_Kirche und Schule._ Es ist selbstverständlich, daß die Entfernung der

Kirche aus der Schule sich bloß auf die =Konfession= bezieht, auf die

besondere Glaubensform, welche der Sagenkreis jeder einzelnen Kirche im

Laufe der Zeit entwickelt hat. Dieser »konfessionelle Unterricht« ist

reine Privatsache und Aufgabe der Eltern und Vormünder, oder derjeniger

Priester oder Lehrer, denen diese ihr persönliches Vertrauen schenken.

Dagegen treten an Stelle der ausgeschiedenen »Konfession« zwei

verschiedene wichtige Unterrichtsgegenstände: erstens die monistische

Sittenlehre und zweitens die vergleichende Religionsgeschichte. Über

die neue =monistische Ethik=, welche sich auf der festen Basis der

modernen Naturerkenntnis -- vor allem der =Entwickelungslehre= --

erhebt, ist im Laufe der letzten Jahrzehnte eine umfangreiche Literatur

erschienen. Unsere neue =vergleichende Religionsgeschichte= knüpft

naturgemäß an den bestehenden Elementarunterricht in »biblischer

Geschichte« und in der Sagenwelt des griechischen und römischen

Altertums an. Beide bleiben wie bisher wesentliche Bildungselemente.

Das ist schon deshalb selbstverständlich, weil unsere ganze =bildende

Kunst= auf das Innigste mit der jüdischen und christlichen, der

hellenischen und römischen Mythologie verwachsen ist. Ein wesentlicher

Unterschied im Unterricht wird nur da eintreten, daß die israelitischen

und christlichen Sagen und Legenden nicht als »=Wahrheit=« gelehrt

werden, sondern gleich den griechischen und römischen als =Dichtungen=;

was sie an ethischen und ästhetischen Werten enthalten, wird dadurch

nicht vermindert, sondern erhöht. -- Was die =Bibel= betrifft, so

sollte dieses »Buch der Bücher« den Kindern nur in sorgfältig gewähltem

Auszuge in die Hand gegeben werden (als »Schulbibel«); dadurch würde

die Befleckung der kindlichen Phantasie mit den zahlreichen unsauberen

Geschichten und unmoralischen Erzählungen verhütet werden, an denen

namentlich das Alte Testament so reich ist.

_Staat und Schule._ Nachdem unser moderner Kulturstaat sich und die

Schule von den Sklavenfesseln der Kirche befreit hat, wird er um so

mehr seine Kraft und Fürsorge der Pflege der =Schule= widmen können.

Der unschätzbare Wert eines guten Schulunterrichts ist uns um so mehr

zum Bewußtsein gekommen, je reicher sich im Laufe des 19. Jahrhunderts

alle Zweige des modernen Kulturlebens entfaltet haben. Aber die

Entwickelung der Unterrichtsmethoden hat damit keineswegs gleichen

Schritt gehalten. Die Notwendigkeit einer umfassenden =Schulreform=

drängt sich uns immer entschiedener auf. Besonders dürften dabei

folgende Fortschritte zu berücksichtigen sein: 1. Im bisherigen

Unterricht spielte allgemein der =Mensch= die Hauptrolle und besonders

das grammatische Studium seiner =Sprache=; die Naturkunde wurde darüber

ganz vernachlässigt. 2. In der neueren Schule muß die =Natur= das

Hauptobjekt werden; der Mensch soll eine richtige Vorstellung von

der Welt gewinnen, in der er lebt; er soll nicht außerhalb der Natur

stehen oder gar im Gegensatz zu ihr, sondern soll als ihr höchstes

und edelstes Erzeugnis erscheinen. 3. Das Studium der =klassischen

Sprachen= (Lateinisch und Griechisch), das bisher den größten Teil

der Zeit und Arbeit in Anspruch nahm, bleibt zwar sehr wertvoll, muß

aber stark beschränkt und auf die Elemente reduziert werden (das

Griechische nur fakultativ, das Lateinisch obligatorisch). 4. Dafür

müssen die =modernen Kultursprachen= auf allen höheren Schulen um so

mehr gepflegt werden (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch).

