Zu den hervorragenden Charakterzügen des 19. Jahrhunderts gehört

die wachsende Schärfe des Gegensatzes zwischen Wissenschaft

und Christentum. Das ist ganz natürlich und notwendig; denn in

demselben Maße, in welchem die siegreichen Fortschritte der modernen

=Naturerkenntnis= alle wissenschaftlichen Eroberungen früherer

Jahrhunderte überflügeln, ist zugleich die Unhaltbarkeit aller jener

mystischen Weltanschauungen offenbar geworden, welche die Vernunft

unter das Joch der sogenannten »=Offenbarung=« beugen wollten, und

dazu gehört auch die christliche Religion. Je sicherer durch die

moderne Astronomie, Physik und Chemie die Alleinherrschaft unbeugsamer

Naturgesetze im Universum, durch die moderne Botanik, Zoologie und

Anthropologie die Gültigkeit derselben Gesetze im Gesamtbereiche der

organischen Natur nachgewiesen ist, desto heftiger sträubt sich die

christliche Religion, im Vereine mit der dualistischen Metaphysik,

die Geltung dieser Naturgesetze im Bereiche des sogenannten

»=Geisteslebens=« anzuerkennen, d. h. in einem Teilgebiete der

Gehirnphysiologie.

Diesen offenkundigen und unversöhnlichen Gegensatz zwischen der

modernen wissenschaftlichen und der überlebten christlichen

Weltanschauung hat niemand klarer, mutiger und unwiderleglicher

bewiesen, als der größte Theologe des 19. Jahrhunderts, =David

Friedrich Strauß=. Sein letztes Bekenntnis: »=Der alte und der neue

Glaube=« 1872, (14. Auflage 1900) ist der allgemein gültige Ausdruck

der ehrlichen Überzeugung aller derjenigen Gebildeten der Gegenwart,

welche den unvermeidlichen Konflikt zwischen den anerzogenen,

herrschenden Glaubenslehren des Christentums und den einleuchtenden,

vernunftgemäßen Offenbarungen der modernen Naturwissenschaft einsehen;

aller derjenigen, welche den Mut finden, das Recht der =Vernunft=

gegenüber den Ansprüchen des =Aberglaubens= zu wahren, und welche das

philosophische Bedürfnis nach einer einheitlichen Naturanschauung

empfinden. =Strauß= hat als ehrlicher und mutiger Freidenker weit

besser, als ich es vermag, die wichtigsten Gegensätze zwischen »altem

und neuem Glauben« klargelegt. Die volle Unversöhnlichkeit zwischen

beiden Gegensätzen, die Unvermeidlichkeit des Entscheidungskampfes

zwischen beiden -- »auf Tod und Leben« -- hat von philosophischer Seite

namentlich =Eduard Hartmann= nachgewiesen in seiner interessanten

Schrift über die Selbstzersetzung des Christentums (1874).

Unter den zahlreichen Werken, die im Laufe des 19. Jahrhunderts

die wissenschaftliche Kritik des Christentums, seines Wesens und

seiner Lehre gefördert haben, sind außerdem namentlich folgende

hervorzuheben: =David Strauß=, Das Leben Jesu für das deutsche Volk.

1864 (11. Auflage, Bonn 1890). =Ludwig Feuerbach=, Das Wesen des

Christentums. 1841 (4. Aufl. 1883). =Paul de Regla= (P. Desjardin),

Jesus von Nazareth, vom wissenschaftlichen, geschichtlichen und

gesellschaftlichen Standpunkte dargestellt. Leipzig 1894. =S. E.

Verus=, Vergleichende Übersicht der vier Evangelien. Leipzig 1897.

Wenn man die Werke von =Strauß= und =Feuerbach=, sowie die »Geschichte

der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft« von =John William

Draper= (1875) gelesen hat, könnte es überflüssig erscheinen, diesem

Gegenstande hier ein besonderes Kapitel zu widmen. Trotzdem wird es

nützlich und notwendig sein, hier einen kritischen Blick auf den

historischen Verlauf dieses großen Kampfes zu werfen, und zwar deshalb,

weil die =Angriffe= der streitenden Kirche auf die Wissenschaft im

allgemeinen und auf die Entwickelungslehre im besonderen in neuester

Zeit besonders scharf und gefahrdrohend geworden sind. Auch ist leider

die geistige Erschlaffung, welche sich neuerdings geltend macht,

sowie die steigende Flut der Reaktion auf politischem, sozialem und

kirchlichem Gebiete nur zu sehr geeignet, jene Gefahren zu verschärfen.

