sich gegenseitig erläutern und ergänzen, ergibt sich eine Reihe von
überaus wichtigen Schlüssen über die Zusammensetzung und Entwickelung
des Kosmos, über die Beharrung und Umbildung der Substanz. Wir
fassen dieselben kurz in folgenden Thesen zusammen: ~I~. Der
=Weltraum= ist unendlich groß und unbegrenzt; er ist nirgends leer,
sondern allenthalben mit Substanz erfüllt. ~II~. Die =Weltzeit=
ist ebenfalls unendlich und unbegrenzt; sie hat keinen Anfang und
kein Ende, sie ist Ewigkeit. ~III~. Die =Substanz= befindet sich
überall und jeder Zeit in ununterbrochener Bewegung und Veränderung;
nirgends herrscht vollkommene Ruhe und Starre; dabei bleibt aber die
unendliche Quantität der Materie ebenso unverändert wie diejenige
der ewig wechselnden Energie. ~IV~. Die Universalbewegung der
Substanz im Weltraum ist ein ewiger Kreislauf mit =periodisch= sich
wiederholenden Entwickelungszuständen. ~V~. Diese Phasen bestehen in
einem periodischen Wechsel der Temperatur und der dadurch bedingten
Dichtigkeitsverhältnisse (=Aggregatzustände=). ~VI~. Während in einem
Teile des Weltraums durch fortschreitende Verdichtung neue Weltkörper
entstehen, erfolgt gleichzeitig in anderen Teilen der entgegengesetzte
Prozeß, die Zerstörung von Weltkörpern, die aufeinander stoßen.
~VII~. Die ungeheuren Wärmequantitäten, welche durch diese
mechanischen Prozesse bei den Zusammenstößen der rotierenden Weltkörper
erzeugt werden, stellen die neuen lebendigen Kräfte dar, welche
die Bewegung der dabei gebildeten kosmischen Staubmassen und die
=Neubildung= rotierender Bälle bewirken: das ewige Spiel beginnt wieder
von neuem. Auch unsere Mutter Erde, die vor Millionen von Jahrtausenden
aus einem Teile des rotierenden Sonnensystems entstanden ist, wird nach
Verfluß weiterer Millionen erstarren und, nachdem ihre Bahn immer
kleiner geworden, in die Sonne stürzen.
Besonders wichtig für die klare Einsicht in den universalen
kosmischen Entwickelunsprozeß sind diese modernen Vorstellungen über
periodisch wechselnden Untergang und Neubildung der Weltkörper.
Unsere Mutter »=Erde=« schrumpft dabei auf den Wert eines winzigen
»Sonnenstäubchens« zusammen, wie deren ungezählte Millionen im
unendlichen Weltenraum umherjagen. Unser eigenes »=Menschenwesen=«,
welches in seinem anthropistischen Größenwahn sich als »Ebenbild
Gottes« verherrlicht, sinkt zur Bedeutung eines plazentalen
Säugetieres hinab, welches nicht mehr Wert für das ganze Universum
besitzt als die Ameise und die Eintagsfliege, als das mikroskopische
Infusorium und der winzigste Bazillus. Auch wir Menschen sind nur
vorübergehende Entwickelungszustände der ewigen Substanz, individuelle
Erscheinungsformen der Materie und Energie, deren Nichtigkeit wir
begreifen, wenn wir sie dem unendlichen Raum und der ewigen Zeit
gegenüberstellen.
_Raum und Zeit._ Seitdem =Kant= die Begriffe von Raum und Zeit als
bloße »Formen der Anschauung« erklärt hat -- den Raum als Form der
äußeren, die Zeit als Form der inneren Anschauung -- hat sich über
diese wichtigen Probleme der Erkenntnis ein Streit erhoben, der
auch heute noch fortdauert. Bei einem großen Teile der modernen
Metaphysiker hat sich die Ansicht befestigt, daß dieser »kritischen
Tat« als Ausgangspunkt einer »rein idealistischen Erkenntnistheorie«
die größte Bedeutung beizulegen sei, und daß damit die natürliche
Ansicht des gesunden Menschenverstandes von der =Realität des Raumes
und der Zeit= widerlegt sei. Diese einseitige Auffassung jener beiden
Grundbegriffe ist die Quelle der größten Irrtümer geworden; sie
übersieht, daß =Kant= mit jenem Satze nur die eine Seite des Problems,
die =subjektive=, streifte, daneben aber die andere, die =objektive=,
als gleichberechtigt anerkannte; er sagte: »Raum und Zeit haben
=empirische Realität=, aber =transzendentale Idealität=.« Mit diesem
Satze =Kants= kann sich unser moderner Monismus wohl einverstanden
erklären, nicht aber mit jener einseitigen Geltendmachung der
subjektiven Seite des Problems; denn diese führt in ihrer Konsequenz zu
jenem absurden Idealismus, der in =Berkeleys= Satze gipfelt: »Körper
sind nur Vorstellungen, ihr Dasein besteht im Wahrgenommenwerden«.
