_Exakte Psychologie._ Je reicher im Laufe des 19. Jahrhunderts sich

die verschiedenen Zweige des menschlichen Erkenntnisbaumes entwickelt,

je mehr sich die verschiedenen Methoden der einzelnen Wissenschaften

vervollkommnet haben, desto mehr ist das Bestreben gewachsen, dieselben

=exakt= zu gestalten, d. h. die Erscheinungen möglichst =genau=

empirisch zu untersuchen und die daraus abzuleitenden Gesetze tunlichst

scharf, womöglich =mathematisch= zu formulieren. Letzteres ist aber

nur bei einem kleinen Teile des menschlichen Wissens erreichbar,

vorzüglich in jenen Wissenschaften, bei denen es sich in der Hauptsache

um meßbare Größenbestimmungen handelt: in erster Linie der Mathematik,

sodann der Astronomie, der Mechanik, überhaupt einem großen Teile der

Physik und Chemie. Diese Wissenschaften werden daher auch als =exakte

Disziplinen= im engeren Sinne bezeichnet. Dagegen ist es nicht richtig

und führt nur irre, wenn man oft =alle= Naturwissenschaften als

»exakte« betrachtet und anderen, namentlich den historischen und den

»Geisteswissenschaften« gegenüberstellt. Denn ebensowenig als diese

letzteren kann auch der größere Teil der Naturwissenschaft wirklich

exakt behandelt werden; ganz besonders gilt dies von der Biologie

und in dieser wieder von der Psychologie. Da diese letztere nur ein

Teil der Physiologie ist, muß sie im allgemeinen deren fundamentale

Erkenntniswege teilen. Sie muß die tatsächlichen Erscheinungen des

Seelenlebens möglichst genau =empirisch= ergründen, durch Beobachtung

und durch Experiment; und sie muß dann die Gesetze der Psyche aus

diesen durch induktive und deduktive Schlüsse ableiten und möglichst

scharf formulieren. Allein ihre =mathematische= Formulierung ist aus

leicht begreiflichen Gründen nur sehr selten möglich; sie ist mit

großem Erfolge nur bei einem Teile der Sinnesphysiologie ausgeführt;

für den weitaus größten Teil der Gehirnphysiologie ist sie dagegen

nicht anwendbar.

_Psychophysik._ Ein kleiner Teil der Psychologie, welcher der

erstrebten »exakten« Untersuchung zugänglich erscheint, ist seit

Jahren mit großer Sorgfalt studiert und zum Range einer besonderen

Disziplin erhoben worden unter der Bezeichnung =Psychophysik=. Die

Begründer derselben, die Physiologen =Theodor Fechner= und =Ernst

Heinrich Weber=, untersuchten zunächst genau die Abhängigkeit der

Empfindungen von den äußeren, auf die Sinnesorgane wirkenden Reizen

und besonders das quantitative Verhältnis zwischen Reizstärke

und Empfindungsintensität. Sie fanden, daß zur Erregung einer

Empfindung eine bestimmte minimale Reizstärke erforderlich ist

(die »Reizschwelle«), und daß ein gegebener Reiz immer um einen

gewissen Betrag (die »Unterschiedsschwelle«) geändert werden muß,

ehe die Empfindung sich merklich verändert. Für die wichtigsten

Sinnesempfindungen (Gesicht, Gehör, Druckempfindung) gilt das Gesetz,

daß ihre Änderung derjenigen der Reizstärke proportional ist. Aus

diesem empirischen »Weberschen Gesetz« leitete =Fechner= sein

»psycho-physisches Grundgesetz« ab, wonach die Empfindungsintensitäten

in arithmetischer Progression wachsen sollen, hingegen die Reizstärken

in geometrischer Progression. Indessen haben spätere Forscher gezeigt,

daß dieses Fechnersche Gesetz exakt nur für mittlere Intensitäten gilt,

also nicht die allgemeine Bedeutung hat, die man ihm früher zuschrieb.

