_Bewußtsein des Menschen._ Die einzige Quelle unserer Erkenntnis des

Bewußtseins ist dieses selbst, und hierin liegt in erster Linie die

außerordentliche Schwierigkeit seiner wissenschaftlichen Untersuchung

und Deutung. =Subjekt= und =Objekt= fallen hier in eins zusammen; das

erkennende Subjekt spiegelt sich in seinem eigenen inneren Wesen,

welches Objekt der Erkenntnis sein soll. Auf das Bewußtsein anderer

Wesen können wir also niemals mit voller objektiver Sicherheit

schließen, sondern immer nur durch Vergleichung seiner Äußerungen

mit unseren eigenen. Soweit diese Vergleichung sich nur auf =normale

Menschen= erstreckt, können wir allerdings auf deren Bewußtsein

gewisse Schlüsse ziehen, deren Richtigkeit niemand bezweifelt. Aber

schon bei =abnormen= Persönlichkeiten (bei genialen und exzentrischen,

stumpfsinnigen und geisteskranken Menschen) sind diese Analogieschlüsse

entweder unsicher oder falsch. In noch höherem Grade gilt das, wenn

wir das Bewußtsein des Menschen mit demjenigen der Tiere in Vergleich

stellen. Da ergeben sich alsbald so große tatsächliche Schwierigkeiten,

daß die Ansichten der hervorragendsten Physiologen und Philosophen

himmelweit auseinander gehen. Wir wollen hier nur die wichtigsten

Anschauungen darüber kurz einander gegenüberstellen.

~I~. _Anthropistische Theorie des Bewußtseins:_ =es ist dem Menschen

eigentümlich.= Die weitverbreitete Anschauung, daß Bewußtsein und

Denken ausschließliches Eigentum des Menschen seien, und daß auch

ihm allein eine »unsterbliche Seele« zukomme, ist auf =Descartes=

zurückzuführen (1643). Dieser geistreiche französische Philosoph und

Mathematiker errichtete eine vollkommene Scheidewand zwischen der

Seelentätigkeit des Menschen und der Tiere. Die Seele des Menschen,

als denkendes, immaterielles Wesen, ist nach ihm vom Körper, als

ausgedehntem, materiellem Wesen, vollständig getrennt. Trotzdem soll

sie an einem Punkte des Gehirns (an der Zirbeldrüse!) mit dem Körper

verbunden sein, um hier Einwirkungen der Außenwelt aufzunehmen und

ihrerseits auf den Körper auszuüben. Die =Tiere= dagegen, als nicht

denkende Wesen, sollen keine Seele besitzen und reine =Automaten=

sein, kunstvoll gebaute Maschinen, deren Empfinden, Vorstellen

und Wollen rein mechanisch zustande kommt und nach physikalischen

Gesetzen verläuft. Für die Psychologie des =Menschen= vertrat demnach

=Descartes= den =Dualismus=, für diejenige der =Tiere= den =Monismus=.

Dieser offenkundige Widerspruch bei einem so klaren und scharfsinnigen

Denker muß höchst auffallend erscheinen; zu Erklärung desselben darf

man wohl mit Recht annehmen, daß er seine wahre Überzeugung verschwieg

und deren Erkenntnis den selbständigen Denkern überließ. Als Zögling

der Jesuiten war =Descartes= schon frühzeitig dazu erzogen, wider

bessere Einsicht die Wahrheit zu verleugnen; vielleicht fürchtete er

auch die Macht der Kirche und ihre Scheiterhaufen. Ohnehin hatte ihm

seine skeptische Forderung, daß jedes reine Erkenntnisstreben vom

Zweifel am überlieferten Dogma ausgehen müsse, fanatische Anklagen

wegen Skeptizismus und Atheismus zugezogen. Die mächtige Wirkung,

welche =Descartes= auf die nachfolgende Philosophie ausübte, war

sehr merkwürdig und seiner »doppelten Buchführung« entsprechend.

