auch heute noch viele Anhänger besitzt, betrachtete das Seelenleben
des Menschen und der Tiere als gänzlich verschiedene Erscheinungen;
sie leitete das erstere von der »=Vernunft=«, das letztere von dem
»=Instinkt=« ab. Der traditionellen Schöpfungsgeschichte entsprechend
nahm man an, daß jeder Tierart bei ihrer Schöpfung eine bestimmte,
unbewußte Seelenqualität vom Schöpfer eingepflanzt sei, und daß
dieser »=Naturtrieb=« (~Instinctus~) einer jeden ~Species~ ebenso
unveränderlich sei wie deren körperliche Organisation. Nachdem schon
=Lamarck= (1809) bei Begründung seiner Deszendenztheorie diesen Irrtum
als unhaltbar erwiesen, wurde er durch =Darwin= (1859) vollständig
widerlegt; er bewies an der Hand seiner Selektionstheorie folgende
wichtige Lehrsätze: ~I~. Die Instinkte der Spezies sind individuell
verschieden und ebenso der Abänderung durch =Anpassung= unterworfen
wie die morphologischen Merkmale der Körperbildung. ~II~. Diese
Variationen (großenteils durch veränderte Gewohnheiten entstanden)
werden durch =Vererbung= teilweise auf die Nachkommen übertragen und im
Laufe der Generationen gehäuft und befestigt. ~III~. =Die Selektion=
(ebenso die künstliche wie die natürliche) trifft unter diesen
erblichen Abänderungen der Seelentätigkeit eine Auswahl, sie erhält
die zweckmäßigsten und entfernt die weniger passenden Modifikationen.
~IV~. Die dadurch bedingte =Divergenz= des psychischen Charakters
führt so im Laufe der Generationsfolgen ebenso zur Entstehung neuer
Instinkte, wie die Divergenz des morphologischen Charakters zur
Entstehung neuer Spezies. Dies gilt für sämtliche Protisten und
Pflanzen ebenso wie für sämtliche Tiere und Menschen. Die Instinkte
treten aber bei letzteren um so mehr zurück, je mehr sich auf ihre
Kosten die =Vernunft= entwickelt.
_Stufenleiter der Vernunft._ In jenen oberflächlichen, mit dem
Seelenleben der Tiere unbekannten psychologischen Betrachtungen, welche
nur im Menschen eine »wahre Seele« anerkennen, wird auch ihm allein
als höchstes Gut die »=Vernunft=« und das Bewußtsein zugeschrieben.
Auch dieser Irrtum ist durch die vergleichende Psychologie der letzten
Jahrzehnte gründlich widerlegt. Die höheren Wirbeltiere besitzen
ebensogut Vernunft wie der Mensch selbst, und innerhalb der Tierreihe
zeigt sich ebenso eine lange Stufenleiter in der allmählichen
Entwickelung der Vernunft wie innerhalb der Menschenreihe. Der
Unterschied zwischen der Vernunft eines =Goethe=, =Kant=, =Lamarck=,
=Darwin= und derjenigen des niedersten Naturmenschen, eines Wedda,
Akka, Australnegers und Patagoniers, ist viel größer als die Differenz
zwischen der Vernunft dieser letzteren und der »vernünftigsten«
Säugetiere, der Menschenaffen, Hunde, Elefanten usw.
