_Biogenetisches Grundgesetz._ Den engen, ursächlichen Zusammenhang,

welcher nach meiner Überzeugung zwischen beiden Zweigen der organischen

Entwickelungsgeschichte besteht, hatte ich schon in der Generellen

Morphologie als einen der wichtigsten Begriffe des Transformismus

hervorgehoben und einen präzisen Ausdruck dafür in mehreren »Thesen

von dem Kausalnexus der biontischen und der phyletischen Entwickelung«

gegeben: »=Die Ontogenesis ist eine kurze und schnelle Rekapitulation

der Phylogenesis=, bedingt durch die physiologischen Funktionen der

Vererbung (Fortpflanzung) und Anpassung (Ernährung)«. Schon =Darwin=

hatte (1859) die große Bedeutung seiner Theorie für die Erklärung der

Embryologie betont, und =Fritz Müller= hatte dieselbe (1864) an dem

Beispiele einer einzelnen Tierklasse, der Krebstiere, erläutert, in

der geistvollen kleinen Schrift: »=Für Darwin=« (1864). Ich selbst

habe dann die allgemeine Geltung und die fundamentale Bedeutung jenes

Biogenetischen Grundgesetzes in einer Reihe von Arbeiten nachzuweisen

versucht, insbesondere in der Biologie der Kalkschwämme (1872) und in

den »Studien zur Gasträatheorie« (1873-1884). Die dort aufgestellte

Lehre von der Homologie der Keimblätter, sowie von den Verhältnissen

der _Palingenie_ (=Auszugsgeschichte=) und der _Zenogenie_

(=Störungsgeschichte=) ist seitdem durch zahlreiche Arbeiten anderer

Zoologen bestätigt worden; durch sie ist es möglich geworden, die

natürlichen Gesetze der Einheit in der mannigfaltigen Keimesgeschichte

der Tiere nachzuweisen; für ihre Stammesgeschichte ergibt sich daraus

die gemeinsame Ableitung von einer einfachsten ursprünglichen Stammform.

_Anthropogenie_ (1874). Der weitschauende Begründer der

Abstammungslehre, =Lamarck=, hatte schon 1809 richtig erkannt, daß sie

allgemeine Geltung besitze, und daß also auch der =Mensch=, als das

höchst entwickelte Säugetier, von demselben Stamme abzuleiten sei,

wie alle anderen Säugetiere, und diese weiter hinauf von demselben

älteren Zweige des Stammbaums, wie die übrigen Wirbeltiere. Er hatte

auch schon auf die Vorgänge hingewiesen, durch welche die =Abstammung

des Menschen vom Affen=, als dem nächstverwandten Säugetiere,

wissenschaftlich erklärt werden könne. =Darwin=, der naturgemäß zu

derselben Überzeugung gelangt war, ging in seinem Hauptwerk (1859)

über diese anstößigste Folgerung seiner Lehre absichtlich hinweg

und hat dieselbe erst später (1871) in seinem Werke über »Die

Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl« geistreich

ausgeführt. Inzwischen hatte aber schon sein Freund =Huxley= (1863)

jenen wichtigsten Folgeschluß der Abstammungslehre sehr scharfsinnig

erörtert in seiner berühmten kleinen Schrift über die »Zeugnisse für

die Stellung des Menschen in der Natur«. An der Hand der vergleichenden

Anatomie und Ontogenie und gestützt auf die Tatsachen der Paläontologie

zeigte =Huxley=, daß die »Abstammung des Menschen vom Affen« eine

notwendige Konsequenz des Darwinismus sei, und daß eine andere

wissenschaftliche Erklärung von der Entstehung des Menschengeschlechts

überhaupt nicht gegeben werden könne.

