes, in einem sehr städtischen Hute, sonst
ganz wie Amor bewaffnet, mit Köcher und Bogen aus und übte sich stundenlang
auf einem eigens für sie ausgesteckten Terrain. Mariclée versprach, sie
später dort zu treffen und ging indessen nach einer anderen Seite.
Wohin man von dem Schlosse aus sah, das diese weiten Parkländer, diese
offenen Haine und Äcker beherrschte, erstreckte sich unübersehbar ein
alter, heilig gehaltener Boden, dehnten sich Wälder, die kein fremder Fuß
betrat, und im nächsten Umkreis, bis zu dem nahen See, Plane mit
zauberhaften Bäumen, Terrassen, die nur ein tiefes Schönheitsbedürfnis so
ins Leben rufen und erhalten konnte; und links die schattige und stets
geheimnisvolle Straße. Und von hier bis zu jener Straße drang unaufhörlich
und hold der Turteltauben matter Ruf. Mariclée durchstreifte einen großen
Wald, in dessen Lichtungen das Wild sich rudelweise lagerte. Große runde
Rehaugen starrten sie fremd und ein wenig feindlich an, und alle Köpfe
wandten sich neugierig dem Wege zu, den sie verfolgte. So gelangte sie bis
zu einem niederen Tor, das aller Verlassenheit der Erde gewidmet schien.
Aber es gemahnte sie an die Zeit, und daß sie nicht wußte, wie spät es war.
Da fing sie an zu laufen, bis sie wieder zu den Gärten zurückfand, und von
weitem die Bogenschützin noch erblickte. In einiger Entfernung saß unter
einem Zelt die alte Dame. »Ah!« sagte Mariclée und lagerte sich neben ihr
am Boden, »ich bin so gelaufen, wieviel ist die Uhr und kann ich eine
Viertelstunde hier rasten?« Die Alte reichte ihr ein Kissen; Mariclée schob
es unter den Kopf und starrte in den alabastermilden Himmel. »Es war schön
im Walde,« sagte sie, »und wie weich ist in diesem Lande das Licht. Aber
wie grimmig sehen Glenfords Mauern in den Mittag hinein!«
»Ja, es ist ein finsteres Schloß,« sagte die Alte.
»Ich glaube, wenn es Gespenster gibt, so gibt es welche, die gar nicht so
schlimm, und andere, die ganz abominabel sind. Am ärgsten ist der Mönch des
gelben Paradezimmers, an ihm starb jener Mann.«
»Woher wissen Sie das?«
»Ja, das weiß ich ganz bestimmt.«
»Fürchten Sie sich da oben ganz allein?« fragte die Alte, die das Fürchten
nicht kannte.
»Nein,« sagte Mariclée gedehnt und schüttelte den Kopf, »ich genieße es.«
Dann fügte sie hinzu, indem sie zu ihr aufsah: »ich wüßte gerne, ob Sie
abergläubisch sind.«
»Ich grüße stets eine Elster, die einzeln vorüberfliegt: One for sorrow,
Two for mirth, Three for a wedding, Four a birth«, rezitierte sie und
nickte jedesmal mit dem Kopfe.
»Ich möchte gerne einen Mann ertappen, wie er gerade vor einer
einschichtigen Elster den Hut abnimmt.«
»O Kind,« erwiderte die Alte, »deshalb ist ein Ding noch lange nicht
töricht, weil es sich mit einem Manne nicht wohl verträgt.«
Gibt es etwas schöneres, dachte Mariclée, wie so ein mütterliches, altes
Weib?
Aber die Tochter hatte ihr Spiel beendet und Mariclée war wieder
aufgesprungen, denn sie hatte nur Zeit, sich umzuziehen.
Zum Lunch erschienen zwei Fräuleins, Töchter eines gewesenen Botschafters,
denen es das Leben nicht mehr recht machen konnte. Sie waren beide baumlang
und nicht sympathisch. Die eine war ältlich, die andere noch leidlich
schön, aber im Begriff zu verblühen. Mariclée wünschte der jüngeren einen
Mann und beide zum Hause hinaus. Denn sie hatten sich in Amerika, dem
letzten Posten ihres Vaters, eine höchst unangenehme Sprechweise angewöhnt,
die auf die Nerven ging. Sie sahen Glenford zum ersten Male und kreischten
vor Bewunderung bei jedem Stück, ja im großen Saale schrien sie wie am
Spieß. Mariclée bekam starkes Herzklopfen von ihren Organen, sie war müde
von ihrem Spaziergang und ihrer schlaflosen Nacht. Aber die beiden Damen
wollten das Schloß ansehen der Länge und der Quere nach, nicht nur die
Kapelle und alle Zimmer, sondern auch die Souterrains und alles Porzellan.
