_Kohlenstofftheorie._ Die physiologische Chemie hat im Laufe der

letzten Dezennien durch unzählige Analysen folgende fünf Tatsachen

festgestellt: ~I~. In den organischen Naturkörpern kommen keine

anderen Elemente vor als in den anorganischen. ~II~. Diejenigen

Verbindungen der Elemente, welche dem Organismus eigentümlich sind,

und welche ihre »Lebenserscheinungen« bewirken, sind zusammengesetzte

Plasmakörper, aus der Gruppe der Albuminate oder Eiweißverbindungen.

~III~. Das organische Leben selbst ist ein chemisch-physikalischer

Prozeß, der auf dem Stoffwechsel dieser Albuminate beruht. ~IV~.

Dasjenige Element, welches allein imstande ist, diese zusammengesetzten

Eiweißkörper in Verbindung mit anderen Elementen (Sauerstoff,

Wasserstoff, Stickstoff, Schwefel) aufzubauen, ist der Kohlenstoff.

~V~. Diese plasmatischen Kohlenstoff-Verbindungen zeichnen sich

vor den meisten anderen chemischen Verbindungen durch ihre sehr

komplizierte Molekularstruktur aus, durch ihre Unbeständigkeit und

ihren gequollenen Aggregatzustand. Auf Grund dieser fünf fundamentalen

Tatsachen stellte ich im Jahre 1866 folgende =Theorie= auf: »Lediglich

die eigentümlichen, chemisch-physikalischen Eigenschaften des

Kohlenstoffes -- und namentlich der festflüssige Aggregatzustand und

die leichte Zersetzbarkeit der höchst zusammengesetzten, eiweißartigen

Kohlenstoff-Verbindungen -- sind die mechanischen Ursachen jener

eigentümlichen Bewegungs-Erscheinungen, durch welche sich die

Organismen von den Anorganen unterscheiden, und die man im engeren

Sinne das Leben nennt.« Obwohl diese »Kohlenstofftheorie« von mehreren

Biologen heftig angegriffen worden ist, hat doch bisher keiner eine

bessere monistische Theorie an deren Stelle gesetzt. Heute, wo wir die

physiologischen Verhältnisse des Zellenlebens, die Chemie und Physik

des lebendigen Plasma viel besser und gründlicher kennen als um die

Mitte des 19. Jahrhunderts, läßt sich unsere Theorie eingehender und

sicherer begründen, als es damals möglich war.

_Achigonie oder Urzeugung._ Der alte Begriff der =Urzeugung=

(~Generatio spontanea~ oder ~aequivoca~) wird heute noch in

sehr verschiedenem Sinne verwendet; gerade die Unklarheit über

diesen =Begriff= und die widersprechende Anwendung desselben auf

ganz verschiedene, alte und neue Hypothesen sind schuld daran,

daß dieses wichtige Problem zu den bestrittensten und konfusesten

Fragen der ganzen Naturwissenschaft bis auf den heutigen Tag gehört.

Ich beschränke den Begriff der Urzeugung auf die erste Entstehung

von lebendem Plasma aus anorganischen Kohlenstoff-Verbindungen

und unterscheide als zwei Hauptperioden in diesem »=Beginn der

Biogenesis=«: ~I~. die Entstehung von einfachsten Plasmakörpern

in einer anorganischen Bildungsflüssigkeit, und ~II~. die

Individualisierung von primitivsten Organismen aus jenen

Plasmaverbindungen, in Form von =Moneren=. Ich habe diese wichtigen,

aber auch sehr schwierigen Probleme im 15. Kapitel meiner Natürlichen

Schöpfungsgeschichte so eingehend behandelt, daß ich hier darauf

verweisen kann. Eine sehr ausführliche und streng wissenschaftliche

Erörterung derselben habe ich bereits 1866 in der »Generellen

Morphologie« gegeben (Bd. ~I~, S. 167-190); später hat =Naegeli= in

seiner Mechanisch-physiologischen Theorie der Abstammungslehre (1884)

die Hypothese der Urzeugung ganz in demselben Sinne sehr eingehend

behandelt und als eine =unentbehrliche Annahme= der natürlichen

Entwickelungstheorie bezeichnet. Ich stimme vollkommen seinem Satze bei:

»Die Urzeugung leugnen heißt das Wunder verkünden.« Eine kritische

Auseinandersetzung der verschiedenartigen Hypothesen, welche neuerdings

über »Urzeugung« aufgestellt worden sind, enthält das 15. Kapitel

(»Lebensursprung«) meines Buches über die »Lebenswunder« (Volksausgabe

1906).

