~III.~ _Die Reformation._ Die Geschichte der Kulturvölker, welche

wir »die Weltgeschichte« zu nennen belieben, läßt deren dritten

Hauptabschnitt, die »Neuzeit«, mit der Reformation der christlichen

Kirche beginnen, ebenso wie den zweiten, das Mittelalter, mit der

Gründung des Christentums, und sie tut recht daran. Denn mit der

Reformation beginnt die =Wiedergeburt der gefesselten Vernunft=,

das Wiedererwachen der Wissenschaft, welche die eiserne Faust des

christlichen Papismus durch 1200 Jahre gewaltsam niedergehalten

hatte. Allerdings hatte die Verbreitung allgemeiner Bildung durch

die Buchdruckerkunst schon um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts

begonnen, und gegen Ende desselben traten mehrere große Ereignisse

ein, welche im Verein mit der »=Renaissance=« der Kunst auch

diejenige der Wissenschaft vorbereiteten, vor allem die Entdeckung

von Amerika (1492). Auch wurden in der ersten Hälfte des sechzehnten

Jahrhunderts mehrere höchst wichtige Fortschritte in der Erkenntnis

der Natur gemacht, welche die bestehende Weltanschauung in ihren

Grundfesten erschütterten; so die erste Umschiffung der Erde durch

=Magellan=, welche den empirischen Beweis für ihre Kugelgestalt

lieferte (1522); die Gründung des neuen Weltsystems durch =Kopernikus=

(1543). Aber der 31. Oktober 1517, an welchem =Martin Luther=

seine 95 Thesen an die hölzerne Tür der Schloßkirche zu Wittenberg

nagelte, bleibt daneben ein weltgeschichtlicher Tag; denn damit

wurde die eiserne Tür des Kerkers gesprengt, in dem der päpstliche

Absolutismus durch 1200 Jahre die gefesselte Vernunft eingeschlossen

gehalten hatte. Man hat die Verdienste des großen Reformators, der

auf der Wartburg die Bibel übersetzte, teils übertrieben, teils

unterschätzt; man hat auch mit Recht darauf hingewiesen, wie er

gleich den anderen Reformatoren noch vielfach im tiefsten Aberglauben

befangen blieb. So konnte sich =Luther= zeitlebens nicht von dem

starren Buchstabenglauben der Bibel befreien; er verteidigte eifrig

die Lehre von der Auferstehung, der Erbsünde und Prädestination,

der Rechtfertigung durch den Glauben usw. Die gewaltige Geistestat

des =Kopernikus= verwarf er als Narrheit, weil in der Bibel »Josua

die Sonne stillstehen hieß und nicht das Erdreich«. Für die großen

politischen Umwälzungen seiner Zeit, besonders die großartige und

vollberechtigte Bauernbewegung, hatte er kein Verständnis. Schlimmer

noch war der fanatische Reformator =Calvin= in Genf, welcher (1553) den

geistreichen spanischen Arzt =Serveto= lebendig verbrennen ließ, weil

er den unsinnigen Glauben an die Dreieinigkeit bekämpfte. Überhaupt

traten die fanatischen »Rechtgläubigen« der reformierten Kirche nur

zu oft in die blutbefleckten Fußtapfen ihrer papistischen Todfeinde,

wie sie es auch heute noch tun. Leider folgten auch ungeheure

Greueltaten der Reformation auf dem Fuße: die Bartholomäusnacht und

die Hugenottenverfolgung in Frankreich, blutige Ketzerjagden in

Italien, lange Bürgerkriege in England, der Dreißigjährige Krieg in

Deutschland. Aber trotz alledem bleibt dem sechzehnten und siebzehnten

Jahrhundert der Ruhm, dem denkenden Menschengeiste zuerst wieder

freie Bahn geschaffen und die Vernunft von dem erstickenden Drucke

der papistischen Herrschaft befreit zu haben. Erst dadurch wurde die

mächtige Entfaltung verschiedener Richtungen der kritischen Philosophie

und neuer Bahnen der Naturforschung möglich, welche dann dem folgenden

achtzehnten Jahrhundert den Ehrentitel des »=Jahrhunderts der

Aufklärung=« erwarb.