_Sprache._ Der höhere Grad von Entwickelung der Begriffe, von Verstand
und Vernunft, welcher den Menschen so hoch über die Tiere erhebt,
ist eng verknüpft mit der Ausbildung seiner Sprache. Aber auch hier,
wie dort, ist eine lange Stufenleiter der Entwickelung nachweisbar,
welche ununterbrochen von den niedersten zu den höchsten Bildungsstufen
hinaufführt. Sprache ist ebensowenig als Vernunft ein ausschließliches
Eigentum des Menschen. Vielmehr ist Sprache im weiteren Sinne ein
gemeinsamer Vorzug aller höheren =sozialen Tiere=, mindestens aller
Gliedertiere und Wirbeltiere, welche in Gesellschaften und Herden
vereinigt leben; sie ist ihnen notwendig zur Verständigung, zur
Mitteilung ihrer Vorstellungen. Diese kann nun entweder durch Berührung
oder durch Zeichengebung geschehen, oder durch Töne, welche bestimmte
Begriffe bezeichnen. Auch der Gesang der Singvögel und der singenden
Menschenaffen (~Hylobates~) gehört zur Lautsprache, ebenso wie das
Bellen der Hunde und das Wiehern der Pferde; ferner das Zirpen der
Grillen und das Geschrei der Zikaden. Aber nur beim Menschen hat
sich jene =artikulierte Begriffssprache= entwickelt, welche seine
Vernunft zu so viel höheren Leistungen befähigt. Die =vergleichende
Sprachforschung= hat gelehrt, wie die zahlreichen hochentwickelten
Sprachen der verschiedenen Völker sich aus wenigen einfachen Ursprachen
langsam und allmählich entwickelt haben. =Romanes= (1893) hat
überzeugend dargetan, daß die Sprache des Menschen nur dem =Grade= der
Entwickelung nach, nicht dem Wesen und der =Art= nach von derjenigen
der höheren Tiere verschieden ist.
_Stufenleiter der Gemütsbewegungen_ oder Affekte. Die wichtige Gruppe
von Seelentätigkeiten, welche wir unter dem Begriffe »=Gemüt=«
zusammenfassen, spielt eine große Rolle ebenso in der theoretischen
wie in der praktischen Vernunftlehre. Für unsere Betrachtungsweise
sind sie deshalb besonders wichtig, weil hier der direkte Zusammenhang
der Gehirnfunktion mit anderen physiologischen Funktionen (Herzschlag,
Sinnestätigkeit, Muskelbewegung) unmittelbar einleuchtet; dadurch wird
hier besonders das Widernatürliche und Unhaltbare jener Philosophie
klar, welche die Psychologie prinzipiell von der Physiologie trennen
will. Alle die zahlreichen Äußerungen des Gemütslebens, welche wir beim
Menschen finden, kommen auch bei den höheren Tieren vor (besonders
bei den Menschenaffen und Hunden); so verschiedenartig sie auch
entwickelt sind, so lassen sich doch alle wieder auf die beiden
=Elementarfunktionen der Psyche= zurückführen, auf Empfindung und
Bewegung, und auf deren Verbindung im Reflex und in der Vorstellung.
Zum Gebiete der Empfindung im weiteren Sinne gehört das =Gefühl von
Lust und Unlust=, welches das Gemüt bestimmt, und ebenso gehört auf der
anderen Seite zum Gebiete der Bewegung die entsprechende =Zuneigung und
Abneigung= (»Liebe und Haß«), das Streben nach Erlangen der Lust und
nach Vermeiden der Unlust. »Anziehung und Abstoßung« erscheinen hier
zugleich als die Urquelle des Willens. =Die Leidenschaften=, welche
eine so große Rolle im höheren Seelenleben des Menschen spielen, sind
nur Steigerungen der »Gemütsbewegungen« und Affekte. Daß auch diese
den Menschen und Tieren gemeinsam sind, hat =Romanes= einleuchtend
gezeigt. Auf der tiefsten Stufe des organischen Lebens schon finden
wir bei allen Protisten jene elementaren Gefühle von Lust und Unlust,
welche sich in ihren sogenannten =Tropismen= äußern, in dem =Streben=
nach Licht oder Dunkelheit, nach Wärme oder Kälte, in dem verschiedenen
Verhalten gegen positive und negative Elektrizität. Auf der höchsten
Stufe des Seelenlebens dagegen treffen wir beim Kulturmenschen jene
feinsten Gefühlstöne und Abstufungen von Entzücken und Abscheu, von
Liebe und Haß, welche die Triebfedern der Kulturgeschichte und die
unerschöpfliche Fundgrube der Poesie sind. Und doch verbindet eine
zusammenhängende Kette von allen denkbaren Übergangsstufen jene
primitivsten Urzustände des Gemüts im =Psychoplasma= der einzelligen
Protisten mit diesen höchsten Entwickelungsformen der Leidenschaften
beim Menschen, welche sich in den Ganglienzellen der Großhirnrinde
abspielen.