Als weitere Folgerung dieser wichtigen Erkenntnis ergab sich die

schwierige Aufgabe, nicht nur die nächstverwandten Säugetier-=Ahnen

des Menschen= in der Tertiärzeit zu erforschen, sondern auch die lange

Reihe der älteren tierischen Vorfahren, welche in früheren Zeiträumen

der Erdgeschichte gelebt und während ungezählter Jahrmillionen sich

entwickelt hatten. Die hypothetische Lösung dieser großen historischen

Aufgabe hatte ich schon 1866 in der Generellen Morphologie versucht;

weiter ausgeführt habe ich dieselbe 1874 in meiner =Anthropogenie=

(~I~. Teil: Keimesgeschichte; ~II~. Teil: Stammesgeschichte). Die

fünfte umgearbeitete Auflage dieses Buches (1903) enthält diejenige

Darstellung der Entwickelungsgeschichte des Menschen, welche bei dem

gegenwärtigen Zustande unserer Urkundenkenntnis sich dem fernen Ziele

der Wahrheit nach meiner persönlichen Auffassung am meisten nähert;

ich war dabei stets bemüht, alle drei empirischen Urkunden, die

=Paläontologie=, =Ontogenie= und =Morphologie= (oder vergleichende

Anatomie), möglichst gleichmäßig und im Zusammenhange zu benutzen.

Sicher werden die hier gegebenen Deszendenz-Hypothesen im einzelnen

durch spätere phylogenetische Forschungen vielfach ergänzt und

berichtigt werden; aber eben so sicher steht für mich die Überzeugung,

daß der dort entworfene Stufengang der menschlichen Stammesgeschichte

im großen und ganzen der Wahrheit entspricht. Denn die =historische

Reihenfolge der Wirbeltierversteinerungen= entspricht vollständig

der morphologischen Entwickelungsreihe, welche uns die vergleichende

Anatomie und Ontogenie enthüllt: auf die silurischen Fische folgen die

devonischen Lurchfische, die karbonischen Amphibien, die permischen

Reptilien und die mesozoischen Säugetiere; von diesen erscheinen

wiederum zunächst in der Trias die niedersten Formen, die Gabeltiere

(~Monotremen~), dann im Jura die Beuteltiere (~Marsupialien~) und

darauf in der Kreide die ältesten Zottentiere (~Plazentalien~). Von

diesen letzteren treten wieder zunächst in der ältesten Tertiärzeit

die niedersten Primatenahnen auf, die Halbaffen, darauf die echten

Affen, und zwar von den ~Catarrhinen~ zuerst die Hundsaffen

(~Cynopitheken~), später die Menschenaffen (~Anthropomorphen~);

aus einem Zweige dieser letzteren ist während der Pliozänzeit der

sprachlose =Affenmensch= entstanden (~Pithecanthropus alalus~), und

aus diesem endlich der sprechende Mensch.

Viel schwieriger und unsicherer als diese Kette unserer

=Wirbeltier-Ahnen= ist diejenige der vorhergehenden wirbellosen Ahnen

zu erforschen; denn von ihren weichen skelettlosen Körpern kennen

wir keine versteinerten Überreste; die Paläontologie kann uns hier

keinerlei Zeugnis liefern. Um so wichtiger werden hier die Urkunden

der vergleichenden Anatomie und Ontogenie. Da der menschliche Keim

denselben ~Chordula~-Zustand durchläuft wie der Embryo aller anderen

Wirbeltiere, da er sich ebenso aus zwei Keimblättern einer ~Gastrula~

entwickelt, schließen wir nach dem Biogenetischen Grundgesetze auf

die frühere Existenz entsprechender Ahnenformen (~Vermalien~,

~Gastraeaden~). Vor allem wichtig aber ist die fundamentale Tatsache,

daß auch der Keim des Menschen, gleich demjenigen aller anderen

Tiere, sich ursprünglich aus einer einfachen Zelle entwickelt; denn

diese =Stammzelle= (~Cytula~) -- die »befruchtete Eizelle« -- weist

zweifellos auf eine entsprechende einzellige Stammform hin, ein uraltes

=Protozoon=.

