Als der deutsche Kulturkampf 1872 begann, wurde er =mit vollem Rechte=

von allen frei denkenden Männern als eine politische Erneuerung der

Reformation begrüßt, als ein energischer Versuch, die moderne Kultur

von dem Joche der papistischen Geistestyrannei zu befreien; die gesamte

liberale Presse feierte Fürst Bismarck als »politischen Luther«, als

den gewaltigen Helden, der nicht nur die nationale Einigung, sondern

auch die geistige Befreiung Deutschlands erringe. Zehn Jahre später,

nachdem der Papismus gesiegt hatte, behauptete dieselbe »liberale

Presse« das Gegenteil und erklärte den Kulturkampf für einen großen

Fehler; und dasselbe tut sie noch heute. Diese Tatsache beweist nur,

wie kurz das Gedächtnis unserer Zeitungsschreiber, wie mangelhaft

ihre Kenntnis der Geschichte und wie unvollkommen ihre philosophische

Bildung ist. Der sogenannte »Friedensschluß zwischen Staat und

Kirche« ist immer nur ein Waffenstillstand. Der moderne Papismus,

getreu den absolutistischen, seit 1600 Jahren befolgten Prinzipien,

will und muß die =Alleinherrschaft= über die leichtgläubigen Seelen

behaupten; er muß die absolute Unterwerfung des Kulturstaates

fordern, der als solcher die Rechte der Vernunft und Wissenschaft

vertritt. Wirklicher Friede kann erst eintreten, wenn einer der

beiden ringenden Kämpfer bewältigt am Boden liegt. Entweder siegt die

»alleinseligmachende Kirche«, und dann hört »freie Wissenschaft und

freie Lehre« überhaupt auf; dann werden sich unsere Universitäten in

Konvikte, unsere Gymnasien in Klosterschulen verwandeln. Oder es siegt

der moderne Vernunftstaat, und dann wird sich im 20. Jahrhundert die

menschliche Bildung, Freiheit und Wohlstand in noch weit höherem Maße

fortschreitend entwickeln, als es im 19. erfreulicherweise der Fall

gewesen ist. (Vergl. hierüber =Eduard Hartmann=, Die Selbstzersetzung

des Christentums, 1874.)

Gerade zur Förderung dieser hohen Ziele erscheint es höchst wichtig,

daß die moderne Naturwissenschaft nicht bloß die Wahngebilde des

Aberglaubens zertrümmert und deren wüsten Schutt aus dem Wege räumt,

sondern daß sie auch auf dem frei gewordenen Bauplatze ein neues

wohnliches Gebäude für das menschliche Gemüt herrichtet; einen

=Palast der Vernunft=, in welchem wir mittels unserer neu gewonnenen

monistischen Weltanschauung die wahre »Dreieinigkeit« des 19.

Jahrhunderts andächtig verehren, die =Trinität des Wahren=, =Guten

und Schönen=. Um den Kultus dieser göttlichen Ideale greifbar zu

gestalten, erscheint es vor allem notwendig, uns mit den herrschenden

Religionsformen des Christentums auseinanderzusetzen und die

Veränderungen ins Auge zu fassen, welche bei deren Ersetzung durch

erstere zu erstreben sind. Denn die christliche Religion besitzt

(in ihrer =ursprünglichen=, reinen Form!) trotz aller Irrtümer

und Mängel einen so hohen sittlichen Wert, sie ist vor allem seit

anderthalb Jahrtausenden so eng mit den wichtigsten sozialen und

politischen Einrichtungen unseres Kulturlebens verwachsen, daß

wir uns bei Begründung unserer monistischen Religion möglichst an die

bestehenden Institutionen anlehnen müssen. Wir wollen keine gewaltsame

=Revolution=, sondern eine vernünftige =Reformation= unseres religiösen

Geisteslebens.