Wollte jemand daran zweifeln, so braucht er nur die Verhandlungen der

christlichen Synoden und des Deutschen Reichstags in den letzten Jahren

zu lesen. Im Einklang damit stehen die Bemühungen vieler weltlicher

Regierungen, sich mit dem geistlichen Regimente, ihrem natürlichen

Todfeinde, auf möglichst guten Fuß zu setzen, d. h. sich dessen

Joche zu unterwerfen; als gemeinsames Ziel schwebt dabei den beiden

Verbündeten die Unterdrückung des freien Gedankens und der freien

wissenschaftlichen Forschung vor, mit dem Zwecke, sich auf diese Weise

am leichtesten die =absolute Herrschaft= zu sichern.

Wir müssen ausdrücklich betonen, daß es sich hier um notgedrungene

=Verteidigung= der Wissenschaft und der Vernunft gegen die scharfen

Angriffe der christlichen Kirche und ihrer gewaltigen Heerscharen

handelt, und nicht etwa um unberechtigte =Angriffe= der ersteren gegen

die letzteren. In erster Linie muß dabei unsere Abwehr gegen den

=Papismus= oder =Ultramontanismus= gerichtet sein; denn diese »allein

seligmachende« und »für alle bestimmte« katholische Kirche ist nicht

allein weit größer und weit mächtiger als die anderen christlichen

Konfessionen, sondern sie besitzt vor allem den Vorzug einer

großartigen, zentralisierten Organisation und einer unübertroffenen

politischen Schlauheit. Man hört allerdings oft von Naturforschern

und von anderen Männern der Wissenschaft die Ansicht äußern, daß der

katholische Aberglaube nicht schlimmer sei als die anderen Formen des

übernatürlichen Glaubens, und daß diese trügerischen »Gestalten des

Glaubens« alle in gleichem Maße die natürlichen Feinde der Vernunft

und Wissenschaft seien. Im allgemeinen theoretischen Prinzip ist

diese Behauptung richtig, aber in bezug auf die praktischen Folgen

irrtümlich; denn die zielbewußten und rücksichtslosen Angriffe der

ultramontanen Kirche auf die Wissenschaft, gestützt auf die Trägheit

und Dummheit der Volksmassen, sind vermöge ihrer mächtigen Organisation

ungleich schwerer und gefährlicher als diejenigen aller anderen

Religionen.

_Entwickelung des Christentums._ Um die ungeheure Bedeutung des

Christentums für die ganze Kulturgeschichte, besonders aber

seinen prinzipiellen Gegensatz gegen Vernunft und Wissenschaft

richtig zu würdigen, müssen wir einen flüchtigen Blick auf die

wichtigsten Abschnitte seiner geschichtlichen Entwickelung werfen.

Wir unterscheiden in derselben vier Hauptperioden: ~I.~ das

=Urchristentum= (die drei ersten Jahrhunderte), ~II.~ den =Papismus=

(zwölf Jahrhunderte, vom vierten bis fünfzehnten), ~III.~ die

=Reformation= (drei Jahrhunderte, vom sechzehnten bis achtzehnten),

~IV.~ das moderne =Scheinchristentum= (im neunzehnten Jahrhundert).

~I.~ =Das Urchristentum= umfaßt die ersten drei Jahrhunderte.