_Vergleichende Psychologie._ Die auffällige Ähnlichkeit, welche

im Seelenleben des Menschen und der höheren Tiere -- besonders

der nächstverwandten Säugetiere -- besteht, ist eine altbekannte

Tatsache. Die meisten Naturvölker machen noch heute zwischen beiden

psychischen Erscheinungsreihen keinen wesentlichen Unterschied,

wie schon die allgemein verbreiteten Tierfabeln, die alten Sagen

und die Vorstellungen von der Seelenwanderung beweisen. Auch die

meisten Philosophen des klassischen Altertums waren davon überzeugt

und entdeckten zwischen der menschlichen und tierischen Psyche

keine wesentlichen Unterschiede. Selbst =Plato=, der zuerst den

fundamentalen Unterschied von Leib und Seele behauptete, ließ in

seiner Seelenwanderung eine und dieselbe Seele (oder »Idee«) durch

verschiedene Tier- und Menschenleiber hindurchwandern. Erst das

Christentum, das den Unsterblichkeitsglauben auf das engste mit dem

Gottesglauben verknüpfte, führte die prinzipielle Scheidung zwischen

der unsterblichen Menschenseele und der sterblichen Tierseele durch. In

der dualistischen Philosophie gelangte sie vor allem durch den Einfluß

von =Descartes= (1643) zur Geltung; er behauptete, daß nur der Mensch

eine wahre »Seele« und somit Empfindung und freien Willen besitze, daß

hingegen die Tiere Automaten, Maschinen ohne Willen und Empfindung

seien. Seitdem wurde von den meisten Psychologen -- namentlich auch

von =Kant= -- das Seelenleben der Tiere ganz vernachlässigt und das

psychologische Studium auf den Menschen beschränkt; die menschliche,

meistens rein introspektive Psychologie entbehrte der befruchtenden

Vergleichung und blieb daher auf demselben niederen Standpunkt stehen,

welchen die menschliche Morphologie einnahm, ehe sie =Cuvier= durch die

Begründung der vergleichenden Anatomie zur Höhe einer philosophischen

Naturwissenschaft erhob.

_Tierpsychologie._ Das wissenschaftliche Interesse für das Seelenleben

der Tiere wurde erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts neu

belebt, im Zusammenhang mit den Fortschritten der systematischen

Zoologie und Physiologie. Besonders anregend wirkte die Schrift von

=Reimarus=: Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere

(Hamburg 1760). Eine tiefere wissenschaftliche Erforschung wurde

erst möglich durch =Johannes Müllers= Reform der Physiologie. Dieser

geistvolle Biologe, das ganze Gebiet der organischen Natur, Morphologie

und Physiologie, gleichmäßig umfassend, führte zuerst die =exakten

Methoden= der Beobachtung und des Versuchs im gesamten Gebiete der

Physiologie durch und verknüpfte sie zugleich in genialer Weise mit den

=vergleichenden Methoden=; er wendete sie ebenso auf das Seelenleben

im weitesten Sinne an (auf Sprache, Sinne, Gehirntätigkeit) wie auf

alle übrigen Lebenserscheinungen. Das sechste Buch seines »Handbuchs

der Physiologie des Menschen« (1840) handelt speziell »Vom Seelenleben«

und enthält auf 80 Seiten eine Fülle der wichtigsten psychologischen

Betrachtungen.

_Völkerpsychologie._ Für die fruchtbare Ausbildung der vergleichenden

Seelenlehre ist es höchst wichtig, die kritische Vergleichung nicht

auf Tier und Mensch im allgemeinen zu beschränken, sondern auch die

mannigfaltigen =Abstufungen= in ihrem Seelenleben nebeneinander zu

stellen. Erst dadurch gelangen wir zur klaren Erkenntnis der langen

=Stufenleiter= psychischer Entwickelung, welche ununterbrochen von

den niedersten, einzelligen Lebensformen bis zu den Säugetieren und

an deren Spitze bis zum Menschen hinauf führt. Auch innerhalb des

Menschengeschlechts selbst sind jene Abstufungen sehr beträchtlich

und die Verzweigungen des »Seelenstammbaums« höchst mannigfaltig.

Der psychische Unterschied zwischen dem rohesten Naturmenschen der

niedersten Stufe und dem vollkommensten Kulturmenschen der höchsten

Stufe ist kolossal, viel größer, als gemeinhin angenommen wird. In

der richtigen Erkenntnis dieser Tatsache hat besonders in der zweiten

Hälfte des 19. Jahrhunderts die »=Anthropologie der Naturvölker=«

(=Waitz=) einen lebhaften Aufschwung genommen und die vergleichende

Ethnographie eine hohe Bedeutung für die Psychologie gewonnen. Leider

ist nur das massenhaft gesammelte Rohmaterial dieser Wissenschaft noch

nicht genügend kritisch durchgearbeitet.

