_Luftseele._ Viel allgemeiner verbreitet und auch heute noch in

hohem Ansehen steht jene Anschauung, welche der Seelensubstanz eine

=gasförmige= Beschaffenheit zuschreibt. Uralt ist die Vergleichung

des menschlichen Atemzuges mit dem wehenden Windhauche; beide wurden

ursprünglich für identisch gehalten und mit demselben Namen belegt.

=Anemos= und =Psyche= der Griechen, =Anima= und =Spiritus= der

Römer sind ursprünglich Bezeichnungen für den Lufthauch des Windes;

sie wurden von diesem auf den Atemhauch des Menschen übertragen.

Später wurde dann dieser »lebendige Odem« mit der »Lebenskraft«

identifiziert und zuletzt als das Wesen der Seele selbst angesehen

oder in engerem Sinne als deren höchste Äußerung, der »Geist«. Davon

leitete dann weiterhin wieder die Phantasie die mystische Vorstellung

der individuellen Geister ab, der »=Gespenster=« (»~Spirits~«);

auch diese werden ja heute noch meistens als »luftförmige Wesen« --

aber begabt mit den physiologischen Funktionen des Organismus! --

vorgestellt; in manchen berühmten Spiritistenkreisen werden dieselben

freilich trotzdem photographiert!

_Flüssige und feste Seele._ Der Experimentalphysik ist es in den

letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts gelungen, alle gasförmigen

Körper in den tropfbar-flüssigen -- und die meisten auch in den

festen -- Aggregatzustand überzuführen. Es bedarf dazu weiter nichts

als geeigneter Apparate, welche unter sehr hohem Druck und bei sehr

niedriger Temperatur die Gase sehr stark komprimieren. Nicht allein die

luftförmigen Elemente, Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, sondern

auch zusammengesetzte Gase (Kohlensäure) und Gasgemenge (atmosphärische

Luft) sind so aus dem luftförmigen in den flüssigen Zustand versetzt

worden. Dadurch sind aber jene =unsichtbaren= Körper für jedermann

=sichtbar= und in gewissem Sinne »handgreiflich« geworden. Mit dieser

Änderung der Dichtigkeit ist der mystische Nimbus verschwunden, welcher

früher das Wesen der Gase in der gemeinen Anschauung verschleierte,

als unsichtbare Körper, die doch sichtbare Wirkungen ausüben. Wenn nun

die Seelensubstanz wirklich, wie viele »Gebildete« noch heute glauben,

gasförmig wäre, so müßte man auch imstande sein, sie durch Anwendung

von hohem Druck und sehr niederer Temperatur in den flüssigen Zustand

überzuführen. Man könnte dann die Seele, welche im Momente des Todes

»ausgehaucht« wird, auffangen, unter sehr hohem Druck bei niederer

Temperatur kondensieren und in einer Glasflasche als »=unsterbliche

Flüssigkeit=« aufbewahren (~Fluidum animae immortale~). Durch weitere

Abkühlung und Kondensation müßte es dann auch gelingen, die flüssige

Seele in den festen Zustand überzuführen (»Seelenschnee«). Bis jetzt

ist das Experiment noch nicht gelungen.

_Unsterblichkeit der Tierseele._ Wenn der Athanismus wahr wäre,

wenn wirklich die »Seele« des Menschen in alle Ewigkeit fortlebte,

so müßte man ganz dasselbe auch für die Seele der höheren Tiere

behaupten, mindestens für diejenige der ihm am nächsten stehenden

Säugetiere (Affen, Hunde usw.). Denn der Mensch zeichnet sich vor

diesen letzteren nicht durch eine besondere neue =Art= oder eine

eigentümliche, nur ihm zukommende Funktion der Psyche aus, sondern

lediglich durch einen höheren =Grad= der psychischen Tätigkeit, durch

eine vollkommenere Stufe ihrer Entwickelung. Besonders ist bei vielen

Menschen das =Bewußtsein= höher entwickelt als bei den meisten Tieren,

die Fähigkeit der Ideenassoziation, des Denkens und der Vernunft.

