_Katarrhinennatur des Menschen._ Die formenreiche Ordnung der Affen

wurde schon 1812 von =Géoffroy= in zwei natürliche Unterordnungen

geteilt, die noch heute allgemein in der systematischen Zoologie

angenommen sind: Westaffen und Ostaffen; erstere bewohnen

ausschließlich die westliche, letztere die östliche Erdhälfte. Die

amerikanischen =Westaffen= heißen »=Plattnasen=« (~Platyrrhinae~),

weil ihre Nase plattgedrückt, die Nasenlöcher seitlich gerichtet und

deren Scheidewand breit ist. Dagegen sind die =Ostaffen=, welche

die Alte Welt bewohnen, sämtlich »=Schmalnasen=« (~Catarrhinae~);

ihre Nasenlöcher sind wie beim Menschen nach unten gerichtet, da

ihre Scheidewand schmal ist. Ein weiterer Unterschied beider Gruppen

besteht darin, daß das Trommelfell bei den Westaffen oberflächlich,

dagegen bei den Ostaffen tiefer, im Innern des Felsenbeins liegt;

hier hat sich ein langer und enger knöcherner Gehörgang entwickelt,

während dieser bei den Westaffen noch kurz und weit ist oder selbst

ganz fehlt. Endlich zeigt sich ein sehr wichtiger und durchgreifender

Gegensatz beider Gruppen darin, daß alle Katarrhinen die Gebißbildung

des Menschen besitzen, nämlich 20 Milchzähne und 32 bleibende Zähne

(in jeder Kieferhälfte 2 Schneidezähne, 1 Eckzahn, 2 Lückenzähne und

3 Mahlzähne). Die Platyrrhinen dagegen zeigen in jeder Kieferhälfte

einen Lückenzahn mehr, also im ganzen 36 Zähne. Da diese anatomischen

Unterschiede beider Affengruppen ganz allgemein und durchgreifend sind,

und da sie mit der geographischen Verbreitung in den beiden getrennten

Hemisphären der Erde zusammenstimmen, ergibt sich daraus die

Berechtigung ihrer scharfen systematischen Trennung; weiterhin knüpft

sich daran die phylogenetische Folgerung, daß seit sehr langer

Zeit sich beide Unterordnungen in der westlichen und östlichen

Hemisphäre getrennt von einander entwickelt haben. Das ist für die

Stammesgeschichte unsere Geschlechts überaus wichtig; denn der Mensch

teilt alle Merkmale der =echten Katarrhinen=; er hat sich aus älteren

ausgestorbenen Affen dieser Unterordnung in der Alten Welt entwickelt.

_Anthropomorphengruppe._ Die zahlreichen Formen der Ostaffen,

welche noch heute in Asien und Afrika leben, werden schon seit

langer Zeit in zwei natürliche Sektionen geteilt: die geschwänzten

=Hundsaffen= (~Cynopitheca~) und die schwanzlosen =Menschenaffen=

(~Anthropomorpha~). Diese letzteren stehen dem Menschen viel näher

als die ersteren, nicht nur in dem Mangel des Schwanzes und in der

allgemeinen Gestaltung des Körpers (besonders des Kopfes), sondern auch

durch besondere Merkmale, die an sich unbedeutend, aber wegen ihrer

Beständigkeit wichtig sind. Das Kreuzbein ist bei den Menschenaffen,

wie beim Menschen, aus fünf verschmolzenen Wirbeln zusammengesetzt,

dagegen bei den Hundsaffen nur aus drei (seltener vier) Kreuzwirbeln.

