Nachdem wir wieder in die Stadt zurückgekehrt waren, bedrängte Rose mich
mehrere Tage lang, diese Szene zu wiederholen. Doch ich wollte nichts davon
hören. Einmal paßte mir ihre Selbstgefälligkeit nicht, zum andern erschien
es mir geschmacklos, etwas Derartiges zu tun, wenn mein Vater nicht dabei
war. Meine Vorliebe für Vernol, die nur von meinen Augen und meinen Sinnen
ausgegangen war, ohne daß das Herz daran beteiligt gewesen wäre, minderte
sich von Tag zu Tag. Schließlich konnte ich nur noch mit Bedauern an diese
Vorliebe denken. Leidenschaftlicher denn je kehrte ich zum Gegenstand
meiner ersten Liebe zurück. Meine Bindung an ihn nahm -- weit entfernt
davon, sich zu verringern -- neue Formen an. Ich betrachtete meinen
väterlichen Geliebten als einen außergewöhnlichen und einmaligen Mann, als
einen wahren Philosophen, dessen Liebenswürdigkeit aber gleichzeitig
imstande war, jedes Herz zu erobern. Ich liebte ihn, ich betete ihn an.
Ah, teure Eugenie, wie wundervoll sind diese Eigenschaften der Seele, die
uns einen Menschen liebenswert erscheinen lassen, die uns unabhängig vom
Schrei der Sinne an ihn fesseln! Wieder war ich der einzige Gegenstand
seiner Neigung, so wie er der Mittelpunkt meines Herzens war. Die folgenden
Ereignisse ließen alle anderen Bindungen, die ich damals schon lösen
wollte, vollends vergehen.
Ein Abenteuer, bei dem Rose mit viel Unklugheit und Keckheit mehrere Lanzen
brach, entfremdete mich ihr und Vernol zusehends. Ich entdeckte bei dieser
Gelegenheit, daß in ihren Herzen kein Raum für delikate Gefühle war. Weder
er noch sie hatten etwas anderes als die gewöhnlichsten Leidenschaften im
Kopf und das auf eine höchst indiskrete Weise. Diese Eigenschaften, die
sich mit den meinen so wenig vertrugen, entfremdeten mich ihnen weitgehend.
Ich sah sie in der Folge nicht mehr so häufig. Sie suchten ihrerseits alle
Vergnügungen, deren sie habhaft werden konnten. Sie pflegten täglich
zusammen zu promenieren, und bei dieser Gelegenheit führte Vernol Rose
eines Tages in einen öffentlichen Garten. Dort traf er vier seiner Freunde.
Der älteste war kaum zwanzig. Man neckte sich, jubelte, und Umarmungen und
neugierige Fragen wurden getauscht. »Wo kommst Du her?« »Was machst Du?«
»Wohin gehst Du?« »Wer ist denn diese Schöne?«
Die Antwort auf diese letzte Frage gab den jungen Leuten Gelegenheit, eine
Unzahl von Komplimenten auf Rose loszulassen, die davon sichtlich
beeindruckt war.
Der älteste der Gesellschaft beschloß alsbald, Vernol zu einem Ausflug zu
gewinnen. Vernol machte keine Einwendungen und noch weniger Rose. Sie
brachen also auf.
Im ersten Freudentaumel schon vergaßen die jungen Leute völlig, eine
Abmachung zu beachten, der sie sich unterwerfen wollten. Nur der älteste
von ihnen, der zugleich der schlaueste war, hatte sie nicht völlig aus den
Augen verloren. Er nahm Rose zusammen mit einem seiner Freunde in die
Mitte. Sie protestierte ein wenig, doch dann ging sie auf die Neckereien
der jungen Leute ein. Es war noch mitten in der schönen Jahreszeit. Man
wanderte ziemlich rasch. Am Ziel angekommen, begab man sich in ein kühles
Zimmer. Rose war erhitzt, sie warf sich auf einen Diwan, öffnete ihr
Mieder, und ihre in Unordnung geratenen Röcke ließen ein außerordentlich
hübsch geformtes Bein sehen, das wahre Lobeshymnen unserer jungen Leute
herausforderte. Man ließ Wein und Likör bringen, die Köpfe begannen sich zu
erhitzen und die Sinne nicht minder. Ein freches Liedchen klang auf, das
Benehmen wurde freier, etliche Küsse wurden getauscht. Der älteste von den
vier Burschen, der natürlich am meisten Erfahrung hatte, umarmte Vernol und
verriet ihm schließlich, unter welcher Bedingung die vier diesen Ausflug
unternommen hätten. Vernol lachte Tränen darüber, und Rose, die wie
gewöhnlich neugierig war, wollte wissen, was es damit auf sich habe. Als
die vier Freunde mit der Wahrheit nicht recht herausrücken wollten,
bedrängte sie diese umso lebhafter. Schließlich gestand ihr der Älteste,
man habe beschlossen, daß derjenige, der die kleinste Rute sein eigen
nenne, die Zeche für die übrigen zahlen solle.
Diese Worte und das Gelächter, das darüber ausbrach, ergötzten Rose. Sie
wurde lebhaft, hob ein Bein so hoch, daß man beinahe alles sehen konnte,
und rief: »Ei, wer wird denn wohl der Schiedsrichter sein?«
»Sie selbst, meine Schöne«, sagte der Älteste unverblümt.
Rose, die vom Wein erhitzt war, fühlte sich von dieser Rolle geschmeichelt
und erregt und antwortete, daß sie ohne jeden Zweifel für jeden das beste
Zeugnis ablegen würde. Von diesem Augenblick an genierte sich niemand mehr.
