_Äther und Masse._ »Die gewaltige Hauptfrage nach dem Wesen des

Äthers«, wie sie =Hertz= mit Recht nennt, schließt auch diejenige

seiner Beziehungen zur Masse ein; denn beide Hauptbestandteile

der Materie befinden sich nicht nur überall in innigster äußerer

Berührung, sondern auch in ewiger dynamischer =Wechselwirkung=. Man

kann die allgemeinsten Naturerscheinungen, welche die Physik als

Naturkräfte oder als »Funktionen der Materie« unterscheidet, in

zwei Gruppen teilen, von denen die eine =vorzugsweise= (aber nicht

ausschließlich) Funktion des =Äthers=, die andere ebenso Funktion

der Masse ist. Die Erscheinungen des Lichtes, der strahlenden Wärme,

der Elektrizität und des Magnetismus werden überwiegend durch den

imponderablen Äther vermittelt; dagegen die Erscheinungen der Schwere,

der Trägheit, der Wasserwärme und des Chemismus durch die ponderable

=Masse=. Diese Unterscheidung bedeutet aber keine absolute Trennung

der beiden entgegengesetzten Energiegruppen; vielmehr bleiben beide

trotzdem vereinigt, behalten ihren Zusammenhang und stehen überall in

beständiger Wechselwirkung. Wie bekannt, sind optische und elektrische

Vorgänge des Äthers eng verknüpft mit mechanischen und chemischen

Veränderungen der Masse; die strahlende Wärme des ersteren geht direkt

über in die Massenwärme oder mechanische Wärme der letzteren; die

Gravitation kann nicht wirken, ohne daß der Äther die Massenanziehung

der getrennten Atome vermittelt, da wir keine Fernwirkung annehmen

können. Die Verwandlung einer Energieform in die andere, wie sie das

Gesetz von der Erhaltung der Kraft nachweist, bestätigt zugleich die

beständige Wechselwirkung zwischen den beiden Hauptteilen der Substanz,

zwischen =Äther= und =Masse=.

_Kraft und Energie._ Das große Grundgesetz der Natur, welches wir

als Substanzgesetz an die Spitze aller physikalischen Betrachtungen

stellen, wurde ursprünglich von =Robert Mayer=, der es aufstellte

(1842), und von =Helmholtz=, der es ausführte (1847), als das Gesetz

von der =Erhaltung der Kraft= bezeichnet. Schon zehn Jahre früher

hatte ein anderer deutscher Naturforscher, =Friedrich Mohr= in Bonn,

die wesentlichen Grundgedanken desselben klar entwickelt (1837).

Später wurde der alte Begriff der =Kraft= durch die moderne Physik von

demjenigen der =Energie= getrennt, der ursprünglich gleichbedeutend

war. Demnach wird jetzt dasselbe Gesetz gewöhnlich als das »Gesetz

von der =Konstanz der Energie=« bezeichnet. Für die allgemeine

Betrachtung desselben, mit der ich mich hier begnügen muß, und für das

große Prinzip von der »Erhaltung der Substanz« kommt dieser feinere

Unterschied nicht in Betracht. Der Leser, der sich dafür interessiert,

findet eine sehr klare Auseinandersetzung darüber z. B. in dem

ausgezeichneten Aufsatz des englischen Physikers =Tyndall= über »das

Grundgesetz der Natur« (Braunschweig 1898). Dort ist auch eingehend die

universale Bedeutung dieses kosmologischen Grundgesetzes erläutert,

sowie seine Anwendung auf die wichtigsten Probleme sehr verschiedener

Gebiete. Wir begnügen uns hier mit der wichtigen Tatsache, daß

gegenwärtig das »Energieprinzip« und die damit verknüpfte Überzeugung

von der Einheit der Naturkräfte, von ihrem gemeinsamen Ursprung, durch

alle kompetenten Physiker anerkannt und als der wichtigste Fortschritt

der Physik im 19. Jahrhundert gewürdigt wird. Wir wissen jetzt, daß

Wärme ebensogut eine Form der =Bewegung= ist, wie Schall, Elektrizität

ebenso wie Licht, Chemismus ebenso wie Magnetismus. Wir können durch

geeignete Vorrichtungen eine dieser Kräfte in die andere verwandeln,

und überzeugen uns dabei durch genaueste Messung, daß von ihrer

Gesamtsumme niemals das kleinste Teilchen verloren geht.