Die =Materialisten= des 17. und 18. Jahrhunderts beriefen sich

für ihre monistische Psychologie auf die kartesianische Theorie

von der Tierseele und ihrer mechanischen Maschinentätigkeit. Die

=Spiritualisten= umgekehrt behaupteten, daß ihr Dogma von der

Unsterblichkeit der Seele und ihrer Unabhängigkeit vom Körper durch

die kartesianische Theorie der Menschenseele unwiderleglich begründet

sei. Diese Ansicht ist auch heute noch im Lager der Theologen und der

dualistischen Metaphysiker die herrschende. Die naturwissenschaftliche

Anschauung des 19. Jahrhunderts hat sie mit Hülfe der empirischen

Fortschritte im Gebiete der physiologischen, pathologischen und

vergleichenden Psychologie völlig überwunden.

~II~. _Neurologische Theorie des Bewußtseins:_ es =kommt nur dem

Menschen und jenen höheren Tieren= zu, welche ein zentralisiertes

Nervensystem und Sinnesorgane besitzen. Die Überzeugung, daß ein

großer Teil der Tiere -- zum mindesten die höheren Säugetiere --

ebenso eine denkende Seele und also auch Bewußtsein besitzt, wie der

Mensch, beherrscht die Kreise der modernen Zoologie, Physiologie und

monistischen Psychologie. Die großartigen Fortschritte der Neuzeit

in mehreren Gebieten der Biologie haben uns übereinstimmend zu der

Anerkennung dieser bedeutungsvollen Erkenntnis geführt. Wir beschränken

uns bei ihrer Würdigung zunächst auf die höheren =Wirbeltiere=

und vor allem die Säugetiere. Daß die intelligentesten Vertreter

dieser höchst entwickelten Wirbeltiere -- allen voran die Affen und

Hunde -- in ihrer gesamten Seelentätigkeit sich dem Menschen höchst

ähnlich verhalten, ist seit Jahrtausenden bekannt und bewundert.

Ihre Vorstellungs- und Sinnestätigkeit, ihr Empfinden und Begehren

ist dem Menschen so ähnlich, daß wir keine Beweise dafür anzuführen

brauchen. Aber auch die höhere Assoziationstätigkeit ihres Gehirns,

die Bildung von Urteilen und deren Verbindung zu Schlüssen, das

Denken und das Bewußtsein im engeren Sinne, sind bei ihnen ähnlich

entwickelt wie beim Menschen -- nur dem Grade, nicht der Art nach

davon verschieden. Überdies lehrt uns die vergleichende Anatomie und

Histologie, daß die verwickelte Zusammensetzung des Gehirns (sowohl

die feinere als die gröbere Struktur) bei diesen höheren =Säugetieren=

im wesentlichen dieselbe wie beim Menschen ist. Dasselbe zeigt uns die

vergleichende Ontogenie bezüglich der Entstehung dieser Seelenorgane.

Die vergleichende Physiologie lehrt, daß die verschiedenen Zustände des

Bewußtseins sich bei diesen höchst entwickelten Plazentaltieren ganz

ähnlich wie beim Menschen verhalten, und das Experiment beweist, daß

sie auch auf äußere Eingriffe ebenso reagieren. Man kann höhere Tiere

durch Alkohol, Chloroform, Äther usw. ebenso betäuben, durch geeignete

Behandlung ebenso hypnotisieren usw. wie den Menschen. Dagegen ist es

nicht möglich, die =Grenze= scharf zu bestimmen, wo auf den niederen

Stufen des Tierlebens das Bewußtsein zuerst als solches erkennbar wird.