Die obszönsten Ausdrücke mischten sich mit den gewagtesten Zärtlichkeiten,
die von Mund zu Mund gewechselt wurden. Rose erwies sich bald als ein
erfahrener Champion und nahm unerschrocken an allem teil. Sie war noch auf
ganz andere Angriffe gefaßt gewesen, die sie mehr interessierten und die
sie daher förmlich herausforderte. Sie rief Vernol zu sich, und indem sie
ihm einen Arm um den Hals legte, drückte sie ihn an ihren Busen und
verlangte, daß er diesen küsse. Dann ließ sie ihre Hand tiefer gleiten und
bemächtigte sich seiner Lanze, während er ihr ganz ungeniert unter die
Röcke griff, die nach oben gestülpt wurden und nun so gut wie alles sehen
ließen. Dieser Anblick erregte die Freunde so sehr, daß sie alle
Selbstbeherrschung vergaßen. Der eine faßte ihr Hinterteil, der andere
einen Schenkel, der dritte ihre Brüste. Kurz, jeder packte ein anderes
Stück von ihr. Rose befahl Vernol wieder aufzustehen, und sie zeigte ihnen
seine Rute.
»Könnt ihr mit etwas ähnlichem aufwarten?« fragte sie herausfordernd.
Darauf nahm jeder seine Waffe in die Hand, und sie hatte das Vergnügen,
fünf nackte und bedrohlich aussehende Ruten auf einmal zu sehen. Sie alle
sagten ihr den Kampf an, und einige von ihnen würden mit Sicherheit besiegt
werden. Rose setzte sich mit ausgebreiteten Schenkeln auf das Bett. Der
Ort, an dem das allgemeine Lanzenstechen stattfinden sollte, war völlig
unbedeckt.
»Ich könnte nach dem Augenschein urteilen«, sagte sie. »Aber ich will die
Sache genau nehmen, so daß keiner sich über mich zu beklagen hat. Deshalb
will ich ein Maß anwenden, das dem meinen gerecht wird. Los, fangen wir
an!«
Sie ließ alle fünf vor sich antreten und nahm mit großer Genauigkeit Maß,
und zwar sowohl was die Länge als auch die Stärke betraf.
Der Anblick und die Berührung dieser kampfbereiten Lanzen erregte sie
derart, daß sie auf den Rücken fiel und sich nach zwei oder drei Bewegungen
den Zuckungen ihrer Wollust überließ. In diesem Augenblick wollten alle
zugleich über sie herfallen, doch sie hielt sie zurück.
»Zuerst will ich mein Urteil verkünden«, sagte sie. Der Älteste mußte
demzufolge den Wein und die übrigen Getränke zahlen, während Vernol den
Rest zu übernehmen gehabt hätte, wenn er nicht schon dazu eingeladen worden
wäre. So kam der zweitälteste zu dieser Ehre. Er war kaum weniger gut
gerüstet als Vernol. Er hatte eine recht ansehnliche Figur, und Rose
tröstete ihn über seinen Ärger, indem sie ihm versprach, daß er der erste
sein werde, seine Kräfte an ihr zu erproben.
Sie erwartete diesen Augenblick mit Leidenschaft. Alle diese entblößten
Lanzen hatten ihre Glut geweckt, und sie brannte nun danach, sie
aufzunehmen. Sie ließ sich auf das Bett zurücksinken und zog jenen mit
sich, dem sie diese Bewährungsprobe als erstem versprochen hatte. Vernol
und die drei anderen folgten in der Reihenfolge, in der sie gemessen und
für gut befunden worden waren. Rose ließ sich auf einer Woge von Lust
treiben. Es kam ihr ohne Unterlaß. Kaum, daß ihr genügend Zeit blieb, sich
zu erholen. Der eine hatte den Ort seines Entzückens kaum verlassen, als
der andere schon eindrang. Endlich trat ein Augenblick der Ruhe ein. Man
war erschöpft.
Wein, Gelächter und Zärtlichkeiten ersetzten die leidenschaftlichen
Eroberungen. Rose fand sich den lasziven Lippen und Händen dieser fünf
Faune völlig ausgeliefert. Sie duldeten nicht das mindeste Stückchen Stoff
an ihr. So blieb sie in dem anbetungswürdigen Zustand, in dem die drei
Göttinnen einst dem Paris erschienen. Da sie alle jung und stark waren,
dauerte es nicht lange, bis ihre Begierden wieder neu entflammt waren und
zu neuen Heldentaten im Dienste der Venus drängten.
Rose hätte gern den Gürtel der Venus gehabt, ja selbst eine ganze Girlande
von wollüstigen Öffnungen hätte ihren Begierden kaum Genüge tun können.
Da sie deren nur zwei besaß, wechselte sie die Szenerie. Der größte und
stärkste unter ihren Eroberern mußte sich auf das Bett legen. Sie legte
sich über ihn, während der mit einer weniger wirksamen Waffe versehene
Freund sich hinter ihr in Positur stellte. Jeder nahm den Weg, der sich ihm
bot, während sich jede ihrer Hände einer der übrig gebliebenen Waffen
bemächtigte. Vernols Lanze hingegen fand sich bevorzugt, da sie dieselbe
zwischen ihre Lippen aufnahm und ihn mit ihrer Zunge liebkoste und
kitzelte.
Es dauerte lange, bis die siegreiche Rose, die sich solcherart von fünf
Liebhabern auf einmal in jeder erdenklichen Weise erobert fand, in ein
Übermaß der Lust versank, das ihr fast die Besinnung raubte.
