»psychologischen Metamorphosen« dieser und anderer berühmter Denker
entgegentritt, ist sehr merkwürdig. In ihrer Jugend umfassen diese
kühnen und talentvollen Naturforscher das ganze Gebiet ihrer
biologischen Forschung mit weitem Blick und streben eifrig nach
einem einheitlichen, natürlichen Erkenntnisgrunde; in ihrem Alter
haben sie eingesehen, daß dieser nicht vollkommen erreichbar ist,
und deshalb geben sie ihn lieber ganz auf. Zur Entschuldigung dieser
psychologischen Metamorphose können sie natürlich anführen, daß sie
in der Jugend die Schwierigkeiten der großen Aufgabe übersehen und
die wahren Ziele verkannt hätten; erst mit der reiferen Einsicht
des Alters und der Sammlung vieler Erfahrungen hätten sie sich von
ihren Irrtümern überzeugt und den wahren Weg zur Quelle der Wahrheit
gefunden. Man kann aber auch umgekehrt behaupten, daß die großen
Männer der Wissenschaft in jüngeren Jahren unbefangener und mutiger
an ihre schwierige Aufgabe herantreten, daß ihr Blick freier und ihre
Urteilskraft reiner ist; die Erfahrungen späterer Jahre führen vielfach
nicht nur zur Bereicherung, sondern auch zur Trübung der Einsicht, und
mit dem Greisenalter tritt allmähliche Rückbildung ebenso im Gehirn wie
in anderen Organen ein. Jedenfalls ist diese Metamorphose an sich eine
lehrreiche psychologische Tatsache; denn sie beweist mit vielen anderen
Formen des »Gesinnungswechsels«, daß die höchsten Seelenfunktionen
ebenso wesentlichen individuellen Veränderungen im Laufe des Lebens
unterliegen wie alle anderen Lebenstätigkeiten.
=Siebentes Kapitel.=
_Stufenleiter der Seele._
Monistische Studien über vergleichende Psychologie. Psychologische
Stufenleiter. Instinkt und Vernunft.
Die großartigen Fortschritte, welche die Psychologie in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Hilfe der Entwickelungslehre
gemacht hat, gipfeln in der Anerkennung der =psychologischen
Einheit der organischen Welt.= Die vergleichende Seelenlehre, im
Vereine mit der Ontogenie und Phylogenie der Psyche, hat uns zu der
Überzeugung geführt, daß das organische Leben in allen Abstufungen,
vom einfachsten, einzelligen Protisten bis zum Menschen hinauf,
aus denselben elementaren Naturkräften sich entwickelt, aus den
Funktionen der Empfindung und Bewegung. Die Hauptaufgabe der
wissenschaftlichen Psychologie wird daher künftig nicht, wie bisher,
die ausschließlich subjektive und introspektive Zergliederung der
höchstentwickelten Philosophenseele sein, sondern die objektive und
vergleichende Untersuchung der langen Stufenleiter, auf welcher sich
der menschliche Geist allmählich aus einer langen Reihe von niederen
tierischen Zuständen entwickelt hat. Die schöne Aufgabe, die einzelnen
Stufen dieser psychologischen Kette zu unterscheiden und ihren
ununterbrochenen phylogenetischen Zusammenhang nachzuweisen, ist erst
in den letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts ernstlich in Angriff
genommen worden.
_Materielle Basis der Psyche._ Alle Erscheinungen des Seelenlebens ohne
Ausnahme sind verknüpft mit materiellen Vorgängen in der lebendigen
Substanz des Körpers, im =Plasma= oder =Protoplasma=. Wir haben
jenen Teil des letzteren, der als der Träger der Psyche erscheint,
als =Psychoplasma= bezeichnet; wir erblicken darin kein besonderes
»Wesen«, sondern wir betrachten die =Psyche als Kollektivbegriff
für die gesamten psychischen Funktionen des Plasma.= »Seele« ist in
diesem Sinne ebenso eine physiologische Abstraktion wie der Begriff
»Stoffwechsel« oder »Zeugung«. Beim Menschen und den höheren Tieren
ist das Psychoplasma, zufolge der vorgeschrittenen Arbeitsteilung der
Organe und Gewebe, ein differenzierter Bestandteil des Nervensystems,
das =Neuroplasma= der Ganglienzellen und ihrer leitenden
Ausläufer, der Nervenfasern. Bei den niederen Tieren dagegen, die
noch keine gesonderten Nerven und Sinnesorgane besitzen, ist das
Psychoplasma noch nicht zur selbständigen Differenzierung gelangt,
ebensowenig bei den Pflanzen. Bei den einzelligen Protisten ist
das Psychoplasma identisch mit dem ganzen lebendigen =Protoplasma=
desselben. In allen Fällen, ebenso auf dieser niedersten wie auf
jener höchsten =Stufe= der psychologischen Entwickelungsreihe, ist
eine gewisse =chemische= Zusammensetzung des Psychoplasma und eine
gewisse =physikalische= Beschaffenheit desselben unentbehrlich,
wenn die »Seele« arbeiten soll. Das gilt ebenso von der elementaren
Seelentätigkeit der plasmatischen Empfindung und Bewegung bei den
Protozoen, wie von den zusammengesetzten Funktionen der Sinnesorgane
und des Gehirns bei den höheren Tieren und dem Menschen. Die Arbeit
des Psychoplasma, die wir »Seele« nennen, ist stets mit Stoffwechsel
verknüpft.