5. Der Unterricht in der Geschichte muß mehr das innere Geistesleben,

die Kulturgeschichte berücksichtigen, weniger die äußerliche

Völkergeschichte (die Schicksale der Dynastien, Kriege usw.). 6. Die

Grundzüge der =Entwickelungslehre= sind im Zusammenhange mit denjenigen

der =Kosmologie= zu lehren, Geologie im Anschluß an die Geographie,

Anthropologie im Anschluß an die Biologie. 7. Die Grundzüge der

=Biologie= müssen Gemeingut jedes gebildeten Menschen werden; der

moderne »Anschauungsunterricht« fördert die anziehende Einführung in

die biologischen Wissenschaften (Anthropologie, Zoologie, Botanik).

Im Beginne ist von der beschreibenden Systematik auszugehen (im

Zusammenhang mit Ökologie oder Bionomie); später sind die Elemente der

Anatomie und Physiologie anzuschließen. 8. Ebenso muß von =Physik=

und =Chemie= jeder Gebildete die Grundzüge kennen lernen. 9. Jeder

Schüler muß gut =zeichnen= lernen, und zwar nach der Natur; womöglich

auch aquarellieren. Das Entwerfen von Zeichnungen und Aquarellskizzen

nach der Natur (von Blumen, Tieren, Landschaften, Wolken usw.) weckt

nicht nur das Interesse an der Natur und erhält die Erinnerung an

ihren Genuß, sondern die Schüler lernen dadurch überhaupt erst richtig

=sehen= und das Gesehene =verstehen=. 10. Viel mehr Sorgfalt und Zeit

als bisher ist auf die =körperliche Ausbildung= zu verwenden, auf

Turnen und Schwimmen; vorzüglich aber sind wöchentlich gemeinsame

=Spaziergänge= und jährlich in den Ferien mehrere =Fußreisen= zu

unternehmen; der hier gebotene Anschauungsunterricht ist von höchstem

Wert.

Das Hauptziel der höheren Schulbildung blieb bisher in den meisten

Kulturstaaten die Vorbildung für den späteren Beruf, Erwerbung eines

gewissen Maßes von Kenntnissen und Abrichtung für die Pflichten des

Staatsbürgers. Die Schule des 20. Jahrhunderts wird dagegen als

Hauptziel die Ausbildung des =selbständigen Denkens= verfolgen, das

klare Verständnis der erworbenen Kenntnisse und die Einsicht in

den natürlichen Zusammenhang der Erscheinungen. Wenn der moderne

Kulturstaat jedem Bürger das allgemeine gleiche Wahlrecht zugesteht,

muß er ihm auch die Mittel gewähren, durch gute Schulbildung seinen

Verstand zu entwickeln, um davon zum allgemeinen Besten eine

vernünftige Anwendung zu machen.

=Zwanzigstes Kapitel.=

_Lösung der Welträtsel._

Rückblick auf die Fortschritte der wissenschaftlichen Welterkenntnis

im neunzehnten Jahrhundert. Beantwortung der Welträtsel durch die

monistische Naturphilosophie.

Am Ende unserer philosophischen Studien über die Welträtsel

angelangt, dürfen wir getrost zur Beantwortung der schwerwiegenden

Frage schreiten: Wie weit ist uns ihre Lösung gelungen? Welchen Wert

besitzen die ungeheuren Fortschritte, welche das verflossene 19.

Jahrhundert in der wahren Naturerkenntnis gemacht hat? Und welche

Aussicht eröffnen sie uns für die Zukunft, für die weitere Entwickelung

unserer Weltanschauung im 20. Jahrhundert? Jeder unbefangene Denker,

der die tatsächlichen Fortschritte unserer empirischen Kenntnisse

und die einheitliche Klärung unseres philosophischen Verständnisses

einigermaßen übersehen kann, wird unsere Ansicht teilen: das 19.

