=Biogenetische Grundgesetz=, indem es die unmittelbar zu beobachtenden
Erscheinungen derselben durch die =Vererbung= erklärt und auf
entsprechende historische Vorgänge zurückführt, welche sich
ursprünglich bei der Entstehung der ältesten Protisten-Zönobien, der
=Blastäaden=, vollzogen haben. Die physiologische und psychologische
Einsicht in diese wichtigen Prozesse der ältesten =Zellen-Assozion=
gewinnen wir aber durch Beobachtung und Experiment an den heute noch
lebenden Zönobien. Solche beständige =Zellvereine= der Gegenwart sind
z. B. die bekannten »Kugeltierchen« (~Volvocina~). Ihre schwimmende
Ortsbewegung wird durch schwingende Geißeln vermittelt, die von den
einzelnen Zellen an der Oberfläche der »Flimmerkugel« ausgehen.
In allen diesen Zönobien können wir bereits neben einander zwei
verschiedene Stufen der psychischen Tätigkeit unterscheiden: ~I~. die
=Zellseele= der einzelnen Zellindividuen (als »Elementar-Organismen«)
und ~II~. die =Zönobialseele= des ganzen Zellvereins.
~III~. _Gewebeseele (Histopsyche);_ =dritte Hauptstufe der
phyletischen Psychogenesis.= Bei allen vielzelligen und gewebebildenden
Pflanzen (~Metaphyten~) und ebenso bei den niedersten, nervenlosen
Klassen der =Gewebetiere= (~Metazoen~) haben wir zunächst zwei
verschiedene Formen der Seelentätigkeit zu unterscheiden, nämlich
~A~. die Psyche der einzelnen =Zellen=, welche die Gewebe
zusammensetzen, und ~B~. die Psyche der =Gewebe= selbst oder des
»Zellenstaates«, welcher von diesen gebildet wird. Diese =Gewebeseele=
ist überall die höhere psychologische Funktion, welche den
zusammengesetzten vielzelligen Organismus als einheitliches Lebewesen
oder »=physiologisches Individuum=«, als wirklichen »Zellenstaat«
erscheinen läßt. Sie beherrscht alle die einzelnen »Zellseelen« der
sozialen Zellen, welche als abhängige »Staatsbürger« den einheitlichen
Zellenstaat konstituieren.
~III. A.~ _Die Pflanzenseele (Phytopsyche)_ ist für uns der Inbegriff
der gesamten psychischen Tätigkeit der gewebebildenden, =vielzelligen
Pflanzen= (~Metaphyten~); sie ist Gegenstand der verschiedensten
Beurteilung bis auf den heutigen Tag geblieben. Früher fand man
gewöhnlich einen Hauptunterschied zwischen Pflanzen und Tieren darin,
daß man den letzteren allgemein eine »Seele« zuschrieb, den ersteren
dagegen nicht. Indessen führte unbefangene Vergleichung der Reizbarkeit
und der Bewegungen bei verschiedenen höheren Pflanzen und niederen
Tieren schon im Anfange des 19. Jahrhunderts einzelne Forscher zu
der Überzeugung, daß beide gleichmäßig beseelt sein müßten. Später
traten namentlich =Fechner=, =Leitgeb= u. a., neuerdings besonders
=Francé=, lebhaft für die Annahme einer »=Pflanzenseele=« ein.
Tieferes Verständnis derselben wurde erst erworben, nachdem durch die
=Zellentheorie= (1838) die gleiche Elementarstruktur in Pflanzen und
Tieren nachgewiesen, und besonders seitdem durch die =Plasmatheorie=
von =Max Schultze= (1859) das gleiche Verhalten des aktiven, lebendigen
Protoplasma in beiden erkannt worden war. Die neuere vergleichende
Physiologie zeigte sodann, daß das physiologische Verhalten gegen
verschiedene Reize (Licht, Elektrizität, Wärme, Schwere, Reibung,
chemische Einflüsse usw.) in den »=empfindlichen=« Körperteilen
vieler Pflanzen und Tiere ganz ähnlich ist, und daß auch die
=Reflexbewegungen=, die jene Reize hervorrufen, ganz ähnlichen Verlauf
haben. Wenn man daher diese Tätigkeiten bei niederen, nervenlosen
Metazoen (Schwämmen, Polypen) einer besonderen »Seele« zuschrieb,
so war man berechtigt, diese auch bei den Metaphyten anzunehmen,
besonders bei den sehr »empfindlichen« Sinnpflanzen (~Mimosa~), den
Fliegenfallen (~Dionaea~, ~Drosera~) und den zahlreichen rankenden
Kletter- und Schlingpflanzen.
