von allen frei denkenden Männern als eine politische Erneuerung der
Reformation begrüßt, als ein energischer Versuch, die moderne Kultur
von dem Joche der papistischen Geistestyrannei zu befreien; die gesamte
liberale Presse feierte Fürst Bismarck als »politischen Luther«, als
den gewaltigen Helden, der nicht nur die nationale Einigung, sondern
auch die geistige Befreiung Deutschlands erringe. Zehn Jahre später,
nachdem der Papismus gesiegt hatte, behauptete dieselbe »liberale
Presse« das Gegenteil und erklärte den Kulturkampf für einen großen
Fehler; und dasselbe tut sie noch heute. Diese Tatsache beweist nur,
wie kurz das Gedächtnis unserer Zeitungsschreiber, wie mangelhaft
ihre Kenntnis der Geschichte und wie unvollkommen ihre philosophische
Bildung ist. Der sogenannte »Friedensschluß zwischen Staat und
Kirche« ist immer nur ein Waffenstillstand. Der moderne Papismus,
getreu den absolutistischen, seit 1600 Jahren befolgten Prinzipien,
will und muß die =Alleinherrschaft= über die leichtgläubigen Seelen
behaupten; er muß die absolute Unterwerfung des Kulturstaates
fordern, der als solcher die Rechte der Vernunft und Wissenschaft
vertritt. Wirklicher Friede kann erst eintreten, wenn einer der
beiden ringenden Kämpfer bewältigt am Boden liegt. Entweder siegt die
»alleinseligmachende Kirche«, und dann hört »freie Wissenschaft und
freie Lehre« überhaupt auf; dann werden sich unsere Universitäten in
Konvikte, unsere Gymnasien in Klosterschulen verwandeln. Oder es siegt
der moderne Vernunftstaat, und dann wird sich im 20. Jahrhundert die
menschliche Bildung, Freiheit und Wohlstand in noch weit höherem Maße
fortschreitend entwickeln, als es im 19. erfreulicherweise der Fall
gewesen ist. (Vergl. hierüber =Eduard Hartmann=, Die Selbstzersetzung
des Christentums, 1874.)
Gerade zur Förderung dieser hohen Ziele erscheint es höchst wichtig,
daß die moderne Naturwissenschaft nicht bloß die Wahngebilde des
Aberglaubens zertrümmert und deren wüsten Schutt aus dem Wege räumt,
sondern daß sie auch auf dem frei gewordenen Bauplatze ein neues
wohnliches Gebäude für das menschliche Gemüt herrichtet; einen
=Palast der Vernunft=, in welchem wir mittels unserer neu gewonnenen
monistischen Weltanschauung die wahre »Dreieinigkeit« des 19.
Jahrhunderts andächtig verehren, die =Trinität des Wahren=, =Guten
und Schönen=. Um den Kultus dieser göttlichen Ideale greifbar zu
gestalten, erscheint es vor allem notwendig, uns mit den herrschenden
Religionsformen des Christentums auseinanderzusetzen und die
Veränderungen ins Auge zu fassen, welche bei deren Ersetzung durch
erstere zu erstreben sind. Denn die christliche Religion besitzt
(in ihrer =ursprünglichen=, reinen Form!) trotz aller Irrtümer
und Mängel einen so hohen sittlichen Wert, sie ist vor allem seit
anderthalb Jahrtausenden so eng mit den wichtigsten sozialen und
politischen Einrichtungen unseres Kulturlebens verwachsen, daß
wir uns bei Begründung unserer monistischen Religion möglichst an die
bestehenden Institutionen anlehnen müssen. Wir wollen keine gewaltsame
=Revolution=, sondern eine vernünftige =Reformation= unseres religiösen
Geisteslebens.
