_Grenzen der Sinneswahrnehmung._ Die kritische Vergleichung der

Sinnestätigkeit beim Menschen und bei den übrigen Wirbeltieren ergibt

eine Anzahl überaus wichtiger Tatsachen. Ganz besonders gilt dies von

den beiden höchstentwickelten, den »ästhetischen Sinneswerkzeugen«,

Auge und Ohr. Sie zeigen im Stamme der Wirbeltiere einen anderen und

verwinkelteren Bau als bei den übrigen Tieren und entwickeln sich

auch im Embryo derselben auf eigentümliche Weise. Diese typische

Ontogenese und Struktur der Sensillen bei sämtlichen Wirbeltieren

erklärt sich durch =Vererbung= von einer gemeinsamen Stammform.

Innerhalb des Stammes aber zeigt sich eine große Mannigfaltigkeit der

Ausbildung im einzelnen, und diese ist bedingt durch die =Anpassung=

an die Lebensweise der einzelnen Arten, durch den gesteigerten oder

geminderten Gebrauch der einzelnen Teile.

Der Mensch erscheint nun in bezug auf die Ausbildung seiner Sinne

keineswegs als das vollkommenste und höchstentwickelte Wirbeltier. Das

Auge der Vögel ist viel schärfer und unterscheidet kleine Gegenstände

auf weite Entfernung viel deutlicher als das menschliche Auge. Das

Gehör vieler Säugetiere, besonders der in Wüsten lebenden Raubtiere,

Huftiere, Nagetiere usw., ist viel empfindlicher als das menschliche

und nimmt leise Geräusche auf viel weitere Entfernungen wahr; darauf

weist schon ihre große und sehr bewegliche Ohrmuschel hin. Die

Singvögel offenbaren selbst in bezug auf musikalische Begabung eine

höhere Entwickelungsstufe als viele Menschen. Der Geruchssinn ist

bei den meisten Säugetieren, namentlich Raubtieren und Huftieren,

viel mehr ausgebildet als beim Menschen; wenn der Hund seine eigene

feine Spürnase mit der des Menschen vergleichen könnte, würde er

mitleidig auf letztere herabsehen. Auch in bezug auf die niederen

Sinne, den Geschmackssinn, den Geschlechtssinn, den Tastsinn und den

Temperatursinn, behauptet der Mensch keineswegs in jeder Beziehung die

höchste Entwickelungsstufe.

Wir selbst können natürlich nur über diejenigen Sinnesempfindungen

urteilen, die wir selbst besitzen. Nun weist uns aber die Anatomie

im Körper vieler Tiere noch andere als unsere bekannten Sinnesorgane

nach. So besitzen die Fische und andere niedere, im Wasser lebende

Wirbeltiere eigentümliche Sensillen in der Haut, welche mit besonderen

Sinnesorganen in Verbindung stehen. In den Seiten des Fischkörpers

verläuft rechts und links ein langer Kanal, der vorn am Kopfe in

mehrere verzweigte Kanäle übergeht. In diesen »Schleimkanälen«

liegen Nerven mit zahlreichen Ästen, deren Enden mit eigentümlichen

Nervenhügeln verbunden sind. Wahrscheinlich dient dieses ausgedehnte

»Hautsinnesorgan« zur Wahrnehmung von Unterschieden im Wasserdruck

oder in chemischen Eigenschaften des Wassers. Einige Gruppen sind noch

durch den Besitz anderer eigentümlicher Sensillen ausgezeichnet, deren

Bedeutung uns unbekannt ist.

Schon aus diesen Tatsachen ergibt sich, daß unsere menschliche

Sinnestätigkeit beschränkt ist, und zwar sowohl in quantitativer

als in qualitativer Hinsicht. Wir können also mit unseren Sinnen,

vor allem dem Auge und dem Tastsinn, immer nur einen Teil der

Eigenschaften erkennen, welche die Objekte der Außenwelt besitzen. Aber

auch diese partielle Wahrnehmung ist unvollständig, insofern unsere

Sinneswerkzeuge unvollkommen sind und die Sinnesnerven als Dolmetscher

dem Gehirn nur die Übersetzung der empfangenen Eindrücke mitteilen.

