Die Geologen unterscheiden in der »organischen Erdgeschichte«, soweit

sie uns durch die Denkmäler der Versteinerungskunde bekannt ist, drei

große Perioden: das primäre, sekundäre und tertiäre Zeitalter. Ihre

Zeitdauer ist schwer abzuschätzen, beträgt aber (zusammengenommen)

jedenfalls mehr als hundert Millionen Jahre. Die Geschichte des

Wirbeltierstammes, aus dem unser eigenes Geschlecht entsprossen ist,

liegt innerhalb dieses langen Zeitraumes klar vor unseren Augen; drei

verschiedene Entwickelungsstufen der Vertebraten waren in jenen drei

großen Perioden nacheinander entwickelt; in der primären Periode

die =Fische=, in der sekundären die =Reptilien=, in der tertiären

die =Säugetiere=. Von diesen drei Hauptgruppen der Wirbeltiere

nehmen die Fische den niedersten, die Reptilien einen mittleren, die

Säugetiere den höchsten Rang der Vollkommenheit ein. Bei tieferem

Eingehen in die Geschichte der drei Klassen finden wir, daß auch

die einzelnen Ordnungen und Familien derselben innerhalb der drei

Zeiträume sich fortschreitend zu höherer Vollkommenheit entwickelten.

Kann man nun diesen fortschreitenden Entwickelungsgang als Ausfluß

einer bewußten zweckmäßigen Zielstrebigkeit oder einer sittlichen

Weltordnung bezeichnen? Durchaus nicht! Denn die Selektionstheorie

lehrt uns, daß der organische =Fortschritt=, ebenso wie die organische

Differenzierung, eine =notwendige Folge= des Kampfes ums Dasein ist.

Tausende von bewunderungswürdigen Arten des Tier- und Pflanzenreiches

sind im Laufe jener hundert Millionen Jahre zugrunde gegangen, weil sie

anderen, stärkeren, Platz machen mußten, und diese Sieger im Kampfe

ums Dasein waren nicht immer die edleren oder im moralischen Sinne

vollkommneren Formen.

Genau dasselbe gilt von der =Völkergeschichte=. Die bewunderungswürdige

Kultur des klassischen Altertums ist zugrunde gegangen, weil das

Christentum dem ringenden Menschengeiste damals durch den Glauben an

einen liebenden Gott und die Hoffnung auf ein besseres jenseitiges

Leben einen gewaltigen neuen Aufschwung verlieh. Der Papismus wurde

zwar bald zur schamlosen Karikatur des reinen Christentums und zertrat

schonungslos die Schätze der Erkenntnis, welche die hellenische

Philosophie schon erworben hatte; aber er gewann die Weltherrschaft

durch die Unwissenheit der blindgläubigen =Massen=. Erst die

Renaissance zerriß die Ketten dieser Geistesknechtschaft und verhalf

wieder den Ansprüchen der Vernunft zu ihrem Rechte. Aber auch in dieser

neuen, wie in jenen früheren Perioden der Kulturgeschichte, wogt ewig

der große Kampf ums Dasein hin und her, ohne jede moralische Ordnung.

_Vorsehung._ So wenig bei unbefangener und kritischer Betrachtung

eine »moralische Weltordnung« im Gange der Völkergeschichte

nachzuweisen ist, ebensowenig können wir eine »weise Vorsehung« im

Schicksal der einzelnen Menschen anerkennen. Dieses wie jener wird

mit eiserner Notwendigkeit durch die mechanische Kausalität bestimmt,

welche jede Erscheinung aus einer oder mehreren vorhergehenden Ursachen

ableitet. Schon die alten Hellenen erkannten als höchstes Weltprinzip

das blinde =Fatum= (die Anangke), das »Götter und Menschen beherrscht«.

