Aus diesen gewaltigen Fortschritten der Astronomie und Physik, die

sich gegenseitig erläutern und ergänzen, ergibt sich eine Reihe von

überaus wichtigen Schlüssen über die Zusammensetzung und Entwickelung

des Kosmos, über die Beharrung und Umbildung der Substanz. Wir

fassen dieselben kurz in folgenden Thesen zusammen: ~I~. Der

=Weltraum= ist unendlich groß und unbegrenzt; er ist nirgends leer,

sondern allenthalben mit Substanz erfüllt. ~II~. Die =Weltzeit=

ist ebenfalls unendlich und unbegrenzt; sie hat keinen Anfang und

kein Ende, sie ist Ewigkeit. ~III~. Die =Substanz= befindet sich

überall und jeder Zeit in ununterbrochener Bewegung und Veränderung;

nirgends herrscht vollkommene Ruhe und Starre; dabei bleibt aber die

unendliche Quantität der Materie ebenso unverändert wie diejenige

der ewig wechselnden Energie. ~IV~. Die Universalbewegung der

Substanz im Weltraum ist ein ewiger Kreislauf mit =periodisch= sich

wiederholenden Entwickelungszuständen. ~V~. Diese Phasen bestehen in

einem periodischen Wechsel der Temperatur und der dadurch bedingten

Dichtigkeitsverhältnisse (=Aggregatzustände=). ~VI~. Während in einem

Teile des Weltraums durch fortschreitende Verdichtung neue Weltkörper

entstehen, erfolgt gleichzeitig in anderen Teilen der entgegengesetzte

Prozeß, die Zerstörung von Weltkörpern, die aufeinander stoßen.

~VII~. Die ungeheuren Wärmequantitäten, welche durch diese

mechanischen Prozesse bei den Zusammenstößen der rotierenden Weltkörper

erzeugt werden, stellen die neuen lebendigen Kräfte dar, welche

die Bewegung der dabei gebildeten kosmischen Staubmassen und die

=Neubildung= rotierender Bälle bewirken: das ewige Spiel beginnt wieder

von neuem. Auch unsere Mutter Erde, die vor Millionen von Jahrtausenden

aus einem Teile des rotierenden Sonnensystems entstanden ist, wird nach

Verfluß weiterer Millionen erstarren und, nachdem ihre Bahn immer

kleiner geworden, in die Sonne stürzen.

Besonders wichtig für die klare Einsicht in den universalen

kosmischen Entwickelunsprozeß sind diese modernen Vorstellungen über

periodisch wechselnden Untergang und Neubildung der Weltkörper.

Unsere Mutter »=Erde=« schrumpft dabei auf den Wert eines winzigen

»Sonnenstäubchens« zusammen, wie deren ungezählte Millionen im

unendlichen Weltenraum umherjagen. Unser eigenes »=Menschenwesen=«,

welches in seinem anthropistischen Größenwahn sich als »Ebenbild

Gottes« verherrlicht, sinkt zur Bedeutung eines plazentalen

Säugetieres hinab, welches nicht mehr Wert für das ganze Universum

besitzt als die Ameise und die Eintagsfliege, als das mikroskopische

Infusorium und der winzigste Bazillus. Auch wir Menschen sind nur

vorübergehende Entwickelungszustände der ewigen Substanz, individuelle

Erscheinungsformen der Materie und Energie, deren Nichtigkeit wir

begreifen, wenn wir sie dem unendlichen Raum und der ewigen Zeit

gegenüberstellen.

