Mariclée ging in die Halle zurück und fand dort ihre Freundin im Gespräch
mit der Herzogin, die, wieder ganz verschleiert, aussah wie Scheherazade.
Als die beiden Frauen sie gewahrten, lächelten sie, als müßten sie lächeln,
weil sie daherkam, da sie eben von ihr sprachen. Mariclée bemerkte es, aber
an keinem Ort der Welt fühlte sie sich so sicher. Ihre Freundin besaß eine
starke Eigentümlichkeit, ohne daß man je versucht gewesen wäre, sie
eigentümlich zu nennen. Sie hatte so viel in der Welt gelebt, daß eine
natürliche Anlage die Menschen zu behandeln, wie es ihnen am wohlsten tat,
sich bei ihr so ausgebildet hatte, daß es kaum mehr eine Intuition, schon
mehr ein Instinkt zu nennen, war. Sie hatte Routine wie ein anderer eine
Glatze, sie war taktvoll, wie ein anderer korpulent ist, das heißt es war
ihr zur Natur geworden. So verfuhr sie mit Mariclée unwillkürlich, als wäre
diese von Glas, und in der Tat war sie, obwohl gar nicht empfindlich, im
höchsten Grade zerbrechlich. Ließ man sie im Stiche, so fiel sie
allsogleich um, und wenn sie nicht sehr behutsam zwischen zwei Fingern
gehalten wurde, lag sie gleich in Scherben. Dann war sie weder Seele noch
Leib, nur mehr ein sichtbares Stück Unbehagen, das sich nach Unsichtbarkeit
sehnte, ungefüge und erloschen.
Don Juan hatte der schönen Herzogin in den Wagen geholfen und entschwand
mit ihr durch dieselbe Allee, durch die er tags zuvor mit Mariclée
einherzog. Sie folgte jetzt der Freundin, die sie vom Peristyle aus gerufen
hatte und trat mit ihr ins Freie. Der Ausblick war hier von einer
unerhörten Düsterkeit. Hatte sich Glenford mit dieser Landschaft oder diese
Landschaft mit Glenford in Einklang gesetzt? Sie gemahnte an die
machtvollen und zugleich unerbittlich verfallenen Shakespeareschen
Königsdramen. Und welcher Meister hatte diese flachen Beete, diese
Senkungen und diese in ihrer Gepflegtheit so selbstherrlichen Plane gelegt,
die bis an den Saum der tiefen Wälder reichten, und den gesteigerten Ton
dieser Natur noch erhöhten? Mariclée dachte an die erwarteten Gäste. Wo
blieben sie nur?
»Komische Leute!« sagte da plötzlich Lady S. »Man hat doch seine Tage so
ausgerechnet. Unsere Freunde wollen am Freitag kommen, aber Samstag fahren
wir ja selber nach Schottland. Ich kann sie natürlich nicht haben.«
Da warf Mariclée einen stummen Blick zu den Bäumen empor, die wie starke
Tore gegen Norden die Mulde versperrten. Heute ist Mittwoch, dachte sie,
also drei Nächte! Im übrigen ließ sie sich nichts merken, sondern zeigte
sich gesprächig und heiter, erzählte und ließ sich erzählen, aber abends
dehnte sie das Zusammensein möglichst lange hinaus. Die anderen hatten sich
schon eine gute Weile zurückgezogen, als sie mit der Freundin die weite
Treppe hinaufging. Auf dem Freiplatz trennten sie sich und Mariclée wollte
in ihren stillen Gang einbiegen, da durchschauerte sie ein plötzlicher
Frost. Im selben Augenblick fühlte sie sich am Arme erfaßt!
»Du fürchtest dich!« rief ihre Freundin.
Aber Mariclée machte sich auf der Stelle von ihr los.
»Wovor denn?« fragte sie mit dem natürlichsten Lachen der Welt.
»Keine Torheiten. Es ist doch so einfach, daß ich dir eine Jungfer
schicke!«
»Und ich muß dich wirklich bitten, mich damit zu verschonen, ich fürchte
mich kein bißchen. Wovor soll ich mich fürchten?«
Und sie tanzte den Gang hinab.
