monistische Weltanschauung ist die feste Überzeugung, daß die beiden
großen kosmologischen Grundlehren, das chemische Grundgesetz von
der Erhaltung des Stoffes und das physikalische Grundgesetz von der
Erhaltung der Kraft, untrennbar zusammengehören; beide Theorien sind
ebenso innig verknüpft, wie ihre beiden Objekte, =Stoff= und =Kraft=
(oder Materie und Energie). Vielen monistisch denkenden Naturforschern
und Philosophen wird diese =fundamentale Einheit= beider Gesetze
selbstverständlich erscheinen, da ja beide nur zwei verschiedene Seiten
eines und demselben Objektes, des »=Kosmos=«, betreffen; indessen
ist diese naturgemäße Überzeugung weit entfernt, sich allgemeiner
Anerkennung zu erfreuen. Sie wird vielmehr energisch bekämpft von
der gesamten dualistischen Philosophie, von der vitalistischen
Biologie, der parallelistischen Psychologie; ja sogar von vielen
(inkonsequenten!) Monisten, welche im »Bewußtsein« oder in der höheren
Geistestätigkeit des Menschen, oder auch in anderen Erscheinungen des
»freien Geisteslebens« einen Gegenbeweis zu finden glauben.
Ich betone daher ganz besonders die fundamentale Bedeutung des
=einheitlichen= Substanzgesetzes als Ausdruck des untrennbaren
Zusammenhanges jener beiden begrifflich getrennten Gesetze. Daß
dieselben ursprünglich nicht zusammengefaßt und nicht in dieser
Einheit erkannt wurden, ergibt sich ja schon aus der Tatsache ihrer
verschiedenen Entdeckungszeit. Die Einheit beider Grundgesetze,
welche noch heute vielfach bestritten wird, drücken viele überzeugte
Naturforscher in der Benennung aus: »Gesetz von der Erhaltung der
Kraft und des Stoffes«. Um einen kürzeren und bequemeren Ausdruck für
diesen fundamentalen, aus neun Worten zusammengesetzten Begriff zu
haben, habe ich schon vor längerer Zeit vorgeschlagen, dasselbe das
»=Substanzgesetz=« oder das »kosmologische Grundgesetz« zu nennen
(Monismus, 1892, S. 14, 39).
_Substanzbegriff._ Der erste Denker, der den reinen =monistischen=
»Substanzbegriff« in die Wissenschaft einführte und seine fundamentale
Bedeutung erkannte, war der große Philosoph =Baruch Spinoza=; sein
Hauptwerk erschien kurz nach seinem frühzeitigen Tode, 1677. In seiner
großartigen pantheistischen Weltanschauung fällt der Begriff der Welt
(Universum, Kosmos) zusammen mit dem allumfassenden Begriff =Gott=;
sie ist gleichzeitig der reinste und vernünftigste =Monismus=, und der
geklärteste und abstrakteste =Monotheismus=. Diese =Universalsubstanz=
oder dieses göttliche Weltwesen zeigt uns zwei verschiedene Seiten
seines wahren Wesens, zwei fundamentale =Attribute=: die =Materie=
(den unendlichen =ausgedehnten= Substanzstoff) und den =Geist= (die
allumfassende =denkende= Substanzenergie). Alle Wandelungen, die später
der Substanzbegriff gemacht hat, kommen bei konsequenter Analyse auf
diesen höchsten Grundbegriff von =Spinoza= zurück, den ich mit =Goethe=
für einen der erhabensten und wahrsten Gedanken aller Zeiten halte.
Alle einzelnen Objekte der Welt, die unserer Erkenntnis zugänglich
sind, alle individuellen Formen des Daseins, sind nur besondere
vergängliche Formen der Substanz, =Akzidenzen= oder =Moden=. Diese
=Modi= sind körperliche Dinge, materielle Körper, wenn wir sie unter
dem Attribut der =Ausdehnung= (der »Raumerfüllung«) betrachten, dagegen
Kräfte oder Ideen, wenn wir sie unter dem Attribut des =Denkens= (der
»Energie«) betrachten. Auf diese Grundvorstellung von =Spinoza= kommt
auch unser =Monismus= jetzt zurück; auch für uns sind =Materie= (der
raumerfüllende Stoff) und =Energie= (die bewegende Kraft) nur zwei
untrennbare Attribute des einheitlichen Weltwesens, der einen Substanz.
