Alle biologischen Untersuchungen, alle Forschungen über die Gestaltung

und Lebenstätigkeit der Organismen haben zunächst den sichtbaren Körper

ins Auge zu fassen, an welchem uns die betreffenden morphologischen und

physiologischen Erscheinungen entgegentreten. Dieser Grundsatz gilt

ebenso für den =Menschen= wie für alle anderen belebten Naturkörper.

Dabei darf sich die Untersuchung nicht mit der Betrachtung der äußeren

Gestalt begnügen, sondern sie muß in das Innere derselben eindringen

und ihre Zusammensetzung aus den gröberen und feineren Bestandteilen

erforschen. Die Wissenschaft, welche diese grundlegende Untersuchung im

weitesten Umfange auszuführen hat, ist die =Anatomie=.

_Menschliche Anatomie._ Die erste Anregung zur Erkenntnis des

menschlichen Körperbaues ging naturgemäß von der Heilkunde aus. Da

diese bei den ältesten Kulturvölkern gewöhnlich von den Priestern

ausgeübt wurde, dürfen wir annehmen, daß diese höchsten Vertreter der

damaligen Bildung schon im zweiten Jahrtausend vor Christo und früher

über ein gewisses Maß von anatomischen Kenntnissen verfügten. Aber

genauere Erfahrungen, gewonnen durch die Zergliederung von Säugetieren

und von diesen übertragen auf den Menschen, finden wir erst bei den

Griechen, von denen =Hippokrates= lange als vorzüglichste Autorität

galt. Nach ihm erscheint nur noch ein bedeutender Anatom im Altertum,

der Arzt =Claudius Galenus=. Alle diese älteren Anatomen erwarben

ihre Kenntnisse zum größten Teile nicht durch die Untersuchung des

menschlichen Körpers selbst -- die damals noch streng verboten war! --,

sondern durch diejenige der menschenähnlichsten Säugetiere, besonders

der =Affen=; sie waren also alle eigentlich schon »=vergleichende=

Anatomen«.

Das Emporblühen des =Christentums= und der damit verknüpften

mystischen Weltanschauung bereitete der Anatomie, wie allen anderen

Naturwissenschaften, den Niedergang. Die römischen =Päpste= waren

vor allem bestrebt, die Menschheit in =Unwissenheit= und in blindem

Aberglauben zu erhalten; sie hielten die Kenntnis des menschlichen

Organismus mit Recht für ein gefährliches Mittel der Aufklärung

über unser wahres Wesen. Während des langen Zeitraums von dreizehn

Jahrhunderten blieben die Schriften des =Galenus= fast die einzige

Quelle für die menschliche Anatomie, ebenso wie diejenigen des

=Aristoteles= für die gesamte Naturgeschichte. Erst als im sechzehnten

Jahrhundert n. Chr. durch die =Reformation= die geistige Weltherrschaft

des Papismus gebrochen und durch das neue Weltsystem des =Kopernikus=

die eng damit verknüpfte geozentrische Weltanschauung zerstört wurde,

begann auch für die Erkenntnis des menschlichen Körpers eine neue

Periode des Aufschwungs. Die großen Anatomen =Vesalius=, =Eustachius=

und =Fallopius= förderten durch eigene gründliche Untersuchungen die

genaue Kenntnis unseres Körperbaues so sehr, daß ihren zahlreichen

Nachfolgern bezüglich der gröberen Verhältnisse hauptsächlich nur

Einzelheiten festzustellen übrigblieben. Der ebenso kühne wie

geistreiche =Andreas Vesalius= ging bahnbrechend allen voran; er

vollendete schon in seinem 28. Lebensjahre das große, einheitlich

durchgeführte Werk »~De humani corporis fabrica~« (1543) und gab

der ganzen menschlichen Anatomie eine neue, selbständige Richtung und

sichere Grundlage.