Für unsere =monistische Philosophie= ist es übrigens zunächst ziemlich

gleichgültig, wie sich im einzelnen die Stufenreihe unserer Vorfahren

noch sicherer feststellen lassen wird. Für sie bleibt als =sichere

historische Tatsache= die folgenschwere Erkenntnis bestehen, daß der

=Mensch zunächst vom Affen abstammt=, weiterhin von einer langen Reihe

niederer Wirbeltiere. Die logische Begründung dieses Satzes habe ich

schon 1866 im siebenten Buche der »Generellen =Morphologie«= betont

(S. 427): »Der Satz, daß der Mensch sich aus niederen Wirbeltieren,

und zwar zunächst aus echten Affen, entwickelt hat, ist ein spezieller

Deduktionsschluß, der sich aus dem generellen Induktionsgesetze der

Deszendenztheorie mit absoluter Notwendigkeit ergibt.«

Von größter Bedeutung für die definitive Feststellung und

Anerkennung dieses fundamentalen Satzes sind die =paläontologischen

Entdeckungen= der letzten Dezennien geworden; insbesondere haben uns

die überraschenden Funde von zahlreichen ausgestorbenen Säugetieren

der Tertiärzeit in den Stand gesetzt, die Stammesgeschichte dieser

wichtigsten Tierklasse, von den niedersten, eierlegenden Monotremen

bis zum Menschen hinauf, in ihren Grundzügen klarzulegen. Die vier

Hauptgruppen der =Zottentiere=, die formenreichen Legionen der

Raubtiere, Nagetiere, Huftiere und Herrentiere, erscheinen durch

tiefe Klüfte getrennt, wenn wir nur die heute noch lebenden Epigonen

als Vertreter derselben ins Auge fassen. Diese Klüfte werden aber

vollkommen ausgefüllt und die scharfen Unterschiede der vier Legionen

gänzlich verwischt, wenn wir ihre tertiären, ausgestorbenen Vorfahren

vergleichen, und wenn wir bis in die eozäne Geschichtsdämmerung der

ältesten Tertiärzeit hinabsteigen. Da finden wir die große Unterklasse

der Zottentiere, die heute mehr als 2500 Arten umfaßt, nur durch

eine geringe Zahl von kleinen und unbedeutenden »Urzottentieren«

vertreten; und in diesen ~Prochoriaten~ erscheinen die Charaktere

jener vier divergenten Legionen so gemischt und verwischt, daß wir

sie vernünftigerweise nur als =gemeinsame Vorfahren= derselben

deuten können. Sie besitzen alle im wesentlichen dieselbe Bildung

des Knochengerüstes und dasselbe =typische Gebiß= der ursprünglichen

Plazentalien mit 44 Zähnen; sie zeichnen sich alle durch die geringe

Größe und die unvollkommene Bildung ihres Gehirns aus; sie haben alle

kurze Beine und fünfzehige Füße, die mit der flachen Sohle auftreten.

Bei manchen dieser ältesten Zottentiere der Eozänzeit war es anfangs

zweifelhaft, ob man sie zu den Raubtieren oder Nagetieren, zu den

Huftieren oder Herrentieren stellen sollte; so sehr nähern sich hier

unten diese vier großen, später so sehr verschiedenen Legionen der

Plazentalien. Unzweifelhaft folgt daraus ihr gemeinsamer Ursprung aus

einer einzigen Stammgruppe. Diese Urzottentiere lebten schon in der

vorhergehenden Kreideperiode und sind wahrscheinlich aus einer Gruppe

von insektenfressenden =Beuteltieren= hervorgegangen.

Die wichtigsten von allen neueren paläontologischen Entdeckungen,

welche die Stammesgeschichte der Zottentiere aufgeklärt haben,

betreffen unseren eigenen Stamm, die Legion der Herrentiere

(~Primates~). Früher waren versteinerte Reste derselben äußerst

selten. Noch =Cuvier=, der große Gründer der Paläontologie, behauptete

bis zu seinem Tode (1832), daß es keine Versteinerungen von Primaten

gäbe; zwar hatte er selbst schon den Schädel eines eozänen Halbaffen

(~Adapis~) beschrieben, ihn aber irrtümlich für ein Huftier gehalten.

In den letzten Dezennien sind aber gut erhaltene, versteinerte

Skelette von Halbaffen und Affen in ziemlicher Zahl entdeckt worden;

darunter befinden sich alle die wichtigen Zwischenglieder, welche eine

zusammenhängende Ahnenkette von den ältesten Halbaffen bis zum Menschen

hinauf darstellen.