Ich sah sie am nächsten Morgen. Sie war erschöpft, ihre Augen blickten
ermattet. Ich war erstaunt, sie in diesem Zustand zu finden, und fragte sie
nach der Ursache. Es dauerte eine Weile, bis sie und Vernol mir dieses
Abenteuer gestanden. Ich nahm mir nicht die Mühe, ihr einen guten Rat zu
geben, denn ich sah wohl, daß dies nutzlos gewesen wäre. Doch von diesem
Augenblick an vermied ich es, die beiden zu treffen. Rose, die sich ohne
jede Achtsamkeit den wildesten Leidenschaften auslieferte, erlag ihrer
ausschweifenden Lebensweise schließlich. Ihre Regel kam nicht mehr, sie
befand sich in einem Zustand schrecklicher Erschöpfung, dem die wildesten
Krämpfe folgten. Nach einiger Zeit war sie nur noch ein Schatten ihrer
selbst. Ihre Heiterkeit war völlig verschwunden, und ein schleichendes
Fieber raffte sie hinweg.
Auch Vernol wurde von einer fiebrigen Krankheit befallen, und er brauchte
lange, um sich davon zu erholen. Eine Geschlechtskrankheit machte ihm viel
zu schaffen und entstellte ihn völlig. Er blieb noch monatelang schwer
krank und konnte sich lange nicht erholen. Mein Vater hatte alle diese
Ereignisse vorausgesehen. Ich begriff wohl, was die Sorgfalt, mit der er
über mir wachte, mir erspart hatte, und ich konnte meine Dankbarkeit für
ihn nicht zurückhalten. Da ich das Übermaß der Begierde fürchten gelernt
hatte, schonten wir einander mehr und mehr. Wir waren mehr zärtlich, mehr
wollüstig als leidenschaftlich und empfingen unsere Lust aus den
Zärtlichkeiten, die wir miteinander tauschten.
Manchmal, wenn ich mich an das erinnerte, was damals auf dem Lande
geschehen war, bereitete mir diese Erinnerung einen heftigen Kummer. Und in
einer unserer glücklichen Nächte brach ich in plötzliche Tränen aus.
»Was hast Du, meine liebste Laurette«, fragte mein Freund ernstlich
besorgt. »Warum weinst Du?«
»Ah, mein Liebster! Unmöglich kannst Du mich länger lieben, Du kannst Dein
kleines Mädchen nicht länger achten nach allem, was ich getan habe . . .«
»Bist Du verrückt, mein liebes Kind? Glaubst Du wirklich, daß meine Achtung
und meine Freundschaft von irgendwelchen Vorurteilen abhängen könnten? Was
macht es schon aus, eine geliebte Frau in den Armen eines anderen
Liebhabers zu sehen, wenn die Qualitäten ihres Herzens, wenn ihr Geist und
Charakter und all die Vorzüge ihrer Person sich nicht im Mindesten geändert
haben, und wenn sie noch immer empfänglich ist für eine zärtliche Bindung?
Höre meine Grundsätze, meine Liebste. Ich werde glücklich sein, wenn sie
Dich beruhigen und überzeugen können, daß ich Dich nach wie vor zärtlich
liebe und daß ich Dich nicht im Mindesten weniger schätze als zuvor. Nichts
kann mich so wenig beunruhigen, als Dich untreu zu sehen. Denn das ist bei
einem Menschen, der aufrichtig und zärtlich liebt, nicht möglich. Ich will
Dir ein einfaches Beispiel geben. Ich liebe Dich, meine Laurette, und meine
Liebe ist beinahe mit Dir aufgewachsen. Ich glaube, ich habe Dich schon
geliebt, als Du kaum sieben Jahre alt warst. Du füllst mein ganzes Herz
aus. Und doch -- war ich Dir etwa nicht untreu mit Lucette, mit Rose und
selbst mit Vernol?
Glaube mir, diese Handlung, die von der Konstitution unserer Organe
abhängt, ist zu natürlich, um nicht verzeihlich zu sein. Dem Gegenstand
unserer Begierden gilt nur diese. Doch dem unseres Herzens sind wir darüber
hinaus auch mit unserer Achtung, mit unserem guten Glauben und unzähligen
zärtlichen Gefühlen verbunden. Natürlich gibt es Menschen, die zu ernsthaft
sind, um diese Unterscheidung vorzunehmen. Aber ich habe eine glücklichere
Wahl getroffen. Die Unbeständigkeit enthüllt ein leichtes Herz, das
undankbar und treulos ist. Ich machte sie mir niemals zum Freund. Denn ich
glaube, daß jeder Mann, der im Herzen unbeständig und treulos gegenüber
einer Frau ist, die delikat in ihren Gefühlen ist, einen kultivierten Geist
hat und sich aus Liebe seiner Diskretion ausgeliefert hat, daß jeder solche
Mann auch gegenüber seinen Freunden unbeständig und treulos sein wird. Doch
die vorübergehende Treulosigkeit der Sinne ist nichts weiter als die Frucht
eines leicht beeinflußbaren Temperaments. Verlockt von Begierde,
Gelegenheit und allen möglichen unvorhergesehenen Ereignissen, nützt es die
Möglichkeiten, die sich ihm bieten. Der Mensch ist aus Widersprüchen
zusammengesetzt, mein Kind. Nicht immer stimmt der Wille mit unseren
Handlungen überein, und diese hängen nicht immer von ihm ab. Jene Leute,
die von einem sechsten Sinn im Menschen sprechen, haben die Natur recht
scharf beobachtet. Hängt es etwa von unserem Willen ab, ob wir ihn in
Tätigkeit setzen oder nicht? Nein, er selbst ist nicht im Geringsten seinen
eigenen Gesetzen unterworfen. Alles an uns ist vielmehr von unserer
Konstitution und der Zusammensetzung und Bewegung unserer Säfte abhängig.