Christus selbst, der edle, ganz von Menschenliebe erfüllte Prophet und

Schwärmer, stand tief unter dem Niveau der klassischen Kulturbildung;

er kannte nur jüdische Tradition; er hat selbst keine einzige Zeile

hinterlassen. Auch hatte er von dem hohen Zustande der Welterkenntnis,

zu dem griechische Philosophie und Naturforschung schon ein halbes

Jahrtausend früher sich erhoben hatten, keine Ahnung. Alles, was

wir von ihm und seinen ursprünglichen Lehren wissen, ist den

Hauptdokumenten des Neuen Testamentes entnommen -- den vier Evangelien

und den Episteln des Paulus. Was die vier kanonischen Evangelien

betrifft, so wissen wir, daß sie ausgewählt sind aus einem Haufen

von sich widersprechenden und gefälschten Manuskripten aus dem 2.

Jahrhundert. Der gültige Kanon scheint vor dem Ende des 2. Jahrhunderts

festgesetzt zu sein, obwohl Zweifel und Meinungsverschiedenheiten

bis weit ins 4. Jahrhundert hineinreichen. Das Konzilium von Nicäa,

325, fügt nach dem hl. Hieronymus ein gewisses Buch in den Kanon ein,

was auf eine Ungewißheit bis zu diesem Datum schließen läßt. Neuere

Gelehrsamkeit setzt den Zeitpunkt der Abfassung der drei synoptischen

Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas -- die anerkanntermaßen nach

und nicht von diesen Männern geschrieben worden sind) auf 65-100 n.

Chr. und das Evangelium von Johannes auf einige Zeit vor 125 fest.

Aber es kommt dabei in Betracht, daß, wenn die biblischen Gelehrten

von diesen Daten sprechen (im einzelnen -- 65-70 für Markus, 70-75

für Matthäus, 80-98 für Lukas, 80-120 für Johannes), sie nicht an

die Evangelien denken, wie wir sie heute haben. Bis zum Hl. Justinus

mindestens (und selbst er kann nicht als Zeuge des wirklichen

Evangeliums von Johannes angeführt werden), das ist also bis zur Mitte

des 2. Jahrhunderts, finden wir nur Erwähnungen (oft sehr fragliche)

von Sagen angeführt, die in den Evangelien zu finden sind. Mit andern

Worten, wir haben keinerlei authentischen Beweis für die Echtheit

irgend einer der Evangelienerzählungen, bis mehr als ein Jahrhundert

nach dem Tode Christi. Niemand, der weiß, in welchem Grade Legenden

in der orientalischen Atmosphäre anwachsen, kann Dokumenten solch

späten Datums nur den geringsten Glauben schenken. Selbst wenn das

früheste synoptische Evangelium 70 n. Chr. datiert wäre (wir müssen

immer bedenken, daß sich das nur auf »die Aussagen Jesu« bezieht), so

wäre noch der weite Spielraum von vierzig Jahren für die Mythenbildung

gegeben.

Die dreizehn Episteln des Apostels =Paulus=, von denen nur vier

Anspruch auf Echtheit machen können (Römer, Korinther 2, Galater),

vermehren unsere Kenntnis über die Begebenheiten im Leben Jesu nur

sehr wenig. So bleiben wir beschränkt auf sehr kärgliche und unsichere

Nachforschungen über die Handlungen und die Persönlichkeit des

Gründers des Christentums. Der Glaube an die tief eingewurzelten und

beliebtesten Traditionen muß gänzlich verlassen werden. Die Geschichte

von der wunderbaren Geburt Christi wird verworfen; dieser Mythus wird

sowohl von den führenden christlichen Gelehrten Deutschlands als

auch Englands für eine der spätesten und der wenigst glaubwürdigen

»biblischen Geschichten« erklärt, mit anderen Worten: für eine später

eingeschobene wertlose Fälschung. Die Sagen von der Auferstehung und

von der Himmelfahrt Christi erfahren jetzt ein gleiches Schicksal. Das

Neue Testament wird zerstört wie das Alte, und die schöne Figur von

Jesus löst sich zusehends in ein Nebelbild auf.

