_Die Keimhüllen des Menschen._ Die hohe Bedeutung der eben besprochenen

Ähnlichkeit tritt nicht nur bei Vergleichung der Wirbeltier-Embryonen

selbst hervor, sondern auch bei derjenigen ihrer Keimhüllen. Es

zeichnen sich nämlich alle Wirbeltiere der drei höheren Klassen,

Reptilien, Vögel und Säugetiere, vor den niederen Klassen durch die

Bildung eigentümlicher Embryonalhüllen aus, des ~Amnion~ (Wasserhaut)

und des ~Serolemma~ (seröse Haut). In diesen mit Wasser gefüllten

Säcken liegt der Embryo eingeschlossen und ist dadurch gegen Druck und

Stoß geschützt. Diese zweckmäßige Schutzeinrichtung ist wahrscheinlich

erst entstanden, als die ältesten Reptilien (Proreptilien), die

gemeinsamen Stammformen aller =Amniontiere=, vollständig an das

Landleben sich anpaßten. Bei ihren direkten Vorfahren, den Amphibien,

=fehlt= diese Hüllenbildung noch ebenso wie bei den Fischen; sie war

bei diesen Wasserbewohnern überflüssig. Mit der Erwerbung dieser

Schutzhüllen stehen bei allen Amnioten noch zwei andere Veränderungen

in engem Zusammenhang, erstens der gänzliche Verlust der Kiemen

(während die Kiemenbogen und die Spalten dazwischen als »rudimentäre

Organe« sich forterben), und zweitens die Bildung der =Allantois=.

Dieser blasenförmige, mit Wasser gefüllte Sack wächst bei dem Embryo

aller Amniontiere aus dem Enddarm hervor und ist nichts anderes als

die vergrößerte Harnblase der Amphibien-Ahnen. Aus ihrem innersten

und untersten Teile bildet sich später die bleibende Harnblase der

Amnioten, während der größere äußere Teil rückgebildet wird. Gewöhnlich

spielt dieser eine Zeitlang eine wichtige Rolle als Atmungsorgan des

Embryo, indem sich mächtige Blutgefäße auf seiner Wand ausbreiten.

Sowohl die Entstehung der Keimhüllen, als auch der Allantois geschieht

beim Menschen genau ebenso wie bei allen anderen Amnioten und durch

dieselben verwickelten Prozesse des Wachstums; =der Mensch ist ein

echtes Amniontier.=

_Die Placenta des Menschen._ Die Ernährung des menschlichen

Keimes im Mutterleibe geschieht durch ein eigentümliches, äußerst

blutreiches Organ, die sogenannte ~Placenta~, den =Aderkuchen= oder

Blutgefäßkuchen. Sie wird nach erfolgter Geburt des Kindes abgelöst und

als sogenannte »Nachgeburt« ausgestoßen. Die Placenta besteht aus zwei

wesentlich verschiedenen Teilen, dem =Fruchtkuchen= oder der kindlichen

Placenta und dem =Mutterkuchen= oder dem mütterlichen Gefäßkuchen.

Dieser letztere enthält reich entwickelte Bluträume, welche ihr Blut

durch die Gefäße der Gebärmutter zugeführt erhalten. Der Fruchtkuchen

dagegen wird aus zahlreichen verästelten Zotten gebildet, welche von

der Außenfläche der kindlichen Allantois hervorwachsen und ihr Blut

von deren Nabelgefäßen beziehen. Die hohlen, blutgefüllten Zotten

des Fruchtkuchens wachsen in die Bluträume des Mutterkuchens hinein,

und die zarte Scheidewand zwischen beiden wird so sehr verdünnt, daß

durch sie hindurch ein unmittelbarer Stoffaustausch der ernährenden

Blutflüssigkeit erfolgen kann.

