=plutonistischen= Schule entstand, dauerte noch während der ersten
drei Dezennien des 19. Jahrhunderts fort; er wurde erst geschlichtet,
nachdem =Karl Hoff= (1822) das Prinzip des Aktualismus begründet und
=Charles Lyell= dasselbe mit größtem Erfolge für die ganze natürliche
Entwickelung der Erde durchgeführt hatte. Durch seine »Prinzipien
der Geologie« (1830) wurde die überaus wichtige Lehre von der
=Kontinuität= der Erdumbildung endgültig zur Anerkennung gebracht,
gegenüber der Katastrophentheorie von =Cuvier=. Die =Paläontologie=,
welche letzterer durch sein Werk über die fossilen Knochen (1812)
begründet hatte, wurde nun bald zur wichtigsten Hilfswissenschaft der
Geologie, und schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sie sich
so weit entwickelt, daß die Hauptperioden in der Geschichte der Erde
und ihrer Bewohner festgelegt waren. Die dünne Rindenschicht der Erde
war nun mit Sicherheit als die Erstarrungskruste des feurigflüssigen
Planeten erkannt, dessen langsame Abkühlung und Zusammenziehung
sich ununterbrochen fortsetzt. Die Faltung der erstarrenden Rinde,
die »Reaktion des feurigflüssigen Erdinnern gegen die erkaltete
Oberfläche«, und vor allem die ununterbrochene geologische Tätigkeit
des Wassers sind die natürlich wirkenden Ursachen, welche tagtäglich an
der langsamen Umbildung der Erdrinde und ihrer Gebirge mächtig arbeiten.
Drei überaus wichtige Ergebnisse von allgemeiner Bedeutung verdanken
wir den glänzenden Fortschritten der neueren Geologie. Erstens wurden
damit aus der Erdgeschichte alle =Wunder= ausgeschlossen, alle
übernatürlichen Ursachen beim Aufbau der Gebirge und der Umbildung der
Kontinente. Zweitens wurde unser Begriff von der Länge der ungeheuren
Zeiträume, die seit deren Bildung verflossen sind, erstaunlich
erweitert. Wir wissen jetzt, daß die ungeheuren Gebirgsmassen der
paläozoischen, mesozoischen und zänozoischen Formationen nicht viele
Jahrtausende, sondern viele Jahrmillionen zu ihrem Aufbau brauchten.
Drittens wissen wir jetzt, daß alle die zahlreichen, in diesen
Formationen eingeschlossenen =Versteinerungen= nicht wunderbare
»Naturspiele« sind, wie man noch vor 150 Jahren glaubte, sondern die
versteinerten Überreste von Organismen, welche in früheren Perioden der
Erdgeschichte wirklich lebten, und welche durch langsame Umbildung aus
vorhergegangenen Ahnenreihen entstanden sind.
~III~. _Fortschritte der Physik und Chemie._ Die zahllosen wichtigen
Entdeckungen, welche diese fundamentalen Wissenschaften im 19.
Jahrhundert gemacht haben, sind so allbekannt und ihre praktische
Anwendung in allen Zweigen des menschlichen Kulturlebens liegt so klar
vor aller Augen, daß wir hier nicht Einzelnes hervorzuheben brauchen.
Allen voran hat die Anwendung der Dampfkraft und Elektrizität dem 19.
Jahrhundert den charakteristischen »Maschinenstempel« aufgedrückt.
