_Das Christentum._ Der christliche Monotheismus teilte das Schicksal

seiner Mutter, des Mosaismus, und blieb wahre Eingötterei meistens nur

theoretisch im Prinzip, während er praktisch in die mannigfaltigsten

Formen des Polytheismus sich verwandelte. Eigentlich war ja schon in

der Trinitätslehre selbst, die doch als ein unentbehrliches Fundament

der christlichen Religion gilt, der Monotheismus logischerweise

aufgegeben. Die =drei Personen=, die als Vater, Sohn und Heiliger

Geist unterschieden werden, sind und bleiben ebenso drei verschiedene

=Individuen= (und zwar anthropomorphe Personen!) wie die drei indischen

Gottheiten der Trimurti (Brahma, Wischnu, Schiwa). Dazu kommt noch,

daß in den weiterverbreiteten Abarten des Christianismus als vierte

Gottheit die Jungfrau Maria, als unbefleckte Mutter Christi, eine

große Rolle spielt; in weiten katholischen Kreisen gilt sie sogar als

viel wichtiger und einflußreicher als die drei männlichen Personen der

Himmelsregierung. Der =Madonnenkultus= hat hier tatsächlich eine solche

Bedeutung gewonnen, daß man ihn als einen =weiblichen Monotheismus=

der gewöhnlichen männlichen Form der Eingötterei gegenüberstellen

kann. Die »hehre Himmelskönigin« erscheint hier so sehr im Vordergrund

aller Vorstellungen (wie es auch unzählige Madonnenbilder und Sagen

bezeugen), daß die drei männlichen Personen dagegen ganz zurücktreten.

Nun hat sich aber außerdem schon frühzeitig in der Phantasie der

gläubigen Christen eine zahlreiche Gesellschaft von »=Heiligen=« aller

Art zu dieser obersten Himmelsregierung gesellt, und musikalische

Engel sorgen dafür, daß es im »ewigen Leben« an Konzertgenüssen nicht

fehlt. Die römischen Päpste -- die größten Charlatans, die jemals eine

Religion hervorgebracht hat! -- sind beständig beflissen, durch neue

Heiligsprechungen die Zahl dieser anthropomorphen Himmelstrabanten

zu vermehren. Den reichsten und interessantesten Zuwachs hat aber

diese seltsame Paradiesgesellschaft am 13. Juli 1870 dadurch

bekommen, daß das vatikanische Konzil die Päpste als Stellvertreter

Christi für =unfehlbar= erklärt und sie damit selbst zum Range von

=Göttern= erhoben hat. Nimmt man dazu noch den von ihnen anerkannten

»persönlichen Teufel« und die »bösen Engel«, welche seinen Hofstaat

bilden, so gewährt uns der =Papismus=, die heute noch meistverbreitete

Form des modernen Christentums, ein so buntes Bild des reichsten

anthropistischen =Polytheismus=, daß der hellenische Olymp im

Vergleiche dazu klein und dürftig erscheint.

_Der Islam_ (oder der =mohammedanische Monotheismus=) ist die jüngste

Form der Eingötterei. Als der junge Mohammed (geb. 570) frühzeitig

den polytheistischen Götzendienst seiner arabischen Stammesgenossen

verachten und das Christentum der Nestorianer kennen lernte, eignete

er sich zwar ihre Grundlehren im allgemeinen an; er konnte sich aber

nicht entschließen, in Christus etwas anderes zu erblicken als einen

Propheten, gleich Moses. Im Dogma der Dreieinigkeit fand er das, was

bei unbefangenem Nachdenken jeder vorurteilsfreie Mensch darin finden

muß, einen widersinnigen Glaubenssatz, der weder mit den Grundsätzen

unserer Vernunft vereinbar noch für unsere religiöse Erhebung von

irgend welchem Werte ist. Die Anbetung der unbefleckten Jungfrau Maria

als der »Mutter Gottes« betrachtete er ebenso als eitle Götzendienerei

wie die Verehrung von Bildern und Bildsäulen. Je länger er darüber

nachdachte, und je mehr er nach einer reineren Gottesvorstellung

hinstrebte, desto klarer wurde ihm die Gewißheit seines Hauptsatzes:

»Gott ist der alleinige Gott«; es gibt keine anderen Götter neben ihm.