_Spannkraft und Triebkraft_ (=potentielle und aktuelle Energie=).

Die Gesamtsumme der Kraft oder Energie im Weltall bleibt beständig,

gleichviel, welche Veränderungen uns erscheinen; sie ist ewig und

unendlich, wie die Materie, an die sie untrennbar gebunden ist. Das

ganze Spiel der Natur beruht auf dem Wechsel von scheinbarer Ruhe und

Bewegung; die ruhenden Körper besitzen aber ebenso eine unverlierbare

Größe von Kraft, wie die bewegten. Bei der Bewegung selbst verwandelt

sich die Spannkraft der ersteren in die Triebkraft der letzteren.

»Indem das Prinzip der Erhaltung der Kraft sowohl die Abstoßung als

die Anziehung in Betracht zieht, behauptet es, daß der mechanische

Wert der Spannkräfte und der lebendigen Kräfte in der materiellen Welt

eine konstante Quantität ist. Kurz gesagt, zerfällt der Kraftbesitz

des Universums in zwei Teile, die nach einem bestimmten Wertverhältnis

ineinander verwandelt werden können. Die Verminderung des einen bringt

die Vergrößerung des anderen mit sich; der Gesamtwert seines Besitzes

bleibt jedoch unverändert.« =Die Spannkraft= oder die =potentielle

Energie= und die =lebendige Kraft= oder die aktuelle Energie (=

Triebkraft) werden beständig ineinander umgewandelt, ohne daß die

unendliche Gesamtsumme der Kraft im unendlichen Weltall jemals den

geringsten Verlust erleidet.

_Einheit der Naturkräfte._ Nachdem die moderne Physik das

Substanzgesetz zunächst für die einfacheren Beziehungen der

anorganischen Körper festgestellt hatte, wies die Physiologie dessen

allgemeine Geltung auch im Gesamtbereiche der organischen Natur

nach. Sie zeigte, daß alle Lebenstätigkeiten der Organismen ebenso

auf einem beständigen »=Kraftwechsel=« und einem damit verknüpften

»Stoffwechsel« beruhen wie die einfachsten Vorgänge in der sogenannten

»leblosen Natur«. Nicht nur das Wachstum und die Ernährung der

Pflanzen und Tiere, sondern auch die Funktionen ihrer Empfindung und

Bewegung, ihrer Sinnestätigkeit und ihres Seelenlebens beruhen auf der

Verwandlung von Spannkraft in lebendige Kraft und umgekehrt. Dieses

höchste Gesetz beherrscht auch diejenigen vollkommensten Leistungen

des Nervensystems, welche man bei den höheren Tieren und beim Menschen

als das »=Geistesleben=« bezeichnet. Somit gilt dasselbe auch für die

gesamte Psychologie. Wir kennen nur =einerlei Art= von Naturkräften in

allen Naturerscheinungen.

_Allmacht des Substanzgesetzes._ Unsere feste monistische Überzeugung,

daß das kosmologische Grundgesetz allgemeine Geltung für die =gesamte

Natur= besitzt, nimmt die höchste Bedeutung in Anspruch. Denn dadurch

wird nicht nur =positiv= die prinzipielle Einheit des Kosmos und der

kausale Zusammenhang aller uns erkennbaren Erscheinungen bewiesen,

sondern es wird dadurch zugleich =negativ= der höchste intellektuelle

Fortschritt erzielt, der definitive Sturz der =drei Zentraldogmen

der Metaphysik=: »Gott, Freiheit und Unsterblichkeit«. Indem das

Substanzgesetz überall mechanische Ursachen in den Erscheinungen

nachweist, verknüpft es sich mit dem »=allgemeinen Kausalgesetz=«.

=Dreizehntes Kapitel.=

_Entwickelungsgeschichte der Welt._

Monistische Studien über die ewige Entwickelung des Universum.

