von =Kant=, der prinzipielle Antagonismus der =reinen= und der
=praktischen= Vernunft, schon im Anfange des 19. Jahrhunderts erkannt
und widerlegt wurde, blieb er doch bis heute in weiten Kreisen
herrschend. Die moderne Schule der =Neokantianer= predigt noch
heute den »Rückgang auf Kant« so eindringlich gerade =wegen= dieses
willkommenen =Dualismus=, und die streitende Kirche unterstützt
sie dabei aufs wärmste, weil ihr eigener mystischer Glaube dazu
vortrefflich paßt. Eine wirksame Niederlage bereitete demselben
erst die moderne Naturwissenschaft in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts; die Voraussetzungen der praktischen Vernunftlehre wurden
dadurch hinfällig. Kosmologie und Biologie, die auf dem Substanzgesetz
ruhen, bedürfen keines »persönlichen Gottes« mehr; die vergleichende
und genetische Psychologie zeigte, daß eine »unsterbliche Seele« nicht
existieren kann, und die Physiologie wies nach, daß die Annahme des
»freien Willens« auf Täuschung beruht. Die Entwickelungslehre endlich
machte klar, daß die »=ewigen, ehernen Naturgesetze=« der anorganischen
Welt auch in der organischen und moralischen Welt Geltung haben.
Unsere moderne Naturerkenntnis wirkt aber für die praktische
Philosophie und Ethik nicht nur =negativ=, indem sie den Kantischen
Dualismus zertrümmert, sondern auch =positiv=, indem sie an dessen
Stelle das neue Gebäude des =ethischen Monismus= setzt. Sie zeigt,
daß das =Pflichtgefühl= des Menschen nicht auf einem eingeimpften
»=kategorischen Imperativ=« beruht, sondern auf dem =realen Boden
der sozialen Instinkte=, die wir bei allen gesellig lebenden höheren
Tieren finden. Sie erkennt als höchstes Ziel der Moral die Herstellung
einer gesunden Harmonie zwischen =Egoismus= und =Altruismus=, zwischen
Selbstliebe und Nächstenliebe. Vor allen anderen war es der große
englische Philosoph =Herbert Spencer=, dem wir die Begründung dieser
monistischen Ethik durch die Entwickelungslehre verdanken.
_Egoismus und Altruismus._ Der Mensch gehört zu den =sozialen
Wirbeltieren= und hat daher, wie alle sozialen Tiere, zweierlei
verschiedene Pflichten, erstens gegen sich selbst und zweitens
gegen die Gesellschaft, der er angehört. Erstere sind Gebote der
=Selbstliebe= (Egoismus), letztere Gebote der =Nächstenliebe=
(Altruismus). Beide Gebote sind gleich berechtigt, gleich natürlich
und gleich unentbehrlich. Will der Mensch in geordneter Gesellschaft
existieren und sich wohl befinden, so muß er nicht nur sein eigenes
Glück anstreben, sondern auch dasjenige der Gemeinschaft, der er
angehört, und der »Nächsten«, welche diesen sozialen Verein bilden.
Er muß erkennen, daß ihr Gedeihen sein Gedeihen ist und ihr Leiden
sein Leiden. Diese sozialen Grundgesetze sind so einfach und so
naturnotwendig, daß man schwer begreift, wie ihnen theoretisch und
praktisch widersprochen werden kann; und doch geschieht das noch heute,
wie es seit Jahrtausenden geschehen ist.
_Gleichgewicht des Egoismus und Altruismus._ Die gleiche Berechtigung
dieser beiden Naturtriebe, die moralische Gleichwertigkeit
der Selbstliebe und der Nächstenliebe ist das wichtigste
=Fundamentalprinzip unserer Moral=. Das höchste Ziel aller
vernünftigen Sittenlehre ist demnach sehr einfach, die Herstellung des
»=naturgemäßen Gleichgewichts zwischen Eigenliebe und Nächstenliebe=«.