Arbeit genug für zwei Stunden, aber sie führten einen großen Vorrat von
Bewunderung mit. Lady S. fühlte sich plötzlich von Mariclée am Ärmel
gezupft:
»Bitte, führe sie nicht in mein Zimmer,« flüsterte sie, »bei mir liegt
alles so herum,« und sie schlich hinauf, warf sich auf ihr Bett und schlief
sofort ein.
Als sie etwas verspätet zum Tee herunterkam, waren die beiden Damen noch da
und der Quell ihrer Bewunderung sprudelte noch immer. Dafür trug die Miene
der Frau des Hauses deutliche Symptome von Erschöpfung zur Schau. Mariclée
konstatierte es mit Bedauern, aber ohne Gewissensbisse, denn sie war der
Meinung, daß solche Leiden nicht besser werden, indem man sie teilt. Auch
harrte schon ein Diener, mit Mänteln bepackt, im Hintergrund, die jüngere
hatte einen kleidsamen Schleier über ihren weitläufigen Federhut geworfen
und als sie sich jetzt wirklich erhoben und, wenn auch unter einem neuen
Schwall von Worten, wirklich verabschiedeten und wirklich zur Türe gingen,
war Mariclées Lächeln und ihr Händegruß von bezaubernder Wärme. Denn sie
wünschte ja allen Menschen das Beste.
Die beiden fuhren durch dieselbe Allee von dannen, durch welche gestern Don
Juan mit der schönen Herzogin entschwand. »Und jetzt Mariclée, ich bitte
dich, gehen wir spazieren,« sagte Lady S. Und sie nahmen ihren Weg durch
die entzückenden Gärten; aber sie kamen nicht weiter als bis zum Fluß.
Inmitten blauer Glyzinen, blauer Gladiolen, einem Dunstkreis langstieliger
blauer Lavendel stand eine marmorne Bank. Hier machten sie Halt und hier
vergaßen sie weiter zu gehen.
Mariclée hatte indessen wieder einen Plan. Sie starrte in den sinkenden Tag
nur von dem einen Gedanken erfüllt: Wie lenke ich das Gespräch unauffällig
auf das Exemplar? Er gehörte aber den Kreisen ihrer Freundin an, und er war
in Glenford gewesen, seitdem sie ihn nicht mehr gesehen hatte: sie wußte es
von ihm selbst. »Mein Gott!« sagte sie, »was für ein blauer Abend, welch
köstliche Stunde! Sieh diese blaue Libelle.« Es ist doch so leicht, dachte
sie, ich brauche das Gespräch nur auf gemeinsame Bekannte zu lenken. Allein
sie mußte doch einen gewaltigen Anlauf nehmen, um seinen Namen zu nennen,
denn sie hatte Angst vor dem, was sie jetzt hören würde; sie dachte nicht
an seine Ehe, aber an seine Gesundheit; denn sie wußte, wie krank er war.
Noch kein halbes Jahr war es her, daß sie auf der Welt nichts anderes wie
englische Zeitungen las, um Nachrichten über seinen Zustand zu erfahren.
Und durfte sie von einer Besserung lesen, so las sie bald darauf von einem
Rückfall. Dabei konnte sie sich durch nichts anderes, als diese greulichen
Blätter informieren: sein Zusammenbruch war unmittelbar nach seiner Heirat
erfolgt und von seinen neuen Leuten, bei denen er todkrank darniederlag,
kannte sie niemand. Jetzt erfuhr sie, daß er sich mit dem Haus eines der
reichsten Herzöge Englands alliiert hatte, und mitten in ihre Spannung kam
ihr das Lachen: Er war kein Snob, aber dies sah ihm so ähnlich.
»Jetzt geht es aber wieder vorwärts mit ihm?« fragte sie.
