und Lebenstätigkeit der Organismen haben zunächst den sichtbaren Körper
ins Auge zu fassen, an welchem uns die betreffenden morphologischen und
physiologischen Erscheinungen entgegentreten. Dieser Grundsatz gilt
ebenso für den =Menschen= wie für alle anderen belebten Naturkörper.
Dabei darf sich die Untersuchung nicht mit der Betrachtung der äußeren
Gestalt begnügen, sondern sie muß in das Innere derselben eindringen
und ihre Zusammensetzung aus den gröberen und feineren Bestandteilen
erforschen. Die Wissenschaft, welche diese grundlegende Untersuchung im
weitesten Umfange auszuführen hat, ist die =Anatomie=.
_Menschliche Anatomie._ Die erste Anregung zur Erkenntnis des
menschlichen Körperbaues ging naturgemäß von der Heilkunde aus. Da
diese bei den ältesten Kulturvölkern gewöhnlich von den Priestern
ausgeübt wurde, dürfen wir annehmen, daß diese höchsten Vertreter der
damaligen Bildung schon im zweiten Jahrtausend vor Christo und früher
über ein gewisses Maß von anatomischen Kenntnissen verfügten. Aber
genauere Erfahrungen, gewonnen durch die Zergliederung von Säugetieren
und von diesen übertragen auf den Menschen, finden wir erst bei den
Griechen, von denen =Hippokrates= lange als vorzüglichste Autorität
galt. Nach ihm erscheint nur noch ein bedeutender Anatom im Altertum,
der Arzt =Claudius Galenus=. Alle diese älteren Anatomen erwarben
ihre Kenntnisse zum größten Teile nicht durch die Untersuchung des
menschlichen Körpers selbst -- die damals noch streng verboten war! --,
sondern durch diejenige der menschenähnlichsten Säugetiere, besonders
der =Affen=; sie waren also alle eigentlich schon »=vergleichende=
Anatomen«.
Das Emporblühen des =Christentums= und der damit verknüpften
mystischen Weltanschauung bereitete der Anatomie, wie allen anderen
Naturwissenschaften, den Niedergang. Die römischen =Päpste= waren
vor allem bestrebt, die Menschheit in =Unwissenheit= und in blindem
Aberglauben zu erhalten; sie hielten die Kenntnis des menschlichen
Organismus mit Recht für ein gefährliches Mittel der Aufklärung
über unser wahres Wesen. Während des langen Zeitraums von dreizehn
Jahrhunderten blieben die Schriften des =Galenus= fast die einzige
Quelle für die menschliche Anatomie, ebenso wie diejenigen des
=Aristoteles= für die gesamte Naturgeschichte. Erst als im sechzehnten
Jahrhundert n. Chr. durch die =Reformation= die geistige Weltherrschaft
des Papismus gebrochen und durch das neue Weltsystem des =Kopernikus=
die eng damit verknüpfte geozentrische Weltanschauung zerstört wurde,
begann auch für die Erkenntnis des menschlichen Körpers eine neue
Periode des Aufschwungs. Die großen Anatomen =Vesalius=, =Eustachius=
und =Fallopius= förderten durch eigene gründliche Untersuchungen die
genaue Kenntnis unseres Körperbaues so sehr, daß ihren zahlreichen
Nachfolgern bezüglich der gröberen Verhältnisse hauptsächlich nur
Einzelheiten festzustellen übrigblieben. Der ebenso kühne wie
geistreiche =Andreas Vesalius= ging bahnbrechend allen voran; er
vollendete schon in seinem 28. Lebensjahre das große, einheitlich
durchgeführte Werk »~De humani corporis fabrica~« (1543) und gab
der ganzen menschlichen Anatomie eine neue, selbständige Richtung und
sichere Grundlage.
