Kind noch ganz ohne Bewußtsein, und wie =Preyer= gezeigt hat,
entwickelt sich dasselbe erst spät, nachdem das kleine Kind zu sprechen
angefangen hat; es spricht von sich lange Zeit in der dritten Person.
Erst in dem bedeutungsvollen Momente, in welchem es zum ersten Male
»Ich« sagt, in welchem das »=Ichgefühl=« klar wird, beginnt sein
Selbstbewußtsein zu keimen und damit auch der Gegensatz zur Außenwelt.
Die schnellen und tiefgreifenden Fortschritte der Erkenntnis, welche
das Kind durch den Unterricht der Eltern und der Schule in den ersten
zehn Lebensjahren macht, und später langsamer im zweiten Dezennium
bis zur vollendeten geistigen Reife, sind eng verknüpft mit unzähligen
Fortschritten im Wachstum und in der Entwickelung des =Bewußtseins=
und mit derjenigen seines Organs, des =Gehirns=. Aber auch, wenn der
Schüler das »Zeugnis der Reife« erlangt hat, ist in Wahrheit sein
Bewußtsein noch lange nicht reif, und jetzt beginnt erst recht, in
vielseitiger Berührung mit der Außenwelt, das »=Weltbewußtsein=«
sich zu entwickeln. Jetzt erst reift im dritten Dezennium jene volle
Ausbildung des vernünftigen Denkens und damit des Bewußtseins, welche
dann bei normaler Entwickelung in den folgenden drei Jahrzehnten ihre
reifen Früchte trägt. Gewöhnlich mit Beginn des siebenten Dezennium
(bald früher, bald später) beginnt dann jene langsame und allmähliche
Rückbildung der höheren Geistestätigkeit, welche das Greisenalter
charakterisiert. Gedächtnis, Rezeptionsfähigkeit und Interesse an
speziellen Objekten nehmen mehr und mehr ab; dagegen bleibt die
Produktionsfähigkeit, das gereifte Bewußtsein und das philosophische
Interesse an allgemeinen Beziehungen oft noch lange erhalten. Die
individuelle Entwickelung des Bewußtseins in früher Jugend beweist
die allgemeine Geltung des =Biogenetischen Grundgesetzes=; aber auch
in späteren Jahren ist dieselbe noch vielfach erkennbar. Jedenfalls
überzeugt uns die Ontogenese des Bewußtseins aufs klarste von der
Tatsache, daß dasselbe kein »immaterielles Wesen«, sondern eine
physiologische Funktion des Gehirns ist, und daß es also auch keine
Ausnahme vom Substanzgesetze bildet.
_Phylogenie des Bewußtseins._ Die Tatsache, daß das Bewußtsein, gleich
allen anderen Seelentätigkeiten, an die normale Ausbildung bestimmter
Organe gebunden ist, und daß es sich beim Kinde, in Zusammenhang mit
diesen Gehirnorganen, allmählich entwickelt, läßt schon von vornherein
schließen, daß es auch innerhalb der Tierreihe sich stufenweise
historisch entwickelt hat. So sicher wir aber auch eine solche
natürliche =Stammesgeschichte des Bewußtseins= im Prinzip behaupten
müssen, so wenig sind wir doch leider imstande, tiefer in dieselbe
einzudringen und spezielle Hypothesen darüber aufzustellen. Indessen
liefert uns die Paläontologie doch einige interessante Anhaltspunkte,
die nicht ohne Bedeutung sind. Auffallend ist z. B. die bedeutende,
quantitative und qualitative Entwickelung des Gehirns der plazentalen
Säugetiere innerhalb der =Tertiärzeit=. An vielen fossilen Schädeln
derselben ist die innere Schädelhöhle genau bekannt und liefert uns
sichere Aufschlüsse über die Größe und teilweise auch über den Bau des
davon umschlossenen Gehirns. Da zeigt sich denn innerhalb einer und
derselben Legion (z. B. der Huftiere, der Raubtiere, der Herrentiere)
ein gewaltiger Fortschritt von den älteren eozänen und oligozänen zu
den jüngeren miozänen und pliozänen Vertretern desselben Stammes; bei
den letzteren ist das Gehirn (im Verhältnis zur Körpergröße) 6-8 mal so
groß als bei den ersteren.
