die verschiedenen Zweige des menschlichen Erkenntnisbaumes entwickelt,
je mehr sich die verschiedenen Methoden der einzelnen Wissenschaften
vervollkommnet haben, desto mehr ist das Bestreben gewachsen, dieselben
=exakt= zu gestalten, d. h. die Erscheinungen möglichst =genau=
empirisch zu untersuchen und die daraus abzuleitenden Gesetze tunlichst
scharf, womöglich =mathematisch= zu formulieren. Letzteres ist aber
nur bei einem kleinen Teile des menschlichen Wissens erreichbar,
vorzüglich in jenen Wissenschaften, bei denen es sich in der Hauptsache
um meßbare Größenbestimmungen handelt: in erster Linie der Mathematik,
sodann der Astronomie, der Mechanik, überhaupt einem großen Teile der
Physik und Chemie. Diese Wissenschaften werden daher auch als =exakte
Disziplinen= im engeren Sinne bezeichnet. Dagegen ist es nicht richtig
und führt nur irre, wenn man oft =alle= Naturwissenschaften als
»exakte« betrachtet und anderen, namentlich den historischen und den
»Geisteswissenschaften« gegenüberstellt. Denn ebensowenig als diese
letzteren kann auch der größere Teil der Naturwissenschaft wirklich
exakt behandelt werden; ganz besonders gilt dies von der Biologie
und in dieser wieder von der Psychologie. Da diese letztere nur ein
Teil der Physiologie ist, muß sie im allgemeinen deren fundamentale
Erkenntniswege teilen. Sie muß die tatsächlichen Erscheinungen des
Seelenlebens möglichst genau =empirisch= ergründen, durch Beobachtung
und durch Experiment; und sie muß dann die Gesetze der Psyche aus
diesen durch induktive und deduktive Schlüsse ableiten und möglichst
scharf formulieren. Allein ihre =mathematische= Formulierung ist aus
leicht begreiflichen Gründen nur sehr selten möglich; sie ist mit
großem Erfolge nur bei einem Teile der Sinnesphysiologie ausgeführt;
für den weitaus größten Teil der Gehirnphysiologie ist sie dagegen
nicht anwendbar.
_Psychophysik._ Ein kleiner Teil der Psychologie, welcher der
erstrebten »exakten« Untersuchung zugänglich erscheint, ist seit
Jahren mit großer Sorgfalt studiert und zum Range einer besonderen
Disziplin erhoben worden unter der Bezeichnung =Psychophysik=. Die
Begründer derselben, die Physiologen =Theodor Fechner= und =Ernst
Heinrich Weber=, untersuchten zunächst genau die Abhängigkeit der
Empfindungen von den äußeren, auf die Sinnesorgane wirkenden Reizen
und besonders das quantitative Verhältnis zwischen Reizstärke
und Empfindungsintensität. Sie fanden, daß zur Erregung einer
Empfindung eine bestimmte minimale Reizstärke erforderlich ist
(die »Reizschwelle«), und daß ein gegebener Reiz immer um einen
gewissen Betrag (die »Unterschiedsschwelle«) geändert werden muß,
ehe die Empfindung sich merklich verändert. Für die wichtigsten
Sinnesempfindungen (Gesicht, Gehör, Druckempfindung) gilt das Gesetz,
daß ihre Änderung derjenigen der Reizstärke proportional ist. Aus
diesem empirischen »Weberschen Gesetz« leitete =Fechner= sein
»psycho-physisches Grundgesetz« ab, wonach die Empfindungsintensitäten
in arithmetischer Progression wachsen sollen, hingegen die Reizstärken
in geometrischer Progression. Indessen haben spätere Forscher gezeigt,
daß dieses Fechnersche Gesetz exakt nur für mittlere Intensitäten gilt,
also nicht die allgemeine Bedeutung hat, die man ihm früher zuschrieb.