Das Goldene Sittengesetz sagt: »Was du willst, daß dir die Leute
tun sollen, das tue du ihnen auch.« Aus diesem höchsten Gebot des
Christentums folgt von selbst, daß wir ebenso heilige Pflichten
gegen uns selbst wie gegen unsere Mitmenschen haben. Ich habe meine
Auffassung dieses Grundprinzips bereits 1892 in meinem »=Monismus=«
auseinandergesetzt (S. 29, 45) und dabei besonders drei wichtige
Sätze betont: ~I~. Beide konkurrierende Triebe sind =Naturgesetze=,
die zum Bestehen der Familie und der Gesellschaft gleich wichtig und
gleich notwendig sind; der Egoismus ermöglicht die Selbsterhaltung des
=Individuums=, der Altruismus diejenige der Gattung und =Spezies=,
die sich aus der Kette der vergänglichen Individuen zusammensetzt.
~II~. =Die sozialen Pflichten=, welche die Gesellschaftsbildung den
assoziierten Menschen auferlegt, und durch welche sich diese erhält,
sind nur höhere Entwickelungsformen der =sozialen Instinkte=, welche
wir bei allen höheren, gesellig lebenden Tieren finden. ~III~. Beim
Kulturmenschen steht alle Ethik, sowohl die theoretische wie die
praktische Sittenlehre, als »Normwissenschaft« in Zusammenhang mit der
=Weltanschauung= und demnach auch mit der =Religion=.
_Das ethische Grundgesetz._ (=Das Goldene Sittengesetz.=) Aus der
Anerkennung unseres Fundamentalprinzips der Moral ergibt sich
unmittelbar das höchste Gebot derselben, jenes Pflichtgebot, das
man jetzt oft als das =Goldene Sittengesetz= oder kurz als die
»Goldene Regel« bezeichnet. =Christus= sprach dasselbe wiederholt
in dem einfachen Satze aus: »=Du sollst deinen Nächsten lieben
wie dich selbst=« (Matth. 19, 19; 22, 39, 40; Römer 13, 9 usw.). In
diesem wichtigsten und höchsten Gebote stimmt unsere =monistische
Ethik= vollkommen mit der =christlichen= überein. Nur müssen wir
gleich die historische Tatsache hinzufügen, daß die Aufstellung
dieses obersten Grundgesetzes nicht ein Verdienst Christi ist, wie
die meisten christlichen Theologen behaupten und ihre unkritischen
Gläubigen unbesehen annehmen. Vielmehr ist diese =Goldene Regel=
mehr als fünfhundert Jahre älter als Christus und von vielen
verschiedenen Weisen Griechenlands und des Orients als wichtigstes
Sittengesetz anerkannt. =Pittakos= von Mytilene, einer der sieben
Weisen Griechenlands, sagte 620 Jahre vor Christus: »Tue deinem
Nächsten nicht, was du ihm verübeln würdest.« -- =Konfutse=, der große
chinesische Philosoph und Religionsstifter (der die Unsterblichkeit
der Seele und den persönlichen Gott leugnete), sagte 500 Jahre vor
Chr.: »Tue jedem anderen, was du willst, daß er dir tun soll; und tue
keinem anderen, was du willst, daß er dir nicht tun soll. Du brauchst
nur dieses Gebot allein; es ist =die Grundlage aller anderen Gebote=.«
=Aristoteles= lehrte um die Mitte des vierten Jahrhunderts vor Chr.:
»Wir sollen uns gegen andere so benehmen, als wir wünschen, daß
andere gegen uns handeln sollen.« In gleichem Sinne und zum Teil mit
denselben Worten wird auch die goldene Regel von =Thales=, =Isokrates=,
=Aristippus=, dem Pythagoräer =Sextus= und anderen Philosophen des
klassischen Altertums -- =mehrere Jahrhunderte vor Christus=! --
ausgesprochen. Aus dieser Zusammenstellung geht hervor, daß das
Goldene Grundgesetz zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenem Orten
von mehreren Philosophen -- unabhängig voneinander -- aufgestellt
worden ist. Anderenfalls müßte man annehmen, daß Jesus es aus
anderen orientalischen Quellen (aus älteren semitischen, indischen,
chinesischen Traditionen, besonders buddhistischen Lehren) übernommen
habe, wie es jetzt für die meisten anderen christlichen Glaubenslehren
nachgewiesen ist.