Schöpfung, Anfang und Ende der Welt. Entropie.

Unter allen Welträtseln das größte, umfassendste und schwerste ist

dasjenige von der Entstehung und Entwickelung der Welt, kurz gewöhnlich

die »=Schöpfungsfrage=« genannt. Auch zur Lösung dieses schwierigsten

Welträtsels hat das 19. Jahrhundert mehr beigetragen als alle früheren,

ja sie ist ihm sogar bis zu einem gewissen Grade gelungen. Wenigstens

sind wir zu der klaren Einsicht gelangt, daß alle verschiedenen

einzelnen Schöpfungsfragen untrennbar verknüpft sind, daß sie alle

nur ein einziges, allumfassendes »=kosmisches Universalproblem=«

bilden, und den Schlüssel zur Lösung dieser »Weltfrage« gibt uns

das eine Zauberwort: »=Entwickelung=«! Die großen Fragen von der

Schöpfung des Menschen, von der Schöpfung der Tiere und Pflanzen, von

der Schöpfung der Erde und der Sonne usw., sie alle sind nur Teile

jener Universalfrage: Wie ist die ganze Welt entstanden? Ist sie auf

übernatürlichem Wege »=erschaffen=«, oder hat sie sich auf natürlichem

Wege »=entwickelt=«? Welcher Art sind die Ursachen und die Wege dieser

Entwickelung? Gelingt es uns, eine sichere Antwort auf diese Fragen

für eines jener =Teil=-Probleme zu finden, so haben wir nach unserer

einheitlichen Naturauffassung damit zugleich ein erhellendes Licht auf

deren Beantwortung für das =ganze= Weltproblem geworfen.

_Schöpfung (~Creatio~)._ Die herrschende Ansicht über die Entstehung

der Welt war in früheren Jahrhunderten fast überall, wo denkende

Menschen wohnten, der =Glaube an die Schöpfung=. In Tausenden von

interessanten, mehr oder weniger fabelhaften Sagen und Dichtungen,

=Kosmogonien= und =Schöpfungsmythen= hat dieser Schöpfungsglaube seinen

mannigfaltigen Ausdruck gefunden. Frei davon blieben nur wenige große

Philosophen und besonders jene bewunderungswürdigen freien Denker

des klassischen Altertums, die zuerst den Gedanken der natürlichen

=Entwickelung= erfaßten. Im Gegensatz zu diesem letzteren trugen alle

jene Schöpfungsmythen den Charakter des =Übernatürlichen=, Wunderbaren

oder Transzendenten. Unfähig, das Wesen der Welt selbst zu erkennen

und ihre Entstehung durch natürliche Ursachen zu erklären, mußte

die unentwickelte Vernunft selbstverständlich zum =Wunder= greifen.

In den meisten Schöpfungssagen verknüpfte sich mit dem Wunder die

Vermenschlichung (der =Anthropismus=). Wie der Mensch mit Absicht

und durch Kunst seine Werke schafft, so sollte der bildende »Gott«

planmäßig die Welt erschaffen haben; die Vorstellung dieses Schöpfers

war meistens ganz menschenähnlich (anthropomorph). Der »allmächtige

Schöpfer Himmels und der Erden«, wie er im ersten Buch Moses und in

unserem heute noch gültigen Katechismus schafft, ist ebenso ganz

menschlich gedacht wie der moderne Schöpfer von =Agassiz= und =Reinke=.

_Schöpfung des Weltalls und der Einzeldinge_ (=Kreation der Substanz

und der Akzidenzen=). Bei tieferem Eingehen in den Wunderbegriff der

=Kreation= können wir als zwei wesentlich verschiedene Akte die totale

Schöpfung des Weltalls und die partielle Schöpfung der einzelnen

Dinge unterscheiden, entsprechend dem Begriffe =Spinozas= von der

=Substanz= (dem ~Universum~) und den =Akzidenzen= (oder ~Modi~,

den einzelnen »Erscheinungsformen der Substanz«). Diese Unterscheidung

ist prinzipiell wichtig; denn es hat viele und angesehene Philosophen

gegeben (und es gibt noch heute solche), welche die erstere annehmen,

die letztere dagegen verwerfen.