_Teleologie und Mechanik._ Sowohl die Hypothese der Urzeugung als die

eng damit verknüpfte Kohlenstofftheorie besitzen die größte Bedeutung

für die Entscheidung des alten Kampfes zwischen der =teleologischen=

(=dualistischen=) und der =mechanischen= (=monistischen=) Beurteilung

der Erscheinungen. Seit =Darwin= uns vor fünfzig Jahren durch seine

=Selektionstheorie= den Schlüssel zur monistischen Erklärung der

Organisation in die Hand gab, sind wir in den Stand gesetzt, die bunte

Mannigfaltigkeit der zweckmäßigen Einrichtungen in der lebendigen

Körperwelt ebenso auf natürliche mechanische Ursachen zurückzuführen,

wie dies vorher nur in der anorganischen Natur möglich war. Die

übernatürlichen zwecktätigen Ursachen, zu welchen man früher seine

Zuflucht hatte nehmen müssen, sind dadurch überflüssig geworden.

_Werkursachen_ (~Causae efficientes~) und _Endursachen_ (~Causae

finales~). Den tiefen Gegensatz zwischen den bewirkenden Ursachen

(oder Werkursachen) und den zwecktätigen Ursachen (oder Endursachen)

hat mit Bezug auf die Erklärung der Gesamtnatur kein neuerer Philosoph

schärfer hervorgehoben, als =Immanuel Kant=. In seinem berühmten

Jugendwerke, der »Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels«,

hatte er 1755 den kühnen Versuch unternommen, »die Verfassung und

den mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebäudes nach =Newton=schen

Grundsätzen abzuhandeln«. Er stützte sich dabei ganz auf die

mechanischen Bewegungserscheinungen der Gravitation; sie wurde später

von =Laplace= weiter ausgebildet und mathematisch begründet. Als dieser

von Napoleon ~I~. gefragt wurde, welche Stelle in seinem System Gott,

der Schöpfer und Erhalter des Weltalls, einnehme, antwortete er klar

und ehrlich: »Sire, ich bedarf dieser Hypothese nicht.« Damit war der

=atheistische Charakter= dieser =mechanischen Kosmogenie=, den sie mit

allen anorganischen Wissenschaften teilt, offen anerkannt. Dies muß um

so mehr hervorgehoben werden, als die =Kant-Laplace=sche Theorie noch

heute in fast allgemeiner Geltung steht. Wenn man den =Atheismus=

noch heute in weiten Kreisen als einen schweren Vorwurf betrachtet, so

trifft dieser die gesamte moderne Naturwissenschaft, insofern sie die

=anorganische= Welt unbedingt mechanisch erklärt.

Der Mechanismus =allein= gibt uns eine =wirkliche Erklärung= der

Naturerscheinungen, indem er dieselben auf reale Werkursachen

zurückführt, auf Bewegungen, welche durch die materielle Konstitution

der betreffenden Naturkörper selbst bedingt sind. =Kant= selbst betont,

daß es »ohne diesen Mechanismus der Natur keine Naturwissenschaft

geben kann«, und daß die =Befugnis= der menschlichen Vernunft zur

mechanischen Erklärung =aller= Erscheinungen unbeschränkt sei. Als

er aber später in seiner Kritik der ideologischen Urteilskraft die

Erklärung der verwickelten Erscheinungen in der =organischen= Natur

besprach, behauptete er, daß dafür jene mechanischen Ursachen nicht

ausreichend seien; hier müsse man zweckmäßig wirkende Endursachen

zu Hilfe nehmen. Zwar sei auch hier die Befugnis unserer Vernunft

zur mechanischen Erklärung anzuerkennen, aber ihr =Vermögen= sei

begrenzt. Allerdings gestand er ihr teilweise dieses Vermögen zu, aber

für den größten Teil der Lebenserscheinungen (und besonders für die

Seelentätigkeit des Menschen) hielt er die Annahme von Endursachen

unentbehrlich. Der merkwürdige § 79 der Kritik der Urteilskraft trägt

die charakteristische Überschrift: »Von der notwendigen Unterordnung

des Prinzips des Mechanismus unter das teleologische in Erklärung eines

Dinges als Naturzweck«. Die zweckmäßigen Einrichtungen im Körperbau

der organischen Wesen schienen =Kant= ohne Annahme übernatürlicher

Endursachen (d. h. also einer planmäßig wirkenden Schöpferkraft)

