Früh am nächsten Nachmittag fuhr sie statt in einem Taxameter aus
Liebhaberei in einem Hansom zur Bahn, weil es sie jedesmal optimistisch
stimmte, wenn sie in diesem so geschmackvollen und würdigen Vehikel
einherzog. Der Londoner Himmel sah aus, als ob er überhaupt nie wieder zu
regnen, noch je ein Wölkchen aufzubringen gedächte. Ihr Hansom fuhr recht
gemächlich, so daß sie Zeit hatte, eine Revision ihres Geldbestandes
vorzunehmen. Denn Mariclée notierte nie eine Ausgabe, weil es sie
deprimierte, und ihre Rechenkünste beschränkten sich darauf, daß sie hin
und wieder zusammenzählte, was ihr noch blieb. Man hatte ihr versichert, in
England sei es akzeptiert dritter Klasse zu fahren, selbst für die
reichsten Leute; sie fand das zwar im höchsten Grade merkwürdig von diesen
reichen Leuten, allein die Fahrt war teuer, sie trug sich noch mit
ungewissen Plänen, und mußte in petto die sehr bedächtige Ameise spielen,
wollte sie auf ein Weilchen den Schein der zirpenden Grille vertreten. Sie
lief also erst auf den Perron, sah mit Späherblicken umher, und musterte
alle Reisenden. Es war ein denkbar philiströses Publikum, und sie löste
beruhigt eine Karte; kaum schritt sie aber wieder den Zug entlang, als eine
Dame vor ihr stand, die genau aussah, als führe sie nach Glenford. Ihr Haar
war wundervoll aufgebaut, in der Hand hielt sie ein Safrantäschchen (ihre
Tiara?) und nicht nur eine Jungfer, es summte auch, halb Hofprediger, halb
Monsignore, der distinguierteste aller Kammerdiener um sie her. Mariclée
wollte an das andere Ende des Zuges gehen, aber der Schaffner beschied sie,
daß nur ein einziger Wagen bis nach Ollerton lief. Es war derselbe, den die
Dame bestieg. Ihre Reisegefährten, ein borstiger alter Brite und seine
unschöne ältliche Tochter waren vielleicht sehr reich, elegant waren sie
nicht. Sie sahen aus als bewohnten sie in irgendeinem geisttötenden Nest
ein phantasieloses Cottage. Und so war es auch. Als der Zug vor einem öden,
roten Städtchen hielt, befanden sich die beiden offenbar zu Hause. Statt
ihrer zog jetzt eine große Hutschachtel in das sehr schäbige und schmutzige
Kupee, gefolgt von einem Fräulein in Filosellhalbhandschuhen und mit
zerstochenen Fingern. Aber vielleicht war sie sehr reich und nähte nur zu
ihrem Vergnügen. Die Dame mit der Tiaratasche fuhr noch immer mit. Schon
wurde Leicester ausgerufen. Da -- o unverhoffte Freude! Wahrhaftig sie
entstieg dem Zuge, auf Nimmerwiedersehen überschritt sie die Plattform, von
ihrer Jungfer, ihrem päpstlichen Legaten und Mariclées Segenswünschen
gefolgt. Bald darauf kam ein Fluß und ein Hügel, der sich ganz für sich
allein am Ufer hinzog und hier stieg auch das Fräulein mit der Hutschachtel
aus und Mariclée war allein. Wie eine schimmernde Schale breitete sich das
Land vor ihren Blicken aus, und der Tag schien in seinem eigenen Glanze
versunken. Die Sonne goß jetzt ermattet Ströme silbernen Lichtes über die
umfriedeten Äcker und die in biblischer Ruhe gelagerten Schafe. Und die
umflitterten Bäume, das wellige Land, die schwimmenden Fernen, sie alle
schienen zum Meere hinzuwallen oder zu rufen: »Als eine Insel liegen wir im
Meeresschoß!«
In den leeren Wagen drang bald darauf der Abend mit köstlicher Frische
herein; niemand störte sie mehr. Der Zug fuhr durch das versonnene Land wie
im Traume dahin und erfüllte die stille Luft mit seinem Gerausch. Wälder
tauchten empor, Dörfer, verlorene Städtchen richteten sich auf, doch
unaufhaltsam eilte er jetzt an ihnen vorbei. Über den schlicht gepolsterten
Sitzen hing ein Spiegel. Mariclée band sich einen neuen Schleier um, und
fing an sich zu richten. Ihr halb gejagter, halb duldender Blick machte ihr
nichts weis. Sie wußte, das Wesen, das sie da mit so ernster Miene ansah,
war jetzt doch in seinem Element und liebte es halb als Heldin, halb als
Abenteuerin sich zu fühlen. Bald kam es jetzt, das prunkende, ewig
umdüsterte Haus, Englands berühmtes Geisterschloß mit seinen trauernden
Fenstern. Würde man ihr wieder dasselbe Zimmer geben? sie erschrak bei dem
Gedanken. Weiß Gott! der Gespenster hatte sie vergessen.
