Erstes Kapitel

Zwei Monate aus Mariclées seltsamem Leben seien hier preisgegeben und der

Vorhang weit davon zurückgeschlagen; dann falle er wieder zu, und sie mag

wieder ihres Weges ziehen. Man nannte sie Mariclée. Niemand wußte, wer sie

zuerst so nannte, aber keiner nannte sie anders. Und es war bezeichnend,

denn sie hatte etwas Namenloses, Unzuständiges, wie es auch stets ihr Los

war, mit gesellschaftlich denkbar verschiedensten Leuten in Kontakt zu

kommen und selbst keinem einzigen Kreis anzugehören. Dies führte so weit

zurück, als sie sich erinnern konnte, und fügte sich so allerorts, als

müßte es so sein.

Denn in unserem Leben stehen wir wie inmitten einer Landschaft, und mögen

unsere Schicksale noch so bereichert wiederkehren, sie weisen doch einen

höchst gleichartigen Charakter auf; wie etwa ein Gletscher nicht auf einer

Düne steht: diese Art von Uniformität, meine ich, trägt unser Leben zur

Schau.

Und das ihre glich einer Bergstraße. Wo nur ein Ausblick lag, da würde sie

stehen; da zog sich ihr Weg hin, doch lenkte er nie bis ins gelobte Land

hinein. Nur eines anzuführen: Mariclée kam leicht in Palästen zu wohnen,

wie die Steinnelke gern an steilen Anhängen wächst. Aber sie hatte kein

Geld. An ihr war alles wie hingeflogen und wieder abgerissen: ihr

Verhältnis zum Leben, zur Natur, zu den Menschen, zu sich selbst. Sie stand

sich nicht sehr nahe. Und darum gehörte sie zu jenen heute nicht mehr

seltenen Menschen, von denen behauptet wird, daß sie nicht lieben können.

Mariclée hatte viele Freunde und dachte sie diese zu einer Garbe

zusammengestellt, so hielt sie eine Probe der verschiedensten, seltensten

Blumen, die's heute gibt. Denn auch dies war ihr Geschick, daß sie spät

oder früh, dauernd oder flüchtig auf ihrem Wege blühten. Darum stand sie zu

ihnen wie ein Kunstsammler zu seinen Raritäten: daher ihr Spleen,

vielleicht auch ihre Blasiertheit. Denn wer die Menschen ihrem Wert nach

liebt, der schätzt den einen gegen den anderen ab, und das schrankenlose

Aufgehen in einem einzigen vermag er nicht mehr.

Doch auch die besten Auktionen haben ihre Glanznummern. Und plötzlich war

es über sie gekommen, daß sie im August des Jahres 1909 nach London fuhr,

um nach Jahren ein Wunderexemplar ihrer Sammlung wieder vorzunehmen. Allein

es fing gleich damit an, daß sie einander verfehlten. Das »Exemplar« -- es

soll nicht anders heißen in dieser halb leidenschaftlichen, halb kuriosen

Geschichte -- hatte sich eingefunden, aber Mariclée hatte sich

unbegreiflicherweise im Datum geirrt und traf erst am folgenden Morgen ein.

Jetzt mußte sie zehn Tage bleiben, wenn sie ihn erwarten wollte.

Es war ihr erster Abend. Wie mit einem gelben, welken Schleier umwob die

Hitze den Himmel und den träumerischen Park von St. James. Über die Brücke

gebeugt, hingen ihre Blicke an den Wasserflächen und tauchten unter wie

gebannt. Die Schwäne glitten, nie emporblickend, dahin, und so schwermütig

und weit vibrierte da die müde Stunde, so riesig waren ihre Schauer, daß

Mariclée sich hastig losriß und zur Ablenkung, und weil sie London

überblicken wollte, das Dach des ersten Motorwagens bestieg, der ihr

entgegenfuhr.

Allein er trug sie unversehens in eine entsetzliche Welt. Denn jene selbe

Gleichförmigkeit, die ihr an den glatten, großfenstrigen Häusern der

Reichen so würdig, stilvoll und motiviert erschien, wie schmachvoll ist sie

in den Slums! Und Sklaven waren das, die hier mit gemordeter Phantasie, ja,

wie Geblendete in solch unerhörten Häusern zu wohnen einwilligten, an denen

nicht ein Fenster, nicht eine Tür von der des Nachbarn sich unterschied,

sondern die in ihrer schmählichen Gleichförmigkeit wie Sträflinge

dastanden, ihre meilenlangen, niedrigen Reihen verzweifelt ausgestreckt,

Händeringende, Lebendig-Begrabene, Bilder der Hölle!