Nichts kann sich diesen widersetzen, nichts sie ändern als die Zeit, die
alles zerstört. Meine Sinne wachsen in der Vereinigung des Geschlechts. Sie
wachsen an Eindrücken, deren wir nicht Herr werden können. Warum berührt,
verführt und inspiriert der eine Sinneseindruck das Begehren eines
bestimmten Menschen, während er auf einen anderen überhaupt nicht wirkt?
Wir sind einer Person besonders zugeneigt?
Wohlan, so erscheinen uns sogar ihre Fehler liebenswert. Sowohl solide
Bindungen als auch vorübergehende Leidenschaften finden sich in dem
Lebenskreis, den wir zu durchschreiten haben. Wenn wir bei unseren
Bestrebungen auf Widerstand stoßen, wird sich die Eigenliebe erheben und
all ihre Kräfte einsetzen, um diesen Widerstand zu überwinden und jene, die
wir am meisten schätzen und lieben, an uns zu fesseln. Schließlich werden
Begierde, Ehrgeiz und Habsucht -- Eigenschaften, die alle Menschen während
ihres Lebens verfolgen -- unsere Handlungen bestimmen und sie
notwendigerweise in eine Kette von Umständen zwingen, die das Muster
ausmachen, das unser Leben formt. Diese drei Beweggründe, die man mit den
schmeichelhaftesten Namen zu umschreiben und auf das vollkommenste zu
verschleiern sucht, sind die einzigen, die den Menschen in Bewegung halten
und ihn regieren. Bei einem Individuum wird nur eines dieser Motive bei
seinen Handlungen im Vordergrund stehen, bei einem anderen vielleicht zwei
oder auch alle drei, je nach den Anlagen und ihrer Entwicklung. Wenn man
von der Natur ein Herz bekommen hat, das für starke und dauernde
Leidenschaften, für eine zarte und innige Bindung empfänglich ist, wird die
Ähnlichkeit des Temperaments und der Charaktere eine Vereinigung bewirken.
Man ist weniger von der Wonne leiblicher Vereinigung erfüllt als vielmehr
von der süßen Zufriedenheit, welche aus der Harmonie von Geist und
Geschmack entspringt. Es ist verächtlich, aus eigener Schuld das Blumenband
der Freundschaft zu zerstören. Mag diese zarte Kette auch noch so leicht zu
brechen sein, so ist der Verlust, der aus dieser törichten Handlung folgt,
doch unersetzlich. Es ist allerdings richtig, daß man die Sensationen der
Lust in diese intimen Bindungen der Menschen gemischt hat. Doch glaube mir,
ihr Ursprung ist völlig anderer Natur.
Es gab eine Zeit, meine liebste Laurette, wo man alles, was ich Dir über
diese Dinge sagen kann, für eine Fabel gehalten hat, während es doch der
Gesetzmäßigkeit der Natur entspringt. Früher oder später kommt die
Gewohnheit, welche, ohne die liebenswürdigen Bindungen der Gefühle zu
zerstören, doch die Lebhaftigkeit der Begierden, die Feinheit der Wollust
erlahmen läßt, so daß diese nur durch ein neues Objekt wieder zum Leben
erweckt werden können. Diese Begierden aber scheinen mit unserer Existenz
unlösbar verbunden und lassen uns den Reiz und Wert des Lebens erst richtig
bemerken. Doch hier gilt es eine schwierige Entscheidung zu treffen.
Hat man genügend Vernunft und Festigkeit, um ein Gebilde der Phantasie zu
opfern, eine Laune, einen augenblicklichen Einfall, der die Harmonie einer
innigeren Bindung zerstören könnte, so soll man nicht zögern, dies zu tun.
Aber zerstört die Eifersucht nicht noch viel mehr als eine vorübergehende
Untreue? Ist es nicht viel klüger, sich ohne Groll und Widerwillen den
Gesetzen der Natur zu überlassen, deren Macht doch unbesiegbar ist? Hören
wir ihre Stimme, die aus allem spricht! Schließen wir unsere Augen nicht
vor ihr, haben wir Verständnis für das, was sie uns zeigen und sagen will!
Sie verkündet in allem den Wandel, ja noch mehr, das Ende.
Warum sollten wir uns über ein Gesetz beklagen, das wir nicht ändern
können, dem wir absolut unterworfen sind, und das nicht weniger mächtig ist
als das der Zerstörung, dem alles Sein ausgeliefert ist? Unsere Eigenliebe
und unser Egoismus sträuben sich dagegen, und doch entspricht diese
Erkenntnis den Gesetzen der Natur.
Betrachten wir nur die Tiere, meine liebe Laurette. Sieht man etwa die
Weibchen mit jenen Männchen verbunden, die sie im Vorjahr gehabt haben?
Selbst die Turteltaube, von der wir ein ebenso rührendes wie grundfalsches
Bild gezeichnet haben, bleibt nur so lange im gleichen Nest, als ihre Brut
ihrer bedarf. Und noch im selben Sommer sucht sie sich einen anderen
Liebsten. Suche nach anderen Beispielen in der Natur, Du findest ihrer
genug. Denn was ist der oberste Zweck der Natur? Die Vermehrung des Seins.
Nur um die Geschöpfe dadurch zur Vermehrung anzuregen, hat sie so viel Lust
in die Geschlechtsvereinigung gelegt. Diese Lust ist so groß, daß sie uns
sogar gegen unseren Willen zu Handlungen treibt, welche sie hervorrufen.