Indessen ist dieser Unterschied bei weitem nicht so groß, als man

gewöhnlich annimmt; und er ist in jeder Beziehung viel geringer als der

entsprechende Unterschied zwischen den höheren und niederen Tierseelen

oder selbst als der Unterschied zwischen den höchsten und tiefsten

Stufen der Menschenseele. Wenn man also der letzteren »persönliche

Unsterblichkeit« zuschreibt, so muß man sie auch den höheren Tieren

zugestehen. Diese Überzeugung von der individuellen Unsterblichkeit der

Tiere ist denn auch ganz naturgemäß bei vielen Völkern alter und neuer

Zeit zu finden.

_Beweise für den Athanismus._ Die Gründe, welche man seit zweitausend

Jahren für die Unsterblichkeit der Seele anführt, und welche auch

heute noch dafür geltend gemacht werden, entspringen zum größten Teile

nicht dem Streben nach Erkenntnis der Wahrheit, sondern vielmehr dem

sogenannten »Bedürfnis des Gemütes«, d. h. dem Phantasieleben und der

Dichtung. Um mit =Kant= zu reden, ist die Unsterblichkeit der Seele

ein unbegründetes Dogma für die =reine= Vernunft, ein bloßes »Postulat

für die =praktische= Vernunft«. Diese letztere und die mit ihr

zusammenhängenden »Bedürfnisse des Gemütes, der moralischen Erziehung

usw.« müssen wir aber ganz aus dem Spiele lassen, wenn wir ehrlich und

unbefangen zur reinen Erkenntnis der =Wahrheit= gelangen wollen; denn

diese ist einzig und allein durch empirisch begründete und logisch

klare Schlüsse der reinen Vernunft möglich. Es gilt also hier vom

=Athanismus= dasselbe, wie vom =Theismus=; beide sind nur Gegenstände

der mystischen Dichtung, des transzendenten »Glaubens«, nicht der

vernünftig schließenden Wissenschaft.

Wollten wir alle die einzelnen Gründe analysieren, welche für den

Unsterblichkeitsglauben geltend gemacht worden sind, so würde sich

ergeben, daß nicht ein einziger derselben wirklich =wissenschaftlich=

ist; kein einziger verträgt sich mit den klaren Erkenntnissen, welche

wir durch die physiologische Psychologie und die Entwickelungstheorie

in den letzten Dezennien gewonnen haben. Der =theologische= Beweis,

daß ein persönlicher Schöpfer dem Menschen eine unsterbliche Seele

eingehaucht habe, ist reiner Mythus. Der =kosmologische= Beweis, daß

die »sittliche Weltordnung« die ewige Fortdauer der menschlichen Seele

erfordere, ist unbegründetes Dogma. Der =teleologische= Beweis, daß

die »höhere Bestimmung« des Menschen eine volle Ausbildung seiner

mangelhaften irdischen Seele im Jenseits erfordere, beruht auf einem

falschen Anthropismus. Der =moralische= Beweis, daß die Mängel und die

unbefriedigten Wünsche des irdischen Daseins durch eine »ausgleichende

Gerechtigkeit« im Jenseits befriedigt werden müssen, ist ein frommer

Wunsch, weiter nichts. Der =ethnologische= Beweis, daß der Glaube an

die Unsterblichkeit ebenso wie an Gott eine angeborene, allen Menschen

gemeinsame Wahrheit sei, ist tatsächlicher Irrtum. Der =ontologische=

Beweis, daß die Seele als ein »einfaches, immaterielles und unteilbares

Wesen« unmöglich mit dem Tode verschwinden könne, beruht auf einer

ganz falschen Auffassung der psychischen Erscheinungen; sie ist ein

spiritualistischer Irrtum. Alle diese und andere ähnliche »Beweise

für den Athanismus« sind hinfällig geworden; sie sind durch die

wissenschaftliche Kritik jetzt =definitiv widerlegt=.