»Ach nein! Man trägt ihn ja noch die Treppen hinauf.«
»Das kann doch nicht gut sein!« rief Mariclée. »Er fuhr doch erst kürzlich
nach London.«
»Es wundert mich sehr,« sagte die Freundin, »daß er imstande war.«
Mariclées Herz hatte zu schlagen aufgehört. Und dann entstand in ihr ein
betäubendes Brausen, als setzten von allen Seiten viele dumpfe
Glockenschläge ein, die ihr ganzes Innere erfüllten.
»Und ich habe ihn verfehlt, ich habe ihn verfehlt, ich habe ihn verfehlt!«
Aber sie fragte nicht mehr. Sie wollte nichts hören. Am Sonntag würde er
bestimmt wieder nach London zurückkommen. Er hatte es ihr ja geschrieben.
Es ging ihm eben viel besser, als man es noch wußte. Daß es ihm so viel
besser ging, war eben das Neueste. Sie ließ keinen anderen Gedanken in sich
aufkommen.
»Was hast du denn in London getrieben? Im August?« fragte die Freundin.
»Es war wirklich sehr heiß!«
»Und trotzdem fährst du jetzt wieder hin?«
»Vielleicht nur für einen Tag,« erwiderte Mariclée errötend.
»Du weißt,« fügte sie, nur um etwas zu sagen, schnell hinzu, »meine Pläne
sind immer sehr unentschieden, ich weiß nie, was ich morgen tue, ich armes
Kätzchen.«
»O, du bist gar kein armes Kätzchen!«
»Was? Ich tu dir nicht einmal leid?« fragte Mariclée, die jetzt um jedes
andere Thema froh war.
»Du tust mir kein bißchen leid, ich finde dich sehr beneidenswert.«
Mariclée riß die Augen auf.
»O bitte,« sagte sie fast beleidigt, »so beneide mich halt. Aber du bist
nicht anspruchsvoll, das muß ich schon sagen. Und um was, wenn ich fragen
darf? Um die ganze Liste von Dingen, die mir versagt sind?«
»Vielleicht,« entgegnete die andere, »ja vielleicht. Die anderen sind alle
so absolut abhängig von diesen Dingen und du bestehst nicht nur ohne sie,
nein, du bringst es sogar fertig zu balanzieren.«
»Was bleibt mir übrig,« seufzte sie, »vom Seil zu stürzen, oder darauf zu
tanzen.«
Aber die andere schüttelte den Kopf. »Was soll man dir wünschen?« fragte
sie. »Was möchtest du eigentlich?«
»Nichts,« sagte Mariclée, plötzlich sehr ernst geworden. »Nichts, denn ich
möchte alles und es würde mir nicht genügen, es zu haben, sondern ich
möchte es behalten. Aber mein Bewußtsein der Zeit ist so akut, daß ich sie
immer höre, und wie mit hundert Augen überall sehe, wie alles der Reihe
nach, ihrer Strömung weicht und von ihr fortgerissen wird, so daß ich mich
schon fragte: wie halten es die Glücklichen aus?«
Mariclées Freundin war eine gescheite Frau, die ihre nachdenklichen
Anwandlungen hatte, aber solche Exkurse waren ihr zu deutsch. Wenn Mariclée
anfing, solche Fäden auszuwerfen, verlor sie die Geduld.
»Ich wünsche dir einen Mann,« sagte sie, »du solltest jetzt wirklich bald
heiraten.«
Mariclée, immer bereit einzulenken, rollte ihren Faden wieder auf und warf
ihn beiseite.
»Aber ich brenne doch darauf,« versicherte sie. »Nur ist es müßig. Ich
werde so wenig einen Mann ziehen, wie das große Los. Paß nur auf.«
»Deine Einstellung auf den Haupttreffer ist aber auch nicht glücklich, ich
habe dir immer gesagt . . . .«
»Dabei gefalle ich euch ja so gut.«
Mariclée lachte, aber zugleich trieb es sie wieder ihren Gedankengängen zu.