An ihre Stelle trat im Christentum die bewußte Vorsehung eines Gottes,

welcher nicht blind, sondern sehend ist, und welcher die Weltregierung

als patriarchalischer Herrscher führt. Der anthropomorphe Charakter

dieser Vorstellung liegt auf der Hand. Der Glaube an einen »liebenden

Vater«, der die Geschicke von 1500 Millionen Menschen auf unserem

Planeten unablässig lenkt und dabei die millionenfach sich kreuzenden

Gebete und »frommen Wünsche« derselben jederzeit berücksichtigt, ist

vollkommen unhaltbar: das ergibt sich sofort, wenn die Vernunft beim

Nachdenken darüber die farbige Brille des »Glaubens« ablegt.

Bei dem ungeheuren Aufschwung des Verkehrs im 19. Jahrhundert hat

notwendig die Zahl der Verbrechen und Unglücksfälle in einem früher

nicht geahnten Maße zugenommen; das erfahren wir tagtäglich durch

die Zeitungen. In jedem Jahre gehen Tausende von Menschen zugrunde

durch Schiffbrüche, Tausende durch Eisenbahnunglücke, Tausende durch

Bergwerkskatastrophen usw. Viele Tausende töten sich alle Jahre

gegenseitig im Kriege, und die Zurüstung für diesen Massenmord

nimmt bei den höchstentwickelten, die christliche Liebe bekennenden

Kulturnationen den weitaus größten Teil des Nationalvermögens in

Anspruch. Und unter jenen Hunderttausenden, die alljährlich als

Opfer der modernen Zivilisation fallen, befinden sich überwiegend

tüchtige, tatkräftige, arbeitsame Menschen. Dabei redet man noch von

sittlicher Weltordnung! Es soll durchaus nicht bestritten werden, daß

der heute noch herrschende und in den Schulen gelehrte Glaube an eine

»sittliche Weltordnung« -- ebenso wie an eine »liebevolle Vorsehung«

-- einen hohen =Idealwert= besitzt. Er tröstet die Leidenden, stärkt

die Schwachen, erhebt im Unglück; er befriedigt unser zweifelndes

Gemüt und versetzt uns in eine Idealwelt des »Jenseits«, in welcher

die Mängel des irdischen Daseins im »Diesseits« überwunden sind. So

lange der Mensch kindlich und unerfahren genug bleibt, mag er sich mit

diesen Gebilden der Dichtung begnügen. Allein das fortgeschrittene

Kulturleben der Gegenwart reißt ihn gewaltsam aus jener schönen

Idealwelt heraus und stellt ihn vor Aufgaben, zu deren Lösung ihn nur

die vernünftige Erkenntnis der =Wirklichkeit= befähigt. Unzweifelhaft

wird die frühzeitige Anpassung an diese =Realwelt=, zweckmäßig in den

Unterricht eingeführt und auf die moderne Entwickelungslehre gestützt,

den höher gebildeten Menschen der Zukunft nicht allein vernünftiger und

vorurteilsfreier, sondern auch besser und glücklicher machen.

_Ziel, Zweck und Zufall._ Wenn uns unbefangene Prüfung der

Weltentwickelung lehrt, daß dabei weder ein bestimmtes Ziel noch ein

besonderer Zweck (im Sinne der menschlichen Vernunft!) nachzuweisen

ist, so scheint nichts übrig zu bleiben, als alles dem »=blinden

Zufall=« zu überlassen. Dieser Vorwurf ist in der Tat ebenso

dem =Transformismus= von =Lamarck= und =Darwin=, wie früher der

=Kosmogenie= von =Kant= und =Laplace= entgegengehalten worden; viele

dualistische Philosophen legen gerade hierauf besonderes Gewicht. Es

verlohnt sich daher wohl der Mühe, hier noch einen flüchtigen Blick

darauf zu werfen.

