Bis jetzt war Mariclées Reise ein fortwährendes Fiasko gewesen, und zwar
gleich von der Überfahrt an. Sie hatte sich nicht vorgesehen, und alle
Einzelkabinen besetzt gefunden. Im Ankleideraum aber boten -- wie auf Order
hier eingeschifft -- die häßlichsten Damen des Kontinents ein wahrhaft
tückisches Bild. Und die Abscheulichste, mit hornharten, zielsicheren
Augen, seifte und striegelte ihre Arme, die Sünderin, als wären sie schön.
Mariclée wich vor ihrem Anblick erschrocken zurück und floh an Deck. Denn
lieber als mit den häßlichen Frauen verbrachte sie die kalte Nacht (das
schöne Wetter setzte erst am folgenden Tage ein) ohne Mantel auf einer
harten Bank. Dort hatten sie gegen Morgen recht trübselige Träume
heimgesucht . . . .
Am Montag zog die Sonne wieder am wolkenlosen, gelb umdunsteten Himmel, wie
inmitten eines Strahlenkranzes, auf und drückte wie eine feurige Krone auf
London hernieder. Auf den Simsen der Fenster lag überall ein feiner Ruß,
doch standen am Vormittag ihre Zimmer im angenehmsten Licht, und ganz
erfüllt von Londons penetrantem und rauchigem, jedoch so stimulierendem
Geruch. Freilich durfte man jetzt nicht denken: ein paar Stunden von hier,
da frohlockt eine beschauliche Luft, da summen Bienen, da atmen Wälder und
das glückliche Meer -- -- -- und wie sie eben dennoch daran dachte, pfiff
und klingelte es wieder in ihrer Wohnung, und ein kleiner Telegraphenjunge
stand mit einer Depesche vor ihrer Tür. Jene Freundin, auf die sie sich
nicht hatte besinnen wollen, von der sie sich vergessen glaubte, und der
sie dann doch geschrieben hatte, lud sie dringend bis zum Samstag zu sich
ein. Mariclées Herz stockte vor Freude. Vor Sonntag hatte sie keine
Aussicht das Exemplar in London zu sehen. Wie sich das traf! Auch zauderte
sie keinen Augenblick, schrieb eine Zusage und reichte sie dem Boten. Erst
als er mit ihrer Antwort abgezogen war, fiel ihr das dickunterstrichene
»ganz unmöglich« aus ihrem Briefe ein.
Den Abend verbrachte sie mit dem Botschaftsrat. »Eigentlich wollte ich
morgen nach Glenford,« teilte sie ihm mit.
»Wie amüsant!« sagte er.
»O nein!« seufzte Mariclée. »Wenn viele Gäste dort sind, setzen sie des
Abends ihre Tiaren auf, und meine Situation ist dann unhaltbar. Fürs erste
wäre ich natürlich die einzige, die nicht ihre eigene Jungfer brächte. Wie
stehe ich dann da?«
»Ich versichere Sie, wegen Ihrer Pretiosen ladet Sie niemand ein.«
»Wie herzlos Sie oft reden!« sagte sie. Aber er ließ sich nicht aus seiner
Ruhe bringen.
»Ich bin auf Ihre Eindrücke gespannt,« gab er zurück.
»Aber ich kenne den Schauplatz, und weiß, was ich riskiere.«
»Ich meine, daß Sie es dennoch riskieren sollten,« sagte er.
Und sie sprachen von etwas anderem.
Von allen gedankenlosen Aussprüchen ist der gedankenloseste: »Les extrêmes
se touchent«. Zum mindesten bei Individuen. Wo Kontraste sich berühren,
geschieht es immer durch irgendwelche geheime Ähnlichkeiten. So bestand
zwischen den Beiden infolge ihrer Kontraste eine Kluft, aber die Gleichheit
ihrer Interessen war ein starkes Band.
Mariclée war vorhin einem sehr komischen Herrn begegnet, der mit fliegenden
Frackschößen seiner Mahlzeit entgegeneilte. Von ihm erzählte sie nun. Er
schien so ohne jeglichen Vorbehalt und auf so groteske Weise mit dem Leben
einverstanden und eine so froschhafte Befriedigung machte sich auf seinem
alten Gesichte breit, daß zu ihm gehalten selbst der dümmste Deutsche
denkerisch veranlagt schien. Und sie vertieften sich wieder in ihr übliches
Gespräch. Er meinte, selbst die gescheiten Engländer dächten sehr oft
nicht. »Aber,« rief sie, »wie haben es dafür die paar Nachdenklichen hier
schön! Und wie früh gelangen sie zur Macht. Sie haben nicht wie bei uns
wider die überhitzte Intellektualität jener Legion von Halbgescheiten
anzukämpfen.«
Von draußen wogte und brauste die mächtige Stadt wie von der Ferne herein.
Mariclée hatte sich behaglich in eine Sofaecke zusammengerollt und starrte
vor sich hin. »Ich habe eine große Entdeckung gemacht,« hub sie an, »aber
es ist so hart, daß ich für meine Entdeckungen nie etwas bekomme!«
»Was denn für eine Entdeckung?« forschte er.
»Ich entdeckte etwas, indem ich etwas wissen wollte,« sagte sie. »Ich
wollte wissen warum die deutsche Dummheit sich so gar nicht zur englischen
Borniertheit verhält, da der englische und der deutsche Geist einander doch
so zugänglich, so verwandt, ja in mancher Hinsicht fast identisch sind.
Während der französische und der deutsche Geist solche Not haben einander
zu durchdringen, und zwar am fühlbarsten wohl in der Politik, wo Ihr beim
besten Willen vor Reibereien zwischen der Gloriole Française und dem
deutschen Starrsinn nicht vom Flecke kommt. Dies Kompliment muß ich Euch en
passant schon machen.«
»Aber die Entdeckung?«
»Ferner wollte ich wissen,« fuhr sie fort, »warum dagegen bei so großer
Divergenz des Geistes die Sottise française und die Bêtise allemande so
stammverwandt sind, und so ausgezeichnet harmonieren, daß sie die reine
Terz abgeben! Dies ist meine Entdeckung. Was geben Sie mir dafür?« und sie
streckte lachend die Hand aus. Denn Mariclée wurde stets sehr aufgeräumt,
wenn man auf ihre Worte achtete. Vor leidlich klugen Leuten konnte sie
nicht bestehen. Es bedurfte wirklichen Scharfsinns, denn sie war allzu
elektrisch: wer nicht fest auf die Klinge drückte, vernahm keinen Ton.
Als sie nach Hause kam, lag schon ein Brief ihrer Freundin vor, der genaue
Angaben betreffs ihres Zuges enthielt, und ebensowenig wie das Telegramm
auf das bewußte »ganz unmöglich« einging. Sie las ihn noch unten in der
Halle. »Es wird, wie's wird,« dachte sie, »zum Absagen ist es zu spät.« Und
sie betrat den Fahrstuhl, vor dessen Tür ein Junge wartete. Den Dienst
besorgten zwei Liftboys, von welchen der eine häßlich war und untersetzt,
der andere einen eleganten Kopf auf einem hochgewachsenen Körper trug. O
Macht der Schönheit! Immer zog sich ihr Herz zusammen, wenn sie der
Häßliche hinaufzog.