In den einzelnen Gruppen der Zottentiere ist die Ausbildung des

Mutterkuchens wesentlich verschieden. Höchst wichtig ist nun die

erst 1890 von =Emil Selenka= entdeckte Tatsache, daß gerade die

=Menschenaffen=, besonders der Orang (~Satyrus~), mit dem Menschen

gewisse Eigentümlichkeiten, die sich sonst nirgends finden, gemeinsam

haben (Siehe den 23. Vortrag meiner Anthropogenie). Also bestätigt

sich auch hier wieder der =Pithecometrasatz= von =Huxley=: »Die

Unterschiede zwischen dem Menschen und den Menschenaffen sind geringer

als diejenigen zwischen den letzteren und den niederen Affen.« Die

angeblichen »Beweise =gegen= die nahe Blutsverwandtschaft des Menschen

und der Affen« ergaben sich bei genauer Untersuchung der tatsächlichen

Verhältnisse auch hier wieder umgekehrt als wichtige Gründe =zugunsten=

derselben.

Jeder Naturforscher, der mit offenen Augen in diese dunkeln, aber

höchst interessanten Labyrinthgänge unserer Keimesgeschichte eindringt,

und der imstande ist, sie kritisch mit derjenigen der übrigen

Säugetiere zu vergleichen, wird in denselben die bedeutungsvollsten

Lichtträger für das Verständnis unserer Stammesgeschichte

finden. Denn die verschiedenen Stufen der Keimbildung werfen als

Vererbungs-Phänomene ein helles Licht auf die entsprechenden Stufen

unserer Ahnenreihe, gemäß dem Biogenetischen Grundgesetze. (Kap. 5.)

Aber auch die Anpassungserscheinungen, die Bildung der vergänglichen

Embryonalorgane -- der charakteristischen Keimhüllen, und vor allem

der Placenta -- geben uns ganz bestimmte Aufschlüsse über unsere nahe

=Stammverwandtschaft mit den Primaten=.

=Fünftes Kapitel.=

_Unsere Stammesgeschichte._

Monistische Studien über Ursprung und Abstammung des Menschen von den

Wirbeltieren, zunächst von den Herrentieren.

Der jüngste unter den großen Zweigen am lebendigen Baume der Biologie

ist diejenige Naturwissenschaft, welche wir =Stammesgeschichte= oder

=Phylogenie= nennen. Sie hat sich noch weit später und unter viel

größeren Schwierigkeiten entwickelt als ihre natürliche Schwester, die

Keimesgeschichte oder Ontogenie. Diese hatte zur Aufgabe die Erkenntnis

der geheimnisvollen Vorgänge, durch welche sich die organischen

=Individuen=, die Einzelwesen der Tiere und Pflanzen, aus dem Ei

entwickeln. Die Stammesgeschichte hingegen hat die viel dunklere und

schwierigere Frage zu beantworten: »Wie sind die organischen =Spezies=

entstanden, die einzelnen Arten der Tiere und Pflanzen?«

Die =Ontogenie= konnte zur Lösung ihrer nahe liegenden Aufgabe

zunächst unmittelbar den empirischen Weg der =Beobachtung= betreten;

sie brauchte nur Tag für Tag und Stunde für Stunde die sichtbaren

Umbildungen zu verfolgen, welche der organische Keim innerhalb kurzer

Zeit während der Entwickelung aus dem Ei erfährt. Viel schwieriger

war von vornherein die Aufgabe der =Phylogenie=; denn die langsamen

Prozesse der allmählichen Umbildung, welche die Entstehung der Tier- und

Pflanzenarten bewirken, vollziehen sich unmerklich im Verlaufe

von Jahrtausenden und Jahrmillionen; ihre unmittelbare Beobachtung

ist nur in sehr engen Grenzen möglich, und der weitaus größte Teil

dieser historischen Vorgänge kann nur indirekt erschlossen werden:

durch vergleichende Benutzung von empirischen Urkunden, die sehr

verschiedenen Gebieten angehören, der Paläontologie, Ontogenie

und Morphologie. Dazu kam noch das gewaltige Hindernis, welches

der natürlichen Stammesgeschichte durch die enge Verknüpfung der

»Schöpfungsgeschichte« mit übernatürlichen Mythen und religiösen Dogmen

bereitet wurde; es ist daher begreiflich, daß die wissenschaftliche

Existenz der wahren Stammesgeschichte erst unter vielen Mühen und

schweren Kämpfen errungen und gesichert werden mußte.