Im Gebiß der =Cynopitheken= sind die Lückenzähne länger als breit,

in demjenigen der =Anthropomorphen= breiter als lang; und der erste

Mahlzahn zeigt bei den ersteren vier, bei den letzteren dagegen fünf

Höcker. Ferner ist im Unterkiefer jederseits bei den Menschenaffen, wie

beim Menschen, der äußere Schneidezahn breiter als der innere, bei den

Hundsaffen umgekehrt schmäler. Endlich ist von besonderer Bedeutung

die wichtige Tatsache, daß die Menschenaffen mit dem Menschen auch die

eigentümlichen feineren Bildungsverhältnisse seiner scheibenförmigen

~Placenta~, der ~Docidua reflexa~ und des Bauchstiels teilen

(vergl. Kap. 4). Übrigens ergibt schon die oberflächliche Vergleichung

der Körperform der heute noch lebenden Menschenaffen, daß sowohl

die asiatischen Vertreter dieser Gruppe (Orang und Gibbon), als

die afrikanischen Vertreter (Gorilla und Schimpanse) dem Menschen

im gesamten Körperbau näher stehen als sämtliche Hundsaffen. Unter

diesen letzteren stehen namentlich die hundsköpfigen =Papstaffen=

(~Papiomorpha~), die Paviane und Meerkatzen, auf einer sehr tiefen

Bildungsstufe. Der anatomische Unterschied zwischen diesen rohen

Papstaffen und den höchst entwickelten Menschenaffen ist in jeder

Beziehung größer als derjenige zwischen den letzteren und dem Menschen.

Die vergleichende Anatomie ergibt somit für den unbefangenen und

kritischen Forscher die bedeutungsvolle Tatsache, daß der Körperbau des

Menschen und der Menschenaffen nicht nur im höchsten Grade ähnlich,

sondern in allen wesentlichen Beziehungen derselbe ist. Dieselben

200 Knochen, in der gleichen Anordnung und Zusammensetzung, bilden

unser inneres Knochengerüst; dieselben 300 Muskeln bewirken unsere

Bewegungen; dieselben Haare bedecken unsere Haut; dieselben Gruppen

von Seelenzellen setzen den kunstvollen Wunderbau unseres Gehirns

zusammen; dasselbe vierkammerige Herz ist das zentrale Pumpwerk unseres

Blutkreislaufs; dieselben 32 Zähne setzen in der gleichen Anordnung

unser Gebiß zusammen; dieselben Speicheldrüsen, Leber- und Darmdrüsen

vermitteln unsere Verdauung; dieselben Organe der Fortpflanzung

ermöglichen die Erhaltung unseres Geschlechts.

Allerdings finden wir bei genauer Vergleichung gewisse Unterschiede in

der =Größe= und =Gestalt= der meisten Organe zwischen dem Menschen und

Menschenaffen; allein dieselben oder ähnliche Unterschiede entdecken

wir auch bei der sorgfältigen Vergleichung der höheren und niederen

Menschenrassen, ja sogar bei der exakten Vergleichung aller einzelnen

Individuen unserer eigenen Rasse. Wir finden nicht zwei Personen,

welche ganz genau dieselbe Größe und Form der Nase, der Ohren, der

Augen usw. haben. Man braucht bloß aufmerksam in einer größeren

Gesellschaft diese einzelnen Teile der menschlichen =Gesichtsbildung=

bei zahlreichen Personen zu vergleichen, um sich von der erstaunlichen

Mannigfaltigkeit in deren spezieller Gestaltung zu überzeugen. Oft sind

ja bekanntlich selbst Geschwister von so verschiedener Körperbildung,

daß ihre Abstammung von einem und demselben Elternpaare kaum glaublich

erscheint. Alle diese =individuellen= Unterschiede beeinträchtigen aber

nicht das Gewicht der =fundamentalen Gleichheit im Körperbau=; denn

sie sind nur bedingt durch geringe Verschiedenheiten im Wachstum der

einzelnen Teile.

=Drittes Kapitel.=

_Unser Leben._

Monistische Studien über menschliche und vergleichende Physiologie.

Übereinstimmung in allen Lebensfunktionen des Menschen und der

Säugetiere.

Unsere Kenntnis vom menschlichen Leben hat sich erst innerhalb des 19.

Jahrhunderts zum Range einer selbständigen, wirklichen =Wissenschaft=

erhoben. Diese »Lehre von den Lebenstätigkeiten«, die =Physiologie=,

hat sich zwar frühzeitig der Heilkunde als eine wünschenswerte, ja

notwendige Vorbedingung für erfolgreiche ärztliche Tätigkeit fühlbar

gemacht, in engem Zusammenhang mit der Anatomie, der Lehre vom

Körperbau. Aber sie konnte erst viel später und langsamer als letztere

gründlich erforscht werden, da sie auf viel größere Schwierigkeiten

stieß.