_Stufenleiter des Willens._ Der Begriff des =Willens= unterliegt
gleich anderen psychologischen Grundbegriffen den verschiedensten
Deutungen und Definitionen. Bald wird der Wille im weitesten Sinne
als =kosmologisches= Attribut betrachtet: »die =Welt= als Wille
und Vorstellung« (=Schopenhauer=), bald im engsten Sinne als ein
=anthropologisches= Attribut, als eine ausschließliche Eigenschaft
des Menschen; letzteres gilt z. B. für =Descartes=, für welchen die
Tiere willenlose und empfindungslose Maschinen sind. Im gewöhnlichen
Sprachgebrauch wird der Wille von der Erscheinung der willkürlichen
Bewegung abgeleitet und somit als eine Seelentätigkeit der meisten
Tiere betrachtet. Wenn wir den Willen im Lichte der vergleichenden
Physiologie und Entwickelungsgeschichte untersuchen, so kommen wir
-- ebenso wie bei der Empfindung -- zur Überzeugung, daß er eine
allgemeine Eigenschaft des lebenden =Psychoplasma= ist.
_Willensfreiheit._ Das Problem von der Freiheit des menschlichen
Willens ist unter allen Welträtseln dasjenige, welches den denkenden
Menschen von jeher am meisten beschäftigt hat, und zwar deshalb,
weil sich hier mit dem hohen philosophischen Interesse der Frage
zugleich die wichtigsten Folgerungen für die praktische Philosophie
verknüpfen, für die Moral, die Erziehung, die Rechtspflege usw. E.
=Du Bois-Reymond=, welcher dasselbe als das siebente und letzte unter
seinen »sieben Welträtseln« behandelt, sagt daher von dem Problem
der Willensfreiheit mit Recht: »Jeden berührend, scheinbar jedem
zugänglich, innig verflochten mit den Grundbedingungen der menschlichen
Gesellschaft, auf das tiefste eingreifend in die religiösen
Überzeugungen, hat diese Frage in der Geistes- und Kulturgeschichte eine
Rolle von unermeßlicher Wichtigkeit gespielt, und in ihrer Behandlung
spiegeln sich die Entwickelungsstadien des Menschengeistes deutlich ab.
-- Vielleicht gibt es keinen Gegenstand menschlichen Nachdenkens, über
welchen längere Reihen nie mehr aufgeschlagener Folianten im Staube
der Bibliotheken modern.« -- Diese Wichtigkeit der Frage tritt auch
darin klar zutage, daß =Kant= die Überzeugung von der »Willensfreiheit«
unmittelbar neben diejenige von der »Unsterblichkeit der Seele« und
neben den »Glauben an Gott« stellte. Er bezeichnete diese drei großen
Fragen als die drei unentbehrlichen »=Postulate der praktischen
Vernunft=«, nachdem er vorher in der »=Kritik der reinen Vernunft=«
klar dargelegt hatte, daß ihre Annahme völlig unbegründet ist.
