Konzeption wird ferner die höchst wichtige Tatsache festgestellt, daß
jeder Mensch, wie jedes andere Tier, einen =Beginn der individuellen
Existenz= hat; die völlige Kopulation der beiden sexuellen Zellkerne
bezeichnet haarscharf den Augenblick, in welchem nicht nur der Körper
der neuen =Stammzelle= entsteht, sondern auch ihre »Seele«. Durch diese
Tatsache allein schon wird der alte Mythus von der =Unsterblichkeit
der Seele= widerlegt, auf den wir später zurückkommen. Ferner wird
dadurch der noch sehr verbreitete Aberglaube widerlegt, daß der
Mensch seine individuelle Existenz der »Gnade des liebenden Gottes«
verdankt. Die Ursache derselben beruht vielmehr einzig und allein
auf dem »=Eros=« seiner beiden Eltern, auf jenem mächtigen, allen
vielzelligen Tieren und Pflanzen gemeinsamen Geschlechtstriebe, welcher
zu deren Begattung führt. Das Wesentliche bei diesem physiologischen
Prozesse ist aber nicht, wie man früher annahm, die »Umarmung« oder
die damit verknüpften Liebesspiele, sondern einzig und allein die
Einführung des männlichen Sperma in die weiblichen Geschlechtskanäle.
Nur dadurch wird es bei den landbewohnenden Tieren möglich, daß der
befruchtende Samen mit der abgelösten Eizelle zusammenkommt (was beim
Menschen gewöhnlich innerhalb des Uterus geschieht). Bei niederen,
wasserbewohnenden Tieren (z. B. Fischen, Muscheln, Medusen) werden
beiderlei reife Geschlechtsprodukte einfach in das Wasser entleert,
und hier bleibt ihr Zusammentreffen dem Zufall überlassen; dann
fehlt eine eigentliche Begattung, und damit fallen zugleich jene
zusammengesetzten psychischen Funktionen des »Liebeslebens« hinweg, die
bei höheren Tieren eine so große Rolle spielen. Daher fehlen auch allen
niederen, nicht kopulierenden Tieren jene interessanten Organe, die
=Darwin= als »sekundäre Sexualcharaktere« bezeichnet hat, die Produkte
der geschlechtlichen Zuchtwahl: der Bart des Mannes, das Geweih des
Hirsches, das prachtvolle Gefieder der Paradiesvögel und vieler
Hühnervögel, sowie viele andere Auszeichnungen der Männchen, welche den
Weibchen fehlen. (Vergl. =Wilhelm Bölsche=, Liebesleben der Natur, 3
Bände, 1901.)
_Vererbung der Seele._ Unter den angeführten Folgeschlüssen der
=Konzeptionsphysiologie= ist für die Psychologie ganz besonders
wichtig die =Vererbung der Seelenqualitäten von beiden Eltern.= Daß
jedes Kind besondere Eigentümlichkeiten des Charakters, Temperament,
Talent, Sinnesschärfe, Willensenergie von =beiden= Eltern erbt, ist
allgemein bekannt. Ebenso bekannt ist die Tatsache, daß auch psychische
Eigenschaften von beiderlei Großeltern durch Vererbung übertragen
werden; ja, häufig stimmt in einzelnen Beziehungen der Mensch mehr
mit den Großeltern als mit den Eltern überein. Alle die merkwürdigen
=Gesetze der Vererbung= besitzen ebenso allgemeine Gültigkeit für die
besonderen Erscheinungen der Seelentätigkeit wie der Körperbildung; ja,
sie treten uns häufig an der ersteren noch viel auffallender und klarer
entgegen, als an der letzteren.