_Schöpfung der Substanz_ (=Kosmologischer Kreatismus=). Nach dieser

Schöpfungslehre hat »Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen«.

Man stellt sich vor, daß der »ewige Gott« (als vernünftiges, aber

immaterielles Wesen!) für sich allein von Ewigkeit her (im leeren

Raum) ohne Welt existierte, bis er dann einmal auf den Gedanken kam,

»die Welt zu schaffen«. Viele Anhänger dieses Glaubens beschränken

die Schöpfungstätigkeit Gottes aufs Äußerste, auf einen einzigen Akt;

sie nehmen an, daß der außerweltliche Gott (dessen übrige Tätigkeit

rätselhaft bleibt!) in einem Augenblick die Substanz erschaffen, ihr

die Fähigkeit zur weitergehenden Entwickelung beigelegt und sich dann

nie weiter um sie bekümmert habe. Diese weit verbreitete Ansicht ist

namentlich im englischen =Deismus= vielfach ausgebildet worden; sie

nähert sich unserer monistischen Entwickelungslehre und gibt sie nur

in dem einen Momente preis, in welchem Gott auf den Schöpfungsgedanken

kam. Andere Anhänger des kosmologischen Kreatismus nehmen dagegen

an, daß »Gott der Herr« die Substanz nicht nur einmal erschaffen

habe, sondern als bewußter »Erhalter und Regierer der Welt« in deren

Geschichte fortwirke. Viele Variationen dieses Glaubens nähern sich

bald dem =Pantheismus=, bald dem konsequenten =Theismus=. Alle diese

und ähnliche Formen des Schöpfungsglaubens sind unvereinbar mit dem

Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffs; dieses kennt keinen

»Anfang der Welt«.

_Schöpfung der Einzeldinge_ (=Ontologischer Kreatismus=). Nach dieser

individuellen, noch jetzt herrschenden Schöpfungslehre hat Gott

der Herr nicht nur die Welt im Ganzen (»aus Nichts«) geschaffen,

sondern auch alle einzelnen Dinge. In der christlichen Kulturwelt

besitzt noch heute die uralte semitische, aus dem ersten Buch Moses

herübergenommene Schöpfungssage die weiteste Geltung; selbst unter

den modernen Naturforschern findet sie noch hier und da gläubige

Anhänger. Ich habe meine kritische Auffassung derselben im ersten

Kapitel meiner »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« eingehend dargelegt.