»Ich würde es dir wirklich sagen,« lachte sie noch an der Türe. Und sie
schlüpfte in ihr Zimmer hinein. Dort sank sie in einen Stuhl. Das mit der
Jungfer war nämlich durchaus nicht so einfach; sie wußte von früher her
genug törichte Stücke von den Glenfordschen Leuten. Man hatte das ganze
Personal längst unter Dach nach einer anderen Himmelsrichtung
untergebracht. Und dann hatte sie kein Verlangen, ihre Gespensterfurcht so
fraternisieren zu lassen. Denn sie tat sich etwas darauf zugute. Allein sie
glaubte wahrhaftig, wenn Don Juan nur noch bis zum Abend geblieben wäre,
sie hätte sich zu seinen Füßen gestürzt, damit er sie nicht allein ließe.
Denn sie verging vor Angst. Zwar nur von jener Türe drang sie wieder auf
sie ein. Warum war sie jetzt maskiert? Und von neuem dachte sie an den
Marquis von Chandieu, der bei ihrem letzten Besuch ihr Nachbar gewesen war,
und sie immer so eindringlich nach ihren Eindrücken befragt hatte. Aber
damals hatte sie keine zu verzeichnen, es war alles erst nach seiner
Abreise geschehen. Wie stolz hatte sie ihn damals angehört! Wie hatte sie
sich innerlich gebrüstet, wenn er ihr seine gestörten, schlaflosen Nächte
gestand, während sie so gänzlich unangefochten von derlei Nervositäten
blieb. Was war aus ihm geworden? Warum hatte sie all die Zeit hindurch
niemals an ihn gedacht? Und warum, da sie ihn so vergessen hatte, war er
ihr mit einem Male so gegenwärtig, als müßte sie aufstehen und den Gang
überschreiten und ihm erzählen, wie alles über sie gekommen und sie eins
geworden war mit ihm in ihrer Angst, aber viel später, erst eine Woche
nachdem er so plötzlich verreiste, und sie allein in diesen Gängen und
dieser Flucht von Gemächern zurückblieb. Und plötzlich überkam sie eine
große Reue, daß sie es nie getan hatte, und sie nahm sich vor (des Nachts
faßte sie immer sehr viele Vorsätze) es nachzuholen. Es würde das erste
sein, daß sie sich morgen nach ihm erkundigte.
Sie rückte ihren Schreibtisch zurecht, und bereitete sich vor, ihre
Briefschulden zu tilgen. Denn seitdem sie nach London gefahren war, hatte
sie keinem Menschen geschrieben. Sie faßte geschäftliche und Freundesbriefe
ab und warf sie dann auf den Tisch. Von Zeit zu Zeit blickte sie auf und
sah auf die Türe. Nur eines hätte sie nie ertragen: das Licht zu verlöschen
und dieser Türe den Rücken zu kehren. Erst als der Morgen graute, legte sie
sich auf das Bett und dort wollen wir sie eine Weile schlafen lassen und
erzählen, was für Erinnerungen es denn waren, die sich für sie an dieses
Zimmer ketteten.
Als sie vor ein paar Jahren zum erstenmal nach Glenford fuhr, hatte sie
nicht nur von seinen Ländereien, dem langen Saale mit den elf nach Westen
stehenden Fenstern, der Minnesängergalerie, Straffords berühmtem Porträt,
und all den Bildern und historischen Schätzen vernommen, sondern auch von
den Gespenstern, die seit Jahrhunderten hier umgehen sollen. Die Aussicht
auf eine Bekanntschaft mit ihnen wollte sie mit gespannter, aber heiterer
Neugierde erfüllen. Steht doch selbst der Leichtgläubigste solchen Dingen
skeptisch gegenüber, weil er fühlt, daß sein Leben alles Gespenstige so
siegreich ausscheidet, wie das Licht die Finsternis; und darum macht es ihm
Spaß, wenn er von jenen leeren Schemen -- zu welchen er zwar selbst über
Nacht gehören kann -- wie von etwas »Wirklichem« Kunde erhält.