Die einen Zoologen setzen dieselbe sehr hoch oben an, die anderen

sehr tief unten. =Darwin=, der die verschiedenen Abstufungen des

Bewußtseins, der Intelligenz und des Gemüts bei den höheren Tieren sehr

genau unterscheidet und durch zunehmende Entwickelung erklärt, weist

zugleich darauf hin, wie schwer oder eigentlich wie unmöglich es ist,

die ersten Anfänge dieser höchsten Seelentätigkeiten bei den niederen

Tieren zu bestimmen. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, daß

diejenigen Tiere ein unserem eigenen ähnliches bewußtes Erleben haben,

die ein Nervensystem von annähernd so feiner Struktur, histologischer

Differenzierung und Zentralisation besitzen.

~III~. _Animalische Theorie des Bewußtseins:_ =es findet sich

bei allen Tieren und nur bei diesen.= Hiernach würde ein scharfer

Unterschied im Seelenleben der Tiere und Pflanzen bestehen; ein solcher

wurde schon von vielen alten Autoren angenommen und von =Linné= scharf

formuliert in seinem grundlegenden »~Systema naturae~« (1735);

die beiden großen Reiche der organischen Natur unterscheiden sich

nach ihm dadurch, daß die Tiere Empfindung und Bewußtsein haben,

die Pflanzen nicht. Später hat besonders =Schopenhauer= diesen

Unterschied scharf betont: »Das Bewußtsein ist uns schlechthin nur

als Eigenschaft =animaler= Wesen bekannt. Auch nachdem es sich durch

die ganze Tierreihe, bis zum Menschen und seiner Vernunft, gesteigert

hat, bleibt die Bewußtlosigkeit der Pflanze, von der es ausging, noch

immer die Grundlage. Die untersten Tiere haben bloß eine Dämmerung

desselben.« Die Unhaltbarkeit dieser Ansicht wurde schon um die Mitte

des neunzehnten Jahrhunderts klar, als man das Seelenleben der niederen

Tierstämme, besonders der Schwämme und Nesseltiere, näher kennen

lernte: echte Tiere, die ebenso wenig Spuren von klarem Bewußtsein

besitzen, wie die meisten Pflanzen. Noch mehr wurde der Unterschied

zwischen beiden Reichen verwischt, als man die einzelligen Lebensformen

derselben genauer untersuchte. Die =Urtiere= und die =Urpflanzen=

zeigen keine psychologischen Unterschiede, auch nicht in Beziehung auf

ihr fragliches Bewußtsein.

~IV~. _Biologische Theorie des Bewußtseins:_ =es ist allen Organismen

gemeinsam=, es findet sich bei allen Tieren und Pflanzen, während es

den anorganischen Naturkörpern (Krystallen usw.) fehlt. Diese Annahme

wird gewöhnlich mit der Ansicht verknüpft, daß alle Organismen (im

Gegensatze zu den Anorganen) beseelt sind; die drei Begriffe: Leben,

Seele und Bewußtsein, fließen dann gewöhnlich zusammen. Eine andere

Modifikation dieser Anschauung ist, daß diese drei Grunderscheinungen

des organischen Lebens zwar unzertrennbar verknüpft sind, daß aber das

Bewußtsein nur ein =Teil= der psychischen Tätigkeit ist, wie diese

selbst ein =Teil= der Lebenstätigkeit. Daß die Pflanzen in demselben

Sinne wie die Tiere eine »Seele« besitzen, hat namentlich =Fechner=

sich zu zeigen bemüht, und manche schreiben der Pflanzenseele ein

Bewußtsein von ähnlicher Art zu wie der Tierseele. In der Tat sind

ja bei sehr empfindlichen »=Sinnpflanzen=« (~Mimosa~, ~Drosera~,

~Dionaea~) die auffallenden Reizbewegungen der Blätter, bei manchen

anderen (Klee und Sauerklee, besonders aber ~Hedysarum~) die

autonomen Bewegungen, bei »schlafenden Pflanzen« (auch vorzugsweise

~Papilionaceen~) die Schlafbewegungen usw. auffallend ähnlich

denjenigen vieler niederen Tiere; wer den letzteren Bewußtsein

zuschreibt, darf es ganz gewiß auch den ersteren nicht absprechen.