_Vergleichende Anatomie._ Die Verdienste, welche das neunzehnte

Jahrhundert sich um die Erkenntnis des menschlichen Körperbaues

erworben hat, bestehen vor allem in dem Ausbau von zwei neuen, überaus

wichtigen Forschungsrichtungen, der »=vergleichenden Anatomie=« und

der »=Gewebelehre=« oder der »mikroskopischen Anatomie«. Die erstere

war allerdings schon von Anfang an mit der menschlichen Anatomie

eng verknüpft gewesen; denn diese wurde solange durch die erstere

ersetzt, als die Sektion menschlicher Leichen für ein todeswürdiges

Verbrechen galt -- und das war selbst noch im 15. Jahrhundert der

Fall! Aber die zahlreichen Anatomen der folgenden drei Jahrhunderte

beschränkten sich größtenteils auf die genaue Untersuchung des

menschlichen Organismus. Diejenige hochentwickelte Disziplin, die wir

heute vergleichende Anatomie nennen, wurde erst im Jahre 1803 geboren,

als der große französische Zoologe =George Cuvier= seine grundlegenden

»~Leçons sur l'Anatomie comparée~« herausgab und darin zum ersten

Male bestimmte Gesetze über den Körperbau des Menschen und der Tiere

festzustellen suchte. Während seine Vorläufer -- unter ihnen auch

=Goethe= 1790 -- hauptsächlich nur das Knochengerüst des Menschen mit

demjenigen der übrigen Säugetiere eingehend verglichen hatten, umfaßte

=Cuviers= weiter Blick die Gesamtheit der tierischen Organisation;

er unterschied in derselben vier große, voneinander unabhängige

Hauptformen oder =Typen=: Wirbeltiere, Gliedertiere, Weichtiere und

Strahltiere. Für die »Frage aller Fragen« war dieser Fortschritt

insofern epochemachend, als damit klar die Zugehörigkeit des Menschen

zum Typus der =Wirbeltiere= -- sowie seine Grundverschiedenheit von

allen anderen Typen -- ausgesprochen war. Allerdings hatte schon der

scharfblickende Linné in seinem ersten »~Systema naturae~« (1735)

dem Menschen definitiv seinen Platz in der Klasse der =Säugetiere=

angewiesen; er vereinigte sogar in der Ordnung der =Herrentiere= die

drei Gruppen der Halbaffen, Affen und Menschen. Aber es fehlte diesem

kühnen systematischen Griffe noch jene tiefere empirische Begründung

durch die vergleichende Anatomie, die erst =Cuvier= herbeiführte.

Diese fand ihre weitere Ausführung durch die großen vergleichenden

Anatomen des 19. Jahrhunderts, durch =Friedrich Meckel=, =Johannes

Müller=, =Richard Owen=, =Thomas Huxley= und =Carl Gegenbaur=. Indem

dieser letztere in seinen Grundzügen der vergleichenden Anatomie (1870)

zum ersten Male die durch =Darwin= neu begründete Abstammungslehre

auf jene Wissenschaft anwandte, erhob er sie zum ersten Range unter

den biologischen Disziplinen. Seine »Vergleichende Anatomie der

Wirbeltiere« (1898) legte den unerschütterlichen Grund fest, auf

welchem sich unsere Überzeugung von der Wirbeltiernatur des Menschen

nach allen Richtungen hin klar beweisen läßt.