»Irgendwie bin ich im vornherein für den Mann verdorben,« sagte sie. »Das
ist's. Denn die Dinge, die in meinen Kopf nicht hineinwollen, sind die,
welche sich von selbst verstehen und die andere gar nicht zu lernen
brauchen; die Begrenzung in der Liebe, so einfache Rechenexempel z. B. wie
Einen Mann zu lieben, glaubst du, ich brächte mir das bei? Entweder ist
_kein_ Mann der Liebe wert, oder ich will nicht sagen viele, aber doch eine
gewisse Anzahl. Gesetzt nun, ein recht annehmbarer, ja sagen wir sogar un
parti inespére, hätte ein Heim mit mir gegründet -- weißt du, auf wen ich
heute eifersüchtig wäre? O mit nichten auf andere Frauen, die ihn fesseln
würden, sofern sie reizend wären.«
»Du weißt nicht, was du daherredest,« unterbrach sie die Freundin.
»Bitte sehr, ich habe meinen Abnormitäten das exakte Maß genommen und ich
weiß es; ich wäre nicht auf andere Frauen eifersüchtig,« wiederholte sie,
»und um so weniger, je reizender sie wären, aber auf die liebenswerten
Männer wäre ich eifersüchtig, die ich indes kennen gelernt hätte, und denen
ich kein unverkürztes Interesse zuwenden dürfte, weil ich doch an den einen
gebunden wäre. Denn das Gebundensein, das ists! Das ist das Todesband, das
uns an alle Endlichkeiten knüpft. Die Befriedigung, das Lustgefühl,
niemandem zu gehören, ist aber so überbietend, daß man ebenso übermächtig
daran hängen kann, wie ein anderer am Genuß. Es ist jammerschade, daß keine
Vergleiche möglich sind. Ja, es frägt sich, wer mehr zurückbehält, der alle
Dinge auskostet, oder dem es glückt, sich von keinem fangen zu lassen. Auf
seiten des Verzichtes liegt nur leider das Odium der Moral, aber man wird
bald dahinter kommen, daß er nicht Sache der Tugend ist, sondern der
Liebhaberei, genau wie das Klettern, ein Sport, dem des Fliegers
vergleichbar, der vom Boden losgerissen, auf der Luft dahinzieht. So ist
der Wüstling für den andern, wie der andere für den Wüstling, >l'ingénu<.«
Sie hatte sich während dieses Monologes weit zurückgelehnt und sah zum
Abendhimmel empor.
Und was zog da unversehens, jedoch zu ihrer Rechten, am Horizonte auf? Es
war der Mond, den sie zum ersten Male in seinem neuen Kreislauf gewahrte.
Die halb gefüllte Scheibe noch kaum erkennbar, da es noch tagte. Mariclée
war leider, wir dürfen sie nicht besser machen, eine unendlich
abergläubische Person, die blindlings alles glaubte, was man ihr sagte. So
hatte sie einmal gehört, und glaubte seitdem erprobt zu haben und war
überzeugt, daß man den jeweiligen Mond zuerst von links erblicken müsse, um
Zeit seines Verlaufes günstiger Tage gewärtigen zu dürfen.
Sie gingen wieder durch die Gärten zurück, die Sinne vom Duft der vielen
Blumen benommen. Der Hauch entschlafener Rosen aber zog noch weiter, fernab
der Beete, durch die still gewordene Luft bis zu den großen Rasenflächen
vor dem Schlosse, und wie magisch zu den paradiesischen Bäumen hingezogen,
die dort standen, und aus deren undurchdringlichem Gezweig der matte Ruf
der Turteltauben unaufhörlich drang. In dieser holden Welt ragten Glenfords
Mauern, rauh und unversöhnlich, die fahle Front wie in sich selbst
versunken, und die schaurigen Fenster noch untröstlicher und böser, wenn
sie in der Abendsonne blinkten.
Übergehen wir die folgende Nacht, und sehen wir am nächsten Nachmittag nach
unserer Heldin, als sie, selbst einem flüchtigen Schatten nicht unähnlich,
in die Halle glitt, und zu ihrer heftigen Bestürzung einen Brief, in der
Hand des Exemplars, liegen sah. Dies konnte nur Schlimmes bedeuten, denn er
schrieb nie, wenn er anders konnte, und niemals, um zu schreiben. Daß
Mariclée eine große Anzahl Briefe von ihm besaß, dankte sie einzig dem
Umstand, daß er sich nicht entschließen konnte, die ihrigen zu missen.