_Ontogenetische Psychologie._ Am meisten vernachlässigt und am

wenigsten angewendet unter allen Methoden der Seelenforschung war bis

auf die letzte Zeit die =Entwickelungsgeschichte der Seele=; und doch

ist gerade dieser selten betretene Pfad derjenige, der uns am kürzesten

und sichersten durch den dunklen Urwald der psychologischen Vorurteile,

Dogmen und Irrtümer zu der klaren Einsicht in viele der wichtigsten

»Seelenfragen« führt. Wie in jedem anderen Gebiete der organischen

Entwickelungsgeschichte, so stelle ich auch hier zunächst die beiden

Hauptzweige derselben gegenüber, die ich zuerst 1866 unterschieden

habe: die Keimesgeschichte (~Ontogenie~) und die Stammesgeschichte

(~Phylogenie~). Die =Keimesgeschichte der Seele= untersucht die

allmähliche und stufenweise Entwickelung der Seele in der einzelnen

Person und strebt nach Erkenntnis der Gesetze, welche sie ursächlich

bedingen. Für einen wichtigen Abschnitt des menschlichen Seelenlebens

ist hier schon seit Jahrtausenden sehr viel geschehen; denn die

rationelle =Pädagogik= mußte sich ja schon frühzeitig die Aufgabe

stellen, theoretisch die stufenweise Entwickelung und Bildungsfähigkeit

der kindlichen Seele kennen zu lernen, deren harmonische Ausbildung

und Leitung sie praktisch durchzuführen hatte. Allein die meisten

Pädagogen waren idealistische und dualistische Philosophen und

gingen daher an ihre Aufgabe von vornherein mit den althergebrachten

Vorurteilen der spiritualistischen Psychologie. Erst seit wenigen

Dezennien ist dieser dogmatischen Richtung gegenüber auch in der

Schule die naturwissenschaftliche Methode zu größerer Geltung gelangt;

man bemüht sich jetzt mehr, auch in der Beurteilung der Kindesseele

die Grundsätze der Entwickelungslehre zur Anwendung zu bringen. Das

individuelle Rohmaterial der kindlichen Seele ist ja bereits durch

=Vererbung= von Eltern und Voreltern von vornherein gegeben; die

Erziehung hat die schöne Aufgabe, dasselbe durch intellektuelle

Belehrung und moralische Erziehung, also durch =Anpassung=, zur reichen

Blüte zu entwickeln. Für die Kenntnis unserer frühesten psychischen

Entwickelung hat erst =Wilhelm Preyer= (1882) den Grund gelegt in

seiner interessanten Schrift »Die Seele des Kindes, Beobachtungen über

die geistige Entwickelung des Menschen in den ersten Lebensjahren«. Für

die Erkenntnis der späteren Stufen und Metamorphosen der individuellen

Psyche bleibt noch sehr viel zu tun; die richtige, kritische Anwendung

des Biogenetischen Grundgesetzes beginnt auch hier sich als klarer

Leitstern des wissenschaftlichen Verständnisses zu bewähren. (Vergl.

=Hermann Kroell=, Der Aufbau der menschlichen Seele, 1900.)

_Phylogenetische Psychologie._ Eine neue, fruchtbare Periode höherer

Entwickelung begann für die Psychologie, wie für alle anderen

biologischen Wissenschaften, als =Charles Darwin= die Grundsätze der

Entwickelungslehre auf sie anwendete. Das siebente Kapitel seines

epochemachenden Werkes über die Entstehung der Arten (1859) ist dem

=Instinkt= gewidmet; es enthält den wertvollen Nachweis, daß die

Instinkte der Tiere, gleich allen anderen Lebenstätigkeiten, den

allgemeinen Gesetzen der historischen Entwickelung unterliegen. Die

speziellen Instinkte der einzelnen Tierarten werden durch =Anpassung=

umgebildet, und diese »erworbenen Abänderungen« werden durch

=Vererbung= auf die Nachkommen übertragen; bei ihrer Erhaltung und

Ausbildung spielt die natürliche =Selektion= durch den »Kampf ums

Dasein« ebenso eine züchtende Rolle wie bei der Transformation jeder

anderen physiologischen Tätigkeit. Später hat =Darwin= in mehreren

Werken diese fundamentale Ansicht weiter ausgeführt und gezeigt, daß

dieselben Gesetze »geistiger Entwickelung« durch die ganze organische

Welt hindurch walten, beim Menschen ebenso wie bei den Tieren und bei

diesen ebenso wie bei den Pflanzen. =Die Einheit der organischen Welt=,

die sich aus ihrem gemeinsamen Ursprung erklärt, gilt also auch

für das gesamte Gebiet des Seelenlebens, vom einfachsten, einzelligen

Organismus bis hinauf zum Menschen.