_Christliche Sittenlehre._ Da das ethische Grundgesetz demnach
bereits seit 2500 Jahren besteht, und da das Christentum dasselbe
ausdrücklich als höchstes, alle anderen umfassendes Gebot an die
Spitze seiner Sittenlehre stellt, würde unsere =monistische Ethik=
in diesem wichtigsten Punkte nicht nur mit jenen älteren heidnischen
Sittenlehren, sondern auch mit den christlichen in vollkommenem
Einklang sein. Leider wird aber diese erfreuliche Harmonie dadurch
gestört, daß die Evangelien und die paulinischen Episteln viele andere
Sittenlehren enthalten, die jenem ersten und obersten Gebote geradezu
widersprechen. Wir müssen daher kurz jene bedauerlichen Seiten der
christlichen Lehre andeuten, welche mit der besseren Weltanschauung
der Neuzeit unverträglich und bezüglich ihrer praktischen Konsequenzen
geradezu schädlich sind. Dahin gehört die Verachtung der christlichen
Moral gegen das eigene Individuum, gegen den Leib, die Natur, die
Kultur, die Familie und die Frau.
~I~. =Die Selbstverachtung des Christentums.= Als obersten und
wichtigsten Mißgriff der christlichen Ethik, welcher die Goldene Regel
geradezu aufhebt, müssen wir die =Übertreibung= der Nächstenliebe
auf Kosten der Selbstliebe betrachten. Das Christentum bekämpft und
verwirft den =Egoismus= im Prinzip, und doch ist dieser Naturtrieb
zur Selbsterhaltung absolut unentbehrlich; ja, man kann sagen, daß
auch der =Altruismus=, sein scheinbares Gegenteil, im Grunde ein
verfeinerter Egoismus ist. Nichts Großes, nichts Erhabenes ist jemals
ohne Egoismus geschehen und ohne die =Leidenschaft=, welche uns zu
großen Opfern befähigt. Nur die =Ausschreitungen= dieser Triebe
sind verwerflich. Zu denjenigen christlichen Geboten, welche uns in
frühester Jugend als wichtigste eingeprägt und welche in Millionen
von Predigten verherrlicht werden, gehört der Satz (Matthäus 5, 44):
»Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die
euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.« Dieses
ideale Gebot ist praktisch von sehr bedenklichem Werte. Ebenso verhält
es sich mit der Anweisung: »Wenn dir jemand den Rock nimmt, dem gib
auch den Mantel«; d. h. in das moderne Leben übersetzt: »Wenn dich
ein gewissenloser Schuft um die eine Hälfte deines Vermögens betrügt,
dann schenke ihm auch noch die andere Hälfte.« Die vielbewunderte
Weltmachtspolitik der modernen Kulturstaaten steht in =schneidendem
Widerspruch= zu allen Grundlehren der christlichen Liebe, welche
von ihnen =im Munde= geführt wird. Übrigens ist ja der offenkundige
Widerspruch zwischen der empfohlenen =idealen=, altruistischen Moral
des =einzelnen= Menschen und der =realen=, rein egoistischen Moral der
menschlichen =Gemeinden=, und besonders der christlichen Kulturstaaten,
eine allbekannte Tatsache. Es wäre interessant, mathematisch
festzustellen, bei welcher =Zahl= von vereinigten Menschen das
=altruistische= Sittenideal der einzelnen Person sich in sein Gegenteil
verwandelt, in die rein =egoistische= »Realpolitik« der Staaten und
Nationen.