_Der kinetische Substanzbegriff._ (Urprinzip der Schwingung oder
Vibration.) Unter den verschiedenen Formen, welche der fundamentale
Substanzbegriff in der neueren Physik, in Verbindung mit der
herrschenden Atomistik, angenommen hat, überwog bisher die Annahme,
daß allen Erscheinungen eine schwingende Bewegung der kleinsten
Massenteilchen zugrunde liege, eine =Vibration der Atome=. Die Atome
selbst sind dem gewöhnlichen »kinetischen Substanzbegriff« zufolge
tote diskrete Körperteilchen, welche im leeren Raum schwingen und
in die Ferne wirken. Der eigentliche Begründer und angesehenste
Vertreter dieser kinetischen Substanztheorie ist der große Mathematiker
=Newton=, der berühmte Entdecker des =Gravitationsgesetzes=. In seinem
Hauptwerke »~Principia philosophiae naturalis mathematica~« (1687)
wies er nach, daß im ganzen Weltall ein und dasselbe Grundgesetz der
=Massenanziehung=, dieselbe unveränderliche Gravitationskonstante
herrscht; die Anziehung von je zwei Massenteilchen steht im geraden
Verhältnis ihrer Massen und im umgekehrten Verhältnis des Quadrats
ihrer Entfernungen. Diese allgemeine »=Schwerkraft=« bewirkt ebenso
die Bewegung des fallenden Apfels und die Flutwelle des Meeres, wie
den Umlauf der Planeten um die Sonne und die kosmischen Bewegungen
aller Weltkörper. Das unsterbliche Verdienst von =Newton= war,
dieses Gravitationsgesetz endgültig festzustellen und dafür eine
unanfechtbare mathematische Formel zu finden. Aber diese =tote
mathematische Formel=, auf welche die meisten Naturforscher hier, wie
in vielen anderen Fällen, das größte Gewicht legen, gibt uns nur die
=quantitative= Beweisführung für die Theorie, sie gewährt uns nicht
die mindeste Einsicht in das =qualitative= Wesen der Erscheinungen.
Die unvermittelte =Fernwirkung=, welche =Newton= aus seinem
Gravitationsgesetz ableitete und welche zu einem der wichtigsten und
gefährlichsten Dogmen der späteren Physik wurde, gibt uns nicht den
mindesten Aufschluß über die eigentlichen Ursachen der Massenanziehung;
vielmehr versperrt sie uns den Weg zu deren Erkenntnis.
_Der trinitäre Substanzbegriff._ Die tiefer liegenden Ursachen der
Massenanziehung werden klar, und zugleich werden manche Einwände gegen
unsere monistische Substanztheorie hinfällig, wenn wir den beiden
Substanzattributen von Spinoza noch ein drittes, davon untrennbares
Attribut hinzufügen, die unbewußte =Empfindung= (~Psychoma~). Die
wahren »inneren Ursachen« der mechanischen Bewegungen, welche die
dualistische Metaphysik als immaterielle Kräfte, als Geisteskräfte
oder psychische Energieformen den materiellen Energieformen der
Physik gegenüberstellt, sind gleich den letzteren untrennbar
an die raumerfüllende Materie gebunden. Gewöhnlich wird ja von
der neueren monistischen Philosophie die Empfindung selbst als
eine Form der Energie aufgefaßt; das geschieht sowohl von deren
materialistischer Richtung (»Stoff und Kraft« von =Büchner=),
als von der spiritualistischen, ihr entgegengesetzten Richtung
(»Energetik« als »Überwindung des Materialismus« von =Ostwald=). Die
Einseitigkeit beider Richtungen wird vermieden, und zugleich werden
manche irreführende Mißverständnisse beseitigt, wenn wir den bisher
vorherrschenden Begriff der »Energie« in zwei gleichwertige Attribute
zerlegen, in »aktive Energie« -- =Mechanik= (»Wille« im Sinne von
Schopenhauer) und in »passive Energie« -- =Psychoma= (»unbewußte
Empfindung« im weitesten Sinne). Ich habe diese Theorie von der
»=Dreieinigkeit der Substanz=« (oder »Trinität des Kosmos«) im 19.