~IV.~ _Das Scheinchristentum des neunzehnten Jahrhunderts._ Als

vierten und letzten Hauptabschnitt in der Geschichte des Christentums

stellen wir das 19. Jahrhundert seinen Vorgängern gegenüber. Wenn in

diesen letzteren bereits die »=Aufklärung=« nach allen Richtungen

hin die kritische Philosophie gefördert, und wenn ihr das Aufblühen

der Naturwissenschaften die stärksten empirischen Waffen in die

Hände gegeben hatte, so erscheint uns doch der Fortschritt nach

beiden Richtungen hin in unserem 19. Jahrhundert ganz gewaltig;

es beginnt damit wiederum eine ganz neue Periode in der Geschichte

des Menschengeistes, charakterisiert durch die Entwickelung der

=monistischen Naturphilosophie=. Schon im Beginne desselben wurde der

Grund zu einer neuen Anthropologie gelegt (durch die vergleichende

Anatomie von =Cuvier=) und zu einer neuen Biologie (durch die

~Philosophie zoologique~ von =Lamarck=). Bald folgten diesen beiden

großen Franzosen zwei ebenbürtige Deutsche, =Baer= als Begründer der

Entwickelungsgeschichte (1828) und =Johannes Müller= (1834) als der der

vergleichenden Morphologie und Physiologie. Ein Schüler des letzteren,

=Theodor Schwann=, schuf 1838, im Verein mit =Matthias Schleiden=,

die grundlegende Zellentheorie. Schon vorher hatte =Lyell= (1830) die

Entwickelungsgeschichte der Erde auf natürliche Ursachen zurückgeführt

und damit auch für unseren Planeten die Geltung der mechanischen

Kosmogenie bestätigt, welche =Kant= bereits 1755 mit kühner Hand

entworfen hatte. Endlich wurde durch =Robert Mayer= und =Helmholtz=

(1842) das Energieprinzip festgestellt und damit die zweite, ergänzende

Hälfte des großen Substanzgesetzes gegeben, dessen erste Hälfte die

Konstanz der Materie, schon =Lavoisier= 1789 entdeckt hatte. Allen

diesen tiefen Einblicken in das innere Wesen der Natur setzte dann 1859

=Charles Darwin= die Krone auf durch seine neue Entwickelungslehre, das

größte naturphilosophische Ereignis des 19. Jahrhunderts.

Wie verhält sich nun zu diesen gewaltigen Fortschritten der

Naturerkenntnis das =moderne Christentum=? Zunächst wurde naturgemäß

die tiefe Kluft zwischen seinen beiden Hauptrichtungen immer

größer, zwischen dem konservativen =Papismus= und dem progressiven

Protestantismus. Der ultramontane Klerus ( -- und im Verein mit

ihm die orthodoxe »Evangelische Allianz« -- ) mußten naturgemäß

jenen mächtigen Eroberungen des freien Geistes den heftigsten

Widerstand entgegensetzen; sie verharrten unbeirrt auf ihrem strengen

Buchstabenglauben und verlangten die unbedingte Unterwerfung der

Vernunft unter das Dogma. Der liberale =Protestantismus= hingegen

verflüchtigte sich immer mehr zu einem monistischen Pantheismus und

strebte nach Versöhnung der beiden entgegengesetzten Prinzipien;