Die unbefangenen und scharfsinnigen Forschungen der deutschen

Theologen (=Strauß=, =Feuerbach=, =Baur= u. a.), denen sich

später auch englische, französische und italienische Philosophen

anschlossen, hatten schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts gezeigt,

daß das »Leben Jesu« zum größten Teile ein Erzeugnis der religiösen

=Dichtung=, ähnlich der von Buddha ist, und daß keine zuverlässigen

historischen Quellen darüber existieren. Viel klarer ergibt sich das

aus den überraschenden kritischen Forschungen der vergleichenden

Religionsgeschichte im Beginne des 20. Jahrhunderts. Danach bleibt

weder von den einzelnen Wundergeschichten und Sagen, noch von dem

ganzen dogmatischen Lehrgebäude des Christentums etwas Originelles

von Bedeutung mehr bestehen. Denn fast alles, was uns die Evangelien

davon erzählen, ist aus älteren orientalischen Quellen zusammengetragen

und entstammt den babylonischen und assyrischen, den indischen und

hellenischen Sagenkreisen. Hervorragende Kritiker gehen noch weiter

und führen mit großer Wahrscheinlichkeit den Beweis, daß der Jesus

des Evangeliums überhaupt niemals gelebt hat, sondern ein reines

=Idealbild der Dichtung= ist. Vergl. die interessanten Schriften von

=Kalthoff= und =Promus= über »die Entstehung des Christentums« (1904)

und von =Karl Vollers=: »Die Weltreligionen in ihrem geschichtlichen

Zusammenhange« (1907), ferner die sehr scharfe Kritik des englischen

Theologen =Saladin= (Stewart Roß): »Jehovahs gesammelte Werke, eine

kritische Untersuchung des christlichen Religionsgebäudes auf Grund der

Bibelforschung« (Leipzig 1896).

~II.~ _Der Papismus,_ das »=lateinische Christentum=« oder

=Papsttum=. Der Papismus oder die »römisch-katholische Kirche«, oft

auch =Ultramontanismus= oder nach ihrer Residenz =Vatikanismus=

genannt, ist unter allen Erscheinungen der menschlichen

Kulturgeschichte eine der großartigsten und merkwürdigsten, eine

»welthistorische Größe« ersten Ranges. Trotz aller Stürme der Zeit

erfreut sie sich noch heute des mächtigsten Einflusses. Von den 500

Millionen Christen, welche die Erde gegenwärtig bewohnen, bekennt

die größere Hälfte, nämlich über 250 Millionen, den römischen, nur

75 Millionen den griechischen Katholizismus, und 120 Millionen sind

Protestanten. Während eines Zeitraumes von 1200 Jahren, vom vierten

bis zum sechzehnten Jahrhundert, hat der Papismus das geistige Leben

Europas fast vollkommen beherrscht; dagegen hat er den großen alten

Religionssystemen in Asien und Afrika nur sehr wenig Boden abgewonnen.

In Asien zählt der Buddhismus heute noch ungefähr 503 Millionen, die

Brahmareligion 140 Millionen, der stetig vordringende Islam mehr als

120 Millionen Anhänger. Die Weltherrschaft des Papismus prägt vor allem

dem =Mittelalter= seinen finsteren Charakter auf; sie bedeutet den Tod

alles freien Geisteslebens, den Rückgang aller wahren Wissenschaft,

den Verfall aller reinen Sittlichkeit. Von der glänzenden Blüte, zu

welcher sich das menschliche Geistesleben im klassischen Altertum

erhoben hatte, im ersten Jahrtausend vor Christus und in den ersten

Jahrhunderten nach demselben, sank dasselbe unter der Herrschaft des

Papsttums bald zu einem Niveau herab, das mit Bezug auf die =Erkenntnis

der Wahrheit= nur als =Barbarei= bezeichnet werden kann. Man rühmt wohl

am Mittelalter, daß andere Seiten des Geisteslebens darin zu reicher

Entfaltung gekommen seien, Dichtkunst und bildende Kunst, scholastische

Gelehrsamkeit und patristische Philosophie. Aber diese Kulturtätigkeit

befand sich im Dienste der herrschenden Kirche und wurde nicht zur

Hebung, sondern zur Unterdrückung der freien Geistesforschung verwandt.