Der Begriff des Lebens, im Gegensatz zum Tode, ist natürlich schon

sehr frühzeitig Gegenstand des Nachdenkens gewesen. Man beobachtete

am lebenden Menschen wie an den lebendigen Tieren eine Anzahl von

eigentümlichen Veränderungen, vorzugsweise =Bewegungen=, welche den

»toten« Naturkörpern fehlten: selbständige Ortsbewegung, Herzklopfen,

Atemzüge, Sprache usw. Allein die Unterscheidung solcher »organischen

Bewegungen« von ähnlichen Erscheinungen bei anorganischen Naturkörpern

war nicht leicht und oft verfehlt; das fließende Wasser, die

flackernde Flamme, der wehende Wind, der stürzende Fels zeigten dem

Menschen ganz ähnliche Veränderungen, und es war sehr natürlich, daß

der naive Naturmensch auch diesen »toten Körpern« ein selbständiges

Leben zuschrieb. Von den bewirkenden Ursachen konnte man sich bei den

letzteren ebensowenig befriedigende Rechenschaft geben als bei den

ersteren.

_Menschliche Physiologie._ Die ältesten wissenschaftlichen

Betrachtungen über das Wesen der menschlichen Lebenstätigkeiten treffen

wir (ebenso wie diejenigen über den Körperbau des Menschen) bei den

griechischen Naturphilosophen und Ärzten im sechsten und fünften

Jahrhundert v. Chr. Die reichste Sammlung von bezüglichen, damals

bekannten Tatsachen finden wir in der Naturgeschichte des =Aristoteles=.

Der Ruhm, die vorhandenen Kenntnisse einheitlich zusammengefaßt und

den ersten Versuch zu einem System der Physiologie gemacht zu haben,

gebührt dem großen griechischen Arzte =Galenus=, den wir auch als den

ersten großen Anatomen des Altertums kennen gelernt haben. Bei seinen

Untersuchungen über die =Organe= des menschlichen Körpers stellte

er sich beständig auch die Frage nach ihren Lebenstätigkeiten oder

=Funktionen=, und auch hierbei verfuhr er vergleichend und untersuchte

vor allem die menschenähnlichsten Tiere, die =Affen=. Die Erfahrungen,

die er hier gewonnen, übertrug er direkt auf den Menschen. Er erkannte

auch bereits den hohen Wert des physiologischen =Experimentes=: bei

Vivisektion von Affen, Hunden und Schweinen stellte er verschiedene

interessante Versuche an. Die =Vivisektionen= sind neuerdings nicht

nur von unwissenden und beschränkten Leuten, sondern auch von

wissensfeindlichen Theologen und von gefühlsseligen Gemütsmenschen

vielfach auf das heftigste angegriffen worden; sie gehören aber zu

den =unentbehrlichen Methoden= der Lebensforschung und haben uns

unschätzbare Aufschlüsse über die wichtigsten Fragen gegeben.

Ebenso wie für die Anatomie des Menschen, so blieb auch für seine

Physiologie das System des =Galenus= während des langen Zeitraums

von dreizehn Jahrhunderten die unantastbare Quelle aller Kenntnisse.

Der kulturfeindliche Einfluß des Christentums bereitete auch auf

diesem, wie auf allen anderen Gebieten, der Naturerkenntnis die

unüberwindlichsten Hindernisse. Vom dritten bis zum sechzehnten

Jahrhundert trat kein einziger Forscher auf, der gewagt hätte,

selbständig wieder die Lebenstätigkeiten der Menschen zu untersuchen

und über das System von =Galenus= hinauszugehen. Erst im 16.

Jahrhundert wurden dazu mehrere bescheidene Versuche von angesehenen

Ärzten und Anatomen gemacht. Aber erst im Jahre 1628 veröffentlichte

der englische Arzt =Harvey= seine große Entdeckung des =Blutkreislaufs=

und wies nach, daß das Herz ein Pumpwerk ist, welches durch

regelmäßige, unbewußte Zusammenziehung seiner Muskeln die Blutwelle

unablässig durch das kommunizierende Röhrensystem der Adern oder

Blutgefäße treibt. Nicht minder wichtig waren =Harveys= Untersuchungen

über die Zeugung der Tiere, infolge deren er den berühmten Satz

aufstellte: »Alles Lebendige entwickelt sich aus einem Ei« (~omne

vivum ex ovo~).