~I.~ _Das Ideal der Wahrheit._ Wir haben uns durch die vorhergehenden
Betrachtungen (besonders im ersten und dritten Abschnitt) überzeugt,
daß die reine Wahrheit nur in dem Tempel der =Naturerkenntnis= zu
finden ist, und daß die einzigen brauchbaren Wege zu demselben die
kritische »Beobachtung und Reflexion« sind, die empirische Erforschung
der Tatsachen und die vernunftgemäße Erkenntnis ihrer bewirkenden
Ursachen. So gelangen wir mittels der =reinen Vernunft= zur wahren
Wissenschaft, dem kostbarsten Schatze der Kulturmenschheit. Dagegen
müssen wir aus den gewichtigen, im 16. Kapitel erörterten Ursachen
jede sogenannte »=Offenbarung=« ablehnen, jede Glaubensdichtung,
welche behauptet, auf übernatürlichem Wege Wahrheiten zu erkennen, zu
deren Entdeckung unsere Vernunft nicht ausreicht. Da nun das ganze
Glaubensgebäude der jüdisch-christlichen Religion, ebenso wie das
islamitische und muhamedanische, auf solchen angeblichen Offenbarungen
beruht, da ferner diese mystischen Phantasieprodukte direkt der
klaren empirischen Naturerkenntnis widersprechen, so ist es sicher,
daß wir die Wahrheit nur mittels der Vernunfttätigkeit der echten
=Wissenschaft= finden können, nicht mittels der Phantasiedichtung des
mystischen Glaubens.
Die Göttin der =Wahrheit= wohnt im Tempel der Natur, im grünen Walde,
auf dem blauen Meere, auf den schneebedeckten Gebirgshöhen; -- aber
nicht in den dumpfen Hallen der Klöster, in den engen Kerkern der
Konviktschulen und nicht in den weihrauchduftenden christlichen
Kirchen. Die Wege, auf denen wir uns dieser herrlichen Göttin der
Wahrheit und Erkenntnis nähern, sind die liebevolle Erforschung
der Natur und ihrer Gesetze, die Beobachtung der unendlich großen
Sternenwelt mittels des Teleskops, der unendlich kleinen Zellenwelt
mittels des Mikroskops; -- aber nicht sinnlose Andachtsübungen
und gedankenlose Gebete, nicht die Opfergaben des Ablasses und
der Peterspfennige. Die kostbaren Gaben, mit denen uns die Göttin
der Wahrheit beschenkt, sind die herrlichen Früchte vom Baume der
Erkenntnis und der unschätzbare Gewinn einer klaren, einheitlichen
Weltanschauung, -- aber nicht der Glaube an übernatürliche »Wunder« und
das Wahngebilde eines »ewigen Lebens«.
~II.~ _Das Ideal der Tugend._ Anders als mit dem ewig Wahren verhält
es sich mit dem Gottesideal des ewig Guten. Während bei der Erkenntnis
der Wahrheit die Offenbarung der Kirche völlig auszuschließen und
allein die Erforschung der Natur zu befragen ist, fällt dagegen der
Inbegriff des =Guten=, den wir Tugend nennen, in unserer monistischen
Religion größtenteils mit der christlichen Tugend zusammen; natürlich
gilt das nur von dem ursprünglichen, reinen Christentum der drei ersten
Jahrhunderte, wie dessen Tugendlehren in den Evangelien und in den
paulinischen Briefen niedergelegt sind; -- es gilt aber nicht von der
vatikanischen Karikatur jener reinen Lehre, welche die europäische
Kultur zu ihrem unendlichen Schaden durch zwölf Jahrhunderte beherrscht
hat. Den besten Teil der christlichen Moral, an dem wir festhalten,
bilden die Humanitätsgebote der Liebe und Duldung, des Mitleids und der
Hilfe. Nur sind diese edlen Pflichtgebote, die man als »christliche
Moral« (im besten Sinne!) zusammenfaßt, keine neuen Erfindungen des
Christentums, sondern sie sind von diesem aus älteren Religionsformen
herübergenommen. In der Tat ist ja die »=Goldene Regel=«, welche
diese Gebote in einem Satze zusammenfaßt, Jahrhunderte älter als das
Christentum. In der Praxis des Lebens aber wurde dieses natürliche
Sittengesetz ebenso oft von Atheisten und Nichtchristen sorgsam befolgt
als von frommen, gläubigen Christen außer acht gelassen. Auch beging
die christliche Tugendlehre einen großen Fehler, indem sie einseitig
den =Altruismus= zum Gebote erhob, den =Egoismus= dagegen verwarf.