Diese anerkannte Unvollkommenheit unserer Sinnestätigkeit darf uns

aber nicht hindern, in ihren Werkzeugen, und vor allem im Auge, die

edelsten Organe zu erblicken; im Vereine mit den Denkorganen des

Gehirns sind sie das wertvollste Geschenk der Natur für den Menschen.

In voller Wahrheit sagt =Albrecht Rau= (a. a. O.): »=Alle Wissenschaft

ist in letzter Linie Sinneserkenntnis=; die Data der Sinne werden darin

nicht negiert, sondern interpretiert. Die Sinne sind unsere ersten und

besten Freunde; lange bevor sich der Verstand entwickelt, sagen die

Sinne dem Menschen, was er tun und lassen soll. Wer die =Sinnlichkeit=

überhaupt verneint, um ihren Gefahren zu entgehen, der handelt ebenso

unbesonnen und töricht als der, welcher seine Augen ausreißt, weil

sie einmal auch schändliche Dinge sehen könnten; oder der, welcher

seine Hand abhaut, weil er fürchtet, sie könnte einmal auch nach

fremdem Gute langen.« Mit vollem Rechte nennt deshalb =Feuerbach= alle

Philosophen, alle Religionen, alle Institute, die dem Prinzipe der

=Sinnlichkeit= widersprechen, nicht nur irrtümliche, sondern sogar

=grundverderbliche=. Ohne Sinne keine Erkenntnis! »~Nihil est in

intellectu, quod non fuerit in sensu!~« (=Locke=.)

_Hypothese und Glaube._ Der Erkenntnistrieb des hochentwickelten

Kulturmenschen begnügt sich nicht mit jener lückenhaften Kenntnis

der Außenwelt, welche er durch seine unvollkommenen Sinnesorgane

gewinnt. Er bemüht sich vielmehr, die sinnlichen Eindrücke, welche

er durch dieselben gewonnen hat, in Erkenntniswerte umzusetzen; er

verwandelt sie in den Sinnesherden der Großhirnrinde in spezifische

Sinnesempfindungen und verbindet diese durch =Assozion= in

deren Denkherden zu Vorstellungen; durch weitere Verkettung der

Vorstellungsgruppen gelangt er endlich zu zusammenhängendem Wissen.

Aber dieses Wissen bleibt immer lückenhaft und unbefriedigend, wenn

nicht die =Phantasie= die ungenügende Kombinationskraft des erkennenden

Verstandes ergänzt und durch Assozion von Gedächtnisbildern entfernt

liegende Erkenntnisse zu einem zusammenhängenden Ganzen verknüpft.

Dabei entstehen neue allgemeine Vorstellungsgebilde, welche erst die

wahrgenommenen Tatsachen erklären und das »Kausalitätsbedürfnis der

Vernunft befriedigen«.

Die Vorstellungen, welche die Lücken des Wissens ausfüllen oder an

dessen Stelle treten, kann man im weiteren Sinne als »=Glauben=«

bezeichnen. So geschieht es fortwährend im alltäglichen Leben. Wenn wir

irgend eine Tatsache nicht sicher wissen, so sagen wir: Ich glaube sie.

In diesem Sinne sind wir auch in der Wissenschaft selbst zum Glauben

gezwungen; wir vermuten oder nehmen an, daß ein bestimmtes Verhältnis

zwischen zwei Erscheinungen besteht, obwohl wir es nicht sicher kennen.