Die weitere Ausführung von =Darwins= Psychologie und ihre besondere

Anwendung auf alle einzelnen Gebiete des Seelenlebens verdanken wir

einem ausgezeichneten englischen Naturforscher, =George Romanes=.

Leider wurde er durch seinen allzu frühen Tod an der Vollendung

des großen Werkes gehindert, welches alle Teile der vergleichenden

Seelenkunde gleichmäßig im Sinne der monistischen Entwickelungslehre

ausbauen sollte. Die beiden Teile dieses Werkes, welche erschienen

sind, gehören zu den wertvollsten Erzeugnissen der gesamten

psychologischen Literatur. Denn getreu den Prinzipien unserer modernen

monistischen Naturforschung sind darin erstens die wichtigsten

=Tatsachen= zusammengefaßt und geordnet, welche seit Jahrtausenden

durch Beobachtung und Experiment auf dem Gebiete der vergleichenden

Seelenlehre empirisch festgestellt wurden; zweitens sind dieselbe mit

=objektiver Kritik= geprüft und zweckmäßig gruppiert; und drittens

ergeben sich daraus diejenigen =Vernunftschlüsse= über die wichtigsten

allgemeinen Fragen der Psychologie, welche allein mit den Grundsätzen

unserer modernen monistischen Weltanschauung vereinbar sind. Der erste

Band von =Romanes=' Werk (Leipzig 1885) führt den Titel: »Die geistige

Entwickelung im Tierreich« und stellt die ganze lange Stufenreihe der

psychischen Entwickelung im Tierreiche von den einfachsten Empfindungen

und Instinkten der niedersten Tiere bis zu den vollkommensten

Erscheinungen des Bewußtseins und der Vernunft bei den höchststehenden

Tieren im natürlichen Zusammenhang dar. Es sind darin auch viele

Mitteilungen aus hinterlassenen Manuskripten »über den Instinkt« von

Darwin mitgeteilt, und zugleich ist eine »vollständige Sammlung von

allem, was er auf dem Gebiete der Psychologie geschrieben hat«, gegeben.

Der zweite Teil von =Romanes=' Werk behandelt »die geistige

Entwickelung beim Menschen und den Ursprung der menschlichen

Befähigung« (Leipzig 1893). Der scharfsinnige Psychologe führt

darin den überzeugenden Beweis, »=daß die psychologische Schranke

zwischen Tier und Mensch überwunden ist=«; das begriffliche Denken

und Abstraktionsvermögen des Menschen hat sich allmählich aus

den nicht begrifflichen Vorstufen des Denkens und Vorstellens

bei den nächstverwandten Säugetieren entwickelt. Die höchsten

Geistestätigkeiten des Menschen, =Vernunft=, =Sprache und Bewußtsein=,

sind aus den niederen Vorstufen derselben in der Reihe der

=Primatenahnen= (Affen und Halbaffen) hervorgegangen. Der Mensch

besitzt keine einzige »Geistestätigkeit«, welche ihm ausschließlich

eigentümlich ist; sein ganzes Seelenleben ist von demjenigen der

nächstverwandten Säugetiere nur dem =Grade=, nicht der =Art= nach, nur

quantitativ, nicht qualitativ verschieden.

_Psychologische Metamorphosen._ Nicht unerwähnt soll eine merkwürdige

Erscheinung bleiben, die uns manche bedeutende Naturforscher und

Philosophen wahrzunehmen Gelegenheit gaben. Sie besteht in einem

eigentümlichen philosophischen Prinzipienwechsel, in der Vertauschung

des ursprünglichen =monistischen= Standpunktes mit einem späteren

=dualistischen=. Das interessanteste Beispiel solcher Verwandlung

liefert =Immanuel Kant=. Als kritischer Philosoph war er zur

Überzeugung gelangt, daß die drei =Großmächte des Mystizismus=: »Gott,

Freiheit und Unsterblichkeit« -- als Dogmen der »=reinen= Vernunft«

-- unhaltbar erscheinen. Der =dogmatische Kant= dagegen fand später,

daß diese drei Hauptgespenster »Postulate der =praktischen= Vernunft«

und als solche unentbehrlich seien. Je mehr neuerdings die angesehene

Schule der =Neokantianer= den »Rückgang auf =Kant=« als einzige Rettung

aus dem entsetzlichen Wirrwarr der modernen Metaphysik predigt, desto

klarer offenbart sich der unleugbare und unheilvolle Widerspruch der

beiden Grundanschauungen, zwischen denen =Kant= hin und her schwankte.

