9. Kapitel

Und doch, meine teure Freundin, muß ich dieses schreckliche Gemälde des

Schmerzes vor Dir ausbreiten. Ah, Deine Laurette ist nicht mehr sie selbst,

mein Herz blutet, erschüttert läßt meine Hand die Feder sinken, ein wildes

Schluchzen schnürt mir die Kehle zu. Meine Augen sind eine Quelle der

Tränen geworden. Vielleicht hätte Deine Freundschaft sie trocknen können,

wenn ich bei Dir gewesen wäre. Endlich, nach einem neuen Ausbruch der

Verzweiflung finde ich die Kraft, mein Unglück vor Deinen Augen

auszubreiten.

Du weißt, daß ich gerade zwanzig Jahre alt geworden war, als mein Vater,

der zärtlichste und liebenswürdigste aller Väter und zugleich der

wundervollste und anbetungswürdigste Liebhaber, dessen Leben ich nur zu

gern mit meinem eigenen erkauft hätte, dessen Verlust für mich unersetzlich

ist, durch eine Lungenkrankheit hinweggerafft wurde.

Ach, alle Kunst der Ärzte war an ihm vergeblich. Ich verließ ihn niemals,

ich weilte Tag und Nacht an seinem Bett, das ich heimlich mit meinen Tränen

benetzte. Ich versuchte sie vor ihm zu verbergen, doch mein bebender Mund

verriet ihm meine Verfassung. Er war gerührt und wollte mir seinen Zustand

verbergen. Er bat mich, ihn für etliche Stunden zu verlassen, um

auszuruhen, aber ich brachte es nicht übers Herz. Kaum, daß ich auf die

Ratschläge hörte, die er mir gab. Denn er erkannte die Situation und

begegnete ihr mit Entschlossenheit. Schließlich traf mich der entsetzliche

Schlag. Ach, meine Lippen empfingen seine letzten Seufzer.

Welch ein Verlust für mich, Eugenie, meine liebe Eugenie! Meine Augen

starren blicklos auf das Papier, auf dem ich darüber berichte. Ich war ihm

tausendmal mehr zugetan, als wenn er mein wirklicher Vater gewesen wäre. Er

hatte mich einst mit dem Comte de Norval bekannt gemacht, dessen

Vergnügungen ich mein Leben verdanke. Ich habe ihn ohne die geringste

Bewegung, ohne ein anderes Interesse als dem einer gewissen Neugier

betrachtet.

Wo ist nur diese innere Stimme, habe ich mich gefragt, die uns denen in die

Arme führt, die uns das Leben gegeben haben? Welch eine nutzlose Chimäre!

Unser Herz spricht aber nur für jene, die unser Glück und unsere

Zufriedenheit geschaffen haben.

Der Schatten des Schmerzes, der auf mir lag, die Verzweiflung und

Zerrissenheit meines Herzens machten es mir unmöglich zu schlafen.

Schließlich wurde ich selbst schwer krank. Ich wollte sterben. Doch meine

Stunde war noch nicht gekommen, und meine Jugend fand Mittel und Wege, um

mich zu retten. Doch selbst als ich meine Kräfte wiedergewonnen hatte, fand

ich nur einen Gedanken: Den, mich lebendig zu begraben. Ich hatte alles

verloren. Das Leben war mir hassenswert geworden. So schien nun das Kloster

das einzige Ziel meines Verlangens. Ach, wie hatte ich jemals glauben

können, dort meine Leiden zu enden?