_Vergleichende Anatomie._ Die Verdienste, welche das neunzehnte
Jahrhundert sich um die Erkenntnis des menschlichen Körperbaues
erworben hat, bestehen vor allem in dem Ausbau von zwei neuen, überaus
wichtigen Forschungsrichtungen, der »=vergleichenden Anatomie=« und
der »=Gewebelehre=« oder der »mikroskopischen Anatomie«. Die erstere
war allerdings schon von Anfang an mit der menschlichen Anatomie
eng verknüpft gewesen; denn diese wurde solange durch die erstere
ersetzt, als die Sektion menschlicher Leichen für ein todeswürdiges
Verbrechen galt -- und das war selbst noch im 15. Jahrhundert der
Fall! Aber die zahlreichen Anatomen der folgenden drei Jahrhunderte
beschränkten sich größtenteils auf die genaue Untersuchung des
menschlichen Organismus. Diejenige hochentwickelte Disziplin, die wir
heute vergleichende Anatomie nennen, wurde erst im Jahre 1803 geboren,
als der große französische Zoologe =George Cuvier= seine grundlegenden
»~Leçons sur l'Anatomie comparée~« herausgab und darin zum ersten
Male bestimmte Gesetze über den Körperbau des Menschen und der Tiere
festzustellen suchte. Während seine Vorläufer -- unter ihnen auch
=Goethe= 1790 -- hauptsächlich nur das Knochengerüst des Menschen mit
demjenigen der übrigen Säugetiere eingehend verglichen hatten, umfaßte
=Cuviers= weiter Blick die Gesamtheit der tierischen Organisation;
er unterschied in derselben vier große, voneinander unabhängige
Hauptformen oder =Typen=: Wirbeltiere, Gliedertiere, Weichtiere und
Strahltiere. Für die »Frage aller Fragen« war dieser Fortschritt
insofern epochemachend, als damit klar die Zugehörigkeit des Menschen
zum Typus der =Wirbeltiere= -- sowie seine Grundverschiedenheit von
allen anderen Typen -- ausgesprochen war. Allerdings hatte schon der
scharfblickende Linné in seinem ersten »~Systema naturae~« (1735)
dem Menschen definitiv seinen Platz in der Klasse der =Säugetiere=
angewiesen; er vereinigte sogar in der Ordnung der =Herrentiere= die
drei Gruppen der Halbaffen, Affen und Menschen. Aber es fehlte diesem
kühnen systematischen Griffe noch jene tiefere empirische Begründung
durch die vergleichende Anatomie, die erst =Cuvier= herbeiführte.
Diese fand ihre weitere Ausführung durch die großen vergleichenden
Anatomen des 19. Jahrhunderts, durch =Friedrich Meckel=, =Johannes
Müller=, =Richard Owen=, =Thomas Huxley= und =Carl Gegenbaur=. Indem
dieser letztere in seinen Grundzügen der vergleichenden Anatomie (1870)
zum ersten Male die durch =Darwin= neu begründete Abstammungslehre
auf jene Wissenschaft anwandte, erhob er sie zum ersten Range unter
den biologischen Disziplinen. Seine »Vergleichende Anatomie der
Wirbeltiere« (1898) legte den unerschütterlichen Grund fest, auf
welchem sich unsere Überzeugung von der Wirbeltiernatur des Menschen
nach allen Richtungen hin klar beweisen läßt.
=Gewebelehre= (~Histologie~) und =Zellenlehre= (~Cytologie~). In
ganz anderer Richtung als die vergleichende entwickelte sich im Laufe
des 19. Jahrhunderts die =mikroskopische Anatomie=. Schon im Anfange
desselben (1802) unternahm ein französischer Arzt, =Bichat=, den
Versuch, mittels des Mikroskops die Organe des menschlichen Körpers in
ihre einzelnen feineren Bestandteile zu zerlegen und die Beziehungen
dieser verschiedenen =Gewebe= festzustellen. Aber dieser erste Versuch
führte nicht weit, da ihm das gemeinsame Element für die zahlreichen,
verschiedenen Gewebe unbekannt blieb. Dies wurde erst 1838 für die
Pflanzen in der =Zelle= von =Matthias Schleiden= entdeckt und gleich
darauf auch für die Tiere von =Theodor Schwann= nachgewiesen. =Albert
Kölliker= und =Rudolf Virchow= führten dann im sechsten Dezennium
des 19. Jahrhunderts die =Zellentheorie= und die darauf gegründete
Gewebelehre für den gesunden und kranken Organismus des Menschen im
einzelnen durch; sie wiesen nach, daß auch im Menschen, wie in allen
anderen Tieren, alle Gewebe sich aus den gleichen mikroskopischen
Formbestandteilen, den einfachen =Zellen=, zusammensetzen, und daß
diese »Elementar-Organismen« die wahren, selbsttätigen Staatsbürger
sind, die, zu Milliarden vereinigt, unseren Körper, den »Zellenstaat«,
aufbauen. Alle diese Zellen entstehen durch oft wiederholte Teilung
aus einer einzigen, einfachen Zelle, aus der »=Stammzelle=« oder
»befruchteten Eizelle« (~Cytula~). Die allgemeine Struktur und
Zusammensetzung der Gewebe ist beim Menschen dieselbe wie bei den
übrigen Wirbeltieren. Unter diesen zeichnen sich die Säugetiere, die
jüngste und höchst entwickelte Klasse, durch gewisse besondere, spät
erworbene Eigentümlichkeiten aus. So ist z. B. die mikroskopische
Bildung der Haare, der Hautdrüsen, der Milchdrüsen, der Blutzellen bei
den Säugetieren ganz eigentümlich und verschieden von derjenigen der
übrigen Wirbeltiere; der =Mensch= ist auch in allen diesen feinsten
histologischen Beziehungen ein =echtes Säugetier=.