~III. B.~ _Die Seele nervenloser Metazoen._ Von ganz besonderem
Interesse für die vergleichende Physiologie im allgemeinen und für die
Phylogenie der Tierseele im besonderen ist die Seelentätigkeit jener
=niederen Metazoen=, welche zwar Gewebe und oft bereits differenzierte
Organe besitzen, aber weder Nerven noch spezifische Sinnesorgane. Dahin
gehören vier verschiedene Gruppen von ältesten =Zölenterien= oder
Niedertieren, nämlich: 1. die =Gasträaden=, 2. die =Platodarien=, 3.
die =Spongien= und 4. die =Hydropolypen=, die niedersten Formen der
Nesseltiere.
_Die Gasträaden oder Urdarmtiere_ bilden jene kleine Gruppe von
niedersten Zölenterien, welche als die gemeinsame Stammgruppe aller
Metazoen von höchster Wichtigkeit ist. Der Körper dieser kleinen,
schwimmenden Tierchen erscheint als ein kleines (meist eiförmiges)
Bläschen, welche eine einfache Höhle mit einer Öffnung enthält
(Urdarm und Urmund). Die Wand der verdauenden Höhle wird aus zwei
einfachen Zellenschichten oder Epithelien gebildet, von denen die
innere (Darmblatt) die Tätigkeiten der Ernährung, und die äußere
(Hautblatt) die Funktionen der Bewegung und Empfindung vermittelt. Die
gleichartigen sensiblen Zellen dieses Hautblattes tragen zarte Geißeln,
lange Flimmerhaare, deren Schwingungen die willkürliche Schwimmbewegung
bewirken. Die wenigen noch lebenden Formen der Gasträaden sind deshalb
so interessant, weil sie zeitlebens auf derselben Bildungsstufe stehen
bleiben, welche die Keime aller übrigen Metazoen (von den Spongien bis
zum Menschen hinauf) im Beginne ihrer Keimesentwickelung durchlaufen.
Wie ich in meiner =Gasträatheorie= (1872) gezeigt habe, entsteht bei
sämtlichen Gewebetieren zunächst aus der vorher betrachteten =Blastula=
eine höchst charakteristische Keimform, die =Gastrula=. Die Keimhaut
(~Blastoderma~), welche die Wand der Hohlkugel darstellt, bildet
an einer Seite eine grubenförmige Vertiefung, und diese wird bald zu
einer so tiefen Einstülpung, daß der innere Hohlraum der Keimblase
verschwindet. Die eingestülpte (innere) Hälfte der Keimhaut legt sich
an die äußere (nicht eingestülpte) Hälfte innen an; letztere bildet das
=Hautblatt= oder äußere Keimblatt (~Ektoderm~), erstere dagegen das
=Darmblatt= oder innere Keimblatt (~Entoderm~). Der neu entstandene
Hohlraum des becherförmigen Körpers ist die verdauende Magenhöhle,
der =Urdarm=, seine Öffnung der =Urmund=. Das Hautblatt oder Ektoderm
ist bei allen Metazoen das ursprüngliche »=Seelenorgan=«; denn aus
ihm entwickeln sich bei sämtlichen Nerventieren nicht nur die äußere
Hautdecke und die Sinnesorgane, sondern auch das Nervensystem. Bei den
Gasträaden, welche letzteres noch nicht besitzen, sind alle Zellen,
welche die einfache Epithelschicht des Ektoderm zusammensetzen,
gleichmäßig Organe der Empfindung und Bewegung; die Gewebeseele zeigt
sich hier in einfachster Form.
