Don Juan zeigte sich bei Tische, wo er Mariclées Nachbar war, als ein
ungewöhnlich begabter und vielseitiger Mann und wie einer selbstgefällig
seine Hand ausstreckend, geschliffenes Glas im Lichte dreht und wendet, so
drehte und wendete er ihr alle Fazetten seines Geistes zu und ließ sie
funkeln und gefiel sich mit viel Natürlichkeit und noch mehr Geschick an
seinem eigenen Feuer. Es trug niemand eine Tiara und sie waren nur zu
sechs: Don Juan und Mariclée, ihre Freundin, deren Gatte Lord S., seine
Mutter und seine Schwester. Mariclée hatte nicht gedacht je wieder hier zu
sein, und wie fühlte sie sich doch wieder mit ihren innersten Fibern an
dies prunkvolle und interessante Haus gewöhnt, als sei etwas von ihrem
Geiste all die Weil in diesen Mauern zurückgeblieben. Wie hatten sie selbst
die Schauer der oberen Zimmer wieder angeheimelt, da sie die alten
Eindrücke so unverändert wiederfand. Die Pracht der Möbel, der Gobelins und
Kamine war es ja nicht allein, denn in Museen sieht man vereinzelt, wie
ausgestopft, solche Stücke. Sondern überall das Zusammentönen und -leben
dieser stillen Truhen, dieser alten Teppiche, dieser seidenen Draperien und
Quasten, mit den schlanken Fachkästen und Stühlen und dem kunstvoll so rein
und naiv gewundenen oder skulptierten Holz. Wo an den niedern Wänden der
Raum nicht von den Wappen mit den ausgehauenen Löwen ausgefüllt, oder
köstliche Schreine eingelassen waren, zogen sich durch jene oberen Zimmer
hindurch früh mittelalterliche Gobelins. Lange Prozessionen schritten da
einher, Könige, Bischöfe und Heilige; edle Jungfrauen blickten rührend und
ernst, und hinter dem Stuartbett heute wie damals eine geheimnisvolle
schöne, eine große, weinende Gestalt. Alles dies hatte sie schon erlebt und
ihr stilles Wiedererkennen war ein inneres Grüßen. Ob es die Gespenster
schon wußten, daß sie wieder gekommen war?
Man hatte sich nach Tische in den großen Saal verfügt, und Mariclée war mit
ihrer Kaffeetasse an das äußerste Ende gegangen, und staunte wie die
Beauvais, die alten Möbel und Bilder, die ausgeschüttete Pracht kostbarer
Dinge hier wie zu leuchtender Musik zusammenflossen, als sie plötzlich
merkte, daß Don Juans schwerer Blick auf ihr ruhte. Aber sie hielt ihn aus
und lächelte ein wenig, ein Lächeln, das ihn intrigierte, weil er es nicht
verstand.
Und dann saßen sie alle beisammen und man sprach für den Rest des Abends
von nichts anderem mehr, als von Politik. Es war der Sommer, in dem es in
ganz England nur ein einziges Thema gab: Das Budget; und Mariclée dachte
für den Rest des Abends nur mehr an dies Budget, das sie nichts anging.
Es war schon vorgeschrittene Nacht, als sie auf ihr Zimmer kam. Der weiche
Glanz der mächtigen Hänglaternen vermochte so wenig wie die Morgenstrahlen
die Düsterkeit dieser Gänge zu verscheuchen, als könnten Jahrhunderte
nichts daran rücken. Sie dachte an den jungen Mann, der damals ihr
gegenüberwohnte. Was mochte wohl aus ihm geworden sein? Da öffnete sich
dieselbe Türe und Leporello glitt mit einer Wasserkanne aus dem Zimmer
seines Herrn: sie sah im Fluge schimmernde Spiegel, anheimelndes
Kerzenlicht, und wohl an die zwanzig Schuhe am Boden hingereiht. Ach,
morgen früh würde er Glenford schon verlassen! sollte sie denn wieder wie
damals diesen Flügel ganz allein bewohnen? Aber gottlob, neue Gäste waren
ja erwartet! mochten sie _drei_ Diademe übereinander tragen!
Und sie betrat ihr Zimmer; blickte auf ihr Bett, auf die maskierte Türe.
Wie illusorisch war die Zeit! es gibt vergangene Dinge, die nicht vorüber
sind, ob wir sie auch vergaßen. Und _eine_ Nacht von ihren damaligen
Nächten war geblieben. Denselben Ton, dieselbe Stimmung nahm sie wieder mit
innerem Erblassen wahr. Aber sie traf ihre Maßregeln, drehte das Licht
nicht ab, sondern umflorte es mit einer rosa seidenen Schärpe.