=Gewebelehre= (~Histologie~) und =Zellenlehre= (~Cytologie~). In

ganz anderer Richtung als die vergleichende entwickelte sich im Laufe

des 19. Jahrhunderts die =mikroskopische Anatomie=. Schon im Anfange

desselben (1802) unternahm ein französischer Arzt, =Bichat=, den

Versuch, mittels des Mikroskops die Organe des menschlichen Körpers in

ihre einzelnen feineren Bestandteile zu zerlegen und die Beziehungen

dieser verschiedenen =Gewebe= festzustellen. Aber dieser erste Versuch

führte nicht weit, da ihm das gemeinsame Element für die zahlreichen,

verschiedenen Gewebe unbekannt blieb. Dies wurde erst 1838 für die

Pflanzen in der =Zelle= von =Matthias Schleiden= entdeckt und gleich

darauf auch für die Tiere von =Theodor Schwann= nachgewiesen. =Albert

Kölliker= und =Rudolf Virchow= führten dann im sechsten Dezennium

des 19. Jahrhunderts die =Zellentheorie= und die darauf gegründete

Gewebelehre für den gesunden und kranken Organismus des Menschen im

einzelnen durch; sie wiesen nach, daß auch im Menschen, wie in allen

anderen Tieren, alle Gewebe sich aus den gleichen mikroskopischen

Formbestandteilen, den einfachen =Zellen=, zusammensetzen, und daß

diese »Elementar-Organismen« die wahren, selbsttätigen Staatsbürger

sind, die, zu Milliarden vereinigt, unseren Körper, den »Zellenstaat«,

aufbauen. Alle diese Zellen entstehen durch oft wiederholte Teilung

aus einer einzigen, einfachen Zelle, aus der »=Stammzelle=« oder

»befruchteten Eizelle« (~Cytula~). Die allgemeine Struktur und

Zusammensetzung der Gewebe ist beim Menschen dieselbe wie bei den

übrigen Wirbeltieren. Unter diesen zeichnen sich die Säugetiere, die

jüngste und höchst entwickelte Klasse, durch gewisse besondere, spät

erworbene Eigentümlichkeiten aus. So ist z. B. die mikroskopische

Bildung der Haare, der Hautdrüsen, der Milchdrüsen, der Blutzellen bei

den Säugetieren ganz eigentümlich und verschieden von derjenigen der

übrigen Wirbeltiere; der =Mensch= ist auch in allen diesen feinsten

histologischen Beziehungen ein =echtes Säugetier=.

_Wirbeltiernatur des Menschen._ Unser gesamter Körperbau zeigt

sowohl in der gröberen als in der feineren Zusammensetzung den

charakteristischen Typus der =Wirbeltiere= (~Vertebrata~). Diese

höchst entwickelte Hauptgruppe des Tierreichs wurde in ihrer

natürlichen Einheit zuerst 1801 von dem großen =Lamarck= erkannt; er

faßte unter diesem Begriffe die vier höheren Tierklassen von =Linné=

zusammen: Säugetiere, Vögel, Amphibien und Fische. Die beiden niederen

Klassen: Insekten und Würmer, stellte er jenen als »=Wirbellose=«

(~Invertebrata~) gegenüber. =Cuvier= bestätigte (1812) die

Einheit des Vertebratentypus und begründete sie fester durch seine

vergleichende Anatomie. In der Tat stimmen alle Wirbeltiere, von den

Fischen aufwärts bis zum Menschen, in allen wesentlichen Hauptmerkmalen

überein; sie besitzen alle ein festes inneres Skelett, Knorpel- und

Knochengerüst, und dieses besteht überall aus einer Wirbelsäule und

einem Schädel; die verwickelte Zusammensetzung des letzteren ist zwar

im einzelnen sehr mannigfaltig, aber im allgemeinen stets auf dieselbe

Urform zurückzuführen. Ferner liegt bei allen Wirbeltieren auf der

Rückenseite dieses Achsenskeletts das »Seelenorgan«, das zentrale

Nervensystem, in Gestalt eines Rückenmarks und eines Gehirns. Auch von

diesem wichtigen =Gehirn= gilt dasselbe wie von der es umschließenden

Knochenkapsel, dem =Schädel=; im einzelnen ist seine Ausbildung und

Größe höchst mannigfaltig abgestuft; im großen und ganzen bleibt die

charakteristische Zusammensetzung dieselbe.

Die gleiche Erscheinung zeigt sich auch, wenn wir die übrigen Organe

unseres Körpers mit denen der anderen Wirbeltiere vergleichen:

überall bleibt infolge von =Vererbung= die ursprüngliche Anlage und

die relative Lagerung der Organe dieselbe, obgleich die Größe und

Ausbildung der einzelnen Teile höchst mannigfaltig sich sondert,

entsprechend der =Anpassung= an sehr verschiedene Lebensbedingungen.

So sehen wir, daß überall das Blut in zwei Hauptröhren kreist, von

denen die eine (Aorta) über dem Darm, die andere (Prinzipalvene) unter

dem Darm verläuft, und daß durch Erweiterung der letzteren an einer

ganz bestimmten Stelle das =Herz= entsteht; dieses »Ventralherz«

ist für alle Wirbeltiere ebenso charakteristisch wie umgekehrt das

Rückengefäß oder »Dorsalherz« für die Gliedertiere und Weichtiere.

Nicht minder eigentümlich ist bei allen Vertebraten die frühzeitige

Scheidung des Darmrohres in einen zur Atmung dienenden =Kopfdarm= (oder

»Kiemendarm«) und einen die Verdauung bewirkenden =Rumpfdarm= mit der

Leber (daher »Leberdarm«); ferner die Gliederung des Muskelsystems, die

besondere Bildung der Harn- und Geschlechtsorgane usw. In allen diesen

anatomischen Beziehungen ist =der Mensch ein echtes Wirbeltier=.