Wir bilden eine =Hypothese=. Indessen dürfen in der Wissenschaft nur

solche Hypothesen zugelassen werden, die innerhalb des menschlichen

Erkenntnisvermögens liegen, und die nicht bekannten Tatsachen

widersprechen. Solche Hypothesen sind z. B. in der Physik die Lehre von

Schwingungen des Äthers, in der Chemie die Annahme der Atome und deren

Wahlverwandtschaft, in der Biologie die Lehre von der Molekularstruktur

des lebendigen Plasmas usw.

_Theorie und Glaube._ Die Erklärung einer größeren Reihe von

zusammenhängenden Erscheinungen durch Annahme einer gemeinsamen Ursache

nennen wir =Theorie=. Auch bei der Theorie, wie bei der Hypothese,

ist der =Glaube= (in wissenschaftlichem Sinne!) unentbehrlich; denn

auch hier ergänzt die dichtende Phantasie die Lücke, welche der

Verstand in der Erkenntnis des Zusammenhangs der Dinge offen läßt.

Die Theorie kann daher immer nur als eine Annäherung an die Wahrheit

betrachtet werden; es muß zugestanden werden, daß sie später durch

eine andere, besser begründete Theorie verdrängt werden kann. Trotz

dieser eingestandenen Unsicherheit bleibt die Theorie für jede wahre

Wissenschaft unentbehrlich; denn sie =erklärt= erst die Tatsachen

durch Annahme von Ursachen. Wer auf die Theorie ganz verzichten

und reine Wissenschaft bloß aus »sicheren Tatsachen« aufbauen will

(wie es oft von beschränkten Köpfen in der modernen sogenannten

»exakten Naturwissenschaft« geschieht), der verzichtet damit auf die

Erkenntnis der Ursachen überhaupt und somit auf die Befriedigung des

Kausalitätsbedürfnisses der Vernunft.

Die Gravitationstheorie in der Astronomie (=Newton=), die

Nebulartheorie in der Kosmogenie (=Kant= und =Laplace=), das

Energieprinzip in der Physik (=Mayer= und =Helmholtz=), die

Atomtheorie in der Chemie (=Dalton=), die Zellentheorie in der

Gewebelehre (=Schleiden= und =Schwann=), die Deszendenztheorie in

der Biologie (=Lamarck= und =Darwin=) sind gewaltige Theorien ersten

Ranges; sie erklären eine ganze Welt von großen Naturerscheinungen

durch Annahme =einer gemeinsamen Ursache= für alle einzelnen Tatsachen

ihres Gebietes und durch den Nachweis, daß alle Erscheinungen in

demselben zusammenhängen und durch feste, von dieser einen Ursache

ausgehende Gesetze geregelt werden. Dabei kann aber diese Ursache

selbst ihrem Wesen nach unbekannt oder nur eine »provisorische

Hypothese« sein. Die »=Schwerkraft=« in der Gravitationstheorie und

in der Kosmogenie, die »=Energie=« selbst in ihrem Verhältnis zur

Materie, das »=Atom=« in der Chemie, das lebendige »=Plasma=« in der

Zellenlehre, die »=Vererbung=« in der Abstammungslehre -- diese und

ähnliche Grundbegriffe in anderen großen Theorien können von der

skeptischen Philosophie als »bloße Hypothesen«, als Erzeugnisse des

wissenschaftlichen =Glaubens= betrachtet werden, aber sie bleiben

uns als solche =unentbehrlich=, so lange, bis sie durch eine bessere

Hypothese ersetzt werden.

_Glaube und Aberglaube._ Ganz anderer Natur als diese Formen des

wissenschaftlichen Glaubens sind diejenigen Vorstellungen, welche in

den verschiedenen =Religionen= zur Erklärung der Erscheinungen benutzt

und schlechtweg als =Glaube= im engeren Sinne bezeichnet werden.