Am nächsten Morgen hörte sie die Stimme ihrer Freundin, die vom Garten aus
nach ihr rief. Sie folgte ihr und beide gingen plaudernd die Terrassen auf
und nieder, als Don Juan aus dem Hause trat und sich zu ihnen gesellte; es
hatte sich ein Irrtum mit seinem Zuge herausgestellt und vor Nachmittag
konnte er nicht fahren.
Die Sonne stieg höher und sie setzte sich mit den beiden unter einen Baum,
dessen mächtiges Gezweige einen weiten Schattenring am Rasen zog. Sie
gerieten bald sehr eifrig ins Gespräch. Das intellektuelle Prestige der
Deutschen ist in England ebenso enorm, wie ihre Unbeliebtheit; so viel
hatte Mariclée schon heraus. »Daß die Engländer die Deutschen nicht
kennen,« sagte sie, »ist nämlich gar nicht wahr: Deutsche und Franzosen
kennen einander nicht, aber zwischen uns und England besteht nichts
anderes, als ein durch das Tantengetratsch der Zeitungen immerwährend hin-
und hergetragner Bruderhaß. Wenn wir einmal zu einer Verständigung kommen,
gibt es eine Familienfeier, wie sie kolossalischer nie dagewesen ist.«
»Und inzwischen das Tempo, mit dem ihr eure Dreadnoughts beschleunigt!«
warf ihre Freundin ein.
»Und inzwischen euer Argwohn!« seufzte Mariclée.
»Unser sehr berechtigter Argwohn,« schloß Don Juan.
Und wohin sie in England kam, es hallte ihr über die Deutschen nirgends ein
anderer Ton entgegen!
Zum Schluß natürlich -- wie wäre es anders möglich gewesen? -- sprachen sie
von Liebe.
Es war zuvor von Politik die Rede gewesen, und es reizte Mariclée, Don Juan
gegenüber die These zu verfechten, die Politik sei eine passionelle Ader
und ein großer Staatsmann könne nicht zugleich eine Laufbahn als homme à
bonnes fortunes verfolgen; sie zitierte dabei Bismarck, Beaconsfield und
Gladstone.
Don Juan, der wie so viel andere Konservative, bei den letzten Wahlen
seinen Sitz im Parlament verloren hatte, wollte dies nicht gelten lassen.
Er nannte Goethe und Napoleon; allein sie ließ den einen ebensowenig als
einen wirklichen homme à femmes gelten (Napoleon nämlich) wie den andern
als eigentlichen Staatsmann. Er sammelte flugs andere Leute und schickte
englische Politiker ins Treffen, deren Biographie sie nicht genügend
kannte. Übrigens war er bezaubernd. Es ist hart zu sagen, aber nicht die
Liebe, die man hegt, sondern etwas so Abhängiges, wie die Liebe, die man
einflößte, diese ist die abtönende und feilende Kraft, die so wenig für
unseren Wert, aber so einzig für unsere Geltung entscheidet. Was ihn trug,
war nicht sein eigenes Feuer, noch die Gefühle, die er etwa empfand,
sondern es war die Gewalt, welche ihm die Frauen zugestanden, und der
Reflex _ihres_ Blutes, nicht das Spiel seines eigenen, hing ihm wie ein
Purpur an. So war es nur natürlich, daß er die Liebe als etwas so
Unentrinnbares hinstellte. »Unentrinnbar?« wiederholte fragend Mariclée und
ließ ihre Blicke in die Ferne schweifen. »Ist sie so einfach? Unser Hang in
eure Arme zu sinken ist doch ebenso elementar wie unsere Scheu euch zu
verfallen. Ihr glaubt nicht recht daran, weil es ein Zug ist, der euch
fehlt. Denn ihr seid uns zwar untreu, jedoch nicht abgeneigt.«
Es amüsierte sie so, ihm das zu sagen.
Und diesmal widersprach er nicht, nur wollte er diesen »Zug« sehr einfach
auf einen Instinkt der Selbsterhaltung zurückleiten; die Liebe griffe so
ungleich mächtiger in unsere Organismen ein, daß die Natur selbst in
größerer Zurückhaltung Schutz suche. Aber dies war den Freundinnen doch
nicht subtil genug. Freilich destillierten sich die höchsten Dinge aus den
primitivsten, aber wie ein Grundstein die erste Bedingung zu schwebenden
Pfeilern sei. Man brauche ihn nicht zu sehen und für das Bild des Ganzen
sei er unbeträchtlich.