=Unsere monistische Ethik legt beiden gleichen Wert= bei und findet die
vollkommene Tugend in dem richtigen Gleichgewicht von Nächstenliebe und
Eigenliebe. (Vergl. Kapitel 19. Das ethische Grundgesetz.)
~III~. _Das Ideal der Schönheit._ In vielfachen Gegensatz zum
Christentum tritt unser Monismus auf dem Gebiete der Schönheit. Das
ursprüngliche, reine Christentum predigte die Wertlosigkeit des
irdischen Lebens und betrachtete dasselbe bloß als eine Vorbereitung
für das ewige Leben im »=Jenseits=«. Daraus folgt unmittelbar, daß
alles, was das menschliche Leben im »=Diesseits=« darbietet, alles
Schöne in Kunst und Wissenschaft, im öffentlichen und privaten Leben,
keinen Wert besitzt. Der wahre Christ muß sich von ihm abwenden und
nur daran denken, sich für das Jenseits würdig vorzubereiten. Die
Verachtung der Natur, die Abwendung von allen ihren unerschöpflichen
Reizen, die Verwerfung jeder Art von schöner Kunst sind echte
Christenpflichten; diese würden am vollkommensten erfüllt, wenn der
Mensch sich von seinen Mitmenschen absonderte, sich kasteite und in
Klöstern oder Einsiedeleien ausschließlich mit der »Anbetung Gottes«
beschäftigte.
Nun lehrt uns freilich die Naturgeschichte, daß diese asketische
Christenmoral, die aller Natur Hohn sprach, als natürliche Folge
das Gegenteil bewirkte. Die Klöster, die Asyle der Keuschheit und
Zucht, wurden bald die Brutstätten der tollsten Orgien. Der Kultus
der »Schönheit«, der hier getrieben wurde, stand mit der gepredigten
»Weltentsagung« in schneidendem Widerspruch. Dasselbe gilt von dem
Luxus und der Pracht, welche sich bald in dem sittenlosen Privatleben
des höheren katholischen Klerus und in der künstlerischen Ausschmückung
der christlichen Kirchen und Klöster entwickelten.
_Christliche Kunst._ Man wird hier einwenden, daß unsere Ansicht durch
die Schönheitsfülle der christlichen Kunst widerlegt werde, welche
besonders in der Blütezeit des Mittelalters so unvergängliche Werke
schuf. Die prachtvollen gotischen Dome und byzantinischen Basiliken,
die Hunderte von prächtigen Kapellen, die Tausende von Marmorstatuen
christlicher Heiliger und Märtyrer, die Millionen von schönen
Heiligenbildern, von tiefempfundenen Darstellungen von Christus und der
Madonna -- sie zeugen alle von einer Entwickelung der schönen Künste
im Mittelalter, die in ihrer Art einzig ist. Alle diese herrlichen
Denkmäler der bildenden Kunst, ebenso wie die der Dichtkunst, behalten
ihren hohen ästhetischen Wert, gleichviel, wie wir die darin enthaltene
Mischung von »Wahrheit und Dichtung« beurteilen. Aber was hat das alles
mit der reinen Christenlehre zu tun, mit jener Religion der Entsagung,
welche von allem irdischen Prunk und Glanz, von aller materiellen
Schönheit und Kunst sich abwendete, welche das Familienleben und
die Frauenliebe gering schätzte, welche allein die Sorge um die
immateriellen Güter des »ewigen Lebens« predigte? Der Begriff der
»christlichen Kunst« ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Die
reichen Kirchenfürsten freilich, welche dieselben pflegten, verfolgten
damit ganz andere Zwecke, und sie erreichten sie auch vollständig.