Nun ist ja an sich das große Gebiet der =Vererbung=, für dessen
ungeheuere Bedeutung uns erst =Darwin= das wissenschaftliche
Verständnis eröffnet hat, reich an dunkeln Rätseln und physiologischen
Schwierigkeiten; wir dürfen nicht beanspruchen, daß uns schon jetzt
alle Seiten desselben klar vor Augen liegen. Aber so viel haben
wir doch schon sicher gewonnen, daß wir die =Vererbung als eine
physiologische Funktion= des Organismus betrachten, die mit der
Tätigkeit seiner Fortpflanzung unmittelbar verknüpft ist; und wie
alle anderen Lebenstätigkeiten müssen wir auch diese schließlich
auf physikalische und chemische Prozesse, auf =Mechanik des Plasma=
zurückführen. Nun kennen wir aber jetzt den Vorgang der Befruchtung
selbst genau; wir wissen, daß dabei ebenso der Spermakern die
väterlichen, wie der Eikern die mütterlichen Eigenschaften auf die
neugebildete Stammzelle überträgt. Die Vermischung beider Zellkerne
ist das eigentliche Hauptmoment der Vererbung; durch sie werden ebenso
die individuellen Eigenschaften der Seele wie des Leibes auf das
neugebildete Individuum übertragen. Diesen ontogenetischen Tatsachen
steht die dualistische und mystische Psychologie der noch heute
herrschenden Schulen ratlos gegenüber, während sie sich durch unsere
monistische Psychogenie in einfachster Weise erklären.
_Seelenmischung (Psychische Amphigonie)._ Die physiologische Tatsache,
auf welche es für die richtige Beurteilung der individuellen
Psychogenie vor allem ankommt, ist die =Kontinuität der Psyche= in der
Generationsreihe. Wenn im Moment der Empfängnis auch tatsächlich ein
neues Individuum entsteht, so ist dasselbe doch weder hinsichtlich
seiner geistigen noch leiblichen Qualität eine unabhängige Neubildung,
sondern lediglich das Produkt aus der Verschmelzung der beiden
elterlichen Faktoren. Die Zellseelen beider Geschlechtszellen
verschmelzen im Befruchtungsakte ebenso vollständig zur Bildung einer
neuen =Zellseele=, wie die beiden Zellkerne, welche die materiellen
Träger dieser psychischen Spannkräfte sind, zu einem neuen =Zellkern=
sich verbinden. Da wir nun sehen, daß die Individuen einer und
derselben Art stets gewisse, wenn auch geringfügige Unterschiede
zeigen, so müssen wir annehmen, daß solche auch schon in der chemischen
Beschaffenheit der kopulierenden Keimzellen selbst vorhanden sind.
_Psychologischer Atavismus._ Wenn bei der Seelenmischung im Augenblicke
der Empfängnis zunächst auch nur die besonderen Eigenschaften der
beiden Elternseelen mittels Verschmelzung der beiden erotischen
Zellkerne erblich übertragen werden, so kann damit doch zugleich
der erbliche psychische Einfluß älterer, oft weit zurückliegender
Generationen mit fortgepflanzt werden. Denn auch die Gesetze der
=latenten Vererbung= oder des =Atavismus= gelten ebenso für die
Psyche wie für die anatomische Organisation. Gerade in feineren Zügen
des Seelenlebens, im Besitze bestimmter künstlerischer Talente oder
Neigungen, in der Energie des Charakters, in der Leidenschaft des
Temperamentes gleichen oft hervorragende Menschen mehr ihren Großeltern
als den Eltern; nicht selten tritt auch ein auffälliger Charakterzug
hervor, den weder diese noch jene besaßen, der aber in einem älteren
Gliede der Ahnenreihe vor langer Zeit sich offenbart hatte. Auch in
diesen merkwürdigen Atavismen gelten dieselben Vererbungsgesetze
für die Psyche wie für die Physiognomie, für die individuelle
Qualität der Sinnesorgane, wie für die der Muskeln, des Skeletts
und anderer Körperteile. Am auffälligsten können wir dieselben in
regierenden Dynastien und in alten Adelsgeschlechtern verfolgen, deren
hervorragende Tätigkeit im Staatsleben zur genaueren historischen
Darstellung der Individuen in der Generationskette Veranlassung gegeben
hat, so z. B. bei den Hohenzollern, Hohenstaufen, Oraniern, Bourbonen
usw., und nicht minder bei den römischen Zäsaren.