_Beweise gegen den Athanismus._ Gegenüber den angeführten, sämtlich

unhaltbaren Gründen =für= die Unsterblichkeit der Seele ist es bei der

hohen Bedeutung dieser Frage wohl zweckmäßig, die wohlbegründeten,

wissenschaftlichen Beweise =gegen= dieselbe hier kurz zusammenzufassen.

Der =physiologische= Beweis lehrt uns, daß die menschliche Seele

ebenso wie die der höheren Tiere kein selbständiges, immaterielles

Wesen ist, sondern der Kollektivbegriff für eine Summe von

Gehirnfunktionen; diese sind ebenso wie alle anderen Lebenstätigkeiten

durch physikalische und chemische Prozesse bedingt, also auch dem

Substanzgesetz unterworfen. Der =histologische= Beweis gründet sich

auf den höchst verwickelten mikroskopischen Bau des Gehirns und lehrt

uns in den Ganglienzellen desselben die wahren »Elementarorgane

der Seele« kennen. Der =experimentelle= Beweis überzeugt uns, daß

die einzelnen Seelentätigkeiten an einzelne Bezirke des Gehirns

gebunden und ohne deren normale Beschaffenheit unmöglich sind; werden

diese Bezirke zerstört, so erlischt damit auch deren Funktion;

insbesondere gilt dies von den »Denkorganen«, den einzigen zentralen

Werkzeugen des »Geisteslebens«. Der =pathologische= Beweis ergänzt

den physiologischen; wenn bestimmte Gehirnbezirke (Sprachzentrum,

Sehsphäre, Hörsphäre) durch Krankheit zerstört werden, so verschwindet

auch deren Arbeit (Sprechen, Sehen, Hören); die Natur selbst führt hier

das entscheidende physiologische Experiment aus. Der =ontogenetische=

Beweis führt uns unmittelbar die Tatsachen der individuellen

Entwickelung der Seele vor Augen; wir sehen, wie die Kindesseele ihre

einzelnen Fähigkeiten nach und nach entwickelt; der Jüngling bildet

sich zur vollen Blüte, der Mann zur reifen Frucht aus; im Greisenalter

findet allmähliche Rückbildung der Seele statt, entsprechend der

senilen Degeneration des Gehirns. Der =phylogenetische= Beweis

stützt sich auf die Paläontologie, die vergleichende Anatomie und

Physiologie des Gehirns; in ihrer gegenseitigen Ergänzung begründen

diese Wissenschaften die Gewißheit, daß das Gehirn des Menschen (und

also auch dessen Funktion, die Seele) sich stufenweise und allmählich

aus demjenigen der Säugetiere und weiterhin der niederen Wirbeltiere

entwickelt hat.

_Athanistische Illusionen._ Die vorhergehenden Untersuchungen, die

durch viele andere Ergebnisse der modernen Wissenschaft ergänzt werden

könnten, haben das alte Dogma von der »Unsterblichkeit der Seele«

als völlig unhaltbar nachgewiesen; dasselbe kann im 20. Jahrhundert

nicht mehr Gegenstand ernster wissenschaftlicher Forschung, sondern

nur noch des transzendenten =Glaubens= sein. Die »Kritik der reinen

Vernunft« weist aber nach, daß dieser hochgeschätzte Glaube, bei

Licht betrachtet, der reine =Aberglaube= ist, ebenso wie der oft

damit verknüpfte Glaube an den »persönlichen Gott«. Nun halten aber

noch heute Millionen von »Gläubigen« -- nicht nur aus den niederen,

ungebildeten Volksmassen, sondern aus den höheren und höchsten

Bildungskreisen -- diesen Aberglauben für ihr teuerstes Besitztum,

für ihren »kostbarsten Schatz«. Es wird daher nötig sein, in den

damit verknüpften Vorstellungskreis noch etwas tiefer einzugehen

und seinen wirklichen Wert einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

Da ergibt sich denn für den objektiven Kritiker die Einsicht, daß

jener Wert zum größten Teile auf Einbildung beruht, auf Mangel an

klarem Urteil und an folgerichtigem Denken. Der definitive Verzicht

auf diese »=athanistischen Illusionen=« würde nach meiner festen und

ehrlichen Überzeugung für die Menschheit nicht nur keinen schmerzlichen

=Verlust=, sondern einen unschätzbaren positiven Gewinn bedeuten.