_Wirbeltiernatur des Menschen._ Unser gesamter Körperbau zeigt
sowohl in der gröberen als in der feineren Zusammensetzung den
charakteristischen Typus der =Wirbeltiere= (~Vertebrata~). Diese
höchst entwickelte Hauptgruppe des Tierreichs wurde in ihrer
natürlichen Einheit zuerst 1801 von dem großen =Lamarck= erkannt; er
faßte unter diesem Begriffe die vier höheren Tierklassen von =Linné=
zusammen: Säugetiere, Vögel, Amphibien und Fische. Die beiden niederen
Klassen: Insekten und Würmer, stellte er jenen als »=Wirbellose=«
(~Invertebrata~) gegenüber. =Cuvier= bestätigte (1812) die
Einheit des Vertebratentypus und begründete sie fester durch seine
vergleichende Anatomie. In der Tat stimmen alle Wirbeltiere, von den
Fischen aufwärts bis zum Menschen, in allen wesentlichen Hauptmerkmalen
überein; sie besitzen alle ein festes inneres Skelett, Knorpel- und
Knochengerüst, und dieses besteht überall aus einer Wirbelsäule und
einem Schädel; die verwickelte Zusammensetzung des letzteren ist zwar
im einzelnen sehr mannigfaltig, aber im allgemeinen stets auf dieselbe
Urform zurückzuführen. Ferner liegt bei allen Wirbeltieren auf der
Rückenseite dieses Achsenskeletts das »Seelenorgan«, das zentrale
Nervensystem, in Gestalt eines Rückenmarks und eines Gehirns. Auch von
diesem wichtigen =Gehirn= gilt dasselbe wie von der es umschließenden
Knochenkapsel, dem =Schädel=; im einzelnen ist seine Ausbildung und
Größe höchst mannigfaltig abgestuft; im großen und ganzen bleibt die
charakteristische Zusammensetzung dieselbe.
Die gleiche Erscheinung zeigt sich auch, wenn wir die übrigen Organe
unseres Körpers mit denen der anderen Wirbeltiere vergleichen:
überall bleibt infolge von =Vererbung= die ursprüngliche Anlage und
die relative Lagerung der Organe dieselbe, obgleich die Größe und
Ausbildung der einzelnen Teile höchst mannigfaltig sich sondert,
entsprechend der =Anpassung= an sehr verschiedene Lebensbedingungen.
So sehen wir, daß überall das Blut in zwei Hauptröhren kreist, von
denen die eine (Aorta) über dem Darm, die andere (Prinzipalvene) unter
dem Darm verläuft, und daß durch Erweiterung der letzteren an einer
ganz bestimmten Stelle das =Herz= entsteht; dieses »Ventralherz«
ist für alle Wirbeltiere ebenso charakteristisch wie umgekehrt das
Rückengefäß oder »Dorsalherz« für die Gliedertiere und Weichtiere.
Nicht minder eigentümlich ist bei allen Vertebraten die frühzeitige
Scheidung des Darmrohres in einen zur Atmung dienenden =Kopfdarm= (oder
»Kiemendarm«) und einen die Verdauung bewirkenden =Rumpfdarm= mit der
Leber (daher »Leberdarm«); ferner die Gliederung des Muskelsystems, die
besondere Bildung der Harn- und Geschlechtsorgane usw. In allen diesen
anatomischen Beziehungen ist =der Mensch ein echtes Wirbeltier=.