Allerdings konnte auch Mohammed sich von dem Anthropomorphismus der

Gottesvorstellung nicht frei machen. Auch sein alleiniger Gott blieb

ein idealisierter, allmächtiger Mensch, ebenso wie der strenge,

strafende Gott des Moses, ebenso wie der milde, liebende Gott des

Christus. Aber trotzdem kann man der mohammedanischen Religion den

Vorzug lassen, daß sie auch im Verlaufe ihrer historischen Entwickelung

und unvermeidlichen Abartung den ursprünglichen reinen Charakter

strenger bewahrte als die mosaische und die christliche Religion.

Das zeigt sich auch heute noch äußerlich in den Gebetsformen und

Predigtweisen ihres Kultus, wie in der Architektur und Ausschmückung

ihrer Gotteshäuser. Als ich 1873 zum ersten Male den Orient besuchte

und die herrlichen Moscheen in Kairo und Smyrna, in Brussa und

Konstantinopel bewunderte, erfüllten mich mit wahrer Andacht die

einfache und geschmackvolle Dekoration des Innern, der erhabene

und zugleich prächtige architektonische Schmuck des Äußern. Wie

edel und erhaben erscheinen diese Moscheen im Vergleiche zu der

Mehrzahl der katholischen Kirchen, welche innen mit bunten Bildern

und goldenem Flitterkram überladen, außen durch übermäßige Fülle

von Menschen- und Tierfiguren verunstaltet sind! Nicht minder schön

erscheinen die stillen Gebete und die einfachen Andachtsübungen des

Koran im Vergleiche mit dem lauten, unverstandenen Wortgeplapper der

katholischen Messen und der lärmenden Musik ihrer theatralischen

Prozessionen.