Das Merkwürdigste in dem großartigen und höchst verworrenen Streite
über die Willensfreiheit ist vielleicht die Tatsache, daß dieselbe
theoretisch nicht nur von höchst kritischen Philosophen, sondern auch
von den extremsten Gegensätzen verneint und trotzdem von den meisten
Menschen als selbstverständlich noch heute bejaht wird. Hervorragende
Lehrer der christlichen Kirche, wie der Kirchenvater =Augustin= und
der Reformator =Calvin=, leugnen die Willensfreiheit ebenso bestimmt
wie die bekanntesten Führer des reinen Materialismus, =Holbach= im
18. und =Büchner= im 19. Jahrhundert. Die christlichen Theologen
verneinen sie, weil sie mit ihrem festen Glauben an die Allmacht Gottes
und die Prädestination unvereinbar ist; Gott, der Allmächtige und
Allwissende, sah und wollte alles von Ewigkeit voraus; also bestimmte
er auch das Handeln der Menschen. Wenn der Mensch nach freiem Willen
handelte, anders, als es Gott vorausbestimmt hatte, so wäre Gott
nicht allmächtig und allwissend gewesen. In demselben Sinne war auch
=Leibniz= unbedingter =Determinist=. Die monistischen Naturforscher
des 18. Jahrhunderts, allen voran =Laplace=, verteidigten den
Determinismus wieder auf Grund ihrer einheitlichen mechanischen
Weltanschauung.
Der gewaltige Kampf zwischen den =Deterministen= und =Indeterministen=,
zwischen den Gegnern und den Anhängern der Willensfreiheit, ist
heute, nach mehr als zwei Jahrtausenden, endgültig zugunsten der
ersteren entschieden. Der menschliche Wille ist ebensowenig frei
als derjenige der höheren Tiere, von welchem er sich nur dem Grade,
nicht der Art nach unterscheidet. Während noch im 18. Jahrhundert
das alte Dogma von der Willensfreiheit wesentlich mit allgemeinen,
philosophischen und kosmologischen Gründen bestritten wurde, hat uns
dagegen das 19. Jahrhundert ganz andere Waffen zu dessen definitiver
Widerlegung geschenkt, die gewaltigen Waffen, welche wir dem Arsenal
der =vergleichenden Physiologie und Entwickelungsgeschichte= verdanken.
Wir wissen jetzt, daß jeder Willensakt ebenso durch die Organisation
des wollenden Individuums bestimmt und ebenso von den jeweiligen
Bedingungen der umgebenden Außenwelt abhängig ist wie jede andere
Seelentätigkeit. Der Charakter des Strebens ist von vornherein durch
die =Vererbung= von Eltern und Voreltern bedingt; der Entschluß zum
jedesmaligen Handeln wird durch die =Anpassung= an die momentanen
Umstände gegeben, wobei das stärkste Motiv den Ausschlag gibt,
entsprechend den Gesetzen, welche die Statik der Gemütsbewegungen
bestimmen. Die =Ontogenie= lehrt uns die individuelle Entwickelung des
Willens beim Kinde verstehen, die =Phylogenie= aber die historische
Ausbildung des Willens innerhalb der Reihe unserer Wirbeltier-Ahnen.
=Achtes Kapitel.=
_Keimesgeschichte der Seele._
Monistische Studien über ontogenetische Psychologie. Entwickelung
des Seelenlebens im individuellen Leben der Person.
Unsere menschliche Seele -- gleichviel, wie man ihr Wesen auffaßt
-- unterliegt im Laufe unseres individuellen Lebens einer stetigen
Entwickelung. Diese =ontogenetische Tatsache= ist für unsere
monistische Psychologie von fundamentaler Bedeutung, obwohl
die meisten »Psychologen von Fach« ihr teils nur geringe, teils
gar keine Berücksichtigung schenken. Wie nun die individuelle
Entwickelungsgeschichte der »wahre Lichtträger für alle Untersuchungen
über organische Körper ist«, so wird sie auch über die wichtigsten
Geheimnisse des Seelenlebens uns erst das wahre Licht anzünden.