Die eine Gruppe der Philosophen behauptet nach ihrer =teleologischen=

Auffassung: die ganze Welt ist ein geordneter Kosmos, in dem alle

Erscheinungen Ziel und Zweck haben; es gibt =keinen Zufall!= Die

andere Gruppe dagegen meint gemäß ihrer =mechanistischen= Auffassung:

Die Entwickelung der ganzen Welt ist ein einheitlich mechanischer

Prozeß, in dem wir nirgends Ziel und Zweck entdecken können; was

wir im organischen Leben so nennen, ist eine besondere Folge der

biologischen Verhältnisse; weder in der Entwickelung der Weltkörper,

noch in derjenigen unserer organischen Erdrinde ist ein leitender Zweck

nachzuweisen; hier ist =alles Zufall!= Beide Parteien haben recht, je

nach der Definition des »Zufalls«. Das allgemeine =Kausalgesetz=, in

Verbindung mit dem Substanzgesetz, überzeugt uns, daß jede Erscheinung

ihre mechanische Ursache hat; in diesem Sinne gibt es keinen Zufall.

Wohl aber können und müssen wir diesen unentbehrlichen Begriff

beibehalten, um damit das =Zusammentreffen= von zwei Erscheinungen

zu bezeichnen, die nicht unter sich kausal verknüpft sind, von denen

aber natürlich jede ihre Ursache hat, unabhängig von der anderen. Wie

jedermann weiß, spielt der Zufall in diesem monistischen Sinne die

größte Rolle im Leben des Menschen wie in demjenigen aller anderen

Naturkörper. Die wichtigsten Entscheidungen im bunten Wechsel unserer

persönlichen Schicksale werden oft durch zufällige Begegnung mit

anderen Personen bestimmt. Das hindert aber nicht, daß wir in jedem

einzelnen »=Zufall=« wie in der Entwickelung des Weltganzen die

universale Herrschaft des umfassendsten Naturgesetzes anerkennen, des

=Substanzgesetzes=.

=Fünfzehntes Kapitel.=

_Gott und Welt._

Monistische Studien über Theismus und Pantheismus. Der anthropistische

Monotheismus der drei großen Mediterran-Religionen. Extramundaner und

intramundaner Gott.

Als letzten und höchsten Urgrund aller Erscheinungen betrachtet

die Menschheit seit Jahrtausenden eine bewirkende Ursache unter

dem Begriffe =Gott= (~Deus~, ~Theos~). Wie alle anderen

allgemeinen Begriffe, so ist auch dieser höchste Grundbegriff im

Laufe der Vernunftentwickelung den bedeutendsten Umbildungen und den

mannigfaltigsten Abartungen unterworfen gewesen. Ja man kann sagen, daß

kein anderer Begriff so sehr umgestaltet und abgeändert worden ist;

denn kein anderer berührt in gleich hohem Maße sowohl die höchsten

Aufgaben des erkennenden Verstandes und der vernünftigen Wissenschaft

als auch zugleich die tiefsten Interessen des gläubigen Gemütes und der

dichtenden Phantasie.

Eine vergleichende Kritik der zahlreichen verschiedenen Hauptformen

der Gottesvorstellung ist zwar höchst interessant und lehrreich, würde

uns hier aber viel zu weit führen; wir müssen uns damit begnügen, nur

auf die wichtigsten Gestaltungen der Gottesidee und auf ihre Beziehung

zu unserer heutigen, durch die reine Naturerkenntnis bedingten

Weltanschauung einen flüchtigen Blick zu werfen.

Wenn wir von allen feineren Abtönungen und bunten Gewandungen des

Gottesbildes absehen, können wir füglich -- mit Beschränkung auf den

tiefsten Inhalt desselben -- alle verschiedenen Vorstellungen darüber

in zwei entgegengesetzte Hauptgruppen ordnen, in die =theistische= und

die =pantheistische= Gruppe. Die letztere ist eng verknüpft mit der

=monistischen= oder rationellen, die erstere mit der =dualistischen=

oder mystischen Weltanschauung.

~I~. _Theismus: Gott und Welt sind zwei verschiedene Wesen._ Gott

steht der Welt gegenüber als deren Schöpfer, Erhalter und Regierer.