_Raum und Zeit._ Seitdem =Kant= die Begriffe von Raum und Zeit als

bloße »Formen der Anschauung« erklärt hat -- den Raum als Form der

äußeren, die Zeit als Form der inneren Anschauung -- hat sich über

diese wichtigen Probleme der Erkenntnis ein Streit erhoben, der

auch heute noch fortdauert. Bei einem großen Teile der modernen

Metaphysiker hat sich die Ansicht befestigt, daß dieser »kritischen

Tat« als Ausgangspunkt einer »rein idealistischen Erkenntnistheorie«

die größte Bedeutung beizulegen sei, und daß damit die natürliche

Ansicht des gesunden Menschenverstandes von der =Realität des Raumes

und der Zeit= widerlegt sei. Diese einseitige Auffassung jener beiden

Grundbegriffe ist die Quelle der größten Irrtümer geworden; sie

übersieht, daß =Kant= mit jenem Satze nur die eine Seite des Problems,

die =subjektive=, streifte, daneben aber die andere, die =objektive=,

als gleichberechtigt anerkannte; er sagte: »Raum und Zeit haben

=empirische Realität=, aber =transzendentale Idealität=.« Mit diesem

Satze =Kants= kann sich unser moderner Monismus wohl einverstanden

erklären, nicht aber mit jener einseitigen Geltendmachung der

subjektiven Seite des Problems; denn diese führt in ihrer Konsequenz zu

jenem absurden Idealismus, der in =Berkeleys= Satze gipfelt: »Körper

sind nur Vorstellungen, ihr Dasein besteht im Wahrgenommenwerden«.

Dieser Satz sollte heißen: »Körper sind für mein persönliches

Bewußtsein nur Vorstellungen; ihr Dasein ist ebenso real wie dasjenige

meiner Denkorgane, nämlich der Ganglienzellen des Großhirns, welche

die Eindrücke der Körper auf meine Sinnesorgane aufnehmen und durch

Assozion derselben jene Vorstellung bilden.« Ebenso gut, wie ich die

»Realität von Raum und Zeit« bezweifle, oder gar leugne, kann ich

auch diejenige meines eigenen Bewußtseins leugnen; im Fieberdelirium,

in Halluzinationen, im Traum, im Doppelbewußtsein halte ich

Vorstellungen für wahr, welche nicht real, sondern »Einbildungen«

sind; ich halte sogar meine eigene Person für eine andere (S. 111);

das berühmte »~Cogito ergo sum~« gilt hier nicht mehr. Dagegen ist

die =Realität von Raum und Zeit= jetzt endgültig bewiesen durch die

Erweiterung unserer Weltanschauung, welche wir dem Substanzgesetz und

der monistischen Kosmogenie verdanken. Nachdem wir die unhaltbare

Vorstellung vom »leeren Raum« glücklich abgestreift haben, bleibt uns

als das unendliche, »=raumerfüllende= Medium« die =Materie=, und zwar

in ihren beiden Formen: =Äther= und =Masse=. Und ebenso betrachten wir

auf der anderen Seite als das »=zeiterfüllende= Geschehen« die ewige

Bewegung oder genetische =Energie=, welche sich in der ununterbrochenen

=Entwickelung= der Substanz äußert.

_~Universum perpetuum mobile~._ Da jeder bewegte Körper seine

Bewegung so lange fortsetzt, als ihn nicht äußere Umstände daran

hindern, kam der Mensch schon vor Jahrtausenden auf den Gedanken,

Apparate zu bauen, die sich, einmal in Bewegung gesetzt, immerfort

in derselben Weise weiter bewegen. Man übersah dabei, daß jede

Bewegung auf äußere Hindernisse stößt und allmählich aufhört, wenn

nicht ein neuer Anstoß von außen erfolgt, wenn nicht eine neue Kraft

zugeführt wird, die jene Hindernisse überwindet. So würde z. B. ein

schwingendes Pendel in Ewigkeit mit derselben Geschwindigkeit sich

hin und her bewegen, wenn nicht der Widerstand der Luft und die

Reibung im Aufhängungspunkte die mechanische lebendige Kraft seiner

Bewegung allmählich aufhöben und in Wärme verwandelten. Wir müssen ihm

durch einen neuen Anstoß (oder bei der Pendeluhr durch Aufziehen des

Gewichtes) neue mechanische Kraft zuführen. Daher ist die Konstruktion

einer Maschine, welche ohne äußere Hilfe einen Arbeitsüberschuß

erzeugt, durch den sie sich selbst immerfort im Gang erhält, unmöglich.

Alle Versuche, ein solches ~Perpetuum mobile~ zu bauen, mußten

fehlschlagen; die Erkenntnis des Substanzgesetzes bewies sodann auch

theoretisch die Unmöglichkeit desselben.

Anders verhält es sich aber, wenn wir den =Kosmos= als Ganzes ins Auge

fassen, das unendliche Weltall, welches nach unserer Anschauung in

ewiger Bewegung begriffen ist. Damit ist aber zugleich gesagt, daß das

ganze =Universum= selbst ein allumfassendes ~Perpetuum mobile~ ist.