Obgleich nun diese »Keimesgeschichte der Menschenseele« äußerst wichtig
und interessant ist, hat sie doch bisher nur in sehr beschränktem
Umfange die verdiente Berücksichtigung gefunden. Es waren bisher fast
ausschließlich die =Pädagogen=, welche sich mit einem Teile derselben
beschäftigten; durch ihren praktischen Beruf darauf angewiesen, die
Ausbildung der Seelentätigkeit beim Kinde zu leiten und zu überwachen,
mußten sie auch theoretisches Interesse an den dabei beobachteten
psychogenetischen Tatsachen finden. Indessen standen die Pädagogen in
der Neuzeit wie im Altertum größtenteils im Banne der herrschenden
dualistischen Psychologie; dagegen waren sie mit den wichtigsten
Tatsachen der vergleichenden Psychologie, sowie mit der Organisation
und Funktion des Gehirns meistens nicht bekannt. Außerdem aber betrafen
ihre Beobachtungen größtenteils erst die Kinder in schulpflichtigem
Alter oder in den unmittelbar vorhergehenden Lebensjahren. Die
merkwürdigen Erscheinungen, welche die individuelle Psychogenie des
Kindes gerade in den ersten Lebensjahren darbietet, und welche alle
denkenden Eltern freudig bewundern, wurden fast niemals Gegenstand
eingehender wissenschaftlicher Studien. Hier hat erst =Wilhelm Preyer=
(1881) Bahn gebrochen, in seiner Schrift über »Die Seele des Kindes;
Beobachtungen über die geistige Entwickelung des Menschen in den ersten
Lebensjahren«. Indessen müssen wir, um volle Klarheit zu gewinnen,
noch weiter zurückgehen, bis auf die erste Entstehung der Seele im
befruchteten Ei.
_Entstehung der individuellen Seele._ Der Ursprung und die erste
Entstehung des menschlichen =Individuums= galt noch im Anfange des 19.
Jahrhunderts für ein vollkommenes Geheimnis. Allerdings hatte =Caspar
Friedrich Wolff= schon 1759 in seiner ~Theoria generationis~ das
wahre Wesen der embryonalen Entwickelung aufgedeckt und an der sicheren
Hand kritischer Beobachtung gezeigt, daß bei der Entwickelung des
Keimes aus dem einfachen Ei eine wahre =Epigenesis=, d. h. eine Reihe
der merkwürdigsten Neubildungsprozesse stattfinde. Allein die damalige
Physiologie lehnte diese =empirischen=, unmittelbar mikroskopisch zu
demonstrierenden Erkenntnisse rundweg ab und hielt an dem hergebrachten
Dogma der embryonalen =Präformation= fest. Nach diesem nahm man an,
daß im Ei der Organismus mit allen seinen Teilen vorgebildet oder
präformiert sei; die »Entwickelung« des Keimes bestehe eigentlich nur
in einer »Auswickelung« der eingewickelten Teile (~Evolutio~). Als
notwendiger Folgeschluß dieses Irrtums ergab sich daraus weiterhin
die oben erwähnte Einschachtelungstheorie (S. 33). Diesem Dogma der
»=Ovulisten=«schule stand gegenüber eine andere, ebenso irrtümliche
Ansicht, die der »=Animalkulisten=«; diese glaubten, daß der
eigentliche Keim nicht in der weiblichen Eizelle der Mutter, sondern
in der männlichen Spermazelle des Vaters liege, und daß in diesem
»Samentierchen« die Einschachtelung der Generationsreihen zu suchen sei.
=Leibniz= übertrug diese Einschachtelungslehre ganz folgerichtig
auch auf die menschliche =Seele=; er leugnete für sie eine wahre
Entwickelung (Epigenesis) ebenso wie für den Körper und sagte in seiner
Theodicee: »So sollte ich meinen, daß die Seelen, welche eines Tages
menschliche Seelen sein werden, im Samen, wie jene von anderen Spezies,
dagewesen sind; daß sie in den Voreltern bis auf Adam, also seit dem
Anfang der Dinge, immer in der Form organisierter Körper existiert
haben.« Ähnliche Vorstellungen erhielten sich sowohl in der Biologie
wie in der Philosophie noch bis in das dritte Dezennium des 19.
Jahrhunderts, wo ihnen die Reform der Keimesgeschichte durch =Baer= den
Todesstoß versetzte.