Auch jene höchste Entwickelungsstufe des Bewußtseins, welche nur der
=Kulturmensch= erreicht, hat sich erst allmählich und stufenweise --
eben durch den Fortschritt der Kultur selbst -- aus niederen Zuständen
entwickelt, wie wir sie noch heute bei primitiven Naturvölkern
antreffen. Das zeigt uns schon die Vergleichung ihrer =Sprachen=,
welche mit derjenigen der =Begriffe= eng verknüpft ist. Je höher sich
beim denkenden Kulturmenschen die Begriffsbildung entwickelt, je
mehr er fähig wird, aus zahlreichen verschiedenen Einzelheiten die
gemeinsamen Merkmale zusammenzufassen und unter allgemeine Begriffe zu
bringen, desto klarer und tiefer wird damit sein Bewußtsein.
=Elftes Kapitel.=
_Unsterblichkeit der Seele._
Monistische Studien über Fanatismus und Athanismus. Kosmische und
persönliche Unsterblichkeit. Seelen-Substanz.
Indem wir uns von der genetischen Betrachtung der Seele zu der großen
Frage ihrer »Unsterblichkeit« wenden, betreten wir jenes höchste Gebiet
des Aberglaubens, welches gewissermaßen die unzerstörbare Zitadelle
aller mystischen und dualistischen Vorstellungskreise bildet. Denn
bei dieser Kardinalfrage knüpft sich an die rein philosophischen
Vorstellungen mehr als bei jedem anderen Problem das egoistische
Interesse der menschlichen Person, welche um jeden Preis ihre
individuelle Fortdauer über den Tod hinaus garantiert haben will.
Dieses »höhere Gemütsbedürfnis« ist so mächtig, daß es alle logischen
Schlüsse der kritischen Vernunft über den Haufen wirft. Bewußt oder
unbewußt werden bei den meisten Menschen alle übrigen allgemeinen
Ansichten, also auch die ganze Weltanschauung, von dem Dogma der
persönlichen Unsterblichkeit beeinflußt, und an diesen theoretischen
Irrtum knüpfen sich praktische Folgerungen von weitestreichender
Wirkung. Es wird daher unsere Aufgabe sein, alle Seiten dieses
wichtigen Dogmas kritisch zu prüfen und seine Unhaltbarkeit gegenüber
den empirischen Erkenntnissen der modernen Biologie nachzuweisen.
_Athanismus und Thanatismus._ Um einen kurzen und bequemen Ausdruck
für die beiden entgegengesetzten Grundanschauungen über die
Unsterblichkeitsfrage zu haben, bezeichnen wir den Glauben an die
»persönliche Unsterblichkeit des Menschen« als =Athanismus=. Dagegen
nennen wir =Thanatismus= die Überzeugung, daß mit dem Tode des
Menschen nicht nur alle übrigen physiologischen Lebenstätigkeiten
erlöschen, sondern auch die »=Seele=« verschwindet, d. h. jene Summe
von Gehirnfunktionen, welche der psychische Dualismus als ein eigenes
»Wesen«, unabhängig von den übrigen Lebensäußerungen des lebendigen
Körpers, betrachtet.