_Vergleichende Psychologie._ Die auffällige Ähnlichkeit, welche
im Seelenleben des Menschen und der höheren Tiere -- besonders
der nächstverwandten Säugetiere -- besteht, ist eine altbekannte
Tatsache. Die meisten Naturvölker machen noch heute zwischen beiden
psychischen Erscheinungsreihen keinen wesentlichen Unterschied,
wie schon die allgemein verbreiteten Tierfabeln, die alten Sagen
und die Vorstellungen von der Seelenwanderung beweisen. Auch die
meisten Philosophen des klassischen Altertums waren davon überzeugt
und entdeckten zwischen der menschlichen und tierischen Psyche
keine wesentlichen Unterschiede. Selbst =Plato=, der zuerst den
fundamentalen Unterschied von Leib und Seele behauptete, ließ in
seiner Seelenwanderung eine und dieselbe Seele (oder »Idee«) durch
verschiedene Tier- und Menschenleiber hindurchwandern. Erst das
Christentum, das den Unsterblichkeitsglauben auf das engste mit dem
Gottesglauben verknüpfte, führte die prinzipielle Scheidung zwischen
der unsterblichen Menschenseele und der sterblichen Tierseele durch. In
der dualistischen Philosophie gelangte sie vor allem durch den Einfluß
von =Descartes= (1643) zur Geltung; er behauptete, daß nur der Mensch
eine wahre »Seele« und somit Empfindung und freien Willen besitze, daß
hingegen die Tiere Automaten, Maschinen ohne Willen und Empfindung
seien. Seitdem wurde von den meisten Psychologen -- namentlich auch
von =Kant= -- das Seelenleben der Tiere ganz vernachlässigt und das
psychologische Studium auf den Menschen beschränkt; die menschliche,
meistens rein introspektive Psychologie entbehrte der befruchtenden
Vergleichung und blieb daher auf demselben niederen Standpunkt stehen,
welchen die menschliche Morphologie einnahm, ehe sie =Cuvier= durch die
Begründung der vergleichenden Anatomie zur Höhe einer philosophischen
Naturwissenschaft erhob.
_Tierpsychologie._ Das wissenschaftliche Interesse für das Seelenleben
der Tiere wurde erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts neu
belebt, im Zusammenhang mit den Fortschritten der systematischen
Zoologie und Physiologie. Besonders anregend wirkte die Schrift von
=Reimarus=: Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere
(Hamburg 1760). Eine tiefere wissenschaftliche Erforschung wurde
erst möglich durch =Johannes Müllers= Reform der Physiologie. Dieser
geistvolle Biologe, das ganze Gebiet der organischen Natur, Morphologie
und Physiologie, gleichmäßig umfassend, führte zuerst die =exakten
Methoden= der Beobachtung und des Versuchs im gesamten Gebiete der
Physiologie durch und verknüpfte sie zugleich in genialer Weise mit den
=vergleichenden Methoden=; er wendete sie ebenso auf das Seelenleben
im weitesten Sinne an (auf Sprache, Sinne, Gehirntätigkeit) wie auf
alle übrigen Lebenserscheinungen. Das sechste Buch seines »Handbuchs
der Physiologie des Menschen« (1840) handelt speziell »Vom Seelenleben«
und enthält auf 80 Seiten eine Fülle der wichtigsten psychologischen
Betrachtungen.
_Völkerpsychologie._ Für die fruchtbare Ausbildung der vergleichenden
Seelenlehre ist es höchst wichtig, die kritische Vergleichung nicht
auf Tier und Mensch im allgemeinen zu beschränken, sondern auch die
mannigfaltigen =Abstufungen= in ihrem Seelenleben nebeneinander zu
stellen. Erst dadurch gelangen wir zur klaren Erkenntnis der langen
=Stufenleiter= psychischer Entwickelung, welche ununterbrochen von
den niedersten, einzelligen Lebensformen bis zu den Säugetieren und
an deren Spitze bis zum Menschen hinauf führt. Auch innerhalb des
Menschengeschlechts selbst sind jene Abstufungen sehr beträchtlich
und die Verzweigungen des »Seelenstammbaums« höchst mannigfaltig.
Der psychische Unterschied zwischen dem rohesten Naturmenschen der
niedersten Stufe und dem vollkommensten Kulturmenschen der höchsten
Stufe ist kolossal, viel größer, als gemeinhin angenommen wird. In
der richtigen Erkenntnis dieser Tatsache hat besonders in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts die »=Anthropologie der Naturvölker=«
(=Waitz=) einen lebhaften Aufschwung genommen und die vergleichende
Ethnographie eine hohe Bedeutung für die Psychologie gewonnen. Leider
ist nur das massenhaft gesammelte Rohmaterial dieser Wissenschaft noch
nicht genügend kritisch durchgearbeitet.