Wenn wir beide dieses Ziel der Natur umgangen haben, so sind es unsere
Sitten und Vorurteile, die uns dazu gezwungen haben. Grundsätzlich jedoch
ist dieser Plan der Natur so offensichtlich, daß ein Mann von guter
Konstitution sogar mit einer Frau zu fruchtbarer Vereinigung kommen kann,
die er überhaupt nicht kennt.
Wenn es zuweilen unter beiden Geschlechtern Leute gibt, die dem Willen der
Natur gegenüber unempfindlich erscheinen, so ist das nur ein Fehler in der
Veranlagung, der die allgemeinen Gesetze nicht zu zerstören vermag.
Ich muß allerdings gestehen, daß der Vorzug der Fruchtbarkeit, den die
Männer genießen, den Frauen nicht gegeben ist. Zumeist können sie nur ein
einziges Lebewesen hervorbringen. Es gibt Männer, die daraus einen Vorteil
ziehen, ohne die bedauerlichen Wirkungen einer Mischung der
Samenflüssigkeit zu bedenken. Wenn sich nämlich ein Keim in den Tiefen der
Matrix festgesetzt hat und nach einiger Zeit derselbe Mann oder auch ein
anderer einen neuen Keim befruchtet und ins Leben ruft, kann die Matrix
eine zweite Frucht hervorbringen und selbst eine dritte. Doch liegt dies
nicht im Sinne der Natur.
Hat die Natur die Männer mit allen möglichen Vorzügen ausgestattet, so hat
sie sich doch auch den Frauen gegenüber nicht ganz und gar als Rabenmutter
erwiesen. Diese tragen nämlich ein lebhaftes und immerwährendes Verlangen,
einen unersättlichen Appetit in sich, eine Frucht des Lebens zu empfangen
und zu tragen. Wenn der eine Mann dieses Verlangen nicht stillen kann oder
will, so führt sie ein Gefühl, das stärker ist als alle Vorurteile, zum
nächsten. Doch die Wahl hängt von ihrem Geschmack ab. Warum sollten sie
auch die Umarmungen und Liebkosungen eines Mannes dulden, den sie
verabscheuen? Was könnte aus einer Verbindung Gutes hervorgehen, gegen die
sie sich auflehnen? Wie viele Beispiele hat man dafür gesehen? Solche
unglücklichen Bindungen, die leider nur zu häufig sind, haben die
Möglichkeit einer völligen Trennung bitter notwendig.
Die menschliche Existenz, die natürliche Konstitution des Menschen, gibt
ihm das Recht zu wählen und selbst zu wechseln, wenn er sich getäuscht
sieht. Nun wohl, wer täuschte sich nicht? Schließlich ist es dieses Recht
zu wählen, das die Frau unbeständiger und treuloser macht als die Männer,
die sich eher an die allgemeinen Gesetze halten. Wenn nun in den Frauen
wegen der Beschaffenheit ihres Geschlechts ein größerer Grad von Wollust,
ein lebhafteres und dauerhafteres Vergnügen als in uns Männern lebendig
ist, so werden sie in gewisser Weise für die Beschwerden und Schmerzen
entschädigt, denen sie unterworfen sind. Welche Ungerechtigkeit, aus diesen
natürlichen Eigenschaften ein Verbrechen zu machen! Sind die Frauen etwa
die Urheberinnen ihres Temperaments? Von wem haben sie es empfangen? Ihre
Einbildungskraft, die auf Grund der Feinheit und Sensibilität ihrer Organe
so leicht erweckt wird, ihre exzessive Neugierde und ihr leicht erregbares
Temperament gaukeln ihnen Bilder vor, die sie heftig bewegen und die sie
der Realität ihrer Begierden um so leichter zugänglich machen.
Betrachten wir doch die Unannehmlichkeiten, die durch die Eifersucht,
dieses Lieblingskind unserer Eigenliebe und unseres Egoismus, verursacht
werden! Sind die Frauen diesem Übel nicht ungleich stärker unterworfen als
die Männer? Finden wir uns doch mit den Eigenarten des weiblichen
Charakters ab! Machen wir ihnen das Joch leicht, das die Natur ihnen
aufgebürdet hat! Binden wir sie mit losen Ketten, um ihren Geist zu
fesseln, ihr Herz zu unterjochen und die Unbeständigkeit zu bändigen, die
ihnen die Natur verliehen hat! Halten wir ihnen ihre Schwächen zugute, um
sie uns nicht zu entfremden, was ohne Zweifel geschehen würde, wenn sie die
Bürde der Ketten, mit denen die Liebe sie beladen möchte, zu drückend
empfänden. Ohne diese unsere Großzügigkeit wäre die schönere Hälfte des
Menschengeschlechts recht unglücklich. Doch wie bedauerlich ist es, daß
diese Grundsätze von dem weitaus größten Teil unserer zivilisierten Welt
nicht befolgt werden. Es ist vor allem die Unduldsamkeit, welche die
Untreue der Frau zu einem solch beklagenswerten Verhängnis werden läßt. Und
doch, glaube mir, liegt es vor allem an uns Männern, durch Klugheit und
Weitblick die Frauen vor den furchtbaren Folgen zu bewahren, welche ihre
Unabhängigkeit für sie haben kann. Denn so natürlich diese Unbeständigkeit
auch Deinem Geschlecht erscheinen mag, so entsteht daraus doch zuweilen das
größte Unheil. Bedenken wir nur die unglücklichen Resultate, die diese
fatale Neigung bei den Frauen häufig zeitigt, während die Untreue der
Männer zumeist keine solchen Folgen nach sich zieht!