~I.~ _Das Ideal der Wahrheit._ Wir haben uns durch die vorhergehenden

Betrachtungen (besonders im ersten und dritten Abschnitt) überzeugt,

daß die reine Wahrheit nur in dem Tempel der =Naturerkenntnis= zu

finden ist, und daß die einzigen brauchbaren Wege zu demselben die

kritische »Beobachtung und Reflexion« sind, die empirische Erforschung

der Tatsachen und die vernunftgemäße Erkenntnis ihrer bewirkenden

Ursachen. So gelangen wir mittels der =reinen Vernunft= zur wahren

Wissenschaft, dem kostbarsten Schatze der Kulturmenschheit. Dagegen

müssen wir aus den gewichtigen, im 16. Kapitel erörterten Ursachen

jede sogenannte »=Offenbarung=« ablehnen, jede Glaubensdichtung,

welche behauptet, auf übernatürlichem Wege Wahrheiten zu erkennen, zu

deren Entdeckung unsere Vernunft nicht ausreicht. Da nun das ganze

Glaubensgebäude der jüdisch-christlichen Religion, ebenso wie das

islamitische und muhamedanische, auf solchen angeblichen Offenbarungen

beruht, da ferner diese mystischen Phantasieprodukte direkt der

klaren empirischen Naturerkenntnis widersprechen, so ist es sicher,

daß wir die Wahrheit nur mittels der Vernunfttätigkeit der echten

=Wissenschaft= finden können, nicht mittels der Phantasiedichtung des

mystischen Glaubens.

Die Göttin der =Wahrheit= wohnt im Tempel der Natur, im grünen Walde,

auf dem blauen Meere, auf den schneebedeckten Gebirgshöhen; -- aber

nicht in den dumpfen Hallen der Klöster, in den engen Kerkern der

Konviktschulen und nicht in den weihrauchduftenden christlichen

Kirchen. Die Wege, auf denen wir uns dieser herrlichen Göttin der

Wahrheit und Erkenntnis nähern, sind die liebevolle Erforschung

der Natur und ihrer Gesetze, die Beobachtung der unendlich großen

Sternenwelt mittels des Teleskops, der unendlich kleinen Zellenwelt

mittels des Mikroskops; -- aber nicht sinnlose Andachtsübungen

und gedankenlose Gebete, nicht die Opfergaben des Ablasses und

der Peterspfennige. Die kostbaren Gaben, mit denen uns die Göttin

der Wahrheit beschenkt, sind die herrlichen Früchte vom Baume der

Erkenntnis und der unschätzbare Gewinn einer klaren, einheitlichen

Weltanschauung, -- aber nicht der Glaube an übernatürliche »Wunder« und

das Wahngebilde eines »ewigen Lebens«.

~II.~ _Das Ideal der Tugend._ Anders als mit dem ewig Wahren verhält

es sich mit dem Gottesideal des ewig Guten. Während bei der Erkenntnis

der Wahrheit die Offenbarung der Kirche völlig auszuschließen und

allein die Erforschung der Natur zu befragen ist, fällt dagegen der

Inbegriff des =Guten=, den wir Tugend nennen, in unserer monistischen

Religion größtenteils mit der christlichen Tugend zusammen; natürlich

gilt das nur von dem ursprünglichen, reinen Christentum der drei ersten

Jahrhunderte, wie dessen Tugendlehren in den Evangelien und in den

paulinischen Briefen niedergelegt sind; -- es gilt aber nicht von der

vatikanischen Karikatur jener reinen Lehre, welche die europäische

Kultur zu ihrem unendlichen Schaden durch zwölf Jahrhunderte beherrscht

hat. Den besten Teil der christlichen Moral, an dem wir festhalten,

bilden die Humanitätsgebote der Liebe und Duldung, des Mitleids und der

Hilfe. Nur sind diese edlen Pflichtgebote, die man als »christliche

Moral« (im besten Sinne!) zusammenfaßt, keine neuen Erfindungen des

Christentums, sondern sie sind von diesem aus älteren Religionsformen

herübergenommen. In der Tat ist ja die »=Goldene Regel=«, welche

diese Gebote in einem Satze zusammenfaßt, Jahrhunderte älter als das

Christentum. In der Praxis des Lebens aber wurde dieses natürliche

Sittengesetz ebenso oft von Atheisten und Nichtchristen sorgsam befolgt

als von frommen, gläubigen Christen außer acht gelassen. Auch beging

die christliche Tugendlehre einen großen Fehler, indem sie einseitig

den =Altruismus= zum Gebote erhob, den =Egoismus= dagegen verwarf.