~V~. _Zellulare Theorie des Bewußtseins:_ =es ist eine

Lebenseigenschaft jeder Zelle.= Die Anwendung der Zellentheorie auf

alle Zweige der Biologie verlangt auch ihre Verknüpfung mit der

Psychologie. Mit demselben Rechte, mit dem man in der Anatomie und

Physiologie die lebendige Zelle als den »Elementarorganismus«

behandelt und das ganze Verständnis des höheren, vielzelligen

Tier- und Pflanzenkörpers daraus ableitet, mit demselben Rechte kann

man auch die »=Zellseele=« als das psychologische Element betrachten

und die zusammengesetzte Seelentätigkeit der höheren Organismen als

das Resultat aus dem vereinigten Seelenleben der Zellen, die sie

zusammensetzen. Ich habe die Grundzüge dieser =Zellular-Psychologie=

schon 1866 in meiner »Generellen Morphologie« entworfen und sie später

weiter ausgeführt in meinem Aufsatz über »Zellseelen und Seelenzellen«.

Zum tieferen Eindringen in diese »Elementarpsychologie« wurde ich

durch meine langjährige Beschäftigung mit den einzelligen Lebensformen

geführt. Viele von diesen kleinen (meist mikroskopischen) Protisten

zeigen ähnliche Äußerungen von Empfindung und Willen, ähnliche

Instinkte und Bewegungen wie höhere Tiere; besonders gilt das von den

sehr empfindlichen und lebhaft beweglichen Infusorien. Sowohl in dem

Verhalten dieser reizbaren Zellinge gegenüber der Außenwelt, wie in

vielen anderen Lebensäußerungen derselben, z. B. in dem wunderbaren

Gehäusebau der Rhizopoden, (Thalamophoren und Radiolarien) könnte man

deutliche Spuren bewußter Seelentätigkeit zu erkennen glauben. Wenn man

nun die biologische Theorie des Bewußtseins akzeptiert (Nr. ~IV~),

und wenn man jede psychische Funktion mit einem Bewußtseinsanteil

ausstattet, dann wird man auch jeder selbständigen Protistenzelle

Bewußtsein zuschreiben müssen. Die materielle Grundlage desselben wäre

dann entweder das ganze =Plasma= der Zelle, oder deren Kern, oder

ein Teil desselben. Definitiv widerlegen läßt sich diese Annahme,

die ich früher vertrat, nicht. Ich muß aber jetzt =Max Verworn=

zustimmen, welcher in seinen ausgezeichneten »Psychophysiologischen

Protistenstudien« annimmt, daß wohl sämtlichen Protisten ein

entwickeltes »Ichbewußtsein« fehlt, und daß ihre Empfindungen und

Bewegungen durchweg den Charakter des »=Unbewußten=« tragen.

~VI~. _Atomistische Theorie des Bewußtseins:_ =es ist eine

Elementareigenschaft aller Atome.= Unter allen verschiedenen

Anschauungen über die Verbreitung des Bewußtseins geht diese

aromatische Hypothese am weitesten. Sie ist wohl hauptsächlich der

Schwierigkeit entsprungen, welche manche Philosophen und Biologen bei

der Frage nach der ersten Entstehung des =Bewußtseins= empfinden.

Diese Erscheinung trägt ja einen so eigenartigen Charakter, daß

ihre Ableitung aus anderen psychischen Funktionen höchst bedenklich

erscheint; man glaubte daher dieses Hindernis am leichtesten

dadurch zu überwinden, daß man sie als eine Elementareigenschaft

aller Materie annahm, gleich der Massenanziehung oder der

chemischen Wahlverwandtschaft. Es würde danach so viele Formen des

Elementarbewußtseins geben, als es chemische Elemente gibt; jedes

Atom Wasserstoff würde sein hydrogenes Bewußtsein haben, jedes Atom

Kohlenstoff sein karbonisches Bewußtsein usw.