Allerdings konnte es geschehen, daß er nur ein paar Sätze, wie auf einen
Anlauf hin und aufs Geradewohl geschrieben, an sie gehen ließ, allein sie
wußte, daß es etwas Unerhörtes für ihn war, einen Briefwechsel mit irgend
jemand aufrecht zu erhalten, so daß sie sich mit solchen Notsignalen
begnügte. Heute aber hatte er keinerlei Veranlassung, sie wagte kaum seinen
Brief zu öffnen und zögerte, bevor sie ihn las. Und es war, wie sie
befürchtete. Er hatte einen Rückfall erlitten und fragte nun, ob sie es
möglich machen könnte, ihre Pläne umzugestalten, und in vierzehn Tagen in
London zu sein. Bis dahin glaubte er bestimmt dort eintreffen zu können.
Mariclées erster Gedanke war ihre Wohnung. Sie stand ihr nur für den Monat
August zur Verfügung, wohin würde sie ziehen?
»Mariclée! Maricleia!« rief es draußen. Es war die Freundin, die im Wagen
zu einer Ausfahrt auf sie wartete, um noch eine Plauderstunde mit ihr zu
haben, denn für den Abend waren Gäste erwartet, und der morgige Vormittag
kam, nicht mehr in Betracht. Mariclée eilte hinaus und stieg mit heiterer
Miene zu ihr ein. Im Erleben von Enttäuschungen hatte sie schon früh eine
bemerkenswerte Routine erlangt und die soeben empfundene saß zu tief, um
mir nichts dir nichts emporzutreiben. Auf der Rückfahrt aber, als plötzlich
ein klagender Wind über die Farren hinwehte, und ein großes Rauschen den
Wald erfüllte, den sie eben hinter sich ließen und die halb gefüllte
Mondesscheibe langsam über die dunstumwobenen, blauen, bläulichen,
violetten Fernen aufzog, die nach dem Meer zu wallen schienen, da dachte
Mariclée an das heiße, rußige London, nach dem sie nun umsonst gefahren
war, zu dem sie nun umsonst zurückfuhr, an den einzigen Zweck ihrer Fahrt,
deren Erfüllung sich immer mehr hinausschob, immer unsicherer zu werden
drohte, sie dachte wie wenig Geld sie hatte, und daß keine Aussicht war,
diese Reise nochmals zu unternehmen, falls sie fehlschlug, und mit einem
Male mußte sie schnell über etwas lachen, um die allzu nahen Tränen
zurückzudrängen.
Aber auch die Freundin schien nachdenklich geworden:
»Ich weiß nicht, was dich um diese Jahreszeit in London halten kann,« sagte
sie ganz unvermittelt, »und ich frage dich nicht, aber bist du dort
wenigstens gut aufgehoben?«
»Ich habe mich entschlossen, gleich nach Irland zu fahren, und erst im
September länger in London zu bleiben,« erwiderte Mariclée, die erst sehr
rot und dann sehr blaß geworden war. »Es ist jetzt doch zu heiß.«
»Sieh dann in mein Haus. Es ist zwar geschlossen, aber die Lage ist viel
angenehmer, und man weiß doch, wo du steckst.«
»Ich danke dir sehr,« sagte Mariclée. Sie war stumm vor Freude. Ein schönes
Haus in einer schönen Umgebung. Aber davon lebte sie ja!
»Das wäre also abgemacht. Du steigst bei mir ab. Es ist mir eine
Beruhigung.«
»Liebst du mich denn?« fragte Mariclée schüchtern.
»Ich bin dir wirklich sehr ergeben,« erwiderte die Freundin.