=Unsere monistische Ethik legt beiden gleichen Wert= bei und findet die

vollkommene Tugend in dem richtigen Gleichgewicht von Nächstenliebe und

Eigenliebe. (Vergl. Kapitel 19. Das ethische Grundgesetz.)

~III~. _Das Ideal der Schönheit._ In vielfachen Gegensatz zum

Christentum tritt unser Monismus auf dem Gebiete der Schönheit. Das

ursprüngliche, reine Christentum predigte die Wertlosigkeit des

irdischen Lebens und betrachtete dasselbe bloß als eine Vorbereitung

für das ewige Leben im »=Jenseits=«. Daraus folgt unmittelbar, daß

alles, was das menschliche Leben im »=Diesseits=« darbietet, alles

Schöne in Kunst und Wissenschaft, im öffentlichen und privaten Leben,

keinen Wert besitzt. Der wahre Christ muß sich von ihm abwenden und

nur daran denken, sich für das Jenseits würdig vorzubereiten. Die

Verachtung der Natur, die Abwendung von allen ihren unerschöpflichen

Reizen, die Verwerfung jeder Art von schöner Kunst sind echte

Christenpflichten; diese würden am vollkommensten erfüllt, wenn der

Mensch sich von seinen Mitmenschen absonderte, sich kasteite und in

Klöstern oder Einsiedeleien ausschließlich mit der »Anbetung Gottes«

beschäftigte.

Nun lehrt uns freilich die Naturgeschichte, daß diese asketische

Christenmoral, die aller Natur Hohn sprach, als natürliche Folge

das Gegenteil bewirkte. Die Klöster, die Asyle der Keuschheit und

Zucht, wurden bald die Brutstätten der tollsten Orgien. Der Kultus

der »Schönheit«, der hier getrieben wurde, stand mit der gepredigten

»Weltentsagung« in schneidendem Widerspruch. Dasselbe gilt von dem

Luxus und der Pracht, welche sich bald in dem sittenlosen Privatleben

des höheren katholischen Klerus und in der künstlerischen Ausschmückung

der christlichen Kirchen und Klöster entwickelten.

_Christliche Kunst._ Man wird hier einwenden, daß unsere Ansicht durch

die Schönheitsfülle der christlichen Kunst widerlegt werde, welche

besonders in der Blütezeit des Mittelalters so unvergängliche Werke

schuf. Die prachtvollen gotischen Dome und byzantinischen Basiliken,

die Hunderte von prächtigen Kapellen, die Tausende von Marmorstatuen

christlicher Heiliger und Märtyrer, die Millionen von schönen

Heiligenbildern, von tiefempfundenen Darstellungen von Christus und der

Madonna -- sie zeugen alle von einer Entwickelung der schönen Künste

im Mittelalter, die in ihrer Art einzig ist. Alle diese herrlichen

Denkmäler der bildenden Kunst, ebenso wie die der Dichtkunst, behalten

ihren hohen ästhetischen Wert, gleichviel, wie wir die darin enthaltene

Mischung von »Wahrheit und Dichtung« beurteilen. Aber was hat das alles

mit der reinen Christenlehre zu tun, mit jener Religion der Entsagung,

welche von allem irdischen Prunk und Glanz, von aller materiellen

Schönheit und Kunst sich abwendete, welche das Familienleben und

die Frauenliebe gering schätzte, welche allein die Sorge um die

immateriellen Güter des »ewigen Lebens« predigte? Der Begriff der

»christlichen Kunst« ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Die

reichen Kirchenfürsten freilich, welche dieselben pflegten, verfolgten

damit ganz andere Zwecke, und sie erreichten sie auch vollständig.