Aber nicht minder wertvoll sind die kolossalen Fortschritte der
anorganischen und organischen Chemie. Alle Gebiete unserer modernen
Kultur, Medizin und Technologie, Industrie und Landwirtschaft,
Bergbau und Forstwirtschaft, Landtransport und Wasserverkehr, sind
bekanntlich im Laufe des 19. Jahrhunderts -- und besonders in dessen
zweiter Hälfte -- dadurch so gefördert worden, daß unsere Großväter
aus dem 18. Jahrhundert sich in dieser fremden Welt nicht auskennen
würden. Aber wertvoller und tiefgreifender noch ist die ungeheure
theoretische Erweiterung unserer Naturerkenntnis, welche wir der
Begründung des =Substanzgesetzes= verdanken. Nachdem =Lavoisier= (1789)
das Gesetz von der Erhaltung der Materie aufgestellt und =Dalton=
(1808) mittels desselben die Atomtheorie neu begründet hatte, war der
modernen =Chemie= die Bahn eröffnet, auf der sie in rapidem Siegeslauf
eine früher nicht geahnte Bedeutung gewann. Dasselbe gilt für die
=Physik= betreffend das Gesetz von der Erhaltung der Energie. Seine
Entdeckung durch =Robert Mayer= (1842) und =Hermann Helmholtz= (1847)
bedeutet auch für diese Wissenschaft eine neue Periode fruchtbarster
Entwickelung; denn nun erst war die Physik imstande, die =universale
Einheit der Naturkräfte= zu begreifen, und das ewige Spiel der
unzähligen Naturprozesse, bei welchen in jedem Augenblick eine Kraft in
die andere umgesetzt werden kann.
~IV~. _Fortschritte der Biologie._ Die großartigen und für unsere
ganze Weltanschauung bedeutsamen Entdeckungen, welche die =Astronomie=
und =Geologie= im 19. Jahrhundert gemacht haben, werden noch weit
übertroffen von denjenigen der =Biologie=; ja, wir dürfen sagen, daß
von den zahlreichen Zweigen, in welchen diese umfassende Wissenschaft
vom organischen Leben sich neuerdings entfaltet hat, der größere Teil
überhaupt erst im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Wie wir im
ersten Abschnitte gesehen haben, sind innerhalb desselben alle Zweige
der Anatomie und Physiologie, der Botanik und Zoologie, der Ontogenie
und Phylogenie, durch unzählige Entdeckungen und Erfindungen so sehr
bereichert worden, daß der heutige Zustand unseres biologischen Wissens
denjenigen vor hundert Jahren um das Vielfache übertrifft. Das gilt
zunächst =quantitativ= von dem kolossalen Wachstum unseres positiven
Wissens auf allen jenen Gebieten und ihren einzelnen Teilen. Es gilt
aber ebenso und noch mehr =qualitativ= von der Vertiefung unseres
Verständnisses der biologischen Erscheinungen, von unserer Erkenntnis
ihrer bewirkenden Ursachen. Hier hat vor allen anderen =Charles
Darwin= (1859) die Palme des Sieges errungen; er hat durch seine
Selektionstheorie das große Welträtsel von der »organischen Schöpfung«
gelöst, von der natürlichen Entstehung der unzähligen Lebensformen
durch allmähliche Umbildung. Zwar hatte schon fünfzig Jahre früher
der große =Lamarck= (1809) erkannt, daß der Weg dieser Transformation
auf der Wechselwirkung von Vererbung und Anpassung beruhe; allein es
fehlte ihm damals noch das Selektionsprinzip, und es fehlte ihm vor
allem die tiefere Einsicht in das wahre Wesen der Organisation, welche
erst später durch die Begründung der Entwickelungsgeschichte und der
Zellentheorie gewonnen wurde. Indem wir allgemein die Ergebnisse dieser
und anderer Disziplinen zusammenfaßten und in der Stammesgeschichte der
Organismen den Schlüssel zu ihrem einheitlichen Verständnis fanden,
gelangten wir zur Begründung jener =monistischen Biologie=, deren
Prinzipien ich (1866) in meiner »Generellen Morphologie« festzulegen
versucht habe. (Vergl. meine »Natürliche Schöpfungsgeschichte«,
11. Auflage, 1908). Die Anwendung der Entwickelungslehre auf die
allgemeinen Fragen der Physiologie habe ich 1904 in meinem Buche
über die »=Lebenswunder=« versucht. (Gemeinverständliche Studien
über Biologische Philosophie, Ergänzungsband zu dem Buche über die
»Welträtsel«.)