so unerklärlich, daß er sagte: »Es ist ganz gewiß, daß wir die

organisierten Wesen und deren innere Möglichkeit nach bloß mechanischen

Prinzipien der Natur nicht einmal zureichend kennen, viel weniger uns

erklären können, und zwar so gewiß, daß man dreist sagen kann: Es ist

für Menschen ungereimt, auch nur einen solchen Anschlag zu fassen oder

zu hoffen, daß noch etwa dereinst ein Newton aufstehen könne, der auch

nur die Erzeugung eines Grashalms nach Naturgesetzen, die keine Absicht

geordnet hat, begreiflich machen werde, sondern man muß diese Einsicht

dem Menschen schlechterdings absprechen.« Siebzig Jahre später ist

dieser unmögliche »=Newton= der organischen Natur« in =Darwin= wirklich

erschienen und hat die große Aufgabe gelöst, die =Kant= für unlösbar

erklärt hatte.

_Der Zweck in der anorganischen Natur_ (=Anorganische Teleologie=).

Seitdem =Newton= (1682) das Gravitationsgesetz aufgestellt, und

seitdem =Kant= (1755) »die Verfassung und den =mechanischen=

Ursprung des ganzen Weltgeldes nach =Newton=schen Grundsätzen«

festgestellt -- seitdem endlich =Laplace= (1796) dieses =Grundgesetz

des Weltmechanismus= mathematisch begründet hatte, sind die sämtlichen

anorganischen Naturwissenschaften rein =mechanisch= und damit zugleich

rein =atheistisch= geworden. In der Astronomie und Kosmogenie, in der

Geologie und Meteorologie, in der anorganischen Physik und Chemie gilt

seitdem die absolute Herrschaft mechanischer Gesetze auf mathematischer

Grundlage als unbedingt feststehend. Seitdem ist aber auch der

=Zweckbegriff= aus diesem ganzen großen Gebiete =verschwunden=. Jetzt

ist diese monistische Betrachtung nach harten Kämpfen zu allgemeiner

Geltung gelangt, und kein Naturforscher fragt mehr im Ernste nach

dem Zweck irgendeiner Erscheinung in diesem ganzen unermeßlichen

Gebiete. Oder sollte wirklich noch heute im Ernste ein Astronom nach

dem Zwecke der Planetenbewegungen oder ein Mineraloge nach dem Zwecke

der einzelnen Kristallformen fragen? Oder sollte ein Physiker über den

Zweck der elektrischen Kräfte oder ein Chemiker über den Zweck der

Atomgewichte grübeln? Wir dürfen getrost antworten: =Nein=! Sicher

nicht in dem Sinne, daß der »liebe Gott« oder eine zielstrebige

Naturkraft diese Grundgesetze des Weltmechanismus einmal plötzlich »aus

nichts« zu einem bestimmten Zweck erschaffen hat, und daß er sie nach

seinem vernünftigen Willen tagtäglich wirken läßt. Diese anthropomorphe

Vorstellung von einem zwecktätigen Weltbaumeister und Weltherrscher

ist hier völlig überwunden; an seine Stelle sind die »ewigen, ehernen,

großen Naturgesetze« getreten.