Sehr, spontan, doch nie sentimental, gebot sie über keinerlei
Gefühlsvokabularien und ihre Gestalt -- eine der schönsten ihrer Zeit --,
die nie das Mittelbare eines Bildes, sondern stets, selbst in der Bewegung
wie eine Statue wirkte, war das getreue Abbild ihrer Seele. Auch um diese
konnte man ringsherum gehen, nirgends war sie Larve oder Wand, nirgends
eingekeilt. Sie besaß sich ganz, doch ohne sich zu kennen, denn über die
Form ihres Geistes war viel mehr zu sagen, wie über ihre Intellektualität,
und Mariclée hatte viel von ihr gelernt. Sie entwarf jetzt drollige
Schilderungen ihrer Melancholien in dem großen Mietshaus -- empfand sie es
doch stets als eine Befreiung, wenn sie sich selbst zum besten haben konnte
-- mußte aber dabei des schönen Knaben gedenken, der, einen finsteren Lift
auf- und niederziehend, seine Tage dort vertrauerte. Denn er war hilfbereit
und dabei flink wie ein Page zu ihr gewesen, hatte ihr beim Packen
geholfen, ihre Koffer geschlossen und zugeschnallt, ihre Schlüssel gefunden
und sie zur Eile gemahnt, so daß sie ohne ihn nie rechtzeitig zur Bahn
gekommen wäre. Sie erzählte nun von ihm, wie leicht er sicherlich seinen
Dienst in einem großen Hause erlernen würde und wie dekorativ er sei; denn
sie hätte ihm gerne zu einem besseren Dasein verholfen. Die Freundin riet
ihr aber, ihn erst zu verhören und dann seinen Namen der alten Haushälterin
zu geben, die ihr Haus in London bestellte und ihn wohl unterzubringen
wüßte.
Auch Mariclées letzte Nacht möchte der kluge Leser sicher lieber übergehen.
Er setzt voraus, daß sie die Lichter doch wiederum nicht löschte. Dennoch
müssen wir ihr noch einmal auf ihr Zimmer folgen.
Ihre Nachtwache eröffnete sie diesmal damit, daß sie den Brief des
Exemplars beantwortete, aber statt ihm gelassen, wie er sie fragte, zu
erwidern, artete ihr Brief in eine wilde, unordentliche Epistel aus.
»Ich bin der lebende Monat März,« brach sie sehr unnötigerweise aus. »Immer
Knospen haltend, die mir verkümmern, gleich immer einen neuen Büschel, kaum
daß mir der eine in der Hand verwelkte. Ach, ich bin es müde. Ja, ich werde
in London sein. Ich habe ja nur mir selbst Vorwürfe zu machen, ich weiß es
wohl,« fuhr sie fort, »und meine Klagen sollten nur Ihrer Krankheit gelten,
von der ich so wenig weiß, und auf die ich nie eingehe, weil Sie mir nie
davon sprechen.« Aber dann schrieb sie ihm: »Sie wissen, wie sehr ich es
hasse, mich in einem Zimmer wiederzufinden, das ich schon einmal bewohnte,
weil es mir wie ein Spiegel ist, in dem ich mich wohl oder übel selber
konfrontieren muß. Ich war mir selbst hier auf der Lauer, und dabei
erschien mir das Wesen, das ich damals war, zarter, feiner, durchsichtiger
und edler, als das Wesen, das ich heute bin. Denn ich habe zwar die alten
Ängste wiedergefunden, von denen ich Ihnen erzählte, und über die wir uns
oft zusammen unterhielten, doch ohne ihr Gefühl. Denn ich liebte, ja ich
_liebte_ jene Grauen, und wenn auch nicht der Mut, so lebte doch in mir der
Wunsch, ein leidenschaftliches Begehren, mich ihnen anheimzustellen; ich
empfand, welche Schmach es sei, sich vor dem zu fürchten, was man selbst
über Nacht zu werden bestimmt ist, aber ich bin stumpf und tot für sie
geworden, die ich ihnen doch indes um viele Tage näher gerückt, und näher
bin dem Tage, der mich zu ihnen gesellen wird. Ach! warum,« brach sie
wieder ab, »sind Sie immer krank!«
Und obwohl sie wußte, daß er einen so fassungslosen Brief nur mißbilligen
würde, und wie wenig er angezeigt war, schrieb sie dennoch dahin. Denn die
Nächte in diesem Zimmer hatten ihr recht zugesetzt und sie war nicht mehr
auf ihrer Höhe.
Als von dem leeren Gange draußen zwölf Glockenschläge erdröhnten, warf sie
die Feder hin und erhob sich. Nur noch einige Stunden, dann war es Morgen.