Da aber diese beiden Glaubensformen, der »natürliche Glaube« der

Wissenschaft und der »übernatürliche Glaube« der Religion, nicht selten

verwechselt werden und so Verwirrung entsteht, ist es zweckmäßig, ja

notwendig, ihren =prinzipiellen Gegensatz= scharf zu betonen. Der

»religiöse« Glaube ist stets =Wunderglaube= und steht als solcher mit

dem natürlichen Glauben der Vernunft in unversöhnlichem Widerspruch. Im

Gegensatz zu letzterem behauptet er übernatürliche Vorgänge und kann

somit als »=Überglaube=« oder »=Oberglaube=« bezeichnet werden, die

ursprüngliche Form des Wortes =Aberglaube=. Der wesentliche Unterschied

dieses Aberglaubens von dem »vernünftigen Glauben« besteht eben darin,

daß er übernatürliche Kräfte und Erscheinungen annimmt, welche die

Wissenschaft nicht kennt und nicht zuläßt, welche durch irrtümliche

Wahrnehmungen und falsche Phantasiedichtungen erzeugt sind; der

Aberglaube widerspricht mithin den klar erkannten Naturgesetzen und ist

als solcher =unvernünftig=.

_Aberglaube der Naturvölker._ Durch die moderne Ethnologie ist uns

eine erstaunliche Fülle von mannigfaltigen Formen und Erzeugnissen

des Aberglaubens bekannt geworden, wie sie noch heute unter den rohen

Naturvölkern existieren. Vergleicht man dieselben untereinander und

mit den entsprechenden mythologischen Vorstellungen früherer Zeiten,

so ergibt sich eine vielfache Analogie, oft ein gemeinsamer Ursprung

und schließlich eine einfache Urquelle für alle. Diese finden wir

in dem natürlichen =Kausalitätsbedürfnisse der Vernunft=, in dem

Suchen nach Erklärung unbekannter Erscheinungen durch Auffinden ihrer

Ursachen. Besonders gilt das von solchen Bewegungserscheinungen, die

Gefahr drohen und Furcht erregen, wie Blitz und Donner, Erdbeben,

Mondfinsternis usw. Das Bedürfnis nach kausaler Erklärung solcher

Naturerscheinungen besteht schon bei den Naturvölkern der niedersten

Stufe und ist bereits von ihren Primatenahnen durch Vererbung

übertragen. Es besteht ebenso bei vielen anderen Wirbeltieren. Wenn ein

Hund den Vollmond anbellt oder eine tönende Glocke, deren Klöppel er

sich bewegen sieht, oder eine Fahne, die im Winde weht, so äußert er

dabei nicht nur Furcht, sondern auch den dunklen Drang nach Erkenntnis

der Ursache dieser unbekannten Erscheinung. Die rohen Religionsanfänge

der primitiven Naturvölker haben ihre Wurzeln teilweise in solchem

erblichen Aberglauben ihrer Primatenahnen, teilweise im Ahnenkultus,

in verschiedenen Gemütsbedürfnissen und in traditionell gewordenen

Gewohnheiten.

_Aberglaube der Kulturvölker._ Die religiösen Glaubensvorstellungen

der modernen Kulturvölker, die ihnen als wertvollster geistiger Besitz

gelten, pflegen von ihnen hoch über den »rohen Aberglauben« der

Naturvölker gestellt zu werden; man preist den großen Fortschritt,

welchen die aufklärende Kultur durch Beseitigung des letzteren

herbeigeführt habe. Das ist ein großer Irrtum! Bei unbefangener

kritischer Prüfung und Vergleichung zeigt sich, daß beide nur durch

die besondere »Gestalt des Glaubens« und durch die äußere Hülle

der Konfession voneinander verschieden sind. Im klaren Lichte der

=Vernunft= erscheint der destillierte Wunderglaube der freisinnigsten

Kirchenreligionen -- insofern er klar erkannten und festen

Naturgesetzen widerspricht -- genau so als unvernünftiger Aberglaube,

wie der rohe Gespensterglaube der primitiven Fetischreligionen, auf

welchen jene stolz herabsehen.