_Die Spongien oder Schwammtiere_ stellen einen selbständigen Stamm
des Tierreichs dar, der sich von allen anderen Metazoen durch seine
eigentümliche Organisation unterscheidet; die zahlreichen Arten
desselben sitzen meistens auf dem Meeresboden angewachsen. Die
einfachste Form der Schwämme, ~Olynthus~, ist eigentlich nichts
weiter als eine ~Gastraea~, deren Körperwand siebförmig von feinen
Poren durchbrochen ist, zum Eintritt des ernährenden Wasserstromes.
Bei den meisten Spongien (auch beim bekanntesten, dem Badeschwamm)
bildet der knollenförmige Körper einen Stock, welcher aus Tausenden
oder Millionen solcher Gasträaden (»Geißelkammern«) zusammengesetzt
und von einem ernährenden Kanalsystem durchzogen ist. Empfindung und
Bewegung sind bei den Schwammtieren nur in äußerst geringem Grade
entwickelt; Nerven, Sinnesorgane und Muskeln fehlen. Es war daher sehr
natürlich, daß man diese festsitzenden, unförmigen und unempfindlichen
Tiere früher allgemein als »Gewächse« betrachtete. Ihr Seelenleben (für
welches keine besonderen Organe differenziert sind) steht tief unter
demjenigen der Mimosen und anderer empfindlicher Pflanzen.
_Die Seele der Nesseltiere_ (~Cnidaria~) ist für die vergleichende
und phylogenetische Psychologie von hervorragender Bedeutung. Denn
in diesem formenreichen Stamm der Zölenterien vollzieht sich vor
unseren Augen die historische Entstehung der =Nervenseele= aus der
=Gewebeseele=. Es gehören zu diesem Stamme die vielgestaltigen Klassen
der festsitzenden Polypen und Korallen, der schwimmenden Medusen
und Siphonophoren. Als gemeinsame hypothetische Stammform aller
Nesseltiere läßt sich mit voller Sicherheit ein einfachster =Polyp=
erkennen, welcher dem gemeinen, heute noch lebenden Süßwasserpolypen
(~Hydra~) im wesentlichen gleich gebaut war. Nun besitzen aber diese
Hydra und ebenso die festsitzenden, nahe verwandten Hydropolypen
noch keine gesonderten Nerven und höheren Sinnesorgane, obgleich
sie sehr empfindlich sind. Dagegen die frei schwimmenden =Medusen=,
welche sich aus letzteren entwickeln (und noch heute mit ihnen durch
Generationswechsel verknüpft sind), besitzen bereits ein selbständiges
Nervensystem und gesonderte Sinnesorgane. Wir können also hier
den historischen Ursprung der =Nervenseele= aus der Gewebeseele
unmittelbar ontogenetisch beobachten und phylogenetisch verstehen
lernen. Sehr interessant ist für die Psychologie auch die Klasse
der =Staatsquallen= (~Siphonophorae~). An diesen prächtigen,
freischwimmenden Tierstöcken, welche von Hydromedusen abstammen, können
wir eine =Doppelseele= beobachten: die Einzelseele (=Personalseele=)
der zahlreichen Personen, die ihn zusammensetzen, und die gemeinsame,
einheitlich tätige Psyche des ganzen Stockes (=Kormalseele=).
~IV~. _Die Nervenseele (Neuropsyche)_; =vierte Hauptstufe= der
=phyletischen Psychogenesis=. Das Seelenleben aller höheren Tiere wird,
ebenso wie beim Menschen, durch einen mehr oder minder komplizierten
»=Seelenapparat=« vermittelt, und dieser besteht immer aus drei
Hauptbestandteilen: die =Sinnesorgane= bewirken die verschiedenen
Empfindungen, die =Muskeln= dagegen die Bewegungen; die =Nerven=
stellen die Verbindung zwischen ersteren und letzteren durch ein
besonderes Zentralorgan her: =Gehirn= oder ~Ganglion~ (Nervenknoten).