Mein Schmerz wäre heute noch so stark wie je zuvor, wenn Du ihn nicht

gelindert hättest. Erlaube mir, meine schöne und zärtliche Freundin, daß

ich zu meiner eigenen Genugtuung vor Deinen Augen das Bild jener süßen

Augenblicke ausbreite, die ich bei Dir verbrachte und durch die Du einen

heilsamen Balsam in mein wundes Herz gegossen hast. Diese starke Erregung,

die man Sympathie nennt, dieses Interesse, das man am Unglück eines anderen

nimmt, dem man sich verwandt weiß, ließ Dich für mich fast vom ersten

Augenblick an Freundschaft empfinden. Du durchschautest den Zustand meines

Herzens, ohne die Gründe zu kennen. Du ließest meinen Tränen freien Lauf,

Du hast deine Zelle verlassen, um meinen Schmerz zu lindern. Deine Jugend,

Deine Grazie, Deine Reize und dein Geist verliehen Deinen Gesprächen

Gewicht. Du hast meinen Kummer und mein Bett geteilt.

Wie erstaunt war ich über die Schätze, die Dein Nonnengewand und Dein

Schleier mir verbargen! Dieser Anblick rührte ein lebhaftes Gefühl, und

damit auch die Erinnerung an meine Leiden wieder auf. Du hast meine Tränen

fließen sehen, Du warst darüber erstaunt. Du wolltest die Ursache meines

Kummers kennen lernen und ein Geheimnis enthüllen, das ich vor aller Welt

verborgen sehen wollte. Ich reagierte kaum auf Deine Fragen, so sehr befand

ich mich in einem Zustand innerer Abgestumpftheit. Ohne die Empfindung des

Schmerzes, die mich ganz ausfüllte, wäre ich tot gewesen. Doch da empfing

ich die Zuneigung einer Freundin. Ich hatte nicht geglaubt, daß ich

überhaupt noch für ein menschliches Gefühl empfänglich sein würde. In

diesem Augenblick merkte ich wohl, wie sehr Lucette mir fehlte. Ich glaubte

nicht, daß jemals irgendjemand sie ersetzen könnte. Wie hätte ich annehmen

können, daß ich diese Freundin just unter der Maske finden würde, die Du

trägst? Doch Dein Charakter, Dein Temperament, Deine Seele offenbarten sich

mir bald in all ihren Reizen. Ich begann Dich zu beobachten, und diese

Beobachtungen fielen sehr zu Deinen Gunsten aus. Deine Freundschaft und

Dein Vertrauen weckten schließlich auch meine Gefühle für Dich. Dein

Geständnis ließ auch mich Dir gegenüber Offenheit üben, und so fand ich in

Deinen Armen den Trost, dessen ich so sehr bedurfte.

Mit welcher Genugtuung erinnere ich mich an jene Nacht, da Du mir sagtest:

»Meine liebe Laurette, ich habe Grund zu vermuten, daß Du einen schweren

Kummer mit Dir herumträgst. Doch vielleicht kann ich Dir helfen, indem ich

Dir die Ursache des meinen enthülle. So habe ich vielleicht die Genugtuung,

Deinen Schmerz durch den meinen zu heilen.«

Du dachtest mit Recht, daß ich, die ich das Geheimnis meines Herzens so

strikt zu bewahren vermochte, auch Deines so hüten würde. Und Du hast Dich

nicht getäuscht. Ich glaube Dich noch reden zu hören, als Du mir sagtest:

»Hör zu, mein Herz! ja, auch ich liebe, so zärtlich wie eine Frau nur zu

lieben vermag. Aber ach, ich habe das grausame Unglück, dem Leben einer

Nonne ausgeliefert zu sein. Diese honigsüßen, betrügerischen Beguinen haben

meine unerfahrene Jugend hier eingemauert und meine Hoffnungen in diesem

elenden Gefängnis begraben. Meine Unwissenheit ließ mich die ewigen

Gelöbnisse ablegen. Ach, seither foltern mich meine Begierden, deren Opfer

ich bin. In der Nacht flieht der Schlaf meine Augen, und während des Tages

ödet alles mich an. Meine Seele ist wie abgestorben. Urteile selbst über

meinen Zustand. Frei wie Du bist, kannst Du Dich wenigstens einem Liebhaber

überlassen, der Deine Reize zu schätzen wissen wird, die ich sehe und

berühre.«

Deine Hand, die sich bei diesen Worten auf meine Brust gelegt hatte, ließ

mich zusammenschauern. »Ah, liebste Eugenie«, rief ich mit Leidenschaft,

»das ist ja der Grund meines Kummers. Ich habe einen Geliebten verloren,

den ich anbetete, und der Tod hat mich selbst verschont. O Himmel, warum

bin ich nicht statt seiner gestorben?«

Aber da ist er . . . ja, er ist es, den ich halte . . . Ich reiße Dich in

meine Arme. Du hast mir eine süße Illusion gegeben. Doch ach, der Teil

Deiner Reize, den meine Hände erfassen, bringt mich zu mir selbst zurück.

Das, was Dir fehlt, zerstört das holde Phantom, das meine Phantasie sich

geschaffen hat. Dabei sollten Deine Reize meine Zunge doch zu wahren Elogen

anspornen. Deine Brüste, Deine Schenkel, Dein Haar, Deine Liebesgrotte,

alles bot sich meinen bewundernden Augen. Schließlich erlöste mich der

Anblick so vieler Vorzüge von meinem Schmerz.

»Ah, welche Wonne für Dich und Deinen Liebhaber«, rief ich, »wenn er Dich

in seinen Armen hielte wie ich Dich jetzt halte.«

Du möchtest etwas wissen, Du schwankst, Du versuchst mich zu fragen und

wagst es nicht. Schließlich nimmst Du Deinen Mut zusammen und fragst mich,

ob ich diese Vergnügen denn kenne und ob sie wirklich so groß seien, wie Du

gehört habest. Ich gestehe Dir das ein und zeichne Dir ein reizendes Bild

davon, das Dich entzückt, ohne Dich zu überzeugen.

»Du mußt diese Wonnen kennen lernen«, rief ich. »Wie? Du bist siebzehn

Jahre alt und kennst sie nicht? Wenn Du willst, werde ich Dich wenigstens

einige davon kosten lassen.«

Deine Neugier und Dein Verlangen, das meine Zärtlichkeiten in Dir erweckt

hatten, ließen Dich zustimmen. Der Eifer, Dich meinerseits zu trösten und

Dich von den Schatten Deiner Unwissenheit zu befreien, linderte meinen

Schmerz. Du warst für meine Lockungen bereit. Ich breitete Deine Schenkel

aus, ich liebkoste die Lippen Deiner kleinen Grotte, die wie frische Rosen

waren. Doch noch wagte ich meinen Finger nicht vordringen zu lassen. Du

warst noch nicht genügend eingeweiht, um in dem ersten flüchtigen Schmerz

eine Ahnung der Lust zu entdecken. Schließlich gewann ich den Preis der

Begierde, und Deine reizende kleine Klitoris, die ich liebkoste, brachte

Dich in eine leidenschaftliche Ekstase.

Ah, ihr Götter! Welch wundersame Wonne! Augenblicklich hast du mich zu

Deinem Liebhaber gemacht. Du hast mich mit Küssen überhäuft. Deine Hände

irrten über meinen Körper. Gar zu gern wolltest Du mir denselben Dienst

erweisen, den ich Dir eben erwiesen hatte, aber mein Körper war noch zu

sehr vom Schmerz überschattet. So widerstand ich den Bemühungen Deiner

zärtlichen Hände. Doch nahm ich Dich in die Arme und wiederholte meine

Zärtlichkeiten. Es dauerte nicht lange, so warst Du wieder in jenem Zustand

der Erregung. Ich konnte Dich mühelos überreden.