Indem sie das ganze Interesse und Streben des menschlichen Geistes
im Mittelalter auf die christliche =Kirche= und deren eigentümliche
=Kunst= lenkten, wendeten sie dasselbe von der =Natur= ab und von
der Erkenntnis der hier verborgenen Schätze, die zu selbständiger
=Wissenschaft= geführt hätten. Außerdem aber erinnerte der tägliche
Anblick der überall massenhaft ausgestellten Heiligenbilder, der
Darstellungen aus der »heiligen Geschichte«, den gläubigen Christen
jederzeit an den reichen Sagenschatz, den die Phantasie der Kirche
angesammelt hatte. Die Legenden derselben wurden für wahre Erzählungen,
die Wundergeschichten für wirkliche Ereignisse ausgegeben und geglaubt.
Unzweifelhaft hat in dieser Beziehung die christliche Kunst einen
ungeheuren Einfluß auf die allgemeine Bildung und ganz besonders auf
die Festigung des Glaubens geübt, einen Einfluß, der sich in der ganzen
Kulturwelt bis auf den heutigen Tag geltend macht.
_Monistische Kunst._ Den schärfsten Gegensatz zu dieser herrschenden
christlichen Kunst bildet diejenige neue Form der bildenden
Kunst, die sich erst im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der
=Naturwissenschaft= entwickelt hat. Die überraschende Erweiterung
unserer Weltkenntnis, die Entdeckung von unzähligen schönen
Lebensformen, die wir der letzteren verdanken, hat in unserer
Zeit einen ganz anderen ästhetischen Sinn geweckt und damit
auch der bildenden Kunst eine neue Richtung gegeben. Zahlreiche
wissenschaftliche Reisen und große Expeditionen zur Erforschung
unbekannter Länder und Meere förderten schon im 18., noch viel
mehr aber im 19. Jahrhundert eine ungeahnte Fülle von unbekannten
organischen Formen zutage. Die Zahl der neuen Tier- und Pflanzenarten
wuchs bald ins Unermeßliche, und unter diesen (besonders unter den
früher vernachlässigten niederen Gruppen) fanden sich Tausende
schöner und interessanter Gestalten, ganz neue Motive für Malerei und
Bildhauerei, für Architektur und Kunstgewerbe. Eine neue Welt erschloß
in dieser Beziehung besonders die ausgedehntere =mikroskopische=
Forschung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und namentlich die
Entdeckung der fabelhaften Tiefseebewohner, die erst durch die berühmte
Challenger-Expedition (1872-1876) ans Licht gezogen wurden. Tausende
von zierlichen Radiolarien und Thalamophoren, von prächtigen Medusen
und Korallen, von abenteuerlichen Mollusken und Krebsen eröffneten uns
da mit einem Male eine ungeahnte Fülle von verborgenen Formen, deren
eigenartige Schönheit und Mannigfaltigkeit alle von der menschlichen
Phantasie geschaffenen Kunstprodukte weitaus übertrifft. Allein schon
in den fünfzig großen Bänden des Challengerwerkes ist auf 3000 Tafeln
eine Masse solcher schöner Gestalten abgebildet; aber auch in vielen
anderen großen Prachtwerken, welche die mächtig wachsende zoologische
und botanische Literatur der letzten Dezennien enthält, sind Millionen
reizender Formen dargestellt. Ich habe versucht, in meinen »Kunstformen
der Natur« eine Auswahl von solchen schönen und reizvollen Gestalten
weiteren Kreisen zugänglich zu machen. (100 Tafeln in 10 Heften.
Leipzig 1899-1903.)
Indessen bedarf es nicht weiter Reisen und kostspieliger Werke, um
jedem Menschen die Herrlichkeiten dieser Welt zu erschließen. Vielmehr
müssen dafür nur seine Augen geöffnet und sein Sinn geübt werden.
Überall bietet die umgebende Natur eine überreiche Fülle von schönen
und interessanten Objekten aller Art. In jedem Moose und Grashalme,
in jedem Käfer und Schmetterling finden wir bei genauer Untersuchung
Schönheiten, an denen der Mensch gewöhnlich achtlos vorübergeht.