Indem wir hier das physiologische Problem des =Todes= berühren,
betonen wir nochmals den =individuellen= Charakter dieser organischen
Naturerscheinung. Wir verstehen unter Tod ausschließlich das definitive
Aufhören der Lebenstätigkeit des organischen =Individuums=, gleichviel
welcher Kategorie oder welcher Stufenfolge der Individualität das
betreffende Einzelwesen angehört. Der Mensch ist tot, wenn seine Person
stirbt, gleichviel, ob er gar keine Nachkommenschaft hinterlassen
hat, oder ob er Kinder erzeugt hat, deren Nachkommen sich durch viele
Generationen fruchtbar fortpflanzen. Man sagt ja in gewissem Sinne,
daß der »Geist« großer Männer (z. B. in einer Dynastie hervorragender
Herrscher, in einer Familie talentvoller Künstler) durch Generationen
fortlebt; und ebenso sagt man, daß die »Seele« ausgezeichneter Frauen
oft in den Kindern und Kindeskindern sich forterhält. Allein in diesen
Fällen handelt es sich stets um verwickelte Vorgänge der =Vererbung=,
bei welchen eine abgelöste mikroskopische Zelle (die Spermazelle des
Vaters, die Eizelle der Mutter) gewisse Eigenschaften der Substanz
auf die Nachkommen überträgt. Die einzelnen =Personen=, welche jene
Geschlechtszellen zu Tausenden produzieren, bleiben trotzdem sterblich,
und mit ihrem Tode erlischt ihre individuelle Seelentätigkeit ebenso
wie jede andere physiologische Funktion.
_Kosmische und persönliche Unsterblichkeit._ Wenn man den Begriff der
Unsterblichkeit ganz allgemein auffaßt und auf die Gesamtheit der
erkennbaren Natur ausdehnt, so gewinnt er wissenschaftliche Bedeutung;
er erscheint dann der monistischen Philosophie nicht nur annehmbar,
sondern selbstverständlich. Denn die These von der Unzerstörbarkeit
und ewigen Dauer alles Seienden fällt dann zusammen mit unserem
höchsten Naturgesetze, dem =Substanzgesetz= (12. Kapitel). Wir werden
diese kosmische Unsterblichkeit später, bei Begründung der Lehre von
der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, ausführlich erörtern; jetzt
wenden wir uns sogleich zur Kritik jenes »Unsterblichkeitsglaubens«,
der gewöhnlich allein unter diesem Begriffe verstanden wird, der
Immortalität der =persönlichen Seele=. Wir untersuchen zunächst
die Verbreitung und Entstehung dieser mystischen und dualistischen
Vorstellung und betonen dabei besonders die weite Verbreitung ihres
Gegenteils, des =monistischen=, empirisch begründeten =Thanatismus=.
Ich unterscheide hier als zwei wesentlich verschiedene Erscheinungen
desselben den =primären= und den =sekundären= Thanatismus; bei ersterem
ist der Mangel des Unsterblichkeitsdogmas ein ursprünglicher (bei
primitiven Naturvölkern); der sekundäre Thanatismus dagegen ist das
späte Erzeugnis vernunftgemäßer Naturerkenntnis bei hoch entwickelten
Kulturvölkern.
_Primärer Thanatismus (Ursprünglicher Mangel der
Unsterblichkeitsidee)._ In vielen philosophischen und besonders
theologischen Schriften lesen wir noch heute die Behauptung, daß der
Glaube an die persönliche Unsterblichkeit der menschlichen Seele allen
Menschen ursprünglich gemeinsam sei. Das ist falsch. Dieses Dogma ist
weder eine ursprüngliche Vorstellung der menschlichen Vernunft, noch
hat es jemals allgemeine Verbreitung gehabt. In dieser Beziehung ist
vor allem wichtig die sichere, erst neuerdings durch die vergleichende
Ethnologie festgestellte Tatsache, daß mehrere Naturvölker der ältesten
und primitivsten Stufe ebensowenig von einer Unsterblichkeit als von
einem Gotte irgend eine Vorstellung haben. Das gilt namentlich von den
Weddas auf Ceylon, jenen primitiven Pygmäen, die wir auf Grund der
ausgezeichneten Forschungen der Herren =Sarasin= für einen Überrest der
ältesten indischen »Urmenschen« halten; ferner von mehreren ältesten
Stämmen der nächstverwandten Dravidas, von den indischen Seelongs
und einigen Stämmen der Australneger. Ebenso kennen mehrere der
primitivsten Urvölker der amerikanischen Rasse, im inneren Brasilien,
am oberen Amazonenstrom usw., weder Götter noch Unsterblichkeit.