Und plötzlich warf sie sich vor ihrem Bette längs der maskierten Türe hin,
rang die Hände und eine Flut von Tränen entströmte ihren Augen. Und sie tat
den Schwur, falls sie ein drittes Mal in dieses Haus einkehren würde, jenem
Schatten, der, wie sie zu fühlen glaubte, nur auf eine Möglichkeit lauerte,
auf sie loszustürzen, mit dem alten Mitgefühl, ja wie mit bräutlich
geöffneten Armen zu stehen, und wenn es etwas wie eine Hilfe gab, etwas wie
diese Hilfe zu sein. Nur heute flehte sie gleichsam zu ihm selbst. Nur
heute kann ich es nicht, denn sieh! mein Geist ist solchen Dingen zu sehr
abgewandt, und zu sehr auf ein Leben gerichtet, das, immerwährend
gefährdet, alle Spannung meiner Seelenkräfte erheischt und »heute ist nicht
meine Stunde«.
Mariclée hatte eine Art, sich den »Dingen« gegenüber engagiert zu fühlen,
und einsehen gelernt, daß in ihr das Leben nicht wohl eingedämmt war,
sondern an irgendeiner schadhaften oder eingerissenen Stelle immerwährenden
Einlaß für jede Strömung beließ, und sie hatte entdeckt, daß es viel
weniger warm in ihr pulsierte als ihr Herz. Ob auf Grund eines Defektes
oder einer Qualität, hätte sie nicht zu sagen gewußt, aber sie wußte, daß
sie das Leben auf eine etwas _geisterhafte_ Weise vergötterte, und sie
glaubte den okkulten Dingen, welche sie doch scheute, sich nicht entziehen
zu dürfen, infolge der Schatten, von welchen sie selbst wie befleckt war.
In dieser Nacht kam sie auf einen Gedanken zurück, der uns noch zu sagen
bleibt. Sie hatte einige Bücher vom Fach genommen, sie mit ihrer
Schreibmappe und ihrer Nähschachtel aufs Bett gebracht, und sich häuslich
darauf niedergelassen. Dies war bei ihr nichts Sonderliches. Ein Bett, das
von ihr bezogen wurde, gewann sehr leicht den Anstrich eines Wohnzimmers,
die Bücher lagen wie auf einem Tische darauf verstreut, und man konnte sich
zwar denken, daß hier jemand schlief, sofern er einiges beiseite rückte,
doch nur so nebenbei. Heute aber wollte ihr kein einziges zusagen, und sie
fühlte sich außerstande, zu lesen, die Geschichte des toten Hundes und
Chandieus Geständnis fanden mit einem Mal eine Resonanz und einen
Nachdruck, die sie ganz erfüllten. Sie sah den armen, irr gewordenen Hund
entsetzten Auges auf die Türe starren, schäumen und sich sträuben. Doch was
ihr am lebhaftesten dabei vorschwebte, war die Fülle, das köstliche,
begehrenswerte Element, das in seinem aufgescheuchten Blute, und seinem
lodernden Blick den kurzen, aber alles überbietenden Triumph beging. Er war
längst tot, dieser lebenbehauptende Hund, viel toter als das neidisch
lechzende Gespenst, dessen Welt ihm so ewig fremd bedünkte. -- Denn in der
Tat: wie sänftiglich war der Gedanke an den zu Staub zerfallenen Hund, und
wie erweiterte sich die Kluft zwischen Mensch und Tier im Tode, der sie
doch gleicherweise schlug. »Tod, wo ist dein Stachel?« schlug da, grell wie
eine Flamme, der Sinn jener versteckten Frage in ihr auf. Sie griff zur
Bibel, zu müde, sie zu halten, entfiel sie ihr. Doch ihr Geist trieb jetzt,
wie von Fittichen getragen, heimischen Bereichen wieder zu. Wenn sie dem
Leben gegenüber stets etwas wie im Nachteil sich befand, so durfte sie
dafür so stille Buchten des Gedankens in sich bergen, daß sie, die so
kümmerlich Umfriedete, stets die Gesicherte und Gerettete war.
Ihre Fühlung zum Christentum hatte zwar viele Wandlungen erfahren, und ließ
nie ab, sich umzugestalten und zu verschieben. Für nichts war ihr Auge so
hart und so geschärft, wie für die Scheidungen, die hier zwischen Kern und
Schale vorzunehmen waren. Ja in ihrem Hang ihn immer reiner zu schälen,
konnte sie sich gar nicht genug tun, und immer weitergehend hatte sie auch
längst die Frömmigkeit von ihm gesondert, die, ihrer Meinung nach, dem
Christentum so wenig inhärierte, wie etwa die Sentimentalität dem Gefühl.