In dieser Woche sollten viele Leute an Hitze sterben, ihr aber war am

nächsten Morgen, als sei London eine riesengroße gelbe Schlange, die sie

unbarmherzig immer fester an sich drücken und ersticken wollte. Aber es war

etwas anderes: es hatte sie so hart und unvorbereitet getroffen, das

Exemplar verfehlt zu haben, daß sie, um den Schlag aufzuhalten, sich sagte,

sie spüre ihn nicht, die Verzögerung passe ihr sogar. Nun rächte sich die

Lüge. Was wollte sie in London und was nützte ihr jetzt die zierliche, nahe

an Westminster gelegene Wohnung, die ihr von Freunden überlassen worden

war? Selbst die Sonne konnte es ihr nicht mehr recht machen, ob sie grell

schien oder wie durch Alabaster: Spleen, Neurasthenie sind ja nichts

anderes als ein Erkranken unserer Eindrücke, und jeder ist da sein eigener

Arzt und weiß allein, ob er dem Leiden gebieten kann, oder ob es über ihn

hinschlägt und wie eine Sturzwelle ihn hinabreißt. Mariclée hatte einen

Brief an eine irische Dame in Hampstead -- einem Vororte -- ganz zu unterst

in ihrem Koffer liegen, denn sie hatte nie beabsichtigt, sich seiner zu

entledigen. Statt dessen gab sie ihn nun auf der Stelle auf. Sonst war --

im August -- von allen ihren Bekannten nur der deutsche Botschaftsrat in

London und ihm hatte sie ihr Hiersein erst recht zu kaschieren gedacht,

statt dessen stürzte sie ans Telephon und es fiel ihr ein Stein vom Herzen,

als sie die wohlbekannte Stimme hörte und er sie für denselben Abend zu

sich lud. Sie nahm sogleich einen Hansom und blickte mit fiebernden, wie

erweiterten Augen in den gelb verglühenden Tag.

Bei ihm sah es übrigens auch recht verlassen aus: sein Hausstand unterwegs

und alle Möbel in Überzügen. Aber die rationelle Art, mit der Mariclée ihm

jetzt eine Menge Eindrücke, von denen sie nichts zu wissen glaubte,

Beobachtungen und Vergleiche mitzuteilen hatte, frappierte sie. Sie hatte

doch geglaubt, sie sei krank! Und jetzt ging sie so munter das weite Zimmer

auf und nieder, blieb wieder stehen, rauchte Zigaretten vor dem Kamine,

warf sich in einen Armstuhl, sprang wieder auf, und war ganz Bewegtheit und

Bewegung, wie der vom Windstoß gekräuselte See.

»Ich finde London verändert wieder,« rief sie. »Wie individuell, wie

wesenhaft ist doch die Seele einer Stadt. Diese hier gleicht einer Blume,

die sich jetzt voll entfaltete, einem vollen Kelche, einer fast überreifen

Frucht. Neu ist auch in dem alten Zauber, der alten Glut, die über London

ausgegossen liegt, der nachsommerliche Puls. Aber die Worte wie

überschrittener Höhepunkt, absteigende Linie sind hier viel zu bequem! Der

Maßstab des Altertums ist an unsere Ära nicht anzuwenden, in uns liegt ein

zu großer Vorrat treibender Kräfte der Umwandlung und der Verjüngung. Auch

unsre gefährlichsten Phasen führen nicht mehr zum Verfall.« Und dabei erhob

sie sich, denn gewagte Dinge pflegte sie immer sehr bestimmt zu sagen; hier

lag ihre ganze Sicherheit.

»Ein Etwas auf diesem Boden,« fuhr sie fort, »heimelt mich immer so

unsäglich an. Man ist hier viel weniger intellektuell, aber wie viel

vergeistigter ist dennoch das Tierische. Auserlesene Organismen dürfen sich

gewiß am glücklichsten potenzieren, wo das äußerliche Leben den adligsten

Zuschnitt findet, als hätten die Engländer nicht nur mehr ästhetischen

Sinn, sondern ästhetischere Sinne. Auge, Nerv und Sensibilität des

Gebildeten erfahren so im vornherein mehr Würdigung und Schonung, weil die

Zivilisation in ihrer untersten Stufe -- der dienenden Klasse -- um einige

Schichten höher fundiert. Ich ließ mir heute von einer housemaid eine

Adresse aufschreiben und war von ihrer schönen, ja eleganten Schrift

gerührt.«

»Dafür ist bei uns die Mittelklasse entschieden schmucker geraten,« sagte

der Botschaftsrat. »Hier nennt man ja auch middle-class,« sagte Mariclée,

»was wir auf deutsch untergeordnet heißen würden. Wie anders bei uns!