_Sekundärer Thanatismus (Erworbener Mangel der Unsterblichkeitsidee)._
Im Gegensatze zu dem primären Thanatismus, der sicher bei den ältesten
Urmenschen ursprünglich bestand und noch heute besteht, ist der
sekundäre Mangel des Unsterblichkeitsglaubens erst spät entstanden; er
ist erst die reife Frucht eingehenden Nachdenkens über »Leben und Tod«,
also ein Produkt echter und unabhängiger philosophischer Reflexion.
Als solcher tritt er uns schon im sechsten Jahrhundert v. Chr. bei
einem Teile der ionischen Naturphilosophen entgegen, später bei den
Gründern der alten materialistischen Philosophie, bei =Demokritos= und
=Empedokles=, aber auch bei =Simonides= und =Epikur=, bei =Seneca=
und =Plinius=, am meisten durchgebildet bei =Lucretius Carus=. Als
dann nach dem Untergange des klassischen Altertums das Christentum
sich ausbreitete, gewann mit ihm der Athanismus, als einer seiner
wichtigsten Glaubensartikel, die höchste Bedeutung.
Während der langen Geistesnacht des christlichen Mittelalters
wagte begreiflicherweise nur selten ein kühner Freidenker, seine
abweichende Überzeugung zu äußern; die Beispiele von =Galilei=, von
=Giordano Bruno= und anderen unabhängigen Philosophen, welche von den
»Nachfolgern Christi« der Tortur und dem Scheiterhaufen überliefert
wurden, schreckten genügend jedes freie Bekenntnis ab. Dieses wurde
erst wieder möglich, nachdem die Reformation und die Renaissance
die Allmacht des Papismus gebrochen hatten. Die Geschichte der
neueren Philosophie zeigt die mannigfaltigen Wege, auf denen die
gereifte menschliche Vernunft dem Aberglauben der Unsterblichkeit
zu entrinnen versuchte. Immerhin verlieh ihm die enge Verknüpfung
mit dem christlichen Dogma auch in den freieren protestantischen
Kreisen solche Macht, daß selbst die meisten überzeugten Freidenker
ihre Meinung still für sich behielten. Nur selten wagten einzelne
hervorragende Männer, ihre Überzeugung von der Unmöglichkeit der
Seelenfortdauer nach dem Tode frei zu bekennen. Besonders geschah dies
in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in Frankreich von
=Voltaire=, =Danton=, =Mirabeau= u. a., ferner von den Hauptvertretern
des damaligen Materialismus, =Holbach=, =Lamettrie= u. a. Dieselbe
Überzeugung vertrat auch der geistreiche Freund der letzteren, der
größte der Hohenzollernfürsten, der »Philosoph von Sanssouci«.
Was würde =Friedrich der Große=, dieser =gekrönte Thanatist und
Atheist=, sagen, wenn er heute seine monistischen Überzeugungen mit
den mittelalterlich-dualistischen Kundgebungen seiner Nachfolger
vergleichen könnte!
Unter den =denkenden Ärzten= ist die Überzeugung, daß mit dem Tode
des Menschen auch die Existenz seiner Seele aufhöre, wohl seit
Jahrhunderten sehr verbreitet gewesen; aber auch sie hüteten sich
meistens wohl, dieselbe auszusprechen. Auch blieb immerhin noch im
18. Jahrhundert die empirische Kenntnis des Gehirns so unvollkommen,
daß die »Seele« als ein rätselhafter Bewohner desselben ihre freie
Existenz fortfristen konnte. Endgültig beseitigt wurde sie erst
durch die Fortschritte der Biologie in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts. Die Begründung der Deszendenztheorie und der
Zellentheorie, die überraschenden Entdeckungen der Ontogenie und
der Experimentalphysiologie, vor allem aber die bewundernswürdigen
Fortschritte der mikroskopischen Gehirnanatomie entzogen dem Athanismus
allmählich jeden Boden, so daß jetzt nur selten ein sachkundiger und
ehrlicher Biologe noch für die Unsterblichkeit der Seele eintritt. Die
monistischen Philosophen des 19. Jahrhunderts (=Strauß=, =Feuerbach=,
=Büchner=, =Rau=, =Spencer= usw.) sind sämtlich =Thanatisten=.