Diese unendliche und ewige »Maschine des Weltalls« erhält sich selbst

in ewiger und ununterbrochener Bewegung, wobei die unendlich große

=Summe= der aktuellen und potentiellen Energie ewig dieselbe bleibt.

Nach unserer Auffassung ist also die Vorstellung des ~Perpetuum

mobile~ für den =ganzen= Kosmos ebenso wahr und fundamental bedeutend

wie sie für die isolierte Aktion eines =Teiles= desselben unmöglich

ist. Damit werden auch die Schlußfolgerungen abgelehnt, die aus der

Lehre von der =Entropie= gezogen worden sind.

_Entropie des Weltalls._ Der scharfsinnige Begründer der =mechanischen

Wärmetheorie= (1850), =Clausius=, faßte den wichtigsten Inhalt dieser

bedeutungsvollen Lehre in zwei Hauptsätzen zusammen. Der erste

Hauptsatz lautet: »=Die Energie des Weltalls ist konstant=«; er bildet

die eine Hälfte unseres Substanzgesetzes, das »Energieprinzip« (S.

28). Der zweite Hauptsatz behauptet: »=Die Entropie des Weltalls

strebt einem Maximum zu.=« Nach der Ansicht von =Clausius= zerfällt

die Gesamtenergie des Weltalls in zwei Teile, von denen der eine

(als Wärme von höherer Temperatur, als mechanische, elektrische,

chemische Energie usw.) noch teilweise in Arbeit umsetzbar ist,

der andere dagegen nicht; diese letztere, die bereits in Wärme

verwandelte und in kälteren Körpern angesammelte Energie, ist für

weitere Arbeitsleistung unwiederbringlich verloren. Diesen gleichsam

»verbrauchten« Energieteil, der nicht mehr in mechanische Arbeit

umgesetzt werden kann, nennt =Clausius Entropie= (d. h. die nach

innen gewendete Kraft); er wächst beständig auf Kosten des ersten

Teiles. Da nun tagtäglich immer mehr mechanische Energie des Weltalls

in Wärme übergeht und diese nicht in die erstere zurückverwandelt

werden kann, muß die gesamte Quantität der arbeitsfähigen Energie immer

mehr zerstreut und herabgesetzt werden. Alle Temperaturunterschiede

müßten zuletzt verschwinden und die völlig gebundene Wärme gleichmäßig

in einem einzigen trägen Klumpen von starrer Materie verbreitet sein;

alles organische Leben und alle organische Bewegung würde aufgehört

haben, wenn dieses =Maximum der Entropie= erreicht wäre; das wahre

»Ende der Welt« wäre da. (Vergl. =Felix Auerbach=, Die Weltherrin und

ihr Schatten, 1902.)

Wenn diese Anwendung der Lehre von der Entropie richtig wäre, so

müßte dem angenommenen »=Ende= der Welt« auch ein ursprünglicher

»=Anfang=« derselben entsprechen; beide Vorstellungen sind nach unserer

monistischen und konsequenten Auffassung des ewigen kosmogenetischen

Prozesses gleich unhaltbar. Es gibt einen Anfang der Welt ebensowenig

als ein Ende derselben. Wie das Universum unendlich ist, so bleibt es

auch ewig in Bewegung; ununterbrochen findet eine Verwandlung der

lebendigen Kraft in Spannkraft statt und umgekehrt; und die Summe

dieser aktuellen und potentiellen Energie bleibt immer dieselbe.

Die Verteidiger der Entropie behaupten dieselbe mit Recht, sobald

sie Prozesse ins Auge fassen, die in einem geschlossenen System

ablaufen. Im großen =Ganzen= des Weltalls, worauf wir den Begriff

eines »geschlossenen Systems« nicht anwenden können, herrschen

aber jedenfalls Verhältnisse, die eine Umkehrung des energetischen

Ablaufs möglich machen. So werden z. B. beim Zusammenstoße von zwei

Weltkörpern, die mit ungeheurer Geschwindigkeit aufeinander treffen,

kolossale Wärmemengen frei, während die zerstäubten Massen in den

Weltraum hinausgeschleudert und zerstreut werden. Das ewige Spiel der

rotierenden Massen mit Verdichtung der Teile, Ballung neuer kleiner

Meteoriten, Vereinigung derselben zu größeren usw. beginnt dann von

neuem.