Das menschliche »=Gemütsbedürfnis=« hält den Unsterblichkeitsglauben

besonders aus zwei Gründen fest, erstens in der Hoffnung auf ein

besseres zukünftiges Leben im Jenseits, und zweitens in der Hoffnung

auf Wiedersehen der teuren Lieben und Freunde, welche uns der Tod

hier entrissen hat. Die erste Hoffnung entspricht einem natürlichen

Vergeltungsgefühl, das zwar subjektiv berechtigt, aber objektiv ohne

jeden Anhalt ist. Wir erheben Ansprüche auf Entschädigung für die

zahllosen Mängel und traurigen Erfahrungen dieses irdischen Daseins,

ohne irgend eine reale Aussicht oder Garantie dafür zu besitzen. Wir

verlangen eine unbegrenzte Dauer eines ewigen Lebens, in welchem

wir nur Lust und Freude, keine Unlust und keinen Schmerz erfahren

wollen. Die Vorstellungen der meisten Menschen über dieses »selige

Leben im Jenseits« sind höchst seltsam und um so sonderbarer, als

darin die »immaterielle Seele« sich an höchst materiellen Genüssen

erfreut. Die Phantasie jeder gläubigen Person gestaltet sich diese

fortdauernde Herrlichkeit entsprechend ihren persönlichen Wünschen.

Der amerikanische Indianer, dessen Athanismus =Schiller= in seiner

nadowessischen Totenklage so anschaulich schildert, hofft in seinem

Paradiese die herrlichsten Jagdgründe zu finden, mit unermeßlich vielen

Büffeln und Bären; der Eskimo erwartet dort sonnenbestrahlte Eisflächen

mit einer unerschöpflichen Fülle von Eisbären, Robben und anderen

Polartieren; der sanfte Singhalese gestaltet sich sein jenseitiges

Paradies entsprechend dem wunderbaren Inselparadiese Ceylon mit seinen

herrlichen Gärten und Wäldern; nur setzt er voraus, daß jederzeit

unbegrenzte Mengen von Reis und Curry, von Kokosnüssen und anderen

Früchten bereit stehen; der mohammedanische Araber ist überzeugt, daß

in seinem Paradiese blumenreiche, schattige Gärten sich ausdehnen,

durchrauscht von kühlen Quellen und bevölkert mit den schönsten

Mädchen; der katholische Fischer in Sizilien erwartet dort täglich

einen Überfluß der köstlichsten Fische und der feinsten Makkaroni,

und ewigen Ablaß für alle Sünden, die er auch im ewigen Leben noch

täglich zu begehen hofft; der evangelische Nordeuropäer hofft auf

einen unermeßlichen gothischen Dom, in welchem »ewige Lobgesänge auf

den Herrn der Heerscharen« ertönen. Kurz, jeder Gläubige erwartet

von seinem ewigen Leben in Wahrheit eine direkte Fortsetzung seines

individuellen Erdendaseins, nur in einer bedeutend »vermehrten und

verbesserten Auflage«.

Besonders muß hier noch die durchaus =materialistische= Grundanschauung

des =christlichen Athanismus= betont werden, die mit dem absurden

Dogma von der »Auferstehung des Fleisches« eng zusammenhängt. Wie uns

Tausende von Ölgemälden berühmter Meister versinnlichen, gehen die

»auferstandenen Leiber« mit ihren »wiedergeborenen Seelen« droben

im Himmel gerade so spazieren, wie hier im Jammerthal der Erde; sie

schauen Gott mit ihren Augen, sie hören seine Stimme mit ihren Ohren,

sie singen Lieder zu seinen Ehren mit ihrem Kehlkopf usw. Kurz, die

modernen Bewohner des christlichen Paradieses sind ebenso Doppelwesen

von Leib und Seele, ebenso mit allen Organen des irdischen Leibes

ausgestattet, wie unsere Altvordern in Odins Saal zu Walhalla,

wie die »unsterblichen« Türken und Araber in Mohammeds lieblichen

Paradiesgärten, wie die altgriechischen Halbgötter und Helden an Zeus'

Tafel im Olymp, im Genusse von Nektar und Ambrosia.