Der Zug näherte sich wieder einer kleinen Station, aber statt durchzufahren
hielt er diesmal an. Ein Lakai im langen weißen Mantel lief hin und her,
während ein großer Herr in hellem Überrock auf jemanden zu warten schien.
Es stieg aber niemand aus.
Da riß ein Schaffner an ihrer Türe, rief heftig: »Ollerton« und im Nu
sprang Mariclée heraus. Die Station war erweitert worden, sie hatte sie
nicht wieder erkannt. Geschwind war sie beim Gepäckwagen und zeigte dem
weißen Lakaien ihren Koffer, der mit großer Eile ausgeladen wurde.
Schmerzlich fielen ihr dabei alle Gegenstände ein, die in ihrem Kupee für
die nächste Millionärin, die dort einsteigen würde, zurückblieben: ein
Sonnenschirm, ein Täschchen, Handschuhe und ein Buch. Sie hatte noch Zeit.
Sollte sie sie schnell aus der bekannten Dichterklasse hervorholen? Nein,
gewiß nicht. Dazu war sie viel zu feig. Stand der Herr noch hinter ihr?
hatte er sie gesehen, oder hatte er sie nicht gesehen? Aber natürlich hatte
er sie gesehen. Sie war ja das einzige, was auf dieser Plattform zu sehen
war. Nicht nur, daß er sie gesehen hatte, er sah sie an.
Mit einem halben Lächeln nähertretend, zog er den Hut und sie erwiderte
seinen Gruß.
Wenige Schritte vor ihnen stand ein Auto, der weiße Lakai hatte sich schon
zum Chauffeur geschwungen und sie stiegen ein.
»Ein heißer Tag,« begann er. »Ich war über Land und kam von einer anderen
Seite.«
Das Auto fuhr, leise schwirrend wie ein Pfeil.
Plötzlich sagte Mariclée: »Ich hoffe nur, mein Gepäck ist nicht
zurückgeblieben!«
Er drückte an den Knopf, ließ sofort halten, versicherte sich, daß alles in
Ordnung war und sie fuhren wieder zu. Er hatte es so angelegentlich getan,
daß sie ihm hätte danken sollen, und es lag ihr auf der Zunge. Aber etwas
hielt sie zurück und sie schwieg; denn es war ihr nicht gegeben, zwei Dinge
auf einmal zu tun und die Art, wie er sich einer so geringfügigen Sache als
wäre sie von großer Wichtigkeit, annahm, hatte sie zu sehr frappiert. Denn
die »Manier« war unverkennbar die des Don Juan.
Sie flogen im hellen Abendlicht die weite Schloßallee entlang,
perlmutterfarbene Wolken schwammen am sonnenlosen Himmel über die Wälder
hin. Und wie damals ging ein Rufen, Schlagen, Wehen, wie von Tieresstolz
über Boden und Gezweig. Wie damals tauchte wieder aus einer Mulde, und
keinem unbefugten Auge sichtbar, ein riesengroßer, schweigsamer und
strenger Bau empor, der auf finsteren Gedanken, wie auf Pfeilern gegründet
schien; -- hinter einer breiten kurzen Brücke zuerst der niedere Teil des
ehemaligen Konvents, und unter steinernen, wappentragenden Löwen, der
offene Eingang in der gedämpften, gemütlichen Pracht seiner kostbar
ausgeschlagenen Wände.
»Sind viele Gäste hier?« fragte Mariclée mit verhaltenem Atem.
Sie hatte im Park helle Silhouetten und wallende Hüte bemerkt.
»Für den Augenblick fast niemand.«
»Aber wer ist das Mädchen?« Und sie deutete auf eine hohe Gestalt mit einem
bebänderten Schleierhut, die ruhigen Schrittes dem Portale zuging.
»Das ist Ihre Freundin,« sagte er. Sie hatte jedoch schon eine verheiratete
Tochter.
Einen Augenblick später begrüßten sie sich. »Und dasselbe Zimmer sollst du
wieder haben,« verkündete sie ihr. Mariclée nickte wie jemand, dem man
etwas mitteilt, was er schon weiß. Denn vom Moment an, wo sie wieder über
diese Schwelle gezogen war, hatte sie dies gewußt.