Kapitel meiner »=Lebenswunder=« näher erläutert. (Ergänzungsband zu
den »Welträtseln«, 1904; -- Volksausgabe 1906, S. 184-188.) Dabei habe
ich mich besonders auf die gleichgerichteten Ansichten von mehreren
unserer hervorragendsten modernen Naturphilosophen bezogen, =Carl
Naegeli= (1877), =Albrecht Rau= (1896) und =Ernst Mach= (1901). Die
drei fundamentalen Attribute der Substanz: ~A~. =Raumerfüllung= oder
»Ausdehnung«, Stoff, (= =Materie=), ~B~. =Bewegung= oder »Mechanik«,
Kraft (= =Energie=), und ~C~. =Empfindung= oder »Weltseele«, Geist (=
=Psychom=) sind demnach ganz allgemeine Grundeigenschaften aller Körper.
_Gesetz von der Erhaltung der Empfindung._ Wenn diese »Trinitärtheorie«
der Substanz richtig ist, dann muß auch das große Konstanzgesetz,
die Lehre von der »=Erhaltung=« der unzerstörbaren Substanz, ebenso
auf die Empfindung, wie auf »Stoff und Kraft« Anwendung finden. Die
niedersten und einfachsten Psychomformen (Massenanziehung in der
Physik, Wahlverwandtschaft in der Chemie) sind dann nur stufenweise
verschieden von den niederen und höheren Formen des organischen
Seelenlebens, von der Sinnestätigkeit der niederen Organismen, von der
Geistestätigkeit des Menschen (»Denken«). Jede Psychomform kann in die
andere übergeführt werden. =Die Summe der Empfindung im unendlichen
Weltraum ist unveränderlich.=
_Der dualistische Substanzbegriff._ Die beiden Substanztheorien, die
wir vorstehend einander gegenübergestellt haben, sind im Prinzip
=monistisch=; beide betrachten »Stoff und Kraft« als untrennbar,
die ganze Welt als =einheitliche= Substanz. Ganz anders verhält es
sich mit den =dualistischen= Substanztheorien, welche noch heute
in der idealistischen und spiritualistischen Philosophie herrschend
sind; diese werden auch von der einflußreichen Theologie gestützt,
soweit sich dieselbe überhaupt auf solche metaphysische Spekulationen
einläßt. Hiernach sind zwei ganz verschiedene Hauptbestandteile der
Substanz zu unterscheiden, =materielle= und =immaterielle=. Die
=materielle Substanz= bildet die »=Körperwelt=«, deren Erforschung
Objekt der Physik und Chemie ist; hier allein gilt das Gesetz von
der Erhaltung der Materie und Energie (soweit man nicht überhaupt
an deren »Erschaffung aus Nichts« und andere Wunder glaubt!). Die
=immaterielle Substanz= hingegen bildet die »=Geisterwelt=«, in welcher
jenes Gesetz nicht gilt; hier gelten die Gesetze der Physik und Chemie
entweder gar nicht, oder sie sind der »Lebenskraft« unterworfen, oder
dem »freien Willen«, oder der »göttlichen Allmacht«, oder anderen
solchen Gespenstern, von denen die kritische Wissenschaft nichts
weiß. Eigentlich bedürfen diese prinzipiellen Irrtümer heute keiner
Widerlegung mehr; denn die Erfahrung hat uns bis auf den heutigen Tag
keine einzige =immaterielle Substanz= kennen gelehrt, keine einzige
Kraft, welche nicht an den Stoff gebunden ist.
_Masse oder Körperstoff_ (=Ponderable Materie=). Die Erkenntnis dieses
=wägbaren= Teiles der Materie ist in erster Linie Gegenstand der
=Chemie=. Allbekannt sind die erstaunlichen theoretischen Fortschritte,
welche diese Wissenschaft im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts
gemacht hat, und der ungeheuere Einfluß, welchen sie auf alle Seiten
des praktischen Kulturlebens gewonnen hat. Wir begnügen uns daher mit
wenigen Bemerkungen über die wichtigsten prinzipiellen Fragen von der
Natur der Masse. Der analytischen Chemie ist es bekanntlich gelungen,
alle die unzähligen verschiedenen Naturkörper durch Zerlegung auf
eine geringe Anzahl von Urstoffen oder =Elementen= zurückzuführen,
d. h. auf einfache Körper, welche nicht weiter zerlegt werden können.