_Tetrapodennatur des Menschen._ Mit der Bezeichnung =Vierfüßler=

(~Tetrapoda~) hatte schon =Aristoteles= alle jene höheren,

blutführenden Tiere belegt, welche sich durch den Besitz von zwei

Beinpaaren auszeichnen. Später wurde dieser Begriff erweitert, nachdem

=Cuvier= gezeigt hatte, daß auch die »zweibeinigen« Vögel und Menschen

eigentlich Vierfüßler sind; er wies nach, daß das innere Knochengerüst

der vier Beine bei allen höheren landbewohnenden Wirbeltieren, von den

Amphibien aufwärts bis zum Menschen, ursprünglich in gleicher Weise aus

einer bestimmten Zahl von Gliedern zusammengesetzt ist. Auch die »Arme«

des Menschen, die »Flügel« der Fledermäuse und Vögel zeigen denselben

typischen Skelettbau wie die »Vorderbeine« der laufenden, eigentlich

vierfüßigen Tiere.

Diese =anatomische Einheit= des verwickelten Knochengerüstes in den

vier Gliedmaßen aller Tetrapoden ist =sehr wichtig=. Um sich wirklich

davon zu überzeugen, braucht man bloß das Skelett eines Salamanders

oder Frosches mit demjenigen eines Affen oder Menschen aufmerksam zu

vergleichen. Da sieht man sofort, daß vorn der Schultergürtel und

hinten der Beckengürtel aus denselben Hauptstücken zusammengesetzt

ist wie bei den übrigen »Vierfüßlern«. Überall sehen wir, daß das erste

Glied des eigentlichen Beines nur einen einzigen starken Röhrenknochen

enthält (vorn den Oberarm, hinten den Oberschenkel); dagegen wird das

zweite Glied ursprünglich stets durch zwei Knochen gestützt (vorn

Ellbogen und Speiche, hinten Wadenbein und Schienbein). Vergleichen wir

dann weiter den verwickelten Bau des eigentlichen Fußes, so überrascht

uns die Wahrnehmung, daß die zahlreichen, denselben zusammensetzenden,

kleinen Knochen ebenfalls überall ähnlich angeordnet und gesondert

sind; vorn entsprechen sich in allen Klassen der Tetrapoden die drei

Knochengruppen des Vorderfußes (oder der »Hand«): ~I~. Handwurzel,

~II~. Mittelhand und ~III~. fünf Finger; ebenso hinten die drei

Knochengruppen des Hinterfußes: ~I~. Fußwurzel, ~II~. Mittelfuß

und ~III~. fünf Zehen. Sehr schwierig war die Aufgabe, alte diese

zahlreichen kleinen Knochen, die im einzelnen höchst mannigfaltig

gestaltet und umgebildet, teilweise oft verschmolzen oder verschwunden

sind, auf eine und dieselbe Urform zurückzuführen, sowie die

Gleichwertigkeit der einzelnen Teile überall festzustellen. Diese

wichtige Aufgabe wurde erst vollständig von =Carl Gegenbaur= gelöst.

Er zeigte in seinen »Untersuchungen zur vergleichenden Anatomie

der Wirbeltiere« (1864), wie diese charakteristische »fünfzehige

Beinform« der landbewohnenden Vierfüßler ursprünglich (erst in der

Steinkohlenperiode) aus der vielstrahligen »Flosse« (Brustflosse

oder Bauchflosse) der älteren, wasserbewohnenden Fische entstanden

ist. In gleicher Weise leitete er in seinen »Untersuchungen über das

Kopfskelett der Wirbeltiere« (1872) den jüngeren Schädel der Tetrapoden

aus der älteren Schädelform der Fische ab.

Besonders bemerkenswert ist noch, daß die ursprüngliche, zuerst bei

den alten Amphibien der Steinkohlenzeit entstandene =Fünfzahl der

Zehen= an allen vier Füßen sich infolge strenger =Vererbung= noch beim

Menschen bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Selbstverständlich

ist dementsprechend auch die typische Bildung der Gelenke und Bänder,

der Muskeln und Nerven der zwei Beinpaare, in der Hauptsache dieselbe

geblieben wie bei den übrigen »Vierfüßlern«; auch in diesen =wichtigen

Beziehungen ist der Mensch ein echter Tetrapode=.