Vollends wenn wir dieselben mit einer Lupe bei schwacher Vergrößerung
betrachten, oder noch mehr, wenn wir die stärkere Vergrößerung eines
guten Mikroskopes anwenden, entdecken wir überall in der organischen
Natur eine neue Welt voll unerschöpflicher Reize.
Aber nicht nur für diese ästhetische Betrachtung des Kleinen und
Kleinsten, sondern auch für diejenige des Großen und Größten in der
Natur hat uns erst das 19. Jahrhundert die Augen geöffnet. Noch im
Beginne desselben war die Ansicht herrschend, daß die Hochgebirgsnatur
zwar großartig, aber abschreckend, das Meer zwar gewaltig, aber
furchtbar sei. Jetzt, am Ende desselben, sind die meisten Gebildeten
-- und besonders die Bewohner der Großstädte -- glücklich, wenn sie
jährlich auf ein paar Wochen die Herrlichkeit der Alpen und die
Kristallpracht der Gletscher genießen können; oder wenn sie sich an der
Majestät des blauen Meeres, an den reizenden Landschaftsbildern seiner
Küsten erfreuen können. Alle diese Quellen des edelsten Naturgenusses
sind uns erst neuerdings in ihrer ganzen Herrlichkeit offenbar und
verständlich geworden, und die erstaunlich gesteigerte Leichtigkeit
und Schnelligkeit des Verkehrs hat selbst den Unbemittelteren die
Gelegenheit zu ihrer Kenntnis verschafft. Alle diese Fortschritte im
ästhetischen Naturgenusse -- und damit zugleich im wissenschaftlichen
Naturverständnis -- bedeuten ebenso viele Fortschritte in der höheren
menschlichen Geistesbildung und damit zugleich in unserer monistischen
Religion.
_Landschaftsmalerei und Illustrationswerke._ Der Gegensatz, in
welchem unser =naturalistisches= Jahrhundert zu den vorhergehenden
=anthropistischen= steht, prägt sich besonders in der verschiedenen
Wertschätzung und Verbreitung von Illustrationen der mannigfaltigsten
Naturobjekte aus. Es hat sich in unserer Zeit ein lebhaftes Interesse
für ihre bildlichen Darstellungen entwickelt das früheren Zeiten
unbekannt war; es wird unterstützt durch die erstaunlichen Fortschritte
der Technik und des Verkehrs, welche eine allgemeine Verbreitung
derselben in weitesten Kreisen gestatten. Zahlreiche illustrierte
Zeitschriften verbreiten mit der allgemeinen Bildung zugleich den Sinn
für die unendliche Schönheit der Natur in allen Gebieten. Besonders
ist es die =Landschaftsmalerei=, die hier eine früher nicht geahnte
Bedeutung gewonnen hat. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
hatte einer unserer größten und vielseitigsten Naturforscher,
=Alexander von Humboldt=, darauf hingewiesen, wie die Entwickelung
der modernen Landschaftsmalerei nicht nur als »Anregungsmittel zum
Naturstudium« und als geographisches Anschauungsmittel von hoher
Bedeutung sei, sondern wie sie auch in anderer Beziehung als ein edles
Bildungsmittel hochzuschätzen sei. Seitdem ist der Sinn dafür noch
bedeutend weiter entwickelt. Es sollte Aufgabe jeder Schule sein, die
Kinder frühzeitig zum Genusse der =Landschaft= anzuleiten und zu der
höchst dankbaren Kunst, sie durch Zeichnen und Aquarellmalen ihrem
Gedächtnis einzuprägen.
_Moderner Naturgenuß._ Der unendliche Reichtum der Natur an Schönem
und Erhabenem bietet jedem Menschen, der offene Augen und ästhetischen
Sinn besitzt, eine unerschöpfliche Fülle der herrlichsten Gaben.