Insofern ist es zutreffend, dies überfüllte London leer zu nennen, wenn die

vornehmen Leute nicht zugegen sind. Ich habe noch keine schönen Menschen

gesehen.«

Und immer lebhaft, immer von neuem angeregt, fuhr sie zu plaudern fort. Wie

ein Feuer, das zusammensank, und dann plötzlich wieder zu knistern, zu

prasseln und zu lodern anfängt, so war sie jetzt mächtig in Schwung

geraten, die Dinge nahmen wieder ihre rechten Verhältnisse an, und ihr

Spleen und alles was sie selber betraf, schrumpfte zu einem so unwichtigen

Punkte ein, daß sie ihn nicht mehr gewahrte. Die beiden aßen dann allein in

dem großen Speisesaal am verkleinerten Tisch und im Raum verloren wie auf

einer Bühne. Der Faden ging ihnen nie aus, und sie waren einander zugetan

und vertraut. Allein sie waren zu jung, um nicht zu fühlen, daß der Rahmen

etwas zu romantisch war für die Situation, weil sie nie aneinander dachten.

Dies war Mariclées zweiter Abend in London.

Tags darauf gedachte sie einer Freundin, auf welche sie sich bisher nicht

hatte besinnen wollen. Denn ihre Wege lagen so abseits. König Eduard

verbrachte alljährlich eine Woche bei ihr; sie hielt auf einem der

schönsten Schlösser Englands großen Staat, und Mariclée scheute aus vielen

Gründen das Drum und Dran eines solchen Besuches. Und nun schrieb sie ihr

doch. »Wie gerne würde ich kommen,« schrieb sie ihr, »sofern es sich in

einem Tage machen läßt, denn leider ist es mir ganz unmöglich zu

übernachten.« Nachträglich riß sie den Brief noch einmal auf, um die Worte

»ganz unmöglich« zweimal zu unterstreichen.

Diese wenn auch noch fiktive Unterbrechung ihrer Tage mußte sie sich jetzt

schaffen, denn der Spleen saß ihr immer tiefer im Nacken. Wem er nie

widerfuhr, wie könnte der begreifen, daß eine ledigliche Stimmung in dem

Maße unsere Energie lähmen darf? Ein paar vor uns liegende Tage nehmen da

die bedrohliche, unübersehbare Länge finsterer Jahreszeiten an, und man

entschließt sich nicht eine Straße hinabzugehen, weil einem vor der weiten

Reise graut. In Westminster Abbey hatte Mariclée die Flucht ergriffen, weil

in dem grasigen Hofe das Sonnenlicht so qualvoll stille auf dem Gemäuer lag

und die etwas rudimentäre englische Gotik (sie feiert keine heimlichen

Minnelieder in luftigen Balustraden, tröstlichen Pfeilern und Koloraturen)

ihr das Herz zermalmte. Ihre Fenster sahen auf einen grünen Hof, eine

gotische Kirche und ein paar Bäume. Und auch hier steigerte sich der helle

Tagesschein, der darüber leuchtete, zu einem so kranken, unerträglich wehen

Licht, daß sie die schweren Vorhänge gesenkt hielt, um es auszuschließen.

Mariclée lag im Dunkeln auf dem Diwan ihres geborgten Salons, als plötzlich

ein Pfiff ihre stillen Räume durchdrang. Sie stürzte an die Tube. Der

Liftjunge meldete einen Besuch und fragte an, ob sie empfing.

Es war die Dame aus Hampstead, die als Antwort des eingesandten

Empfehlungsbriefes erschien und ehe Mariclée die Vorhänge zurückschlagen

konnte, stand sie schon an der Schwelle. Sie war sehr provinzlerisch, hatte

Zähne, vor denen man sehr erschrak, und auf ihrem Hute schwankten rote,

lächerliche Blumen. Aber den Ausschlag gab eine anheimelnde Begrenztheit,

die Mariclée unverweilt zu Herzen ging. Sie war die Gutherzigkeit in

Person, hielt sich nicht lange auf, und lud Mariclée ein, den morgigen

Sonntag nach Hampstead zu fahren und den Nachmittag und Abend mit ihrer

Familie zu verbringen. Gewiß, natürlich, mit Vergnügen würde sie kommen. Es

war ein kurzer Besuch und weil ihr bangte, so schnell wieder allein zu

bleiben, und sie ihren Brief aufgeben wollte, gab sie dem Gast zur

naheliegenden Victoriastation das Geleite. Erst auf der Straße im

Sonnenlicht bemerkte sie deren erhitztes und ermüdetes Gesicht. Sie hatte

die Mühe nicht gescheut, in dieser Glut so weit zu ihr herauszufahren und

Mariclée hatte nicht einmal daran gedacht, ihr eine Tasse Tee anzubieten.