Sie galt ihr nur wertvoll als der Moment, dem die mittelalterliche Gotik
das verdiente ewige Relief verlieh, aber wie diese zugleich nur eine Phase,
und als solche weder festzuhalten, noch wieder zu beleben. Auf ihrer Bahn
immer weitergehend, oder besser gesagt, sich immer mehr entfernend, glich
ihr Rückzug letzten Endes einer Flucht, auf der sie immer mehr preiszugeben
und immer weniger zu retten fand. So erreichte sie glücklich ein Gestade,
zu dem auch nicht ein Echo mehr von all den verkehrten Zeitläuften
herüberdrang, denen eine zu erhabene Idee naturgemäß zum Opfer fallen
mußte; und so war ihr wachsender Indifferentismus nicht der Skepsis,
sondern dem Glauben entsprungen. Von übermächtigen Aversionen angetrieben,
hatte sie indes vielfach unbewußt und doch mit allen Mitteln unablässig um
die Mysterien gerungen, die hinter schwerfälligen Riesendogmen weit
versteckt und entzogen sind, bis sie sich einen Christus »herausschälte«,
der den meisten sicherlich profan erschienen wäre, ihr aber ein letztes,
absolutes Genügen, ein restloses Entzücken gewährte. Denn dieses, schien
ihr, wäre ein schlechtes Erlösungswerk, das nicht im Prinzip die endliche
Verjährung in sich trüge, und dies wäre ein trauriger Christus, bei dem von
dem Gekreuzigten nie abzusehen wäre . . . . Nicht eher, schien ihr, würden
die Zeiten sich erfüllen können, als bis dies langsame Geschlecht die
_zwei_ Gesichter eines Gottes anerkannte, der infolge seiner Mission sich
zwar auch den Einfältigen und Toren und dem gemeinen Volke zuzukehren
hatte, aber, wie alle Götter, als ein aristokratischer Gott sein wahres
Antlitz nur den adeligsten Geistern entschleierte. Dies aber war sein
Überwinderantlitz, das des Grabessprengers, der die entschwundene Antike
aus der Versenkung heben und sie von dem Fluch einer vorweg genommenen,
daher vergebens vindizierten Lebensfreude erlösen würde. Durch ihn führte
ein Pfad zu dem gelobten Land der Griechen und den verbannten Göttern
zurück. -- Auf ihren Katholizismus, der ihr von anderen Katholiken gern
bestritten wurde, tat sie sich nämlich viel zugute. Sie hielt ihn für viel
würdiger als den der anderen, die, ohne zu denken, sich bescheiden wollten,
während sie den Gedanken, der ihn trug, so stark gefunden hatte, daß sie
ihn, wie ein großes Kauffahrteischiff, mit allem befrachtete, was die Welt
an geistigen Werten enthielt, und ihm außer den neun Musen con allegria den
ganzen Olymp, außerdem die heterogensten Passagiere aufzuladen verstand.
Infolge ihrer hohen Meinung von der Tragfähigkeit jenes Gedankens war sie
von einem geradezu uferlosen Liberalismus, aber auch eine ganz grimmige
Anti-Klerikalistin, und Mönchen und Pfarrern begegnete sie auf der Straße
gar nicht gern; wo sie mit einem zusammentraf, was selten genug vorkam, da
sie es wohl zu vermeiden wußte, fand sie nach ein paar Worten meist Grund,
das Gespräch wieder abzubrechen. Dagegen hatte sie in Rom einen
französischen Monseigneur kennen gelernt, einen illustren Gelehrten von
europäischem Rufe, der seine Religiosität hinter einer Maske von
vollendeter Ironie verbarg, die alle Frömmler erbitterte. Und dabei
lavierte er so geschickt, daß die Leuchte seines Ruhms einer Partei
erhalten blieb, die immer Miene machte, ihn auszuweisen, und er einen Bau,
der nirgends mehr zusammenhielt, und statt niedergerissen und neu errichtet
zu werden, nur ein Dach auf seine Schäden setzte, zu schilden fortfuhr,
weil er die ewigen Fundamente dieser geborstenen Mauern sondiert hatte.