_Ontogenetische Psychologie._ Am meisten vernachlässigt und am
wenigsten angewendet unter allen Methoden der Seelenforschung war bis
auf die letzte Zeit die =Entwickelungsgeschichte der Seele=; und doch
ist gerade dieser selten betretene Pfad derjenige, der uns am kürzesten
und sichersten durch den dunklen Urwald der psychologischen Vorurteile,
Dogmen und Irrtümer zu der klaren Einsicht in viele der wichtigsten
»Seelenfragen« führt. Wie in jedem anderen Gebiete der organischen
Entwickelungsgeschichte, so stelle ich auch hier zunächst die beiden
Hauptzweige derselben gegenüber, die ich zuerst 1866 unterschieden
habe: die Keimesgeschichte (~Ontogenie~) und die Stammesgeschichte
(~Phylogenie~). Die =Keimesgeschichte der Seele= untersucht die
allmähliche und stufenweise Entwickelung der Seele in der einzelnen
Person und strebt nach Erkenntnis der Gesetze, welche sie ursächlich
bedingen. Für einen wichtigen Abschnitt des menschlichen Seelenlebens
ist hier schon seit Jahrtausenden sehr viel geschehen; denn die
rationelle =Pädagogik= mußte sich ja schon frühzeitig die Aufgabe
stellen, theoretisch die stufenweise Entwickelung und Bildungsfähigkeit
der kindlichen Seele kennen zu lernen, deren harmonische Ausbildung
und Leitung sie praktisch durchzuführen hatte. Allein die meisten
Pädagogen waren idealistische und dualistische Philosophen und
gingen daher an ihre Aufgabe von vornherein mit den althergebrachten
Vorurteilen der spiritualistischen Psychologie. Erst seit wenigen
Dezennien ist dieser dogmatischen Richtung gegenüber auch in der
Schule die naturwissenschaftliche Methode zu größerer Geltung gelangt;
man bemüht sich jetzt mehr, auch in der Beurteilung der Kindesseele
die Grundsätze der Entwickelungslehre zur Anwendung zu bringen. Das
individuelle Rohmaterial der kindlichen Seele ist ja bereits durch
=Vererbung= von Eltern und Voreltern von vornherein gegeben; die
Erziehung hat die schöne Aufgabe, dasselbe durch intellektuelle
Belehrung und moralische Erziehung, also durch =Anpassung=, zur reichen
Blüte zu entwickeln. Für die Kenntnis unserer frühesten psychischen
Entwickelung hat erst =Wilhelm Preyer= (1882) den Grund gelegt in
seiner interessanten Schrift »Die Seele des Kindes, Beobachtungen über
die geistige Entwickelung des Menschen in den ersten Lebensjahren«. Für
die Erkenntnis der späteren Stufen und Metamorphosen der individuellen
Psyche bleibt noch sehr viel zu tun; die richtige, kritische Anwendung
des Biogenetischen Grundgesetzes beginnt auch hier sich als klarer
Leitstern des wissenschaftlichen Verständnisses zu bewähren. (Vergl.
=Hermann Kroell=, Der Aufbau der menschlichen Seele, 1900.)
_Phylogenetische Psychologie._ Eine neue, fruchtbare Periode höherer
Entwickelung begann für die Psychologie, wie für alle anderen
biologischen Wissenschaften, als =Charles Darwin= die Grundsätze der
Entwickelungslehre auf sie anwendete. Das siebente Kapitel seines
epochemachenden Werkes über die Entstehung der Arten (1859) ist dem
=Instinkt= gewidmet; es enthält den wertvollen Nachweis, daß die
Instinkte der Tiere, gleich allen anderen Lebenstätigkeiten, den
allgemeinen Gesetzen der historischen Entwickelung unterliegen. Die
speziellen Instinkte der einzelnen Tierarten werden durch =Anpassung=
umgebildet, und diese »erworbenen Abänderungen« werden durch
=Vererbung= auf die Nachkommen übertragen; bei ihrer Erhaltung und
Ausbildung spielt die natürliche =Selektion= durch den »Kampf ums
Dasein« ebenso eine züchtende Rolle wie bei der Transformation jeder
anderen physiologischen Tätigkeit. Später hat =Darwin= in mehreren
Werken diese fundamentale Ansicht weiter ausgeführt und gezeigt, daß
dieselben Gesetze »geistiger Entwickelung« durch die ganze organische
Welt hindurch walten, beim Menschen ebenso wie bei den Tieren und bei
diesen ebenso wie bei den Pflanzen. =Die Einheit der organischen Welt=,
die sich aus ihrem gemeinsamen Ursprung erklärt, gilt also auch
für das gesamte Gebiet des Seelenlebens, vom einfachsten, einzelligen
Organismus bis hinauf zum Menschen.