»Nun gut«, sagtest Du mir mit dieser reizenden Lebhaftigkeit, die ich so an

Dir schätze. »Mach mit mir, was Du willst.«

Ich liebkoste Deine kleine Grotte aufs neue und ließ dann meinen Finger

behutsam eindringen, während ich Dich mit der anderen Hand kitzelte. Das

Vergnügen erschien Dir, da es mit einem süßen Schmerz vermischt war, noch

einmal so lebhaft. So bin ich also jene glückliche Sterbliche geworden, die

Deine Jungfernschaft, diese kostbare und seltene Blüte der Frauen,

gepflückt hat.

Nachdem ich mit Dir so vertraut geworden war, zögerte ich nicht, Dir mein

Herz ganz zu öffnen, um Dich Schritt um Schritt auf jenem Weg der Wollust

weiterzuführen. Meine Hand war es, die dich von den Hemmnissen Deiner

Unwissenheit und den Vorurteilen eines Kindes befreite. Die Furcht vor

einer Schwangerschaft konnte Dir nichts mehr anhaben, ich habe Dich durch

meine Erfahrung belehrt. So verdankt mir Dein Liebhaber den ersten Schritt

zu seinem und Deinem Glück.

»Aber ach«, klagtest Du mir, »all diese Dogmen, die man mir in meiner

Kindheit eingeimpft hat, die Gelöbnisse, die man mir diktierte, dieser

Schleier, den man mir aufgezwungen hat, alles widersetzt sich meinem

Glück.« Aber meine Liebe, meine Vorbereitungen und mein Beistand haben

diese Vorurteile abgeschwächt und alle Hindernisse beseitigt.

Du verdankst mir den Frieden Deines Geistes und die Gesellschaft, derer Du

Dich erfreust: Vor allem aber verdankt mir Dein Liebhaber seinen Sieg.

Meine Freundschaft hat euch beiden gedient. Doch zuvor mußte ich mich

überzeugen, daß Valsay, der Deinem Herzen so teuer war, Deine Liebe auch

verdiente. Du weißt, daß diese Fürsorge nicht einem einzigen Tag

entsprungen ist. Eine kultivierte Frau mit Taktgefühl wird immer imstande

sein, das Herz eines Mannes zu durchdringen, trotz aller Täuschungsmanöver

und aller Doppelzüngigkeit, hinter denen er sich zu verbergen suchen mag.

Aber ich war mit Valsay zufrieden. Er gefiel mir gut genug, so daß ich es

wagte, alles auf mich zu nehmen, um Dein Verlangen nach ihm zu befriedigen.

Ohne meinen Beistand würden Deine Schwäche und Schüchternheit die

Hindernisse, die euch trennten, nie überwunden haben. Erinnere Dich an

jenen Tag, da Dein Geliebter Dich auf das leidenschaftlichste bedrängte,

ihn glücklich zu machen. Ich sekundierte ihm mit all meiner Kraft. Du hast

Dich verteidigt, während Du ihn doch begehrtest. Du hast ihm Gründe

entgegengesetzt, die Dir stark genug erschienen. Du hast ihm Hindernisse

vor Augen geführt, die in Deinen Augen unwiderstehlich waren. Ich hatte

Mitleid mit ihm. Ich sah das Feuer der Begierde in ihm und Dir glühen. Der

Augenblick erschien mir günstig, und so beschloß ich, zu Deinem Glück

beizutragen.

»Nun gut«, sagte ich Dir, »ich werde alles überwinden. Valsay, man wird

Dich als undankbar tadeln, wenn Du meine Bemühungen nicht zu würdigen

weißt.«

Ich schloß die Türen des Sprechzimmers auf unserer Seite, ohne auf Deine

Einwände zu achten. Dein Liebhaber tat auf seiner Seite dasselbe. Ich nahm

Dich in meine Arme und preßte Dich gegen das Gitter. Ich lüftete Deinen

Schleier. Er nahm Deine Brüste in die Hand, er küßte Dich und liebkoste

Deine Zunge mit der seinen, als Deine Lippen sich schließlich öffneten.