Ich werde Dir den Grund dafür an einem einfachen Beispiel beweisen. Wenn
man in zwanzig verschiedene Gefäße denselben Wein füllt und diesen dann in
einem Gefäß mischt, so wird er in seinem Geschmack und seiner Qualität
unverändert sein. Doch wenn man in einem einzigen Gefäß zwanzig
verschiedene Flüssigkeiten zusammengießt, so wird sich daraus eine Mischung
ergeben, welche die natürlichen Eigenschaften jeder dieser Flüssigkeiten
verändert. Und wenn man auch nur einen Tropfen davon in ein Gefäß schüttet,
in dem sich eine unvermischte Flüssigkeit befindet, so wird diese dadurch
verdorben werden.
Aus diesem Beispiel kannst Du leicht Deine Folgerungen ziehen. Wenn sich
ein Mann mit mehreren Frauen vereint, kann daraus kein Übel entstehen. Sein
Verhalten ist vielmehr dasselbe, wie wenn man ein und dieselbe Flüssigkeit
in mehrere Gefäße füllte. Aber wenn eine Frau, selbst eine gesunde Frau,
sich hintereinander mit mehreren Männern verbindet, so wird diese
Vermischung der Samenflüssigkeit in ihr, selbst wenn die Männer ihrerseits
ganz gesund sein sollten, doch die gefährlichsten Folgen zeitigen.
Wenn ein Mädchen, eine junge, reizende, freie und unabhängige Frau, die dem
Pöbel entstammt und daher keine Erziehung genossen hat und keine
hinreichenden Vorkehrungen trifft, infolge ihrer eigenen Arglosigkeit oder
aus Nachgiebigkeit gegenüber der Lockung jener alten Hähne, die auf ihre
Reize scharf sind, sich in diesen schrecklichen Zustand versetzt, so werden
die Folgen unausbleiblich sein. Hat sie sich nun infolge ihres Temperaments
oder weil sie den Charakter einer Libertine hat, verführen lassen, mehrere
Männer in rascher Reihenfolge zu empfangen, wird sie dies zu ihrem eigenen
Schaden tun, und sie wird ohne Zweifel ein Opfer der Ansteckung sein, auch
wenn diese Männer an und für sich gesund sein mögen. Die Mischung der
Samenflüssigkeit in ihrem Innern hat die schädlichsten Folgen. Sie wird an
weißem Ausfluß und Geschwüren der Gebärmutter zu leiden haben, wenn ihr
nicht noch Schlimmeres bevorsteht. Die Samenflüssigkeit dieser
verschiedenen Männer, die einander infolge der Verschiedenheit des
Temperaments oder infolge der Verschiedenheit ihres Gesundheitszustandes
widersprechen, zerstört die Gesundheit der Frau, die sie in sich
aufgenommen hat. Vor allem jene, die an Hautkrankheiten leiden, übertragen
diese häufig auf die Frauen, mit denen sie sich verbinden. Gar nicht zu
reden von jenen anderen, die an chronischen Geschlechtskrankheiten leiden,
ohne daß deshalb ihre Potenz zerstört wäre. Alle diese Stoffe, die sich an
ein und demselben Ort treffen, verursachen mit beinahe absoluter Sicherheit
ein Gift, das viel wirksamer ist als jeder einzelne Krankheitsstoff für
sich allein. Das beweist, daß die Frauen nicht für die physische Untreue
gemacht sind und noch weniger für die Prostitution, der sich so viele von
ihnen ergeben.
Du ersiehst aus dem Gesagten wohl, daß die physikalischen Erkenntnisse
sowie Vernunft und Erfahrung es gewiß erscheinen lassen, daß von dem
Augenblick an, da sich die Frauen der Freizügigkeit ihres Temperaments
auslieferten, die venerische Ansteckung sich an den Quellen des Lebens
verbreiten mußte. Unglücklicherweise ist sie aus den niedrigsten
Volksschichten, wo sie vielleicht ihren Ausgang genommen hat, bis zu den
Spitzen der Gesellschaft emporgestiegen.
Doch da dies nun einmal geschehen ist, erscheint es ohne Zweifel notwendig,
daß erleuchtete und kluge Männer, die durch eine lange Erfahrung weise
geworden sind, versuchen, ein Mittel zu finden, das die verheerenden Folgen
dieser geschlechtlichen Vergiftung aufhebt. Es gab genügend solche Männer,
die, mögen sie auch dem Spott und dem Geschrei des Pöbels ausgesetzt sein,
doch ihren Zeitgenossen ebenso nützlich sind wie künftigen Generationen,
indem sie die Schäden zu beseitigen suchen, die aus der Prostitution der
Frauen für alle Welt entstanden sind.
Das ist übrigens auch ein Vorteil dieses Schwämmchens, das ich Dich
benützen lehrte. Aber die Anwendung desselben allein genügt nicht. Die
Flüssigkeit, mit der es präpariert ist, zerstört zwar die Kraft des
männlichen Samens, aber das Gift, das durch die Vermischung der Säfte auf
den weiblichen Körper einzuwirken vermag, ist oft stärker. Immerhin reicht
diese Vorsichtsmaßnahme in vielen Fällen, die verheerenden Folgen einer
Infektion zu verhindern.
Es gibt indessen noch eine stärker wirkende Flüssigkeit. Eine Frau, die
ihren Gebärmuttermund durch ein mit dieser Flüssigkeit durchtränktes
Schwämmchen verschließt, kann sich ohne Risiko mit mehreren Männern paaren,
ja, sie kann sogar einen kranken Mann empfangen. Kommt ihr der Verdacht,
daß ein Mann krank sein könnte, zu spät, so kann sie das Schwämmchen
hinterher mittels der seidenen Schnur entfernen und sich durch eine
Waschung mit derselben Flüssigkeit reinigen, um danach ein anderes
Schwämmchen, das auf dieselbe Weise getränkt ist, wieder einzuführen. Man
kann diese Schwämmchen auch in eine starke Lösung einer solchen Flüssigkeit
tauchen und sie hernach wieder in Gebrauch nehmen.