Der berühmteste und interessanteste von diesen fossilen Funden ist

=der versteinerte Affenmensch von Java=, welchen der holländische

Militärarzt =Eugen Dubois= 1891 entdeckt hat, der vielbesprochene

~Pithecanthropus erectus~. Er ist in der Tat das vielgesuchte

»~Missing link~«, das angeblich »fehlende Glied« in der

Primatenkette, welche sich ununterbrochen vom niedersten Affen bis zum

höchst entwickelten Menschen hinaufzieht. Ich habe die hohe Bedeutung,

welche dieser merkwürdige Fund besitzt, ausführlich erörtert in dem

Vortrage »Über unsere gegenwärtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen«,

welchen ich am 26. August 1898 auf dem vierten internationalen

Zoologenkongreß in Cambridge gehalten habe. Der Paläontologe, welcher

die Bedingungen für Bildung und Erhaltung von Versteinerungen kennt,

wird die Entdeckung des Pithecanthropus als einen besonders glücklichen

Zufall betrachten. Denn als Baumbewohner kommen die Affen nach

ihrem Tode (wenn sie nicht zufällig ins Wasser fallen) nur selten

unter Verhältnisse, welche die Erhaltung und Versteinerung ihres

Knochengerüstes gestatten. Durch den Fund dieses fossilen Affenmenschen

von Java ist also auch von seiten der =Paläontologie= die »Abstammung

des Menschen vom Affen« ebenso klar und sicher bewiesen, wie es früher

schon durch die Urkunden der =vergleichenden Anatomie und Ontogenie=

geschehen war; wir besitzen jetzt in der Tat alle wesentlichen Urkunden

unserer Stammesgeschichte.

=Zusatz= (1908). Die dreißig Hauptstufen, die sich gegenwärtig in der

Stammeskette unserer tierischen Vorfahren unterscheiden und auf sechs

Strecken verteilen lassen, habe ich übersichtlich zusammengestellt in

meiner Festschrift über: »Unsere Ahnenreihe (~Prognotaxis hominis~)«.

Jena 1908.

=Sechstes Kapitel.=

_Das Wesen der Seele._

Monistische Studien über den Begriff der Psyche. Aufgaben und Methoden

der wissenschaftlichen Psychologie. Psychologische Metamorphosen.

Die Lebenstätigkeiten, welche man allgemein unter dem Begriffe des

=Seelenlebens= oder der psychischen Funktionen zusammenfaßt, sind

unter allen uns bekannten Erscheinungen einerseits die wichtigsten und

interessantesten, andererseits die verwickeltsten und rätselhaftesten.

Da die Naturerkenntnis selbst ein Teil des Seelenlebens ist, und da

mithin auch die Anthropologie, ebenso wie die Kosmologie, eine richtige

Erkenntnis der =»Psyche«= zur Voraussetzung hat, so kann man die

=Psychologie=, die wirklich wissenschaftliche Seelenlehre, auch als

das Fundament und als die Voraussetzung aller anderen Wissenschaften

ansehen; von der anderen Seite betrachtet, ist sie wieder ein Teil der

Philosophie, oder der Physiologie, oder der Anthropologie.

Die große Schwierigkeit ihrer naturgemäßen Begründung liegt nun

aber darin, daß die Psychologie wiederum die genaue Kenntnis des

menschlichen Organismus voraussetzt und vor allem des =Gehirns=, als

des wichtigsten =Organs= des Seelenlebens. Die große Mehrzahl der

sogenannten »Psychologen« besitzt jedoch von diesen anatomischen

Grundlagen der Psyche nur sehr unvollständige oder gar keine Kenntnis,

und so erklärt sich die bedauerliche Tatsache, daß in keiner anderen

Wissenschaft so widersprechende und unhaltbare Vorstellungen über

ihren eigenen Begriff und ihre wesentliche Aufgabe herrschen, wie in

der Psychologie. Diese Verwirrung ist in den letzten Dezennien um so

fühlbarer hervorgetreten, je mehr die großartigen Fortschritte der

Anatomie und Physiologie unsere Kenntnis vom Bau und von den Funktionen

des wichtigsten Seelenorgans erweitert haben.