Jahrhundert hat größere Fortschritte in der Kenntnis der Natur und im

Verständnis ihres Wesens herbeigeführt als alle früheren Jahrhunderte;

es hat viele große »Welträtsel« gelöst, die an seinem Beginne für

unlösbar galten; es hat uns neue Gebiete des Wissens und Erkennens

aufgeschlossen, von deren Existenz der Mensch vor hundert Jahren

noch keine Ahnung hatte. Vor allem aber hat es uns das erhabene Ziel

der =monistischen Kosmologie= klar vor Augen gestellt und den Weg

gezeigt, auf welchem allein wir uns ihm nähern können, den Weg der

exakten empirischen Erforschung der =Tatsachen= und der kritischen

genetischen Erkenntnis ihrer =Ursachen=. Das abstrakte große Gesetz der

=mechanischen Kausalität=, für das unser =kosmologisches Grundgesetz=,

das =Substanzgesetz=, nur ein anderer konkreter Ausdruck ist,

beherrscht jetzt das Universum ebenso wie den Menschengeist; es ist

der sichere, unverrückbare Leitstern geworden, dessen klares Licht uns

durch das dunkle Labyrinth der unzähligen einzelnen Erscheinungen den

Pfad zeigt. Um uns davon zu überzeugen, wollen wir einen flüchtigen

Rückblick auf die erstaunlichen Fortschritte werfen, welche die

Hauptzweige der Naturwissenschaft in diesem denkwürdigen Zeitraum

gemacht haben.

~I~. _Fortschritte der Astronomie._ Die Himmelskunde ist die älteste,

die Menschenkunde die jüngste Naturwissenschaft. Über sich selbst und

sein eigenes Wesen kam der Mensch erst in der zweiten Hälfte des 19.

Jahrhunderts zur Klarheit, während er in der Kenntnis des gestirnten

Himmels, der Planetenbewegungen usw. schon vor 5000 Jahren viele

Kenntnisse besaß. Die alten Chinesen, Inder, Ägypter und Chaldäer

kannten im fernen Morgenlande schon damals die sphärische Astronomie

genauer als die meisten »gebildeten« Christen des Abendlandes

viertausend Jahre später. Schon im Jahre 2697 vor Chr. wurde in

China eine Sonnenfinsternis astronomisch berechnet und 1100 Jahre

vor Chr. mittels eines Gnomons die Schiefe der Ekliptik bestimmt;

hingegen besaß Christus selbst (der »Sohn Gottes!«) bekanntlich

gar keine astronomischen Kenntnisse; er beurteilte vielmehr Himmel

und Erde, Natur und Mensch von dem beschränktesten geozentrischen

und anthropozentrischen Standpunkte aus. Als größter Fortschritt

der Astronomie wird allgemein und mit Recht das heliozentrische

Weltsystem des Kopernikus betrachtet, dessen großartiges Werk: »~=De

revolutionibus orbium coelestium=~« (1543) selbst die größte Revolution

in den Köpfen der denkenden Menschen hervorrief. Indem er das

herrschende geozentrische Weltsystem des =Ptolemäus= stürzte, entzog er

zugleich der herrschenden christlichen Weltanschauung den Boden, welche

die Erde als Mittelpunkt der Welt und den Menschen als gottgleichen

Beherrscher der Erde betrachtete. Es war daher nur folgerichtig, daß

der christliche Klerus, an seiner Spitze der römische Papst, die neue

Entdeckung des =Kopernikus= aufs heftigste bekämpfte. Trotzdem brach

sie sich bald vollständig Bahn, nachdem =Kepler= und =Galilei= darauf

die wahre »Mechanik des Himmels« gegründet und =Newton= ihr durch seine

Gravitationstheorie die unerschütterliche mathematische Basis gegeben

hatte (1686).

