ist aber exqusit witzig.
Für die absichtliche Komik der Rede nehme ich +Stettenheims+ „Wippchen“
als Muster. Man nennt +Stettenheim+ witzig, weil er in besonderem Grade
die Geschicklichkeit besitzt, das Komische hervorzurufen. Der Witz, den
man „hat“, im Gegensatz zu dem, den man „macht“, ist in der Tat durch
diese Fähigkeit zutreffend bestimmt. Es ist unleugbar, daß die Briefe
des Bernauer Korrespondenten Wippchen auch witzig sind, insoferne sie
reichlich Witze jeder Art, darunter ernsthaft gelungene („festlich
entkleidet“ von einer Parade bei Wilden) eingestreut enthalten; was
diesen Produktionen aber ihren eigentümlichen Charakter verleiht, sind
nicht diese vereinzelten Witze, sondern das in ihnen fast überreichlich
quellende Komische der Rede. „Wippchen“ ist gewiß eine ursprünglich
satirisch gemeinte Figur, eine Modifikation des +G. Freytag+schen
Schmock, einer jener Ungebildeten, die mit dem Bildungsschatz der
Nation Handel und Mißbrauch treiben, aber das Behagen an den bei ihrer
Darstellung erzielten komischen Effekten hat beim Autor offenbar
die satirische Tendenz allmählich in den Hintergrund gedrängt. Die
Produktionen Wippchens sind zum großen Teil „komischer Unsinn“; der
durch Häufung solcher Leistungen erzielten Luststimmung hat sich der
Autor -- übrigens mit Recht -- bedient, um neben durchaus Zulässigem
allerlei Abgeschmacktes vorzubringen, was für sich allein nicht zu
vertragen wäre. Der Unsinn Wippchens erscheint nun als ein spezifischer
infolge einer besonderen Technik. Faßt man diese „Witze“ näher ins
Auge, so fallen einige Gattungen besonders auf, die der ganzen
Produktion ihr Gepräge geben. Wippchen bedient sich vorwiegend der
Zusammensetzungen (Verschmelzungen), der Modifikationen bekannter
Redensarten und Zitate und der Ersetzungen einzelner banaler Elemente
in diesen durch meist anspruchsvollere, höherwertige Ausdrucksmittel.
Das geht allerdings nahe an die Techniken des Witzes heran.
Verschmelzungen sind z. B. (aus der Vorrede und den ersten Seiten der
ganzen Reihe ausgesucht):
„Die Türkei hat Geld wie Heu am Meere“; was aus den beiden Redensarten:
„Geld wie Heu“
„Geld wie Sand am Meere“
zusammengeflickt ist. Oder: „Ich bin nichts mehr als eine entlaubte
Säule, die von entschwundener Pracht zeugt“, verdichtet aus „entlaubter
Stamm“ und „eine Säule, die usw.“ Oder: „Wo ist der Ariadnefaden, der
aus der Skylla dieses Augiasstalles herausleitet?“, wozu dreierlei
griechische Sagen je ein Element beigesteuert haben.
Die Modifikationen und Ersetzungen kann man ohne viel Zwang
zusammenfassen; ihr Charakter ergibt sich aus nachstehenden Wippchen
eigentümlichen Beispielen, in denen regelmäßig ein anderer, geläufiger,
meist banaler, zum Gemeinplatz herabgesunkener Wortlaut durchschimmert:
„Mir Papier und Tinte höher zu hängen.“ Man sagt: einem den Brotkorb
höher hängen bildlich für: einen unter erschwerende Bedingungen
versetzen. Warum sollte man dieses Bild also nicht auf anderes Material
erstrecken dürfen?
„Schlachten, in denen die Russen einmal den Kürzeren, einmal den
Längeren ziehen.“ Nur die erstere Redensart ist bekanntlich im
Gebrauche; nach der Ableitung derselben wäre es sogar nicht unsinnig,
auch die andere in Aufnahme zu bringen.
„Schon früh regte sich in mir der Pegasus.“ Mit dem Rückersatz „der
Dichter“ ist dies eine durch häufigen Gebrauch bereits entwertete
selbstbiographische Wendung. „Pegasus“ eignet sich zwar nicht zum
Ersatz für „Dichter“, steht aber in Gedankenrelation zu ihm und ist ein
hochklingendes Wort.
„So durchlebte ich dornenvolle Kinderschuhe.“
Durchaus ein Bildnis anstatt eines einfachen Wortes. „Die Kinderschuhe
austreten“ ist eines der Bilder, die mit dem Begriff Kindheit
zusammenhängen.