_Stufenleiter der Empfindungen._ Alle lebendigen Naturkörper ohne
Ausnahme sind empfindlich; sie unterscheiden die Zustände der
umgebenden Außenwelt und reagieren darauf durch gewisse Veränderungen
in ihrem Innern. Licht und Wärme, Schwerkraft und Elektrizität,
mechanische Prozesse und chemische Vorgänge in der Umgebung wirken als
»=Reize=« auf das empfindliche =Psychoplasma= und rufen Veränderungen
in seiner molekularen Zusammensetzung hervor. Als Hauptstufen seiner
=Empfindlichkeit= unterscheiden wir folgende fünf Grade:
~I~. Auf den untersten Stufen der Organisation ist das ganze
=Psychoplasma= als solches empfindlich und reagiert auf die
einwirkenden Reize, so bei den niederen Protisten, bei vielen
Pflanzen und einem Teile der unvollkommensten Tiere. ~II~. Auf der
zweiten Stufe beginnen sich an der Oberfläche des Körpers einfachste
=Sinneswerkzeuge= zu entwickeln, in Form von Plasmahaaren und
Pigmentflecken, als Vorläufer von Tastorganen und Augen; so bei einem
Teile der höheren Protisten, aber auch bei vielen niederen Tieren
und Pflanzen. ~III~. Auf der dritten Stufe haben sich aus diesen
einfachen Grundlagen durch =Differenzierung spezifische Sinnesorgane=
entwickelt, mit eigentümlicher Anpassung: die chemischen Werkzeuge des
Geruchs und Geschmacks, die physikalischen Organe des Tastsinnes und
Wärmesinnes, des Gehörs und Gesichts. Die »spezifische Energie« dieser
höheren Sinnesorgane ist keine ursprüngliche Eigenschaft, sondern durch
funktionelle Anpassung und progressive Vererbung erworben. ~IV~.
Auf der vierten Stufe tritt die =Zentralisation des Nervensystems=
und damit zugleich diejenige der Empfindung ein, durch Assozion
der früheren isolierten oder lokalisierten Empfindungen entstehen
Vorstellungen, die zunächst noch unbewußt bleiben, so bei vielen
niederen und höheren Tieren. ~V~. Auf der fünften Stufe bildet sich
im Zentralteil des Nervensystems eine besondere Sammelstelle für die
empfangenen Eindrücke und die aus ihnen zusammengesetzten Erlebnisse
aus. Ihre Funktion kennen wir bei uns selbst als bewußte Empfindung;
ähnliche Organe besitzen alle höheren Wirbeltiere und unter den
Wirbellosen sind sie besonders bei den Gliedertieren bekannt.
_Stufenleiter der Bewegungen._ Alle lebendigen Naturkörper ohne
Ausnahme sind =spontan= beweglich, im Gegensatze zu den starren und
unbeweglichen Anorganen (Krystallen), d. h. es finden im lebendigen
=Psychoplasma= Lageveränderungen der Teilchen aus inneren Ursachen
statt, welche in dessen chemischer Konstitution selbst begründet sind.
Diese aktiven vitalen Bewegungen sind zum Teil direkt durch Beobachtung
wahrzunehmen, zum anderen Teil aber nur indirekt aus ihren Wirkungen zu
erschließen. Wir unterscheiden fünf Abstufungen derselben.