In Deutschland gilt gegenwärtig als einer der bedeutendsten Psychologen

=Wilhelm Wundt= in Leipzig; er besitzt vor den meisten anderen

Philosophen den unschätzbaren Vorzug einer gründlichen =zoologischen=,

=anatomischen= und =physiologischen= Bildung. Früher Assistent

und Schüler von =Helmholtz=, hatte sich =Wundt= frühzeitig daran

gewöhnt, die Grundgesetze der Physik und Chemie im gesamten Gebiete

der Physiologie geltend zu machen, also auch (im Sinne von =Johannes

Müller=) in der Psychologie, als einem Teilgebiete der letzteren. Von

diesen Gesichtspunkten geleitet, veröffentlichte =Wundt= 1863 wertvolle

»Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele«. Er liefert darin, wie

er selbst in der Vorrede sagt, den =Nachweis=, daß der Schauplatz der

wichtigsten Seelenvorgänge in der =unbewußten Seele= liegt, und er

eröffnet uns »einen Einblick in jenen =Mechanismus=, der im unbewußten

Hintergrund der Seele die Anregungen verarbeitet, die aus den äußeren

Eindrücken stammen«. Was mir aber besonders wichtig und wertvoll an

=Wundts= Werk erscheint, ist, daß er »hier zum ersten Male das =Gesetz

der Erhaltung der Kraft auf das psychische Gebiet ausdehnt= und dabei

eine Reihe von Tatsachen der Elektrophysiologie zur Beweisführung

benutzt« (a. a. O. S. ~VIII~).

Dreißig Jahre später veröffentlichte =Wundt= (1892) eine zweite,

wesentlich verkürzte und gänzlich umgearbeitete Auflage seiner

»Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele«. Die wichtigsten

Prinzipien der ersten Auflage sind in dieser zweiten völlig

aufgegeben, und der =monistische= Standpunkt der ersteren ist mit

einem rein =dualistischen= vertauscht. =Wundt= selbst sagt in der

Vorrede zur zweiten Auflage, daß er sich erst allmählich von den

fundamentalen Irrtümern der ersten befreit habe, und daß er »diese

Arbeit schon seit Jahren als eine =Jugendsünde= betrachten lernte«;

sie »lastete auf ihm als eine Art =Schuld=, der er, so gut es gehen

mochte, ledig zu werden wünschte«. In der Tat sind die wichtigsten

Grundanschauungen der Seelenlehre in den beiden Auflagen von =Wundts=

weit verbreiteten »Vorlesungen« völlig entgegengesetzte; in der ersten

Auflage rein monistisch und materialistisch, in der zweiten Auflage

rein dualistisch und spiritualistisch. Dort wird die =Psychologie=

als =Naturwissenschaft= behandelt, nach denselben Grundsätzen wie die

gesamte Physiologie, von der sie nur ein Teil ist; dreißig Jahre später

ist für ihn die Seelenlehre eine reine =Geisteswissenschaft= geworden,

deren Prinzipien und Objekte von denjenigen der Naturwissenschaft

völlig verschieden sind. Den schärfsten Ausdruck findet diese

Bekehrung in seinem Prinzip des =psychophysischen Parallelismus=,

wonach zwar einem »jeden psychischen Geschehen irgendwelche physische

Vorgänge entsprechen«, beide aber völlig unabhängig voneinander

sind und =nicht in natürlichem Kausalzusammenhang stehen=. Dieser

vollkommene =Dualismus= von Leib und Seele, von Natur und Geist

hat begreiflicherweise den lebhaften Beifall der herrschenden

Schulphilosophie gefunden und wird von ihr als ein bedeutungsvoller

Fortschritt gepriesen, um so mehr, als er von einem angesehenen

Naturforscher bekannt wird, der früher die entgegengesetzten

Anschauungen unseres modernen =Monismus= vertrat. Da ich selbst auf

diesem letzteren, »beschränkten« Standpunkt seit mehr als fünfzig

Jahren stehe und mich trotz aller bestgemeinten Anstrengungen nicht von

ihm habe losmachen können, muß ich natürlich die »Jugendsünden« des

jungen Physiologen =Wundt= für die richtige Naturerkenntnis halten und

sie gegen die entgegengesetzten Grundanschauungen des alten Philosophen

=Wundt= energisch verteidigen.