Aus der Fülle anderer Produktionen Wippchens kann man manche als
Beispiele reiner Komik hervorheben, z. B. als komische Enttäuschung:
Stundenlang wogte das Gefecht, endlich blieb es unentschieden, oder
als komische Entlarvung (der Unwissenheit): Klio, die Meduse der
Geschichte; Zitate wie: Habent sua fata morgana; Unser Interesse wecken
aber eher die Verschmelzungen und Modifikationen, weil sie bekannte
Techniken des Witzes wiederbringen. Man vergleiche z. B. zu den
Modifikationen Witze wie: Er hat eine große Zukunft hinter sich, -- Er
hat ein Ideal vor dem Kopf --, die Lichtenbergschen Modifikationswitze:
Neue Bäder heilen gut u. dgl. Sind die Produktionen Wippchens mit der
gleichen Technik nun Witze zu heißen, oder wodurch unterscheiden sie
sich von solchen?
Es ist gewiß nicht schwierig, darauf zu antworten. Erinnern wir uns
daran, daß der Witz dem Hörer ein Doppelgesicht zeigt, ihn zu zwei
verschiedenen Auffassungen zwingt. Bei den Unsinnswitzen, wie die
letzterwähnten, lautet die eine Auffassung, die nur den Wortlaut
berücksichtigt, er sei ein Unsinn; die andere, die den Andeutungen
folgend beim Hörer den Weg durch das Unbewußte zurücklegt, findet den
ausgezeichneten Sinn. Bei den witzähnlichen Produktionen Wippchens ist
das eine der Angesichte des Witzes leer, wie verkümmert; ein Januskopf,
aber nur ein Angesicht ausgebildet. Man gerät auf nichts, wenn man sich
von der Technik ins Unbewußte verlocken läßt. Aus den Verschmelzungen
wird man zu keinem Fall geführt, in dem die beiden Verschmolzenen
wirklich einen neuen Sinn ergeben; diese fallen bei einen Versuch
der Analyse gänzlich auseinander. Die Modifikationen und Ersetzungen
führen wie beim Witz auf einen gebräuchlichen und bekannten Wortlaut,
aber die Modifikation oder Ersetzung sagt selbst nichts anderes und in
der Regel auch nichts Mögliches oder Brauchbares. Es bleibt also für
diese „Witze“ nur die eine Auffassung als Unsinn übrig. Man kann nun
nach Belieben darüber entscheiden, ob man solche Produktionen, die sich
von einem der wesentlichsten Charaktere des Witzes frei gemacht haben,
„schlechte“ Witze oder überhaupt nicht Witze heißen will.
Unzweifelhaft machen solche verkümmerte Witze einen komischen Effekt,
den wir uns auf mehr als eine Weise zurecht legen können. Entweder
entsteht die Komik aus der Aufdeckung der Denkweisen des Unbewußten
wie in früher betrachteten Fällen, oder es ist der Vergleich mit dem
vollkommenen Witz, aus dem die Lust hervorgeht. Es hindert uns nichts
anzunehmen, daß beiderlei Entstehungsweisen der komischen Lust hier
zusammentreffen. Es ist nicht abzuweisen, daß gerade die unzulängliche
Anlehnung an den Witz den Unsinn hier zu einem komischen Unsinn macht.
Es gibt nämlich andere leicht zu durchschauende Fälle, in denen
solche Unzulänglichkeit durch den Vergleich mit dem zu Leistenden
den Unsinn unwiderstehlich komisch werden läßt. Das Gegenstück des
Witzes, das Rätsel, kann uns hiefür vielleicht bessere Beispiele als
der Witz selbst geben. Eine Scherzfrage lautet z. B.: Was ist das: Es
hängt an der Wand und man kann sich an ihm die Hände abtrocknen? Es
wäre ein dummes Rätsel, wenn die Antwort lauten würde: Ein Handtuch.
Diese Antwort wird vielmehr zurückgewiesen. -- Nein, ein Hering. --
Aber um Gotteswillen, heißt dann der entsetzte Einwand, ein Hering
hängt doch nicht an der Wand. -- Du kannst ihn ja hinhängen. -- Aber
wer wird sich denn an einem Hering die Hände abtrocknen? -- Nun,
sagt die beschwichtigende Antwort, du mußt ja nicht. -- Diese durch
zwei typische Verschiebungen gegebene Aufklärung zeigt, wieviel
dieser Frage zu einem wirklichen Rätsel fehlt, und wegen dieser
absoluten Unzulänglichkeit erscheint sie anstatt bloß unsinnig dumm
-- unwiderstehlich komisch. Auf solche Weise, durch Nichteinhaltung
wesentlicher Bedingungen können also Witz, Rätsel und anderes, die an
sich komische Lust nicht ergeben, zu Quellen komischer Lust gemacht
werden.
[Sidenote: Komik des Unzulänglichen.]
Noch geringere Schwierigkeiten bereitet dem Verständnis der Fall der
unfreiwilligen Komik der Rede, den wir etwa in den Gedichten der
+Friederike Kempner+[70] in uns beliebender Häufigkeit verwirklicht
finden können.
+Gegen die Vivisektion.+
Ein unbekanntes Band der Seelen kettet
Den Menschen an das arme Tier.
Das Tier hat einen Willen -- ergo Seele --
Wenn auch ’ne kleinere als wir.