Indem sie das ganze Interesse und Streben des menschlichen Geistes

im Mittelalter auf die christliche =Kirche= und deren eigentümliche

=Kunst= lenkten, wendeten sie dasselbe von der =Natur= ab und von

der Erkenntnis der hier verborgenen Schätze, die zu selbständiger

=Wissenschaft= geführt hätten. Außerdem aber erinnerte der tägliche

Anblick der überall massenhaft ausgestellten Heiligenbilder, der

Darstellungen aus der »heiligen Geschichte«, den gläubigen Christen

jederzeit an den reichen Sagenschatz, den die Phantasie der Kirche

angesammelt hatte. Die Legenden derselben wurden für wahre Erzählungen,

die Wundergeschichten für wirkliche Ereignisse ausgegeben und geglaubt.

Unzweifelhaft hat in dieser Beziehung die christliche Kunst einen

ungeheuren Einfluß auf die allgemeine Bildung und ganz besonders auf

die Festigung des Glaubens geübt, einen Einfluß, der sich in der ganzen

Kulturwelt bis auf den heutigen Tag geltend macht.

_Monistische Kunst._ Den schärfsten Gegensatz zu dieser herrschenden

christlichen Kunst bildet diejenige neue Form der bildenden

Kunst, die sich erst im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der

=Naturwissenschaft= entwickelt hat. Die überraschende Erweiterung

unserer Weltkenntnis, die Entdeckung von unzähligen schönen

Lebensformen, die wir der letzteren verdanken, hat in unserer

Zeit einen ganz anderen ästhetischen Sinn geweckt und damit

auch der bildenden Kunst eine neue Richtung gegeben. Zahlreiche

wissenschaftliche Reisen und große Expeditionen zur Erforschung

unbekannter Länder und Meere förderten schon im 18., noch viel

mehr aber im 19. Jahrhundert eine ungeahnte Fülle von unbekannten

organischen Formen zutage. Die Zahl der neuen Tier- und Pflanzenarten

wuchs bald ins Unermeßliche, und unter diesen (besonders unter den

früher vernachlässigten niederen Gruppen) fanden sich Tausende

schöner und interessanter Gestalten, ganz neue Motive für Malerei und

Bildhauerei, für Architektur und Kunstgewerbe. Eine neue Welt erschloß

in dieser Beziehung besonders die ausgedehntere =mikroskopische=

Forschung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und namentlich die

Entdeckung der fabelhaften Tiefseebewohner, die erst durch die berühmte

Challenger-Expedition (1872-1876) ans Licht gezogen wurden. Tausende

von zierlichen Radiolarien und Thalamophoren, von prächtigen Medusen

und Korallen, von abenteuerlichen Mollusken und Krebsen eröffneten uns

da mit einem Male eine ungeahnte Fülle von verborgenen Formen, deren

eigenartige Schönheit und Mannigfaltigkeit alle von der menschlichen

Phantasie geschaffenen Kunstprodukte weitaus übertrifft. Allein schon

in den fünfzig großen Bänden des Challengerwerkes ist auf 3000 Tafeln

eine Masse solcher schöner Gestalten abgebildet; aber auch in vielen

anderen großen Prachtwerken, welche die mächtig wachsende zoologische

und botanische Literatur der letzten Dezennien enthält, sind Millionen

reizender Formen dargestellt. Ich habe versucht, in meinen »Kunstformen

der Natur« eine Auswahl von solchen schönen und reizvollen Gestalten

weiteren Kreisen zugänglich zu machen. (100 Tafeln in 10 Heften.

Leipzig 1899-1903.)

Indessen bedarf es nicht weiter Reisen und kostspieliger Werke, um

jedem Menschen die Herrlichkeiten dieser Welt zu erschließen. Vielmehr

müssen dafür nur seine Augen geöffnet und sein Sinn geübt werden.

Überall bietet die umgebende Natur eine überreiche Fülle von schönen

und interessanten Objekten aller Art. In jedem Moose und Grashalme,

in jedem Käfer und Schmetterling finden wir bei genauer Untersuchung

Schönheiten, an denen der Mensch gewöhnlich achtlos vorübergeht.