Die Einrichtung und Tätigkeit dieses Seelenapparates pflegt man mit
einem elektrischen Telegraphensystem zu vergleichen; die Nerven
sind die Leitungsdrähte, das Gehirn die Zentralstation, die Muskeln
und Sensillen die untergeordneten Lokalstationen. Die motorischen
Nervenfasern leiten die Willensbefehle oder Impulse zentrifugal
von diesem Nervenzentrum zu den Muskeln und bewirken durch deren
Kontraktion Bewegungen; die sensiblen Nervenfasern dagegen leiten die
verschiedenen Empfindungen zentripetal von den peripheren Sinnesorganen
zum Gehirn und statten Bericht ab von den empfangenen Eindrücken
der Außenwelt. Die Ganglienzellen oder »Seelenzellen«, welche das
nervöse Zentralorgan zusammensetzen, sind die vollkommensten von allen
organischen Elementarteilen; denn sie vermitteln nicht nur den Verkehr
zwischen den Muskeln und Sinnesorganen, sondern auch die höchsten von
allen Leistungen der Tierseele, die Bildung von Vorstellungen und
Gedanken, an der Spitze von allem das Bewußtsein.
Die großen Fortschritte der Anatomie und Physiologie, der Histologie
und Ontogenie haben in der Neuzeit unsere tiefere Kenntnis des
Seelenapparates mit einer Fülle der interessantesten Entdeckungen
bereichert. Wenn die spekulative Philosophie auch nur die wichtigsten
von diesen bedeutungsvollen Erwerbungen der empirischen Biologie
in sich aufgenommen hätte, müßte sie heute schon eine ganz andere
Physiognomie zeigen, als es leider der Fall ist.
Jeder der höheren Tierstämme besitzt sein eigentümliches Seelenorgan;
in jedem ist das Zentralnervensystem durch seine besondere Gestalt,
Lage und Zusammensetzung ausgezeichnet. Unter den strahlig gebauten
=Nesseltieren= (~Cnidaria~) zeigen die Medusen einen Nervenring am
Schirmrande, meistens mit vier oder acht Ganglien ausgestattet. Bei
den fünfstrahligen =Sterntieren= (~Echinoderma~) ist der Mund von
einem Nervenring umgeben, von welchem fünf Nervenstämme ausstrahlen.
Die zweiseitig-symmetrischen =Plattentiere= (~Platodes~) und
=Wurmtiere= (~Vermalia~) besitzen ein Scheitelhirn oder Akroganglion,
zusammengesetzt aus ein paar dorsalen, oberhalb des Mundes gelegenen
Ganglien; von diesen »oberen Schlundknoten« gehen zwei seitliche
Nervenstämme an die Haut und die Muskeln. Bei einem Teile der Vermalien
und bei den =Weichtieren= (~Mollusca~) treten dazu noch ein paar
ventrale »untere Schlundknoten«, welche sich mit den ersteren durch
einen den Schlund umfassenden Ring verbinden. Dieser »Schlundring«
kehrt auch bei den =Gliedertieren= (~Articulata~) wieder, setzt
sich aber hier auf der Bauchseite des langgestreckten Körpers in ein
»Bauchmark« fort, einen strickleiterförmigen Doppelstrang, welcher in
jedem Gliede zu einem Doppelganglion anschwillt. Ganz entgegengesetzte
Bildung des Seelenorgans zeigen die =Wirbeltiere= (~Vertebrata~);
hier findet sich allgemein auf der Rückenseite des innerlich
gegliederten Körpers ein Rückenmark entwickelt; aus einer Anschwellung
seines vorderen Teiles entsteht später das charakteristische
blasenförmige Gehirn.