_Methoden der Seelenforschung._ Nach meiner Überzeugung ist das, was

man die =»Seele«= nennt, in Wahrheit eine =Naturerscheinung=; ich

betrachte daher die Psychologie als einen Zweig der Naturwissenschaft

-- und zwar der =Physiologie=. Demzufolge muß ich von vornherein

betonen, daß wir für dieselbe keine anderen Forschungswege zulassen

können als in allen übrigen Naturwissenschaften; d. h. in erster

Linie die =Beobachtung= und das =Experiment=, in zweiter Linie die

=Entwickelungsgeschichte= und in dritter Linie die theoretische

=Spekulation=, welche durch induktive und deduktive Schlüsse möglichst

dem unbekannten »=Wesen=« der Erscheinung sich zu nähern sucht. Mit

Bezug auf seine prinzipielle Beurteilung aber müssen wir zunächst

gerade hier den Gegensatz der dualistischen und der monistischen

Ansicht scharf ins Auge fassen.

_Dualistische Psychologie._ Die allgemein herrschende Auffassung des

Seelenlebens, welche wir bekämpfen, betrachtet Seele und Leib als

zwei verschiedene =»Wesen«=. Diese beiden Wesen können unabhängig

voneinander existieren und sind nicht notwendig aneinander gebunden.

Der organische =Leib= ist ein sterbliches =materielles= Wesen,

chemisch zusammengesetzt aus lebendigem Plasma und den von diesem

erzeugten Verbindungen. Die =Seele= hingegen ist ein unsterbliches,

=immaterielles= Wesen, ein spirituelles Agens, dessen rätselhafte

Tätigkeit uns völlig unbekannt ist. Diese übliche Auffassung ist

als solche rein spiritualistisch und ihr prinzipielles Gegenteil im

gewissen Sinne materialistisch. Sie ist zugleich transzendent und

=supranaturalistisch=; denn sie behauptet die Existenz von Kräften,

welche ohne materielle Basis existieren und wirksam sind; sie fußt auf

der Annahme, daß außer und über der Natur noch eine »geistige Welt«

existiert, eine immaterielle Welt, von der wir durch Erfahrung nichts

wissen und unserer Natur nach nichts wissen können.

Diese hypothetische »=Geisteswelt=«, die von der materiellen Körperwelt

ganz unabhängig sein soll, und auf deren Annahme das ganze künstliche

Gebäude der dualistischen Weltanschauung ruht, ist lediglich ein

Produkt der dichtenden Phantasie; und dasselbe gilt von dem mystischen,

eng mit ihr verknüpften Glauben an die »Unsterblichkeit der Seele«,

dessen wissenschaftliche Unhaltbarkeit wir nachher noch besonders

dartun müssen (im 11. Kapitel). Wenn die in diesem Sagenkreise

herrschenden Glaubensvorstellungen wirklich begründet wären, so müßten

die betreffenden Erscheinungen =nicht dem Substanzgesetze= unterworfen

sein; diese einzige Ausnahme von dem höchsten kosmologischen

Grundgesetze müßte aber erst sehr spät im Laufe der organischen

Erdgeschichte eingetreten sein, da sie nur die »Seele« des Menschen und

der höheren Tiere betrifft. Auch das Dogma des »freien Willens«, ein

anderes wesentliches Stück der dualistischen Psychologie, ist mit dem

Substanzgesetze ganz unvereinbar.