Als interessante Modifikationen dieses ontologischen Kreatismus

dürften folgende Theorien zu unterscheiden sein: ~I~. =Dualistische

Kreation=: Gott hat sich auf =zwei Schöpfungsakte= beschränkt; zuerst

schuf er die anorganische Welt, die tote Substanz, für die allein

das Gesetz der Energie gilt, blind und ziellos wirkend im Mechanismus

der Weltkörper und der Gebirgsbildung; später erwarb Gott Intelligenz

und teilte diese den Dominanten mit, den zielstrebigen, intelligenten

Kräften, welche die Entwickelung der Organismen bewirken und leiten

(Reinke). ~II~. =Trialistische Kreation=: Gott hat die Welt in

=drei Hauptakten= geschaffen: ~A~. Schöpfung des Himmels (d. h. der

außerirdischen Welt); ~B~. Schöpfung der Erde (als Mittelpunkt der

Welt) und ihrer Organismen; ~C~. Schöpfung des Menschen (als Ebenbild

Gottes): dieses Dogma ist noch heute weit verbreitet unter christlichen

Theologen und anderen »Gebildeten«; es wird in vielen Schulen als

Wahrheit gelehrt. ~III~. =Hexamerale Kreation=: die Schöpfung in

sechs Tagen (nach =Moses=). Obgleich nur wenige Gebildete heute noch

wirklich an diesen mosaischen Mythus glauben, wird er dennoch unseren

Kindern schon in der frühesten Jugend mit dem Bibelunterricht fest

eingeprägt. Die vielfachen, namentlich in England gemachten Versuche,

denselben mit der modernen Entwickelungslehre in Einklang zu bringen,

sind völlig fehlgeschlagen. Für die Naturwissenschaft gewann derselbe

dadurch große Bedeutung, daß =Linné= bei Begründung seines Natursystems

(1735) ihn annahm und zur Begriffsbestimmung der organischen (von

ihm für beständig gehaltenen) =Spezies= benutzte: »Es gibt so viele

verschiedene Arten von Tieren und Pflanzen, als im Anfang verschiedene

Formen von dem unendlichen Wesen erschaffen worden sind.« Dieses Dogma

wurde ziemlich allgemein bis auf =Darwin= (1859) festgehalten, obgleich

=Lamarck= schon 1809 seine Unhaltbarkeit dargelegt hatte. ~IV~.

=Periodische Kreation=: im Anfang jeder Periode der Erdgeschichte

wurde die ganze Tier- und Pflanzenbevölkerung neu geschaffen und am

Ende derselben durch eine allgemeine Katastrophe vernichtet; es gibt

so viele General-Schöpfungsakte, als getrennte geologische Perioden

aufeinander folgten (die Katastrophentheorie von =Cuvier=, 1818,

und von =Louis Agassiz=, 1858). Die Paläontologie, welche in ihren

unvollkommenen Anfängen diese Lehre von den wiederholten Neuschöpfungen

der organischen Welt zu stützen schien, hat dieselbe später vollständig

widerlegt. ~V~. =Individuelle Kreation=: jeder einzelne Mensch --

ebenso wie jedes einzelne Tier und jedes Pflanzenindividuum -- ist

nicht durch einen natürlichen Fortpflanzungsakt entstanden, sondern

durch die Gnade Gottes geschaffen (»der alle Dinge kennt und die

Haare auf unserem Haupte gezählt hat«). Man liest diese christliche

Schöpfungsansicht noch heute oft in den Zeitungen, besonders bei

Geburtsanzeigen (»Gestern schenkte uns der gnädige Gott einen gesunden

Knaben« usw.). Auch die individuellen Talente und Vorzüge unserer

Kinder werden oft als »besondere Gaben Gottes« dankbar anerkannt (die

erblichen Fehler gewöhnlich nicht!).

_Entwickelung (~Genesis~, ~Evolutio~)._ Die Unhaltbarkeit der

Schöpfungssagen und des damit verknüpften Wunderglaubens mußte sich

schon frühzeitig denkenden Menschen aufdrängen; wir finden daher

schon vor mehr als zweitausend Jahren zahlreiche Versuche, dieselben

durch eine vernünftige Theorie zu ersetzen und die Entstehung der

Welt mittels natürlicher Ursachen zu erklären. Allen voran stehen

hierin wieder die großen Denker der ionischen Naturphilosophie,

ferner Demokritos, Heraklitos, Empedokles, Aristoteles, Lukretius

und andere Philosophen des Altertums. Die ersten unvollkommenen

Versuche, welche sie unternahmen, überraschen uns zum Teil durch

strahlende Lichtblicke des Geistes, die als Vorläufer moderner Ideen

erscheinen. Indessen fehlte dem klassischen Altertum jener sichere

Boden der naturphilosophischen Spekulation, der erst durch unzählige

Beobachtungen und Versuche der Neuzeit gewonnen wurde. Während des

Mittelalters -- und besonders während der Gewaltherrschaft des

Papismus -- ruhte die wissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiete

ganz. Die Tortur und die Scheiterhaufen der Inquisition sorgten

dafür, daß der unbedingte Glaube an die hebräische Mythologie des

Moses als definitive Antwort auf alle Schöpfungsfragen galt. Selbst

diejenigen Erscheinungen, die unmittelbar zur Beobachtung der

Entwickelungs-=Tatsachen= aufforderten, die Keimesgeschichte der

Tiere und Pflanzen, die Embryologie des Menschen, blieben unbeachtet

oder erregten nur hie und da das Interesse einzelner wißbegieriger

Beobachter; aber ihre Entdeckungen wurden ignoriert und vergessen.