So wertvoll und beglückend aber auch der unmittelbare Genuß jeder
einzelnen Gabe ist, so wird deren Wert doch noch hoch gesteigert durch
die Erkenntnis ihrer Bedeutung und ihres Zusammenhanges mit der übrigen
Natur. Als =Alexander von Humboldt= (1845) in seinem großartigen
»=Kosmos=« den »Entwurf einer physischen Weltbeschreibung« gab, als
er in seinen mustergültigen »Ansichten der Natur« wissenschaftliche
und ästhetische Betrachtung in glücklichster Weise verband, da hat
er mit Recht hervorgehoben, wie eng der veredelte Naturgenuß mit der
»wissenschaftlichen Ergründung der Weltgesetze«, verknüpft ist, und wie
beide vereinigt dazu dienen, das Menschenwesen auf eine höhere Stufe
der Vollendung zu erheben. Die staunende Bewunderung, mit der wir den
gestirnten Himmel und das mikroskopische Leben in einem Wassertropfen
betrachten, die Ehrfurcht, mit der wir das wunderbare Wirken der
Energie in der bewegten Materie untersuchen, die Andacht, mit welcher
wir die Geltung des allumfassenden Substanzgesetzes im Universum
verehren, -- sie alle sind Bestandteile unseres =Gemütslebens=, die
unter den Begriff der »=natürlichen Religion=« fallen.
_Diesseits und Jenseits._ Die angedeuteten Fortschritte der Neuzeit
in der Erkenntnis des Wahren und im Genusse des Schönen bilden ebenso
einerseits einen wertvollen Inhalt unserer monistischen Religion, als
sie andererseits in feindlichem Gegensatze zum Christentum stehen.
Denn der menschliche Geist lebt dort in dem bekannten »=Diesseits=«,
hier in einem unbekannten »=Jenseits=«. Unser Monismus lehrt, daß
wir sterbliche Kinder der Erde sind, die ein oder zwei, höchstens
drei »Menschenalter« hindurch das Glück haben, im Diesseits die
Herrlichkeiten dieses Planeten zu genießen, die unerschöpfliche
Fülle seiner Schönheit zu schauen und die wunderbaren Spiele seiner
Naturkräfte zu erkennen. Das Christentum dagegen lehrt, daß die Erde
ein elendes Jammerthal ist, auf welchem wir bloß eine kurze Zeitlang uns
zu kasteien und abzuquälen brauchen, um sodann im »Jenseits« ein ewiges
Leben voller Wonne zu genießen. Wo dieses »Jenseits« liegt, und wie
diese Herrlichkeit des ewigen Lebens eigentlich beschaffen sein soll,
das hat uns noch keine »Offenbarung« gesagt. Solange der »Himmel« für
den Menschen ein blaues Zelt war, ausgespannt über der scheibenförmigen
Erde und erleuchtet durch das blinkende Lampenlicht einiger tausend
Sterne, konnte sich die menschliche Phantasie oben in diesem
Himmelssaal allenfalls das ambrosische Gastmahl der olympischen Götter
oder die Tafelfreuden der Walhallabewohner vorstellen. Nun ist aber für
alle diese Gottheiten und für die mit ihnen tafelnden »unsterblichen
Seelen« die offenkundige =Wohnungsnot= eingetreten. »Himmelsbild und
Weltanschauung«, wie sie =Troels-Lund= in ihrem tiefen Zusammenhange
historisch dargestellt hat, haben durch die bewunderungswürdigen
Fortschritte der modernen Kosmologie eine völlige Umwandlung erfahren.
Wir wissen jetzt durch die =Astrophysik=, daß der unendliche Raum mit
schwingendem Äther erfüllt ist, und daß Millionen von Weltkörpern, nach
ewigen ehernen Gesetzen bewegt, sich rastlos darin umhertreiben, alle
im ewigen großen »Werden und Vergehen« begriffen.