_Mythische Schöpfungsgeschichte._ Alle ernstlichen Versuche, welche

bis zum Beginne des 19. Jahrhunderts zur Beantwortung des Problems

von der Entstehung der Organismen unternommen wurden, blieben in dem

mythologischen Labyrinthe der übernatürlichen Schöpfungssagen stecken.

Einzelne Bemühungen hervorragender Denker, sich von diesem zu befreien

und zu einer natürlichen Auffassung zu gelangen, blieben erfolglos.

Die mannigfaltigsten Schöpfungsmythen entwickelten sich bei allen

älteren Kulturvölkern im Zusammenhang mit der Religion, und während des

Mittelalters war es naturgemäß das zur Herrschaft gelangte Christentum,

welches die Beantwortung der Schöpfungsfrage für sich in Anspruch nahm.

Da die Bibel als die unerschütterliche Grundlage des christlichen

Religionsgebäudes galt, wurde die ganze Schöpfungsgeschichte dem

ersten Buche Moses entnommen. Auf dieses stützte sich auch noch der

große schwedische Naturforscher =Carl Linné=, als er 1735 in seinem

grundlegenden »~Systema Naturae~« den ersten Versuch zu einer

systematischen Ordnung, Benennung und Klassifikation der unzähligen

verschiedenen Naturkörper unternahm. Als bestes, praktisches

Hilfsmittel derselben führte er die bekannte doppelte Namengebung ein;

jeder einzelnen Art von Tieren und Pflanzen gab er einen besonderen

Artnamen und stellte diesem einen allgemeinen Gattungsnamen voran.

In einer =Gattung= (~Genus~) wurden die nächstverwandten =Arten=

(~Species~) zusammengestellt.

Höchst verhängnisvoll wurde für die Wissenschaft das theoretische

=Dogma=, welches schon von =Linné= selbst mit seinem praktischen

Speziesbegriffe verknüpft wurde. Die erste Frage, welche sich dem

denkenden Systematiker aufdrängen mußte, war natürlich die Frage nach

dem eigentlichen Wesen des Spezies-=Begriffes=, nach Inhalt und Umfang

desselben. Und gerade diese Grundfrage beantwortete sein Schöpfer in

naivster Weise, in Anlehnung an den allgemein gültigen Mosaischen

Schöpfungsmythus: »Es gibt so viel verschiedene Arten, als im Anfange

vom unendlichen Wesen verschiedene Formen erschaffen worden sind«.

Mit diesem Dogma war jede natürliche Erklärung der Artentstehung

abgeschnitten. =Linné= kannte nur die gegenwärtig existierende Tier- und

Pflanzenwelt; er hatte keine Ahnung von den viel zahlreicheren

ausgestorbenen Arten, welche in den früheren Perioden der Erdgeschichte

unseren Erdball in wechselnder Gestaltung bevölkert haben.

Erst im Anfange des 19. Jahrhunderts wurden diese fossilen Tiere durch

=Cuvier= näher bekannt. Er gab in seinem berühmten Werke über die

fossilen Knochen der vierfüßigen Wirbeltiere (1812) die erste genaue

Beschreibung und richtige Deutung zahlreicher Versteinerungen. Zugleich

wies er nach, daß in den verschiedenen Perioden der Erdgeschichte eine

Reihe von ganz verschiedenen Tierbevölkerungen aufeinander gefolgt

war. Da nun =Cuvier= hartnäckig an =Linnés= Lehre von der absoluten

Beständigkeit der Spezies festhielt, glaubte er ihre Entstehung nur

durch die Annahme erklären zu können, daß eine Reihe von großen

Katastrophen und von wiederholten Neuschöpfungen in der Erdgeschichte

auf einander gefolgt sei; im Beginne jeder großen Erdrevolution sollten

alle lebenden Geschöpfe vernichtet und am Ende derselben eine neue

Bevölkerung erschaffen worden sein. Obgleich diese Katastrophentheorie

von =Cuvier= zu den absurdesten Folgerungen führte und auf den nackten

Wunderglauben hinauslief, gewann sie doch bald allgemeine Geltung und

blieb bis auf =Darwin= (1859) herrschend.