Ich halte diese Hypothese für unbegründet und beharre in der

Überzeugung, daß das Bewußtsein an einen hohen Grad von Differenzierung

und Zentralisation des Nervensystems gebunden ist, wie beim Menschen

und einem Teile der höheren Wirbeltiere.

_Monistische und dualistische Theorie des Bewußtseins._ Soweit

auch die verschiedenen Ansichten über die Natur und die Entstehung

des Bewußtseins auseinander gehen, so lassen sich doch alle

schließlich -- bei klarer und konsequenter logischer Behandlung

-- auf zwei entgegengesetzte Grundanschauungen zurückführen, auf

die =transzendente= (übernatürliche, =dualistische=) und die

=physiologische= (natürliche, =monistische=). Ich selbst habe von jeher

diese letztere Auffassung, und zwar auf Grund der =Entwickelungslehre=,

vertreten, und sie wird gegenwärtig von einer großen Anzahl

hervorragender Naturforscher geteilt.

_Transzendenz des Bewußtseins._ In dem berühmten Vortrag »über

die Grenzen des Naturerkennens«, welchen =E. Du Bois-Reymond=

am 14. August 1872 auf der Naturforscherversammlung in Leipzig

hielt, stellte derselbe zwei verschiedene »=unbedingte Grenzen=«

unseres Naturerkennens auf, welche der menschliche Geist auch bei

vorgeschrittenster Naturerkenntnis niemals überschreiten werde --

=niemals=, wie das oft zitierte Schlußwort des Vortrags emphatisch

betont: »~Ignorabimus~!« Das eine absolut unlösbare »Welträtsel«

ist der »Zusammenhang von Materie und Kraft« und das eigentliche

Wesen dieser fundamentalen Naturerscheinungen; wir werden dieses

»=Substanzproblem=« im zwölften Kapitel eingehend behandeln. Das

zweite unübersteigliche Hindernis der Philosophie soll das Problem

des =Bewußtseins= bilden, die Frage: wie unsere Geistestätigkeit aus

materiellen Bedingungen, bezüglich Bewegungen zu erklären ist, wie die

(der Materie und Kraft zugrunde liegende) »Substanz unter bestimmten

Bedingungen empfindet, begehrt und denkt«.

Wenn man diese vielbesprochene »Ignorabimusrede« unbefangen auf

ihren Kern untersucht, so muß man darin das entschiedene Programm

des =methaphysischen Dualismus= finden; die Welt ist »=doppelt=

unbegreiflich«: einmal die materielle Welt, in welcher »Materie

und Kraft« ihr Wesen treiben, und gegenüber, ganz getrennt, die

immaterielle Welt des »Geistes«, in welcher »Denken und Bewußtsein

nicht aus materiellen Bedingungen erklärbar sind«, wie bei der

ersteren. Es war ganz naturgemäß, daß der herrschende Dualismus und

Mystizismus diese Anerkennung der zwei verschiedenen Welten mit

Begierde ergriff, um damit die Doppelnatur des Menschen und die

Unsterblichkeit der Seele zu beweisen. Der Jubel der Spiritualisten

darüber war um so heller und berechtigter, als =E. Du Bois-Reymond=

bis dahin als ein bedeutender prinzipieller Vertreter des

wissenschaftlichen Materialismus gegolten hatte; und das war und blieb

er auch (trotz seiner »schönen Reden«!), ebenso wie alle anderen

sachkundigen, klaren und =konsequent denkenden= Naturforscher der

Gegenwart.