~I~. Auf der untersten Stufe des organischen Lebens nehmen wir nur
jene =Wachstums=bewegungen wahr, welche allen Organismen gemeinsam
zukommen. Sie geschehen gewöhnlich so langsam, daß man sie nicht
unmittelbar beobachten, sondern nur indirekt aus ihrem Resultate
erschließen kann, aus der Veränderung in Größe und Gestalt des
wachsenden Körpers. ~II~. Viele Protisten, namentlich einzellige
Algen aus den Gruppen der Diatomeen und Desmidiaceen, bewegen sich
kriechend oder schwimmend durch =Sekretion= fort, durch einseitige
Ausscheidung einer schleimigen Masse. ~III~. Andere, im Wasser
schwebende Organismen, z. B. viele Radiolarien, Siphonophoren,
Ktenophoren u. a., steigen auf und nieder, indem sie ihr =spezifisches
Gewicht= verändern, bald durch Osmose, bald durch Absonderung
oder Ausstoßung von Luft. ~IV~. Viele Pflanzen, besonders die
empfindlichen Sinnpflanzen (Mimosen) und andere Papilionaceen, führen
Bewegungen von Blättern oder anderen Teilen mittels =Turgorwechsels=
aus, d. h. es verändert sich die Spannung des Protoplasmas und damit
auch dessen Druck auf die umschließende elastische Zellenwand.
~V~. Die wichtigsten von allen organischen Bewegungen sind die
=Kontraktionserscheinungen=, d. h. Gestaltsveränderungen der
Körperoberfläche, welche mit gegenseitigen Lageverschiebungen ihrer
Teilchen verbunden sind; sie verlaufen stets in zwei verschiedenen
Zuständen oder Phasen der Bewegung: der =Kontraktionsphase=
(Zusammenziehung) und der =Expansionsphase= (Ausdehnung). Als vier
verschiedene Formen der Plasmakontraktion werden unterschieden
~Va~: die =amöboiden= Bewegungen (bei Rhizopoden, Blutzellen,
Pigmentzellen usw.); ~Vb~: die ähnlichen =Plasmaströmungen= im
Innern von abgeschlossenen Zellen; ~Vc~: die =Flimmerbewegung=
(Geißelbewegung und Wimperbewegung) bei Infusorien, Samenzellen,
Flimmerepithelzellen, und endlich ~Vd~: die Muskelbewegung (bei den
meisten Tieren).
_Reflexe._ Die elementare Seelentätigkeit, welche durch die Verknüpfung
von Empfindung und Bewegung entsteht, nennen wir =Reflex=. Die Bewegung
-- gleichviel welcher Art -- erscheint hier als die unmittelbare
Folge des =Reizes=, welcher die Empfindung hervorgerufen hat; man
hat sie daher auch im einfachsten Falle (bei Protisten) kurz als
»=Reizbewegung=« bezeichnet. Alles lebende Plasma besitzt Reizbarkeit
(Irritabilität). Jede physikalische oder chemische Veränderung der
umgebenden Außenwelt kann unter Umständen auf das Psychoplasma als Reiz
wirken und eine Bewegung hervorrufen oder »auslösen«. Wir werden später
sehen, wie der wichtige physikalische Begriff der =Auslösung= die
einfachsten organischen Reflextaten unmittelbar anschließt an ähnliche
mechanische Bewegungsvorgänge in der anorganischen Natur (z. B. bei der
Explosion von Pulver durch einen Funken, von Dynamit durch einen Stoß).