Werfen wir von diesem unbefangenen Standpunkte einen kritischen

Blick auf die gegenwärtig noch herrschenden Glaubensvorstellungen

der heutigen Kulturvölker, so finden wir sie allenthalben von

traditionellem Aberglauben durchdrungen. Der christliche Glaube an die

Schöpfung, die Dreieinigkeit Gottes, an die unbefleckte Empfängnis

Mariä, an die Erlösung, die Auferstehung und Himmelfahrt Christi usw.

ist ebenso =reine Dichtung= und kann ebensowenig mit der vernünftigen

Naturerkenntnis in Einklang gebracht werden, als die verschiedenen

Dogmen der mohammedanischen und mosaischen, der buddhistischen und

brahmanischen Religion. Jede von diesen Religionen ist für den wahrhaft

»=Gläubigen=« eine zweifellose Wahrheit, und jede von ihnen betrachtet

jede andere Glaubenslehre als Ketzerei und verderblichen Irrtum. Je

mehr eine bestimmte Konfession sich für die »allein seligmachende«

hält -- für die »=katholische=« --, und je inniger diese Überzeugung

als heiligste Herzenssache verteidigt wird, desto eifriger muß

sie naturgemäß alle anderen Konfessionen bekämpfen, und desto

fanatischer gestalten sich die fürchterlichen Glaubenskriege, welche

die traurigsten Blätter im Buche der Kulturgeschichte bilden. Und

doch überzeugt uns die unparteiische »=Kritik der reinen Vernunft=«,

daß alle diese verschiedenen Glaubensformen in gleichem Maße unwahr

und unvernünftig sind, Produkte der dichtenden Phantasie und der

unkritischen Tradition. Die vernünftige Wissenschaft muß sie samt und

sonders als Erzeugnisse des Aberglaubens verwerfen.

_Glaubensbekenntnis (Konfession)._ Der unermeßliche Schaden, welchen

der unvernünftige Aberglaube seit Jahrtausenden in der gläubigen

Menschheit angerichtet hat, offenbart sich wohl nirgends auffälliger

als in dem unaufhörlichen »Kampfe der Glaubensbekenntnisse«. Unter

allen Kriegen, welche die Völker mit Feuer und Schwert gegeneinander

geführt haben, sind die Religionskriege die blutigsten gewesen;

unter allen Formen der Zwietracht, welche das Glück der Familien

und der einzelnen Personen zerstört haben, sind die religiösen, dem

Glaubensunterschiede entsprungenen, noch heute die gehässigsten.

Man denke nur an die vielen Millionen Menschen, welche in den

Christenbekehrungen und -Verfolgungen, in den Glaubenskämpfen des

Islam und der Reformation, durch die Inquisition und die Hexenprozesse

ihr Leben verloren haben. Oder man denke an die noch größere Zahl der

Unglücklichen, welche wegen Glaubensverschiedenheiten in Familienzwist

geraten, ihr Ansehen bei den gläubigen Mitbürgern und ihre Stellung

im Staate verloren oder aus dem Vaterlande haben auswandern müssen.

Die verderblichste Wirkung übt das offizielle Glaubensbekenntnis dann,

wenn es mit den politischen Zwecken des Kulturstaates verknüpft und

als »konfessioneller Religionsunterricht« in den Schulen zwangsweise

gelehrt wird. Die Vernunft der Kinder wird dadurch schon frühzeitig von

der Erkenntnis der Wahrheit abgelenkt und dem Aberglauben zugeführt.

Jeder Menschenfreund sollte daher die =konfessionslose Schule=, als

eine der wertvollsten Institutionen des modernen Vernunftstaates, mit

allen Mitteln zu fördern suchen.