~II~. =Die Leibesverachtung des Christentums.= Da der christliche
Glaube den Organismus des Menschen ganz dualistisch beurteilt und der
unsterblichen Seele nur einen vorübergehenden Aufenthalt im sterblichen
Leibe anweist, ist es ganz natürlich, daß der ersteren ein viel
höherer Wert beigemessen wird als dem letzteren. Daraus folgt jene
Vernachlässigung der Leibespflege, der körperlichen Ausbildung und
Reinlichkeit, welche das Kulturleben des christlichen Mittelalters sehr
unvorteilhaft vor demjenigen des heidnischen klassischen Altertums
auszeichnet. In der christlichen Sittenlehre fehlen jene strengen
Gebote der täglichen Waschungen und der sorgfältigen Körperpflege, die
wir in der mohammedanischen, den indischen und anderen Religionen nicht
nur theoretisch festgesetzt, sondern auch praktisch ausgeführt sehen.
Das Ideal des frommen Christen ist in vielen Klöstern der Mensch,
der sich niemals ordentlich wäscht und kleidet, der seine schmutzige
Kutte niemals wechselt, und der statt ordentlicher Arbeit sein faules
Leben mit gedankenlosen Betübungen, sinnlosem Fasten usw. zubringt.
Als Auswüchse dieser Leibesverachtung möge noch an die widerwärtigen
Bußübungen der Geißler und anderer Asketiker erinnert werden.
=III.= =Die Naturverachtung des Christentums.= Eine Quelle von
unzähligen theoretischen Irrtümern und praktischen Fehlern, von
geduldeten Rohheiten und bedauerlichen Entbehrungen liegt in dem
falschen =Anthropismus des Christentums=, in der exklusiven Stellung,
welche es dem Menschen als »Ebenbild Gottes« anweist, im Gegensatze
zu der übrigen Natur. Dadurch hat es nicht allein zu einer höchst
schädlichen Entfremdung von unserer herrlichen Mutter »Natur«
beigetragen, sondern auch zu einer bedauernswerten Verachtung der
übrigen Organismen. Das Christentum kennt nicht jene rühmliche
=Liebe zu den Tieren=, jenes Mitleid mit den nächststehenden, uns
befreundeten Säugetieren (Hunden, Pferden, Rindern usw.), welche zu den
Sittengesetzen vieler anderer älterer Religionen gehören, vor allem der
weitestverbreiteten, des =Buddhismus=. Wer längere Zeit im katholischen
Südeuropa gelebt hat, ist oftmals Zeuge jener abscheulichen
Tierquälereien gewesen, die uns Tierfreunden sowohl das tiefste Mitleid
als den höchsten Zorn erregen; und wenn er dann jenen rohen »Christen«
Vorwürfe über ihre Grausamkeit macht, erhält er zur lachenden Antwort:
»Ja, die Tiere sind doch keine Christen!« Leider wurde dieser Irrtum
auch durch =Descartes= befestigt, der nur dem Menschen eine fühlende
Seele zuschrieb, nicht aber den Tieren. Wie erhaben steht in dieser
Beziehung unsere monistische Ethik über der christlichen! Der
=Darwinismus= lehrt uns, daß wir zunächst von Primaten und weiterhin
von einer Reihe älterer Säugetiere abstammen, und daß diese »=unsere
Brüder=« sind; die Physiologie beweist uns, daß diese Tiere dieselben
Nerven und Sinnesorgane haben wie wir, daß sie ähnlich Lust und Schmerz
empfinden wie wir. Kein mitfühlender monistischer Naturforscher wird
sich jemals jener rohen Mißhandlung der Tiere schuldig machen, die der
gläubige Christ in seinem anthropistischen Größenwahn -- als »Kind des
Gottes der Liebe!« -- gedankenlos begeht. -- Außerdem aber entzieht die
prinzipielle Naturverachtung des Christentums dem Menschen eine Fülle
der edelsten irdischen Freuden, vor allem den herrlichen, wahrhaft
erhebenden =Naturgenuß=.