_Transformismus._ =Goethe.= Daß die herrschenden Vorstellungen

von der absoluten Beständigkeit und übernatürlichen Schöpfung der

organischen Arten tiefer denkende Forscher nicht befriedigen konnten,

ist leicht einzusehen. Daher finden wir denn schon in der zweiten

Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts einzelne hervorragende Geister

mit Versuchen beschäftigt, zu einer naturgemäßen Lösung des großen

»Schöpfungsproblems« zu gelangen. Allen voran war unser größter Dichter

und Denker =Wolfgang Goethe= durch seine vieljährigen und eifrigen

morphologischen Studien schon am Ende des 18. Jahrhunderts zu der

klaren Einsicht in den inneren Zusammenhang aller organischen Formen

und zu der festen Überzeugung eines gemeinsamen natürlichen Ursprungs

gelangt. In seiner berühmten »Metamorphose der Pflanzen« (1790)

leitete er alle verschiedenen Formen der Gewächse von einer Urpflanze

ab, und alle verschiedenen Organe derselben von einem Urorgane, dem

Blatt. In seiner Wirbeltheorie des Schädels versuchte er zu zeigen,

daß die Schädel aller verschiedenen Wirbeltiere -- mit Inbegriff des

Menschen! -- in gleicher Weise aus bestimmt geordneten Knochengruppen

zusammengesetzt seien, und daß diese letzteren nichts anderes seien als

umgebildete Wirbel. Grade seine eingehenden Studien über vergleichende

Knochenlehre hatten =Goethe= zu der festen Überzeugung von der Einheit

der Organisation geführt; er hatte erkannt, daß das Knochengerüst

des Menschen nach demselben Typus zusammengesetzt sei wie das aller

übrigen Wirbeltiere -- »geformt nach einem Urbilde, das nur in seinen

sehr beständigen Teilen mehr oder weniger hin- und herweicht und

sich noch täglich durch Fortpflanzung aus- und umbildet« --. Diese

Umbildung oder Transformation läßt =Goethe= durch die beständige

Wechselwirkung von zwei gestaltenden Bildungskräften geschehen, einer

inneren Zentripetalkraft des Organismus, dem »Spezifikationstrieb«,

und einer äußeren Zentrifugalkraft, dem Variationstrieb oder der »Idee

der Metamorphose«; erstere entspricht dem, was wir heute =Vererbung=,

letztere dem, was wir =Anpassung= nennen. Wie tief =Goethe= durch

diese naturphilosophischen Studien über »Bildung und Umbildung

organischer Naturen« in deren Wesen eingedrungen war, und inwiefern

er demnach als der bedeutendste Vorläufer von =Darwin= und =Lamarck=

betrachtet werden kann, ist aus den interessanten Stellen seiner

Werke zu ersehen, welche ich im vierten Vortrage meiner Natürlichen

Schöpfungsgeschichte zusammengestellt habe. In meinem Vortrage über

»Die Naturanschauung von =Darwin=, =Goethe= und =Lamarck=« (Eisenach

1882) habe ich dies näher begründet. Doch kamen diese naturgemäßen

Entwickelungsideen von =Goethe= ebenso wie ähnliche Vorstellungen von

=Kant=, =Oken=, =Treviranus= und anderen Naturphilosophen im Beginne

des 19. Jahrhunderts nicht über gewisse allgemeine Überzeugungen

hinaus. Es fehlte ihnen noch der große Hebel, dessen die »natürliche

Schöpfungsgeschichte« zu ihrer Begründung durch die Kritik des

=Speziesdogma= bedurfte, und diese verdanken wir erst =Lamarck=.