Die weitere Ausführung von =Darwins= Psychologie und ihre besondere
Anwendung auf alle einzelnen Gebiete des Seelenlebens verdanken wir
einem ausgezeichneten englischen Naturforscher, =George Romanes=.
Leider wurde er durch seinen allzu frühen Tod an der Vollendung
des großen Werkes gehindert, welches alle Teile der vergleichenden
Seelenkunde gleichmäßig im Sinne der monistischen Entwickelungslehre
ausbauen sollte. Die beiden Teile dieses Werkes, welche erschienen
sind, gehören zu den wertvollsten Erzeugnissen der gesamten
psychologischen Literatur. Denn getreu den Prinzipien unserer modernen
monistischen Naturforschung sind darin erstens die wichtigsten
=Tatsachen= zusammengefaßt und geordnet, welche seit Jahrtausenden
durch Beobachtung und Experiment auf dem Gebiete der vergleichenden
Seelenlehre empirisch festgestellt wurden; zweitens sind dieselbe mit
=objektiver Kritik= geprüft und zweckmäßig gruppiert; und drittens
ergeben sich daraus diejenigen =Vernunftschlüsse= über die wichtigsten
allgemeinen Fragen der Psychologie, welche allein mit den Grundsätzen
unserer modernen monistischen Weltanschauung vereinbar sind. Der erste
Band von =Romanes=' Werk (Leipzig 1885) führt den Titel: »Die geistige
Entwickelung im Tierreich« und stellt die ganze lange Stufenreihe der
psychischen Entwickelung im Tierreiche von den einfachsten Empfindungen
und Instinkten der niedersten Tiere bis zu den vollkommensten
Erscheinungen des Bewußtseins und der Vernunft bei den höchststehenden
Tieren im natürlichen Zusammenhang dar. Es sind darin auch viele
Mitteilungen aus hinterlassenen Manuskripten »über den Instinkt« von
Darwin mitgeteilt, und zugleich ist eine »vollständige Sammlung von
allem, was er auf dem Gebiete der Psychologie geschrieben hat«, gegeben.
Der zweite Teil von =Romanes=' Werk behandelt »die geistige
Entwickelung beim Menschen und den Ursprung der menschlichen
Befähigung« (Leipzig 1893). Der scharfsinnige Psychologe führt
darin den überzeugenden Beweis, »=daß die psychologische Schranke
zwischen Tier und Mensch überwunden ist=«; das begriffliche Denken
und Abstraktionsvermögen des Menschen hat sich allmählich aus
den nicht begrifflichen Vorstufen des Denkens und Vorstellens
bei den nächstverwandten Säugetieren entwickelt. Die höchsten
Geistestätigkeiten des Menschen, =Vernunft=, =Sprache und Bewußtsein=,
sind aus den niederen Vorstufen derselben in der Reihe der
=Primatenahnen= (Affen und Halbaffen) hervorgegangen. Der Mensch
besitzt keine einzige »Geistestätigkeit«, welche ihm ausschließlich
eigentümlich ist; sein ganzes Seelenleben ist von demjenigen der
nächstverwandten Säugetiere nur dem =Grade=, nicht der =Art= nach, nur
quantitativ, nicht qualitativ verschieden.
_Psychologische Metamorphosen._ Nicht unerwähnt soll eine merkwürdige
Erscheinung bleiben, die uns manche bedeutende Naturforscher und
Philosophen wahrzunehmen Gelegenheit gaben. Sie besteht in einem
eigentümlichen philosophischen Prinzipienwechsel, in der Vertauschung
des ursprünglichen =monistischen= Standpunktes mit einem späteren
=dualistischen=. Das interessanteste Beispiel solcher Verwandlung
liefert =Immanuel Kant=. Als kritischer Philosoph war er zur
Überzeugung gelangt, daß die drei =Großmächte des Mystizismus=: »Gott,
Freiheit und Unsterblichkeit« -- als Dogmen der »=reinen= Vernunft«
-- unhaltbar erscheinen. Der =dogmatische Kant= dagegen fand später,
daß diese drei Hauptgespenster »Postulate der =praktischen= Vernunft«
und als solche unentbehrlich seien. Je mehr neuerdings die angesehene
Schule der =Neokantianer= den »Rückgang auf =Kant=« als einzige Rettung
aus dem entsetzlichen Wirrwarr der modernen Metaphysik predigt, desto
klarer offenbart sich der unleugbare und unheilvolle Widerspruch der
beiden Grundanschauungen, zwischen denen =Kant= hin und her schwankte.