_Athanismus und Religion._ Die weiteste Verbreitung und die höchste
Bedeutung hat das Dogma der persönlichen Unsterblichkeit erst durch
seine innige Verbindung mit den Glaubenslehren des =Christentums=
gefunden; und diese hat auch zu der irrtümlichen, heute noch sehr
verbreiteten Ansicht geführt, daß jenes Dogma überhaupt einen
wesentlichen Grundbestandteil jeder geläuterten =Religion= bilde. Das
ist durchaus nicht der Fall! Der Glaube an die Unsterblichkeit der
Seele fehlt vollständig den meisten höher entwickelten orientalischen
Religionen; er fehlt dem =Buddhismus=, der noch heute über 30 Prozent
der gesamten menschlichen Bevölkerung der Erde beherrscht; er fehlt
ebenso der alten Volksreligion der Chinesen wie der reformierten,
später an deren Stelle getretenen Religion des =Confucius=; und,
was das Wichtigste ist, er fehlt der älteren und reineren jüdischen
Religion; weder in den fünf Büchern =Moses=' noch in jenen älteren
Schriften des Alten Testamentes, welche vor dem babylonischen Exil
geschrieben wurden, ist die Lehre von der individuellen Fortdauer nach
dem Tode zu finden.
_Entstehung des Unsterblichkeitsglaubens._ Die mystische Vorstellung,
daß die Seele des Menschen nach seinem Tode fortdauere und unsterblich
weiterlebe, fehlte dem ältesten, schon mit Sprache begabten
=Urmenschen= gewiß ebenso wie seinen Vorfahren und wie seinen modernen,
wenig entwickelten Nachkommen, den Weddas von Ceylon, den Seelongs
von Indien und anderen primitiven Naturvölkern. Erst bei zunehmender
Vernunft, bei eingehenderem Nachdenken über Leben und Tod, über Schlaf
und Traum, entwickelten sich bei verschiedenen älteren Menschenrassen
-- unabhängig voneinander -- mystische Vorstellungen über die
dualistische Zusammensetzung unseres Organismus. Sehr verschiedene
Motive werden bei diesem Vorgange zusammengewirkt haben: Ahnenkultus,
Verwandtenliebe, Lebenslust und Wunsch der Lebensverlängerung, Hoffnung
auf bessere Lebensverhältnisse im Jenseits, Hoffnung auf Belohnung
der guten und Bestrafung der schlechten Taten usw. Die vergleichende
Physiologie hat uns neuerdings eine große Anzahl von sehr verschiedenen
derartigen Glaubensdichtungen kennen gelehrt; großenteils hängen
sie eng zusammen mit den ältesten Formen des Gottesglaubens und
der Religion überhaupt. In den meisten modernen Religionen ist der
=Athanismus= eng verknüpft mit dem =Theismus=. Die Vorstellung, welche
sich die meisten Gläubigen von ihrer »persönlichen unsterblichen Seele«
bilden, ist ebenso materialistisch, wie das individuelle Bild von ihrem
»persönlichen lieben Gott«.