_Mythologie des Seelenursprungs._ Die näheren Aufschlüsse, welche wir
durch die vergleichende Ethnologie neuerdings über die mannigfaltigen
Mythenbildungen der älteren Kulturvölker sowohl als der heutigen
Naturvölker gewonnen haben, sind auch für die Psychogenie von großem
Interesse. Betreffs ihres wissenschaftlichen oder poetischen Gehaltes
können die Mythen über den Seelenursprung etwa folgendermaßen in
fünf Gruppen geordnet werden: ~I~. Mythus der =Seelenwanderung=:
die Seele lebte früher im Körper eines anderen Tieres und ist erst
aus diesem in den menschlichen Körper übergetreten; die ägyptischen
Priester z. B. behaupteten, daß die menschliche Seele nach dem Tode
des Leibes durch alle Tiergattungen hindurchwandere, nach 3000 Jahren
aber wieder in einen Menschenleib zurückkehre. ~II~. Mythus der
=Seeleneinpflanzung=: die Seele existierte selbständig an einem anderen
Orte, in einer Seelen-Vorratskammer (etwa in einer Art von =Keimschlaf=
oder latentem Leben); sie wird von einem Vogel (bisweilen als Adler,
oft als »Klapperstorch« gedacht) geholt und in den menschlichen Körper
eingesetzt. ~III~. Mythus der =Seelenschöpfung=: der göttliche
Schöpfer, als persönlicher »Gott-Vater« gedacht, erschafft die
Seelen, hält sie vorrätig -- bald in einem Seelenteich, bald an einem
Seelenbaum; der Schöpfer nimmt dieselben heraus und setzt sie (während
des Zeugungsaktes) dem menschlichen Keime ein. ~IV~. Mythus der
=Seeleneinschachtelung= (von =Leibniz=, vorher erwähnt). ~V~. Mythus
der =Seelenteilung= (von =Rudolf Wagner=, 1855); im Zeugungsakte
spaltet sich ein Teil von beiden (immateriellen!) Seelen ab, die den
Körper der beiden kopulierenden Eltern bewohnen; der mütterliche
Seelenkeim lebt in der Eizelle, der väterliche in dem beweglichen
Samentierchen; indem diese beiden Keimzellen verschmelzen, wachsen
auch die beiden sie begleitenden Seelen zur Bildung einer neuen
immateriellen Seele zusammen.
_Physiologie des Seelenursprungs._ Obwohl die angeführten
Dichtungen über die Entstehung der einzelnen Menschenseele heute
noch sehr weite Verbreitung und Anerkennung besitzen, ist dennoch
ihr rein mythologischer Charakter jetzt sicher nachgewiesen. Die
bewunderungswürdigen Untersuchungen, welche im Laufe der letzten
Dezennien über die feineren Vorgänge bei der Befruchtung und Keimung
des Eies ausgeführt worden sind, haben ergeben, daß diese mysteriösen
Erscheinungen sämtlich in das Gebiet der =Zellenphysiologie=
gehören. Sowohl die weibliche Keimanlage, das Ei, als der männliche
Befruchtungskörper, das Spermium oder Samentierchen, sind
=einfache Zellen=. Diese lebendigen Zellen besitzen eine Summe von
physiologischen Eigenschaften, welche wir unter dem Begriff der
=Zellseele= zusammenfassen, ebenso wie bei den permanent einzelligen
Protisten (vergl. S. 92). Beiderlei Geschlechtszellen besitzen das
Vermögen der Bewegung und Empfindung. Die jugendliche Eizelle oder
das »Urei« bewegt sich nach Art einer =Amöbe=; die sehr kleinen
Samenkörperchen oder Spermien, von welchen Millionen in jedem Tropfen
des schleimartigen, männlichen Samens sich finden, sind Geißelzellen
und bewegen sich mittels ihrer schwingenden Geißel ebenso lebhaft
schwimmend im Sperma umher wie die gewöhnlichen =Geißelinfusorien=
(~=Flagellaten=~).