er suchte die unvermeidliche Anerkennung der empirisch bewiesenen

Naturgesetze und der daraus gefolgerten philosophischen Schlüsse mit

einer geläuterten Religionsform zu verbinden, in der freilich von der

eigentlichen Glaubenslehre fast nichts mehr übrig blieb. Zwischen

beiden Extremen bewegten sich zahlreiche Kompromißversuche; darüber

hinaus aber drang in immer weitere Kreise die Überzeugung, daß das

dogmatische Christentum überhaupt jeden Boden verloren habe, und daß

man nur seinen wertvollen ethischen Inhalt in die neue, monistische

Religion des 20. Jahrhunderts hinüberretten könne. Da jedoch

gleichzeitig die gegebenen äußeren Formen der herrschenden christlichen

Religion fortbestanden, da sie sogar trotz der fortgeschrittenen

politischen Entwickelung mit den praktischen Bedürfnissen des Staates

immer enger verknüpft wurden, entwickelte sich jene weitverbreitete

religiöse Weltanschauung der gebildeten Kreise, die wir nur als

=Scheinchristentum= bezeichnen können -- im Grunde eine »religiöse

Lüge« bedenklichster Art. Die großen Gefahren, welche dieser tiefe

Konflikt zwischen der wahren Überzeugung und dem falschen Bekenntnis

der modernen Scheinchristen mit sich bringt, hat u. a. trefflich

=Max Nordau= geschildert in seinem interessanten Werke: »=Die

konventionellen Lügen der Kulturmenschheit.=«

Inmitten dieser offenkundigen Unwahrhaftigkeit des herrschenden

Scheinchristentums ist es für den Fortschritt der vernunftgemäßen

Naturerkenntnis sehr wertvoll, daß dessen mächtigster und

entschiedenster Gegner, der =Papismus=, um die Mitte des 19.

Jahrhunderts die alte Maske angeblicher höherer Geistesbildung

abgeworfen und der selbständigen =Wissenschaft= als solcher den

entscheidenden »Kampf auf Tod und Leben« angekündigt hat. Es geschah

dies in drei bedeutungsvollen Kriegserklärungen gegen die Vernunft, für

deren Unzweideutigkeit und Entschiedenheit die moderne Wissenschaft

und Kultur dem römischen »Statthalter Christi« nur dankbar sein

kann: ~I~. Im Dezember 1854 verkündete der Papst das Dogma von der

=unbefleckten Empfängnis Mariä=. ~II~. Zehn Jahre später, im Dezember

1864, sprach der »heilige Vater« in der berüchtigten =Enzyklika=

das =absolute Verdammungsurteil über die ganze moderne Zivilisation

und Geistesbildung= aus; in dem begleitenden =Syllabus= gab er

eine Aufzählung und Verfluchung aller einzelnen Vernunftsätze und

philosophischen Prinzipien, welche von unserer modernen Wissenschaft

als sonnenklare Wahrheit anerkannt sind. ~III~. Endlich setzte

sechs Jahre später, am 13. Juli 1870, der streitbare Kirchenfürst im

Vatikan seinem Aberwitz die Krone auf, indem er für sich und alle seine

Vorgänger in der Papstwürde die =Unfehlbarkeit= in Anspruch nahm.

_Unfehlbarkeit des Papstes._ Diese drei wichtigsten Akte des Papismus

im 19. Jahrhundert waren so offenkundige Faustschläge in das Antlitz

der Vernunft, daß sie selbst innerhalb der orthodoxen katholischen

Kreise von Anfang an das höchste Bedenken erregten. Als man im

vatikanischen Konzil am 13. Juli 1870 zur Abstimmung über das Dogma

von der =Unfehlbarkeit= schritt, erklärten sich nur drei Viertel der

Kirchenfürsten zugunsten desselben, nämlich 451 von 601 Abstimmenden;

dazu fehlten noch zahlreiche andere Bischöfe, welche sich der

gefährlichen Abstimmung enthalten wollten. Indessen zeigte sich bald,

daß der kluge und menschenkundige Papst richtiger gerechnet hatte als

die zaghaften »besonnenen Katholiken«; denn in den leichtgläubigen und

ungebildeten Massen fand auch dieses ungeheuerliche Dogma trotz aller

Bedenken blinde Annahme.

Die ganze =Geschichte des Papsttums=, wie sie von zuverlässigen

Quellen und handgreiflichen historischen Dokumenten unwiderleglich

festgenagelt ist, erscheint für den unbefangenen Kenner als ein

gewissenloses Gewebe von Lug und Trug, als ein rücksichtsloses Streben

nach absoluter geistlicher Herrschaft und weltlicher Macht, als eine

frivole Verleugnung aller der hohen sittlichen Gebote, welche das

wahre Christentum predigt: Menschenliebe, und Duldung, Wahrheit und

Keuschheit, Armut und Entsagung. Wenn man die lange Reihe der Päpste

und der römischen Kirchenfürsten, aus denen sie gewählt wurden, nach

dem Maßstabe der reinen christlichen Moral mustert, ergibt sich klar,

daß die große Mehrzahl derselben schamlose Gaukler und Betrüger

waren, viele von ihnen nichtswürdige Verbrecher. Diese allbekannten

=historischen Tatsachen= hindern aber nicht, daß noch heute Millionen

von »gebildeten« gläubigen Katholiken an die »Unfehlbarkeit« dieses

»heiligen Vaters« glauben und durch Spenden von »Peterspfennigen« sein

Regiment stützen; sie hindern nicht, daß noch heute protestantische

Fürsten nach Rom fahren und dem »heiligen Vater« (ihrem gefährlichsten

Feinde!) ihre Verehrung bezeugen.