Dies war unverzeihlich. Allein es stand geschrieben, daß sie sich mit

dieser Familie stets schlecht benehmen würde.

* * * * *

Und der Sonntag kam: auf heißen, bleiernen Sonnenrädern kreiste er über die

Stadt. Mariclée mußte an Münchener Freunde denken, die ein junges Krokodil

in einem Glaskasten aufgezogen hatten: an einem schönen Frühlingsmorgen

stellten sie ihn auf die Veranda, und vergaßen ihn dort; die Sonne prallte

gegen das Glas, und nach Verlauf von ein paar Stunden lag hier, verdurstet

und verdorrt, ein in dem kalten Deutschland vor Hitze verendetes Krokodil.

Und so ward ihr die Einsamkeit, der sie sich zur Unzeit in die Arme

geworfen hatte, zum erstickenden Glaskasten.

Sie wohnte in einem sogenannten mansion das heißt, es fehlte die

persönliche Bedienung, aber läutete man, oder blies in die Tube, so meldete

sich ein Stubenmädchen oder ein Liftboy oder ein Kellner, und wer nicht

ausgehen mochte, konnte zu Hause essen, vorausgesetzt, daß er auf den

Sonntag nicht vergaß. Als sie da um zwei Uhr klingelte, hieß es, die Küche

sei gesperrt und sie hätte nichts bestellt. Sich aber in den heißen

Häuserozean zu stürzen, und nach einem Hotel zu fahnden, dazu fehlte ihr

ganz und gar die Kraft. Zur Teezeit würde sie ja in Hampstead sein, und so

lange hielt sie es schon aus. Später beim Umkleiden fror sie, woraus sie

schloß, daß es kühler geworden sei, und sie zog sich herbstlicher an.

Aber draußen wehte keine Luft, nur heißer Benzinhauch, und die Häuser

begannen zu schwanken und zu brausen, und wie Wellen sich zu häufen,

unbarmherzig und uferlos. Die Dächer glitzerten, die Fenster blendeten

. . . so kam sie nach Hampstead. Das Haus der irischen Familie aber war

luftig und groß, der kühle Salon fast ein Saal. Er überblickte einen

flachen, reizenden Garten, und schweres Silber schimmerte vom Teetisch.

Mariclée warf einen raschen Blick auf die hot-cakes und nahm sich vor, eine

hübsche Anzahl davon zu essen, aber sie brachte, so vorzüglich sie waren,

kaum das erste hinunter und zerbröckelte es mit etwas zitterigen Fingern.

Die Familie war sehr zahlreich und bestand aus alten Eltern und gereiften

Söhnen und Töchtern. Nach dem Tee wurde gefragt, ob sie lieber zur

Hampsteader Heide oder zum Tennisklub ginge. Ach! sie schielte nach dem

Garten! aber der Tennis, sie merkte es gleich, stand auf dem

Vergnügungsprogramm des Tages und so zog sie denn mit, und in der Sonne,

auf einem unbequemen Klappstuhl placiert, sah sie den Spielenden zu. Was

sie da vor Augen hatte, war gute Bourgeoisie, abseits des Snobismus, wie

der Eleganz. Wer immer zu ihr sprach, sprach ihr mit einer herzhaften

Breitspurigkeit, die wir fast schamlos fänden, ausschließlich vom Wetter.

Aber Wetter, Politik und Sport sind eben die drei brennenden Themen in

England. Und dann war von diesen spielenden Männern keiner von des

Gedankens Blässe angekränkelt; sie fanden im Ballwerfen nicht Erholung,

sondern Beschäftigung, und selbst die schon Ergrauten hatten etwas von

sympathischen Kindern an sich. Nur für den Schneider machte es einen

Unterschied.