_Mixotheismus_ (Mischgötterei). Unter diesem Begriffe kann man füglich

alle diejenigen Formen des Götterglaubens zusammenfassen, welche

=Mischungen= von religiösen Vorstellungen verschiedener und zum

Teil direkt widersprechender Art enthalten. Theoretisch ist diese

weitestverbreitete Religionsform bisher nirgends anerkannt. Praktisch

aber ist sie die wichtigste und merkwürdigste von allen. Denn die große

Mehrzahl der Menschen, die sich überhaupt religiöse Vorstellungen

bildeten, waren von jeher und sind noch heute =Mixotheisten=; ihre

Gottesvorstellung ist bunt gemischt aus den frühzeitig in der Kindheit

eingeprägten Glaubenssätzen ihrer speziellen Konfession und aus

vielen verschiedenen Eindrücken, welche später bei der Berührung mit

anderen Glaubensformen empfangen werden, und welche die ersteren

modifizieren. Bei vielen Gebildeten kommen dazu noch der umgestaltende

Einfluß philosophischer Studien im reiferen Alter und vor allem die

unbefangene Beschäftigung mit den Erscheinungen der Natur, welche die

Nichtigkeit der theistischen Glaubensbilder dartun. Der Kampf dieser

widersprechenden Vorstellungen, welcher für feiner empfindende Gemüter

äußerst schmerzlich ist und oft das ganze Leben hindurch unentschieden

bleibt, offenbart klar die ungeheure Macht der =Vererbung= alter

Glaubenssätze einerseits und der frühzeitigen =Anpassung= an

irrtümliche Lehren andererseits. Die besondere Konfession, in welche

das Kind von frühester Jugend an durch die Eltern eingezwängt wurde,

bleibt meistens in der Hauptsache maßgebend, falls nicht später

durch den stärkeren Einfluß eines anderen Glaubensbekenntnisses

eine Konversion eintritt. Aber auch bei diesem Übertritt von einer

Glaubensform zur anderen ist oft der neue Name, ebenso wie der alte

aufgegebene, nur eine äußere Etikette, unter welcher bei näherer

Untersuchung die allerverschiedensten Überzeugungen und Irrtümer sich

bunt gemischt verstecken. Die große Mehrzahl der sogenannten Christen

sind nicht Monotheisten (wie sie glauben), sondern Amphitheisten,

Triplotheisten oder Polytheisten. Dasselbe gilt aber auch von den

Bekennern des Islam und des Mosaismus, wie von anderen monotheistischen

Religionen. Überall gesellen sich zu der ursprünglichen Vorstellung des

»alleinigen oder dreieinigen Gottes« später erworbene Glaubensbilder

von untergeordneten Gottheiten: Engeln, Teufeln, Heiligen und anderen

Dämonen, eine bunte Mischung der verschiedensten theistischen Gestalten.

_Wesen des Theismus._ Alle hier angeführten Formen des Theismus

im eigentlichen Sinne haben gemeinsam die Vorstellung Gottes als

des =Außerweltlichen= oder =Übernatürlichen=. Immer steht Gott als

selbständiges Wesen der Welt oder der Natur gegenüber, meistens

als Schöpfer, Erhalter und Regierer der Welt. In den allermeisten

Religionen kommt dazu noch der Charakter des =Persönlichen= und

bestimmter noch die Vorstellung, daß Gott als Person dem Menschen

ähnlich ist. »In seinen Göttern malet sich der Mensch.« Dieser

=Anthropomorphismus Gottes=, die Vorstellung eines Wesens, welches

gleich dem Menschen denkt, empfindet und handelt, ist bei der großen

Mehrzahl der Gottesgläubigen maßgebend, bald in mehr roher und

naiver, bald in mehr feiner und abstrakter Form. Allerdings wird

die fortgeschrittenste Form der Theosophie behaupten, daß Gott als

höchstes Wesen von absoluter Vollkommenheit und daher gänzlich von dem

unvollkommenen Wesen des Menschen verschieden sei. Allein bei genauerer

Untersuchung bleibt immer das Gemeinsame beider ihre Seelen-oder

Geistestätigkeit.

_Der persönliche Anthropismus Gottes_ ist bei der großen Mehrzahl der

Gläubigen zu einer so geläufigen Vorstellung geworden, daß sie keinen

Anstoß an der menschlichen Personifikation Gottes in Bildern und

Statuen nehmen, und an den mannigfaltigen Dichtungen der Phantasie, in

welchen Gott menschliche Gestalt annimmt. In vielen Mythen erscheint

die Person Gottes auch in Gestalt anderer Säugetiere (Affen, Löwen,

Stiere usw.), seltener in Gestalt von Vögeln (Adler, Tauben, Schwäne)

oder in Form von anderen Wirbeltieren (Schlangen, Krokodile, Drachen).

In den höheren und abstrakteren Religionsformen wird diese körperliche

Erscheinung aufgegeben und Gott nur als »=reiner Geist=« ohne Körper

verehrt. »Gott ist ein Geist, und wer ihn anbetet, soll ihn im Geist

und in der Wahrheit anbeten.« Trotzdem bleibt aber die Seelentätigkeit

dieses reinen Geistes ganz dieselbe wie diejenige der anthropomorphen

Gottesperson. In Wirklichkeit wird auch dieser immaterielle Geist nicht

unkörperlich, sondern unsichtbar gedacht, gasförmig.