Die Zahl dieser Elemente beträgt ungefähr achtzig. Nur der kleinere
Teil derselben (eigentlich nur vierzehn) ist allgemein auf der Erde
verbreitet und von hoher Bedeutung; die größere Hälfte besteht aus
seltenen und weniger wichtigen Elementen (meistens Metallen). Die
=gruppenweise Verwandtschaft= dieser Elemente und die merkwürdigen
Beziehungen ihrer Atomgewichte, welche =Lothar Meyer= und =Mendelejeff=
in ihrem »=Periodischen System der Elemente=« nachgewiesen haben,
machen es sehr wahrscheinlich, daß dieselben keine =absoluten Spezies
der Masse=, keine ewig unveränderlichen Größen sind. Man hat nach
jenem System die 80 Elemente auf acht Hauptgruppen verteilt und
innerhalb derselben nach der Größe ihrer Atomgewichte geordnet, so
daß die chemisch ähnlichen Elemente Familienreihen bilden. Die
gruppenweisen Beziehungen im natürlichen System der Elemente erinnern
einerseits an ähnliche Verhältnisse der mannigfach zusammengesetzten
Kohlenstoff-Verbindungen, andererseits an die Beziehungen paralleler
Gruppen, wie sie im natürlichen System der Tier- und Pflanzenarten sich
zeigen. Wie nun bei diesen die »Verwandtschaft« der ähnlichen Gestalten
auf Abstammung von gemeinsamen einfachen Stammformen beruht, so ist es
sehr wahrscheinlich, daß auch dasselbe für die Familien und Ordnungen
der Elemente gilt. Wir dürfen daher annehmen, daß die jetzigen
»empirischen Elemente« keine wirklich einfachen und unveränderlichen
»=Spezies der Masse=« sind, sondern ursprünglich zusammengesetzt aus
gleichartigen einfachen Uratomen in verschiedener Zahl und Lagerung.
Neuerdings soll es tatsächlich gelungen sein, ein Element in ein
anderes zu verwandeln, so z. B. Radium in Helium. Der alte Traum der
Alchymisten scheint dadurch teilweise in Erfüllung zu gehen.
_Atome und Elemente._ Die moderne =Atomlehre=, wie sie heute der
Chemie als unentbehrliches Hilfsmittel erscheint, ist wohl zu
unterscheiden von dem alten philosophischen =Atomismus=, wie er schon
vor mehr als zweitausend Jahren von hervorragenden monistischen
Philosophen des Altertums gelehrt wurde, von =Leukippos=, =Demokritos=
und =Lukretius=; später fand derselbe eine weitere und mannigfach
verschiedene Ausbildung durch =Descartes=, =Hobbes=, =Leibniz= und
andere hervorragende Philosophen. Eine bestimmte annehmbare Fassung
und =empirische Begründung= fand aber der =moderne Atomismus= erst
1808 durch den englischen Chemiker =Dalton=, welcher das »Gesetz der
einfachen und multiplen Proportionen« bei der Bildung chemischer
Verbindungen aufstellte. Er bestimmte zuerst die =Atomgewichte der
einzelnen Elemente= und schuf damit die unerschütterliche =exakte
Basis=, auf welcher die neueren chemischen Theorien ruhen; diese sind
sämtlich =atomistisch=, insofern sie die Elemente aus gleichartigen,
kleinsten, diskreten Teilchen zusammengesetzt annehmen, die nicht
weiter zerlegt werden können. Jedoch haben die gewaltigen Fortschritte
der neueren Physik (besonders der Elektrik) dazu geführt, die Atome
wieder in viel kleinere (hypothetische!) Bestandteile theoretisch zu
zerlegen, die =Elektronen= (Ionentheorie). Dabei bleibt die Frage nach
dem eigentlichen =Wesen= der Atome, ihrer Gestalt, Größe, Beseelung
usw. ganz außer Spiele; denn diese Qualitäten sind hypothetisch;
empirisch dagegen ist der =Chemismus= der Atome oder ihre »chemische
Affinität«, d. h. die konstante Proportion, in der sie sich mit den
Atomen anderer Elemente verbinden (Monismus, 1892, S. 17, 41).