Auch ein gesunder Mann kann sich im Verkehr mit einer Frau, die er im
Verdacht einer venerischen Erkrankung hat, schützen, indem er ein mit
vorbeugender Flüssigkeit getränktes Schwämmchen in ihre Vagina einführt.
Doch sollte er nach dem Verkehr sein Glied in dieser Flüssigkeit waschen.
Dazu kann man ein Glas oder Porzellangefäß verwenden. Noch sicherer ist es,
wenn man in den Harnkanal etwas von dieser Flüssigkeit einführt. Dazu kann
man eine kleine Elfenbeinröhre -- doch niemals einen Metallgegenstand
verwenden. Will der Mann eine sehr köstliche Sensation erleben, soll er
diese Flüssigkeit zur Hälfte mit Rosenwasser mischen. Ich würde Dir das
nicht sagen, meine Liebe, wenn ich nicht die entsprechende Erfahrung
gemacht hätte.
Auch könnte ich Dir, meine liebe Laura, noch eine Reihe von anderen
Beweisen dafür geben, daß die Natur den Frauen nicht dasselbe Recht auf
Untreue gegeben hat wie den Männern. Doch anderseits ist es sicher, daß sie
in ihr Herz und ihren Charakter mehr Unbeständigkeit gelegt hat als in
unser Geschlecht. Ah, wie glücklich sind wir, wenn ein Liebesobjekt unser
wahres Gefühl erweckt! Sollten wir da nicht ein kleines Opfer bringen, um
einen großen Verlust zu vermeiden?«
Gerechter Himmel, wie tief war doch seine Erkenntnis des menschlichen
Herzens! Du wirst mir das ohne Zweifel zugestehen. Durch dieses Gespräch
nahm er mir eine Last von der Seele. Er gab mir meine Ruhe wieder und
erfüllte mich mit vollkommener Freude.
Ich wollte allerdings noch einen gewissen Verdacht klären, den unsere
ländliche Orgie damals in mir erweckt hatte. Zwar zögerte ich anfangs, ihn
danach zu fragen, aber schließlich wagte ich es doch.
»Ich möchte Dich noch etwas fragen, mon cher, und ich bitte Dich, mir offen
darauf zu antworten.«
»Wie? Meine Laurette, könnte ich Dir das unwürdige Beispiel der Verstellung
geben, nachdem ich mich immer bemüht habe, in aller Aufrichtigkeit mit Dir
zu reden? Sprich offen, und ich werde Dir offen antworten.«
Ich rückte also unbefangen mit meinen Zweifeln heraus.
»Als wir damals jenen Landausflug machten und Du eine gewisse Bedingung
stelltest, um meiner Torheit Vorschub zu leisten, habe ich mir eingeredet,
daß die Reize dieses hübschen Jungen dein Verlangen ebenso erweckt hätten
wie meines und daß Du, um Dich daran zu ersättigen, diese Bedingung
gestellt habest. Habe ich mit dieser Vermutung recht gehabt?«
»Ah nein, wie Du Dich täuschst, meine Liebste! Ich war begehrlich, das
stimmt. Du hast das untrügliche Zeichen dieses Verlangens ja gesehen. Wer
hätte in einer Situation wie dieser nicht ähnlich empfunden? Aber in erster
Linie waren die Vorzüge Deiner eigenen Person die Ursache dieser
Empfindungen. Ich muß Dir gestehen, daß mir die Vorliebe mancher Männer für
ihr eigenes Geschlecht immer bizarr erschien, wenn man sie auch bei allen
Nationen finden mag. Diese merkwürdige Leidenschaft erscheint mir vor allem
deshalb extravagant, weil sie alle Gesetze der Natur verletzt, es sei denn,
daß ein akuter Mangel an Frauen uns unsere Zuflucht zu unserem eigenen
Geschlecht nehmen läßt. Man kann dies in Schulen, Klöstern, Gefängnissen
und überall dort, beobachten, wo die Frauen aus dem Leben der Männer
ausgeschlossen sind. Doch werden diese Unglücklichen, welche die Reize der
Frauen entbehren müssen, immer wieder zu diesen zurückkehren, wenn sie die
Möglichkeit dazu haben.
Etwas anderes ist es mit der Neigung der Frauen für ihr eigenes Geschlecht.
Diese scheint mir nicht so unnatürlich. Ich glaube vielmehr, daß die
Zärtlichkeit ihres Betragens untereinander sie sehr leicht verführt, mit
ihren Geschlechtsgenossinnen eine intime Bindung einzugehen. Auch stört
diese Neigung zumeist ihre Vorliebe für unser Geschlecht nicht im
Geringsten. Tatsächlich werden diese armen Geschöpfe doch zeitlebens einem
gewissen Zwang unterworfen. Man sperrt sie in Klöster ein, bei nahezu allen
Nationen macht man aus ihrem Heim ein Gefängnis.
Diese Abgeschlossenheit erzeugt in ihnen die Illusion, daß sie wenigstens
in den Armen ihrer Geschlechtsgenossinnen jene Wonne suchen und finden
könnten, nach der ihre Natur verlangt, wenn ihnen schon der natürlichere
Umgang mit Männern verwehrt ist. Und da dieses unzweifelhafte Vergnügen, in
dem sich Schönheit, Grazie und Jugendfrische mischen, für sie völlig
ungefährlich ist, geben sie sich ihm nach den ersten schüchternen
Versuchungen mit einer gewissen Leidenschaft hin. Sie riskieren nichts und
sie gewinnen viel in einer solchen zärtlichen Bindung.