_Das Biogenetische Grundgesetz in der Psychologie_ (1866). Der
=Kausalzusammenhang= der =biontischen= (individuellen) und der
=phyletischen= (historischen) Entwickelung, den ich schon in der
Generellen Morphologie als oberstes Gesetz an die Spitze aller
biogenetischen Untersuchungen gestellt hatte, besitzt ebenso allgemeine
Geltung für die =Psychologie= wie für die =Morphologie=. Wie bei allen
anderen Organismen, so ist auch beim Menschen »=die Keimesgeschichte
ein Auszug der Stammesgeschichte=«. Diese gedrängte und abgekürzte
Rekapitulation ist um so vollständiger, je mehr durch beständige
Vererbung die ursprüngliche =Auszugsentwickelung= (~Palingenesis~)
beibehalten wird; hingegen wird sie um so unvollständiger, je mehr
durch wechselnde Anpassung die spätere =Störungsentwickelung=
(~Cenogenesis~) eingeführt wird (Anthropogenie, 1. Vortrag).
Indem wir dieses Grundgesetz auf die Entwickelungsgeschichte der Seele
anwenden, müssen wir ganz besonderen Nachdruck darauf legen, daß
stets =beide= Seiten desselben kritisch im Auge zu behalten sind.
Denn beim Menschen wie bei allen höheren Tieren und Pflanzen haben im
Laufe der phyletischen Jahrmillionen so beträchtliche Störungen oder
=Zenogenesen= sich ausgebildet, daß dadurch das ursprüngliche reine
Bild der =Palingenese= oder des »Geschichtsauszuges« stark getrübt
und verändert erscheint. Während einerseits durch die Gesetze der
gleichzeitigen und gleichörtlichen Vererbung die =palingenetische=
Rekapitulation erhalten bleibt, wird sie andererseits durch die Gesetze
der abgekürzten und vereinfachten Vererbung wesentlich =zenogenetisch=
verändert. Zunächst ist das deutlich erkennbar in der Keimesgeschichte
der Seelenorgane, des Nervensystems, der Muskeln und Sinnesorgane. In
ganz gleicher Weise gilt dasselbe aber auch von der Seelentätigkeit,
die untrennbar an die normale Ausbildung dieser Organe gebunden ist.
Ihre Keimesgeschichte ist beim Menschen, wie bei allen anderen lebendig
gebärenden Tieren, schon deshalb stark zenogenetisch abgeändert,
weil die volle Ausbildung des Keimes hier längere Zeit innerhalb
des mütterlichen Körpers stattfindet. Wir müssen daher als zwei
Hauptperioden der individuellen Psychogenie unterscheiden: ~I~. die
embryonale und ~II~. die post-embryonale Entwickelungsgeschichte der
Seele.
_Embryonale Psychogenie._ Der menschliche Keim oder Embryo entwickelt
sich normalerweise im Mutterleibe während des Zeitraumes von neun
Monaten. Während dieser Zeit ist er vollkommen von der Außenwelt
abgeschlossen und nicht allein durch die dicke Muskelwand des
mütterlichen Fruchtbehälters (~Uterus~) geschützt, sondern auch durch
die besonderen Fruchthüllen (~Amnion~ und ~Serolemma~) welche allen
drei höheren Wirbeltierklassen gemeinsam zukommen, den Reptilien,
Vögeln und Säugetieren. Es sind das Schutzeinrichtungen, welche von den
ältesten Reptilien, den gemeinsamen Stammformen aller Amnioten, erst
in der Permperiode (gegen Ende des paläozoischen Zeitalters) erworben
wurden, als diese höheren Wirbeltiere sich an das beständige Landleben
und die Luftatmung gewöhnten. Ihre vorhergehenden Ahnen, die Amphibien
der Steinkohlenperiode, lebten und atmeten noch im Wasser, wie ihre
älteren Vorfahren, die Fische.