Vollends wenn wir dieselben mit einer Lupe bei schwacher Vergrößerung

betrachten, oder noch mehr, wenn wir die stärkere Vergrößerung eines

guten Mikroskopes anwenden, entdecken wir überall in der organischen

Natur eine neue Welt voll unerschöpflicher Reize.

Aber nicht nur für diese ästhetische Betrachtung des Kleinen und

Kleinsten, sondern auch für diejenige des Großen und Größten in der

Natur hat uns erst das 19. Jahrhundert die Augen geöffnet. Noch im

Beginne desselben war die Ansicht herrschend, daß die Hochgebirgsnatur

zwar großartig, aber abschreckend, das Meer zwar gewaltig, aber

furchtbar sei. Jetzt, am Ende desselben, sind die meisten Gebildeten

-- und besonders die Bewohner der Großstädte -- glücklich, wenn sie

jährlich auf ein paar Wochen die Herrlichkeit der Alpen und die

Kristallpracht der Gletscher genießen können; oder wenn sie sich an der

Majestät des blauen Meeres, an den reizenden Landschaftsbildern seiner

Küsten erfreuen können. Alle diese Quellen des edelsten Naturgenusses

sind uns erst neuerdings in ihrer ganzen Herrlichkeit offenbar und

verständlich geworden, und die erstaunlich gesteigerte Leichtigkeit

und Schnelligkeit des Verkehrs hat selbst den Unbemittelteren die

Gelegenheit zu ihrer Kenntnis verschafft. Alle diese Fortschritte im

ästhetischen Naturgenusse -- und damit zugleich im wissenschaftlichen

Naturverständnis -- bedeuten ebenso viele Fortschritte in der höheren

menschlichen Geistesbildung und damit zugleich in unserer monistischen

Religion.

_Landschaftsmalerei und Illustrationswerke._ Der Gegensatz, in

welchem unser =naturalistisches= Jahrhundert zu den vorhergehenden

=anthropistischen= steht, prägt sich besonders in der verschiedenen

Wertschätzung und Verbreitung von Illustrationen der mannigfaltigsten

Naturobjekte aus. Es hat sich in unserer Zeit ein lebhaftes Interesse

für ihre bildlichen Darstellungen entwickelt das früheren Zeiten

unbekannt war; es wird unterstützt durch die erstaunlichen Fortschritte

der Technik und des Verkehrs, welche eine allgemeine Verbreitung

derselben in weitesten Kreisen gestatten. Zahlreiche illustrierte

Zeitschriften verbreiten mit der allgemeinen Bildung zugleich den Sinn

für die unendliche Schönheit der Natur in allen Gebieten. Besonders

ist es die =Landschaftsmalerei=, die hier eine früher nicht geahnte

Bedeutung gewonnen hat. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

hatte einer unserer größten und vielseitigsten Naturforscher,

=Alexander von Humboldt=, darauf hingewiesen, wie die Entwickelung

der modernen Landschaftsmalerei nicht nur als »Anregungsmittel zum

Naturstudium« und als geographisches Anschauungsmittel von hoher

Bedeutung sei, sondern wie sie auch in anderer Beziehung als ein edles

Bildungsmittel hochzuschätzen sei. Seitdem ist der Sinn dafür noch

bedeutend weiter entwickelt. Es sollte Aufgabe jeder Schule sein, die

Kinder frühzeitig zum Genusse der =Landschaft= anzuleiten und zu der

höchst dankbaren Kunst, sie durch Zeichnen und Aquarellmalen ihrem

Gedächtnis einzuprägen.

_Moderner Naturgenuß._ Der unendliche Reichtum der Natur an Schönem

und Erhabenem bietet jedem Menschen, der offene Augen und ästhetischen

Sinn besitzt, eine unerschöpfliche Fülle der herrlichsten Gaben.