Obgleich nun so die Seelenorgane der höheren Tierstämme in Lage, Form
und Zusammensetzung sehr charakteristische Verschiedenheiten zeigen,
ist doch die vergleichende Anatomie imstande gewesen, für die meisten
einen gemeinsamen Ursprung nachzuweisen, aus dem =Scheitelhirn= der
=Platoden= und =Vermalien=; und allen gemeinsam ist die Entstehung aus
der äußersten Zellenschicht des Keimes, aus dem »=Hautsinnesblatt=«
(~Ektoderm~). Ebenso finden wir in allen Formen der nervösen
Zentralorgane dieselbe wesentliche Struktur wieder, die Zusammensetzung
aus Ganglienzellen oder »=Seelenzellen=« (den eigentlichen aktiven
Elementarorganen der =Psyche=) und aus =Nervenfasern=, welche den
Zusammenhang und die Leitung der Aktion vermitteln.
_Seelenorgan der Wirbeltiere._ Die erste Tatsache, welche uns in der
vergleichenden Psychologie der Wirbeltiere entgegentritt, und welche
der empirische Ausgangspunkt jeder wissenschaftlichen Seelenlehre
des Menschen sein sollte, ist der charakteristische Bau ihres
Zentralnervensystems. Wie dieses zentrale Seelenorgan in jedem der
höheren Tierstämme eine besondere, diesem eigentümliche Lage, Gestalt
und Zusammensetzung zeigt, so ist es auch bei den Wirbeltieren der
Fall. Überall finden wir hier ein =Rückenmark= vor, einen starken
zylindrischen Nervenstrang, welcher in der Mittellinie des Rückens
verläuft, oberhalb der Wirbelsäule (oder der sie vertretenden Chorda).
Überall gehen von diesem Rückenmark zahlreiche Nervenstämme in
regelmäßiger, segmentaler Verteilung ab, je ein Paar an jedem Segment
oder Wirbelgliede. Überall entsteht dieses »Medullarrohr« im Embryo
auf gleiche Weise: in der Mittellinie der Rückenhaut bildet sich eine
feine Furche oder Rinne; die beiden parallelen Ränder dieser Markrinne
oder =Medullarrinne= erheben sich, krümmen sich gegen einander und
verwachsen in der Mittellinie zu einem Rohre.
Das lange dorsale, so entstandene, zylindrische Nervenrohr oder
Medullarrohr ist durchaus für die =Wirbeltiere= charakteristisch,
in der früheren Embryonalanlage überall dasselbe und die gemeinsame
Grundlage aller der verschiedenen Formen des Seelenorgans, die sich
später daraus entwickeln. Nur eine einzige Gruppe von wirbellosen
Tieren zeigt eine ähnliche Bildung; das sind die seltsamen
meerbewohnenden =Manteltiere= (~Tunicata~). Sie gleichen den
Wirbeltieren auch im Besitze von anderen charakteristischen Organen
(Chorda, Kiemendarm usw.). Wir nehmen daher an, daß die ungegliederten
Manteltiere und die innerlich gegliederten Wirbeltiere aus einer
gemeinsamen älteren Stammgruppe von Wurmtieren hervorgegangen sind
(~Prochordonia~).
_Phyletische Bildungsstufen des Medullarrohrs._ Die lange
Stammesgeschichte unserer »Wirbeltierseele« beginnt mit der Bildung des
einfachsten Medullarrohrs bei den ältesten Schädellosen; sie führt uns
durch einen Zeitraum von vielen Millionen Jahren langsam und allmählich
bis zu jenem komplizierten Wunderbau des menschlichen Gehirns hinauf,
welcher diese höchst entwickelte Primatenform zu einer Ausnahmestellung
in der Natur zu berechtigen scheint. Da eine klare Vorstellung von
diesem langsamen und stetigen Gange unserer phyletischen Psychogenie
die erste Vorbedingung einer wirklich =naturgemäßen Psychologie= ist,
erscheint es zweckmäßig, jenen gewaltigen Zeitraum in eine Anzahl
von Stufen oder Hauptabschnitten einzuteilen; in jedem derselben
hat sich gleichmäßig mit der Struktur des Nervenzentrums auch seine
Funktion, die »Psyche«, vervollkommnet. Ich unterscheide acht solche
=Perioden in der Phylogenie des Medullarrohrs= und in der stufenweisen
Vervollkommnung seines vordersten Teiles, des Gehirns; sie sind
charakterisiert durch acht verschiedene Hauptgruppen der Wirbeltiere;
nämlich ~I~. die Schädellosen (~Acrania~), ~II~. die Rundmäuler
(~Cyclostoma~), ~III~. die Fische (~Pisces~), ~IV~. die Lurche
(~Amphibia~), ~V~. die implacentalen Säugetiere (~Monotrema~ und
~Marsupialia~), ~VI~. die älteren plazentalen Säugetiere, besonders
die Halbaffen (~Prosimiae~), ~VII~. die jüngeren Herrentiere, die
echten Affen (~Simiae~), ~VIII~. die Menschenaffen und der Mensch
(~Anthropomorpha~).