_Enzyklika und Syllabus._ Unter den angeführten drei großen

Gewalttaten, durch welche der moderne Papismus in der zweiten Hälfte

des 19. Jahrhunderts seine absolute Herrschaft zu retten und zu

befestigen suchte, ist für uns am interessantesten die Verkündigung

der =Enzyklika= und des =Syllabus= im Dezember 1864; denn in diesen

denkwürdigen Aktenstücken wird der Vernunft und Wissenschaft überhaupt

jede selbständige Tätigkeit abgesprochen und ihre absolute Unterwerfung

unter den »alleinseligmachenden Glauben«, d. h. unter die Dekrete des

»unfehlbaren Papstes«, gefordert. Die ungeheure Erregung, welche diese

maßlose Frechheit in allen gebildeten und unabhängig denkenden Kreisen

hervorrief, entsprach dem ungeheuerlichen Inhalte der Enzyklika; eine

vortreffliche Erörterung ihrer kulturellen und politischen Bedeutung

hat u. a. =Draper= in seiner Geschichte der Konflikte zwischen Religion

und Wissenschaft gegeben (1875).

_Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria._ Weniger einschneidend und

bedeutungsvoll als die Enzyklika und als das Dogma der Infallibilität

des Papstes erscheint vielleicht das Dogma von der unbefleckten

Empfängnis. Indessen legt nicht nur die römische Hierarchie auf diesen

Glaubenssatz das höchste Gewicht, sondern auch ein Teil der orthodoxen

Protestanten (z. B. die Evangelische Allianz). Der sogenannte

»=Immakulateid=«, d. h. die =eidliche= Versicherung des Glaubens an die

unbefleckte Empfängnis Mariä, gilt noch heute Millionen von Christen

als heilige Pflicht. Viele Gläubige verbinden damit einen doppelten

Begriff; sie behaupten, daß die Mutter der Jungfrau Maria ebenso durch

den »Heiligen Geist« befruchtet worden sei wie diese selbst. Jedoch

soll ursprünglich das Dogma der unbefleckten Empfängnis nur bedeuten,

daß Maria selbst eine Tochter des heiligen Geistes, und daher frei von

Erbsünde sei. Die vergleichende und kritische Theologie hat neuerdings

nachgewiesen, daß auch dieser Mythus, gleich den meisten anderen

Legenden der christlichen Mythologie, keineswegs originell, sondern

aus älteren orientalischen Religionen, besonders dem =Buddhismus=,

übernommen ist. Ähnliche Sagen hatten schon mehrere Jahrhunderte vor

Christi Geburt eine weite Verbreitung in Indien, Persien, Kleinasien

und Griechenland. Wenn Königstöchter oder andere Jungfrauen aus

höheren Ständen, ohne legitim verheiratet zu sein, durch die Geburt

eines Kindes erfreut wurden, so wurde als der Vater dieses illegitimen

Sprößlings meistens ein »Gott« oder »Halbgott« ausgegeben, in diesem

Falle der mysteriöse »Heilige Geist«.

Die Erzählung der beiden Evangelisten Matthäus und Lukas, daß auch

Maria selbst vom heiligen Geiste befruchtet und demnach dieser

rätselhafte Gott der wahre Vater von Christus sei, wird gegenwärtig

von den meisten Theologen als eine später entstandene Sage angesehen;