~IV~. =Die Kulturverachtung des Christentums.= Da nach Christi Lehre
unsere Erde ein Jammerthal ist, unser irdisches Leben wertlos und
nur eine Vorbereitung auf das »ewige Leben« im besseren Jenseits, so
verlangt sie folgerichtig, daß demgemäß der Mensch auf alles Glück im
Diesseits zu verzichten und alle dazu erforderlichen =irdischen Güter=
gering zu achten hat. Zu diesen »irdischen Gütern« gehören aber für den
modernen Kulturmenschen die unzähligen kleinen und großen Hilfsmittel
der Technik, der Hygiene, des Verkehrs, welche unser heutiges
Kulturleben angenehm gestalten; -- zu diesen »irdischen Gütern« gehören
alle die hohen Genüsse der bildenden Kunst, der Tonkunst, der Poesie,
welche schon während des christlichen Mittelalters (trotz seiner
Prinzipien!) sich zu hoher Blüte entwickelten, und welche wir als
»ideale Güter« hochschätzen; -- zu diesen »irdischen Gütern« gehören
die unschätzbaren Fortschritte der Wissenschaft und vor allem der
Naturerkenntnis. Alle diese »irdischen Güter« der verfeinerten Kultur,
welche nach unserer monistischen Weltanschauung den höchsten Wert
besitzen, sind nach der christlichen Lehre wertlos, ja großenteils
verwerflich, und die strenge christliche Moral muß das Streben nach
diesen Gütern mißbilligen. Das Christentum zeigt sich also auch auf
diesem praktischen Gebiete kulturfeindlich; der Kampf, welchen die
moderne Bildung und Wissenschaft dagegen zu führen gezwungen sind, ist
auch in diesem Sinne ein wirklicher »=Kulturkampf=«.
~V~. =Die Familienverachtung des Christentums.= Zu den
bedauerlichsten Seiten der christlichen Moral gehört die
Geringschätzung, welche dasselbe gegen das =Familienleben= besitzt,
d. h. gegen jenes naturgemäße Zusammenleben mit den nächsten
Blutsverwandten, welches für den normalen Menschen ebenso unentbehrlich
ist wie für alle höheren sozialen Tiere. Die »Familie« gilt uns
ja mit Recht als die »Grundlage der Gesellschaft« und das gesunde
Familienleben als Vorbedingung für ein blühendes Staatsleben. Ganz
anderer Ansicht war Christus, dessen nach dem »Jenseits« gerichteter
Blick die Frau und die Familie ebenso gering schätzte wie alle anderen
Güter des »Diesseits«. Von den seltenen Berührungen mit seinen Eltern
und Geschwistern wissen die Evangelien nur sehr wenig zu erzählen;
das Verhältnis zu seiner Mutter Maria war danach keineswegs so zart
und innig, wie es uns Tausende von schönen Bildern in =poetischer
Verklärung= vorführen; er selbst war nicht verheiratet. Die
Geschlechtsliebe, die doch die erste Grundlage der Familienbildung ist,
erschien Jesus eher wie ein notwendiges Übel. Noch weiter ging darin
sein eifrigster Apostel, =Paulus=, der es für besser erklärte, nicht
zu heiraten, als zu heiraten. »Es ist dem Menschen gut, daß er kein
Weib berühre« (1. Korinther 7, 1, 28-38). Wenn die Menschheit diesen
guten Rat befolgte, würde sie damit allerdings bald alles irdische Leid
und Elend loswerden; sie würde durch diese Radikalkur innerhalb eines
Jahrhunderts aussterben.