Doch sein leidenschaftlicher Durst nach Deiner Schönheit führte seine

Hände, die wie von selbst unter Deine Röcke glitten, um Deine verborgensten

Reize zu liebkosen. Ich preßte Dich gegen ihn, und auch ich küßte Dich.

Schließlich gelang es ihm, sich dieser liebenswürdigen kleinen Grotte zu

bemächtigen, die in all dem Glanz Deiner Jugendfrische erstrahlte. Seine

Zärtlichkeiten entfachten in Dir eine leidenschaftliche Begierde. Er

verwünschte dieses unerbittliche Gitter, das euch trennte und das sich

seiner Lust widersetzte. Ich war nahezu außer mir.

»Wie«, sagte ich zu Deinem Liebhaber, »haben Sie so wenig Selbstvertrauen?

Ach, Valsay, dem, der liebt, ist alles möglich. Ich liebe meine teure

Eugenie viel mehr, als Sie es tun, und ich werde Ihnen beweisen, daß dieses

Gefühl mir alles ermöglicht. Nichts kann mich zurückhalten, sie zu

befriedigen. Denn wenn wir jetzt aufgeben, ist alles verloren.«

Du hast Dich uns schließlich ergeben. Ich veranlaßte Dich, auf die Brüstung

des Gitters zu steigen und Deine Hände auf meine Schulter zu stützen. Ich

hielt Dich. Valsay schürzte Deine schwarzen Röcke, welche das blendende

Weiß Deiner Schenkel noch einmal so strahlend erscheinen ließen. Er

liebkoste und küßte sie und schenkte ihnen alle Aufmerksamkeit, die sie

verdienten. Deine kleine Grotte, die sich durch die Gitterstäbe so reizvoll

zur Schau stellte, bot ein bezauberndes Bild. Ich gab ihr unzählige Küsse,

doch weil sich Valsay beeilen mußte, wenn er sein Glück gewinnen wollte,

nahm er Dich schließlich, während ich, meine Hand zwischen Deinen

Schenkeln, Dich liebkoste. Das Vergnügen, dem wir uns überließen, überwand

schließlich Deine Bedenken. Du nimmst meine Brüste in die Hand, Du küßt

mich, Du verschlingst mich beinahe, es kommt Dir. Valsay hat die Klugheit,

sich zurückzuziehen. Seine Wollust verströmt zwischen meinen Fingern und

ergießt sich auf meine Hand wie die Lava eines Vulkans. Da kommt ihr beiden

wieder zu euch selbst zurück. Du beschaust und liebkost dieses Kleinod, das

ich Dir in so lebhaften Farben geschildert habe.

Doch Du kannst Dich seiner ohne meine Hilfe nicht mehr bedienen. Deine

Augen sprechen von einer unterdrückten Leidenschaft. Du wagst nicht, mich

zu bitten, daß ich Deiner Leidenschaft noch einmal diene, aber ich errate

auch so, was Du begehrst. Schließlich bedrängst Du mich und beschwörst

mich, Dich nicht zu verlassen. Wie, grausame Freundin, Du willst, daß ich

Zeugin Deiner Wonnen und Deiner Seligkeit werde, während die meinen für

immer verloren sind? Doch die Freundschaft, die ich für Dich empfinde,

verweigert Dir nichts. Ich biete Dir aufs Neue meinen Beistand, und dieses

Anerbieten entzückt Dich. Du erstickst mich in Deinen Küssen. Ich erinnere

Dich in diesem Augenblick daran, daß Du Dich mit jenem gewissen heilsamen

Schwämmchen bewaffnest. Du läßt mich die Gottheit sehen, der Du so eifrig

dienst, mit der Du scherztest, die Du von Tag zu Tag mehr begehrst. Deine

Tollheiten nehmen immer mehr zu. Du hast ihm meine Brüste enthüllt und

alles, was ich sonst zu verbergen habe. Ich habe mich Deinen Neckereien

überlassen. In welchen Zustand der Erregung habt ihr beide mich versetzt!