_Einfache und zusammengesetzte Reflexe._ Der wichtige Unterschied,
den wir in morphologischer und physiologischer Hinsicht zwischen
den einzelligen Organismen (~Protisten~) und den vielzelligen
(~Histonen~) machen, gilt auch für deren elementare Seelentätigkeit,
für die Reflextat. Bei den =einzelligen Protisten= läuft der ganze
Prozeß des Reflexes innerhalb des Protoplasma einer einzigen Zelle
ab; die »=Zellseele=« derselben erscheint noch als eine einheitliche
Funktion des Psychoplasma, deren einzelne Phasen sich erst mit der
Differenzierung besonderer Organe zu sondern beginnen. Schon bei
=Zellvereinen= beginnt die zweite Stufe der Seelentätigkeit, der
=zusammengesetzte Reflex=. Die zahlreichen sozialen Zellen, welche
diese Zellvereine zusammensetzen, stehen immer in mehr oder weniger
enger Verbindung, oft direkt durch fadenförmige Plasmabrücken. Ein
Reiz, welcher eine oder mehrere Zellen des Verbandes trifft, wird
durch die Verbindungsbrücken den übrigen mitgeteilt und kann alle
zu gemeinsamer Kontraktion veranlassen. Dieser Zusammenhang besteht
auch in den Geweben der vielzelligen Pflanzen und Tiere. Während man
früher irrtümlich annahm, daß die Zellen der Pflanzengewebe ganz
isoliert nebeneinander stehen, sind jetzt überall feine Plasmafäden
nachgewiesen, welche die dicken Zellmembranen durchsetzen und ihre
lebendigen Plasmakörper in materiellem und psychologischem Zusammenhang
erhalten. So erklärt es sich, daß die Erschütterung der empfindlichen
Wurzel von ~Mimosa~, welche der Tritt des Wanderers auf den Boden
verursacht, sofort den Reiz auf alle Zellen des Pflanzenstockes
überträgt und ihre zarten Fiederblätter zum Zusammenlegen, die
Blattstiele zum Herabsinken veranlaßt.
_Reflex und Bewußtsein._ Auf die Frage, inwieweit dem Organismus
seine Reaktionen auf die Reize der Umwelt bewußt werden, kann eine
allgemeine Antwort nicht gegeben werden. Vom Bewußtsein wissen wir
eigentlich nur insofern, als es die unmittelbare Erfahrung unseres
eigenen Erlebens ist. Vergleichende Betrachtung der Reflexe selbst
und besonders auch ihrer anatomischen Grundlagen berechtigen uns
aber zu der Annahme, daß diejenigen Tiere, die einen ähnlichen
Assozionsapparat in ihren Reflexbogen eingeschaltet haben wie wir, auch
in ähnlicher Weise erleben, also ein dem unseren analoges Bewußtwerden
ihrer psychischen Funktionen besitzen. Als solche Tiere kommen die
uns stammesgeschichtlich nahe stehenden Wirbeltiere und von den
Wirbellosen vielleicht die sozialen Gliedertiere und die Kopffüßer
(~Cephalopoden~) in Betracht.
_Stufenleiter der Vorstellungen._ Der Schauplatz klaren Bewußtseins
sind beim Menschen vor allem die Vorstellungen. Doch ist das Bewußtsein
kein wesentliches Merkmal der Vorstellungen; wir nehmen solche vielmehr
bei allen Organismen an, ohne daß wir ihnen ein dem unseren ähnliches
klar bewußtes Erleben zuschreiben. Im allgemeinen erscheint die
Vorstellung als das =innere Bild= des äußeren Objektes, welches durch
die Empfindung übermittelt ist.
~I~. =Zellulare Vorstellung.= Auf den niedersten Stufen begegnet
uns die Vorstellung als eine allgemeine physiologische Funktion des
Psychoplasma; schon bei den einfachsten einzelligen Protisten können
Empfindungen bleibende Spuren im Psychoplasma hinterlassen, und diese
können vom Gedächtnis reproduziert werden. Bei mehr als viertausend
Radiolarienarten, welche ich beschrieben habe, ist jede einzelne
Spezies durch eine besondere erbliche Skelettform ausgezeichnet.
Die Produktion dieses spezifischen, oft höchst verwickelt gebauten
Skeletts durch eine höchst einfach gestaltete (meist kugelige) Zelle
ist nur dann erklärlich, wenn wir dem bauenden Plasma die Fähigkeit
der Vorstellung zuschreiben, und zwar der besonderen Reproduktion
des »plastischen Distanzgefühls«, wie ich in meiner Psychologie der
Radiolarien gezeigt habe (1887, S. 121).
~II~. =Histonale Vorstellung.= Schon bei den Zönobien oder
Zellvereinen der geselligen Protisten, noch mehr aber in den Geweben
der Pflanzen und der niederen, nervenlosen Tiere (Spongien, Polypen)
begegnen wir der zweiten Stufe der Vorstellung, welche auf dem
gemeinsamen Seelenleben zahlreicher, eng verbundener Zellen beruht.
Da einmalige Reize nicht bloß eine vorübergehende Bewegung eines
Organes (z. B. eines Pflanzenblattes, eines Polypenarmes) auslösen,
sondern einen bleibenden Eindruck hinterlassen, der von diesem
später reproduziert werden kann, so müssen wir zur Erklärung dieser
Erscheinung eine Histonal-Vorstellung annehmen, gebunden an das
Psychoplasma der assoziierten Gewebezellen.