Dieser Satz sollte heißen: »Körper sind für mein persönliches
Bewußtsein nur Vorstellungen; ihr Dasein ist ebenso real wie dasjenige
meiner Denkorgane, nämlich der Ganglienzellen des Großhirns, welche
die Eindrücke der Körper auf meine Sinnesorgane aufnehmen und durch
Assozion derselben jene Vorstellung bilden.« Ebenso gut, wie ich die
»Realität von Raum und Zeit« bezweifle, oder gar leugne, kann ich
auch diejenige meines eigenen Bewußtseins leugnen; im Fieberdelirium,
in Halluzinationen, im Traum, im Doppelbewußtsein halte ich
Vorstellungen für wahr, welche nicht real, sondern »Einbildungen«
sind; ich halte sogar meine eigene Person für eine andere (S. 111);
das berühmte »~Cogito ergo sum~« gilt hier nicht mehr. Dagegen ist
die =Realität von Raum und Zeit= jetzt endgültig bewiesen durch die
Erweiterung unserer Weltanschauung, welche wir dem Substanzgesetz und
der monistischen Kosmogenie verdanken. Nachdem wir die unhaltbare
Vorstellung vom »leeren Raum« glücklich abgestreift haben, bleibt uns
als das unendliche, »=raumerfüllende= Medium« die =Materie=, und zwar
in ihren beiden Formen: =Äther= und =Masse=. Und ebenso betrachten wir
auf der anderen Seite als das »=zeiterfüllende= Geschehen« die ewige
Bewegung oder genetische =Energie=, welche sich in der ununterbrochenen
=Entwickelung= der Substanz äußert.
_~Universum perpetuum mobile~._ Da jeder bewegte Körper seine
Bewegung so lange fortsetzt, als ihn nicht äußere Umstände daran
hindern, kam der Mensch schon vor Jahrtausenden auf den Gedanken,
Apparate zu bauen, die sich, einmal in Bewegung gesetzt, immerfort
in derselben Weise weiter bewegen. Man übersah dabei, daß jede
Bewegung auf äußere Hindernisse stößt und allmählich aufhört, wenn
nicht ein neuer Anstoß von außen erfolgt, wenn nicht eine neue Kraft
zugeführt wird, die jene Hindernisse überwindet. So würde z. B. ein
schwingendes Pendel in Ewigkeit mit derselben Geschwindigkeit sich
hin und her bewegen, wenn nicht der Widerstand der Luft und die
Reibung im Aufhängungspunkte die mechanische lebendige Kraft seiner
Bewegung allmählich aufhöben und in Wärme verwandelten. Wir müssen ihm
durch einen neuen Anstoß (oder bei der Pendeluhr durch Aufziehen des
Gewichtes) neue mechanische Kraft zuführen. Daher ist die Konstruktion
einer Maschine, welche ohne äußere Hilfe einen Arbeitsüberschuß
erzeugt, durch den sie sich selbst immerfort im Gang erhält, unmöglich.
Alle Versuche, ein solches ~Perpetuum mobile~ zu bauen, mußten
fehlschlagen; die Erkenntnis des Substanzgesetzes bewies sodann auch
theoretisch die Unmöglichkeit desselben.
Anders verhält es sich aber, wenn wir den =Kosmos= als Ganzes ins Auge
fassen, das unendliche Weltall, welches nach unserer Anschauung in
ewiger Bewegung begriffen ist. Damit ist aber zugleich gesagt, daß das
ganze =Universum= selbst ein allumfassendes ~Perpetuum mobile~ ist.