_Christlicher Unsterblichkeitsglaube._ Wie allgemein bekannt, hat
das Dogma von der Unsterblichkeit der Seele in der christlichen
Religion schon lange diejenige feste Form angenommen, welche sich in
dem Glaubensartikel ausspricht: »Ich glaube an die Auferstehung des
Fleisches und ein ewiges Leben.« Wie am Osterfest Christus selbst
von den Toten auferstanden ist und nun in Ewigkeit als »Gottes
Sohn, sitzend zur rechten Hand Gottes«, gedacht wird, versinnlichen
uns unzählige Bilder und Legenden. In gleicher Weise wird auch der
Mensch »am jüngsten Tage auferstehen« und seinen Lohn für die Führung
seines einstigen Erdenlebens empfangen. Dieser ganze christliche
Vorstellungskreis ist durch und durch =materialistisch= und
anthropistisch; er erhebt sich nicht viel über die entsprechenden rohen
Vorstellungen vieler niederer Naturvölker. Daß die »Auferstehung des
Fleisches« unmöglich ist, weiß eigentlich jeder, der einige Kenntnisse
in Anatomie und Physiologie besitzt. Die materielle Auferstehung
Christi, welche von Millionen gläubiger Christen an jedem Osterfeste
gefeiert wird, ist ebenso ein reiner Mythus wie die »Auferweckung von
den Toten«, welche er mehrfach ausgeführt haben soll. Für die reine
Vernunft sind diese mystischen Glaubensartikel ebenso unannehmbar wie
die damit verknüpfte Hypothese eines »ewigen Lebens«.
_Metaphysischer Unsterblichkeitsglaube._ Gegenüber dem
materialistischen Athanismus, welcher in der christlichen und
mohammedanischen Kirche herrschend ist, vertritt scheinbar eine reinere
und höhere Glaubensform der =metaphysische Athanismus=, wie ihn die
meisten dualistischen und spiritualistischen Philosophen lehren. Als
der bedeutendste Begründer desselben ist Plato zu betrachten; er lehrte
schon im vierten Jahrhundert vor Chr. jenen vollkommenen Dualismus
zwischen Leib und Seele, welcher dann in der christlichen Glaubenslehre
zu einem der theoretisch wichtigsten und praktisch wirkungsvollsten
Artikel wurde. Der Leib ist sterblich, materiell (physisch); die Seele
ist unsterblich, immateriell (metaphysisch). Beide sind nur während des
individuellen Lebens vorübergehend verbunden. Da =Plato= ein ewiges
Leben der selbständigen Seele sowohl vor als nach dieser zeitweiligen
Verbindung annimmt, ist er auch Anhänger der »=Seelenwanderung=«; die
Seelen existierten als solche, als »ewige Ideen«, schon bevor sie in
den menschlichen Körper eintraten. Nachdem sie denselben verlassen,
suchen sie sich als Wohnort einen anderen Körper aus, der ihrer
Beschaffenheit am meisten angemessen ist; die Seelen von grausamen
Tyrannen schlüpfen in den Körper von Wölfen und Geiern, diejenigen von
tugendhaften Arbeitern in den Leib von Bienen und Ameisen usw. Die
kindlichen und naiven Anschauungen dieser platonischen Seelenlehre
liegen auf der Hand; bei weiterem Eindringen erscheinen sie völlig
unvereinbar mit unseren festgegründeten physiologischen Erkenntnissen.
Wir erwähnen sie hier nur, weil sie trotz ihrer Absurdität den größten
kulturhistorischen Einfluß erlangten. Denn einerseits knüpfte an die
platonische Seelenlehre die Mystik der Neuplatoniker an, welche in das
Christentum Eingang gewann; andererseits wurde sie später zu einem
Hauptpfeiler der spiritualistischen und idealistischen Philosophie.
Die platonische »=Idee=« verwandelte sich später in den Begriff der
=Seelensubstanz=, die allerdings ebenso unfaßbar und metaphysisch ist,
aber doch oft einen physikalischen Anschein gewann.