_Der Glaube unserer Väter._ Der hohe Wert, welcher trotzdem noch heute

in den weitesten Kreisen dem konfessionellen Religionsunterricht

beigelegt wird, ist nicht allein durch den Konfessionszwang des

rückständigen Kulturstaates und dessen Abhängigkeit von klerikaler

Herrschaft bedingt, sondern auch durch das Gewicht von alten

Traditionen und von »Gemütsbedürfnissen« verschiedener Art. Unter

diesen ist besonders wirkungsvoll die andächtige Verehrung, welche in

weitesten Kreisen der =konfessionellen Tradition= gezollt wird, dem

»heiligen Glauben unserer Väter«. In Tausenden von Erzählungen und

Gedichten wird das Festhalten an demselben als ein geistiger Schatz

und als eine heilige Pflicht gepriesen. Und doch genügt unbefangenes

Nachdenken über die =Geschichte des Glaubens=, um uns von der völligen

Ungereimtheit jener einflußreichen Vorstellung zu überzeugen. Der

herrschende evangelische Kirchenglaube in der zweiten Hälfte des

aufgeklärten 19. Jahrhunderts ist wesentlich verschieden von dem in

der ersten Hälfte, und dieser wieder von dem des 18. Jahrhunderts. Der

letztere weicht sehr ab von dem »Glauben unserer Väter« im 17. und

noch mehr im 16. Jahrhundert. Die Reformation, welche die geknechtete

Vernunft von der Tyrannei des Papismus befreite, wird natürlich von

dieser als ärgste Ketzerei verfolgt; aber auch der Glaube des Papismus

selbst hatte sich im Laufe eines Jahrtausends völlig verändert. Und

wie verschieden ist der Glaube der getauften Christen von dem ihrer

heidnischen Väter! Jeder selbständig denkende Mensch bildet sich eben

seinen eigenen, mehr oder weniger »persönlichen Glauben«, und immer

ist dieser verschieden von dem seiner Väter; denn er ist abhängig

von dem gesamten Bildungszustande seiner Zeit. Je weiter wir in der

Kulturgeschichte zurückgehen, desto mehr erscheint uns der gepriesene

»Glaube unserer Väter« als unhaltbarer Aberglaube, dessen Formen sich

beständig umbilden.

_Spiritismus._ Eine der merkwürdigsten Formen des Aberglaubens ist

diejenige, welche noch heutzutage in unserer modernen Kulturwelt

eine erstaunliche Rolle spielt, der Spiritismus und Okkultismus,

der moderne =Geisterglaube=. Es ist eine ebenso befremdende wie

betrübende Tatsache, daß noch heute Millionen gebildeter Kulturmenschen

von diesem finsteren Aberglauben völlig beherrscht sind; ja sogar

einzelne berühmte Naturforscher haben sich von ihm nicht losmachen

können. Zahlreiche spiritistische Zeitschriften verbreiten diesen

Gespensterglauben in weitesten Kreisen, und unsere »feinsten

Gesellschaftskreise« schämen sich nicht, »Geister« erscheinen zu

lassen, welche klopfen, schreiben, »Mitteilungen aus dem Jenseits«

machen usw. Man beruft sich in den Kreisen der Spiritisten oft darauf,

daß selbst angesehene Naturforscher diesem Aberglauben huldigen.

Die bedauerliche Tatsache, daß selbst hervorragende Physiker und

Biologen sich dadurch haben irre führen lassen, erklärt sich teils aus

ihrem Übermaß an Phantasie und Kritikmangel, teils aus dem mächtigen

Einfluß starrer Dogmen, welche religiöse Verziehung dem kindlichen

Gehirn in frühester Jugend schon einprägt. Übrigens ist gerade bei

den berühmten spiritistischen Vorstellungen in Leipzig, in welchen

die Physiker =Zöllner=, =Fechner= und =Wilhelm Weber= durch den

schlauen Taschenspieler =Slade= irre geführt wurden, dessen Schwindel

nachträglich klar zutage gekommen; er wurde als gemeiner Betrüger

entlarvt und bestraft. Auch in allen anderen Fällen, in welchen die

angeblichen »Wunder des Spiritismus« gründlich untersucht werden

konnten, hat sich als Ursache eine gröbere oder feinere Täuschung

herausgestellt; die sogenannten »Medien« (meist weiblichen Geschlechts)