~V~. _Fortschritte der Anthropologie._ Allen anderen Wissenschaften
voran steht in gewissem Sinne die wahre =Menschenkunde=, die wirklich
vernünftige Anthropologie. Das Wort des alten Weisen: »=Mensch, erkenne
dich selbst=« und das andere berühmte Wort: »Der Mensch ist das Maß
aller Dinge« sind ja von Alters her anerkannt und angewendet. Und
dennoch hat diese Wissenschaft -- im weitesten Sinne genommen -- länger
als alle anderen in den Ketten der Tradition und des Aberglaubens
geschmachtet. Wir haben im ersten Abschnitt gesehen, wie langsam und
spät sich erst die Kenntnis vom menschlichen Organismus entwickelt
hat. Einer ihrer wichtigsten Zweige, die Keimesgeschichte, wurde
erst 1828 (durch =Baer=) und ein anderer, nicht minder wichtiger,
die Zellenlehre, erst 1838 (durch =Schwann=) sicher begründet. Noch
später aber wurde die »Frage aller Fragen« gelöst, das gewaltige Rätsel
vom »=Ursprung des Menschen=«. Obgleich =Lamarck= schon 1809 den
einzigen Weg zu seiner richtigen Lösung gezeigt und »die Abstammung
des Menschen vom Affen« behauptet hatte, gelang es doch =Darwin= erst
fünfzig Jahre später, diese Behauptung sicher zu begründen, und erst
1863 stellte =Huxley= in seinen »Zeugnissen für die Stellung des
Menschen in der Natur« die gewichtigsten Beweise hierfür zusammen. Ich
selbst habe sodann in meiner Anthropogenie (1874) den ersten Versuch
gemacht, die ganze Reihe der Ahnen, durch welche sich unser Geschlecht
im Laufe vieler Jahrmillionen aus dem Tierreich langsam entwickelt
hat, im historischen Zusammenhang darzustellen. Eine ausführliche
Begründung der ganzen Stammesgeschichte und ihre Anwendung auf das
natürliche System der Organismen habe ich in den drei Bänden meiner
»Systematischen Phylogenie« gegeben (1894). Die schärfere kritische
Unterscheidung der sechs Strecken und dreißig Hauptstufen unserer
menschlichen Stammesgeschichte enthält meine Festschrift über »Unsere
Ahnenreihe« (~Progonotoxis hominis~, Jena, 30. Juli 1908).
_Schlußbetrachtung._
Die Zahl der Welträtsel hat sich durch die angeführten Fortschritte der
wahren Naturerkenntnis im Laufe des 19. Jahrhunderts stetig vermindert;
sie ist schließlich auf ein einziges allumfassendes Universalrätsel
zurückgeführt, auf das =Substanzproblem=. Was ist denn nun eigentlich
im tiefsten Grunde dieses allgewaltige Weltwunder, welches der
realistische Naturforscher als =Natur= oder Universum verherrlicht,
der idealistische Philosoph als =Substanz= oder Kosmos, der fromme
Gläubige als Weltgeist oder =Gott=? Können wir heute behaupten, daß
die wunderbaren Fortschritte unserer modernen Kosmologie dieses
»Substanzrätsel« gelöst oder auch nur, daß sie uns dessen Lösung sehr
viel näher gebracht haben?
Die Antwort auf diese Schlußfrage fällt natürlich sehr verschieden
aus, entsprechend dem Standpunkte des fragenden Philosophen und seiner
empirischen Kenntnis der wirklichen Welt. Wir geben von vornherein
zu, daß wir dem innersten Wesen der Natur heute vielleicht noch
ebenso fremd und verständnislos gegenüberstehen, wie =Anaximander=
und =Empedokles= vor 2400 Jahren, wie =Spinoza= und =Newton= vor 200
Jahren, wie =Kant= und =Goethe= vor 100 Jahren. Ja, wir müssen sogar
eingestehen, daß uns dieses eigentliche Wesen der Substanz immer
wunderbarer und rätselhafter wird, je tiefer wir in die Erkenntnis
ihrer Attribute, der Materie und Energie, eindringen, je gründlicher
wir ihre unzähligen Erscheinungsformen und deren Entwickelung kennen
lernen. Was als »=Ding an sich=« hinter den erkennbaren Erscheinungen
steckt, das wissen wir auch heute noch nicht. Aber was geht uns dieses
mystische »Ding an sich« überhaupt an, wenn wir keine Mittel zu
seiner Erforschung besitzen, wenn wir nicht einmal klar wissen, ob es
existiert oder nicht? Überlassen wir daher das unfruchtbare Grübeln
über dieses ideale Gespenst den »reinen Metaphysikern« und erfreuen
wir uns statt dessen als »echte Physiker« an den gewaltigen realen
Fortschritten, welche unsere monistische Naturphilosophie tatsächlich
errungen hat.