Mariclée saß in ihrem heißen Kleide in der Sonne, unbeweglich mit

aufgespanntem Schirm und von den Wettergesprächen grenzenlos ermattet, als

plötzlich ein neues Klubmitglied in Gestalt eines Franzosen auf dem Platze

erschien. Darob entstand nun -- der Entente cordiale zum Trotz --

allgemeine Verwirrung und Konsternation. Ein Ring des Schweigens zog sich

um ihn; verstohlene Blicke gingen hin und her, zögernde Mienen umgaben ihn:

er war wie unter die Wilden geraten. Mit einer Geste selbstloser

Entschlossenheit legte endlich eine Spielerin ihr Rakett hin und begann mit

dem neuen Ankömmling ein wundervolles Gespräch. Der Franzose, der sehr

höflich, aber aus Bordeaux war, gab sich erst alle Mühe zu verstehen, dann

aber zu vertuschen, wie wenig er von dem entlegenen Französisch dieser

Engländerin erriet, und statt ihr beizuspringen, hielt Mariclée ihren

Schirm etwas tiefer und horchte so ergötzt, daß sie alle ihre Leiden

darüber vergaß.

Als es endlich kühl und angenehm im Freien wurde, brach alles auf, um sich

für den Abend umzuziehen. Sie indessen blieb wieder in dem luftigen Salon,

bald von diesen, bald von jenen Mitgliedern der Familie unterhalten. Und

jetzt sprach man nicht mehr vom Wetter zu ihr, sondern von den Kriegsplänen

der Deutschen gegen England. Sie raffte sich auf, sie abzuleugnen, und voll

Eifer zu versichern, daß wir die Engländer liebten. Dann fragte alles, ja

wozu wir dann in so wütendem Tempo unsere Kriegsschiffe bauten?

»Weil es nichts Rückständigeres gibt, als die Gegenwart,« sagte sie

plötzlich. Der Satz gehörte nur weitläufig hierher, aber sie hatte ihn

irgendwo einmal mit Erfolg geäußert, und half sich schnell damit aus. Die

Worte fingen nämlich jetzt an denselben Tanz aufzuführen, wie vordem die

Dächer und Häuser. Mein Gott! dachte sie, wann essen diese Menschen zu

Abend? Jetzt wollte gar der Hausherr den Gedanken näher erörtert haben, und

seine Tochter setzte hinzu: o, sie hätte schon vernommen, was für eine

geistreiche und interessante Person sie sei. Mariclée wollte etwas darauf

erwidern, aber statt dessen streckte sie die Hand aus, und fiel zurück.

Es war jedoch keine Ohnmacht. Denn sie sah genau, wie die alte Mutter

dieser gereiften Söhne und Töchter ihrem Manne und ihren Kindern ein

Zeichen gab, daß sie das Zimmer verlassen sollten; und sie blieb allein mit

ihr zurück. Mariclée sprach eine Zeitlang nichts, dann sagte sie, es sei

die Hitze, die ihr solche Kopfschmerzen gebe. Aber die Alte wollte nicht

dulden, daß sie sich aufrichtete, sondern hieß sie schweigen, und ergriff

ihre Hand. Dabei murmelte sie Worte wie zu sich selbst, mit einer leisen,

veränderten Stimme. Mariclée betrachtete sie mit einem Male voll Neugier.

Ihre Schlichtheit hatte etwas so Edles -- wem in aller Welt glich nur diese

Frau? an wen erinnerte dies gebleichte Haupt und diese unbewegte und

versteinerte Gestalt? Ja wahrhaftig, jetzt hatte sie's, sie hatte etwas

rein Antikes, sie gemahnte an die alte Schaffnerin der Odyssee.

Mariclée sank wieder zurück und ließ sie gewähren, ihre Hände streicheln

und ihre Worte murmeln. Denn ihre Gedanken wanderten jetzt weit von hier.

Ach wie ferne stand ihr dieses Haus, und diese gütige Alte! und sofern das

Leben ein Wandern ist, hatte sie nicht Jahre winterlichen Bodens

überschritten, und war sie nicht traurig und fremd wie Demeter unter diesem

Dache eingekehrt? Sie weinte nicht, ihre Züge verhielten sich ja

unbeweglich: es war nur als quoll ein heißer Saft tropfenweise aus ihren

geschlossenen Augen. Warum hatte sie ein falsches Datum angegeben? welch

freudloser Stern hatte es so gewollt? und was hatte sie vermocht, sich

selber vorzulügen, daß es sie nicht beträfe? Nichts fällt ja so schwer auf

unsere Schultern zurück, als wie ein abgeworfenes Kreuz.

Dies war ihr vierter Tag in London. Jedoch der Wein und der Schinken, den

es an diesem Abend gab, blieben ihr unvergeßlich.

Das Exemplar · 第 3 / 34 题