_Tetrapodennatur des Menschen._ Mit der Bezeichnung =Vierfüßler=
(~Tetrapoda~) hatte schon =Aristoteles= alle jene höheren,
blutführenden Tiere belegt, welche sich durch den Besitz von zwei
Beinpaaren auszeichnen. Später wurde dieser Begriff erweitert, nachdem
=Cuvier= gezeigt hatte, daß auch die »zweibeinigen« Vögel und Menschen
eigentlich Vierfüßler sind; er wies nach, daß das innere Knochengerüst
der vier Beine bei allen höheren landbewohnenden Wirbeltieren, von den
Amphibien aufwärts bis zum Menschen, ursprünglich in gleicher Weise aus
einer bestimmten Zahl von Gliedern zusammengesetzt ist. Auch die »Arme«
des Menschen, die »Flügel« der Fledermäuse und Vögel zeigen denselben
typischen Skelettbau wie die »Vorderbeine« der laufenden, eigentlich
vierfüßigen Tiere.
Diese =anatomische Einheit= des verwickelten Knochengerüstes in den
vier Gliedmaßen aller Tetrapoden ist =sehr wichtig=. Um sich wirklich
davon zu überzeugen, braucht man bloß das Skelett eines Salamanders
oder Frosches mit demjenigen eines Affen oder Menschen aufmerksam zu
vergleichen. Da sieht man sofort, daß vorn der Schultergürtel und
hinten der Beckengürtel aus denselben Hauptstücken zusammengesetzt
ist wie bei den übrigen »Vierfüßlern«. Überall sehen wir, daß das erste
Glied des eigentlichen Beines nur einen einzigen starken Röhrenknochen
enthält (vorn den Oberarm, hinten den Oberschenkel); dagegen wird das
zweite Glied ursprünglich stets durch zwei Knochen gestützt (vorn
Ellbogen und Speiche, hinten Wadenbein und Schienbein). Vergleichen wir
dann weiter den verwickelten Bau des eigentlichen Fußes, so überrascht
uns die Wahrnehmung, daß die zahlreichen, denselben zusammensetzenden,
kleinen Knochen ebenfalls überall ähnlich angeordnet und gesondert
sind; vorn entsprechen sich in allen Klassen der Tetrapoden die drei
Knochengruppen des Vorderfußes (oder der »Hand«): ~I~. Handwurzel,
~II~. Mittelhand und ~III~. fünf Finger; ebenso hinten die drei
Knochengruppen des Hinterfußes: ~I~. Fußwurzel, ~II~. Mittelfuß
und ~III~. fünf Zehen. Sehr schwierig war die Aufgabe, alte diese
zahlreichen kleinen Knochen, die im einzelnen höchst mannigfaltig
gestaltet und umgebildet, teilweise oft verschmolzen oder verschwunden
sind, auf eine und dieselbe Urform zurückzuführen, sowie die
Gleichwertigkeit der einzelnen Teile überall festzustellen. Diese
wichtige Aufgabe wurde erst vollständig von =Carl Gegenbaur= gelöst.
Er zeigte in seinen »Untersuchungen zur vergleichenden Anatomie
der Wirbeltiere« (1864), wie diese charakteristische »fünfzehige
Beinform« der landbewohnenden Vierfüßler ursprünglich (erst in der
Steinkohlenperiode) aus der vielstrahligen »Flosse« (Brustflosse
oder Bauchflosse) der älteren, wasserbewohnenden Fische entstanden
ist. In gleicher Weise leitete er in seinen »Untersuchungen über das
Kopfskelett der Wirbeltiere« (1872) den jüngeren Schädel der Tetrapoden
aus der älteren Schädelform der Fische ab.
Besonders bemerkenswert ist noch, daß die ursprüngliche, zuerst bei
den alten Amphibien der Steinkohlenzeit entstandene =Fünfzahl der
Zehen= an allen vier Füßen sich infolge strenger =Vererbung= noch beim
Menschen bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Selbstverständlich
ist dementsprechend auch die typische Bildung der Gelenke und Bänder,
der Muskeln und Nerven der zwei Beinpaare, in der Hauptsache dieselbe
geblieben wie bei den übrigen »Vierfüßlern«; auch in diesen =wichtigen
Beziehungen ist der Mensch ein echter Tetrapode=.