_Monistische Kirchen._ Die Stätten der Andacht, in denen der Mensch
sein religiöses Gemütsbedürfnis befriedigt und die Gegenstände seiner
Anbetung verehrt, betrachtet er als seine geheiligten »Kirchen«. Die
Pagoden im buddhistischen Asien, die griechischen Tempel im klassischen
Altertum, die Synagogen in Palästina, die Moscheen in Ägypten, die
katholischen Dome im südlichen und die evangelischen Kathedralen im
nördlichen Europa -- alle diese »Gotteshäuser« sollen dazu dienen,
den Menschen über die Misere und Prosa des realen Alltagslebens zu
erheben; sie sollen ihn in die Weihe und die Poesie einer höheren,
idealen Welt versetzen. Sie erfüllen diesen Zweck in vielen tausend
verschiedenen Formen, entsprechend den verschiedenen Kulturformen
und Zeitverhältnissen. Der moderne Mensch, welcher »Wissenschaft und
Kunst« besitzt -- und damit zugleich auch Religion --, bedarf keiner
besonderen Kirche, keines engen, eingeschlossenen Raumes. Denn überall
in der freien Natur, wo er seine Blicke auf das unendliche Universum
oder auf einen Teil desselben richtet, überall findet er zwar den
harten »Kampf ums Dasein«, aber daneben auch das »Wahre, Schöne und
Gute«; überall findet er seine »=Kirche=« in der herrlichen =Natur=
selbst.
=Neunzehntes Kapitel.=
_Unsere monistische Sittenlehre._
Gleichgewicht zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe.
Gleichberechtigung des Egoismus und Altruismus. Fehler der
christlichen Moral. Staat, Schule und Kirche.
Das praktische Leben stellt an den Menschen eine Reihe von ganz
bestimmten sittlichen Anforderungen, die nur dann richtig erfüllt
werden können, wenn sie in reinem Einklang mit seiner vernünftigen
Weltanschauung stehen. Diesem Grundsatze unserer monistischen
Philosophie zufolge muß unsere gesamte =Sittenlehre= oder Ethik
in vernünftigem Zusammenhang mit der einheitlichen Auffassung des
»Kosmos« stehen, welche wir durch unsere fortgeschrittene Erkenntnis
der Naturgesetze gewonnen haben. Wie das ganze unendliche Universum im
Lichte unseres Monismus ein einziges großes Ganzes darstellt, so bildet
auch das geistige und sittliche Leben des Menschen nur einen Teil
dieses »=Kosmos=«, und so kann auch seine naturgemäße Ordnung nur eine
einheitliche sein. =Es gibt nicht zwei verschiedene, getrennte Welten=:
eine =physische, materielle= und eine =moralische, immaterielle= Welt.
Ganz entgegengesetzter Ansicht ist die große Mehrzahl der Philosophen
und Theologen noch heute; sie behaupten mit =Immanuel Kant=, daß
die sittliche Welt von der physischen ganz unabhängig sei und ganz
anderen Gesetzen gehorche; also müsse auch das =sittliche Bewußtsein
des Menschen=, als die Basis des moralischen Lebens, ganz unabhängig
von der =wissenschaftlichen Welterkenntnis= sein und sich vielmehr
auf den religiösen Glauben stützen. Die Erkenntnis der sittlichen
Welt soll danach durch die gläubige =praktische Vernunft= geschehen,
hingegen die der Natur oder der physischen Welt durch die =theoretische
Vernunft=. Dieser unzweifelhafte und bewußte =Dualismus= in =Kants=
Philosophie war ihr größter und =schwerster Fehler=; er hat unendliches
Unheil angerichtet und wirkt noch heute mächtig fort. Zuerst hatte
der =kritische Kant= in der großartigen und bewunderungswürdigen
Kritik der reinen Vernunft einleuchtend gezeigt, daß die drei großen
=Zentraldogmen der Metaphysik=: der persönliche Gott, der freie
Wille und die unsterbliche Seele völlig unbegründet sind und immer
unbegründet bleiben werden. Später aber führte der =dogmatische Kant=
das schimmernde ideale Luftschloß der praktischen Vernunft auf, in
welchem drei imposante Kirchenschiffe zur Wohnstätte jener drei
mystischen Gottheiten hergerichtet wurden. Nachdem sie durch die
Vordertür mittels des vernünftigen Wissens hinausgeschafft waren,
kehrten sie nun durch die Hintertür mittels des unvernünftigen Glaubens
wieder zurück.