In Deutschland gilt gegenwärtig als einer der bedeutendsten Psychologen
=Wilhelm Wundt= in Leipzig; er besitzt vor den meisten anderen
Philosophen den unschätzbaren Vorzug einer gründlichen =zoologischen=,
=anatomischen= und =physiologischen= Bildung. Früher Assistent
und Schüler von =Helmholtz=, hatte sich =Wundt= frühzeitig daran
gewöhnt, die Grundgesetze der Physik und Chemie im gesamten Gebiete
der Physiologie geltend zu machen, also auch (im Sinne von =Johannes
Müller=) in der Psychologie, als einem Teilgebiete der letzteren. Von
diesen Gesichtspunkten geleitet, veröffentlichte =Wundt= 1863 wertvolle
»Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele«. Er liefert darin, wie
er selbst in der Vorrede sagt, den =Nachweis=, daß der Schauplatz der
wichtigsten Seelenvorgänge in der =unbewußten Seele= liegt, und er
eröffnet uns »einen Einblick in jenen =Mechanismus=, der im unbewußten
Hintergrund der Seele die Anregungen verarbeitet, die aus den äußeren
Eindrücken stammen«. Was mir aber besonders wichtig und wertvoll an
=Wundts= Werk erscheint, ist, daß er »hier zum ersten Male das =Gesetz
der Erhaltung der Kraft auf das psychische Gebiet ausdehnt= und dabei
eine Reihe von Tatsachen der Elektrophysiologie zur Beweisführung
benutzt« (a. a. O. S. ~VIII~).
Dreißig Jahre später veröffentlichte =Wundt= (1892) eine zweite,
wesentlich verkürzte und gänzlich umgearbeitete Auflage seiner
»Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele«. Die wichtigsten
Prinzipien der ersten Auflage sind in dieser zweiten völlig
aufgegeben, und der =monistische= Standpunkt der ersteren ist mit
einem rein =dualistischen= vertauscht. =Wundt= selbst sagt in der
Vorrede zur zweiten Auflage, daß er sich erst allmählich von den
fundamentalen Irrtümern der ersten befreit habe, und daß er »diese
Arbeit schon seit Jahren als eine =Jugendsünde= betrachten lernte«;
sie »lastete auf ihm als eine Art =Schuld=, der er, so gut es gehen
mochte, ledig zu werden wünschte«. In der Tat sind die wichtigsten
Grundanschauungen der Seelenlehre in den beiden Auflagen von =Wundts=
weit verbreiteten »Vorlesungen« völlig entgegengesetzte; in der ersten
Auflage rein monistisch und materialistisch, in der zweiten Auflage
rein dualistisch und spiritualistisch. Dort wird die =Psychologie=
als =Naturwissenschaft= behandelt, nach denselben Grundsätzen wie die
gesamte Physiologie, von der sie nur ein Teil ist; dreißig Jahre später
ist für ihn die Seelenlehre eine reine =Geisteswissenschaft= geworden,
deren Prinzipien und Objekte von denjenigen der Naturwissenschaft
völlig verschieden sind. Den schärfsten Ausdruck findet diese
Bekehrung in seinem Prinzip des =psychophysischen Parallelismus=,
wonach zwar einem »jeden psychischen Geschehen irgendwelche physische
Vorgänge entsprechen«, beide aber völlig unabhängig voneinander
sind und =nicht in natürlichem Kausalzusammenhang stehen=. Dieser
vollkommene =Dualismus= von Leib und Seele, von Natur und Geist
hat begreiflicherweise den lebhaften Beifall der herrschenden
Schulphilosophie gefunden und wird von ihr als ein bedeutungsvoller
Fortschritt gepriesen, um so mehr, als er von einem angesehenen
Naturforscher bekannt wird, der früher die entgegengesetzten
Anschauungen unseres modernen =Monismus= vertrat. Da ich selbst auf
diesem letzteren, »beschränkten« Standpunkt seit mehr als fünfzig
Jahren stehe und mich trotz aller bestgemeinten Anstrengungen nicht von
ihm habe losmachen können, muß ich natürlich die »Jugendsünden« des
jungen Physiologen =Wundt= für die richtige Naturerkenntnis halten und
sie gegen die entgegengesetzten Grundanschauungen des alten Philosophen
=Wundt= energisch verteidigen.