Außerdem wurde der wahren Erkenntnis der natürlichen Entwickelung

ihr Weg von vornherein durch die herrschende =Präformationslehre=

versperrt, durch das Dogma, daß die charakteristische Form und Struktur

jeder Tier- und Pflanzenart schon im Keime vorgebildet sei (vergl.

S. 33).

_Entwickelungslehre_ (=Evolutismus=, =Evolutionismus=). Die

Wissenschaft, die wir heute Entwickelungslehre (im weitesten Sinne)

nennen, ist sowohl im ganzen als in ihren einzelnen Teilen ein Kind des

19. Jahrhunderts; sie gehört zu seinen wichtigsten und glänzendsten

Erzeugnissen. Tatsächlich ist dieser Begriff, der noch im 18.

Jahrhundert fast unbekannt war, heute bereits ein fester Grundstein

unserer ganzen Weltanschauung geworden. Ich habe die Grundzüge

derselben in früheren Schriften ausführlich behandelt, am eingehendsten

in der »Generellen Morphologie« (1866), sodann mehr populär in der

»Natürlichen Schöpfungsgeschichte« (1868, elfte Auflage 1908) und mit

besonderer Beziehung auf den Menschen in der »Anthropogenie« (1874,

fünfte Auflage 1903). Ich beschränke mich daher hier auf eine kurze

Übersicht der wichtigsten Fortschritte, welche die Entwickelungslehre

im Laufe des 19. Jahrhunderts gemacht hat; sie zerfällt nach ihren

Objekten in vier Hauptteile: die natürliche Entstehung 1. des Kosmos,

2. der Erde, 3. der irdischen Organismen und 4. des Menschen.

~I~. _Monistische Kosmogenie._ Den ersten »Versuch«, die

Verfassung und den mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebäudes

nach »=Newton=schen Grundsätzen« -- d. h. durch mathematische und

physikalische Gesetze -- in einfachster Weise zu erklären, unternahm

=Immanuel Kant= in seinem berühmten Jugendwerke, der »Allgemeinen

Naturgeschichte und Theorie des Himmels« (1755). Leider blieb dieses

großartige und kühne Werk 90 Jahre hindurch fast unbekannt; es wurde

erst 1845 durch =Alexander von Humboldt= wieder hervorgezogen,

im ersten Bande seines »Kosmos«. Inzwischen war aber der große

französische Mathematiker =Pierre Laplace= selbständig auf ähnliche

Theorien wie =Kant= gekommen und führte sie mit mathematischer

Begründung weiter aus in seiner »~Exposition du système du monde~«

(1796). Sein Hauptwerk »~Mécanique céleste~« erschien im Jahre

1799. Die übereinstimmenden Grundzüge der Kosmogenie von =Kant=

und =Laplace= beruhen bekanntlich auf einer mechanischen Erklärung

der Planetenbewegungen und der daraus abgeleiteten Annahme, daß

alle Weltkörper ursprünglich aus rotierenden Nebelbällen durch

Verdichtung entstanden sind. Diese »=Nebularhypothese=« ist zwar später

vielfach verbessert und ergänzt worden, sie gilt aber noch heute

als der beste von allen Versuchen, die Entstehung des Weltgebäudes

einheitlich und mechanisch zu erklären (vergl. =Wilhelm Bölsche=,

Entwickelungsgeschichte der Natur. ~I~. Bd. 1894). In späterer Zeit

hat sie eine bedeutungsvolle Ergänzung und zugleich Verstärkung

durch die Annahme gewonnen, daß dieser =kosmogonische Prozeß= nicht

nur einmal stattgefunden, sondern sich periodisch wiederholt hat.

Während in gewissen Teilen des unendlichen Weltraums aus rotierenden

Nebelbällen neue Weltkörper entstehen und sich entwickeln, werden in

anderen Teilen desselben umgekehrt alte, erkaltete und abgestorbene

Weltkörper durch Zusammenstoß wieder zerstäubt und in diffuse

Nebelmassen aufgelöst.