sind teils als schlaue Schwindler entlarvt, teils als nervöse Personen

von ungewöhnlicher Reizbarkeit erkannt worden. Ihre angebliche

=Telepathie= (oder »Fernwirkung des Gedankens ohne materielle

Vermittelung«) existiert ebensowenig als die »Stimmen der Geister«, die

»Seufzer der Gespenster« usw. Die lebhaften Schilderungen, welche =Carl

du Prel= und andere Spiritisten von solchen »Geistererscheinungen«

geben, beruhen auf Tätigkeit der freien Phantasie, verbunden mit Mangel

an Kritik und an physiologischen Kenntnissen.

_Offenbarung._ Die meisten Religionen haben trotz ihrer mannigfaltigen

Verschiedenheit einen gemeinsamen Grundzug, der zugleich eine ihrer

mächtigsten Stützen in weiten Kreisen bildet; sie behaupten, die Rätsel

des Daseins, deren Lösung auf natürlichem Wege durch die Vernunft

nicht möglich ist, auf übernatürlichem Wege durch Offenbarung geben

zu können; zugleich leiten sie daraus die Geltung der Dogmen oder

Glaubenssätze ab, welche als »göttliche Gesetze« die Sittenlehre

ordnen und die Lebensführung bestimmen sollen. Derartige göttliche

Inspirationen bilden die Grundlage zahlreicher Mythen und Legenden,

deren anthropistischer Ursprung auf der Hand liegt. Zwar erscheint der

Gott, der »sich offenbart«, oft nicht direkt in menschlicher Gestalt,

sondern im Donner und Blitz, im Sturm und Erdbeben, im feurigen Busch

oder der drohenden Wolke. Aber die Offenbarung selbst, welche er dem

gläubigen Menschenkinde gibt, wird in allen Fällen anthropistisch

gedacht, als Mitteilung von Vorstellungen oder Befehlen, welche genau

so formuliert und ausgesprochen werden, wie es normalerweise nur durch

die Großhirnrinde und durch den Kehlkopf des Menschen geschieht. In

den indischen und ägyptischen Religionen, in der hellenischen und

römischen Mythologie, im Talmud wie im Koran, im Alten wie im Neuen

Testament -- denken, sprechen und handeln die Götter ganz wie die

Menschen, und die Offenbarungen, in denen sie uns die Geheimnisse

des Daseins enthüllen, die dunkeln Welträtsel lösen wollen, sind

=Dichtungen= der menschlichen Phantasie. Die =Wahrheit=, welche der

Gläubige darin findet, ist menschliche Erfindung, und der »kindliche

Glaube« an diese unvernünftigen Offenbarungen ist Aberglaube.

Die =wahre Offenbarung=, d. h. die wahre Quelle vernünftiger

Erkenntnis, ist nur in der =Natur= zu finden. Der reiche Schatz

wahren Wissens, der den wertvollsten Teil der menschlichen Kultur

darstellt, ist einzig und allein den Erfahrungen entsprungen, welche

der forschende Verstand durch =Naturerkenntnis= gewonnen hat, und

den =Vernunft=schlüssen, welche er durch richtige Assozion dieser

empirischen Vorstellungen gebildet hat. Jeder vernünftige Mensch

mit normalem Gehirn und normalen Sinnen schöpft bei unbefangener

Betrachtung aus der Natur diese wahre Offenbarung und befreit sich

damit von dem Aberglauben, welchen ihm die Offenbarungen der Religion

aufgebürdet haben.

=Siebzehntes Kapitel.=

_Wissenschaft und Christentum._

Monistische Studien über den Kampf zwischen der wissenschaftlichen

Erfahrung und der christlichen Offenbarung. Vier Perioden in der

historischen Metamorphose der christlichen Religion. Vernunft und

Dogma.

Die Welträtsel: Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie · 第 21 / 27 段