=Herbert Spencer= hat in seinen »Grundprinzipien« überzeugend

dargelegt, daß selbst für ein =geschlossenes= Universum der Schluß

unerlaubt wäre, es müsse, einmal in Ruhe, auch unendliche Zeit in Ruhe

bleiben. Man könne sagen, der jetzige Zustand habe mit dem Ende einer

früheren Entwickelung begonnen, und das Ende der gegenwärtigen sei

zugleich der Anfang einer neuen; in dem Augenblick, wo das Maximum

der Entropie erreicht sei, setze gerade eine langsame Entwickelung im

entgegengesetzten Sinne ein, und so würde sich das Leben des Universums

unaufhörlich fortsetzen. Wie =Poincaré= (Die moderne Physik, 1908)

bemerkt, stimmt diese Auffassung mit der vieler Physiker überein,

welche z. B. nach der kinetischen Gastheorie annehmen, daß man bei

genügend langer Beobachtung die verschiedenen Zustände wiederkehren

sehen kann, wenn eine Gasmasse eine Reihe von Veränderungen

durchgemacht hat.

~II~. _Monistische Geogenie._ Die Entwickelungsgeschichte der Erde,

auf die wir jetzt noch einen flüchtigen Blick werfen, bildet nur einen

winzig kleinen Teil von derjenigen des Kosmos. Sie ist zwar auch gleich

dieser seit mehreren Jahrtausenden Gegenstand der philosophischen

Spekulation und noch mehr der mythologischen Dichtung gewesen; aber

ihre wirklich wissenschaftliche Erkenntnis ist viel jünger und stammt

zum weitaus größten Teile aus dem 19. Jahrhundert. Im Prinzip war die

Natur der Erde, als eines Planeten, der um die Sonne kreist, schon

durch das Weltsystem des =Kopernikus= (1543) bestimmt; durch =Galilei=,

=Kepler= und andere große Astronomen war ihr Abstand von der Sonne, ihr

Bewegungsgesetz usw. mathematisch festgestellt. Auch war bereits durch

die Kosmogenie von =Kant= und =Laplace= der Weg gezeigt, auf welchem

sich die Erde aus der Mutter Sonne entwickelt hatte. Aber die spätere

Geschichte unseres Planeten, die Umbildung seiner Oberfläche, die

Entstehung der Kontinente und Meere, der Gebirge und Wüsten war noch zu

Ende des 18. und in den ersten beiden Dezennien des 19. Jahrhunderts

nur wenig Gegenstand ernster wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen;

meistens begnügte man sich mit ziemlich unsicheren Vermutungen oder

mit der Annahme der traditionellen Schöpfungssagen; insbesondere

war es auch hier wieder der überlieferte Glaube an die mosaische

Schöpfungsgeschichte, welcher der selbständigen Forschung von

vornherein den Weg zur wahren Erkenntnis verlegte.

Erst im Jahre 1822 erschien ein bedeutendes Werk, welches zur

wissenschaftlichen Erforschung der Erdgeschichte diejenige Methode

einschlug, die sich bald als die weitaus fruchtbarste erwies, die

=ontologische Methode= oder das =Prinzip des Aktualismus=. Sie besteht

darin, daß wir die Erscheinungen der =Gegenwart= genau studieren

und benutzen, um dadurch die ähnlichen geschichtlichen Vorgänge der

=Vergangenheit= zu erklären. Nachdem zuerst =Karl Hoff= (Gotha) in

seiner »Geschichte der durch Überlieferung nachgewiesenen natürlichen

Veränderungen der Erdoberfläche« diese ontologische Methode (1822)

begründet hatte, wurde sie bald (1830) von dem großen englischen

Geologen =Charles Lyell= in seinen »Prinzipien der Geologie« auf die

ganze Geschichte der Erde erfolgreich angewendet. In neuester Zeit

hat =Johannes Walther= in seiner gedankenreichen »Geschichte der Erde

und des Lebens« (1908) eine lichtvolle populäre Darstellung derselben

gegeben.