Bei den Männern ist das etwas anderes. Im Allgemeinen mangelt es ihnen
nicht an Frauen, und es ist für sie nicht halb so gefährlich wie für jene,
ihren Wünschen nachzugehen. Sie haben also recht wenig Grund, sich mit
ihresgleichen einzulassen. Übrigens scheint es mir im Ganzen als pervers,
und Du darfst mir glauben, daß es damals mit Vernol das einzige Mal war,
daß ich etwas dergleichen getan habe. Doch wenn mir diese Methode der Lust
auch bei den Männern höchst bizarr erscheint, so finde ich es doch ganz
natürlich, eine Frau gelegentlich von hinten zu nehmen. Ja, ein schlecht
ausgerüsteter Mann ist in einer weiten Vagina so gut wie verloren und daher
beinahe gezwungen, es mit einem engeren Weg zu versuchen, um auf dem Feld,
das er beackert, die Lust zu empfangen, nach der er strebt. Und übrigens
gibt es sogar eine ganze Anzahl von Frauen, die nicht anders erregt werden
können als auf diesem Weg.
Doch um auf die Gründe zurückzukommen, die mich damals veranlaßten, Vernol
zu nehmen: Meine Liebe und mein Begehren galten Dir, und nur dir allein.
Aber ich habe, wie Du weißt, keine Vorurteile. Dazu kam ein lebhaftes
Verlangen, Dich von allen Seiten zu befriedigen und all Deine Gefühle zu
wecken. Auch wollte ich, daß Du die Verschiedenheit des Genusses kennen
lernen solltest. Dazu kam, daß ich Vernol seinen Genuß nicht allein zu
gönnen vermochte, ich wollte daran teilnehmen. Auf welch andere Weise hätte
ich dies erreichen können, ohne in Deinem Herzen als ein eifersüchtiger
Tyrann zu gelten? Hätte ich mich Deinem Verlangen nach Vernol widersetzt,
würde ich vielleicht Deine Zärtlichkeit und Dein absolutes Vertrauen
verloren haben. Das konnte ich nicht riskieren, umso weniger, als ich nur
auf Dein Herz eifersüchtig bin. Anderseits konnte ich Dich nicht in den
Armen Vernols sehen, der sich meine Gefühle für Dich anmaßte, nur um eine
Eroberung, die mir so viel bedeutete, dann als ein hübsches Abenteuer zu
betrachten. Ich wollte, daß er sich, ebenso wie Rose, nicht dieser Lust
erinnern könne, die er in deinen Armen empfing, ohne zur selben Zeit daran
zu denken, daß er dafür mit seiner eigenen Person hatte bezahlen müssen.
Und ich hoffte, daß diese Erinnerung seinen Gedanken und seiner Zunge einen
Zaum auferlegen würde. Ich habe ihn mit umso mehr Grund in der Art der
Frauen benutzt, weil Männer kaum je klug und diskret genug sind, das Gute,
das ihnen widerfahren mag, für sich zu behalten. Um Dir die Ehrlichkeit
meiner Gründe zu beweisen, erinnere ich Dich daran, daß Rose von mir nicht
auf diese Weise behandelt wurde, obwohl das bei einer Frau doch um vieles
natürlicher erschiene als bei einem Mann. Doch sie war mir dazu nicht
wichtig genug. Und obwohl dies das erste Mal gewesen wäre, sie auf diese
Weise zu besitzen, habe ich es doch Vernol überlassen, ihre zweite
Jungfernschaft zu brechen. Urteile nun selbst, ob ich Dich täusche.«
Seine Antwort überzeugte mich. Ich umschlang ihn mit meinen Armen, ich
drückte ihn an mein Herz, ich erstickte ihn beinahe mit den Beweisen meiner
Liebe.
»Mein Liebster, nie, nie wieder werde ich Deine Güte und Deine Liebe für
Deine Laurette bezweifeln. Glaube mir, von nun an soll jeder Atemzug meines
Lebens Dir geweiht sein. Ich will Dich zum Gefährten meiner Lust wie meiner
Sorgen, ja selbst meiner geheimsten Gedanken machen. Die Beständigkeit und
Treue meines Herzens sollen Dir die Innigkeit eines Herzens beweisen, das
nur für Dich schlägt.«
Ich genoß in der Folge vier köstliche Jahre, die erfüllt waren von Frieden
und süßem Glück. Er war all meine Seligkeit. Behütet und behütend, liebend
und wiedergeliebt genoß ich das Glück seiner innigen Zuneigung jeden Tag
aufs neue. Nichts trübte mein Glück außer dem Tod unserer lieben Lucette.
Ihr Andenken ist mir für immer teuer. Dies ist die Frucht der tiefen
Zuneigung, die wir für einander empfanden. War nicht ihr ganzes Verhalten
von der zärtlichen Liebe erfüllt gewesen, die sie meinem Vater und mir
entgegengebracht hatte? Ich hatte den Unterschied zwischen ihr und Rose
wohl erkannt und die Verbindung mit ihr viel höher eingeschätzt als jene
mit der flatterhaften Rose. Doch ach, der Verlust, den ich durch sie
erlitt, war nur ein schwacher Vorgeschmack jener Qualen, jener
nachtschwarzen Kümmernisse, die gar bald über mich hereinbrechen sollten.
Ach, meine Eugenie, wozu diese Wunde aufs Neue aufreißen? Wozu meinen
Schmerz erneuern?
Die Erinnerung an mein Unglück zerreißt mein Herz. Nein, ich will nicht
noch einmal darüber sprechen . . .