_Monistische Psychologie._ Unsere natürliche Auffassung

des Seelenlebens erblickt dagegen in ihm eine Summe von

Lebenserscheinungen, welche gleich allen anderen an ein bestimmtes

materielles Substrat gebunden sind. Wir wollen diese materielle Basis

aller psychischen Tätigkeit, ohne welche dieselbe nicht denkbar ist,

vorläufig als =Psychoplasma= bezeichnen, und zwar deshalb, weil sie

durch die chemische Analyse überall als ein Körper nachgewiesen ist,

welcher zur Gruppe der =Plasmakörper= gehört, d. h. jener eiweißartigen

Kohlenstoff-Verbindungen, welche sämtlichen Lebensvorgängen zugrunde

liegen. Bei den höheren Tieren, welche ein Nervensystem und

Sinnesorgane besitzen, ist aus dem =Psychoplasma= durch Differenzierung

das =Neuroplasma=, die Nervensubstanz, entstanden. Unsere Auffassung

ist in =diesem= Sinne =materialistisch=. Sie ist aber zugleich

=empiristisch= und =naturalistisch=; denn unsere wissenschaftliche

Erfahrung hat uns noch keine Kräfte kennen gelehrt, welche der

materiellen Grundlage entbehren, und keine »geistige Welt«, welche

außer der Natur und über der Natur stünde.

Gleich allen anderen Naturerscheinungen sind auch diejenigen des

Seelenlebens dem alles beherrschenden =Substanzgesetze= unterworfen;

es gibt auch in diesem Gebiete keine Ausnahme von diesem höchsten

kosmologischen Grundgesetze. Die Erscheinungen des niederen

Seelenlebens bei den einzelligen Protisten und bei den Pflanzen --

aber ebenso auch bei den niederen Tieren --, ihre Reizbarkeit,

ihre Reflexbewegungen, ihre Empfindlichkeit und ihr Streben nach

Selbsterhaltung beruhen auf physiologischen Vorgängen im =Plasma=

ihrer Zellen, auf physikalischen und chemischen Veränderungen, welche

teils auf =Vererbung=, teils auf =Anpassung= zurückzuführen sind.

Aber ganz dasselbe müssen wir auch für die höheren Seelentätigkeiten

der höheren Tiere und des Menschen behaupten, für die Bildung der

Vorstellungen und Begriffe, für die wunderbaren Phänomene der Vernunft

und des Bewußtseins; denn diese haben sich phylogenetisch aus jenen

entwickelt, und nur der höhere Grad der Zentralisation, durch innige

und mannigfaltige Verbindung der einzelnen Funktionen, erhebt sie zu

dieser erstaunlichen Höhe.

_Begriffe der Psychologie._ In jeder Wissenschaft gilt mit Recht als

erste Aufgabe die klare =Begriffsbestimmung= des Gegenstandes, den

sie zu erforschen hat. In keiner Wissenschaft aber ist die Lösung

dieser ersten Aufgabe so schwierig als in der Seelenlehre, und diese

Tatsache ist um so merkwürdiger, als die =Logik=, die Lehre von der

Begriffsbildung, selbst nur ein Teil der Psychologie ist. Wenn wir

alles vergleichen, was über die Grundbegriffe der Seelenkunde von

den angesehensten Philosophen und Naturforschern aller Zeiten gesagt

worden ist, so ersticken wir in einem Chaos der widersprechendsten

Ansichten. Was ist denn eigentlich die »=Seele=«? Wie verhält sie sich

zum »=Geist=«? Welche Bedeutung hat eigentlich das »=Bewußtsein=«?

Wie unterscheiden sich »=Empfindung=« und »=Gefühl=«? Was ist

der »=Instinkt=«? Wie verhält sich der »=freie Wille=«? Was ist

»=Vorstellung=«? Welcher Unterschied besteht zwischen »=Verstand= und

=Vernunft=«? Und was ist eigentlich »=Gemüt=«? Welche Beziehung besteht

zwischen allen diesen »Seelenerscheinungen und dem =Körper=«? Die

Antworten auf diese und viele andere, sich daran anschließenden Fragen

lauten so verschieden als möglich; nicht allein gehen die Ansichten

der angesehensten Autoritäten darüber weit auseinander, sondern auch

eine und dieselbe =wissenschaftliche= Autorität hat oft im Laufe ihrer

eigenen psychologischen Entwickelung ihre Ansichten völlig verändert.

Sicher hat diese »=psychologische= Metamorphose« vieler Denker (die

wir noch am Schlusse dieses 6. Kapitels beleuchten wollen) nicht wenig

zu der =kolossalen Konfusion der Begriffe= beigetragen, welche in der

Seelenlehre mehr als in jedem anderen Gebiete der Erkenntnis herrscht.