_Wahlverwandtschaft der Elemente._ Das verschiedene Verhalten der
einzelnen Elemente gegeneinander, das die Chemie als »Affinität oder
Verwandtschaft« bezeichnet, ist eine der wichtigsten Eigenschaften
der Masse und äußert sich in den verschiedenen Mengenverhältnissen
oder Proportionen, in denen ihre Verbindung stattfindet, und in der
Intensität, mit der dieselbe erfolgt. Alle Grade der Zuneigung, von
der vollkommenen Gleichgültigkeit bis zur heftigsten Leidenschaft,
finden sich in dem chemischen Verhalten der verschiedenen Elemente
gegeneinander ebenso wieder, wie sie in der Psychologie des Menschen
und namentlich in der Zuneigung der beiden Geschlechter die größte
Rolle spielen. =Goethe= hat bekanntlich in seinem klassischen Roman
»=Die Wahlverwandtschaften=« die Verhältnisse der Liebespaare in eine
Reihe gestellt mit der gleichnamigen Erscheinung bei Bildung chemischer
Verbindungen. Die unwiderstehliche Leidenschaft, welche Eduard zu der
sympathischen Ottilie, Paris zu Helena hinzieht und alle Hindernisse
der Vernunft und Moral überwindet, ist dieselbe mächtige »unbewußte«
Attraktionskraft, welche bei der Befruchtung der Tier- und Pflanzeneier
den lebendigen Samenfaden zum Eindringen in die Eizelle (aber auch
zur Apfelsäure!) antreibt; dieselbe heftige Bewegung, durch welche
zwei Atome Wasserstoff und ein Atom Sauerstoff sich zur Bildung von
einem Molekül Wasser vereinigen. Diese prinzipielle =Einheit der
Wahlverwandtschaft in der ganzen Natur=, vom einfachsten chemischen
Prozeß bis zu dem verwickeltsten Liebesroman hinauf, hat schon der
griechische Naturphilosoph =Empedokles= im fünften Jahrhundert v. Chr.
erkannt, in seiner Lehre vom »=Lieben und Hassen der Elemente=«. Sie
findet ihre empirische Bestätigung durch die interessanten Fortschritte
der =Zellularpsychologie=, deren hohe Bedeutung wir erst im letzten
Drittel des 19. Jahrhunderts gewürdigt haben. Wir gründen darauf
unsere Überzeugung, daß auch schon den =Atomen= die einfachste Form
der Empfindung und des Willens innewohnt -- oder besser gesagt: der
=Fühlung= (~Aesthesis~) und der =Strebung= (~Tropesis~) --, also
eine universale »=Seele=« von primitivster Art, das »Elementarpsychom«.
Dasselbe gilt aber auch von den Molekülen oder Massenteilchen, welche
aus zwei oder mehreren Atomen sich zusammensetzen. Aus der weiteren
Verbindung verschiedener solcher Moleküle entstehen dann die einfachen
und weiterhin die zusammengesetzten chemischen Verbindungen, in deren
Aktion sich dasselbe Spiel in verwickelterer Form wiederholt.
_Äther_ (=Imponderable Materie=). Die Erkenntnis dieses =unwägbaren=
Teiles der Materie ist in erster Linie Gegenstand der =Physik=.
Nachdem man schon lange die Existenz eines äußerst feinen, den
Raum außerhalb der Masse erfüllenden Mediums angenommen und diesen
»Äther« zur Erklärung verschiedener Erscheinungen (vor allem des
=Lichtes=) verwendet hatte, ist uns die nähere Bekanntschaft mit
diesem wunderbaren Stoffe erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten
Jahrhunderts gelungen, und zwar im Zusammenhang mit den erstaunlichen
empirischen Entdeckungen auf dem Gebiete der =Elektrizität=, mit ihrer
experimentellen Erkenntnis, ihrem theoretischen Verständnis und ihrer
praktischen Verwertung. Vor allem sind hier bahnbrechend geworden die
berühmten Untersuchungen von =Heinrich Hertz= in Bonn (1888); der
frühzeitige Tod dieses genialen jungen Physikers, der das Größte zu
erreichen versprach, ist nicht genug zu beklagen; er gehört ebenso wie
der allzu frühe Tod von =Spinoza=, von =Raffael=, von =Schubert= und
vielen anderen genialen Jünglingen zu jenen =brutalen Tatsachen= der
menschlichen Geschichte, welche für sich allein schon den unhaltbaren
Mythus von einer »weisen Vorsehung« und von einem »alliebenden Vater im
Himmel« gründlich widerlegen.
_Die Existenz des Äthers_ oder »Weltäthers«, als realer »Materie«, kann
seit 1888 als =Tatsache= angesehen werden. Man kann allerdings auch
heute noch vielfach lesen, daß der Äther eine »bloße Hypothese« sei;
diese irrtümliche Behauptung wird nicht nur von unkundigen Philosophen
und populären Schriftstellern wiederholt, sondern auch von einzelnen
»vorsichtigen exakten Physikern«. Mit demselben Rechte müßte man aber
auch die Existenz der ponderablen Materie, der Masse, leugnen. Freilich
gibt es heute noch Metaphysiker, die auch dieses Kunststück zustande
bringen, und deren höchste Weisheit darin besteht, die Realität der
Außenwelt zu leugnen oder doch zu bezweifeln; nach ihnen existiert
eigentlich nur ein einziges reales Wesen, nämlich ihre eigene teure
Person, oder vielmehr deren unsterbliche Seele.