Mag man sich dieses »ewige Leben« im Paradiese aber noch so herrlich

ausmalen, so muß dasselbe auf die Dauer unendlich langweilig werden.

Und nun gar: »=Ewig=!« Ohne Unterbrechung, ohne Weiterentwickelung

diese ewige individuelle Existenz fortführen! Der tiefsinnige Mythus

vom »=Ewigen Juden=«, das vergebliche Ruhesuchen des unseligen

Ahasverus sollte uns über den Wert eines solchen »ewigen Lebens«

aufklären! Das beste, was wir uns nach einem tüchtigen, nach unserm

besten Gewissen gut angewandten Leben wünschen können, ist der ewige

Friede des Grabes: »=Herr, schenke ihnen die ewige Ruhe!=«

Jeder vernünftige Gebildete, der die =geologische Zeitrechnung= kennt,

und der über die lange Reihe der Jahrmillionen in der organischen

Erdgeschichte nachgedacht hat, muß bei unbefangenem Urteil zugeben, daß

der banale Gedanke des »ewigen Lebens« auch für den besten Menschen

kein herrlicher =Trost,= sondern eine furchtbare =Drohung= ist. Nur

Mangel an klarem Urteil und folgerichtigem Denken kann dies bestreiten.

Den besten und den am meisten berechtigten Grund für den Athanismus

gibt die Hoffnung, im »ewigen Leben« die teueren Angehörigen und

Freunde wieder zu sehen, von denen uns hier auf Erden ein grausames

Schicksal früh getrennt hat. Aber auch dieses vermeintliche Glück

erweist sich bei näherer Betrachtung als Illusion; und jedenfalls

würde es stark durch die Aussicht getrübt, dort auch allen den weniger

angenehmen Bekannten und den widerwärtigen Feinden zu begegnen, die

hier unser Dasein getrübt haben.

Unlösbare Schwierigkeiten bereitet auch den gläubigen Athanisten die

Frage, in welchem =Stadium ihrer individuellen Entwickelung= die

abgeschiedene Seele ihr »ewiges Leben« fortführen soll? Sollen die

Neugeborenen erst im Himmel ihre Seele entwickeln, unter demselben

harten »Kampf ums Dasein«, der den Menschen hier auf der Erde erzieht?

Soll der talentvolle Jüngling, der dem Massenmorde des Krieges zum

Opfer fällt, erst in Walhalla seine reichen, ungenutzten Geistesgaben

entwickeln? Soll der altersschwache, kindisch gewordene Greis, der

als reifer Mann die Welt mit dem Ruhm seiner Taten erfüllte, ewig als

rückgebildeter Geist fortleben? Oder soll er sich gar in ein früheres

Blütestadium zurück entwickeln? Wenn aber die unsterblichen Seelen

im Olymp als =vollkommene= Wesen verjüngt fortleben sollen, dann ist

auch der Reiz und das Interesse der =Persönlichkeit= für sie ganz

verschwunden.

Ebenso unhaltbar erscheint uns heute im Lichte der reinen Vernunft der

anthropistische Mythus vom »=jüngsten Gericht=«, von der Scheidung

aller Menschenseelen in zwei große Haufen, von denen der eine zu den

=ewigen= Freuden des Paradieses, der andere zu den =ewigen= Qualen der

Hölle bestimmt ist -- und das von einem persönlichen Gott, welcher

»der Vater der Liebe« ist! Hat doch dieser liebende Allvater selbst

die Bedingungen der Vererbung und Anpassung »geschaffen«, unter denen

sich einerseits die bevorzugten Glücklichen =notwendig= zu straflosen

Seligen, andererseits die unglücklichen Armen und Elenden ebenso

=notwendig= zu strafwürdigen Verdammten entwickeln mußten.