_Seelensubstanz._ Die Auffassung der Seele als »=Substanz=« ist bei
vielen Psychologen sehr unklar; bald wird dieselbe in abstraktem
und idealistischem Sinne als ein »immaterielles Wesen« von ganz
eigentümlicher Art betrachtet, bald in konkretem und realistischem
Sinne, bald als ein unklares Mittelding zwischen beiden. Halten wir an
dem monistischen Substanzbegriffe fest, wie wir ihn (im 12. Kapitel)
als einfachste Grundlage unserer gesamten Weltanschauung entwickeln,
so ist in demselben =Energie= und =Materie= untrennbar verbunden.
Dann müssen wir an der »Seelensubstanz« die eigentliche, uns allein
bekannte =psychische Energie= unterscheiden (Empfinden, Vorstellen,
Wollen) und die =psychische Materie=, durch welche allein dieselbe zur
Wirkung gelangen kann, also das lebendige =Plasma=. Bei den höheren
Tieren bildet dann der »Seelenstoff« einen Teil des Nervensystems, bei
den niederen, nervenlosen Tieren und den Pflanzen einen Teil ihres
vielzelligen Plasmakörpers, bei den einzelligen Protisten einen Teil
ihres plasmatischen Zellenkörpers. Somit kommen wir wieder auf die
=Seelenorgane= und gelangen zu der naturgemäßen Erkenntnis, daß diese
materiellen Organe für die Seelentätigkeit unentbehrlich sind; die
Seele selbst aber ist =aktuell=, ist die Summe ihrer physiologischen
Funktionen.
Anders gestaltet sich der Begriff der spezifischen Seelensubstanz
bei vielen dualistischen Philosophen und Theologen. Die unsterbliche
»Seele« soll dann zwar materiell sein, aber doch unsichtbar und
ganz verschieden von dem sichtbaren Körper, in welchem sie wohnt.
Die =Unsichtbarkeit= der Seele wird dabei als ein sehr wesentliches
Attribut derselben betrachtet. Einige vergleichen dabei die Seele
mit dem Äther und betrachten sie gleich diesem als einen äußerst
feinen und leichten, höchst beweglichen Stoff oder ein imponderables
Agens, welches überall zwischen den wägbaren Teilchen des lebendigen
Organismus schwebt. Andere hingegen vergleichen die Seele mit dem
wehenden Winde und schreiben ihr also einen gasförmigen Zustand zu;
und dieser Vergleich ist ja auch derjenige, welcher zuerst bei den
Naturvölkern zu der später so allgemein gewordenen dualistischen
Auffassung führte. Wenn der Mensch starb, blieb der Körper als Leiche
zurück; die unsterbliche Seele aber »entfloh aus ihm mit dem letzten
Atemzuge«.
_Ätherseele._ Die Vergleichung der menschlichen Seele mit dem
physikalischen Äther als qualitativ ähnlichem Gebilde hat in
neuerer Zeit eine konkretere Gestalt gewonnen durch die großartigen
Fortschritte der Optik und der Elektrizität (besonders in den letzten
Dezennien). Diese haben uns mit der Energie des Äthers bekannt gemacht
und damit zugleich gewisse Schlüsse auf die materielle Natur dieses
raumerfüllenden Wesens gestattet. Da ich diese wichtigen Verhältnisse
später (im 12. Kapitel) besprechen werde, will ich nur kurz darauf
hinweisen, daß dadurch die Annahme einer =Ätherseele= vollkommen
unhaltbar geworden ist. Eine solche »=ätherische Seele=«, d. h. eine
Seelensubstanz, welche dem physikalischen Äther ähnlich ist und
gleich ihm zwischen den wägbaren Teilchen des lebendigen Plasma oder
den Gehirnmolekeln schwebt, kann unmöglich individuelles Seelenleben
hervorbringen. Weder die mystischen Anschauungen, welche darüber um
die Mitte unseres Jahrhunderts lebhaft diskutiert wurden, noch die
Versuche des modernen =Neovitalismus=, die mystische »Lebenskraft« mit
dem physikalischen Äther in Beziehung zu setzen, sind heute mehr der
Widerlegung bedürftig.