Dabei wird Gott stets mehr oder weniger menschenähnlich gedacht, als

ein Organismus, welcher dem Menschen ähnlich (wenn auch in höchst

vollkommener Form) denkt und handelt. Dieser =anthropomorphe Gott=,

den die verschiedenen Naturvölker offenbar unabhängig voneinander

mehrmals erdacht haben, unterliegt in ihrer Phantasie bereits den

mannigfaltigsten Abstufungen, vom Fetischismus aufwärts bis zu den

geläuterten monotheistischen Religionen der Gegenwart. Als wichtigste

Unterarten der theistischen Begriffsbildung unterscheiden wir

Polytheismus, Triplotheismus, Amphitheismus und Monotheismus.

_Polytheismus_ (Vielgötterei). Die Welt ist von vielen verschiedenen

Göttern bevölkert, welche mehr oder weniger selbständig in deren

Getriebe eingreifen. Der =Fetischismus= findet dergleichen

untergeordnete Götter in den verschiedensten leblosen Naturkörpern, in

den Steinen, im Wasser, in der Luft, in menschlichen Kunstprodukten

einfachster Art. Der =Dämonismus= erblickt Götter in lebendigen

Organismen, in Bäumen, Tieren und Menschen. Diese Vielgötterei nimmt

schon in den niedersten Religionsformen der rohen Naturvölker sehr

mannigfaltige Formen an. Sie erscheint auf der höchsten Stufe geläutert

im =hellenischen Polytheismus=, in jenen herrlichen Göttersagen des

alten Griechenlands, welche noch heute unserer modernen Kunst die

schönsten Vorbilder für Poesie und Bildnerei liefern. Auf viel tieferer

Stufe steht der =katholische Polytheismus=, in dem zahlreiche »Heilige«

als untergeordnete Gottheiten angebetet und um gütige Vermittelung beim

obersten Gott oder bei der »Jungfrau Maria« ersucht werden.

_Triplotheismus_ (Dreigötterei, Trinitätslehre). Die Lehre von der

»=Dreieinigkeit Gottes=«, welche heute noch im Glaubensbekenntnis der

christlichen Kulturvölker die grundlegenden »drei Glaubensartikel«

bildet, gipfelt bekanntlich in der Vorstellung, daß der =Eine Gott=

des Christentums eigentlich in Wahrheit aus =drei Personen= von

verschiedenem Wesen sich zusammensetzt: ~I~. =Gott der Vater= ist der

»allmächtige Schöpfer Himmels und der Erde« (dieser unhaltbare Mythus

ist durch die wissenschaftliche Kosmogenie, Astronomie und Geologie

längst widerlegt). =II=. =Jesus Christus= ist der »eingeborene Sohn

Gottes des Vaters« (und zugleich der dritten Person, des »Heiligen

Geistes«!!), erzeugt durch unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria.

~III~. Der =Heilige Geist=, ein mystisches Wesen, über dessen

unbegreifliches Verhältnis zum »Sohne« und zum Vater sich viele

christliche Theologen seit 1900 Jahren den Kopf ganz umsonst zerbrochen

haben. Die Evangelien, die doch die einzigen lauteren Quellen dieses

=christlichen Triplotheismus= sind, lassen uns über die eigentlichen

Beziehungen dieser drei Personen zu einander völlig im Dunkeln und

geben auf die Frage nach ihrer rätselhaften Einheit keine irgendwie

befriedigende Antwort. Dagegen müssen wir besonders darauf hinweisen,

welche Verwirrung diese unklare und mystische Trinitätslehre in den

Köpfen unserer Kinder schon beim ersten Schulunterricht notwendig

anrichten muß. Montag morgens in der ersten Unterrichtsstunde

(Religion) lernen sie: Dreimal eins ist eins! -- und gleich darauf

in der zweiten Stunde (Rechnen): Dreimal eins ist drei! Ich erinnere

mich selbst sehr wohl noch der Bedenken, welche dieser auffällige

Widerspruch in mir selbst beim ersten Unterricht erregte. -- Übrigens

ist die »=Dreieinigkeit=« im Christentum keineswegs originell, sondern

gleich den meisten anderen Lehren desselben aus älteren Religionen

übernommen. Aus dem Sonnendienste der chaldäischen Magier entwickelt

sich die Trinität der =Ilu=, der geheimnisvollen Urquelle der Welt;

ihre drei Offenbarungen waren =Anu=, das ursprüngliche Chaos, =Bel=,

der Ordner der Welt, und =Ao=, das himmlische Licht, die alles

erleuchtende Weisheit. -- In der Brahmanenreligion wird die =Trimurti=

als »Gotteseinheit« ebenfalls aus drei Personen zusammengesetzt, aus

=Brahma= (dem Schöpfer), =Wischnu= (dem Erhalter) und =Schiwa= (dem

Zerstörer).