_Deszendenztheorie oder Abstammungslehre._ =Lamarck= (1809). Den

ersten eingehenden Versuch zu einer wissenschaftlichen Begründung des

Transformismus unternahm im Beginne des 19. Jahrhunderts der große

französische Naturphilosoph =Jean Lamarck=, der bedeutendste Gegner

seines Kollegen =Cuvier= in Paris. Schon 1802 hatte derselbe in seinen

»Betrachtungen über die lebenden Naturkörper« die bahnbrechenden Ideen

über die Unbeständigkeit und Umbildung der Arten ausgesprochen, die

er dann 1809 in den zwei Bänden seines tiefsinnigsten Werkes, der

~Philosophie zoologique~, eingehend begründete. Hier führte =Lamarck=

zum ersten Male -- gegenüber dem herrschenden Spezies-Dogma -- den

richtigen Gedanken aus, daß die organische »=Art= oder =Spezies=« eine

=künstliche Abstraktion= sei, ein Begriff von relativem Werte, ebenso

wie die übergeordneten Begriffe der Gattung, Familie, Ordnung und

Klasse. Er behauptete ferner, daß alle Arten veränderlich und im Laufe

sehr langer Zeiträume aus älteren Arten durch Umbildung entstanden

seien. Die gemeinsamen Stammformen, von denen dieselben abstammen,

waren ursprünglich ganz einfache und niedere Organismen; die ersten

und ältesten entstanden durch Urzeugung. Während durch =Vererbung= der

Typus sich beständig erhält, werden anderseits durch =Anpassung=, durch

Gewohnheit und Übung der Organe, die Arten allmählich umgebildet. Auch

unser menschlicher Organismus ist auf dieselbe natürliche Weise durch

Umbildung aus einer Reihe von affenartigen Säugetieren entstanden. Für

all diese Vorgänge, wie überhaupt für alle Erscheinungen in der Natur

und im Geistesleben, nimmt =Lamarck= ausschließlich =mechanische=,

physikalische und chemische Vorgänge als wahre, bewirkende Ursachen an.

Sein Werk enthält die Elemente für ein rein monistisches Natursystem

auf Grund der Entwickelungslehre.

Man hätte erwarten sollen, daß dieser großartige Versuch, die

Abstammungslehre oder Deszendenztheorie wissenschaftlich zu begründen,

alsbald den herrschenden Mythus von der Speziesschöpfung erschüttert

und einer natürlichen Entwickelungslehre Bahn gebrochen hätte. Indessen

vermochte =Lamarck= gegenüber der konservativen Autorität seines

großen Gegners =Cuvier= ebensowenig durchzudringen, wie zwanzig Jahre

später sein Kollege und Gesinnungsgenosse =Géoffroy St. Hilaire=. Die

berühmten Kämpfe, welcher dieser Naturphilosoph 1830 im Schoße der

Pariser Akademie mit =Cuvier= zu bestehen hatte, endigten mit einem

vollständigen Siege des letzteren. Die mächtige Entfaltung, welche zu

jener Zeit das empirische Studium der Biologie fand, die Fülle von

interessanten Entdeckungen auf dem Gebiete der vergleichenden Anatomie

und Physiologie, die Begründung der Zellentheorie und die Fortschritte

der Ontogenie gaben den Zoologen und Botanikern einen solchen

Überfluß von dankbarem Arbeitsmaterial, daß darüber die schwierige

und dunkle Frage nach der Entstehung der Arten ganz vergessen wurde.