Die ausschließliche Vorbereitung für ein unbekanntes »ewiges Leben im

Jenseits«, die Verachtung der Natur, die Abwendung von ihrem Studium,

welche im Prinzip der christlichen Religion innewohnt, wurde von der

römischen Hierarchie zur heiligen Pflicht gemacht. Eine durchgreifende

Wandlung zum Besseren brachte erst im Beginn des 16. Jahrhunderts die

=Reformation=.

_Rückschritte der Kultur im Mittelalter._ Es würde uns viel zu weit

führen, wenn wir hier die jammervollen Rückschritte schildern wollten,

welche menschliche Kultur und Gesittung während zwölf Jahrhunderte

unter der geistigen Gewaltherrschaft des Papismus erlitten. Am

prägnantesten sind sie wohl durch einen einzigen Satz des größten

und geistreichsten =Hohenzollern=fürsten illustriert; =Friedrich

der Große= faßte sein Urteil in dem Satze zusammen, man werde durch

das =Studium der Geschichte= zu der Überzeugung geführt, daß von

Konstantin dem Großen bis auf die Zeit der Reformation =die ganze Welt

wahnsinnig= gewesen sei. Eine vortreffliche kurze Schilderung dieser

»Wahnsinnsperiode« hat (1887) =L. Büchner= gegeben in seiner Schrift

»Über religiöse und wissenschaftliche Weltanschauung«.

Unter den historischen Tatsachen, welche am einleuchtendsten

die Verwerflichkeit der ultramontanen Geistestyrannei beweisen,

interessiert uns vor allem ihre energische und konsequente Bekämpfung

der wahren =Wissenschaft= als solcher. Diese war zwar schon von

Anfang an prinzipiell im Christentum dadurch bestimmt, daß dasselbe

den Glauben über die Vernunft stellte und die blinde Unterwerfung

der letzteren unter den ersteren forderte; nicht minder dadurch, daß

es das ganze Erdenleben nur als eine Vorbereitung für das erdichtete

»Jenseits« betrachtete, also auch der wissenschaftlichen Forschung

an sich jeden Wert absprach. Allein die planmäßige und erfolgreiche

Bekämpfung der letzteren begann doch erst im Anfange des vierten

Jahrhunderts, besonders seit dem berüchtigten Konzil von Nicäa (325),

welchem Kaiser =Konstantin= präsidierte, -- »=der Große=« genannt,

weil er das Christentum zur Staatsreligion erhob und Konstantinopel

gründete, dabei ein nichtswürdiger Charakter, ein falscher Heuchler

und vielfacher Mörder. Wie erfolgreich der Papismus in seinem Kampfe

gegen jedes selbständige wissenschaftliche Denken und Forschen war,

beweist am besten der jammervolle Zustand der Naturerkenntnis und ihrer

Literatur im Mittelalter. Nicht nur wurden die reichen Geistesschätze,

welche das klassische Altertum hinterlassen hatte, zum größten Teile

vernichtet oder der Verbreitung entzogen, sondern Folterknechte

und Scheiterhaufen sorgten dafür, daß jeder »Ketzer«, d. h. jeder

selbständige Denker, seine vernünftigen Gedanken für sich behielt. Tat

er das nicht, so mußte er sich darauf gefaßt machen, lebendig verbrannt

zu werden, wie es dem großen monistischen Philosophen =Giordano Bruno=,

dem Reformator =Johann Hus= und mehr als hunderttausend anderen

»Zeugen der Wahrheit« geschah. Die Geschichte der Wissenschaften im

Mittelalter belehrt uns auf jeder Seite, daß das selbständige Denken

und die empirische wissenschaftliche Forschung unter dem Drucke des

allmächtigen Papismus durch zwölf traurige Jahrhunderte wirklich völlig

begraben blieben.