_Amphitheismus_ (Zweigötterei). Die Welt wird von zwei verschiedenen

Göttern regiert, einem guten und einem bösen Wesen, =Gott= und

=Teufel=. Beide Weltregenten befinden sich in einem beständigen Kampfe,

wie Kaiser und Gegenkaiser, Papst und Gegenpapst. Das Ergebnis dieses

Kampfes ist jederzeit der gegenwärtige Zustand der Welt. Der liebe

=Gott=, als das gute Wesen, ist der Urquell des Guten und Schönen, der

Lust und Freude. Die Welt würde vollkommen sein, wenn sein Wirken nicht

beständig durchkreuzt würde von dem bösen Wesen, dem =Teufel=; dieser

schlimme Satanas ist die Ursache alles Bösen und Häßlichen, der Unlust

und des Schmerzes.

Dieser =Amphitheismus= ist unter allen verschiedenen Formen des

Götterglaubens insofern der vernünftigste, als sich seine Theorie am

ersten mit einer wissenschaftlichen Welterklärung verträgt. Wir finden

ihn daher schon mehrere Jahrtausende vor Christus bei verschiedenen

Kulturvölkern des Altertums ausgebildet. Im alten Indien kämpft

=Wischnu=, der Erhalter, mit =Schiwa=, dem Zerstörer. Im alten

Ägypten steht dem guten =Osiris= der böse =Typhon= gegenüber. In der

Zendreligion der alten Perser, von Zoroaster 2000 Jahre vor Christus

gegründet, herrscht beständiger Kampf zwischen =Ormudz=, dem guten Gott

des Lichtes, und =Ahriman=, dem bösen Gott der Finsternis.

Keine geringere Rolle spielt der Teufel als Gegner des guten Gottes in

der Mythologie des Christentums als der Versucher und Verführer, der

Fürst der Hölle und Herr der Finsternis. Als persönlicher =Satanas= war

er auch noch im Anfange des 19. Jahrhunderts ein wesentliches Element

im Glauben der meisten Christen; erst gegen die Mitte desselben wurde

er mit zunehmender Aufklärung allmählich abgesetzt, oder er mußte sich

mit jener Rolle begnügen, welche ihm =Goethe= in der größten aller

dramatischen Dichtungen, im »Faust«, als =Mephistopheles= zuteilt.

Gegenwärtig gilt in den besseren gebildeten Kreisen der »Glaube an den

persönlichen Teufel« als ein überwundener Aberglaube des Mittelalters,

während gleichzeitig der »Glaube an Gott« (d. h. den persönlichen,

guten und lieben Gott) als ein unentbehrlicher Bestandteil der Religion

festgehalten wird. Und doch ist der erstere Glaube ebenso voll

berechtigt (vielmehr ebenso haltlos!) wie der letztere! Jedenfalls

erklärt sich die vielbeklagte »Unvollkommenheit des Erdenlebens« viel

einfacher und natürlicher durch diesen Kampf des guten und bösen Gottes

als durch irgend welche andere Form des Gottesglaubens.