Und so disputierten sie hin und her, um sich dann wieder auf irgendeinen
Scherz des Don Juan hin zu einigen, bis sie die Luncheon-Glocke unterbrach.
Bei diesen Luncheons fand Mariclée vor allem zwei Dinge nach Wunsch: daß
man seinen Hut aufbehielt (man zog meist bis gegen Abend damit herum) und
daß man sich selbst bediente. Der butler und sein Generalstab erschienen
nur zu Anfang, reichten einiges herum und zogen dann wieder ab. Auf den
mächtigen Seitentischchen brannten Flämmchen unter den silbernen
langstieligen Kasserolen und warfen Reflexe auf die farbigen Teller, das
Gold und Silber der Bestecke, die feierlichen Platten, die da warteten.
Nichts aber von allen Speisen schien ihr so prächtig zu einem Stilleben
geeignet, wie zerlegte grouse. Die Teile schichteten sich mit so satter
Kompaktheit auf, der Ton des Fleisches, mit seiner, wie in sich ruhenden
Fülle, war so souverän, daß zu ihm gehalten solch alltägliche Dinge wie
Indiane oder Fasane jede künstlerische Berechtigung verloren. Es war das
Ideal.
Mariclée ging eben mit ihrem Teller spazieren, als eine junge und sehr
elastische Gestalt, die ganz mit Schleiern und hellen Tüchern bedeckt
schien, zur Tür hereinwehte. Es war die Herzogin von R. . . Sie sah aus,
als käme sie von einem Ritt durch die Wüste und sei soeben vom Höcker ihres
Kamels herabgeglitten; es stand aber nur ihr Auto draußen auf dem Kies und
sie war gekommen, um den Don Juan darin mitzunehmen. Erst als sie den
Schleier von ihrem Gesichte zurückschlug, sah Mariclée, daß die Jugend von
ihr entwichen war. Wenn aber eine junge Schönheit uns entzückt, so haben
die Reize einer schön _gebliebenen_ Frau etwas, das uns begeistert. Ist die
Zeit etwas so Niedriges, dachte sie bei ihrem Anblick, daß alles, was ihr
widersteht, so edel wirkt?
Es kam auf der Stelle und unter großem Wehklagen die politische Lage zur
Sprache. Daß Tags zuvor ein englischer Pair im Parlament übel bestanden
hatte und die Liberalen die besseren Führer aufwiesen, war ein Grund mehr,
gegen sie erbittert zu sein. Der Name Churchill, der in Deutschland so
bereitwillige Erwähnung findet, war in diesen Kreisen geächtet. Er hatte
soeben in einer glänzenden und insolenten Rede die Herzöge arg zerzaust,
und diese immens reichen Herren, die Roseberry those poor but honest dukes
zu nennen gewagt hatte, ironisiert. »And we _are_ so poor!« klagte die
Herzogin.
Man war von Tisch aufgestanden und hatte sich in die Halle verfügt, denn es
war dort am kühlsten. Mariclée schlich indes in die Bibliothek, um diese
Rede, die ihr entgangen war, nachzulesen. Sie brauchte eine ganz Weile, um
sie herauszufinden, vergrub sich dann mit ihrer Zeitung in einen tiefen
Lehnstuhl und machte sich gewissenhaft darüber. Da ging plötzlich die Türe
auf, und Don Juan trat herein.
»Ich komme mich zu verabschieden«, sagte er. Und wie er vortrat und
lächelnd auf sie zukam, und ihre Hand faßte, und sie hielt und die Hoffnung
aussprach ihr wieder zu begegnen, so daß unwillkürlich ihre Haltung der
seinigen entsprach, und sie ihn ansehen und ein wenig lachen mußte, -- das
Ganze war ein Meisterstück. Weiß doch ein Frauenkünstler so geschickt mit
ihnen umzugehen wie ein Virtuos mit seiner Geige. Zwar kannte sie ja die
Art, und das Prinzip war überall dasselbe: selbst nach flüchtiger Begegnung
leichthin den Schein anzunehmen, als sei ein Eindruck hingenommen worden,
einzig zu dem Zwecke, daß ein Eindruck hinterbliebe.
Aber aber -- -- -- zufällig war ihr schon der Don Juan Deutschlands und
Frankreichs, Don Juan d'Austria, ja sogar der Süditaliens begegnet. Und
nichts sieht einem Erleben so ähnlich wie ein Erkennen.