Diese unendliche und ewige »Maschine des Weltalls« erhält sich selbst
in ewiger und ununterbrochener Bewegung, wobei die unendlich große
=Summe= der aktuellen und potentiellen Energie ewig dieselbe bleibt.
Nach unserer Auffassung ist also die Vorstellung des ~Perpetuum
mobile~ für den =ganzen= Kosmos ebenso wahr und fundamental bedeutend
wie sie für die isolierte Aktion eines =Teiles= desselben unmöglich
ist. Damit werden auch die Schlußfolgerungen abgelehnt, die aus der
Lehre von der =Entropie= gezogen worden sind.
_Entropie des Weltalls._ Der scharfsinnige Begründer der =mechanischen
Wärmetheorie= (1850), =Clausius=, faßte den wichtigsten Inhalt dieser
bedeutungsvollen Lehre in zwei Hauptsätzen zusammen. Der erste
Hauptsatz lautet: »=Die Energie des Weltalls ist konstant=«; er bildet
die eine Hälfte unseres Substanzgesetzes, das »Energieprinzip« (S.
28). Der zweite Hauptsatz behauptet: »=Die Entropie des Weltalls
strebt einem Maximum zu.=« Nach der Ansicht von =Clausius= zerfällt
die Gesamtenergie des Weltalls in zwei Teile, von denen der eine
(als Wärme von höherer Temperatur, als mechanische, elektrische,
chemische Energie usw.) noch teilweise in Arbeit umsetzbar ist,
der andere dagegen nicht; diese letztere, die bereits in Wärme
verwandelte und in kälteren Körpern angesammelte Energie, ist für
weitere Arbeitsleistung unwiederbringlich verloren. Diesen gleichsam
»verbrauchten« Energieteil, der nicht mehr in mechanische Arbeit
umgesetzt werden kann, nennt =Clausius Entropie= (d. h. die nach
innen gewendete Kraft); er wächst beständig auf Kosten des ersten
Teiles. Da nun tagtäglich immer mehr mechanische Energie des Weltalls
in Wärme übergeht und diese nicht in die erstere zurückverwandelt
werden kann, muß die gesamte Quantität der arbeitsfähigen Energie immer
mehr zerstreut und herabgesetzt werden. Alle Temperaturunterschiede
müßten zuletzt verschwinden und die völlig gebundene Wärme gleichmäßig
in einem einzigen trägen Klumpen von starrer Materie verbreitet sein;
alles organische Leben und alle organische Bewegung würde aufgehört
haben, wenn dieses =Maximum der Entropie= erreicht wäre; das wahre
»Ende der Welt« wäre da. (Vergl. =Felix Auerbach=, Die Weltherrin und
ihr Schatten, 1902.)
Wenn diese Anwendung der Lehre von der Entropie richtig wäre, so
müßte dem angenommenen »=Ende= der Welt« auch ein ursprünglicher
»=Anfang=« derselben entsprechen; beide Vorstellungen sind nach unserer
monistischen und konsequenten Auffassung des ewigen kosmogenetischen
Prozesses gleich unhaltbar. Es gibt einen Anfang der Welt ebensowenig
als ein Ende derselben. Wie das Universum unendlich ist, so bleibt es
auch ewig in Bewegung; ununterbrochen findet eine Verwandlung der
lebendigen Kraft in Spannkraft statt und umgekehrt; und die Summe
dieser aktuellen und potentiellen Energie bleibt immer dieselbe.
Die Verteidiger der Entropie behaupten dieselbe mit Recht, sobald
sie Prozesse ins Auge fassen, die in einem geschlossenen System
ablaufen. Im großen =Ganzen= des Weltalls, worauf wir den Begriff
eines »geschlossenen Systems« nicht anwenden können, herrschen
aber jedenfalls Verhältnisse, die eine Umkehrung des energetischen
Ablaufs möglich machen. So werden z. B. beim Zusammenstoße von zwei
Weltkörpern, die mit ungeheurer Geschwindigkeit aufeinander treffen,
kolossale Wärmemengen frei, während die zerstäubten Massen in den
Weltraum hinausgeschleudert und zerstreut werden. Das ewige Spiel der
rotierenden Massen mit Verdichtung der Teile, Ballung neuer kleiner
Meteoriten, Vereinigung derselben zu größeren usw. beginnt dann von
neuem.