sie behaupten, daß der jüdische Zimmermann Joseph der wirkliche Vater

gewesen sei. Andere wieder erklären die uneheliche Geburt Christi

durch folgende Angabe eines apokryphen Evangeliums, auf welche sich

auch =Celsus= (178 n. Chr.) bezieht: »=Josephus Pandera=, der römische

Hauptmann einer kalabresischen Legion, welche in Judäa stand, verführte

=Mirjam= von Bethlehem, ein hebräisches Mädchen, und wurde der =Vater

von Jesus=.« Diese Legende fand besonders bei jenen Theologen Beifall,

welche die übernatürliche Erzeugung Christi (durch den heiligen Geist)

leugneten, aber als seinen natürlichen Vater nicht einen =Juden= (den

Zimmermann Joseph), sondern einen =Griechen= (den Hauptmann Pandera

oder Pantheras) anerkannt zu sehen wünschten. Historische Zeugnisse,

die wissenschaftliche Bedeutung beanspruchen, können weder für die

Wahrheit der einen noch der anderen Sage gefunden werden.

Interessant ist übrigens die verschiedene Auffassung und Beurteilung,

welche dieser angebliche Liebesroman der Mirjam von seiten der vier

großen christlichen Kulturnationen Europas erfahren hat. Nach den

strengeren Moralbegriffen der =germanischen= Rassen wird derselbe

schlechtweg verworfen; lieber glaubt der ehrliche Deutsche und der

prüde Brite blind an die unmögliche Sage von der Erzeugung durch den

»Heiligen Geist«. Wie bekannt, entspricht diese strenge, sorgfältig

zur Schau getragene Prüderie der feineren Gesellschaft (besonders in

England!) keineswegs dem wahren Zustande der sexuellen Sittlichkeit in

dem dortigen »~High life~«. Die Enthüllungen z. B., welche darüber

vor einigen Jahren die »Pall Mall Gazette« brachte, erinnerten sehr an

die Zustände von =Babylon= und an das Rom der Kaiserzeit.

Die =romanischen= Rassen, welche diese Prüderie verlachen und die

sexuellen Verhältnisse leichtfertiger beurteilen, finden jenen »=Roman

der Maria=« recht anziehend, und der besondere Kultus, dessen gerade

in Frankreich und Italien »Unsere liebe Frau« sich erfreut, ist oft in

merkwürdiger Naivetät mit jener Liebesgeschichte verknüpft. So findet

z. B. =Paul de Regla= (~Dr.~ =Desjardin=), welcher (1894) »Jesus von

Nazareth vom wissenschaftlichen, geschichtlichen und gesellschaftlichen

Standpunkte aus dargestellt« hat, gerade in der =unehelichen Geburt

Christi= ein besonderes »Anrecht auf den =Heiligenschein=, der seine

herrliche Gestalt umstrahlt«!

Der Streit über diese drei verschiedenen Mythen von der Vaterschaft

Christi, der noch zu Ende des 19. Jahrhunderts die Theologen lebhaft

erregte, hat gegenwärtig an Interesse sehr verloren. Denn die

überraschenden Fortschritte der vergleichenden Religionsgeschichte

haben das ganze orientalische Prachtgebäude der =christlichen

Mythologie= in seinen Grundfesten erschüttert. Das reine =Idealbild=

von Jesus Christus, dessen erhabene Züge der Gläubige aus dem

Neuen Testament sich zusammensetzt, hat als wirklicher Mensch

(oder »Gottmensch«) in dieser Vollkommenheit niemals auf unserem

Planeten existiert. Der hohe ethische Wert des ursprünglichen reinen

Christentums, der veredelnde Einfluß dieser »Religion der Liebe« auf

die Kulturgeschichte, ist ganz unabhängig von jenen mythologischen

Dogmen. Die angeblichen »=Offenbarungen=«, auf welche sich diese Mythen

stützen, sind dagegen ( -- ebenso wie sämtliche Wundergeschichten

des Alten und des Neuen Testaments -- ) Erzeugnisse der dichtenden

Phantasie; sie bleiben unvereinbar mit den sichersten Ergebnissen

unserer modernen =Naturerkenntnis=.

=Achtzehntes Kapitel.=

_Unsere monistische Religion._

Monistische Studien über die Religion der Vernunft und ihre Harmonie

mit der Wissenschaft. Die drei Kultusideale des Wahren, Guten und

Schönen.