_Säugetiernatur des Menschen._ Die Säugetiere (~Mammalia~) bilden

die jüngste und höchst entwickelte Klasse der Wirbeltiere. Sie sind

zwar ebenso wie die Vögel und Reptilien aus der älteren Klasse der

=Amphibien= abzuleiten; sie unterscheiden sich aber von allen diesen

anderen Tetrapoden durch eine Anzahl von sehr auffallenden anatomischen

Merkmalen. Äußerlich tritt vor allem die =Haarbedeckung= der Haut

hervor, sowie der Besitz von zweierlei Hautdrüsen: Schweißdrüsen

und Talgdrüsen. Aus einer lokalen Umbildung dieser Drüsen an der

Bauchhaut entstand dasjenige Organ, welches für die Klasse besonders

charakteristisch ist und ihr den Namen gegeben hat, das »=Gesäuge=«.

Dieses wichtige Werkzeug der Brutpflege ist zusammengesetzt aus

den =Milchdrüsen= (~Mammae~) und den »Mammar-Taschen« (Falten

der Bauchhaut); durch ihre Fortbildung entstanden die Zitzen oder

»=Milchwarzen=« aus denen das junge Säugetier die Milch seiner Mutter

saugt. Im inneren Körperbau ist besonders bemerkenswert der Besitz

eines vollständigen =Zwerchfells=, einer muskulösen Scheidewand, welche

bei allen Säugetieren die Brusthöhle von der Bauchhöhle gänzlich

abschließt; bei allen übrigen Wirbeltieren fehlt diese Trennung.

Durch eine Anzahl von merkwürdigen Umbildungen zeichnet sich auch der

=Schädel= der Mammalien aus, besonders der Bau des Kieferapparates

(Oberkiefer, Unterkiefer und Gehörknochen). Aber auch das Gehirn,

das Geruchsorgan, das Herz, die Lungen, die inneren und äußeren

Geschlechtsorgane, die Nieren und andere Körperteile zeigen bei den

Säugetieren besondere Eigentümlichkeiten im gröberen und feineren Bau;

diese alle vereinigt weisen unzweideutig auf eine frühzeitige Trennung

derselben von den älteren Stammgruppen der Reptilien und Amphibien hin,

welche =spätestens in der Trias-Periode= stattgefunden hat. In allen

diesen wichtigen Beziehungen ist =der Mensch ein echtes Säugetier=.

_Plazentaliennatur des Menschen._ Die zahlreichen Ordnungen, welche

die moderne systematische Zoologie in der Klasse der Säugetiere

unterscheidet, werden schon seit 1816 in drei natürliche Hauptgruppen

geordnet, welchen man den Wert von Unterklassen zuspricht: ~I~.

=Gabeltiere= (~Monotrema~), ~II~. =Beuteltiere= (~Marsupialia~)

und ~III~. =Zottentiere= (~Placentalia~). Diese drei Unterklassen

unterscheiden sich nicht nur in wichtigen Verhältnissen des Körperbaues

und der Entwickelung, sondern entsprechen auch drei verschiedenen

=historischen Bildungsstufen= der Klasse, wie wir später sehen werden.

Auf die älteste Gruppe, die =Monotremen= der Triasperiode, sind in

der Jurazeit die =Marsupialien= gefolgt, und auf diese erst in der

Kreideperiode die =Plazentalien=. Zu dieser jüngsten Unterklasse

gehört auch der Mensch; denn er zeigt in seiner Organisation alle

die Eigentümlichkeiten, durch welche sich sämtliche Zottentiere von

den Beuteltieren und den noch älteren Gabeltieren unterscheiden.