So wertvoll und beglückend aber auch der unmittelbare Genuß jeder

einzelnen Gabe ist, so wird deren Wert doch noch hoch gesteigert durch

die Erkenntnis ihrer Bedeutung und ihres Zusammenhanges mit der übrigen

Natur. Als =Alexander von Humboldt= (1845) in seinem großartigen

»=Kosmos=« den »Entwurf einer physischen Weltbeschreibung« gab, als

er in seinen mustergültigen »Ansichten der Natur« wissenschaftliche

und ästhetische Betrachtung in glücklichster Weise verband, da hat

er mit Recht hervorgehoben, wie eng der veredelte Naturgenuß mit der

»wissenschaftlichen Ergründung der Weltgesetze«, verknüpft ist, und wie

beide vereinigt dazu dienen, das Menschenwesen auf eine höhere Stufe

der Vollendung zu erheben. Die staunende Bewunderung, mit der wir den

gestirnten Himmel und das mikroskopische Leben in einem Wassertropfen

betrachten, die Ehrfurcht, mit der wir das wunderbare Wirken der

Energie in der bewegten Materie untersuchen, die Andacht, mit welcher

wir die Geltung des allumfassenden Substanzgesetzes im Universum

verehren, -- sie alle sind Bestandteile unseres =Gemütslebens=, die

unter den Begriff der »=natürlichen Religion=« fallen.

_Diesseits und Jenseits._ Die angedeuteten Fortschritte der Neuzeit

in der Erkenntnis des Wahren und im Genusse des Schönen bilden ebenso

einerseits einen wertvollen Inhalt unserer monistischen Religion, als

sie andererseits in feindlichem Gegensatze zum Christentum stehen.

Denn der menschliche Geist lebt dort in dem bekannten »=Diesseits=«,

hier in einem unbekannten »=Jenseits=«. Unser Monismus lehrt, daß

wir sterbliche Kinder der Erde sind, die ein oder zwei, höchstens

drei »Menschenalter« hindurch das Glück haben, im Diesseits die

Herrlichkeiten dieses Planeten zu genießen, die unerschöpfliche

Fülle seiner Schönheit zu schauen und die wunderbaren Spiele seiner

Naturkräfte zu erkennen. Das Christentum dagegen lehrt, daß die Erde

ein elendes Jammerthal ist, auf welchem wir bloß eine kurze Zeitlang uns

zu kasteien und abzuquälen brauchen, um sodann im »Jenseits« ein ewiges

Leben voller Wonne zu genießen. Wo dieses »Jenseits« liegt, und wie

diese Herrlichkeit des ewigen Lebens eigentlich beschaffen sein soll,

das hat uns noch keine »Offenbarung« gesagt. Solange der »Himmel« für

den Menschen ein blaues Zelt war, ausgespannt über der scheibenförmigen

Erde und erleuchtet durch das blinkende Lampenlicht einiger tausend

Sterne, konnte sich die menschliche Phantasie oben in diesem

Himmelssaal allenfalls das ambrosische Gastmahl der olympischen Götter

oder die Tafelfreuden der Walhallabewohner vorstellen. Nun ist aber für

alle diese Gottheiten und für die mit ihnen tafelnden »unsterblichen

Seelen« die offenkundige =Wohnungsnot= eingetreten. »Himmelsbild und

Weltanschauung«, wie sie =Troels-Lund= in ihrem tiefen Zusammenhange

historisch dargestellt hat, haben durch die bewunderungswürdigen

Fortschritte der modernen Kosmologie eine völlige Umwandlung erfahren.

Wir wissen jetzt durch die =Astrophysik=, daß der unendliche Raum mit

schwingendem Äther erfüllt ist, und daß Millionen von Weltkörpern, nach

ewigen ehernen Gesetzen bewegt, sich rastlos darin umhertreiben, alle

im ewigen großen »Werden und Vergehen« begriffen.