_Der Zweck in der organischen Natur_ (=Biologische Teleologie=). Eine

ganz andere Bedeutung und Geltung als in der anorganischen besitzt der

=Zweckbegriff= noch heute in der organischen Natur. Im Körperbau und

in der Lebenstätigkeit aller Organismen tritt uns die Zwecktätigkeit

unleugbar entgegen. Jede Pflanze und jedes Tier erscheinen in der

Zusammensetzung aus einzelnen Teilen ebenso für einen bestimmten

Lebenszweck eingerichtet wie die künstlichen, vom Menschen erfundenen

und konstruierten Maschinen; und solange ihr Leben fortdauert, ist

auch die Funktion der einzelnen Organe ebenso auf bestimmte Zwecke

gerichtet wie die Arbeit in den einzelnen Teilen der Maschine. Es

war daher ganz naturgemäß, daß die ältere naive Naturbetrachtung für

die Entstehung und die Lebenstätigkeit der organischen Wesen einen

Schöpfer in Anspruch nahm, der mit »Weisheit und Verstand alle Dinge

geordnet« hatte, und der jedes Tier und jede Pflanze ihrem besonderen

Lebenszweck entsprechend organisiert hatte. Gewöhnlich wurde dieser

»allmächtige Schöpfer Himmels und der Erden« durchaus anthropomorph

gedacht; er schuf »jegliches Wesen nach seiner Art«. Solange dabei dem

Menschen der Schöpfer noch in menschlicher Gestalt erschien, denkend

mit seinem Gehirn, sehend mit seinen Augen, formend mit seinen Händen,

konnte man sich von diesem »göttlichen Maschinenbauer« und von seiner

künstlerischen Arbeit in der großen Schöpfungswerkstätte noch eine

anschauliche Vorstellung machen. Viel schwieriger wurde dies, als sich

der Gottesbegriff läuterte und man in dem »unsichtbaren Gott« einen

immateriellen Schöpfer ohne Organe erblickte. Noch unbegreiflicher

endlich wurden diese anthropistischen Vorstellungen, als die

Physiologie an die Stelle des bewußt bauenden Gottes die unbewußt

schaffende »=Lebenskraft=« setzte -- eine unbekannte, zweckmäßig tätige

Naturkraft, welche von den bekannten physikalischen und chemischen

Kräften verschieden war und diese nur zeitweise -- auf Lebenszeit --

in Dienst nahm. Dieser =Vitalismus= blieb noch bis um die Mitte des

19. Jahrhunderts herrschend; er fand seine tatsächliche Widerlegung

erst durch den großen Physiologen =Johannes Müller=. Zwar war auch

dieser geistreiche Biologe im Glauben an die Lebenskraft aufgewachsen

und hielt sie für die Erklärung der »letzten Lebensursachen« für

unentbehrlich, aber er führte zugleich in seinem klassischen, noch

heute unübertroffenen Lehrbuch der Physiologie (1833) den Beweis, daß

eigentlich nichts mit ihr anzufangen ist. =Müller= selbst zeigte in

einer langen Reihe von ausgezeichneten Beobachtungen und scharfsinnigen

Experimenten, daß die meisten Lebenstätigkeiten im Organismus des

Menschen ebenso wie der übrigen Tiere nach physikalischen und

chemischen Gesetzen geschehen, daß viele von ihnen sogar mathematisch

bestimmbar sind. Das gilt ebensowohl von den Funktionen der Muskeln

und Nerven, der niederen und höheren Sinnesorgane, wie von den

Vorgängen bei der Ernährung und dem Stoffwechsel, der Verdauung und

dem Blutkreislauf. Rätselhaft und ohne die Annahme einer Lebenskraft

nicht erklärbar blieben eigentlich nur zwei Gebiete, das der höheren

Seelentätigkeit (Geistesleben) und das der Fortpflanzung (Zeugung).

Aber auch auf diesen Gebieten wurden unmittelbar nach =Müllers= Tode so

bedeutende Entdeckungen und Fortschritte gemacht, daß das unheimliche

»Gespenst der Lebenskraft« auch aus diesen letzten Schlupfwinkeln

verschwand. Es war ein merkwürdiger chronologischer Zufall, daß

=Johannes Müller= 1858 in demselben Jahre starb, in welchem =Charles

Darwin= die ersten Mitteilungen über seine epochemachende Theorie

veröffentlichte. Die =Selektionstheorie= des letzteren beantwortete

das große Rätsel, vor welchem der erstere stehen geblieben war: die

Frage von der Entstehung zweckmäßiger Einrichtungen durch rein

mechanische Ursachen, ohne vorbedachten Plan.