Ein interessantes Beispiel ähnlicher tiefgehender Wandlung bieten zwei
der berühmtesten Naturforscher, R. =Virchow= und E. =Du Bois-Reymond=;
die Metamorphose ihrer psychologischen Grundanschauungen darf um so
weniger übersehen werden, als beide Berliner Biologen mehr als 40 Jahre
hindurch an der größten Universität Deutschlands eine höchst bedeutende
Rolle gespielt und sowohl direkt wie indirekt einen tiefgreifenden
Einfluß auf das moderne Geistesleben geübt haben. =Rudolf Virchow=, der
verdienstvolle Begründer der Zellularpathologie, war in der besten Zeit
seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, um die Mitte des 19. Jahrhunderts
(und besonders während seines Würzburger Aufenthalts, von 1849 1856)
reiner =Monist=; er galt damals als einer der hervorragendsten
Vertreter jenes neu erwachenden »=Materialismus=«, der im Jahre
1855 besonders durch zwei berühmte, fast gleichzeitig erschienene
Werke eingeführt wurde: =Ludwig Büchners= Kraft und Stoff, und =Carl
Vogts= Köhlerglaube und Wissenschaft. Seine allgemeinen biologischen
Anschauungen von den Lebensvorgängen im Menschen -- sämtlich als
mechanische Naturerscheinungen aufgefaßt! -- legte damals =Virchow=
in einer Reihe ausgezeichneter Artikel in den ersten Bänden des von
ihm herausgegebenen Archivs für pathologische Anatomie nieder. Wohl
die bedeutendste unter diesen Abhandlungen und diejenige, in der er
seine damalige =monistische Weltanschauung= am klarsten zusammenfaßte,
ist die Rede über »Die Einheitsbestrebungen in der wissenschaftlichen
Medizin« (1849). Es geschah gewiß mit Bedacht und mit der Überzeugung
ihres philosophischen Wertes, daß =Virchow= 1856 dieses »medizinische
Glaubensbekenntnis« an die Spitze seiner »Gesammelten Abhandlungen zur
wissenschaftlichen Medizin« stellte. Er vertritt darin ebenso klar als
bestimmt die fundamentalen Prinzipien unseres heutigen Monismus, wie
ich sie hier mit bezug auf die Lösung der »Welträtsel« darstelle; er
verteidigt die alleinige Berechtigung der Erfahrungswissenschaft, deren
einzige zuverlässige Quellen Sinnestätigkeit und Gehirnfunktion sind;
er bekämpft ebenso entschieden den anthropologischen Dualismus, jede
sogenannte Offenbarung und jede »Transzendenz« mit ihren zwei Wegen:
»Glauben und Anthropomorphismus«. Vor allem betont er den monistischen
Charakter der Anthropologie, den untrennbaren Zusammenhang von Geist
und Körper, von Kraft und Materie; am Schlusse seines Vorworts spricht
er (S. 4) den Satz aus: »Ich habe die Überzeugung, daß ich mich
niemals in der Lage befinden werde, den Satz von der =Einheit des
menschlichen Wesens= und seine Konsequenzen zu verleugnen.« Leider war
diese »Überzeugung« ein schwerer Irrtum; denn 28 Jahre später vertrat
Virchow ganz entgegengesetzte prinzipielle Anschauungen; es geschah
dies in jener vielbesprochenen Rede über »Die Freiheit der Wissenschaft
im modernen Staate«, die er 1877 auf der Naturforscherversammlung
in München hielt, und deren Angriffe ich in meiner Schrift »Freie
Wissenschaft und freie Lehre« (1878) zurückgewiesen habe.
Ähnliche Widersprüche in bezug auf die wichtigsten philosophischen
Grundsätze wie =Virchow= hat auch =Emil Du Bois-Reymond= gezeigt und
damit den lauten Beifall der dualistischen Schulen und vor allem der
~Ecclesia militans~ errungen. Je mehr dieser berühmte Rhetor der
Berliner Akademie im allgemeinen die Grundsätze unseres Monismus
vertrat, je mehr er selbst zur Widerlegung des Vitalismus und der
transzendenten Lebensauffassung beigetragen hatte, desto lauter war
das Triumphgeschrei der Gegner, als er 1872 in seiner wirkungsvollen
=Ignorabimus-Rede= das »Bewußtsein« als ein unlösbares Welträtsel
hingestellt und als eine übernatürliche Erscheinung den anderen
Gehirnfunktionen gegenübergestellt hatte.