_Monistische Kirchen._ Die Stätten der Andacht, in denen der Mensch

sein religiöses Gemütsbedürfnis befriedigt und die Gegenstände seiner

Anbetung verehrt, betrachtet er als seine geheiligten »Kirchen«. Die

Pagoden im buddhistischen Asien, die griechischen Tempel im klassischen

Altertum, die Synagogen in Palästina, die Moscheen in Ägypten, die

katholischen Dome im südlichen und die evangelischen Kathedralen im

nördlichen Europa -- alle diese »Gotteshäuser« sollen dazu dienen,

den Menschen über die Misere und Prosa des realen Alltagslebens zu

erheben; sie sollen ihn in die Weihe und die Poesie einer höheren,

idealen Welt versetzen. Sie erfüllen diesen Zweck in vielen tausend

verschiedenen Formen, entsprechend den verschiedenen Kulturformen

und Zeitverhältnissen. Der moderne Mensch, welcher »Wissenschaft und

Kunst« besitzt -- und damit zugleich auch Religion --, bedarf keiner

besonderen Kirche, keines engen, eingeschlossenen Raumes. Denn überall

in der freien Natur, wo er seine Blicke auf das unendliche Universum

oder auf einen Teil desselben richtet, überall findet er zwar den

harten »Kampf ums Dasein«, aber daneben auch das »Wahre, Schöne und

Gute«; überall findet er seine »=Kirche=« in der herrlichen =Natur=

selbst.

=Neunzehntes Kapitel.=

_Unsere monistische Sittenlehre._

Gleichgewicht zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe.

Gleichberechtigung des Egoismus und Altruismus. Fehler der

christlichen Moral. Staat, Schule und Kirche.

Das praktische Leben stellt an den Menschen eine Reihe von ganz

bestimmten sittlichen Anforderungen, die nur dann richtig erfüllt

werden können, wenn sie in reinem Einklang mit seiner vernünftigen

Weltanschauung stehen. Diesem Grundsatze unserer monistischen

Philosophie zufolge muß unsere gesamte =Sittenlehre= oder Ethik

in vernünftigem Zusammenhang mit der einheitlichen Auffassung des

»Kosmos« stehen, welche wir durch unsere fortgeschrittene Erkenntnis

der Naturgesetze gewonnen haben. Wie das ganze unendliche Universum im

Lichte unseres Monismus ein einziges großes Ganzes darstellt, so bildet

auch das geistige und sittliche Leben des Menschen nur einen Teil

dieses »=Kosmos=«, und so kann auch seine naturgemäße Ordnung nur eine

einheitliche sein. =Es gibt nicht zwei verschiedene, getrennte Welten=:

eine =physische, materielle= und eine =moralische, immaterielle= Welt.

Ganz entgegengesetzter Ansicht ist die große Mehrzahl der Philosophen

und Theologen noch heute; sie behaupten mit =Immanuel Kant=, daß

die sittliche Welt von der physischen ganz unabhängig sei und ganz

anderen Gesetzen gehorche; also müsse auch das =sittliche Bewußtsein

des Menschen=, als die Basis des moralischen Lebens, ganz unabhängig

von der =wissenschaftlichen Welterkenntnis= sein und sich vielmehr

auf den religiösen Glauben stützen. Die Erkenntnis der sittlichen

Welt soll danach durch die gläubige =praktische Vernunft= geschehen,

hingegen die der Natur oder der physischen Welt durch die =theoretische

Vernunft=. Dieser unzweifelhafte und bewußte =Dualismus= in =Kants=

Philosophie war ihr größter und =schwerster Fehler=; er hat unendliches

Unheil angerichtet und wirkt noch heute mächtig fort. Zuerst hatte

der =kritische Kant= in der großartigen und bewunderungswürdigen

Kritik der reinen Vernunft einleuchtend gezeigt, daß die drei großen

=Zentraldogmen der Metaphysik=: der persönliche Gott, der freie

Wille und die unsterbliche Seele völlig unbegründet sind und immer

unbegründet bleiben werden. Später aber führte der =dogmatische Kant=

das schimmernde ideale Luftschloß der praktischen Vernunft auf, in

welchem drei imposante Kirchenschiffe zur Wohnstätte jener drei

mystischen Gottheiten hergerichtet wurden. Nachdem sie durch die

Vordertür mittels des vernünftigen Wissens hinausgeschafft waren,

kehrten sie nun durch die Hintertür mittels des unvernünftigen Glaubens

wieder zurück.

Die Welträtsel: Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie · 第 24 / 27 段