~VI.~ =Die Frauenverachtung des Christentums.= Da Christus selbst
die Frauenliebe nicht kannte, blieb ihm persönlich jene feine
Veredelung des wahren Menschenwesens fremd, welche erst aus dem innigen
Zusammenleben des Mannes mit dem Weibe entspringt. Der intime sexuelle
Verkehr, auf welchem allein die Erhaltung des Menschengeschlechts
beruht, ist dafür ebenso wichtig wie die geistige Durchdringung
beider Geschlechter und die gegenseitige Ergänzung, die sich beide
gleicherweise in den praktischen Bedürfnissen des täglichen Lebens wie
in den höchsten idealen Funktionen der Seelentätigkeit gewähren. Denn
Mann und Weib sind zwei verschiedene, aber gleichwertige Organismen,
jeder mit seinen Eigentümlichkeiten, Vorzügen und Mängeln. Je höher
sich die Kultur entwickelte, desto mehr wurde dieser ideale Wert der
sexuellen Liebe erkannt, und desto höher stieg die Achtung der Frau,
besonders in der germanischen Rasse; ist sie doch die Quelle, aus
welcher die herrlichsten Blüten der Poesie und der Kunst entsprossen
sind. Christus dagegen lag diese Anschauung ebenso fern wie fast dem
ganzen Altertum; er teilte die allgemein herrschende Anschauung des
=Orients=, daß das Weib dem Manne untergeordnet und der Verkehr mit
ihm »unrein« sei. Die beleidigte Natur hat sich für diese Mißachtung
furchtbar gerächt; ihre traurigen Folgen sind namentlich in der
Kulturgeschichte des papistischen Mittelalters mit blutiger Schrift
verzeichnet.
_Papistische Moral._ Die bewunderungswürdige Hierarchie des römischen
Papismus, die kein Mittel zur absoluten Beherrschung der Geister
verschmähte, fand ein ausgezeichnetes Instrument in der Fortbildung
jener »unreinen« Anschauung und in der Pflege der asketischen
Vorstellung, daß die Enthaltung vom Frauenverkehr an sich eine Tugend
sei. Schon in den ersten Jahrhunderten nach Christus enthielten sich
viele Priester freiwillig der Ehe, und bald stieg der vermeintliche
Wert dieses =Zölibats= so hoch, daß dasselbe für obligatorisch erklärt
wurde. Die Sittenlosigkeit, die infolge dessen einriß, ist durch die
Forschungen der neueren Kulturgeschichte allbekannt geworden. Schon
im Mittelalter wurde die Verführung ehrbarer Frauen und Töchter durch
katholische Geistliche (wobei der Beichtstuhl eine wichtige Rolle
spielte) ein öffentliches Ärgernis; viele Gemeinden drangen darauf,
daß zur Verhütung derselben den »keuschen« Priestern das =Konkubinat=
gestattet werde! Auf den christlichen Konzilien, auf welchen ungläubige
Ketzer lebendig verbrannt wurden, tafelten die versammelten Kardinäle
und Bischöfe mit ganzen Scharen von Freudenmädchen. Die geheimen
und öffentlichen Ausschweifungen des katholischen Klerus wurden so
schamlos und gemeingefährlich, daß schon vor =Luther= die Empörung
darüber allgemein und der Ruf nach einer »Reformation der Kirche an
Haupt und Gliedern« überall laut wurde. Daß trotzdem diese unsittlichen
Verhältnisse in katholischen Ländern noch heute fortbestehen (wenn auch
mehr im Geheimen), ist bekannt. Früher wiederholten sich noch immer
von Zeit zu Zeit die Anträge auf definitive Aufhebung des Zölibats,
so in den Kammern von Baden, Bayern, Hessen, Sachsen und anderen
Ländern. Leider bisher vergebens! Im Deutschen Reichstage, in welchem
das ultramontane Zentrum die lächerlichsten Mittel zur Vermeidung der
sexuellen Unsittlichkeit vorschlägt, denkt noch heute keine Partei
daran, die Abschaffung des Zölibats im Interesse der öffentlichen Moral
zu beantragen. (Vergl. =Hoensbroech=, Das Papsttum, Leipzig 1901).