Die mächtige Anregung zu physiologischen Beobachtungen und Versuchen,

welche =Harvey= gegeben hatte, führte im 16. und 17. Jahrhundert

zu einer großen Anzahl von Entdeckungen. Diese faßte der Gelehrte

=Albrecht Haller= um die Mitte des 18. Jahrhunderts zum ersten Male

zusammen; in seinem großen Werke »~Elementa physiologiae~« begründete

er den selbständigen Wert dieser Wissenschaft und nicht nur in ihrer

Beziehung zur praktischen Medizin. Indem aber =Haller= für die

Nerventätigkeit eine besondere »Empfindungskraft oder Sensibilität«

und ebenso für die Muskelbewegung eine besondere »Reizbarkeit oder

Irritabilität« als Ursache annahm, lieferte er mächtige Stützen für die

irrtümliche Lehre von einer eigentümlichen »=Lebenskraft=«.

_Lebenskraft (Vitalismus)._ Über ein volles Jahrhundert hindurch,

von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, blieb in

der Medizin, und speziell in der Physiologie, die alte Anschauung

herrschend, daß zwar ein Teil der Lebenserscheinungen auf physikalische

und chemische Vorgänge zurückzuführen sei, daß aber ein anderer Teil

derselben durch eine besondere, davon unabhängige =Lebenskraft=

(~Vis vitalis~) bewirkt werde. So verschiedenartig auch die

besonderen Vorstellungen vom Wesen derselben und besonders von ihrem

Zusammenhang mit der »Seele« sich ausbildeten, so stimmten doch alle

darin überein, daß die Lebenskraft von den physikalisch-chemischen

Kräften der gewöhnlichen »Materie« unabhängig und wesentlich

verschieden sei; als eine selbständige, der anorganischen Natur

fehlende »=Urkraft=« sollte sie die ersteren in ihren Dienst nehmen.

Nicht allein die Seelentätigkeit selbst, die Sensibilität der Nerven

und die Irritabilität der Muskeln, sondern auch die Vorgänge der

Sinnestätigkeit, der Fortpflanzung und Entwickelung erschienen

allgemein so wunderbar und in ihren Ursachen so rätselhaft, daß

es unmöglich sei, sie auf einfache physikalische und chemische

Naturprozesse zurückzuführen.

_Der Mechanismus des Lebens (Monistische Physiologie)._ Schon in

der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte der berühmte Philosoph

=Descartes=, fußend auf =Harveys= Entdeckung des Blutkreislaufs, den

Gedanken ausgesprochen, daß der Körper des Menschen ebenso wie der

Tiere eine komplizierte =Maschine= sei, und daß ihre Bewegungen nach

denselben mechanischen Gesetzen erfolgen wie bei den künstlichen, vom

Menschen für einen bestimmten Zweck gebauten Maschinen. Allerdings

nahm =Descartes= trotzdem für den Menschen allein eine vollkommene

Selbständigkeit der immateriellen Seele an und erklärte sogar deren

subjektive Empfindung, das Denken, für das einzige in der Welt, von

dem wir unmittelbar ganz sichere Kenntnis besitzen (»~Cogito, ergo

sum~!«). Allein dieser Dualismus hinderte ihn nicht, im einzelnen die

Erkenntnis der mechanischen Lebenstätigkeiten vielseitig zu fördern. Im

Anschluß daran führte =Borelli= (1660) die Bewegungen des Tierkörpers

auf rein physikalische Gesetze zurück, und gleichzeitig versuchte

=Sylvius=, die Vorgänge bei der Verdauung und Atmung als rein chemische

Prozesse zu erklären. Allein diese vernünftigen Ansätze zu einer

naturgemäßen, mechanischen Erklärung der Lebenserscheinungen vermochten

keine allgemeine Anwendung und Geltung zu erringen; und im Laufe des

18. Jahrhunderts traten sie ganz zurück, je mehr sich der Vitalismus

entwickelte. Eine endgültige Widerlegung des letzteren und Rückkehr

zur ersteren wurde erst vorbereitet, als im vierten Dezennium des 19.