Ein weiterer gewaltiger und das ganze Universum umfassender Fortschritt

war die Einführung der Entwickelungsidee in die Himmelskunde; er

geschah 1755 durch den jugendlichen =Kant=, der in seiner kühnen

Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels nicht nur die

»=Verfassung=«, sondern auch den »=mechanischen Ursprung= des ganzen

Weltgebäudes nach Newtons Grundsätzen« abzuhandeln unternahm. Durch das

großartige »=~Système du monde=~« von =Laplace=, der unabhängig von

=Kant= auf dieselben Vorstellungen von der Weltbildung gekommen war,

wurde dann 1796 diese neue »=~Mécanique céleste=~« so fest begründet,

daß es scheinen konnte, unserem 19. Jahrhundert sei auf diesem größten

Erkenntnisgebiete nichts wesentlich Neues von gleicher Bedeutung

mehr vorbehalten. Und doch bleibt ihm der Ruhm, auch hier ganz neue

Bahnen eröffnet und unseren Blick ins Universum unendlich erweitert

zu haben. Durch die Erfindung der Photographie und Photometrie, vor

allem aber der Spektralanalyse (durch =Bunsen= und =Kirchhoff=, 1860)

wurden die Physik und Chemie in die Astronomie eingeführt und dadurch

kosmologische Aufschlüsse von größter Tragweite gewonnen. Es ergab sich

nun mit Sicherheit, daß die =Materie= im ganzen Weltall wesentlich

dieselbe ist, und daß ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften

auf den fernsten Fixsternen nicht verschieden sind von denjenigen

unserer Erde.

Die monistische Überzeugung von der =physikalischen= und =chemischen

Einheit des unendlichen Kosmos=, die wir dadurch gewonnen haben, gehört

sicherlich zu den wertvollsten allgemeinen Erkenntnissen, welche wir

der =Astrophysik= verdanken, einem neuen höchst interessanten Zweige

der Astronomie. Nicht minder wichtig ist die klare, mit Hilfe jener

gewonnene Erkenntnis, daß auch dieselben Gesetze der mechanischen

Entwickelung im unendlichen Universum ebenso überall herrschen wie auf

unserer Erde; eine gewaltige allumfassende =Metamorphose des Kosmos=

vollzieht sich ebenso ununterbrochen in allen Teilen des unendlichen

Universums wie in der geologischen Geschichte unserer Erde; ebenso in

der Stammesgeschichte ihrer Bewohner wie in der Völkergeschichte und

im Leben jedes einzelnen Menschen. In einem Teile des Kosmos erblicken

wir mit unserem vervollkommneten Fernrohre gewaltige Nebelflecke,

die aus glühenden, äußerst dünnen Gasmassen bestehen; wir deuten sie

als Keime von Weltkörpern, die Milliarden von Meilen entfernt und

im ersten Stadium der Entwickelung begriffen sind. Bei einem Teile

dieser »Sternkeime« sind wahrscheinlich die chemischen Elemente noch

nicht getrennt, sondern bei ungeheuer hoher Temperatur =im Urelement=

vereinigt. In anderen Teilen des Universums begegnen wir Sternen,

die bereits durch Abkühlung glutflüssig geworden, anderen, die schon

erstarrt sind; wir können ihre Entwickelungsstufe annähernd aus ihrer

verschiedenen Farbe bestimmen. Dann wieder sehen wir Sterne, die

von Ringen und Monden umgeben sind wie unser Saturn; wir erkennen

in dem leuchtenden Nebelring den Keim eines neuen Mondes, der sich

vom Mutterplaneten ebenso abgelöst hat wie dieser von der Sonne.

Die moderne Himmelsphotographie hat uns in den Stand gesetzt, mit

Hilfe der mächtigen, sehr vervollkommneten Riesenfernrohre, die Zahl

der sichtbaren Weltkörper in den einzelnen Himmelsbezirken genau zu

bestimmen; schon jetzt sind mehr als hundert Millionen Sterne wirklich

gezählt worden, die meisten wahrscheinlich viel größer als unsere Erde.