_Monotheismus_ (Eingötterei). Die Lehre von der Einheit Gottes kann

in vieler Beziehung als die einfachste und natürlichste Form der

Gottesverehrung gelten. Nach der allgemeinen Meinung ist sie die

weitest verbreitete Grundlage der Religion und beherrscht namentlich

den Kirchenglauben der Kulturvölker. Tatsächlich ist dies jedoch

nicht der Fall; denn der angebliche =Monotheismus= erweist sich bei

näherer Betrachtung meistens als eine der vorher angeführten Formen

des Theismus, indem neben dem obersten »Hauptgotte« noch einer oder

mehrere Nebengötter angebetet werden. Auch sind die meisten Religionen,

welche einen rein monotheistischen Ausgangspunkt haben, im Laufe der

Zeit mehr oder minder polytheistisch geworden. Allerdings behauptet die

moderne Statistik, daß unter den 1500 Millionen Menschen, welche unsere

Erde bevölkern, die große Mehrzahl =Monotheisten= seien; =angeblich=

sollen davon =ungefähr= 600 Millionen Brahma-Buddhisten sein, 500

Millionen (sogenannte!) Christen, 200 Millionen Heiden (verschiedenster

Sorte), 180 Millionen Mohammedaner, 10 Millionen Israeliten und 10

Millionen ganz religionslos. Allein die große Mehrzahl der angeblichen

Monotheisten hat ganz unklare Gottesvorstellungen oder glaubt neben

dem einen Hauptgott auch noch an viele Nebengötter, als da sind:

Engel, Teufel, Dämonen usw. Die verschiedenen Formen, in denen sich

der Monotheismus =polyphyletisch= entwickelt hat, können wir in zwei

Hauptgruppen bringen: naturalistische und anthropistische Eingötterei.

_Naturalistischer Monotheismus._ Diese alte Form der Religion erblickt

die Verkörperung Gottes in einer erhabenen, alles beherrschenden

Naturerscheinung. Als solche imponierte schon vor vielen Jahrtausenden

den Menschen vor allem die =Sonne=, die leuchtende und erwärmende

Gottheit, von deren Einfluß sichtlich alles organische Leben

unmittelbar abhängig ist. Der =Sonnenkultus= oder Solarismus kann für

den modernen Naturforscher wohl unter allen theistischen Glaubensformen

als die würdigste erscheinen. Denn unsere moderne Astrophysik und

Geogenie hat uns überzeugt, daß die Erde ein abgelöster Teil der Sonne

ist und später wieder in ihren Schoß zurückkehren wird. Die moderne

Physiologie lehrt uns, daß der erste Urquell des organischen Lebens auf

der Erde die Plasmabildung ist und daß diese Synthese von einfachen

anorganischen Verbindungen, von Wasser, Kohlensäure und Ammoniak nur

unter dem Einflusse des =Sonnenlichtes= erfolgt. Auf die primäre

Entwickelung der =Pflanzen= ist erst nachträglich, sekundär, diejenige

der =Tiere= gefolgt, die sich direkt oder indirekt von ihnen nähren;

und die Entstehung des Menschengeschlechtes selbst ist wiederum nur ein

späterer Vorgang in der Stammesgeschichte des Tierreichs. Auch unser

gesamtes körperliches und geistiges Menschenleben ist ebenso wie alles

andere organische Leben im letzten Grunde auf die strahlende, Licht

und Wärme spendende Sonne zurückzuführen. Unbefangen und vernünftig

betrachtet, erscheint daher der =Sonnenkultus= als =naturalistischer

Monotheismus= besser begründet als der anthropistische Gottesdienst

der Christen und anderer Kulturvölker, welche Gott in Menschengestalt

sich vorstellen. Tatsächlich haben auch schon vor Jahrtausenden die

Sonnenanbeter sich auf eine höhere intellektuelle und moralische

Bildungsstufe erhoben als die meisten anderen Theisten. Als ich

im November 1881 in Bombay war, betrachtete ich mit der größten

Teilnahme die erhebenden Andachtsübungen der frommen Parsi, welche

beim Aufgang und Untergang der Sonne, am Meeresstrande stehend oder

auf ausgebreitetem Teppich kniend, dem kommenden und scheidenden

Tagesgestirn ihre Verehrung bezeugten (Indische Reisebriefe, ~IV~.

Aufl., S. 56).