~II~. _Pantheismus_ (All-Eins-Lehre): =Gott und Welt sind ein

einziges Wesen.= Der Begriff Gottes fällt mit demjenigen der =Natur=

oder der =Substanz= zusammen. Diese pantheistische Weltanschauung steht

im Prinzip sämtlichen angeführten und allen sonst noch möglichen Formen

des =Theismus= schroff gegenüber, wenngleich man durch Entgegenkommen

von beiden Seiten die tiefe Kluft zwischen beiden zu überbrücken, sich

vielfach bemüht hat. Immer bleibt zwischen beiden der fundamentale

Gegensatz bestehen, daß im =Theismus= Gott als außerweltliches oder

=extramundanes= Wesen der Natur schaffend und erhaltend gegenübersteht

und =von außen= auf sie einwirkt, während im =Pantheismus= Gott als

innerweltliches oder =intramundanes= Wesen allenthalben die Natur

selbst ist und als denkende Substanz, als »Kraft oder Energie«

tätig ist. Diese letztere Ansicht allein ist vereinbar mit dem

=Substanzgesetze=. Daher ist notwendigerweise =der Pantheismus die

Weltanschauung unserer modernen Naturwissenschaft=.

Da der =Pantheismus= erst aus der geläuterten Naturbetrachtung des

denkenden Kulturmenschen hervorgehen konnte, ist er begreiflicherweise

viel jünger als der =Theismus=, dessen roheste Formen sicher schon

vor mehr als zehntausend Jahren bei den primitiven Naturvölkern in

mannigfaltigen Variationen ausgebildet wurden. Wenn auch in den ersten

Anfängen der Philosophie bei den ältesten Kulturvölkern (in Indien und

Ägypten, in China und Japan) schon mehrere Jahrtausende vor Christus

Keime des Pantheismus in verschiedenen Religionsformen eingestreut

sich finden, so tritt doch eine bestimmte philosophische Fassung

desselben erst in dem =Hylozoismus der ionischen Naturphilosophen=

auf, in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts vor Chr. Alle großen

Denker dieser Blüteperiode des hellenischen Geistes überragt der

gewaltige =Anaximander= von Milet, der die prinzipielle Einheit des

=unendlichen Weltganzen= tief und klar erfaßte. Nicht nur den großen

Gedanken der ursprünglichen =Einheit= des Kosmos, der =Entwickelung=

aller Erscheinungen aus der alles durchdringenden =Urmaterie=, hatte

=Anaximander= bereits ausgesprochen, sondern auch die kühne Vorstellung

von zahllosen, in periodischem =Wechsel= entstehenden und vergehenden

Weltbildungen.

Auch viele von den folgenden großen Philosophen des klassischen

Altertums, vor allen =Demokritos=, =Heraklitos= und =Empedokles=,

hatten in gleichem oder ähnlichem Sinne tief eindringend bereits

jene Einheit von Natur und Gott, von Körper und Geist erfaßt, welche

im Substanzgesetze unseres heutigen =Monismus= den bestimmtesten

Ausdruck gewonnen hat. Der große römische Dichter und Naturphilosoph

=Lucretius Carus= hat ihn in seinem berühmten Lehrgedichte »~De rerum

natura~« in hochpoetischer Form dargestellt. Allein dieser naturwahre

pantheistische Monismus wurde bald ganz zurückgedrängt durch den

mystischen Dualismus von =Plato= und besonders durch den gewaltigen

Einfluß, den seine idealistische Philosophie durch die Verschmelzung

mit den christlichen Glaubenslehren gewann. Als sodann deren

mächtigster Anwalt, der römische Papst, die geistige Weltherrschaft

gewann, wurde der Pantheismus gewaltsam unterdrückt; =Giordano Bruno=,

sein geistvollster Vertreter, wurde am 17. Februar 1600 auf dem Campo

Fiori in Rom von dem »Stellvertreter Gottes« lebendig verbrannt.

Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde durch den

großen =Baruch Spinoza= das System des Pantheismus in reinster Form

ausgebildet; er stellte für die Gesamtheit der Dinge den reinen

=Substanzbegriff= auf, in welchem »Gott und Welt« untrennbar vereinigt

sind. Wir müssen die Klarheit, Sicherheit und Folgerichtigkeit des

monistischen Systems von =Spinoza= heute um so mehr bewundern, als

diesem gewaltigen Denker vor 250 Jahren noch alle die sicheren

empirischen Fundamente fehlten, die wir erst in der zweiten Hälfte

des 19. Jahrhunderts gewonnen haben. Das Verhältnis von =Spinoza= zum

späteren =Materialismus= im 18. und zu unserem heutigen =Monismus= im

19. Jahrhundert haben wir bereits im ersten Kapitel besprochen. Zur

weiteren Verbreitung desselben, besonders im deutschen Geistesleben,

haben vor allem die unsterblichen Werke unseres größten Dichters und

Denkers beigetragen, =Wolfgang Goethe=. Seine herrlichen Dichtungen

»Gott und Welt«, »Prometheus«, »Faust« usw. hüllen die Grundgedanken

des Pantheismus in die vollkommenste und schönste dichterische Form.

Die Beziehungen unseres heutigen Monismus zu den früheren

philosophischen Systemen, sowie die wichtigsten Grundzüge von deren

historischer Entwickelung, sind in dem »Grundriß der Geschichte der

Philosophie« von =Friedrich Überweg= eingehend dargestellt (10.

Auflage, bearbeitet von =Max Heinze=, Berlin 1906). Eine vortreffliche

klare Übersicht derselben -- gewissermaßen eine »Stammesgeschichte der

Welträtsel und der Versuche zu ihrer Lösung« -- hat =Fritz Schultze=

(Dresden) in seinem »=Stammbaum der Philosophie=« gegeben; ein

»Tabellarisch-Schematischer Grundriß der Geschichte der Philosophie von

den Griechen bis zur Gegenwart« (Leipzig, 2. Auflage, 1899).

_Atheismus_ (»Die entgötterte Weltanschauung«). Es =gibt keinen= Gott

und keine Götter, falls man unter diesem Begriff persönliche, außerhalb

der Natur stehende Wesen versteht. Diese »=gottlose Weltanschauung=«

fällt im wesentlichen mit dem =Monismus= oder =Pantheismus= unserer

modernen Naturwissenschaft zusammen; sie gibt nur einen anderen

Ausdruck dafür, indem sie eine negative Seite desselben hervorhebt, die

Nichtexistenz einer außerweltlichen und übernatürlichen Gottheit. In

diesem Sinne sagt =Schopenhauer= ganz richtig: »=Pantheismus= ist nur

ein höflicher Atheismus. Die Wahrheit des Pantheismus besteht in der

Aufhebung des dualistischen Gegensatzes zwischen Gott und Welt, in der

Erkenntnis, daß die Welt aus ihrer inneren Kraft und durch sich selbst

da ist. Der Satz des Pantheismus: 'Gott und die Welt ist eins' ist

bloß eine höfliche Wendung, dem Herrgott den Abschied zu geben.«

Während des ganzen Mittelalters, unter der blutigen Tyrannei des

Papismus, wurde der =Atheismus= als die entsetzlichste Form der

Weltanschauung mit Feuer und Schwert verfolgt. Da der »Gottlose« im

Evangelium mit dem »Bösen« schlechtweg identifiziert und ihm im ewigen

Leben die Höllenstrafe der ewigen Verdammnis angedroht wird, ist es

begreiflich, daß jeder gute Christ selbst den entfernten Verdacht

des Atheismus ängstlich mied. Leider besteht auch heute noch diese

Auffassung in weiten Kreisen fort. Dem =atheistischen= Naturforscher,

der seine Kraft und sein Leben der Erforschung der =Wahrheit= widmet,

traut man von vornherein alles Böse zu; der =theistische= Kirchgänger

dagegen, der die leeren Zeremonien des papistischen Kultus gedankenlos

mitmacht, gilt schon deswegen als guter Staatsbürger, auch wenn er sich

bei seinem =Glauben= gar nichts denkt und nebenher der verwerflichsten

Moral huldigt. Dieser Irrtum wird sich erst klären, wenn im 20.