Allerdings hat der Verfasser der Ignorabimusrede am Schlusse derselben

kurz auf die Frage hingewiesen, ob nicht jene beiden gegenüberstehenden

»Welträtsel«, das allgemeine Substanzproblem und das besondere

Bewußtseinsproblem, zusammenfallen. Er sagt: »Freilich ist diese

Vorstellung die einfachste und der vorzuziehen, wonach die Welt doppelt

unbegreiflich erscheint. Aber es liegt in der Natur der Dinge, daß wir

auch in diesem Punkte nicht zur Klarheit kommen, und alles weitere

Reden darüber bleibt müßig.« -- Dieser letzteren Ansicht bin ich von

Anfang an entschieden entgegengetreten und habe mich zu zeigen bemüht,

daß jene beiden großen Fragen nicht zwei verschiedene Welträtsel sind.

»=Das neurologische Problem des Bewußtseins ist nur ein besonderer Fall

von dem allumfassenden kosmologischen Problem, der Substanzfrage.=«

(Monismus, 1892, S. 23.)

_Physiologie des Bewußtseins._ Die eigenartige Naturerscheinung

des Bewußtseins ist nicht, wie =Du Bois-Reymond= und mit ihm die

dualistische Philosophie behauptet, ein völlig und »durchaus

transzendentes Problem«; sondern sie ist, wie ich schon seit 1866

behauptet habe, ein =physiologisches Problem=, und als solches auf

die Erscheinungen im Gebiete der Physik und Chemie zurückzuführen.

Ich habe es später noch bestimmter als ein =neurologisches Problem=

bezeichnet, auf der Annahme fußend, daß ein dem menschlichen analoges

Bewußtsein nur bei den höheren Tieren mit stark zentralisiertem

Nervensystem zu suchen ist. Mit voller Sicherheit läßt sich das für

die höheren Wirbeltiere behaupten, und vor allem für die plazentalen

Säugetiere, aus deren Stamm das Menschengeschlecht selbst entsprossen

ist. Das Bewußtsein der höchstentwickelten Affen, Hunde, Elephanten

usw. ist von demjenigen des Menschen nur dem Grade, nicht der Art nach

verschieden, und die graduellen Unterschiede im Bewußtsein dieser

»vernünftigsten« Zottentiere und der niedersten Menschenrassen (Weddas,

Australneger usw.) sind geringer als die entsprechenden Unterschiede

zwischen diesen letzteren und den höchst entwickelten Vernunftmenschen

(=Spinoza=, =Goethe=, =Lamarck=, =Darwin= usw.). Das Bewußtsein ist

mithin nur =ein Teil der höheren Seelentätigkeit=, und als solche

abhängig von der normalen Struktur des betreffenden Seelenorgans, des

=Gehirns=.

Physiologische Beobachtung und Experiment haben seit zwanzig Jahren

den sicheren Beweis geführt, daß derjenige engere Bezirk des

Säugetiergehirns, den man in diesem Sinne als =Organ= des Bewußtseins

bezeichnet, ein Teil des =Großhirns= ist, und zwar der spät

entstandene »graue Mantel« oder die »Großhirnrinde«. Aber auch die

=morphologische= Begründung dieser physiologischen Erkenntnis ist den

bewunderungswürdigen Fortschritten der =mikroskopischen Gehirnanatomie=

gelungen, welche wir den vervollkommneten Forschungsmethoden der

neuesten Zeit verdanken.