_Säugetiernatur des Menschen._ Die Säugetiere (~Mammalia~) bilden
die jüngste und höchst entwickelte Klasse der Wirbeltiere. Sie sind
zwar ebenso wie die Vögel und Reptilien aus der älteren Klasse der
=Amphibien= abzuleiten; sie unterscheiden sich aber von allen diesen
anderen Tetrapoden durch eine Anzahl von sehr auffallenden anatomischen
Merkmalen. Äußerlich tritt vor allem die =Haarbedeckung= der Haut
hervor, sowie der Besitz von zweierlei Hautdrüsen: Schweißdrüsen
und Talgdrüsen. Aus einer lokalen Umbildung dieser Drüsen an der
Bauchhaut entstand dasjenige Organ, welches für die Klasse besonders
charakteristisch ist und ihr den Namen gegeben hat, das »=Gesäuge=«.
Dieses wichtige Werkzeug der Brutpflege ist zusammengesetzt aus
den =Milchdrüsen= (~Mammae~) und den »Mammar-Taschen« (Falten
der Bauchhaut); durch ihre Fortbildung entstanden die Zitzen oder
»=Milchwarzen=« aus denen das junge Säugetier die Milch seiner Mutter
saugt. Im inneren Körperbau ist besonders bemerkenswert der Besitz
eines vollständigen =Zwerchfells=, einer muskulösen Scheidewand, welche
bei allen Säugetieren die Brusthöhle von der Bauchhöhle gänzlich
abschließt; bei allen übrigen Wirbeltieren fehlt diese Trennung.
Durch eine Anzahl von merkwürdigen Umbildungen zeichnet sich auch der
=Schädel= der Mammalien aus, besonders der Bau des Kieferapparates
(Oberkiefer, Unterkiefer und Gehörknochen). Aber auch das Gehirn,
das Geruchsorgan, das Herz, die Lungen, die inneren und äußeren
Geschlechtsorgane, die Nieren und andere Körperteile zeigen bei den
Säugetieren besondere Eigentümlichkeiten im gröberen und feineren Bau;
diese alle vereinigt weisen unzweideutig auf eine frühzeitige Trennung
derselben von den älteren Stammgruppen der Reptilien und Amphibien hin,
welche =spätestens in der Trias-Periode= stattgefunden hat. In allen
diesen wichtigen Beziehungen ist =der Mensch ein echtes Säugetier=.
_Plazentaliennatur des Menschen._ Die zahlreichen Ordnungen, welche
die moderne systematische Zoologie in der Klasse der Säugetiere
unterscheidet, werden schon seit 1816 in drei natürliche Hauptgruppen
geordnet, welchen man den Wert von Unterklassen zuspricht: ~I~.
=Gabeltiere= (~Monotrema~), ~II~. =Beuteltiere= (~Marsupialia~)
und ~III~. =Zottentiere= (~Placentalia~). Diese drei Unterklassen
unterscheiden sich nicht nur in wichtigen Verhältnissen des Körperbaues
und der Entwickelung, sondern entsprechen auch drei verschiedenen
=historischen Bildungsstufen= der Klasse, wie wir später sehen werden.
Auf die älteste Gruppe, die =Monotremen= der Triasperiode, sind in
der Jurazeit die =Marsupialien= gefolgt, und auf diese erst in der
Kreideperiode die =Plazentalien=. Zu dieser jüngsten Unterklasse
gehört auch der Mensch; denn er zeigt in seiner Organisation alle
die Eigentümlichkeiten, durch welche sich sämtliche Zottentiere von
den Beuteltieren und den noch älteren Gabeltieren unterscheiden.