Von vielen »Fixsternen«, deren Licht Jahrtausende braucht, um zu uns

zu gelangen, dürfen wir mit Sicherheit annehmen, daß sie =Sonnen=

sind, ähnlich unserer Mutter Sonne, und daß sie von Planeten und Monden

umkreist werden, ähnlich denen unseres eigenen Sonnensystems. Wir

dürfen auch weiterhin vermuten, daß sich Tausende von diesen Planeten

auf einer ähnlichen Entwickelungsstufe wie unsere Erde befinden, d. h.

in einem Lebensalter, in dem die Temperatur der Oberfläche zwischen dem

Gefrier- und Siedepunkt des Wassers liegt, also die Existenz tropfbaren

flüssigen Wassers gestattet. Damit ist die Möglichkeit gegeben, daß der

=Kohlenstoff= auch hier, wie auf der Erde, mit anderen Elementen sehr

verwickelte Verbindungen eingeht, und daß aus seinen stickstoffhaltigen

Verbindungen sich =Plasma= entwickelt hat, jene wunderbare »=lebendige

Substanz=«, die wir als alleinigen Eigentümer des organischen

Lebens kennen. Die =Moneren=, die nur aus solchem primitiven

=Protoplasma= bestehen, und die durch =Urzeugung= (=Archigonie=)

aus jenen anorganischen Kohlenstoff-Verbindungen entstanden, können

nun denselben Entwickelungsgang auf vielen anderen, wie auf unserem

eigenen Planeten, eingeschlagen haben; zunächst bildeten sich aus

ihrem homogenen Plasmakörper durch Sonderung eines inneren =Kerns=

vom äußeren =Zellkörper= einfachste lebendige =Zellen=. Die Analogie

im Leben aller Zellen aber berechtigt uns zu dem Schlusse, daß auch

die weitere Stammesgeschichte sich auf vielen Sternen ähnlich wie auf

unserer Erde abspielt -- immer natürlich die gleichen engen Grenzen der

Temperatur vorausgesetzt, in denen das Wasser tropfbar-flüssig bleibt;

für glühendflüssige Weltkörper, auf denen das Wasser nur in Dampfform,

und für erstarrte, auf denen es nur in Eisform besteht, ist organisches

Leben in gleicher Weise unmöglich.

_Die Ähnlichkeit der Phylogenie_, die Analogie der

stammesgeschichtlichen Entwickelung, die wir demnach bei vielen

Sternen auf gleicher biogenetischer Entwickelungsstufe annehmen dürfen,

bietet natürlich der konstruktiven Phantasie ein weites Feld für

farbenreiche Spekulationen. Ein Lieblingsgegenstand derselben ist

seit alter Zeit die Frage, ob auch =Menschen= oder uns ähnliche,

vielleicht höher entwickelte Organismen auf anderen Sternen wohnen?

Soweit wir gegenwärtig zur Beantwortung dieser Frage befähigt

erscheinen, können wir uns etwa Folgendes vorstellen: ~I~. Es ist

sehr wahrscheinlich, daß auf einigen Planeten unseres Systems (Mars

und Venus) und vielen Planeten anderer Sonnensysteme der biogenetische

Prozeß sich ähnlich wie auf unserer Erde abspielt; zuerst entstanden

durch Archigonie einfache Moneren und aus diesen einzellige Protisten.

~II~. Es ist sehr wahrscheinlich, daß aus solchen einzelligen

Urwesen sich im weiteren Verlauf der Entwickelung zunächst soziale

Zellvereine bildeten, später gewebebildende Pflanzen und Tiere.