~III~. =Unbewußte Vorstellung der Ganglienzellen.= Die dritte, höhere
Stufe der Vorstellung ist die häufigste Form dieser Seelentätigkeit
im Tierreich; sie erscheint als eine Lokalisation des Vorstellens
auf bestimmte »Seelenzellen« oder Gruppen von Nervenzellen. Mit der
aufsteigenden Entwickelung des Zentralnervensystems im Tierreich,
seiner zunehmenden Differenzierung und Integration erhebt sich auch die
Ausbildung dieser Vorstellungen zu immer höheren Stufen.
~IV~. =Bewußte Vorstellung der Gehirnzellen.= Erst auf den
höchsten Entwickelungsstufen der tierischen Organisation entwickelt
sich das Bewußtsein als eine besondere Funktion eines bestimmten
Zentralorgans des Nervensystems. Indem die Vorstellungen bewußte
werden, und indem besondere Gehirnteile sich zur =Assozion= der
bewußten Vorstellungen reich entfalten, wird der Organismus zu jenen
höchsten psychischen Funktionen befähigt, welche wir als =Denken=
und Überlegen, als Verstand und =Vernunft= bezeichnen. Obgleich die
Absteckung der phyletischen Grenze zwischen den älteren, unbewußten
und den jüngeren, bewußten Vorstellungen höchst schwierig ist,
können wir doch mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß die letzteren
aus den ersteren =polyphyletisch= entstanden sind. Denn wir dürfen
bewußtes und vernünftiges Denken nicht nur bei den höchsten Formen des
Wirbeltierstammes annehmen (Mensch, Säugetiere, ein Teil der niederen
Vertebraten), sondern auch bei den höchstentwickelten Vertretern
anderer Tierstämme (Ameisen und andere Insekten, Spinnen und höhere
Krebse unter den Gliedertieren, Cephalopoden unter den Weichtieren).
_Stufenleiter des Gedächtnisses._ Eng verknüpft mit der Stufenleiter
in der Entwickelung der Vorstellungen ist diejenige des Gedächtnisses;
diese höchst wichtige Funktion des Psychoplasma -- die Bedingung
aller fortschreitenden Seelenentwickelung -- ist ja im wesentlichen
=Reproduktion von Vorstellungen=. Die Eindrücke im Plasma, welche der
Reiz als Empfindung bewirkt hatte, und welche bleibend zu Vorstellungen
geworden waren, werden neu belebt; sie gehen aus dem =potentiellen=
in den =aktuellen= Zustand über. Entsprechend den vier Stufen der
Vorstellung können wir auch beim Gedächtnis vier Hauptstufen der
aufsteigenden Entwickelung unterscheiden.
~I~. _Zellulargedächtnis._ Mit Recht hatte der Physiologe =Ewald
Hering= in einer gedankenreichen Abhandlung »das Gedächtnis als eine
allgemeine Funktion der organisierten Materie« bezeichnet und die
hohe Bedeutung dieser Seelentätigkeit hervorgehoben, »der wir fast
alles verdanken, was wir sind und haben« (1870). Ich habe später
(1876) diesen Gedanken weiter ausgeführt und in seiner fruchtbaren
Anwendung auf die Entwickelungslehre zu begründen versucht, in
meiner Abhandlung über »Die Perigenesis der Plastidule oder die
Wellenzeugung der Lebensteilchen; ein Versuch zur mechanischen
Erklärung der elementaren Entwickelungsvorgänge«. Ich habe dort das
»unbewußte Gedächtnis« als eine allgemeine, höchst wichtige Funktion
aller =Plastidule= nachzuweisen gesucht, d. h. jener hypothetischen
Moleküle oder Molekülgruppen, welche von =Naegeli= als =Micellen=,
von anderen als =Bioplasten= usw. bezeichnet worden sind. Nur die
=lebendigen= Plastidule, als die individuellen Molekeln des aktiven
Plasma, sind reproduktiv und besitzen somit Gedächtnis; das ist der
Hauptunterschied der organischen Natur von der anorganischen. Man kann
sagen: »=Die Erblichkeit ist das Gedächtnis der Plastidule=, hingegen
die Variabilität ist die Fassungskraft der Plastidule«. Das elementare
Gedächtnis der einzelligen Protisten setzt sich zusammen aus dem
molekularen Gedächtnis der Plastidule oder Micellen, aus welchen ihr
lebendiger Zellenleib sich aufbaut. Für die erstaunlichen Leistungen
des unbewußten Gedächtnisses bei diesen einzelligen Protisten ist
wohl keine Tatsache lehrreicher als die unendlich mannigfaltige und
regelmäßige Bildung ihrer Schutzapparate, der Schalen und Skelette;
besonders die Diatomeen unter den Protophyten, die Radiolarien unter
den Protozoen liefern dafür eine Fülle von interessanten Beispielen.