Bei diesen älteren und niederen wasserbewohnenden Wirbeltieren besaß
die Keimesgeschichte noch in viel höherem Grade den palingenetischen
Charakter, wie es auch noch bei den meisten Fischen und Amphibien der
Gegenwart der Fall ist. Die bekannten Kaulquappen, die Larven der
Salamander und Frösche, bewahren noch heute in der ersten Zeit ihres
freien Wasserlebens den Körperbau ihrer Fischahnen; sie gleichen ihnen
auch in der Lebensweise, in der Kiemenatmung, in der Funktion ihrer
Sinnesorgane und ihrer anderen Seelenorgane. Erst wenn die interessante
Metamorphose der schwimmenden Kaulquappen eintritt, und wenn sie sich
an das Landleben gewöhnen, verwandelt sich ihr fischähnlicher Körper in
das vierfüßige, kriechende Amphibium; an die Stelle der Kiemenatmung
im Wasser tritt die ausschließliche Luftatmung durch Lungen, und
mit der veränderten Lebensweise erlangt auch der Seelenapparat,
Nervensystem und Sinnesorgane, einen höheren Grad der Ausbildung. Die
schwimmende Kaulquappe besitzt nicht nur die Organisation, sondern auch
die Lebensweise und Seelentätigkeit des Fisches und erlangt erst durch
ihre Verwandlung diejenige des Frosches.
Beim Menschen wie bei allen anderen Amniontieren ist das nicht der
Fall; ihr Embryo ist schon durch den Einschluß in die schützenden
Eihüllen dem direkten Einflusse der Außenwelt ganz entzogen und jeder
Wechselwirkung mit derselben entwöhnt. Außerdem aber bietet die
besondere =Brutpflege= der Amniontiere ihrem Keime viel günstigere
Bedingungen für zenogenetische Abkürzung der palingenetischen
Entwickelung. Vor allem gehört dahin die vortreffliche Ernährung des
Keims; sie geschieht bei den Reptilien, Vögeln und Monotremen (den
eierlegenden Säugetieren) durch den großen gelben Nahrungsdotter,
welcher dem Ei beigegeben ist, bei den übrigen Säugetieren hingegen
(den lebendig gebärenden Beuteltieren und Zottentieren) durch das
Blut der Mutter, welches durch die Blutgefäße des Dottersackes und
der Allantois dem Keime zugeführt wird. Bei den höchstentwickelten
=Zottentieren= (~Placentalia~) hat diese zweckmäßige Ernährungsform
durch Ausbildung des Mutterkuchens (~Placenta~) den höchsten Grad
der Vollkommenheit erreicht; daher ist der Embryo schon vor der
Geburt hier vollkommen ausgebildet. Seine Seele aber befindet sich
während dieser ganzen Zeit im Zustande des =Keimschlafes=, einem
Ruhezustande, welchen =Preyer= mit Recht dem Winterschlafe der Tiere
verglichen hat. Einen gleichen, lange dauernden Schlaf finden wir auch
im Puppenzustande jener Insekten, welche eine vollkommene Verwandlung
durchmachen (Schmetterlinge, Immen, Fliegen, Käfer usw.). Hier ist der
=Puppenschlaf=, während dessen die wichtigsten Umbildungen der Organe
und Gewebe vor sich gehen, um so interessanter, als der vorhergehende
Zustand der frei lebenden Larve (Raupe, Engerling oder Made) ein sehr
entwickeltes Seelenleben besitzt, und als dieses bedeutend unter
derjenigen Stufe steht, welche später (nach dem Puppenschlaf) das
vollendete, geflügelte und geschlechtsreife Insekt zeigt.
_Postembryonale Psychogenie._ Die Seelentätigkeit des Menschen
durchläuft während seines individuellen Lebens, ebenso wie bei den
meisten höheren Tieren, eine Reihe von Entwickelungsstufen; als die
wichtigsten derselben können wir wohl folgende fünf Hauptabschnitte
unterscheiden: 1. die Seele des Neugeborenen bis zum Erwachen
des Selbstbewußtseins und zum Erlernen der Sprache, 2. die Seele
des Knaben und des Mädchens bis zur Pubertät (zum Erwachen des
Geschlechtstriebes), 3. die Seele des Jünglings und der Jungfrau bis
zum Eintritt der sexuellen Verbindung (die Periode der »Ideale«), 4.
die Seele des erwachsenen Mannes und der reifen Frau (Periode der
vollen Reife und der Familiengründung), 5. die Seele des Greises und
der Greisin (Periode der Rückbildung). Das Seelenleben des Menschen
durchläuft also dieselben Entwickelungsstufen der aufsteigenden
Fortbildung, der vollen Reife und der absteigenden Rückbildung wie jede
andere Lebenstätigkeit des Organismus.