Man beruhigte sich bei dem althergebrachten Schöpfungs-Dogma. Selbst

nachdem der große englische Naturforscher =Charles Lyell= 1830 in

seinen Prinzipien der Geologie die abenteuerliche Katastrophentheorie

von =Cuvier= widerlegt und für die anorganische Natur unseres Planeten

einen natürlichen und kontinuierlichen Entwickelungsgang nachgewiesen

hatte, fand sein einfaches Kontinuitätsprinzip keine Anwendung auf

die organische Natur. Die Anfänge der natürlichen Phylogenie, welche

in =Lamarcks= Werke verborgen lagen, wurden ebenso vergessen, wie die

Keime zu ihrer natürlichen Ontogenie, welche 50 Jahre früher (1759)

=Caspar Friedrich Wolff= in seiner Theorie der Generation gegeben

hatte. Hier wie dort verfloß ein volles halbes Jahrhundert, ehe die

bedeutendsten Ideen über natürliche Entwickelung die gebührende

Anerkennung fanden. Erst nachdem =Darwin= 1859 die Lösung des

Schöpfungsproblems von einer ganz anderen Seite angefaßt und den

reichen, inzwischen angesammelten Schatz von empirischen Kenntnissen

glücklich dazu verwertet hatte, fing man an, sich auf =Lamarck=, als

seinen bedeutendsten Vorgänger, wieder zu besinnen.

_Selektionstheorie._ =Darwin= (1859). Der beispiellose Erfolg von

=Charles Darwin= ist allbekannt. Kein anderer von den zahlreichen

großen Geisteshelden unserer Zeit hat mit einem einzigen klassischen

Werke einen so gewaltigen, so tiefgehenden und so umfassenden

Erfolg erzielt, wie =Darwin= 1859 mit seinem berühmten Hauptwerk:

Ȇber die Entstehung der Arten im Tier- und Pflanzenreich durch

natürliche Züchtung oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im

Kampfe ums Dasein.« Gewiß hat die Reform der vergleichenden Anatomie

und Physiologie durch =Johannes Müller= der ganzen Biologie eine

neue, fruchtbare Epoche eröffnet, gewiß waren die Begründung der

Zellentheorie durch =Schleiden= und =Schwann=, die Reform der Ontogenie

durch =Baer=, die Begründung des Substanzgesetzes durch =Robert Mayer=

und =Helmholtz= wissenschaftliche Großtaten ersten Ranges; aber keine

von ihnen hat nach Tiefe und Ausdehnung eine so gewaltige, unser ganzes

menschliches Wissen umgestaltende Wirkung ausgeübt, wie =Darwins=

Theorie von der natürlichen Entstehung der Arten. Denn damit war ja das

mystische »=Schöpfungsproblem=« gelöst, und mit ihm die inhaltsschwere

»Frage aller Fragen«, das Problem vom wahren Wesen und von der

Entstehung des Menschen selbst.

Vergleichen wir die beiden großen Begründer des Transformismus, so

finden wir bei =Lamarck= überwiegende Neigung zur =Deduktion= und

zum Entwurfe eines vollständigen Naturbildes, bei =Darwin= hingegen

vorherrschende Anwendung der =Induktion= und das vorsichtige Bemühen,

die einzelnen Teile der Deszendenztheorie durch Beobachtung und

Experiment möglichst sicher zu begründen. Während der französische

Naturphilosoph den damaligen Kreis des empirischen Wissens weit

überschritt und eigentlich das Programm der zukünftigen Forschung

entwarf, hatte der englische Experimentator umgekehrt den großen

Vorteil, das einigende Erklärungsprinzip für eine Masse von empirischen

Kenntnissen zu begründen, die bis dahin unverstanden sich angehäuft

hatten. So erklärt es sich, daß der Erfolg von =Darwin= ebenso

überwältigend, wie derjenige von =Lamarck= verschwindend war. =Darwin=

hatte aber nicht allein das große Verdienst, die allgemeinen Ergebnisse

der verschiedenen biologischen Forschungskreise in dem gemeinsamen

Brennpunkte des Deszendenzprinzips zu sammeln und dadurch einheitlich

zu erklären, sondern er entdeckte auch in dem =Selektionsprinzip=

jenen wichtigen Faktor der Umbildung, welcher =Lamarck= noch gefehlt

hatte. Indem =Darwin= als praktischer Tierzüchter die Erfahrungen

der künstlichen Zuchtwahl auf die Organismen im freien Naturzustande

anwendete und in dem »=Kampf ums Dasein=« das auslesende Prinzip

der natürlichen Zuchtwahl entdeckte, schuf er seine bedeutungsvolle

Selektionstheorie, den eigentlichen =Darwinismus=.