Jahrhundert der herrschende Aberglaube mehr der vernünftigen

Naturerkenntnis weicht und der monistischen Überzeugung der =Einheit

von Gott und Welt=.

=Sechzehntes Kapitel.=

_Wissen und Glauben._

Monistische Studien über Erkenntnis der Wahrheit. Sinnestätigkeit

und Vernunfttätigkeit. Glauben und Aberglauben Erfahrung und

Offenbarung.

Alle Arbeit wahrer Wissenschaft geht auf Erkenntnis der =Wahrheit=.

Unser echtes und wertvolles Wissen ist realer Natur und besteht aus

Vorstellungen, welche wirklich existierenden Dingen entsprechen. Wir

sind zwar unfähig, das innerste Wesen dieser realen Welt -- »das Ding

an sich« -- zu erkennen; aber unbefangene und kritische Beobachtung und

Vergleichung überzeugt uns, daß bei normaler Beschaffenheit des Gehirns

und der Sinnesorgane die Eindrücke der Außenwelt auf diese bei allen

vernünftigen Menschen dieselben sind, und daß bei normaler Funktion

der Denkorgane bestimmte, überall gleiche Vorstellungen gebildet

werden; diese nennen wir wahr und sind dabei überzeugt, daß ihr Inhalt

dem erkennbaren Teile der Dinge entspricht. Wir =wissen=, daß diese

Tatsachen nicht eingebildet, sondern wirklich sind.

_Erkenntnisquellen._ Alle Erkenntnis der Wahrheit beruht auf zwei

verschiedenen, aber innig zusammenhängenden Gruppen von physiologischen

Funktionen des Menschen; erstens auf der =Empfindung= der Objekte

mittels der Sinnestätigkeit, und zweitens auf der Verbindung der so

gewonnenen Eindrücke durch Assozion zur =Vorstellung= im Subjekt. Die

Werkzeuge der Empfindung sind die =Sinnesorgane=; die Werkzeuge, welche

die Vorstellungen bilden und verknüpfen, sind die =Denkorgane=. Diese

letzteren sind Teile des zentralen, die ersteren Teile des peripheren

=Nervensystems=, jenes wichtigsten und höchstentwickelten Organsystems

der höheren Tiere, dessen Funktion einzig und allein die gesamte

Seelentätigkeit ist.

_Sinnesorgane_ (~Sensilla~). Die Sinnestätigkeit des Menschen,

welche der =erste Ausgangspunkt aller Erkenntnis= ist, hat sich

langsam und allmählich aus derjenigen der nächstverwandten Säugetiere,

der Primaten, entwickelt. Die Organe derselben sind in dieser

höchstentwickelten Tierklasse überall von wesentlich gleichem Bau,

und ihre Funktion erfolgt überall nach denselben physikalischen

und chemischen Gesetzen. Sie haben sich allenthalben in derselben

historischen Weise entwickelt. Wie bei allen anderen Tieren, so

sind auch bei den Säugetieren alle Sensillen ursprünglich Teile der

Hautdecke, und die empfindlichen Zellen der =Oberhaut= sind die

Ureltern aller der verschiedenen Sinnesorgane, welche durch Anpassung

an verschiedene Reize (Licht, Wärme, Schall, chemische Reize) ihre

spezifische Energie erlangt haben. Sowohl die Stäbchenzellen der Retina

in unserem Auge und die Hörzellen in der Schnecke unseres Ohres, als

auch die Riechzellen in der Nase und die Schmeckzellen auf unserer

Zunge stammen ursprünglich von jenen einfachen indifferenten Zellen der

Oberhaut ab, welche die ganze Oberfläche unseres Körpers überziehen.

Diese bedeutungsvolle Tatsache wird durch die unmittelbare Beobachtung

am Embryo des Menschen ebenso wie aller anderen Tiere direkt bewiesen.