Eine kritische Vergleichung der unzähligen bunten Phantasiegebilde,

welche der Unsterblichkeitsglaube der verschiedenen Völker und

Religionen seit Jahrtausenden erzeugt hat, gewährt das merkwürdigste

Bild; eine hochinteressante, auf ausgedehnte Quellenstudien

gegründete Darstellung derselben hat =Adalbert Svoboda= gegeben in

seinen ausgezeichneten Werken: »Seelenwahn« (1886) und »Gestalten

des Glaubens« (1897). Wie absurd uns auch die meisten dieser Mythen

erscheinen mögen, wie unvereinbar sie sämtlich mit der vorgeschrittenen

Naturerkenntnis der Gegenwart sind, so spielen sie dennoch auch heute

eine höchst wichtige Rolle und üben trotzdem als »Postulate der

praktischen Vernunft« den größten Einfluß auf die Lebensanschauungen

der Individuen und die Geschicke der Völker.

Die idealistische und spiritualistische Philosophie der Gegenwart wird

nun freilich zugeben, daß diese herrschenden materialistischen Formen

des Unsterblichkeitsglaubens unhaltbar seien, und sie wird behaupten,

daß an ihre Stelle die geläuterte Vorstellung von einem immateriellen

Seelenwesen, von einer platonischen Idee oder einer transzendenten

Seelensubstanz treten müsse. Allein mit diesen unfaßbaren Vorstellungen

kann die realistische Naturanschauung der Gegenwart absolut nichts

anfangen; sie befriedigen weder das Kausalitätsbedürfnis unseres

Verstandes, noch die Wünsche unseres Gemütes. Fassen wir alles

zusammen, was vorgeschrittene Anthropologie, Psychologie und Kosmologie

der Gegenwart über den Athanismus ergründet haben, so müssen wir zu

dem bestimmten Schlusse kommen: »Der Glaube an die Unsterblichkeit

der menschlichen Seele ist ein Dogma, welches den sichersten

Erfahrungssätzen der modernen Naturwissenschaft völlig widerspricht.«

=Zwölftes Kapitel.=

_Das Substanzgesetz._

Monistische Studien über das kosmologische Grundgesetz. Erhaltung der

Materie und der Energie. Einheit und Trinität der Substanz.

Als das oberste und allumfassende Naturgesetz betrachte ich das

=Substanzgesetz=, das wahre und einzige =kosmologische Grundgesetz=;

seine Entdeckung und Feststellung ist die größte Geistestat des 19.

Jahrhunderts, insofern alle anderen erkannten Naturgesetze sich

ihm unterordnen. Unter dem Begriffe »=Substanzgesetz=« fasse ich

zwei höchste allgemeine Gesetze verschiedenen Ursprungs und Alters

zusammen, das ältere =chemische= Gesetz von der »Erhaltung des Stoffes«

und das jüngere =physikalische= Gesetz von der »Erhaltung der Kraft«.

Daß diese beiden Grundgesetze der exakten Naturwissenschaft im Wesen

unzertrennlich sind, wird vielen Lesern wohl selbstverständlich

erscheinen und ist von den meisten Naturforschern der Gegenwart

anerkannt. Indessen wird diese fundamentale Überzeugung doch von

anderer Seite noch heute vielfach bestritten und muß jedenfalls erst

bewiesen werden. Wir müssen daher zunächst einen kurzen Blick auf beide

Gesetze gesondert werfen.