In erster Linie gehört dahin das eigentümliche Organ, welches der
Plazentaliengruppe ihren Namen gegeben hat, der =Mutterkuchen=
(~Placenta~). Dasselbe dient dem jungen, im Mutterleibe noch
eingeschlossenen Säugetier-Embryo längere Zeit zur Ernährung; es
besteht in blutführenden =Zotten=, welche von der Zottenhaut der
Keimhülle auswachsen und in entsprechende Grübchen der Schleimhaut
des mütterlichen Fruchtbehälters eindringen; hier wird die zarte
Haut zwischen beiden Gebilden so sehr verdünnt, daß unmittelbar die
ernährenden Stoffe aus dem mütterlichen Blute durch dieselbe hindurch
in das kindliche Blut übertreten können. Diese vortreffliche, erst
spät entstandene Ernährungsart des Keimes ermöglicht demselben einen
längeren Aufenthalt und eine weitere Ausbildung in der schützenden
Gebärmutter; sie fehlt noch den beiden älteren Unterklassen der
Beuteltiere und Gabeltiere. Aber auch durch andere anatomische
Merkmale, insbesondere die höhere Ausbildung des Gehirns und den
Verlust der Beutelknochen, erheben sich die Zottentiere über die
letzteren. In allen diesen wichtigen Beziehungen ist =der Mensch ein
echtes Zottentier=.
_Primatennatur des Menschen._ Die formenreiche Subklasse der
Placentaltiere wird neuerdings in eine große Zahl von =Ordnungen=
geteilt. Als ihre wichtigsten Vertreter in der Gegenwart führen wir
hier nur die Nagetiere, Huftiere, Raubtiere und Herrentiere an. Zur
Legion der =Herrentiere= (~Primates~) gehören die drei Ordnungen
der Halbaffen, der echten Affen und der Menschen. Alle Angehörigen
dieser drei Ordnungen stimmen in vielen wichtigen Eigentümlichkeiten
überein und unterscheiden sich dadurch von den übrigen Ordnungen
der Zottentiere. Besonders zeichnen sie sich durch lange Beine aus,
welche ursprünglich der kletternden Lebensweise auf Bäumen angepaßt
sind. Hände und Füße sind fünfzehig und die langen Finger vortrefflich
zum Greifen und zum Umfassen der Baumzweige geeignet; sie tragen
entweder teilweise oder sämtlich Nägel (keine Krallen). Das Gebiß ist
vollständig, aus allen vier Zahngruppen zusammengesetzt (Schneidezähne,
Eckzähne, Lückenzähne, Backenzähne). Auch durch wichtige
Eigentümlichkeiten im besonderen Bau des Schädels und des Gehirns
unterscheiden sich die Herrentiere von den übrigen Zottentieren, und
zwar um so auffälliger, je höher sie ausgebildet, je später sie in der
Erdgeschichte aufgetreten sind. In allen diesen wichtigen anatomischen
Beziehungen stimmt unser menschlicher Organismus mit demjenigen der
übrigen =Primaten= überein: =der Mensch ist ein echtes Herrentier.=
_Affennatur des Menschen._ Eine unbefangene gründliche Vergleichung
des Körperbaues der Primaten läßt zunächst in dieser höchst
entwickelten Säugetierlegion zwei Ordnungen unterscheiden: =Halbaffen=
(~Prosimiae~) und =Affen= (~Simiae~). Die ersteren erscheinen
in jeder Beziehung als die niedere und ältere, die letzteren als
die höhere und jüngere Ordnung. Die Gebärmutter der Halbaffen ist
noch doppelt oder zweihörnig, wie bei allen übrigen Säugetieren;
bei den Affen dagegen sind rechter und linker Fruchtbehälter völlig
verschmolzen; sie bilden einen =birnförmigen Uterus=, wie ihn außerdem
nur der Mensch besitzt. Wie bei diesem, so ist auch bei den Affen am
Schädel die Augenhöhle von der Schläfengrube durch eine knöcherne
Scheidewand vollständig getrennt; bei den Halbaffen ist diese noch
gar nicht oder nur unvollständig ausgebildet. Endlich ist bei den
Halbaffen das große Gehirn noch glatt oder nur schwach gefurcht und
verhältnismäßig klein; bei den Affen ist es viel größer, und besonders
der graue Hirnmantel, das Organ der höheren Seelentätigkeiten, ist viel
besser entwickelt; an seiner Oberfläche sind die charakteristischen
Windungen und Furchen um so mehr ausgeprägt, je mehr er sich dem
Menschen nähert. In diesen und anderen wichtigen Beziehungen, besonders
auch in der Bildung des Gesichts und der Hände, zeigt der =Mensch alle
anatomischen Merkmale der echten Affen=.