_Wesen des Äthers._ Wenn nun auch heute von fast allen Physikern die
reale Existenz des Äthers als eine positive Tatsache betrachtet wird,
und wenn uns auch viele Wirkungen dieser wunderbaren Materie durch
unzählige Erfahrungen, besonders optisch und elektrische Versuche,
genau bekannt sind, so ist es doch bisher nicht gelungen, Klarheit und
Sicherheit über ihr eigentliches =Wesen= zu gewinnen. Vielmehr gehen
auch heute noch die Ansichten der hervorragendsten Physiker, die sie
speziell studiert haben, sehr weit auseinander; ja sie widersprechen
sich sogar in den wichtigsten Punkten. Es steht daher jedem frei, sich
bei der Wahl zwischen den widersprechenden Hypothesen seine eigene
Meinung zu bilden, entsprechend dem Grade seiner Sachkenntnis und
Urteilskraft (die ja beide immer unvollkommen bleiben!). Die Meinung,
die ich persönlich (als bloßer =Dilettant= auf diesem Gebiete!) mir
durch reifliches Nachdenken gebildet habe, fasse ich in folgenden acht
Sätzen zusammen:
~I~. Der Äther erfüllt als eine =kontinuierliche Materie= den ganzen
Weltraum, soweit dieser nicht von der Masse (oder der ponderablen
Materie) eingenommen ist; er füllt auch alle Zwischenräume zwischen
den Atomen der letzteren vollständig aus. ~II~. Der Äther besitzt
wahrscheinlich noch =keinen Chemismus= und ist noch nicht aus Atomen
zusammengesetzt wie die Masse; (wenn man annimmt, derselbe sei
aus äußerst kleinen, gleichartigen Atomen zusammengesetzt [z. B.
unteilbaren Ätherkugeln von gleicher Größen], so muß man weiterhin auch
annehmen, daß zwischen denselben noch etwas anderes existiert, entweder
der »leere Raum« oder ein drittes, ganz unbekanntes Medium, ein
völlig hypothetischer »=Interäther=«; bei der Frage nach dessen Wesen
würde sich dann dieselbe Schwierigkeit, wie beim Äther erheben [~in
infinitum!~].)' ~III~. Da die Annahme des leeren Raumes und der
unvermittelten Fernwirkung beim jetzigen Stande unseres Naturkennens
kaum mehr möglich ist (wenigstens zu keiner klaren Vorstellung führt),
so nehme ich eine eigentümliche =Struktur des Äthers= an, die nicht
atomistisch ist, wie diejenige der ponderablen Masse, und die man
vorläufig (ohne weitere Bestimmung) als =ätherische= oder =dynamische=
Struktur bezeichnen kann. ~IV~. Der =Aggregatzustand= des Äthers ist,
dieser Hypothese zufolge, ebenfalls eigentümlich und von demjenigen
der Masse verschieden; er ist weder gasförmig, noch fest; die beste
Vorstellung gewinnt man vielleicht durch den Vergleich mit einer
äußerst feinen elastischen und leichten Gallerte. ~V~. Der Äther ist
=imponderable Materie= in dem Sinne, daß wir kein Mittel besitzen, sein
Gewicht experimentell zu bestimmen; wenn er wirklich Gewicht besitzt,
was sehr wahrscheinlich ist, so ist dasselbe äußerst gering und für
unsere feinsten Wagen unwägbar. ~VI~. Der ätherische Aggregatzustand
kann wahrscheinlich unter bestimmten Bedingungen durch fortschreitende
Verdichtung in den gasförmigen Zustand der Masse übergehen, ebenso wie
dieser letztere durch Abkühlung in den flüssigen und weiterhin in den
festen übergeht. ~VII~. Diese =Aggregatzustände der Materie= ordnen
sich demnach (was für die monistische =Kosmogenie= sehr wichtig ist) in
eine genetische, kontinuierliche Reihe; wir unterscheiden fünf Stufen
derselben: 1. der ätherische, 2. der gasförmige, 3. der flüssige, 4.
der festflüssige (im lebenden Plasma), 5. der feste Zustand. ~VIII~.
Der Äther ist ebenso unendlich und unermeßlich wie der Raum selbst; er
befindet sich ewig in ununterbrochener Bewegung.