=Herbert Spencer= hat in seinen »Grundprinzipien« überzeugend
dargelegt, daß selbst für ein =geschlossenes= Universum der Schluß
unerlaubt wäre, es müsse, einmal in Ruhe, auch unendliche Zeit in Ruhe
bleiben. Man könne sagen, der jetzige Zustand habe mit dem Ende einer
früheren Entwickelung begonnen, und das Ende der gegenwärtigen sei
zugleich der Anfang einer neuen; in dem Augenblick, wo das Maximum
der Entropie erreicht sei, setze gerade eine langsame Entwickelung im
entgegengesetzten Sinne ein, und so würde sich das Leben des Universums
unaufhörlich fortsetzen. Wie =Poincaré= (Die moderne Physik, 1908)
bemerkt, stimmt diese Auffassung mit der vieler Physiker überein,
welche z. B. nach der kinetischen Gastheorie annehmen, daß man bei
genügend langer Beobachtung die verschiedenen Zustände wiederkehren
sehen kann, wenn eine Gasmasse eine Reihe von Veränderungen
durchgemacht hat.
~II~. _Monistische Geogenie._ Die Entwickelungsgeschichte der Erde,
auf die wir jetzt noch einen flüchtigen Blick werfen, bildet nur einen
winzig kleinen Teil von derjenigen des Kosmos. Sie ist zwar auch gleich
dieser seit mehreren Jahrtausenden Gegenstand der philosophischen
Spekulation und noch mehr der mythologischen Dichtung gewesen; aber
ihre wirklich wissenschaftliche Erkenntnis ist viel jünger und stammt
zum weitaus größten Teile aus dem 19. Jahrhundert. Im Prinzip war die
Natur der Erde, als eines Planeten, der um die Sonne kreist, schon
durch das Weltsystem des =Kopernikus= (1543) bestimmt; durch =Galilei=,
=Kepler= und andere große Astronomen war ihr Abstand von der Sonne, ihr
Bewegungsgesetz usw. mathematisch festgestellt. Auch war bereits durch
die Kosmogenie von =Kant= und =Laplace= der Weg gezeigt, auf welchem
sich die Erde aus der Mutter Sonne entwickelt hatte. Aber die spätere
Geschichte unseres Planeten, die Umbildung seiner Oberfläche, die
Entstehung der Kontinente und Meere, der Gebirge und Wüsten war noch zu
Ende des 18. und in den ersten beiden Dezennien des 19. Jahrhunderts
nur wenig Gegenstand ernster wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen;
meistens begnügte man sich mit ziemlich unsicheren Vermutungen oder
mit der Annahme der traditionellen Schöpfungssagen; insbesondere
war es auch hier wieder der überlieferte Glaube an die mosaische
Schöpfungsgeschichte, welcher der selbständigen Forschung von
vornherein den Weg zur wahren Erkenntnis verlegte.
Erst im Jahre 1822 erschien ein bedeutendes Werk, welches zur
wissenschaftlichen Erforschung der Erdgeschichte diejenige Methode
einschlug, die sich bald als die weitaus fruchtbarste erwies, die
=ontologische Methode= oder das =Prinzip des Aktualismus=. Sie besteht
darin, daß wir die Erscheinungen der =Gegenwart= genau studieren
und benutzen, um dadurch die ähnlichen geschichtlichen Vorgänge der
=Vergangenheit= zu erklären. Nachdem zuerst =Karl Hoff= (Gotha) in
seiner »Geschichte der durch Überlieferung nachgewiesenen natürlichen
Veränderungen der Erdoberfläche« diese ontologische Methode (1822)
begründet hatte, wurde sie bald (1830) von dem großen englischen
Geologen =Charles Lyell= in seinen »Prinzipien der Geologie« auf die
ganze Geschichte der Erde erfolgreich angewendet. In neuester Zeit
hat =Johannes Walther= in seiner gedankenreichen »Geschichte der Erde
und des Lebens« (1908) eine lichtvolle populäre Darstellung derselben
gegeben.