_Anthropistischer Monotheismus._ Die Vermenschlichung Gottes,

die Vorstellung, daß das »höchste Wesen« dem Menschen gleich

empfindet, denkt und handelt (wenn auch in erhabenster Form),

spielt als =anthropomorpher Monotheismus= die größte Rolle in der

Kulturgeschichte. Vor allen anderen treten hier in den Vordergrund

die drei großen Religionen der mediterranen Menschenart, die ältere

mosaische, die mittlere christliche und die jüngere mohammedanische.

Diese =drei großen Mittelmeer-Religionen=, alle drei an der gesegneten

Ostküste des interessantesten aller Meere entstanden, alle drei in

ähnlicher Weise von einem phantasiereichen Schwärmer semitischer

Rasse gestiftet, hängen nicht nur äußerlich durch diesen gemeinsamen

Ursprung innig zusammen, sondern auch durch zahlreiche gemeinsame Züge

ihrer inneren Glaubensvorstellungen. Wie das Christentum einen großen

Teil seiner Mythologie aus dem älteren Judentum direkt übernommen

hat, so hat der jüngere Islam wiederum von diesen beiden Religionen

viele Erbschaften beibehalten. Alle drei Mediterran-Religionen waren

ursprünglich rein =monotheistisch=; alle drei sind späterhin den

mannigfaltigsten =polytheistischen= Umbildungen unterlegen, je weiter

sie sich zunächst an den vielteiligen Küsten des mannigfach bevölkerten

Mittelmeers und sodann in den übrigen Erdteilen ausbreiteten.

_Der Mosaismus._ Der jüdische Monotheismus, wie ihn =Moses= (1600

vor Chr.) begründete, gilt gewöhnlich als diejenige Glaubensform des

Altertums, welche die höchste Bedeutung für die weitere ethische und

religiöse Entwickelung der Menschheit besitzt. Unzweifelhaft ist

ihr dieser hohe historische Wert schon deshalb zuzugestehen, weil

die beiden anderen weltbeherrschenden Mediterran-Religionen aus ihr

hervorgegangen sind; Christus steht ebenso auf den Schultern von Moses,

wie später Mohammed auf den Schultern von beiden. Ebenso ruht das

Neue Testament, welches in der kurzen Zeitspanne von 1900 Jahren das

Glaubens-Fundament der höchstentwickelten Kulturvölker gebildet hat,

auf der Basis des Alten Testaments. Beide zusammengenommen haben als

=Bibel= einen Einfluß und eine Verbreitung gewonnen wie kein anderes

Buch in der Welt. Wenn wir aber diese merkwürdige Geschichtsquelle

unbefangen und vorurteilslos prüfen, so stellen sich viele wichtige

Beziehungen ganz anders dar, als gelehrt wird. Auch hier hat die tiefer

eindringende moderne Kritik und Kulturgeschichte wichtige Aufschlüsse

geliefert, welche die geltende Tradition in ihren Fundamenten

erschüttern.

Der Monotheismus, wie ihn Moses im Jehovahdienste zu begründen suchte,

und wie ihn später mit großem Erfolge die =Propheten= ausbildeten,

hatte ursprünglich harte und lange Kämpfe mit dem herrschenden älteren

Polytheismus zu bestehen. Ursprünglich war =Jehovah= oder Japheh aus

jenem Himmelsgotte abgeleitet, der als Moloch oder Baal eine der

meistverehrten orientalischen Gottheiten war. Die vielbesprochenen

Forschungen der modernen Assyriologen über »=Bibel und Babel=«

(Delitzsch u. a.) haben gelehrt, daß der monotheistische Japhehglaube

schon lange vor Moses in Babylon heimisch war. Daneben aber blieben

andere Götter vielfach in hohem Ansehen, und der Kampf mit der

»Abgötterei« bestand im jüdischen Volke immer fort. Trotzdem blieb im

Prinzipe Jehovah der alleinige Gott, der im ersten der zehn Gebote

Mosis ausdrücklich sagt: »Ich bin der Herr dein Gott, du sollst nicht

andere Götter haben neben mir.«

Die Welträtsel: Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie · 第 19 / 27 段