In erster Linie gehört dahin das eigentümliche Organ, welches der

Plazentaliengruppe ihren Namen gegeben hat, der =Mutterkuchen=

(~Placenta~). Dasselbe dient dem jungen, im Mutterleibe noch

eingeschlossenen Säugetier-Embryo längere Zeit zur Ernährung; es

besteht in blutführenden =Zotten=, welche von der Zottenhaut der

Keimhülle auswachsen und in entsprechende Grübchen der Schleimhaut

des mütterlichen Fruchtbehälters eindringen; hier wird die zarte

Haut zwischen beiden Gebilden so sehr verdünnt, daß unmittelbar die

ernährenden Stoffe aus dem mütterlichen Blute durch dieselbe hindurch

in das kindliche Blut übertreten können. Diese vortreffliche, erst

spät entstandene Ernährungsart des Keimes ermöglicht demselben einen

längeren Aufenthalt und eine weitere Ausbildung in der schützenden

Gebärmutter; sie fehlt noch den beiden älteren Unterklassen der

Beuteltiere und Gabeltiere. Aber auch durch andere anatomische

Merkmale, insbesondere die höhere Ausbildung des Gehirns und den

Verlust der Beutelknochen, erheben sich die Zottentiere über die

letzteren. In allen diesen wichtigen Beziehungen ist =der Mensch ein

echtes Zottentier=.

_Primatennatur des Menschen._ Die formenreiche Subklasse der

Placentaltiere wird neuerdings in eine große Zahl von =Ordnungen=

geteilt. Als ihre wichtigsten Vertreter in der Gegenwart führen wir

hier nur die Nagetiere, Huftiere, Raubtiere und Herrentiere an. Zur

Legion der =Herrentiere= (~Primates~) gehören die drei Ordnungen

der Halbaffen, der echten Affen und der Menschen. Alle Angehörigen

dieser drei Ordnungen stimmen in vielen wichtigen Eigentümlichkeiten

überein und unterscheiden sich dadurch von den übrigen Ordnungen

der Zottentiere. Besonders zeichnen sie sich durch lange Beine aus,

welche ursprünglich der kletternden Lebensweise auf Bäumen angepaßt

sind. Hände und Füße sind fünfzehig und die langen Finger vortrefflich

zum Greifen und zum Umfassen der Baumzweige geeignet; sie tragen

entweder teilweise oder sämtlich Nägel (keine Krallen). Das Gebiß ist

vollständig, aus allen vier Zahngruppen zusammengesetzt (Schneidezähne,

Eckzähne, Lückenzähne, Backenzähne). Auch durch wichtige

Eigentümlichkeiten im besonderen Bau des Schädels und des Gehirns

unterscheiden sich die Herrentiere von den übrigen Zottentieren, und

zwar um so auffälliger, je höher sie ausgebildet, je später sie in der

Erdgeschichte aufgetreten sind. In allen diesen wichtigen anatomischen

Beziehungen stimmt unser menschlicher Organismus mit demjenigen der

übrigen =Primaten= überein: =der Mensch ist ein echtes Herrentier.=

_Affennatur des Menschen._ Eine unbefangene gründliche Vergleichung

des Körperbaues der Primaten läßt zunächst in dieser höchst

entwickelten Säugetierlegion zwei Ordnungen unterscheiden: =Halbaffen=

(~Prosimiae~) und =Affen= (~Simiae~). Die ersteren erscheinen

in jeder Beziehung als die niedere und ältere, die letzteren als

die höhere und jüngere Ordnung. Die Gebärmutter der Halbaffen ist

noch doppelt oder zweihörnig, wie bei allen übrigen Säugetieren;

bei den Affen dagegen sind rechter und linker Fruchtbehälter völlig

verschmolzen; sie bilden einen =birnförmigen Uterus=, wie ihn außerdem

nur der Mensch besitzt. Wie bei diesem, so ist auch bei den Affen am

Schädel die Augenhöhle von der Schläfengrube durch eine knöcherne

Scheidewand vollständig getrennt; bei den Halbaffen ist diese noch

gar nicht oder nur unvollständig ausgebildet. Endlich ist bei den

Halbaffen das große Gehirn noch glatt oder nur schwach gefurcht und

verhältnismäßig klein; bei den Affen ist es viel größer, und besonders

der graue Hirnmantel, das Organ der höheren Seelentätigkeiten, ist viel

besser entwickelt; an seiner Oberfläche sind die charakteristischen

Windungen und Furchen um so mehr ausgeprägt, je mehr er sich dem

Menschen nähert. In diesen und anderen wichtigen Beziehungen, besonders

auch in der Bildung des Gesichts und der Hände, zeigt der =Mensch alle

anatomischen Merkmale der echten Affen=.

Die Welträtsel: Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie · 第 2 / 27 段