_Stammesgeschichte (Phylogenie)_ (1866). Unter den zahlreichen und

wichtigen Aufgaben, welche =Darwin= der modernen Biologie stellte,

erschien als eine der nächsten die Reform des zoologischen und

botanischen =Systems=. Wenn die unzähligen Tier- und Pflanzenarten nicht

durch übernatürliche Wunder »erschaffen«, sondern durch natürliche

Umbildung »entwickelt« waren, so ergab sich das »=natürliche System=«

derselben als ihr =Stammbaum=. Den ersten Versuch, das System in

diesem Sinne umzugestalten, unternahm ich selbst (1866) in meiner

»=Generellen Morphologie der Organismen=«. Bis dahin hatte man unter

»=Entwickelungsgeschichte=« sowohl in der Zoologie als in der Botanik

ausschließlich diejenige der organischen =Individuen= verstanden.

Ich begründete dagegen die Ansicht, daß dieser =Keimesgeschichte=

(~Ontogenie~) als zweiter, gleichberechtigter und eng verbundener

Zweig die =Stammesgeschichte= (~Phylogenie~) gegenüberstehe. Beide

Zweige der Entwickelungsgeschichte stehen nach meiner Auffassung im

engsten kausalen Zusammenhang; dieser beruht auf der Wechselwirkung

der Vererbungs- und Anpassungsgesetze; er fand seinen präzisen und

umfassenden Ausdruck in meinem allgemein gültigen »=Biogenetischen

Grundgesetz=«.

_Natürliche Schöpfungsgeschichte_ (1868). Da die neuen, in der

»Generellen Morphologie« niedergelegten Anschauungen trotz ihrer

streng wissenschaftlichen Fassung bei den sachkundigen Fachgenossen

sehr wenig Beachtung und noch weniger Beifall fanden, versuchte ich,

den wichtigsten Teil derselben in einem kleineren, mehr populär

gehaltenen Werke einem größeren, gebildeten Leserkreise zugänglich zu

machen. Dies geschah 1868 in der »Natürlichen Schöpfungsgeschichte«

(Gemeinverständliche wissenschaftliche Vorträge über die

Entwickelungslehre im allgemeinen und diejenige von Darwin, Goethe und

Lamarck im besonderen). Wenn der gehoffte Erfolg der »Generellen

Morphologie« weit unter meiner berechtigten Erwartung blieb, so ging

umgekehrt derjenige der »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« weit über

dieselbe hinaus. Trotz seiner großen Mängel hat dieses Buch doch viel

dazu beigetragen, die Grundgedanken unserer modernen Entwickelungslehre

in weiteren Kreisen zu verbreiten. Allerdings konnte ich meinen

Hauptzweck, die phylogenetische Umbildung des natürlichen Systems,

dort nur in allgemeinen Umrissen andeuten. Indessen habe ich die

ausführliche, dort vermißte Begründung des phylogenetischen Systems

später in einem größeren Werke nachgeholt, in der »=Systematischen

Phylogenie=« (Entwurf eines natürlichen Systems der Organismen auf

Grund ihrer Stammesgeschichte). Der erste Band derselben (1894)

behandelt die Protisten und Pflanzen, der zweite (1896) die wirbellosen

Tiere, der dritte (1895) die Wirbeltiere. Die =Stammbäume= der

kleineren und größeren Gruppen sind hier so weit ausgeführt, als es

mir meine Kenntnis der drei großen »Stammesurkunden« gestattete, der

Paläontologie, Ontogenie und Morphologie.

Die Welträtsel: Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie · 第 5 / 27 段