Viele und sehr angesehene Naturforscher und Philosophen der Gegenwart,

welche unsere monistischen Überzeugungen teilen, halten die Religion

überhaupt für eine abgetane Sache. Sie meinen, daß die klare Einsicht

in die Weltentwickelung, die wir den gewaltigen Erkenntnisfortschritten

des 19. Jahrhunderts verdanken, nicht bloß das Kausalitätsbedürfnis

unserer =Vernunft= vollkommen befriedige, sondern auch die höchsten

Gefühlsbedürfnisse unseres =Gemütes=. Diese Ansicht ist in gewissem

Sinne richtig, insofern bei einer vollkommen klaren und folgerichtigen

Auffassung des Monismus tatsächlich die beiden Begriffe von Religion

und Wissenschaft zu einem mit einander verschmelzen. Indessen nur

wenige entschlossene Denker ringen sich zu dieser höchsten und reinsten

Auffassung von =Spinoza= und =Goethe= empor; vielmehr verharren die

meisten Gebildeten unserer Zeit bei der Überzeugung, daß die Religion

ein selbständiges, von der Wissenschaft unabhängiges Gebiet unseres

Geisteslebens darstelle, nicht minder wertvoll und unentbehrlich als

die letztere.

Wenn wir diesen Standpunkt einnehmen, können wir eine Versöhnung

zwischen jenen beiden großen, anscheinend getrennten Gebieten

in der Auffassung finden, welche ich 1892 in meinem Altenburger

Vortrage niedergelegt habe: »Der Monismus als Band zwischen Religion

und Wissenschaft« (14. Aufl. 1908). In dem Vorwort zu diesem

»Glaubensbekenntnis eines Naturforschers« habe ich mich über dessen

doppelten Zweck mit folgenden Worten geäußert: »Erstens möchte ich

damit derjenigen =vernünftigen Weltanschauung= Ausdruck geben, welche

uns durch die neueren Fortschritte der einheitlichen Naturerkenntnis

mit logischer Notwendigkeit aufgedrungen wird; sie wohnt im Innersten

von fast allen unbefangenen und denkenden Naturforschern, wenn

auch nur wenige den Mut oder das Bedürfnis haben, sie offen zu

bekennen. Zweitens möchte ich dadurch ein =Band zwischen Religion und

Wissenschaft= knüpfen und somit zur Ausgleichung des Gegensatzes

beitragen, welcher zwischen diesen beiden Gebieten der höchsten

menschlichen Geistestätigkeit unnötigerweise aufrecht erhalten wird;

das ethische Bedürfnis unseres =Gemütes= wird durch den Monismus ebenso

befriedigt wie das logische Kausalitätsbedürfnis unseres =Verstandes=.«

Die starke Wirkung, welche dieser Altenburger Vortrag hatte, beweist,

daß ich mit diesem monistischen Glaubensbekenntnis nicht nur das

vieler Naturforscher, sondern auch zahlreicher gebildeter Männer

und Frauen aus verschiedenen Berufskreisen ausgesprochen hatte. Ich

durfte diesen unerwarteten Erfolg um so höher anschlagen, als jenes

Glaubensbekenntnis ursprünglich eine freie Gelegenheitsrede war, die

unvorbereitet am 9. Oktober 1892 in Altenburg während des Jubiläums

der Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes entstand. Natürlich

erfolgte auch bald die notwendige Gegenwirkung nach der anderen Seite;

ich wurde nicht nur von der ultramontanen Presse des =Papismus=

auf das Heftigste angegriffen, von den geschworenen Verteidigern

des Aberglaubens, sondern auch von »liberalen« Kriegsmännern des

evangelischen Christentums, welche sowohl die wissenschaftliche

Wahrheit als auch den aufgeklärten Glauben zu vertreten behaupten. Nun

hat sich aber der große Kampf zwischen der modernen Naturwissenschaft

und dem orthodoxen Christentum seitdem immer drohender gestaltet;

er ist für die erstere um so gefährlicher geworden, je mächtigere

Unterstützung das letztere durch die wachsende geistige und

politische Reaktion gefunden hat. Diese ist in manchen Ländern schon

so weit vorgeschritten, daß die gesetzlich garantierte Denk- und

Gewissensfreiheit praktisch schwer gefährdet wird. In der Tat hat

der große weltgeschichtliche Geisteskampf, welchen =John Draper= in

seiner »Geschichte der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft«

vortrefflich schildert, heute eine Schärfe und Bedeutung erlangt

wie nie zuvor; man bezeichnet ihn deshalb seit 1872 mit Recht als

»=Kulturkampf=«.