Aus dieser ontogenetischen Tatsache folgt aber nach dem Biogenetischen

Grundgesetz mit Sicherheit der phylogenetische Schluß, daß auch in der

langen Stammesgeschichte unserer Vorfahren die höheren Sinnesorgane mit

ihren speziellen Energien ursprünglich aus der Oberhaut niederer Tiere

entstanden sind, aus einer einfachen Zellenschicht, die noch keine

solchen gesonderten Sensillen enthielt.

_Spezifische Energie der Sensillen._ Von größter Bedeutung für die

menschliche Erkenntnis ist die Tatsache, daß verschiedene Nerven

unseres Körpers imstande sind, ganz verschiedene Qualitäten der

Außenwelt und nur diese wahrzunehmen. Der Sehnerv des Auges vermittelt

nur Lichtempfindung, der Hörnerv des Ohres nur Schallempfindung, der

Riechnerv der Nase nur Geruchsempfindung usw. Gleichviel, welche Reize

das einzelne Sinneswerkzeug treffen und erregen, ihre Reaktion behält

dieselbe Qualität. Aus dieser =spezifischen Energie= der Sinnesnerven,

welche von =Johannes Müller= zuerst in ihrer weitreichenden

Bedeutung gewürdigt wurde, sind sehr irrtümliche Schlüsse gezogen

worden, besonders zugunsten einer dualistischen und apriorischen

Erkenntnistheorie. Man behauptete, daß das Gehirn oder die Seele nur

einen gewissen Zustand des erregten Nerven wahrnehme, und daß daraus

nichts auf die Existenz und Beschaffenheit der erregenden Außenwelt

geschlossen werden könne. Die skeptische Philosophie zog daraus den

Schluß, daß diese letztere selbst zweifelhaft sei, und der extreme

Idealismus bezweifelte nicht nur diese Realität, sondern er negierte

sie einfach; er behauptete, daß die Welt nur in unserer Vorstellung

existiere.

Diesen Irrtümern gegenüber müssen wir daran erinnern, daß die

»spezifische Energie« ursprünglich nicht eine anerschaffene

besondere Qualität einzelner Nerven, sondern durch =Anpassung=

an die besondere Tätigkeit der Oberhautzellen entstanden ist, in

welchen sie enden. Nach den großen Gesetzen der Arbeitsteilung nahmen

die ursprünglich indifferenten »=Hautsinneszellen=« verschiedene

Aufgaben in Angriff, indem die einen den Reiz der Lichtstrahlen,

die anderen den Eindruck der Schallwellen, eine dritte Gruppe die

chemische Einwirkung riechender Substanzen usw. aufnahmen. Im

Laufe langer Zeiträume bewirkten diese äußeren Sinnesreize eine

allmähliche Veränderung der physiologischen und weiterhin auch der

morphologischen Eigenschaften dieser Oberhautstellen, und damit

zugleich veränderten sich die sensiblen Nerven, welche die von ihnen

aufgenommenen Eindrücke zum Gehirn leiteten. Die Selektion verbesserte

Schritt für Schritt die besonderen Umbildungen derselben, welche

sich als nützlich erwiesen; sie schuf so zuletzt im Laufe vieler

Jahrmillionen jene bewunderungswürdigen Instrumente, welche als =Auge=

und =Ohr= unsere teuersten Güter darstellen. Ihre Einrichtung ist so

wunderbar zweckmäßig, daß sie uns zu der irrtümlichen Annahme einer

»Schöpfung nach vorbedachtem Bauplan« führen könnte. Die besondere

Eigentümlichkeit jedes Sinnesorganes und seiner spezifischen Nerven hat

sich aber erst durch Gewohnheit und Übung -- d. h. durch =Anpassung= --

allmählich entwickelt und ist dann durch =Vererbung= von Generation zu

Generation übertragen worden.

Die Welträtsel: Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie · 第 20 / 27 段