Schlaflos war sie damals die Nacht hindurch via Ostende gefahren. Draußen
graute kaum merklich der Tag über ein baumloses, flaches, unsäglich trübes
Land. Hie und da streckte eine Windmühle wie verzweifelt ihre bretternen
Arme aus und erhöhte noch den Eindruck von Verlassenheit und Öde. Und in
jenem unendlichen, schattenhaften Grau, das den Himmel und die trauernde
Ebene erfüllte, wollte endlich auch ihr Bewußtsein ruhen und versinken.
Aber kaum eine Minute lang!
Denn als sie erwachte, lag nach wie vor matte, unklare Dämmerung über das
Land gebreitet, und zugleich rief ihre erschrocken ausgestreckte Hand ein
anderes Bild in ihr wach, das unvergeßlich, sie wußte es wohl! zwischen ihr
und der Außenwelt entstanden war.
Welcher Unhold hatte sie da so unvermittelt und so willenlos über eine so
fremde Schwelle geführt?
Durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer angebrachtes Fenster schien das
Abendlicht unsäglich bange in ein schmales, verließartiges Zimmer schräg
herein; und sie erblickte da in einem hohen Lehnstuhl, der aber nicht
entfernt bis zu dem Fenster reichte, die Umrisse einer zarten und kostbar
gekleideten, aber schon sehr alten Frau: -- zwei langgestreckte seidne
Locken, deren Enden sich ätherisch lösten, umschimmerten ihre klaren Züge;
ihre reizende Hand hing ernst und traurig herab, und den Blick hielt sie
gespannt, erwartungsvoll auf Mariclée gerichtet. Als diese aber, seltsam zu
ihr hingezogen, nähertrat und in der sinkenden Dämmerung sie zu erkennen
suchte, da zerfiel, zersetzte, _zerfetzte_ sich ihr Angesicht vor ihren
Augen zu dem eines grauen, unnennbaren Gespenstes, und schaudernd streckte
sie die Hand aus, um den furchtbaren Anblick von sich abzuwehren.
Am Abend dieses selben Tages war sie in Glenford. Und der Zufall fügte, daß
gleich während des Diners von den Gespenstern des Schlosses gesprochen
wurde, ein Thema, das in Gegenwart der Eigentümer für gewöhnlich
ausgeschaltet blieb. Dies rief nun unverzüglich ihre eigenen Erinnerungen
wach; ihr, meinte sie, hätten Glenfords Gespenster wohl besondere Ehren
zugedacht, da ihr ja schon eines bis übers Meer entgegenfuhr. Und lebhaft
schilderte sie das seltsame Gemach, seine eigentümliche Lage und das
Gesicht, das sie am Morgen dieses Tages erlebte, hielt aber betroffen
mitten in ihrer Erzählung inne, als sie die plötzliche Stille und die
überraschten, gespannten Mienen rings um sie her bemerkte.
Einer der Gäste, ein Herr von Chandieu, ging nach Tische auf sie zu und bot
sich ihr als Führer an für ihren morgigen Rundgang durch das Schloß. Er
bestand darauf mit einer eigentümlichen Bestimmtheit, als gälte es einen
Vertrag, oder meinetwegen ein Engagement für einen Walzer, den man aber,
einmal vergeben, nicht mehr mit einem anderen tanzen dürfe.
So zogen sie denn Tags darauf durch die herrlichen, doch so umdüsterten, ja
wie untröstlichen Gemächer. Und von der schweren Stimmung, die darin
herrschte, überkommen, fühlte jeder sich allein und vergaß des anderen,
vergaß sich selber, und verstummte. Denn wie in sehnsüchtiger Abendröte,
atmete und verweilte hier noch die weite Vergangenheit. Als sie endlich die
Plattform eines breiten, turmförmigen Vorbaues betraten, der den Übergang
bildet zwischen dem Schloß und der noch älteren Abtei, sagte Chandieu:
»Noch ein Zimmer muß ich Ihnen zeigen,« und deutete auf die Wand. Eine
Eckmauer höhlte sich hier zu verschiedenen Windungen und Stufen und führte
plötzlich zu einer Versenkung und einer Türe. Sie traten ein, zwischen den
Quadern verborgen hineingebaut, hing da wie ein Lift ein hohes schmales
Gelaß. Schwermütig fiel das Licht durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer
angebrachtes Fenster, und ein hoher Lehnstuhl, der aber nicht entfernt bis
zu dem Fenster reichte, stand davor. Mariclée begegnete Chandieus
fragendem, gespanntem Blick und erschrak. Zu genau war ihr schon der
Anblick, die unheimliche Lage dieser Kammer und ihre bange Atmosphäre
bekannt!