Als zwei Hauptabschnitte der Erdgeschichte müssen wir vor allem

die =anorganische und organische Geogenie= unterscheiden; die

letztere beginnt mit dem ersten Auftreten lebender Wesen auf

unserem Erdball. Die =anorganische Geschichte= der Erde, der ältere

Abschnitt, verlief in derselben Weise wie diejenige der übrigen

Planeten unseres Sonnensystems; sie alle lösten sich vom Äquator des

rotierenden Sonnenkörpers als Nebelringe ab, welche sich allmählich zu

selbständigen Weltkörpern verdichteten. Aus dem gasförmigen Nebelball

wurde durch Abkühlung der glutflüssige Erdball, und weiterhin entstand

an dessen Oberfläche durch fortschreitende Wärmeausstrahlung die

dünne feste Rinde, welche wir bewohnen. Erst nachdem die Temperatur

an der Oberfläche bis zu einem gewissen Grade gesunken war, konnte

sich aus der umgebenden Dampfhülle das erste tropfbar-flüssige

Wasser niederschlagen, und damit war die wichtigste Vorbedingung

für die Entstehung des organischen Lebens gegeben. Viele Millionen

Jahre sind verflossen, seitdem dieser bedeutungsvolle Vorgang, die

erste Wasserbildung, eintrat und damit die Einleitung zum dritten

Hauptabschnitt der Kosmogenie, zur =Biogenie=.

~III~. _Monistische Biogenie._ Der dritte Hauptabschnitt der

Weltentwickelung beginnt mit der ersten Entstehung der Organismen auf

unserem Erdball und dauert seitdem ununterbrochen bis zur Gegenwart

fort. Die großen Welträtsel, welche dieser interessanteste Teil der

Erdgeschichte uns vorlegt, galten noch im Anfange des 19. Jahrhunderts

allgemein für unlösbar oder doch für so schwierig, daß ihre Lösung in

weitester Ferne zu liegen schien; am Ende desselben durften wir mit

berechtigtem Stolze sagen, daß sie durch die moderne =Biologie= und

ihren =Transformismus im Prinzip= gelöst sind. Zuerst stellte (1809)

=Jean Lamarck= die Lehre fest, daß alle die unzähligen Formen des

Tier- und Pflanzenreiches durch allmähliche Umbildung aus gemeinsamen

einfachsten Stammformen hervorgegangen sind, und daß die allmähliche

Veränderung der Gestalten durch =Anpassung=, in Wechselwirkung mit

=Vererbung=, diese langsame Transmutation bewirkt hat. Fünfzig

Jahre später führte =Charles Darwin= die einzelnen Teile dieser

»Deszendenztheorie«, gestützt auf die großartigen, inzwischen erfolgten

Fortschritte der Biologie, weiter aus und füllte zugleich durch seine

neue »Selektionstheorie« die bedenklichste Lücke der ersteren aus.

Er zeigte, wie »die natürliche Zuchtwahl im Kampf ums Dasein« der

unbewußte Schöpfer ist, welcher die zweckmäßige Organisation der

Lebensformen ohne vorbedachten Zweck und Schöpfungsplan hervorbringt.

Dadurch ist =Darwin= der »Kopernikus der organischen Welt« geworden.

~IV~. _Monistische Anthropogenie._ Als vierter und letzter

Hauptabschnitt der Weltentwickelung kann für uns Menschen derjenige

jüngste Zeitraum gelten, innerhalb dessen sich unser eigenes

Geschlecht entwickelt hat. Schon =Lamarck= (1809) hatte klar

erkannt, daß diese Entwickelung vernünftigerweise nur auf =einem=

natürlichen Wege denkbar sei, durch »=Abstammung vom Affen=«, als von

dem nächstverwandten Säugetiere. =Huxley= zeigte sodann (1863) in

seiner berühmten Abhandlung über »die Stellung des Menschen in der

Natur«, daß diese bedeutungsvolle Annahme ein notwendiger Folgeschluß

der Deszendenztheorie und durch anatomische, embryologische und

paläontologische Tatsachen wohlbegründet sei; er erklärte diese

»Frage aller Fragen« im Prinzip für gelöst. =Darwin= behandelte sie

in geistreicher Weise von verschiedenen Seiten in seinem Werke über

»die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl«

(1871). Ich selbst hatte schon in meiner Generellen Morphologie (1866)

diesem wichtigsten Spezialproblem der Abstammungslehre ein besonderes

Kapitel gewidmet. 1874 veröffentlichte ich meine =Anthropogenie=,

als ersten Versuch, die Abstammung des Menschen durch seine ganze

Ahnenreihe bis zur ältesten archigonen Monerenform hinauf zu verfolgen;