Ich habe es Dir gestanden, und das treulose Mitleid hat mein Geheimnis

verraten. Du willst, daß ich mit Deinem Geliebten spiele, du gönnst ihm

meine Reize. Du bedrängst mich, seinen Wünschen zuzustimmen. Deine

Geständnisse, Deine Bitten und seine Begierden, deren unübersehbares

Zeugnis Du wieder und wieder in meine Hand gibst, sollen mich umstimmen.

Ich widerstehe täglich. Deine Bitten, sein Flehen, selbst das Feuer in

meinen Adern kann mich nicht zu einem solchen Entschluß bringen. Nein,

meine teure Eugenie, nein.

Vergeblich machst Du mir Vorwürfe über meine Gleichgültigkeit, wirfst mir

sogar vor, ihn zu hassen. Aber Valsay ist nicht imstande, die eine zu

durchdringen oder den anderen zu erwecken. Unsere Freundschaft allein

genügt mir.

Nach dem übergroßen Verlust, den ich erlitten habe, werde ich niemals

wieder eine intime Liaison mit einem Mann eingehen, und nichts kann mich in

diesem Entschluß wankend machen. Du kannst davon überzeugt sein, daß weder

eure Lust noch die Zärtlichkeiten, die ihr euch erweist, auch nicht der

Anblick und die Berührung dessen, was Dir an ihm am liebenswürdigsten

erscheint, mich je dazu bringen werden, gegen diesen unerschütterlichen

Vorsatz zu verstoßen. Die Nacht, die ich zufrieden in Deinen Armen

verbringe, genügt mir völlig, um das Feuer zu löschen, das noch immer in

meinen Adern brennt.

Einige widrige Umstände haben diese sanfte Ruhe, die ich durch Dich

wiedergefunden habe, gestört. Die Heirat meiner Cousine sowie die

Notwendigkeit, meine wirtschaftlichen Verhältnisse zu ordnen, haben meine

Abreise nötig gemacht. Wir haben uns also für einige Zeit trennen müssen.

Du hast mich beschworen, Dich nicht zu verlassen, und als Beweis meiner

aufrichtigen Zuneigung habe ich Dir versprochen, Dir in allen Einzelheiten

zu berichten, was ich Dir in kurzen Zügen schon eröffnet habe. Ah, welches

Opfer an Klugheit habe ich da gebracht! Aber Du kennst Deine Macht über

mich. Du weißt, wie sehr ich Dich liebe. Dir gehören heute alle

Empfindungen meines Herzens. Während sie unter anderen Umständen der Welt

und der Gesellschaft gehören würden, erntest nur Du allein sie.

Nimm zur Versicherung dessen tausend Küsse, die ich Dir schicke. Sie werden

Dir sagen, wie sehr ich dem süßen Augenblick entgegenseufze, da ich Dich

wieder in meinen Armen halten werde. Ah, meine Liebste, warum ist dieser

Augenblick noch nicht gekommen? Ich hoffe wenigstens, daß er bald da sein

wird. Ich werde Dir ein Kleinod mitbringen, das jenem Valsays ganz ähnlich

ist, aber viel weniger Gefahren in sich birgt. Es ist zwar nicht ganz so

natürlich, doch sind seine Vorteile desto größer, und es ist ganz ohne

jedes Risiko. Wenn es Dir gefällt, wird unsere Freundschaft durch seinen

Gebrauch noch reizvoller werden. Und wenn Valsay sich eines Tages von Dir

trennen sollte, nun, meine liebste Freundin, so verzichte doch auf diese

gefährlichen Liebschaften, die eines Tages fatale Folgen haben könnten.

Begnüge Dich mit dem, was ich dir geben kann. Oh, meine Liebste, vergessen

wir alles, um einander umso inniger zu halten!

Erwarte mich bald, ich will in Deine Arme.

Der gelüftete Vorhang oder Lauras Erziehung · 第 10 / 10 题