_Seelengeschichte der Säugetiere._ Der wichtigste Folgeschluß,
welcher sich aus dem monophyletischen Ursprung der Säugetiere ergibt,
ist die notwendige Ableitung der =Menschenseele= aus einer langen
Entwickelungsreihe von anderen =Mammalienseelen=. Eine gewaltige
anatomische und physiologische Kraft trennt den Gehirnbau und das davon
abhängige Seelenleben der höchsten und der niedersten Säugetiere,
und dennoch wird diese tiefe Kluft durch eine lange Reihe von
vermittelnden Zwischenstufen vollständig ausgefüllt. Die allgemeinsten
Ergebnisse der wichtigen, neuerdings hier tief eingedrungenen
Forschungen sind folgende:
~I~. Das Gehirn der Säugetiere entwickelt sich zwar in gleicher
Weise, wie das der anderen Wirbeltiere, aus drei hintereinander
gelegenen Blasen, die durch zweifache Einschnürung der anfangs
einfachen Hirnblase entstehen; es unterscheidet sich von demjenigen
der übrigen Vertebraten durch gewisse Eigentümlichkeiten, welche
allen Gliedern der Klasse gemeinsam sind, vor allem die überwiegende
Ausbildung der ersten und dritten Blase, des Großhirns und Kleinhirns,
während die zweite Blase, das Mittelhirn, ganz zurücktritt. ~II~.
Trotzdem schließt sich die Hirnbildung der niedersten und ältesten
Mammalien noch eng an diejenige ihrer paläozoischen Vorfahren an,
der Amphibien in der Steinkohlenperiode. ~III~. Erst während der
Tertiärzeit erfolgt die typische volle Ausbildung des Großhirns, welche
die jüngeren Säugetiere so auffallend vor den älteren auszeichnet.
~IV~. Die besondere (quantitative und qualitative) Ausbildung des
Großhirns, welche den Menschen so hoch erhebt, und welche ihn zu seinen
vorzüglichen psychischen Leistungen befähigt, findet sich außerdem
nur bei einem Teile der höchstentwickelten Säugetiere der jüngeren
Tertiärzeit, vor allen bei den Menschenaffen. ~V~. Die Unterschiede,
welche im Gehirnbau und Seelenleben des Menschen und der Menschenaffen
existieren, sind geringer als die entsprechenden Unterschiede zwischen
diesen letzteren und den niederen Primaten (den ältesten Affen und
den Halbaffen). ~VI~. Demnach muß die historische stufenweise
Entwickelung der Menschenseele aus einer langen Kette von höheren und
niederen Säugetierseelen als eine fundamentale, durch die vergleichende
Anatomie und Ontogenie wissenschaftlich bewiesene =Tatsache= gelten.
=Zehntes Kapitel.=
_Bewußtsein._
Monistische Studien über bewußtes und unbewußtes Seelenleben.
Entwickelungsgeschichte und Theorie des Bewußtseins.