=Neuntes Kapitel.=
_Stammesgeschichte der Seele._
Monistische Studien über phylogenetische Psychologie. Entwickelung
des Seelenlebens in der tierischen Ahnenreihe des Menschen.
Die Deszendenztheorie in Verbindung mit der Anthropologie hat uns
überzeugt, daß unser menschlicher Organismus aus einer langen Reihe
tierischer Vorfahren durch allmähliche Umbildung im Laufe vieler
Jahrmillionen langsam und stufenweise sich entwickelt hat. Da wir nun
das Seelenleben des Menschen von seinen übrigen Lebenstätigkeiten nicht
trennen können, vielmehr zu der Überzeugung von der einheitlichen
Entwickelung unseres ganzen Körpers und Geistes gelangt sind, so ergibt
sich auch für die moderne =monistische Psychologie= die Aufgabe,
die historische Entwickelung der Menschenseele aus der Tierseele
stufenweise zu verfolgen. Die Lösung dieser Aufgabe versucht unsere
»Stammesgeschichte der Seele« oder die =Phylogenie der Psyche=.
Obgleich diese neue Wissenschaft noch kaum ernstlich in Angriff
genommen ist, obgleich selbst ihre Existenzberechtigung von den meisten
Fachpsychologen bestritten wird, müssen wir für sie dennoch die
allerhöchste Wichtigkeit und das größte Interesse in Anspruch nehmen.
Denn nach unserer festen Überzeugung ist die =phyletische= Psychologie
vor allem berufen, uns das große »Welträtsel« vom Wesen und der
Entstehung unserer Seele zu lösen.
_Methoden der poetischen Psychogenie._ Die Mittel und Wege, welche
zu dem weit entfernten, im Nebel der Zukunft für viele noch kaum
erkennbaren Ziele der =phylogenetischen Psychologie= hinführen sollen,
sind von denjenigen anderer stammesgeschichtlicher Forschungen
nicht verschieden. Vor allem ist auch hier die vergleichende
Anatomie, Physiologie und Ontogenie von höchstem Werte. Aber auch
die Paläontologie liefert uns eine Anzahl von sicheren Stützpunkten;
denn die Reihenfolge, in welcher die versteinerten Überreste der
Wirbeltierklassen nacheinander in den Perioden der organischen
Erdgeschichte auftreten, offenbart uns teilweise, zugleich mit
deren phyletischem Zusammenhang, auch die stufenweise Ausbildung
ihrer Seelentätigkeit. Freilich sind wir hier, wie überall bei
phylogenetischen Untersuchungen, zur Bildung zahlreicher Hypothesen
gezwungen, um die Lücken der empirischen Stammesurkunden auszufüllen;
aber dennoch werfen die letzteren ein so helles und bedeutungsvolles
Licht auf die wichtigsten Abstufungen der geschichtlichen Entwickelung,
daß wir eine befriedigende Einsicht in deren allgemeinen Verlauf
gewinnen können.
_Hauptstufen der phyletischen Psychogenie._ Die vergleichende
Psychologie des Menschen und der höheren Tiere läßt uns zunächst in
den höchsten Gruppen der Säugetiere, bei den =Herrentieren=, die
wichtigsten Fortschritte erkennen, durch welche die Menschenseele
aus der Psyche der Menschenaffen hervorgegangen ist. Die Phylogenie
der =Säugetiere= und weiterhin der niederen Wirbeltiere zeigt uns
die lange Reihe der älteren Vorfahren der Primaten, welche innerhalb
dieses Stammes seit der Silurzeit sich entwickelt haben. Alle diese
Wirbeltiere stimmen überein in der Struktur und Entwickelung ihres
charakteristischen Seelenorgans, des =Markrohrs=. Daß dieses sich aus
einem dorsalen =Scheitelhirn= wirbelloser Vorfahren hervorgebildet
hat, scheint die vergleichende Anatomie der Wurmtiere oder =Vermalien=
zu lehren. Weiter zurückgehend erfahren wir durch die vergleichende
Ontogenie, daß dieses einfache Seelenorgan aus der Zellenschicht des
äußeren Keimblattes, aus dem Ektoderm von =Platodarien= entstanden
ist; bei diesen ältesten Plattentieren, die noch kein gesondertes
Nervensystem besaßen, wirkt die äußere Hautdecke als universales
Sinnes- und Seelenorgan. Durch die vergleichende Keimesgeschichte
überzeugen wir uns endlich, daß diese einfachsten Metazoen durch
Gastrulation aus =Blastäaden= entstanden sind, aus =Hohlkugeln=, deren
Wand eine einfache Zellenschicht bildete, das =Blastoderm=. Zugleich
lernen wir durch dieselbe mit Hilfe des Biogenetischen Grundgesetzes
verstehen, wie diese vielzelligen Gebilde einfachster Art ursprünglich
aus einzelligen Urtieren hervorgegangen sind.