_Anfang und Ende der Welt._ Fast alle älteren und neueren Kosmogenien

und so auch die meisten, die sich an =Kant= und =Laplace= anschlossen,

gingen von der herrschenden Ansicht aus, daß die Welt einen =Anfang=

gehabt habe. So hätte sich »im Anfang« nach einer vielverbreiteten

Form der »Nebularhypothese« ursprünglich ein ungeheurer Nebelball

aus äußerst dünner und leichter Materie gebildet, und in einem

bestimmten Zeitpunkte (»vor undenklich langer Zeit«) habe in diesem

eine Rotationsbewegung angefangen. Ist der »erste Anfang« dieser

kosmogenen Bewegung erst einmal gegeben, so lassen sich dann nach

jenen mechanischen Prinzipien die weiteren Vorgänge in der Bildung der

Weltkörper, der Sonderung der Planetensysteme usw. sicher ableiten

und mathematisch begründen. Dieser erste »=Ursprung der Bewegung=«

ist das zweite »Welträtsel« von =Du Bois-Reymond=; er erklärt es für

=transzendent=. Auch viele andere Naturforscher und Philosophen kommen

um diese Schwierigkeit nicht herum und resignieren mit dem Geständnis,

daß man hier einen ersten »übernatürlichen Anstoß«, also ein »Wunder«,

annehmen müsse.

Nach unserer Ansicht wird dieses »zweite Welträtsel« durch die Annahme

gelöst, daß die =Bewegung= ebenso eine immanente und =ursprüngliche=

Eigenschaft der Substanz ist wie die =Empfindung= (Kap. 12). Die

Berechtigung zu dieser monistischen Annahme finden wir erstens im

Substanzgesetz und zweitens in den großen Fortschritten, welche die

Astronomie und Physik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

gemacht haben. Durch die =Spektralanalyse= von =Bunsen= und =Kirchhoff=

(1860) haben wir nicht nur erfahren, daß die Millionen Weltkörper,

welche den unendlichen Weltraum erfüllen, aus denselben Materien

bestehen wie unsere Sonne und Erde, sondern auch, daß sie sich in

verschiedenen Zuständen der Entwickelung befinden; wir haben sogar

mit ihrer Hilfe Kenntnisse über die Bewegungen und Entfernungen der

Fixsterne gewonnen, welche durch das Fernrohr allein nicht erkannt

werden konnten. Ferner ist das =Teleskop= selbst sehr bedeutend

verbessert worden und hat uns mit Hilfe der =Photographie= eine Fülle

von astronomischen Entdeckungen geschenkt, welche im Beginne des 19.

Jahrhunderts noch nicht geahnt werden konnten. Insbesondere hat die

bessere Kenntnis der Kometen und Sternschnuppen, der Sternhaufen und

Nebelflecke, uns die große Bedeutung der kleinen Weltkörper kennen

gelehrt, welche zu Milliarden zwischen den größeren Sternen im Weltraum

verteilt sind.

Wir wissen jetzt auch, daß die =Bahnen= der Millionen von Weltkörpern

=veränderlich= und zum Teil unregelmäßig sind, während man früher die

Planetensysteme als beständig betrachtete und die rotierenden Bälle

in ewiger Gleichmäßigkeit ihre Kreise beschreiben ließ. Wichtige

Aufschlüsse verdankt die Astrophysik auch den gewaltigen Fortschritten

in anderen Gebieten der Physik, vor allem in der Optik und Elektrik,

sowie in der dadurch geförderten Äthertheorie. Endlich erweist sich

auch hier wieder als größter Fortschritt unserer Naturerkenntnis das

=universale Substanzgesetz=. Wir wissen jetzt, daß es ebenso überall

in den fernsten Welträumen unbedingte Geltung hat wie in unserem

Planetensystem, ebenso in dem kleinsten Teilchen unserer Erde wie in

der kleinsten Zelle unseres menschlichen Körpers. Wir sind aber auch

zu der wichtigen Annahme berechtigt und logisch gezwungen, daß die

Erhaltung der Materie und der Energie zu allen Zeiten ebenso allgemein

bestanden hat, wie sie heute ohne Ausnahme besteht. =In alle Ewigkeit

war, ist und bleibt das unendliche Universum dem Substanzgesetz

unterworfen.=

Die Welträtsel: Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie · 第 16 / 27 段