_Der Zweck in der Selektionstheorie_ (=Darwin= 1859). Das unsterbliche

philosophische Verdienst =Darwins= bleibt, wie wir schon oft

betont haben, ein doppeltes: erstens die Reform der älteren, 1809

von =Lamarck= begründeten =Deszendenztheorie=, ihre Begründung

durch das gewaltige, im Laufe dieses halben Jahrhunderts

angesammelte Tatsachenmaterial -- und zweitens die Aufstellung der

=Selektionstheorie=, jener Zuchtwahllehre, welche uns erst eigentlich

die wahren bewirkenden Ursachen der allmählichen Artumbildung enthüllt.

=Darwin= zeigte zuerst, wie der unerbittliche »=Kampf ums Dasein=«

der unbewußt wirkende Regulator ist, welcher die Wechselwirkung der

Vererbung und Anpassung bei der allmählichen Transformation der Spezies

leitet; er ist der große »=züchtende Gott=«, welcher ohne Absicht neue

Formen ebenso durch »natürliche Auslese« bewirkt, wie der züchtende

Mensch neue Formen mit Absicht durch »künstliche Auslese« hervorbringt.

Damit wurde das große philosophische Rätsel gelöst: »Wie können

zweckmäßige Einrichtungen rein mechanisch entstehen, ohne zwecktätige

Ursachen?« Neuerdings hat sich daraus das Prinzip der »=teleologischen

Mechanik=« zu immer größerer Geltung entwickelt und hat auch die

feinsten und verborgensten Einrichtungen der organischen Wesen uns

durch die »funktionelle Selbstgestaltung der zweckmäßigen Struktur«

mechanisch erklärt. Damit ist aber der transzendente Zweckbegriff

unserer teleologischen Schulphilosophie beseitigt, das größte Hindernis

einer vernünftigen und einheitlichen Naturauffassung.

_Neovitalismus._ In neuerer Zeit ist das alte Gespenst der mystischen

Lebenskraft, das gründlich getötet schien, wieder aufgelebt;

verschiedene Biologen haben versucht, dasselbe unter neuem Namen zur

Geltung zu bringen. Die konsequenteste Darstellung desselben hat der

Kieler Botaniker =Johannes Reinke= in zwei Büchern gegeben: »Die Welt

als Tat« (1899) und »Einleitung in die theoretische Biologie« (1901).

Er nennt sie »Umrisse einer Weltansicht auf naturwissenschaftlicher

Grundlage«; tatsächlich ist aber diese Grundlage der christliche

Kirchenglaube. Indem er von den Offenbarungen der Bibel ausgeht

und =Moses= als höchste wissenschaftliche Autorität betrachtet,

verteidigt er zugleich den Wunderglauben und den =Theismus=, die

Mosaische =Schöpfungsgeschichte= und die Konstanz der Arten; er

nennt die »Lebenskräfte«, im Gegensatze zu den physikalischen

Kräften, Richtkräfte, Oberkräfte oder =Dominanten=. =Reinke= wendet

vergeblich alle Mittel auf, um die herrschenden Glaubenslehren der

christlichen Kirche mit den direkt widersprechenden Erfahrungssätzen

der Entwickelungslehre in Einklang zu bringen. Diesen Widerspruch wird

auch der neue sogenannte »Keplerbund« nicht lösen, den er 1908 zur

Bekämpfung und Vernichtung des 1905 gegründeten »Monistenbundes« ins

Leben gerufen hat. Das Widersinnige und Unhaltbare dieses Neovitalismus

(der in den mystischen Kreisen der Spiritisten und Okkultisten,

Theosophen und Metaphysiker viel Anklang findet), habe ich im 2. und 3.

Kapitel meiner »Lebenswunder« eingehend nachgewiesen.