Jahrhunderts die neue =vergleichende= Physiologie sich zu fruchtbarer

Geltung erhob.

_Vergleichende Physiologie._ Wie unsere Kenntnisse vom Körperbau

des Menschen, so wurden auch diejenigen von seiner Lebenstätigkeit

ursprünglich größtenteils nicht durch direkte Beobachtung

am menschlichen Organismus selbst gewonnen, sondern an den

nächstverwandten höheren Wirbeltieren, vor allem den =Säugetieren=.

Aber die eigentliche »vergleichende Physiologie«, welche das ganze

Gebiet der Lebenserscheinungen von den niedersten Tieren bis zum

Menschen hinauf im Zusammenhang erfaßt, ist erst eine Errungenschaft

des 19. Jahrhunderts; ihr großer Schöpfer war =Johannes Müller= in

Berlin (1801-1858). Ursprünglich ausgehend von der Anatomie und

Physiologie des Menschen, zog derselbe bald alle Hauptgruppen der

höheren und niederen Tiere in den Kreis seiner Vergleichung. Indem

er zugleich die Bildung der ausgestorbenen Tiere mit den lebenden,

den gesunden Organismus des Menschen mit dem kranken verglich, indem

er wahrhaft philosophisch alle Erscheinungen des organischen Lebens

zusammenzufassen strebte, erhob er sich zu einer bis dahin unerreichten

Höhe der biologischen Erkenntnis.

Allerdings war =Müller= ursprünglich, gleich allen Physiologen seiner

Zeit, Vitalist. Allein die herrschende Lehre von der Lebenskraft nahm

bei ihm eine neue Form an und verwandelte sich allmählich in ihr

prinzipielles Gegenteil. Denn auf allen Gebieten der Physiologie war

=Müller= bestrebt, die Lebenserscheinungen mechanisch zu erklären;

seine reformierte Lebenskraft steht nicht über den physikalischen

und chemischen Gesetzen der übrigen Natur, sondern sie ist streng

an dieselben =gebunden=; sie ist schließlich weiter nichts als das

»=Leben=« selbst, d. h. die Summe aller Bewegungserscheinungen, die

wir am lebendigen Organismus wahrnehmen. Überall war er bestrebt,

dieselben mechanisch zu erklären, in dem Sinnes- und Seelenleben wie in

der Tätigkeit der Muskeln, in den Vorgängen des Blutkreislaufs, der

Atmung und Verdauung wie in den Erscheinungen der Fortpflanzung und

Entwickelung. Die größten Fortschritte führte hier =Müller= dadurch

herbei, daß er überall von den einfachsten Lebenserscheinungen der

niederen Tiere ausging und Schritt für Schritt ihre allmähliche

Ausbildung zu den höheren, bis zum höchsten, zum Menschen, hinauf

verfolgte. Hier bewährte sich seine Methode der =kritischen

Vergleichung= ebenso in der Physiologie, wie in der Anatomie.