_Der Kulturkampf._ Die berühmte =Enzyklika= nebst =Syllabus=,

welche der streitbare Papst Pius ~IX.~ 1864 in alle Welt gesandt

hatte, erklärte in der Hauptsache der ganzen modernen Wissenschaft

den Krieg; sie forderte blinde Unterwerfung der Vernunft unter die

Dogmen des »unfehlbaren Statthalters Christi«. Das Ungeheuerliche und

Unerhörte dieses brutalen Attentates gegen die höchsten Güter der

Kulturmenschheit rüttelte selbst viele träge und indolente Gemüter

aus ihrem gewohnten Glaubensschlafe. Im Vereine mit der nachfolgenden

Verkündung der päpstlichen Unfehlbarkeit (1870) rief die Enzyklika

eine weitgehende Erregung hervor und eine energische Abwehr, welche

zu den besten Hoffnungen berechtigte. In dem neuen Deutschen Reiche,

das in den Kämpfen von 1866 und 1871 unter schweren Opfern seine

nationale Einheit errungen hatte, wurden die frechen Attentate des

Papismus besonders schwer empfunden; denn einerseits ist Deutschland

die Geburtsstätte der Reformation und der modernen Geistesbefreiung;

andererseits aber besitzt es leider in seinen 20 Millionen Katholiken

ein mächtiges Heer von streitbaren Gläubigen, welches an blindem

Gehorsam gegen die Befehle seines Oberhirten von keinem anderen

Kulturvolke übertroffen wird. =Christus= sagt zu =Petrus=: »Weide meine

Schafe!« Die Nachkommen auf dem Stuhle Petri haben das »=Weiden=« in

»=Scheeren=« übersetzt. Die hieraus entspringenden Gefahren erkannte

mit klarem Blick der gewaltige Staatsmann, der das »politische

Welträtsel« der deutschen Nationalzerrissenheit gelöst und uns durch

seine bewunderungswürdige Staatskunst zu dem ersehnten Ziele nationaler

Einheit und Macht geführt hatte. Fürst Bismarck begann 1872 jenen

denkwürdigen, vom Vatikan aufgedrungenen =Kulturkampf=, der von dem

ausgezeichneten Kultusminister =Falk= durch die »Maigesetzgebung«

(1873) ebenso klug als energisch geführt wurde. Leider mußte er schon

sechs Jahre später aufgegeben werden. Obwohl unser größter Staatsmann

ein ausgezeichneter Menschenkenner und kluger Realpolitiker war, hatte

er doch die Macht von drei gewaltigen Hindernissen unterschätzt:

erstens die unübertroffene Schlauheit und gewissenlose Perfidie der

römischen Kurie, zweitens die entsprechende Gedankenlosigkeit und

Leichtgläubigkeit der ungebildeten katholischen Massen, auf welche

sich die erstere stützte, und drittens die Macht der Trägheit, des

Fortbestehens des Unvernünftigen, bloß weil es da ist. So mußte denn

schon 1878, nachdem der klügere Papst Leo ~XIII.~ seine Regierung

angetreten hatte, der schwere »Gang nach Canossa« wiederholt werden.

Die neu gestärkte Macht des Vatikans nahm seitdem wieder mächtig

zu, einerseits durch die gewissenlosen Ränke und Schlangenwindungen

seiner aalglatten Jesuitenpolitik, andererseits durch die falsche

Kirchenpolitik der deutschen Reichsregierung und die merkwürdige

politische Unfähigkeit des deutschen Volkes. So mußten wir denn am

Schlusse des 19. Jahrhunderts das beschämende Schauspiel erleben, daß

das sogenannte »Zentrum im Deutschen Reichstage Trumpf« war, und daß

die Geschicke unseres gedemütigten Vaterlandes von einer papistischen

Partei geleitet wurden, deren Kopfzahl noch nicht den dritten Teil der

ganzen Bevölkerung beträgt.

Die Welträtsel: Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie · 第 23 / 27 段