~I.~ _Zellseele (Zytopsyche);_ =erste Hauptstufe der phyletischen
Psychogenesis.= Die ältesten Vorfahren des Menschen, wie aller übrigen
Tiere, waren einzellige =Protisten=. Diese Fundamental-Hypothese der
Phylogenie ergibt sich nach dem Biogenetischen Grundgesetze aus der
embryologischen =Tatsache=, daß jeder Mensch, wie jedes andere Tier,
im Beginne seiner individuellen Existenz eine einfache Zelle ist, die
»=Stammzelle=«. Wie diese schon von Anfang an »=beseelt=« war, so auch
jene entsprechende =einzellige Stammform=, welche in der ältesten
Ahnenreihe des Menschen durch eine Kette von verschiedenen Protisten
vertreten war.
Über die Seelentätigkeit dieser einzelligen Organismen unterrichtet
uns die vergleichende Physiologie der heute noch lebenden Protisten;
sowohl genaue Beobachtung als sinnreiches Experiment haben uns hier
ein neues Gebiet voll höchst interessanter Erscheinungen eröffnet.
Die beste Darstellung derselben hat 1889 =Max Verworn= gegeben, in
seinen gedankenreichen, auf eigene originelle Versuche gestützten
»=Psychophysiologischen Protistenstudien=«. Auch die wenigen älteren
Beobachtungen über »das Seelenleben der Protisten« sind darin
zusammengestellt. =Verworn= gelangte zu der festen Überzeugung,
daß bei allen Protisten die unbewußten Vorgänge der Empfindung und
Bewegung noch mit den molekularen Lebensprozessen im Plasma selbst
zusammenfallen, und daß ihre letzten Ursachen in den Eigenschaften der
=Plasmamoleküle= (der Plastidule) zu suchen sind. »Die psychischen
Vorgänge im Protistenreich sind daher die Brücke, welche die chemischen
Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben der höchsten
Tiere verbindet; sie repräsentieren den Keim der höchsten psychischen
Erscheinungen bei den Metazoen und dem Menschen.«
Die sorgfältigen Beobachtungen und zahlreichen Experimente von
=Verworn=, im Verein mit denjenigen von =Wilhelm Engelmann=, =Wilhelm
Preyer=, =Richard Hertwig= und anderen neueren Protistenforschern,
liefern die bündigen Beweise für meine monistische »=Theorie der
Zellseele=« (1866). Gestützt auf eigene langjährige Untersuchungen
von verschiedenen Protisten, besonders von Rhizopoden und Infusorien,
hatte ich den Satz aufgestellt, daß jede lebendige Zelle psychische
Eigenschaften besitzt, und daß also auch das Seelenleben der
vielzelligen Tiere und Pflanzen nichts anderes ist als das Resultat
der psychischen Funktionen der ihren Leib zusammensetzenden Zellen.
Bei den niederen Gruppen (z. B. Algen und Spongien) sind =alle=
Zellen des Körpers gleichmäßig (oder mit geringen Unterschieden)
daran beteiligt; in den höheren Gruppen dagegen, entsprechend den
Gesetzen der Arbeitsteilung, nur ein auserlesener Teil derselben,
die »Seelenzellen«. Die bedeutungsvollen Konsequenzen dieser
»=Zellular-Psychologie=« hatte ich teils 1876 in meiner Schrift über
die »Perigenesis der Plastidule« erörtert, teils 1877 in meiner
Münchner Rede »über die heutige Entwickelungslehre im Verhältnis zur
Gesamtwissenschaft«. Eine mehr populäre Darstellung enthalten meine
beiden Wiener Vorträge (1878) »über Ursprung und Entwickelung der
Sinneswerkzeuge« und »über Zellseelen und Seelenzellen«.