_Zellularphysiologie._ Unter den zahlreichen Schülern von =Johannes

Müller=, welche teils schon bei seinen Lebzeiten, teils nach seinem

Tode die verschiedenen Zweige der Biologie mächtig förderten, war einer

der glücklichsten =Theodor Schwann=. Als 1838 der geniale Botaniker

=Schleiden= in Jena die =Zelle= als das gemeinsame Elementarorgan der

Pflanzen erkannt und alle verschiedenen Gewebe des Pflanzenkörpers

als zusammengesetzt aus Zellen nachgewiesen hatte, erkannte =Johannes

Müller= sofort die außerordentliche Tragweite dieser bedeutungsvollen

Entdeckung; er versuchte selbst, in verschiedenen Geweben des

Tierkörpers die gleiche Zusammensetzung nachzuweisen, und

veranlaßte sodann seinen Schüler =Schwann=, diesen Nachweis auf alle

tierischen Gewebe auszudehnen. Diese schwierige Aufgabe löste der

letztere glücklich in seinen »Mikroskopischen Untersuchungen über

die Übereinstimmung in der Struktur und dem Wachstum der Tiere und

Pflanzen« (1839). Damit war der Grundstein für die =Zellentheorie=

gelegt, deren Bedeutung ebenso für die Physiologie wie für die Anatomie

seitdem von Jahr zu Jahr zugenommen und sich immer allgemeiner bewährt

hat. Daß auch die Lebenstätigkeit aller Organismen auf diejenige ihrer

Gewebeteile, der mikroskopischen Zellen, zurückgeführt werden müsse,

führten namentlich zwei andere Schüler von =Johannes Müller= aus,

der scharfsinnige Physiologe =Ernst Brücke= in Wien und der berühmte

Histologe =Albert Kölliker= in Würzburg. Der erstere bezeichnete die

Zellen richtig als »=Elementar-Organismen=« und zeigte, daß sie ebenso

im Körper des Menschen wie aller anderen Tiere die selbständig tätigen

Faktoren des Lebens sind. =Kölliker= erwarb sich besondere Verdienste

nicht nur um die Ausbildung der gesamten Gewebelehre, sondern auch

durch den Nachweis, daß das Ei der Tiere, sowie die daraus entstehenden

»Furchungskugeln« einfache Zellen sind.

So allgemein aber auch die hohe Bedeutung der Zellentheorie für

alle biologischen Aufgaben erkannt wurde, so wurde doch die

darauf gegründete =Zellular-Physiologie= erst in neuester Zeit

selbständig ausgebaut. Hier hat namentlich =Max Verworn= sich ein

doppeltes Verdienst erworben. In seinen »Psychophysiologischen

Protisten-Studien« (1889) hat derselbe auf Grund sinnreicher

experimenteller Untersuchungen gezeigt, daß die von mir (1866)

aufgestellte »=Theorie der Zellseele=« durch das genaue Studium der

einzelligen Protozoen vollkommen gerechtfertigt wird, und daß »die

psychischen Vorgänge im Protistenreiche die Brücke bilden, welche die

chemischen Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben

der höchsten Tiere verbindet«. Weiter ausgeführt und gestützt auf

die moderne Entwickelungslehre hat =Verworn= diese Ansichten in

seiner »Allgemeinen Physiologie«. Dieses ausgezeichnete Werk geht

zum ersten Male wieder auf den umfassenden Standpunkt von =Johannes

Müller= zurück, im Gegensatze zu den einseitigen und beschränkten

Methoden jener modernen Physiologen, welche glauben, ausschließlich

durch physikalische und chemische Experimente das Wesen der

Lebenserscheinungen ergründen zu können. =Verworn= zeigte, daß nur

durch die =vergleichende= Methode =Müllers= und durch das Vertiefen in

die Physiologie der =Zelle= jener höhere Standpunkt gewonnen werden

kann, der uns einen einheitlichen Überblick über das wundervolle

Gesamtgebiet der Lebenserscheinungen gewährt; nur dadurch gelangen

wir zu der Überzeugung, daß auch die sämtlichen Lebenstätigkeiten des

Menschen denselben Gesetzen der Physik und Chemie unterliegen, wie

diejenigen aller anderen Tiere.

_Zellularpathologie._ Die grundlegende Bedeutung der Zellentheorie

für alle Zweige der Biologie bewährte sich in der zweiten Hälfte des

19. Jahrhunderts nicht allein in den großartigen Fortschritten der

gesamten Morphologie und Physiologie, sondern auch besonders in der

totalen Reform derjenigen biologischen Wissenschaft, welche vermöge

ihrer Beziehungen zur praktischen Heilkunst von jeher die größte

Bedeutung in Anspruch nahm, der =Pathologie= oder Krankheitslehre.

Daß die Krankheiten des Menschen wie aller übrigen Lebewesen

=Natur=erscheinungen sind und also gleich den übrigen Lebensfunktionen

nur naturwissenschaftlich erforscht werden können, war ja schon vielen

älteren Ärzten zur festen Überzeugung geworden. Auch hatten schon im

17. Jahrhundert einzelne medizinische Schulen den Versuch gemacht, die

Ursachen der Krankheiten auf bestimmte physikalische oder chemische

Veränderungen zurückzuführen. Allein der damalige niedere Zustand

der Naturwissenschaften verhinderte einen bleibenden Erfolg dieser

berechtigten Bestrebungen. Daher blieben mehrere ältere Theorien, die

das Wesen der Krankheit in übernatürlichen oder mystischen Ursachen

suchten, bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in fast allgemeiner Geltung.