Als zwei Hauptabschnitte der Erdgeschichte müssen wir vor allem
die =anorganische und organische Geogenie= unterscheiden; die
letztere beginnt mit dem ersten Auftreten lebender Wesen auf
unserem Erdball. Die =anorganische Geschichte= der Erde, der ältere
Abschnitt, verlief in derselben Weise wie diejenige der übrigen
Planeten unseres Sonnensystems; sie alle lösten sich vom Äquator des
rotierenden Sonnenkörpers als Nebelringe ab, welche sich allmählich zu
selbständigen Weltkörpern verdichteten. Aus dem gasförmigen Nebelball
wurde durch Abkühlung der glutflüssige Erdball, und weiterhin entstand
an dessen Oberfläche durch fortschreitende Wärmeausstrahlung die
dünne feste Rinde, welche wir bewohnen. Erst nachdem die Temperatur
an der Oberfläche bis zu einem gewissen Grade gesunken war, konnte
sich aus der umgebenden Dampfhülle das erste tropfbar-flüssige
Wasser niederschlagen, und damit war die wichtigste Vorbedingung
für die Entstehung des organischen Lebens gegeben. Viele Millionen
Jahre sind verflossen, seitdem dieser bedeutungsvolle Vorgang, die
erste Wasserbildung, eintrat und damit die Einleitung zum dritten
Hauptabschnitt der Kosmogenie, zur =Biogenie=.
~III~. _Monistische Biogenie._ Der dritte Hauptabschnitt der
Weltentwickelung beginnt mit der ersten Entstehung der Organismen auf
unserem Erdball und dauert seitdem ununterbrochen bis zur Gegenwart
fort. Die großen Welträtsel, welche dieser interessanteste Teil der
Erdgeschichte uns vorlegt, galten noch im Anfange des 19. Jahrhunderts
allgemein für unlösbar oder doch für so schwierig, daß ihre Lösung in
weitester Ferne zu liegen schien; am Ende desselben durften wir mit
berechtigtem Stolze sagen, daß sie durch die moderne =Biologie= und
ihren =Transformismus im Prinzip= gelöst sind. Zuerst stellte (1809)
=Jean Lamarck= die Lehre fest, daß alle die unzähligen Formen des
Tier- und Pflanzenreiches durch allmähliche Umbildung aus gemeinsamen
einfachsten Stammformen hervorgegangen sind, und daß die allmähliche
Veränderung der Gestalten durch =Anpassung=, in Wechselwirkung mit
=Vererbung=, diese langsame Transmutation bewirkt hat. Fünfzig
Jahre später führte =Charles Darwin= die einzelnen Teile dieser
»Deszendenztheorie«, gestützt auf die großartigen, inzwischen erfolgten
Fortschritte der Biologie, weiter aus und füllte zugleich durch seine
neue »Selektionstheorie« die bedenklichste Lücke der ersteren aus.
Er zeigte, wie »die natürliche Zuchtwahl im Kampf ums Dasein« der
unbewußte Schöpfer ist, welcher die zweckmäßige Organisation der
Lebensformen ohne vorbedachten Zweck und Schöpfungsplan hervorbringt.
Dadurch ist =Darwin= der »Kopernikus der organischen Welt« geworden.
~IV~. _Monistische Anthropogenie._ Als vierter und letzter
Hauptabschnitt der Weltentwickelung kann für uns Menschen derjenige
jüngste Zeitraum gelten, innerhalb dessen sich unser eigenes
Geschlecht entwickelt hat. Schon =Lamarck= (1809) hatte klar
erkannt, daß diese Entwickelung vernünftigerweise nur auf =einem=
natürlichen Wege denkbar sei, durch »=Abstammung vom Affen=«, als von
dem nächstverwandten Säugetiere. =Huxley= zeigte sodann (1863) in
seiner berühmten Abhandlung über »die Stellung des Menschen in der
Natur«, daß diese bedeutungsvolle Annahme ein notwendiger Folgeschluß
der Deszendenztheorie und durch anatomische, embryologische und
paläontologische Tatsachen wohlbegründet sei; er erklärte diese
»Frage aller Fragen« im Prinzip für gelöst. =Darwin= behandelte sie
in geistreicher Weise von verschiedenen Seiten in seinem Werke über
»die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl«
(1871). Ich selbst hatte schon in meiner Generellen Morphologie (1866)
diesem wichtigsten Spezialproblem der Abstammungslehre ein besonderes
Kapitel gewidmet. 1874 veröffentlichte ich meine =Anthropogenie=,
als ersten Versuch, die Abstammung des Menschen durch seine ganze
Ahnenreihe bis zur ältesten archigonen Monerenform hinauf zu verfolgen;
ich stützte mich dabei gleichmäßig auf die drei großen Urkunden der
Stammesgeschichte, auf die vergleichende Anatomie, Ontogenie und
Paläontologie (Fünfte umgearbeitete Auflage 1903). Wie weit wir
seitdem durch zahlreiche wichtige Fortschritte der anthropogenetischen
Forschung gekommen sind, habe ich in dem Vortrag gezeigt, den ich 1898
auf dem internationalen Zoologenkongresse in Cambridge ȟber unsere
gegenwärtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen« gehalten habe. Die
ausführlichste Darstellung derselben, unter Benutzung der neuesten
Fortschritte der Anthropogenie, habe ich in meiner letzten Abhandlung
gegeben: »=Unsere Ahnenreihe= (~Progonotaxis hominis~), Festschrift
zur 350jährigen Jubelfeier der Universität Jena, am 30. Juli 1908.«
=Vierzehntes Kapitel.=
_Einheit der Natur._
Monistische Studien über die materielle und energetische Einheit des
Kosmos. -- Mechanismus und Vitalismus. -- Ziel, Zweck und Zufall.