Indes erfüllte es sie mit unbeschreiblicher Genugtuung, daß die teilweise
Bestätigung eines gespenstigen Traumes sie nicht ängstigte, um so mehr als
die Inhaber der sogenannten Stuartzimmer sich über ihre schlaflosen Nächte
unumwunden äußerten. Dabei wußte man von diesen Räumen sowie von dem
anstoßenden Prunksaal, den der König während seines jährlichen Besuches
bewohnte, gar nichts Schauerliches zu berichten. Sie hingegen wohnte auf
der Ostseite nicht nur ganz allein, sondern ihre Türe führte direkt in das
große, in gelbem Damast und Silber ausgeschlagene Paradezimmer, das für die
»schwersten Gespensterfälle« notorisch war.
Nach einigen Tagen reisten die anderen Gäste, und mit ihnen Chandieu, ab,
und infolgedessen stand nun der ganze obere Teil des rechten Schloßflügels
leer; Mariclées Freunde forderten sie wiederholt auf, in ein anderes,
bewohnteres Stockwerk umzuziehen, allein sie weigerte sich auf das
entschiedenste, denn jetzt war alles so schauerlich und schön, und es
gefiel ihr erst recht. Sie besaß indes für Geister offenbar doch keine
Attraktion. Denn weder »das Mädchen«, noch »der Mönch«, noch der »cuddling
ghost«, noch die alte Dame, die sie doch kennen mußte, bemühten sich zu
ihr.
Da eines Nachts fuhr sie aus tiefem Schlafe von diesem Bette empor, warf
sich mit einem Satze blindlings gegen die Ausgangstüre, drehte dort
blitzschnell das Licht auf, und stürzte dann zu Boden. Verwundert blickte
sie in dem hellerleuchteten Raume umher. Was war geschehen? sie konnte sich
auf nichts besinnen. Warum lag sie zu Boden? und warum fühlte sie ihren
Blick umtrauert, wie ein vom Nebel umdüstertes Licht? Warum? Nur ein
Gedanke: Licht zu schaffen, hatte ja in ihr gelebt. Aber welch höllisches
Entsetzen hatte sie dann niedergeworfen und jagte sie von neuem, bevor sie
es faßte? -- Ach, jenes Licht, sie hatte es entfachen _müssen_, damit sie
die Erschütterung ertrug, die ihr jetzt das Bewußtsein brachte! sie war
nicht erwacht, sie war geweckt worden.
Erst als Tageshelle ihr Zimmer erfüllte, löschte sie, und trat ans Fenster.
Allein die Frühluft, die jetzt so froh zu ihr hereindrang, verscheuchte
nicht, wie sie es hoffte, die Grauen dieser Nacht. Der silberne
Morgenhimmel lehrte ihr nur, daß sie den Mut nicht finden würde, ja daß ein
unheimlich seltsamer Widerwille sie erfüllte, ihre untatsächlichen
Erfahrungen zu bekennen, als hafte etwas Totenhaftes an ihr, weil sie sie
erlebte. Und darum blieb sie in diesem Zimmer und schwieg. Aber sie ließ
ihre Lichter immer bis zum Sonnenaufgang brennen, und die Furcht vor einem
Erwachen, wie sie mit Bestimmtheit glaubte, es in seiner Unnatur ein
zweites Mal nicht zu ertragen, hielt Nacht für Nacht ihre Wachheit rege.