_Unzweckmäßigkeitslehre_ (=Dysteleologie=). Unter diesem Begriffe

habe ich schon im Jahre 1866 die Wissenschaft von den überaus

interessanten und wichtigen biologischen Tatsachen begründet, welche

in handgreiflichster Weise die hergebrachte teleologische Auffassung

von der »zweckmäßigen Einrichtung der lebendigen Naturkörper« direkt

widerlegen. Diese Wissenschaft von den »rudimentären, abortiven,

verkümmerten, fehlgeschlagenen, atrophischen oder kataplastischen

Individuen« stützt sich auf eine unermeßliche Fülle der merkwürdigsten

Erscheinungen, welche zwar den Zoologen und Botanikern längst bekannt

waren, aber erst durch Darwin ursächlich erklärt und in ihrer hohen

philosophischen Bedeutung vollständig gewürdigt worden sind.

Alle höheren Tiere und Pflanzen, überhaupt alle diejenigen Organismen,

deren Körper nicht ganz einfach gebaut, sondern aus mehreren,

zweckmäßig zusammenwirkenden Organen zusammengesetzt ist, lassen bei

aufmerksamer Untersuchung eine Anzahl von nutzlosen oder unwirksamen,

ja zum Teil sogar gefährlichen und schädlichen Einrichtungen erkennen.

In den Blüten der meisten Pflanzen finden sich neben den wirksamen

Geschlechtsblättern, welche die Fortpflanzung vermitteln, einzelne

nutzlose Blattorgane ohne Bedeutung (verkümmerte oder »fehlgeschlagene«

Staubfäden, Fruchtblätter, Kronen-, Kelchblätter usw.). In den

beiden großen und formenreichen Klassen der fliegenden Tiere, Vögel

und Insekten, gibt es neben den gewöhnlichen, ihre Flügel täglich

gebrauchenden Arten eine Anzahl von Formen, deren Flügel verkümmert

sind, und die nicht fliegen können. Fast in allen Klassen der höheren

Tiere, die ihre Augen zum Sehen gebrauchen, existieren einzelne

Arten, welche im Dunkeln leben und nicht sehen; trotzdem besitzen

auch diese meistens noch Augen; nur sind sie verkümmert, zum Sehen

nicht mehr tauglich. An unserem eigenen menschlichen Körper besitzen

wir solche nutzlose Rudimente in den Muskeln unseres Ohres, in der

Nickhaut unseres Auges, in der Brustwarze und Milchdrüse des Mannes

und in anderen Körperteilen; ja der gefürchtete Wurmfortsatz unseres

Blinddarmes ist nicht nur unnütz, sondern sogar gefährlich, und

alljährlich geht eine Anzahl Menschen durch seine Entzündung zugrunde.

Die =Erklärung= dieser und vieler anderer zweckloser Einrichtungen

im Körperbau der Tiere und Pflanzen vermag weder der alte noch der

neue =Vitalismus= zu geben; dagegen finden wir sie sehr einfach durch

die =Deszendenztheorie=. Sie zeigt, daß diese rudimentären Organe

=verkümmert= sind, und zwar durch Nichtgebrauch. Ebenso, wie die

Muskeln, die Nerven, die Sinnesorgane durch Übung und häufigeren

Gebrauch gestärkt werden, ebenso erleiden sie umgekehrt durch

Untätigkeit und unterlassenen Gebrauch mehr oder weniger Rückbildung.

Aber obgleich so durch Übung und Anpassung die höhere Entwickelung

der Organe gefördert wird, so verschwinden sie doch keineswegs sofort

spurlos durch Nichtübung; vielmehr werden sie durch die Macht der

Vererbung noch während vieler Generationen erhalten und verschwinden

erst allmählich nach längerer Zeit. Der blinde »Kampf ums Dasein

zwischen den Organen« bedingt ebenso ihren historischen Untergang,

wie er ursprünglich ihre Entstehung und Ausbildung verursachte. Ein

immanenter »Zweck« spielt dabei überhaupt keine Rolle.