Unter allen Äußerungen des Seelenlebens gibt es keine, die so wunderbar
erscheint und so verschieden beurteilt wird wie das =Bewußtsein=. Nicht
allein über das eigentliche Wesen dieser Seelentätigkeit und über
ihr Verhältnis zum Körper, sondern auch über ihre Verbreitung in der
organischen Welt, über ihre Entstehung und Entwickelung stehen sich
noch heute, wie seit Jahrtausenden, die widersprechendsten Ansichten
gegenüber. Mehr als jede andere psychische Funktion hat das Bewußtsein
zu der irrtümlichen Vorstellung eines »immateriellen Seelenwesens« und
im Anschluß daran zu dem Aberglauben der »persönlichen Unsterblichkeit«
Veranlassung gegeben; viele der schwersten Irrtümer, die unser modernes
Kulturleben noch heute beherrschen, sind darauf zurückzuführen. Ich
habe daher schon früher das Bewußtsein als das »=psychologische
Zentralmysterium=« bezeichnet; es ist die feste Zitadelle aller
mystischen und dualistischen Irrtümer, an deren gewaltigen Wällen alle
Angriffe der bestgerüsteten Vernunft zu scheitern drohen. Schon diese
Tatsache allein rechtfertigt es, daß wir hier dem Bewußtsein eine
besondere kritische Betrachtung von unserem monistischen Standpunkte
aus widmen. Wir werden sehen, daß das Bewußtsein nicht mehr und nicht
minder wie jede andere Seelentätigkeit eine =Naturerscheinung= ist, und
daß es gleich allen anderen Naturerscheinungen dem =Substanzgesetz=
unterworfen ist.
_Begriff des Bewußtseins._ Schon über den elementaren Begriff dieser
Seelentätigkeit, über seinen Inhalt und Umfang, gehen die Ansichten
der angesehensten Philosophen und Naturforscher weit auseinander.
Vielleicht am besten bezeichnet man den Inhalt des Bewußtseins als
=innere Anschauung= und vergleicht diese einer =Spiegelung=. Als
zwei Hauptbezirke desselben unterscheidet man häufig das objektive
und subjektive Bewußtsein, das Weltbewußtsein und Selbstbewußtsein.
Bei weitem der größte Teil aller bewußten Seelentätigkeit betrifft,
wie schon =Schopenhauer= hervorhob, das Bewußtsein der Außenwelt,
der »=anderen Dinge=«; dieses =Weltbewußtsein= umfaßt alle möglichen
Erscheinungen der Außenwelt, welche überhaupt unserer Erkenntnis
zugänglich sind. Viel beschränkter ist unser =Selbstbewußtsein=, die
innere Spiegelung unserer eigenen gesamten Seelentätigkeit, aller
Vorstellungen, Empfindungen und Strebungen oder Willenstätigkeiten.
_Bewußtsein und Seelenleben._ Viele und angesehene Denker, namentlich
unter den Physiologen (z. B. =Wundt= und =Ziehen=), halten die Begriffe
des Bewußtseins und der psychischen Funktionen für identisch: »=alle
Seelentätigkeit ist bewußte=«; das Gebiet der Psychologie reicht nur
so weit als dasjenige des Bewußtseins. Nach unserer Ansicht erweitert
diese Definition die Bedeutung des letzteren in ungebührlicher Weise
und gibt Veranlassung zu zahlreichen Irrtümern und Mißverständnissen.
Wir teilen vielmehr die Ansicht anderer Philosophen (z. B. =Romanes=
und =Fritz Schultze=), daß auch die unbewußten Vorstellungen,
Empfindungen und Strebungen zum Seelenleben gehören; in der Tat
ist sogar das Gebiet dieser unbewußten psychischen Aktionen (der
Reflextätigkeit usw.) viel ausgedehnter als dasjenige der bewußten.
Beide Gebiete stehen übrigens im engsten Zusammenhang und sind durch
keine scharfe Grenze getrennt; jederzeit kann uns eine unbewußte
Vorstellung plötzlich bewußt werden; wird unsere Aufmerksamkeit darauf
durch ein anderes Objekt gefesselt, so kann sie ebenso rasch wieder
unserem Bewußtsein völlig entschwinden.