Und sie saß aufrecht und horchte. -- Gerührt vernahm sie das Rauschen der
Bäume, oder wenn ein Nachtvogel sich bewegte. Und sie horchte entsetzt --
wie ein Scheinlebender -- auf den unhörbaren Lärm, auf die feindselige
Luft, und durch alle Ritzen und Gänge hindurch die zerrüttete Ruhe. Welcher
Sinn war in ihr erwacht für die finsteren Flammen, lechzend wie das Leben
reißender Tiere vom Leben Verstoßener? für dies Wehen wie von
Schmerzensfaltern, der schweren Raupe des Verbrechens entflattert! Denn es
schien, als dürsteten sie nach ihr, als richte sich ihr Ansturm gegen eine
verwundbare oder gefahrvolle Stelle, eine Bresche in ihrem innersten
Selbst.
Dabei hing es oft an einem Haar, daß sie über alles dies nur lachte.
So drehte sie eines Nachts das Licht ungeduldig wieder ab und lag vor
Müdigkeit wie eine Schnecke zusammengerollt, ganz jenem Gefühl des raschen
Versinkens anheimgegeben, das uns umfängt, wenn der Schlaf, wie ein guter
Riese, unser Bewußtsein davon trägt.
Allein wie eine unrechte Beute ließ er sie jäh fallen. -- In der
Schnelligkeit, mit der sie nach dem Lichte auffuhr und ans Fenster stürzte,
hatte sie Decken und Tücher mit fortgerissen: ihr Blut wie in Flucht
geschlagen, hämmerte in ihren Schläfen, als dränge es den Augenhöhlen zu
entströmen, und in dem glänzenden Gemache, wie in einer Zelle eingemauert,
fühlte sie sich von der Nacht, die beglückt da draußen flutete, geschieden.
Und wie das erste Mal, kam jener unbeschreibliche und haßerfüllte Schatten
eines Hauches von jener Tür. --
* * * * *
Aber wir müssen zu Mariclée zurückkehren, denn sie ist schon erwacht. Ein
leises Klopfen scheuchte sie aus dem Schlafe und gleich darauf ertönte eine
Glocke. Es half ihr nichts, nach ihrer Uhr zu sehen; sie hatte wieder
einmal vergessen sie aufzuziehen. Sie eilte sich nun so gut sie konnte,
denn die Mutter des Hausherrn, die mit ihrer Tochter im Erdgeschoß wohnte,
war eine sehr alte, aber sehr pünktliche Dame, und Mariclée wollte nicht
später als sie erscheinen. Da sie jetzt allein auf diesem Stockwerk hauste,
nahm sie zum Ankleiden, wie früher, das Badezimmer in Beschlag. Es lag den
Königszimmern gegenüber, man mußte den Gang hinaufgehen und dann rechts
einbiegen. Wenn Gäste in Glenford waren und Stimmen, Seidengeknister und
huschende Zofen die Atmosphäre erhellten, die wie ein schwerer Himmel diese
Räume überhing, dann gewannen sie einen Zauber, eine faszinierende,
schaurige Heimlichkeit, die in der Welt vielleicht nicht ihresgleichen
hatte. Ein herumliegender Atlasschuh, ein hypermoderner Hut, ein Parfüm
wurde hier zur ergreifenden Note, und Schritte konnten wie beruhigende
Orgelklänge verklingen. Aber wehe, wenn das Leben an diesen verwunschenen
Gestaden nicht länger brandete. Vergangenes herrschte dann wieder, grübelte
und versank in sich selbst, schwarze Wolken sammelten sich wieder und die
erdrückte Luft preßte, wie einen Todesschweiß der Berührung weichende und
sprachlose Dinge aus! Untilgbarer Haß lauerte hinter den Baldachinen,
ohnmächtige Wut hing sich an die altertümlichen Pfosten, an das Holz und an
die damastenen Wände. Öffnete sich aber die Türe, trat ein Mensch in diesen
finsteren Kreis, so entstand jener gewaltige, unhörbare Tumult, und dann
rang es in allen Ecken den Kreis zu sprengen, die Schatten gerieten in
Aufruhr und überall gierte es so heiß, gierte so traurig ein Gesicht, eine
Gebärde zu werden. Und keine Sonne, kein frohlockendes Wölkchen, kein
Vogelgezwitscher linderte die Qual.