Durch das Substanzgesetz ist zunächst die fundamentale Tatsache
erwiesen, daß jede Naturkraft mittelbar oder unmittelbar in jede
andere umgewandelt werden kann. Mechanische und chemische Energie,
Schall und Wärme, Licht und Elektrizität können ineinander übergeführt
werden und erweisen sich nur als verschiedene Erscheinungsformen
einer und derselben Urkraft, der =Energie=. Daraus ergibt sich der
bedeutungsvolle Satz von der =Einheit aller Naturkräfte= oder, wie wir
auch sagen können, dem »=Monismus der Energie=«. Im gesamten Gebiete
der Physik und Chemie ist dieser Fundamentalsatz jetzt allgemein
anerkannt, soweit er die anorganischen Naturkörper betrifft.
Anders verhält sich scheinbar die organische Welt, das bunte und
formenreiche Gebiet des Lebens. Zwar liegt es auch hier auf der
Hand, daß ein =großer Teil= der Lebenserscheinungen unmittelbar auf
mechanische und chemische Energie, auf elektrische und Lichtwirkungen
zurückzuführen ist. Für einen anderen Teil aber wird das auch heute
noch bestritten, so vor allem für das Welträtsel des =Seelenlebens=,
insbesondere des Bewußtseins. Hier ist es nun das hohe Verdienst der
modernen =Entwickelungslehre=, die Brücke zwischen den beiden, scheinbar
getrennten Gebieten geschlagen zu haben. Wir sind jetzt zu der klaren
Überzeugung gelangt, daß auch alle Erscheinungen des =organischen=
Lebens ebenso dem universalen Substanzgesetz unterworfen sind wie die
=anorganischen= Phänomene im unendlichen Kosmos.
_Die Einheit der Natur,_ die hieraus folgt, die Überwindung des
früheren Dualismus, ist sicher eines der wertvollsten Ergebnisse
unserer modernen Entwickelungslehre. Ich habe diesen »=Monismus des
Kosmos=«, die prinzipielle »Einheit der organischen und anorganischen
Natur« schon 1866 sehr eingehend zu begründen versucht, indem ich die
Übereinstimmung der beiden großen Naturreiche in Beziehung auf Stoffe,
Formen und Kräfte einer eingehenden kritischen Prüfung und Vergleichung
unterzog (Generelle Morphologie, 5. Kap.). Einen kurzen Auszug
ihrer Ergebnisse enthält der fünfzehnte Vortrag meiner »Natürlichen
Schöpfungsgeschichte«. Während die hier entwickelten Anschauungen von
der großen Mehrzahl der Naturforscher gegenwärtig angenommen sind,
ist doch neuerdings von mehreren Seiten der Versuch gemacht worden,
sie zu bekämpfen und den alten Gegensatz von zwei ganz verschiedenen
Naturgebieten aufrecht zu erhalten. In der Hauptsache handelt es sich
auch hier wieder um den uralten Gegensatz der =mechanischen= und der
=teleologischen= Weltanschauung. Bevor wir auf denselben eingehen,
wollen wir kurz auf zwei andere Theorien hinweisen, welche nach meiner
Überzeugung für die Entscheidung dieser wichtigen Probleme sehr
wertvoll sind, die Kohlenstofftheorie und die Urzeugungslehre.