_Papismus und Christentum._ Alles das, was wir am wahren Christentum

im Sinne seines Stifters und seiner edelsten Nachfolger hochschätzen,

und was wir aus dem unausbleiblichen Untergange dieser »Weltreligion«

in unsere neue, monistische Religion hinüber zu retten suchen

müssen, liegt auf seiner =ethischen= und =sozialen= Seite. Die

Prinzipien der wahren Humanität, der goldenen Regel, der Toleranz,

der Menschenliebe im besten und höchsten Sinne des Wortes, alle diese

wahren Lichtseiten des Christentums sind zwar nicht von ihm zuerst

erfunden und aufgestellt, aber doch erfolgreich in jener kritischen

Periode zur Geltung gebracht worden, in der das klassische Altertum

seiner Auflösung entgegenging. Der Papismus aber hat es verstanden,

alle jene Tugenden in ihr direktes =Gegenteil= zu verkehren und dabei

doch die =alte Firma= als Aushängeschild zu bewahren. An die Stelle der

christlichen Liebe trat der fanatische Haß gegen alle Andersgläubigen;

mit Feuer und Schwert wurden nicht allein die Heiden ausgerottet,

sondern auch jene christlichen Sekten, welche in besserer Erkenntnis

Einwendungen gegen die aufgezwungenen Lehrsätze des ultramontanen

Aberglaubens zu erheben wagten. Überall in Europa blühten die

Ketzergerichte und forderten unzählige Opfer, deren Folterqualen ihren

frommen, von »christlicher Bruderliebe« erfüllten Peinigern besonderes

Vergnügen bereiteten. Die Papstmacht wütete auf ihrer Höhe durch

Jahrhunderte erbarmungslos gegen alles, was ihrer Herrschaft im Wege

stand. Unter dem berüchtigten Großinquisitor Torquemada (1481-1498)

wurden in Spanien allein achttausend Ketzer lebendig verbrannt,

neunzigtausend mit Einziehung des Vermögens und den empfindlichsten

Kirchenbußen bestraft, während in den Niederlanden unter der Herrschaft

Karl des Fünften dem klerikalen Blutdurst mindestens fünfzigtausend

Menschen zum Opfer fielen. Und während das Geheul gemarterter Menschen

die Luft erfüllte, strömten in Rom, dem die ganze christliche Welt

tributpflichtig war, die Reichtümer der halben Welt zusammen, und

wälzten sich die angeblichen Stellvertreter Gottes auf Erden und ihre

Helfershelfer in Lüsten und Lastern jeder Art. »Welche Vorteile,« sagte

der frivole und syphilitische Papst =Leo= ~X~. ironisch, »hat uns

doch diese =Fabel von Jesus Christus= gebracht!« Dabei war der Zustand

der europäischen Gesellschaft trotz Kirchenzucht und Gottesfurcht

von der allerschlimmsten Art. Feudalismus, Leibeigenschaft,

Gottesgnadentum und Mönchtum beherrschten das Land, und die armen

Heloten waren froh, wenn sie ihre elenden Hütten im Machtbereiche der

Schlösser oder Klöster ihrer geistlichen und weltlichen Unterdrücker

und Ausbeuter errichten durften. Heutzutage noch leiden wir unter den

Nachwehen und Überbleibseln dieser traurigen Zustände und Zeiten, in

welchen von Pflege der Wissenschaft und höherer Geistesbildung nur

ausnahmsweise und im Verborgenen die Rede sein konnte. »Unwissenheit,

Armut und Aberglaube vereinigten sich mit der entsittlichenden Wirkung

des im elften Jahrhundert eingeführten =Zölibats=, um die absolute

Papstmacht immer stärker werden zu lassen« (=Büchner= a. a. O.). Man

hat berechnet, daß während dieser Glanzperiode des Papismus über zehn

Millionen Menschen dem fanatischen Glaubenshaß der »=christlichen

Liebe=« zum Opfer fielen; und wie viel mehr Millionen betrugen die

geheimen Menschenopfer, welche das =Zölibat=, die =Ohrenbeichte=

und der =Gewissenszwang= erforderten, die gemeinschädlichsten und

fluchwürdigsten Institutionen des päpstlichen Absolutismus! Die

»ungläubigen« Philosophen, welche Beweise =gegen= das Dasein Gottes

sammelten, haben einen der stärksten Beweise dagegen übersehen, die

Tatsache, daß die römischen »=Statthalter Christi= zwölf Jahrhunderte«

hindurch ungestraft die greulichsten Verbrechen und Schandtaten »=im

Namen Gottes=« verüben durften.

Die Welträtsel: Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie · 第 22 / 27 段