Die einfache =Zellseele= zeigt übrigens schon innerhalb des
Protistenreiches eine lange Reihe von Entwickelungsstufen, von
ganz einfachen, primitiven bis zu sehr vollkommenen und hohen
Seelenzuständen. Bei den ältesten und einfachsten Protisten ist
das Vermögen der Empfindung und Bewegung gleichmäßig auf das ganze
Plasma des homogenen Körperchens verteilt; bei den höheren Formen
dagegen sondern sich als physiologische Organe derselben besondere
»Zellwerkzeuge« oder =Organelle=. Derartige motorische Zellteile sind
die Pseudopodien der Rhizopoden, die Flimmerhaare, Geißeln und Wimpern
der Infusorien. Als ein inneres Zentralorgan des Zellenlebens wird der
Zellkern betrachtet, welcher den ältesten und niedersten Protisten
noch fehlt. In physiologisch-chemischer Beziehung ist besonders
hervorzuheben, daß die ursprünglichsten und ältesten Protisten
=Plasmodomen= waren, mit pflanzlichem Stoffwechsel, also =Protophyten=
oder Urpflanzen; aus ihnen entstanden sekundär, durch Metasitismus, die
ersten =Plasmophagen= mit tierischem Stoffwechsel, also =Protozoen=
oder Urtiere. Dieser =Metasitismus=, die »Umkehrung des Stoffwechsels«,
bedeutete einen wichtigen psychologischen Fortschritt; denn damit
begann die Entwickelung jener charakteristischen Vorzüge der Tierseele,
welche der Pflanzenseele noch fehlen.
~II~. _Zellvereinsseele_ oder Zönobial-Seele (~Coenopsyche~);
=zweite Hauptstufe der phyletischen Psychogenesis.= Die individuelle
Entwickelung beginnt beim Menschen wie bei allen anderen vielzelligen
Tieren mit der wiederholten Teilung einer einfachen Zelle. Die
=Stammzelle= (~Cytula~) zerfällt dadurch in einen maulbeerähnlichen
Zellhaufen, den Maulbeerkeim (~Morula~). Indem sich im Inneren dieses
soliden Körpers Flüssigkeit ansammelt, verwandelt er sich in ein
kugeliges Bläschen; alle Zellen treten an dessen Oberfläche und ordnen
sich in eine einfache Zellenschicht, die =Keimhaut= (~Blastoderma~).
Die so entstandene =Hohlkugel= ist der bedeutungsvolle Zustand der
=Keimblase= (~Blastula~).
Die =Bewegungen=, die wir unmittelbar bei der Bildung der Blastula
beobachten können, sind ohne entsprechende =Empfindungen= nicht zu
denken. Die =Bewegungen= zerfallen in zwei Gruppen: 1. die inneren
Bewegungen, welche überall in wesentlich gleicher Weise beim Vorgange
der gewöhnlichen (indirekten) Zellteilung sich wiederholen (Bildung
der Kernspindel, Mitose, Karyokinese usw.); 2. die äußeren Bewegungen,
welche in der gesetzmäßigen Lageveränderung der geselligen Zellen
und ihrer Gruppierung bei Bildung des Blastoderms zutage treten.
Wir fassen diese Bewegungen als ererbte auf, weil sie überall in
prinzipiell gleicher Weise von den Ahnen übernommen worden sind. Die
=Empfindungen= können ebenfalls in zwei Gruppen unterschieden werden:
1. die Empfindungen der einzelnen Zellen, welche sich in der Behauptung
ihrer individuellen Selbständigkeit und ihrem Verhalten gegen die
Nachbarzellen äußern (mit denen sie in Berührung und teilweise durch
Plasmabrücken in direkter Verbindung stehen); 2. die einheitliche
Empfindung des ganzen Zellvereins oder =Zönobiums=, welche in der
individuellen Gestaltung der =Blastula= als =Hohlkugel= zutage tritt.