_Unvollkommenheit der Natur._ Wie das Menschenleben so bleibt auch das

Tier- und Pflanzenleben immer und überall unvollkommen. Diese Tatsache

ergibt sich einfach aus der Erkenntnis, daß die ganze Natur in einem

beständigen Flusse der =Entwickelung=, der Veränderung und Umbildung

begriffen ist. Diese Entwickelung erscheint uns im großen und ganzen

-- wenigstens soweit wir die Stammesgeschichte der organischen Natur

auf unserem Planeten übersehen können -- als eine fortschreitende

Umbildung, als ein historischer Fortschritt vom Einfachen zum

Zusammengesetzten, vom Niederen zum Höheren, vom Unvollkommenen zum

Vollkommneren. Ich habe schon in der Generellen Morphologie (1866) den

Nachweis geführt, daß dieser historische =Fortschritt= -- oder die

allmähliche =Vervollkommnung= -- die =notwendige Wirkung der Selektion=

ist, nicht aber die Folge eines vorbedachten Zweckes. Das ergibt sich

auch daraus, daß kein Organismus ganz vollkommen ist; selbst wenn er

in einem gegebenen Augenblicke den Umständen vollkommen angepaßt wäre,

würde dieser Zustand nicht lange dauern; denn die Existenzbedingungen

der Außenwelt sind selbst einem beständigen Wechsel unterworfen und

bedingen damit eine ununterbrochene Anpassung der Organismen.

_Sittliche Weltordnung._ In der Philosophie der Geschichte, in

den allgemeinen Betrachtungen, welche die Geschichtschreiber über

die Schicksale der Völker und über den verschlungenen Gang der

Staatenentwickelung anstellen, herrscht noch heute die Annahme einer

»sittlichen Weltordnung«. Die Historiker suchen in dem bunten Wechsel

der Völkergeschicke einen leitenden Zweck, eine ideale Absicht,

welche diese oder jene Rasse, diesen oder jenen Staat zu besonderem

Gedeihen auserlesen und zur Herrschaft über die anderen bestimmt

hat. Diese teleologische und dualistische Geschichtsbetrachtung ist

neuerdings um so schärfer in prinzipiellen Gegensatz zu unserer

monistischen Weltanschauung getreten, je sicherer sich diese letztere

im gesamten Gebiete der anorganischen Natur als die allem berechtigte

herausgestellt hat. In der gesamten Astronomie und Geologie, in dem

weiten Gebiete der Physik und Chemie spricht heute niemand mehr von

einer sittlichen Weltordnung, ebensowenig als von einem persönlichen

Gotte, dessen »Hand mit Weisheit und Verstand alle Dinge geordnet hat«.

Dieser ist aber auch in dem gesamten Gebiete der Biologie nicht zu

finden, in der ganzen Verfassung und Geschichte der organischen Natur.

=Darwin= hat uns in seiner Selektionstheorie nicht nur gezeigt, wie

die zweckmäßigen Einrichtungen im Leben und im Körperbau der Tiere und

Pflanzen ohne vorbedachten Zweck mechanisch entstanden sind, sondern er

hat uns auch in seinem »=Kampf ums Dasein=« die gewaltige Naturmacht

erkennen gelehrt, welche den ganzen Entwickelungsgang der organischen

Welt seit vielen Jahrmillionen ununterbrochen beherrscht und regelt.

Man könnte freilich sagen: Der »Kampf ums Dasein« ist das »Überleben

des Passendsten« oder der »Sieg des Besten«; das kann man aber nur,

wenn man das Stärkere stets als das beste (in moralischem Sinne!)

betrachtet; und überdies zeigt uns die ganze Geschichte der organischen

Welt, daß neben dem überwiegenden Fortschritt zum Vollkommenen

jederzeit auch einzelne Rückschritte zu niederen Zuständen vorkommen.

Verhält es sich nun in der Völkergeschichte, die der Mensch in seinem

anthropozentrischen Größenwahn die »Weltgeschichte« zu nennen liebt,

etwa anders? Ist da überall und jederzeit ein höchstes moralisches

Prinzip oder ein weiser Weltregent zu entdecken, der die Geschicke

der Völker leitet? Die unbefangene Antwort kann heute, bei dem

vorgeschrittenen Zustande unserer Naturgeschichte und Völkergeschichte,

nur lauten: =Nein!= Die Geschicke der Zweige des Menschengeschlechts,

die als Rassen und Nationen seit Jahrtausenden um ihre Existenz und

ihre Fortbildung gerungen haben, unterliegen genau denselben »ewigen,

ehernen, großen Gesetzen« wie die Geschichte der ganzen organischen

Welt, die seit vielen Jahrmillionen die Erde bevölkert.

Die Welträtsel: Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie · 第 18 / 27 段