Wohl die wichtigste von diesen Erkenntnissen ist die Entdeckung

der =Denkorgane= durch =Paul Flechsig= in Leipzig; er wies 1894

nach, daß in der grauen Rindenzone des Hirnmantels vier Gebiete

der zentralen Sinnesorgane oder vier »innere Empfindungssphären«

liegen, die Körperfühlsphäre im Scheitellappen, die Riechsphäre im

Stirnlappen, die Sehsphäre im Hinterhauptslappen, die Hörsphäre im

Schläfenlappen. Zwischen diesen vier »=Sinnesherden=« liegen die vier

großen »=Denkherde=« oder Assozionszentren, die realen =Organe des

Geisteslebens=; sie sind jene höchsten Werkzeuge der Seelentätigkeit,

welche das =Denken= und das =Bewußtsein= vermitteln: vorn das Stirnhirn

oder das frontale Assozionszentrum, hinten oben das Scheitelhirn

oder parietale Assozionszentrum, hinten unten das Prinzipalhirn oder

das »große occipito-temporale Assozionszentrum« (das wichtigste von

allen!) und endlich tief unten, im Innern versteckt, das Inselhirn

oder »die Reilsche Insel«, das insulare Assozionszentrum. Diese vier

Denkherde, durch eigentümliche und höchst verwickelte Nervenstruktur

vor den zwischenliegenden Sinnesherden ausgezeichnet, sind die wahren

»=Denkorgane=«, die einzigen Organe unseres Bewußtseins. In neuester

Zeit hat =Flechsig= nachgewiesen, daß in einem Teile derselben sich

beim Menschen noch ganz besonders verwickelte Strukturen finden, welche

den übrigen Säugetieren fehlen, und welche die Überlegenheit des

menschlichen Bewußtseins erklären.

_Pathologie des Bewußtseins._ Die bedeutungsvolle Erkenntnis der

modernen Physiologie, daß das Großhirn beim Menschen und den höheren

Säugetieren das Organ des Geisteslebens und des Bewußtseins ist, wird

einleuchtend bestätigt durch die Pathologie, durch die Kenntnis seiner

=Erkrankungen=. Wenn die betreffenden Teile der Großhirnrinde durch

Krankheit zerstört werden, erlischt ihre Funktion, und zwar läßt sich

hier die =Lokalisation= der Gehirnfunktionen sogar partiell nachweisen;

wenn einzelne Stellen jenes Gebietes erkranken, verschwindet auch der

Teil des Denkens und des Bewußtseins, welcher an die betreffende Stelle

gebunden ist. Dasselbe Ergebnis liefert das pathologische Experiment;

Zerstörung einer solchen bekannten Stelle (z. B. im Sprachzentrum)

vernichtet deren Funktion (die Sprache). Übrigens genügt ja der

Hinweis auf die bekanntesten alltäglichen Erscheinungen im Gebiete des

Bewußtseins, um die völlige Abhängigkeit desselben von den =chemischen=

Veränderungen der Gehirnsubstanz zu beweisen. Viele Genußmittel

(Kaffee, Tee) regen unser Denkvermögen an; andere (Wein, Bier) stimmen

unser Gemüt heiter; Moschus und Kampher als »~Excitantia~« beleben

das erlöschende Bewußtsein; Äther und Chloroform betäuben dasselbe

usw. Wie wäre das alles möglich, wenn das Bewußtsein ein immaterielles

Wesen, unabhängig von jenen anatomisch nachgewiesenen Organen wäre? Und

worin besteht das Bewußtsein der »unsterblichen Seele«, wenn sie nicht

mehr jene Organe besitzt.

Alle diese und andere bekannte Tatsachen beweisen, daß das Bewußtsein

beim Menschen (genau ebenso wie bei den nächstverwandten Säugetieren)

=veränderlich= ist, und daß seine Tätigkeit jederzeit abgeändert werden

kann durch innere Ursachen (Stoffwechsel, Blutkreislauf) und äußere

Ursachen (Verletzung des Gehirns, Reizung usw.). Sehr lehrreich sind

auch die merkwürdigen Zustände des alternierenden oder =doppelten

Bewußtseins=; derselbe Mensch zeigt an verschiedenen Tagen, unter

veränderten Umständen, ein ganz verschiedenes Bewußtsein; er weiß heute

nicht mehr, was er gestern getan hat, gestern konnte er sagen: Ich bin

ich; -- heute muß er sagen: Ich bin ein anderer. Solche Intermissionen

des Bewußtseins können nicht bloß Tage, sondern Monate und Jahre

dauern; sie können selbst bleibend werden.

Die Welträtsel: Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie · 第 12 / 27 段