Ein interessantes Beispiel ähnlicher tiefgehender Wandlung bieten zwei

der berühmtesten Naturforscher, R. =Virchow= und E. =Du Bois-Reymond=;

die Metamorphose ihrer psychologischen Grundanschauungen darf um so

weniger übersehen werden, als beide Berliner Biologen mehr als 40 Jahre

hindurch an der größten Universität Deutschlands eine höchst bedeutende

Rolle gespielt und sowohl direkt wie indirekt einen tiefgreifenden

Einfluß auf das moderne Geistesleben geübt haben. =Rudolf Virchow=, der

verdienstvolle Begründer der Zellularpathologie, war in der besten Zeit

seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, um die Mitte des 19. Jahrhunderts

(und besonders während seines Würzburger Aufenthalts, von 1849 1856)

reiner =Monist=; er galt damals als einer der hervorragendsten

Vertreter jenes neu erwachenden »=Materialismus=«, der im Jahre

1855 besonders durch zwei berühmte, fast gleichzeitig erschienene

Werke eingeführt wurde: =Ludwig Büchners= Kraft und Stoff, und =Carl

Vogts= Köhlerglaube und Wissenschaft. Seine allgemeinen biologischen

Anschauungen von den Lebensvorgängen im Menschen -- sämtlich als

mechanische Naturerscheinungen aufgefaßt! -- legte damals =Virchow=

in einer Reihe ausgezeichneter Artikel in den ersten Bänden des von

ihm herausgegebenen Archivs für pathologische Anatomie nieder. Wohl

die bedeutendste unter diesen Abhandlungen und diejenige, in der er

seine damalige =monistische Weltanschauung= am klarsten zusammenfaßte,

ist die Rede über »Die Einheitsbestrebungen in der wissenschaftlichen

Medizin« (1849). Es geschah gewiß mit Bedacht und mit der Überzeugung

ihres philosophischen Wertes, daß =Virchow= 1856 dieses »medizinische

Glaubensbekenntnis« an die Spitze seiner »Gesammelten Abhandlungen zur

wissenschaftlichen Medizin« stellte. Er vertritt darin ebenso klar als

bestimmt die fundamentalen Prinzipien unseres heutigen Monismus, wie

ich sie hier mit bezug auf die Lösung der »Welträtsel« darstelle; er

verteidigt die alleinige Berechtigung der Erfahrungswissenschaft, deren

einzige zuverlässige Quellen Sinnestätigkeit und Gehirnfunktion sind;

er bekämpft ebenso entschieden den anthropologischen Dualismus, jede

sogenannte Offenbarung und jede »Transzendenz« mit ihren zwei Wegen:

»Glauben und Anthropomorphismus«. Vor allem betont er den monistischen

Charakter der Anthropologie, den untrennbaren Zusammenhang von Geist

und Körper, von Kraft und Materie; am Schlusse seines Vorworts spricht

er (S. 4) den Satz aus: »Ich habe die Überzeugung, daß ich mich

niemals in der Lage befinden werde, den Satz von der =Einheit des

menschlichen Wesens= und seine Konsequenzen zu verleugnen.« Leider war

diese »Überzeugung« ein schwerer Irrtum; denn 28 Jahre später vertrat

Virchow ganz entgegengesetzte prinzipielle Anschauungen; es geschah

dies in jener vielbesprochenen Rede über »Die Freiheit der Wissenschaft

im modernen Staate«, die er 1877 auf der Naturforscherversammlung

in München hielt, und deren Angriffe ich in meiner Schrift »Freie

Wissenschaft und freie Lehre« (1878) zurückgewiesen habe.

Ähnliche Widersprüche in bezug auf die wichtigsten philosophischen

Grundsätze wie =Virchow= hat auch =Emil Du Bois-Reymond= gezeigt und

damit den lauten Beifall der dualistischen Schulen und vor allem der

~Ecclesia militans~ errungen. Je mehr dieser berühmte Rhetor der

Berliner Akademie im allgemeinen die Grundsätze unseres Monismus

vertrat, je mehr er selbst zur Widerlegung des Vitalismus und der

transzendenten Lebensauffassung beigetragen hatte, desto lauter war

das Triumphgeschrei der Gegner, als er 1872 in seiner wirkungsvollen

=Ignorabimus-Rede= das »Bewußtsein« als ein unlösbares Welträtsel

hingestellt und als eine übernatürliche Erscheinung den anderen

Gehirnfunktionen gegenübergestellt hatte.

Die Welträtsel: Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie · 第 7 / 27 段