Erst um diese Zeit hatte =Rudolf Virchow=, ebenfalls ein Schüler

von =Johannes Müller=, den glücklichen Gedanken, die Zellentheorie

vom gesunden auch auf den kranken Organismus zu übertragen; er

suchte in den feinen Veränderungen der kranken Zellen und der aus

ihnen zusammengesetzten Gewebe die wahre Ursache jener gröberen

Veränderungen, welche als bestimmte »Krankheitsbilder« den lebenden

Organismus mit Gefahr und Tod bedrohen. Besonders während der sieben

Jahre seiner Lehrtätigkeit in Würzburg (1849-1856) führte =Virchow=

diese große Aufgabe mit so glänzendem Erfolge durch, daß seine

=Zellularpathologie= mit einem Schlage die ganze Pathologie und

die von ihr gestützte praktische Medizin in neue, höchst fruchtbare

Bahnen lenkte. Für unsere Aufgabe ist diese Reform der Medizin

deshalb so bedeutungsvoll, weil sie uns zu einer monistischen, rein

wissenschaftlichen Beurteilung der Krankheit führt. Auch der kranke

Mensch, ebenso wie der gesunde, unterliegt denselben »ewigen ehernen

Gesetzen«, wie die ganze übrige organische Welt.

_Physiologie der Säugetiere._ Unter den zahlreichen Tierklassen,

welche die neuere Zoologie unterscheidet, nehmen die =Säugetiere=

nicht allein in morphologischer, sondern auch in physiologischer

Beziehung eine ganz besondere Stellung ein. Da nun auch der Mensch

seinem ganzen Körperbau nach zur Klasse der Säugetiere gehört, muß

er auch den besonderen Charakter seiner Lebenstätigkeiten mit den

übrigen Säugetieren teilen. Der Blutkreislauf und die Atmung vollziehen

sich beim Menschen genau nach denselben Gesetzen und in derselben

eigentümlichen Form, welche auch allen anderen Säugetieren zukommt;

sie ist bedingt durch den besonderen, feineren Bau ihres Herzens und

ihrer Lungen. Nur bei den Säugetieren wird alles Arterienblut aus der

linken Herzkammer durch den linken Aortenbogen in den Körper geführt,

während dies bei den Vögeln durch den rechten und bei den Reptilien

durch beide Aortenbogen bewirkt wird. Das Blut der Säugetiere zeichnet

sich vor demjenigen aller anderen Wirbeltiere dadurch aus, daß aus

ihren roten Blutzellen der Kern verschwunden ist. Die Atembewegungen

werden nur in dieser Tierklasse vorzugsweise durch das =Zwerchfell=

vermittelt, weil dasselbe nur hier eine vollständige Scheidewand

zwischen Brusthöhle und Bauchhöhle bildet. Ganz besonders wichtig aber

ist für diese höchst entwickelte Tierklasse die Produktion der Milch

in den Brustdrüsen (~Mammae~) und die besondere Form der Brutpflege,

welche die Ernährung des Jungen durch die Milch der Mutter mit sich

bringt. Da dieses Säugegeschäft auch andere Lebenstätigkeiten in der

eingreifendsten Weise beeinflußt, da die Mutterliebe der Säugetiere

aus dieser innigen Form der Brutpflege ihren Ursprung genommen hat,

erinnert uns der Name der Klasse mit Recht an ihre hohe Bedeutung. In

Millionen von Bildern, zum großen Teil von Künstlern ersten Ranges,

wird »=die Madonna= mit dem Christuskinde« verherrlicht als das reinste

und erhabenste Urbild der Mutterliebe; desselben Instinktes, dessen

extremste Form die übertriebene Zärtlichkeit der Affenmutter darstellt.

Die Welträtsel: Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie · 第 3 / 27 段