Der moderne Kulturstaat, der nicht bloß das praktische, sondern auch
das moralische Volksleben auf eine höhere Stufe heben soll, hat das
Recht und die Pflicht, solche unwürdige und gemeinschädliche Zustände
aufzuheben. Das =obligatorische Zölibat= der katholischen Geistlichen
ist ebenso verderblich und unsittlich wie die =Ohrenbeichte= und der
=Ablaßkram=; alle drei Einrichtungen haben mit dem =ursprünglichen
Christentum nichts= zu tun; alle drei schlagen der reinen Christenmoral
ins Gesicht; alle drei sind nichtswürdige Erfindungen des =Papismus=,
darauf berechnet, die absolute Herrschaft über die leichtgläubigen
Volksmassen aufrecht zu erhalten und sie nach Kräften materiell
auszubeuten.
Die Nemesis der Geschichte wird früher oder später über den römischen
Papismus ein furchtbares Strafgericht halten, und die Millionen
Menschen, die durch diese entartete Religion um ihr Lebensglück
gebracht wurden, werden dazu dienen, ihr im zwanzigsten Jahrhundert den
Todesstoß zu versetzen -- wenigstens in den wahren »Kulturstaaten«.
Man hat neuerdings berechnet, daß die Zahl der Menschen, welche durch
die papistischen Ketzerverfolgungen, die Inquisition, die christlichen
Glaubenskriege usw. ums Leben kamen, weit über zehn Millionen beträgt.
Aber was bedeutet diese Zahl gegen die zehnfach größere Zahl der
Unglücklichen, welche den Satzungen und der Priesterherrschaft der
entarteten christlichen Kirche =moralisch= zum Opfer fielen? -- gegen
die Unzahl derjenigen, deren höheres Geistesleben durch sie getötet,
deren naives Gewissen gequält, deren Familienleben vernichtet wurde?
Hier gilt das wahre Wort aus =Goethes= Gedicht »Die Braut von Korinth«:
»Opfer fallen hier, weder Lamm noch Stier,
=Aber Menschenopfer unerhört=!«
_Staat und Kirche._ In dem großen »=Kulturkampfe=«, der infolge
dieser traurigen Verhältnisse noch immer geführt werden muß, sollte
das erste Ziel die vollständige =Trennung von Staat und Kirche= sein.
Die »freie Kirche soll im freien Staate« bestehen, d. h. jede Kirche
soll frei sein in voller Ausübung ihres Kultus und ihrer Zeremonien,
auch im Ausbau ihrer phantastischen Dichtungen und abergläubigen
Dogmen -- jedoch unter der =Voraussetzung=, daß sie dadurch nicht die
öffentliche Ordnung und Sittlichkeit gefährdet. Und dann soll gleiches
Recht für alle gelten! Die freien Gemeinden und die monistischen
Religions-Gesellschaften sollen ebenso geduldet und ebenso frei in
ihren Bewegungen sein wie die liberalen Protestantenvereine und die
orthodoxen ultramontanen Gemeinden. Aber für alle diese »Gläubigen« der
verschiedensten Konfessionen soll =die Religion Privatsache= bleiben;
der Staat soll sie nur beaufsichtigen und etwaige Ausschreitungen
verhüten, sie aber weder unterdrücken, noch unterstützen. Auch
sollen die Steuerzahler nicht mehr gehalten werden, ihr Geld für die
Aufrechterhaltung und Förderung eines fremden »=Glaubens=« herzugeben,
der nach ihrer ehrlichen Überzeugung ein schädlicher =Aberglaube= ist.
In den Vereinigten Staaten von Nordamerika, in Holland und einigen
kleineren Ländern ist in diesem Sinne die vollständige »Trennung von
Staat und Kirche« längst durchgeführt, und zwar zur Zufriedenheit aller
Beteiligten, ebenso neuerdings in Frankreich. Damit ist dort zugleich
die ebenso wichtige Trennung von der Schule bestimmt, unzweifelhaft ein
wesentlicher Grund für den Aufschwung der Wissenschaft und des höheren
Geisteslebens überhaupt.