Wenn nun die beiderlei Zellen bei der Begattung zusammentreffen,
oder wenn sie durch künstliche Befruchtung (z. B. bei Fischen) in
Berührung gebracht werden, ziehen sie sich gegenseitig an und legen
sich fest aneinander. Die Ursache dieser zellularen Attraktion ist
eine chemische, dem Geruche oder Geschmacke verwandte Sinnestätigkeit
des Plasma, die wir als »=erotischen Chemotropismus=« bezeichnen. Man
kann sie auch geradezu (sowohl im Sinne der Chemie als im Sinne der
Romanliebe) »Zellenwahlverwandtschaft« oder »sexuelle =Zellenliebe=«
nennen. Zahlreiche Geißelzellen des Sperma schwimmen auf die ruhige
Eizelle lebhaft hin und versuchen in deren Körper einzudringen. Es
gelingt aber normalerweise nur einem einzigen glücklichen Bewerber,
das ersehnte Ziel wirklich zu erreichen. Sobald sich dieses bevorzugte
»Samentierchen« mit seinem »Kopfe« (d. h. dem Zellenkern) in den
Leib der Eizelle eingebohrt hat, wird von der Eizelle eine dünne
Schleimschicht abgesondert, welche das Eindringen anderer männlicher
Zellen verhindert. Nur wenn man durch niedere Temperatur die
Eizelle in Kältestarre versetzt oder sie durch narkotische Mittel
(Chloroform, Morphium, Nikotin) betäubt, unterbleibt die Bildung dieser
Schutzhülle; dann tritt »=Überfruchtung oder Polyspermie=« ein, und
zahlreiche Samenfäden bohren sich in den Leib der bewußtlosen Zelle
ein. Diese merkwürdige Tatsache bezeugt ebenso einen niederen Grad
von spezifischer, sinnlicher, lebhafter Empfindung in den beiderlei
Geschlechtszellen wie die wichtigen Vorgänge, die gleich darauf sich
in ihrem Innern abspielen. Die beiderlei Zellenkerne, der weibliche
Eikern und der männliche Spermakern, ziehen sich gegenseitig an, nähern
sich und verschmelzen bei der Berührung vollständig miteinander. So ist
denn aus der befruchteten Eizelle jene wichtige neue Zelle entstanden,
welche wir =Stamm=zelle nennen, und aus deren wiederholter Teilung der
ganze vielzellige Organismus hervorgeht.
Die psychologischen Erkenntnisse, welche sich aus diesen merkwürdigen
=Tatsachen= der Befruchtung ergeben, sind überaus wichtig und bisher
nicht entfernt in ihrer allgemeinen Bedeutung gewürdigt. Wir fassen
die wesentlichsten Folgerungen in folgenden fünf Sätzen zusammen:
~I~. Jedes menschliche Individuum ist, wie jedes andere höhere
Tier, im Beginne seiner Existenz eine einfache Zelle. ~II~. Diese
Stammzelle entsteht überall auf dieselbe Weise, durch Verschmelzung
oder Kopulation von zwei getrennten Zellen verschiedenen Ursprungs,
der weiblichen Eizelle und der männlichen Spermazelle. ~III~. Beide
Geschlechtszellen besitzen eine verschiedene »Zellseele«, d. h.
beide sind durch eine besondere Form von Empfindung und von Bewegung
ausgezeichnet. ~IV~. In dem Momente der Befruchtung oder Empfängnis
verschmelzen nicht nur die Plasmakörper der beiden Geschlechtszellen
und ihre Kerne, sondern auch ihre »Seelen«; d. h. die in ihnen
enthaltenen psychischen Anlagen (oder »Spannkräfte«) vereinigen sich
zum »Seelenkeim« der neugebildeten Stammzelle. ~V~. Daher besitzt
jede Person leibliche und geistige Eigenschaften von beiden Eltern; der
Kern der Eizelle überträgt einen Teil der mütterlichen, der Kern der
Spermazelle einen Teil der väterlichen Eigenschaften.