_Objektive und subjektive Psychologie._ Die ganz eigentümliche Natur

vieler Seelenerscheinungen, und vor allem des Bewußtseins bedingt

gewisse Abänderungen und Modifikationen unserer naturwissenschaftlichen

Untersuchungsmethoden. Besonders wichtig ist hier der Umstand, daß

zu der gewöhnlichen, =objektiven=, =äußern= Beobachtung noch die

=introspektive Methode= treten muß, die =subjektive=, =innere=

Beobachtung, welche die Spiegelung unseres »Ich« im Bewußtsein bedingt.

Von dieser »unmittelbaren Gewißheit des Ich« gingen die meisten

Psychologen aus: »~Cogito, ergo sum!~« »=Ich denke, also bin ich.=«

Wir werden daher zunächst auf diesen Erkenntnisweg und dann erst auf

die anderen, ihn ergänzenden Methoden einen Blick werfen.

_Introspektive Psychologie (Selbstbeobachtung der Seele)._ Der weitaus

größte Teil aller derjenigen Kenntnisse, welche seit Jahrtausenden in

unzähligen Schriften über das menschliche Seelenleben niedergelegt

sind, beruht auf introspektiver Seelenforschung, d. h. auf

=Selbstbeobachtung=, und auf Schlüssen, welche wir aus der Assozion

und Kritik dieser subjektiven, »inneren Erfahrungen« ziehen. Für einen

wichtigen Teil der Seelenlehre ist dieser introspektive Weg überhaupt

der einzig mögliche, vor allem für die Erforschung des =Bewußtseins=;

diese Gehirnfunktion nimmt daher eine ganz eigentümliche Stellung ein

und ist mehr als jede andere die Quelle unzähliger philosophischer

Irrtümer geworden (vergl. Kap. 10). Es ist aber ganz ungenügend und

führt zu ganz unvollkommenen und falschen Vorstellungen, wenn man

diese Selbstbeobachtung unseres Geistes als die wichtigste oder

überhaupt als die einzige Quelle seiner Erkenntnis betrachtet, wie

es von zahlreichen und angesehenen Philosophen geschehen ist. Denn

ein großer Teil der wichtigsten Erscheinungen im Seelenleben, vor

allem die =Sinnesfunktionen= (Sehen, Hören, Riechen usw.), ferner

die =Sprache=, kann nur auf demselben Wege erforscht werden wie jede

andere Lebenstätigkeit des Organismus, nämlich erstens durch gründliche

anatomische Untersuchung ihrer =Organe=, und zweitens durch exakte

physiologische Analyse der davon abhängigen =Funktionen=. Um diese

»äußere Beobachtung« der Seelentätigkeit auszuführen und dadurch die

Ergebnisse der »inneren Beobachtung« zu ergänzen, bedarf es aber

gründlicher Kenntnisse in Anatomie und Histologie, Ontogenie und

Physiologie des Menschen. Von diesen unentbehrlichen Grundlagen der

Anthropologie haben nun die meisten sogenannten »=Psychologen=« gar

keine oder nur höchst unvollkommene Kenntnis; sie sind daher nicht

imstande, auch nur von ihrer eigenen Seele eine genügende Vorstellung

zu erwerben. Dazu kommt noch der schlimme Umstand, daß die eigene

Seele dieser Psychologen gewöhnlich die einseitig ausgebildete (wenn

auch in ihrem spekulativen Sport sehr hoch entwickelte!) Psyche eines

=Kulturmenschen= höchster Rasse darstellt, also das letzte =Endglied=

einer langen phyletischen Entwickelungsreihe, deren zahlreiche ältere

und niedere Vorläufer für ihr richtiges Verständnis unentbehrlich sind.

So erklärt es sich, daß der größte Teil der gewaltigen psychologischen

Literatur heute wertlose Makulatur ist. Die introspektive Methode ist

gewiß höchst wertvoll und unentbehrlich, sie bedarf aber durchaus der

Mitwirkung und Ergänzung durch die übrigen Methoden.

Die Welträtsel: Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie · 第 6 / 27 段