ich stützte mich dabei gleichmäßig auf die drei großen Urkunden der

Stammesgeschichte, auf die vergleichende Anatomie, Ontogenie und

Paläontologie (Fünfte umgearbeitete Auflage 1903). Wie weit wir

seitdem durch zahlreiche wichtige Fortschritte der anthropogenetischen

Forschung gekommen sind, habe ich in dem Vortrag gezeigt, den ich 1898

auf dem internationalen Zoologenkongresse in Cambridge ȟber unsere

gegenwärtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen« gehalten habe. Die

ausführlichste Darstellung derselben, unter Benutzung der neuesten

Fortschritte der Anthropogenie, habe ich in meiner letzten Abhandlung

gegeben: »=Unsere Ahnenreihe= (~Progonotaxis hominis~), Festschrift

zur 350jährigen Jubelfeier der Universität Jena, am 30. Juli 1908.«

=Vierzehntes Kapitel.=

_Einheit der Natur._

Monistische Studien über die materielle und energetische Einheit des

Kosmos. -- Mechanismus und Vitalismus. -- Ziel, Zweck und Zufall.

Durch das Substanzgesetz ist zunächst die fundamentale Tatsache

erwiesen, daß jede Naturkraft mittelbar oder unmittelbar in jede

andere umgewandelt werden kann. Mechanische und chemische Energie,

Schall und Wärme, Licht und Elektrizität können ineinander übergeführt

werden und erweisen sich nur als verschiedene Erscheinungsformen

einer und derselben Urkraft, der =Energie=. Daraus ergibt sich der

bedeutungsvolle Satz von der =Einheit aller Naturkräfte= oder, wie wir

auch sagen können, dem »=Monismus der Energie=«. Im gesamten Gebiete

der Physik und Chemie ist dieser Fundamentalsatz jetzt allgemein

anerkannt, soweit er die anorganischen Naturkörper betrifft.

Anders verhält sich scheinbar die organische Welt, das bunte und

formenreiche Gebiet des Lebens. Zwar liegt es auch hier auf der

Hand, daß ein =großer Teil= der Lebenserscheinungen unmittelbar auf

mechanische und chemische Energie, auf elektrische und Lichtwirkungen

zurückzuführen ist. Für einen anderen Teil aber wird das auch heute

noch bestritten, so vor allem für das Welträtsel des =Seelenlebens=,

insbesondere des Bewußtseins. Hier ist es nun das hohe Verdienst der

modernen =Entwickelungslehre=, die Brücke zwischen den beiden, scheinbar

getrennten Gebieten geschlagen zu haben. Wir sind jetzt zu der klaren

Überzeugung gelangt, daß auch alle Erscheinungen des =organischen=

Lebens ebenso dem universalen Substanzgesetz unterworfen sind wie die

=anorganischen= Phänomene im unendlichen Kosmos.

_Die Einheit der Natur,_ die hieraus folgt, die Überwindung des

früheren Dualismus, ist sicher eines der wertvollsten Ergebnisse

unserer modernen Entwickelungslehre. Ich habe diesen »=Monismus des

Kosmos=«, die prinzipielle »Einheit der organischen und anorganischen

Natur« schon 1866 sehr eingehend zu begründen versucht, indem ich die

Übereinstimmung der beiden großen Naturreiche in Beziehung auf Stoffe,

Formen und Kräfte einer eingehenden kritischen Prüfung und Vergleichung

unterzog (Generelle Morphologie, 5. Kap.). Einen kurzen Auszug

ihrer Ergebnisse enthält der fünfzehnte Vortrag meiner »Natürlichen

Schöpfungsgeschichte«. Während die hier entwickelten Anschauungen von

der großen Mehrzahl der Naturforscher gegenwärtig angenommen sind,

ist doch neuerdings von mehreren Seiten der Versuch gemacht worden,

sie zu bekämpfen und den alten Gegensatz von zwei ganz verschiedenen

Naturgebieten aufrecht zu erhalten. In der Hauptsache handelt es sich

auch hier wieder um den uralten Gegensatz der =mechanischen= und der

=teleologischen= Weltanschauung. Bevor wir auf denselben eingehen,

wollen wir kurz auf zwei andere Theorien hinweisen, welche nach meiner

Überzeugung für die Entscheidung dieser wichtigen Probleme sehr

wertvoll sind, die Kohlenstofftheorie und die Urzeugungslehre.

Die Welträtsel: Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie · 第 17 / 27 段