~III~. Es ist auch fernerhin wahrscheinlich, daß im Pflanzenreiche

sich zunächst Moose und Farne, später Algen, zuletzt Blumenpflanzen

entwickelten. ~IV~. Es ist ebenso wahrscheinlich, daß auch im

Tierreiche der biogenetische Prozeß einen ähnlichen Verlauf nahm, daß

aus Blastäaden sich zunächst Gasträaden entwickelten, und aus diesen

Niedertieren später Obertiere. ~V~. Dagegen ist es sehr fraglich,

ob die einzelnen Stämme dieser höheren Tiere (und ebenso der höheren

Pflanzen) denselben oder einen ähnlichen Entwickelungsgang auf anderen

Planeten durchlaufen wie auf unserer Erde. ~VI~. Insbesondere ist

es unsicher, ob Wirbeltiere auch außerhalb der Erde existieren, und

ob aus deren phyletischer Metamorphose sich im Laufe vieler Millionen

Jahre ebenso Säugetiere und an deren Spitze der Mensch entwickelt haben

wie auf unserer Erde; es müßten dann Millionen von Transformationen

sich dort ganz ebenso wie hier wiederholt haben. ~VII~. Dagegen

ist es wahrscheinlicher, daß auf anderen Planeten sich andere Typen

von höheren Pflanzen und Tieren entwickelt haben, die unserer Erde

fremd sind; vielleicht auch aus einem höheren Tierstamme, der den

Wirbeltieren an Bildungsfähigkeit überlegen ist, höhere Wesen, die uns

irdische Menschen an Intelligenz und Denkvermögen weit übertreffen.

~VIII~. Die Möglichkeit, daß wir Menschen mit solchen Bewohnern

anderer Planeten jemals in direkten Verkehr treten könnten, erscheint

ausgeschlossen durch die weite Entfernung unserer Erde von anderen

Weltkörpern und die Abwesenheit der atmosphärischen Luft in dem

ungeheuren, nur von Äther erfüllten Zwischenraum.

Während nun viele Sterne sich wahrscheinlich in einem ähnlichen

biogenetischen Entwickelungsstadium befinden wie unsere Erde, sind

andere schon weiter vorgeschritten und gehen im »planetarischen

Greisenalter« ihrem Ende entgegen, demselben Ende, das auch unserer

Erde sicher bevorsteht. Durch Ausstrahlung der Wärme in den kalten

Weltraum wird die Temperatur allmählich so herabgesetzt, daß alles

tropfbar flüssige Wasser zu Eis erstarrt; damit hört die Möglichkeit

organischen Lebens auf. Zugleich zieht sich die Masse der rotierenden

Weltkörper immer stärker zusammen; ihre Umlaufsgeschwindigkeit ändert

sich langsam. Die Bahnen der kreisenden Planeten werden immer enger,

ebenso diejenigen der sie umgebenden Monde. Zuletzt stürzen die

Monde in die Planeten und diese in die Sonnen, aus denen sie geboren

sind. Durch diesen Zusammenstoß werden wieder ungeheure Wärmemengen

erzeugt. Die zerstäubte Masse der zerstoßenen kollidierten Weltkörper

verteilt sich frei im unendlichen Weltraum, und das ewige Spiel der

Sonnenbildung beginnt von neuem.

Das großartige Bild, welches so vor unseren geistigen Augen die moderne

Astrophysik aufrollt, offenbart uns ein ewiges Entstehen und Vergehen

der unzähligen Weltkörper, einen periodischen Wechsel der verschiedenen

kosmogenetischen Zustände, welche wir im Universum nebeneinander

beobachten. Während an einem Orte des unendlichen Weltraums aus einem

diffusen Nebelfleck ein neuer Weltkeim sich entwickelt, hat ein anderer

an einem weit entfernten Orte sich bereits zu einem rotierenden Balle

von glutflüssiger Materie verdichtet; ein dritter hat bereits an

seinem Äquator Ringe abgeschleudert, die sich zu Planeten ballen;

ein vierter ist schon zur mächtigen Sonne geworden, deren Planeten

sich mit sekundären Trabanten umgeben haben, den Monden usw. usw.