_Gesetz von der Erhaltung des Stoffes_ (oder der »Konstanz der

Materie«, =Lavoisier=, 1789). =Die Summe des Stoffes, welcher den

Weltraum erfüllt, ist unveränderlich.= Wenn ein Körper zu verschwinden

scheint, wechselt er nur seine Form; wenn die Kohle verbrennt,

verwandelt sie sich durch Verbindung mit dem Sauerstoff der Luft

in gasförmige Kohlensäure; wenn ein Zuckerstück sich im Wasser

löst, geht seine feste Form in die tropfbar flüssige über. Ebenso

wechselt die Materie nur ihre Form, wenn ein neuer Naturkörper zu

entstehen scheint; wenn es regnet, wird der Wasserdampf der Luft in

Tropfenform niedergeschlagen; wenn das Eisen rostet, verbindet sich

die oberflächliche Schicht des Metalles mit Wasser und dem Sauerstoff

der Luft und bildet so Rost. Nirgends in der Natur sehen wir, daß

neue Materie entsteht oder »geschaffen« wird; nirgends finden wir,

daß vorhandene Materie verschwindet oder in Nichts zerfällt. Dieser

Erfahrungssatz gilt heute als erster und unerschütterlicher Grundsatz

der Chemie und kann jederzeit mittels der Wage unmittelbar bewiesen

werden. Es war aber das unsterbliche Verdienst des großen französischen

Chemikers =Lavoisier=, diesen Beweis durch die Wage zuerst geführt zu

haben. Heute sind alle Naturforscher, welche sich jahrelang mit dem

denkenden Studium der Naturerscheinungen beschäftigt haben, so fest

von der absoluten Konstanz der Materie überzeugt, daß sie sich das

Gegenteil gar nicht mehr vorstellen können.

_Gesetz von der Erhaltung der Kraft_ (oder der »Konstanz der Energie«,

=Robert Mayer=, 1842.) =Die Summe der Kraft oder Energie, welche im

Weltraum alle Erscheinungen bewirkt, ist unveränderlich.= Wenn die

Lokomotive den Eisenbahnzug fortführt, verwandelt sich die Spannkraft

des erhitzten Wasserdampfes in die lebendige Kraft der mechanischen

Bewegung; wenn wir die Pfeife der Lokomotive hören, werden die

Schallschwingungen der bewegten Luft durch unser Trommelfell und die

Kette der Gehörknochen zum Labyrinth unseres inneren Ohres fortgeleitet

und von da durch den Hörnerv zu den akustischen Ganglienzellen,

welche die Hörsphäre im Schläfenlappen unserer Großhirnrinde bilden.

Die ganze wunderbare Gestaltenfülle, welche unseren Erdball belebt,

ist in letzter Instanz umgewandeltes Sonnenlicht. Allbekannt ist, wie

gegenwärtig die bewunderungswürdigen Fortschritte der Technik dazu

geführt haben, die verschiedenen Naturkräfte ineinander zu verwandeln:

Wärme wird in Massenbewegung, diese wieder in Licht oder Schall,

diese wiederum in Elektrizität übergeführt oder umgekehrt. Die genaue

=Messung= der Kraftmenge, welche bei dieser Verwandlung tätig ist, hat

ergeben, daß auch sie konstant bleibt. Der großen Entdeckung dieser

fundamentalen Tatsache hatte sich schon 1837 =Friedrich Mohr= in Bonn

sehr genähert; sie erfolgte 1842 durch den geistreichen schwäbischen

Arzt =Robert Mayer= in Heilbronn; unabhängig von ihm kam =Hermann

Helmholtz= auf die Erkenntnis desselben Prinzips; er wies fünf Jahre

später seine allgemeine Anwendbarkeit und Fruchtbarkeit auf allen

Gebieten der =Physik= nach. Wir würden heute sagen müssen, daß es

auch das gesamte Gebiet der =Physiologie= -- d. h. der »organischen

Physik!« -- beherrsche, wenn dagegen nicht entschiedener Widerspruch

von seiten der vitalistischen Biologen, sowie der dualistischen und

spiritualistischen Philosophen erhoben würde. Diese erblicken in den

eigentümlichen »Geisteskräften« des Menschen eine Gruppe von »freien«,

dem Energiegesetz nicht unterworfenen Krafterscheinungen; besonders

gestützt wird diese dualistische Auffassung durch das Dogma von der

Willensfreiheit. Wir haben schon bei deren Besprechung gesehen, daß

ihre Annahme unhaltbar ist. In neuester Zeit hat die Physik den Begriff

der »=Kraft=« und der »=Energie=« getrennt; für unsere vorliegende

allgemeine Betrachtung ist diese Unterscheidung gleichgültig.

Die Welträtsel: Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie · 第 14 / 27 段