Da überragt alle anderen Fortschritte und Entdeckungen des
verflossenen »großen Jahrhunderts« das allumfassende =Substanzgesetz=,
das »Grundgesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes«.
Die Tatsache, daß die Substanz überall einer ewigen Bewegung und
Umbildung unterworfen ist, stempelt es zugleich zum universalen
=Entwickelungsgesetz=. Indem dieses höchste Naturgesetz festgestellt und
alle anderen ihm untergeordnet wurden, gelangten wir zu der Überzeugung
von der universalen =Einheit der Natur= und der ewigen Geltung
der Naturgesetze. Aus dem dunklen Substanz-=Problem= entwickelte sich
das klare Substanz-=Gesetz=. Der Monismus des Kosmos, den wir darauf
begründen, lehrt uns die ausnahmslose Geltung der »ewigen, ehernen,
großen Gesetze« im ganzen Universum. Damit vernichtet er aber zugleich
die drei großen Zentraldogmen der bisherigen dualistischen Philosophie,
den persönlichen Gott, die Unsterblichkeit der Seele und die Freiheit
des Willens.
In der vorliegenden Behandlung der Welträtsel habe ich meinen
konsequenten monistischen Standpunkt scharf betont und den Gegensatz
zu der dualistischen, heute noch herrschenden Weltanschauung klar
hervorgehoben. Ich stütze mich dabei auf die Zustimmung von fast
allen modernen Naturforschern, welche überhaupt Neigung und Mut zum
Bekenntnis einer abgerundeten philosophischen Überzeugung besitzen. Ich
möchte aber von meinen Lesern nicht Abschied nehmen, ohne versöhnlich
darauf hinzuweisen, daß dieser schroffe Gegensatz bei konsequentem
und klarem Denken sich bis zu einem gewissen Grade mildert, ja selbst
bis zu einer erfreulichen Harmonie gelöst werden kann. Bei völlig
folgerichtigem Denken, bei gleichmäßiger Anwendung der höchsten
Prinzipien auf das =Gesamtgebiet= des Kosmos -- der organischen und
anorganischen Natur --, nähern sich die Gegensätze des Theismus und
Pantheismus, des Vitalismus und Mechanismus bis zur Berührung. Aber
freilich, konsequentes Denken bleibt eine seltene Naturerscheinung! Die
große Mehrzahl aller Philosophen möchte mit der rechten Hand das reine,
auf Erfahrung begründete =Wissen= ergreifen, kann aber gleichzeitig
nicht den mystischen, auf Offenbarung gestützten =Glauben= entbehren,
den sie mit der linken Hand festhält.
Die alte Weltanschauung des =Idealdualismus= mit ihren mystischen
und anthropistischen Dogmen versinkt in Trümmer; aber über diesem
gewaltigen Trümmerfelde steigt hehr und herrlich die neue Sonne unseres
=Realmonismus= auf, welche uns den wundervollen Tempel der Natur in
seiner ganzen Pracht erkennen läßt. In dem reinen Kultus des »Wahren,
Guten und Schönen«, welcher den Kern unserer neuen =monistischen
Religion= bildet, finden wir reichen Ersatz für die verlorenen
anthropistischen Ideale von »Gott, Freiheit und Unsterblichkeit«.
Anmerkungen des Bearbeiters
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