Und dazwischen treiben sich im Weltraum Milliarden von kleineren

Weltkörpern umher, von Meteoriten und Sternschnuppen, die als scheinbar

gesetzlose Vagabunden die Bahn der größeren durchkreuzen, und von denen

täglich ein großer Teil in die letzteren hineinstürzt. Dabei ändern

sich beständig langsam die Umlaufszeiten und die Bahnen der jagenden

Weltkörper. Die erkalteten Monde stürzen in ihre Planeten wie diese in

ihre Sonnen. Zwei entfernte Sonnen, vielleicht schon erstarrt, stoßen

mit ungeheurer Kraft aufeinander und zerstäuben in nebelartige Massen.

Dabei entwickeln sie so kolossale Wärmemengen, daß der Nebelfleck

wieder glühend wird, und nun wiederholt sich das alte Spiel von neuem.

Bei dieser beständigen Umbildung bleibt aber die unendliche Substanz

des Universums, die Summe ihrer Materie und Energie, ewig unverändert,

und ewig wiederholt sich in der unendlichen Zeit der =periodische

Wechsel der Weltbildung=, die in sich selbst zurücklaufende

=Metamorphose des Kosmos=, das »~Perpetuum mobile~« des Universums.

Allgewaltig herrscht das =Substanzgesetz=.

~II~. _Fortschritte der Geologie._ Viel später als der Himmel

wurde die Erde und ihre Entstehung Gegenstand wissenschaftlicher

Forschung. Die zahlreichen Kosmogenien alter und neuer Zeit wollten

zwar über die Entstehung der Erde ebensogut Auskunft geben wie über

die des Himmels; allein das mythologische Gewand, in das sie sich

sämtlich hüllten, verriet sofort ihren Ursprung aus der dichtenden

Phantasie. Unter all den zahlreichen Schöpfungssagen, von denen uns

die Religions- und Kulturgeschichte Kunde gibt, gewann eine einzige

bald allen übrigen den Rang ab, die Schöpfungsgeschichte des =Moses=,

wie sie im ersten Buche des Pentateuch (~Genesis~) erzählt wird.

Sie entstand in der bekannten Fassung erst lange nach dem Tode

des Moses; ihre Quellen sind aber größtenteils viel älter und auf

assyrische, babylonische und indische Sagen zurückzuführen. Den

größten Einfluß gewann diese jüdische Schöpfungssage dadurch, daß sie

in das christliche Glaubensbekenntnis hinübergenommen und als »Wort

Gottes« geheiligt wurde. Zwar hatten schon 500 Jahre vor Chr. die

griechischen Naturphilosophen die natürliche Entstehung der Erde auf

dieselbe Weise wie die der anderen Weltkörper erklärt. Auch hatte schon

damals =Xenophanes= von Kolophon die =Versteinerungen=, die später so

große Bedeutung erlangten, in ihrer wahren Natur erkannt; der große

Maler =Leonardo da Vinci= hatte im 15. Jahrhundert ebenfalls diese

Petrefakten für die fossilen Überreste von Tieren erklärt, die in

früheren Zeiten der Erdgeschichte gelebt hatten. Allein die Autorität

der Bibel, insbesondere der Mythus von der Sintflut, verhinderte jeden

weiteren Fortschritt der wahren Erkenntnis und sorgte dafür, daß die

mosaischen Schöpfungssagen noch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts

in Geltung blieben. In den Kreisen der orthodoxen Theologen besitzen

sie dieselbe noch bis auf den heutigen Tag. Erst in der zweiten Hälfte

des 18. Jahrhunderts begannen unabhängig davon wissenschaftliche

Forschungen über den Bau der Erdrinde, und wurden daraus Schlüsse auf

ihre Entstehung abgeleitet. Der Begründer der Geognosie, Werner in

Freiberg, ließ alle Gesteine aus dem Wasser entstehen, während =Voigt=

und =Hutton= (1788) richtig erkannten, daß nur die sedimentären,

Petrefakten führenden Gesteine diesen Ursprung haben, die vulkanischen

und plutonischen Gebirgsmassen dagegen durch Erstarrung feurigflüssiger

Massen entstanden sind.

Die Welträtsel: Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie · 第 26 / 27 段