In vielen tausend Arten dieser Protisten vererbt sich die spezifische
Skelettform =relativ konstant=. (Vergl. die wichtige Schrift von
=Richard Semon=, 1904: »Die Mneme als erhaltendes Prinzip im Wechsel
des organischen Geschehens«).
~II~. _Histonalgedächtnis._ Ebenso interessante Beweise für die
zweite Stufe der Erinnerung, für das unbewußte Gedächtnis der =Gewebe=,
liefert die Vererbung der einzelnen Organe und Gewebe im Körper der
Pflanzen und der niederen, nervenlosen Tiere (Spongien usw.). Diese
zweite Stufe erscheint als =Reproduktion der Histonalvorstellungen=,
jener Assozion von Zellularvorstellungen, die schon mit der Bildung von
Zönobien bei den sozialen Protisten beginnt.
~III~. Gleicherweise ist die dritte Stufe, das »=unbewußte
Gedächtnis=« derjenigen Tiere, die bereits ein Nervensystem besitzen,
als Reproduktion der entsprechenden »unbewußten Vorstellungen« zu
betrachten, welche in gewissen Ganglienzellen aufgespeichert sind.
Bei den meisten niederen Tieren ist wohl alles Gedächtnis unbewußt.
Aber auch beim Menschen und den höheren Tieren, denen wir Bewußtsein
zuschreiben müssen, sind die täglichen Funktionen des unbewußten
Gedächtnisses ungleich häufiger und mannigfaltiger als diejenigen des
bewußten; davon überzeugt uns leicht eine unbefangene Prüfung von
tausend unbewußten Tätigkeiten, die wir aus Gewohnheit, ohne daran zu
denken, beim Gehen, Sprechen, Schreiben, Essen usw., täglich vollziehen.
~IV~. Das =bewußte Gedächtnis=, welches durch bestimmte Gehirnzellen
beim Menschen und den höheren Tieren vermittelt wird, erscheint daher
nur als eine spät entstandene »=innere Spiegelung=«, als die höchste
Blüte derselben psychischen Vorstellungs-Reproduktionen, welche bei
unseren niederen tierischen Vorfahren sich als unbewußte Vorgänge in
den Ganglienzellen abspielten.
_Assozion der Vorstellungen._ Die =Verkettung= der Vorstellungen,
welche man gewöhnlich als Assoziation der Ideen (oder kürzer Assozion)
bezeichnet, durchläuft ebenfalls eine lange Stufenleiter von den
niedersten bis zu den höchsten Stufen. Die Erzeugnisse dieser
»Ideenassozion« sind äußerst mannigfaltig; trotzdem aber führt eine
sehr lange, ununterbrochene Stufenleiter allmählicher Entwickelung
von den einfachsten Assozionen der niedersten Protisten bis zu
den vollkommensten Ideenverkettungen des Kulturmenschen hinauf.
Alles höhere Seelenleben wird um so vollkommener, je mehr sich die
normale Assozion unendlich zahlreicher Vorstellungen ausdehnt, und
je naturgemäßer dieselben durch die kritische Vernunft geordnet
werden. Im =Traume=, wo diese Kritik fehlt, erfolgt oft die Assozion
der reproduzierten Vorstellungen in der konfusesten Form. Aber auch
im Schaffen der =Phantasie=, welche durch mannigfaltige Verkettung
vorhandener Vorstellungen ganz neue Gruppen derselben produziert,
ebenso in den Halluzinationen usw. werden dieselben oft ganz
naturwidrig geordnet und erscheinen daher bei nüchterner Betrachtung
=unvernünftig=. Ganz besonders gilt dies von den übernatürlichen
»=Gestalten des Glaubens=«, dem Geisterspuk des Spiritismus und
Okkultismus. Aber gerade diese =abnormen Assozionen= des »Glaubens«
und der angeblichen »Offenbarung« werden vielfach als die wertvollsten
»Geistesgüter« des Menschen hochgeschätzt.