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=Die Welträtsel=
* * * * *
Gemeinverständliche Studien
über Monistische Philosophie
von
=Ernst Haeckel=
* * * * *
Neu bearbeitete
=Taschenausgabe=
* * * * *
Leipzig
=Alfred Kröner Verlag=
1909
Druck von Ernst Hedrich Nachf., G. m. b. H., Leipzig
Vorwort zur ersten Auflage.
(1899).
Die vorliegenden Studien über =monistische Philosophie= sind für die
denkenden, ehrlich die Wahrheit suchenden Gebildeten aller Stände
bestimmt. Zu den hervorragenden Merkmalen des 19. Jahrhunderts, an
dessen Ende wir stehen, gehört das lebendige Wachstum des Strebens
nach =Erkenntnis der Wahrheit= in weitesten Kreisen. Dasselbe erklärt
sich einerseits durch die ungeheuren Fortschritte der wirklichen
Naturerkenntnis in diesem merkwürdigsten Abschnitte der menschlichen
Geschichte, andererseits durch den offenkundigen Widerspruch, in
den dieselbe zur gelehrten Tradition der »=Offenbarung=« geraten
ist, und endlich durch die entsprechende Ausbreitung und Verstärkung
des vernünftigen Bedürfnisses nach Verständnis der unzähligen neu
entdeckten Tatsachen, nach klarer Erkenntnis ihrer Ursachen.
Den gewaltigen Fortschritten der empirischen Kenntnisse in unserem
»=Jahrhundert der Naturwissenschaft=« entspricht keineswegs eine
gleiche Klärung ihres theoretischen Verständnisses und jene höhere
Erkenntnis des kausalen Zusammenhanges aller einzelnen Erscheinungen,
die wir mit einem Worte =Philosophie= nennen. Vielmehr sehen wir, daß
die abstrakte und größtenteils metaphysische Wissenschaft, welche auf
unseren Universitäten seit Jahrhunderten als »Philosophie« gelehrt
wird, weit davon entfernt ist, jene neu erworbenen Schätze der
Erfahrungswissenschaft in sich aufzunehmen. Und mit gleichem Bedauern
müssen wir auf der anderen Seite zugestehen, daß die meisten Vertreter
der sogenannten »exakten Naturwissenschaft« sich mit der speziellen
Pflege ihres engeren Gebietes der Beobachtung und des Versuchs
begnügen und die tiefere Erkenntnis des allgemeinen Zusammenhanges
der beobachteten Erscheinungen -- d. h. eben Philosophie! -- für
überflüssig halten. Während diese reinen Empiriker »den Wald vor
Bäumen nicht sehen«, begnügen sich jene Metaphysiker mit dem bloßen
Begriffe des Waldes, ohne seine Bäume zu sehen. Der Begriff der
»=Naturphilosophie=«, in welchem ganz naturgemäß jene beiden Wege
der Wahrheitsforschung, die empirische und die spekulative Methode,
zusammenlaufen, wird sogar noch heute in weiten Kreisen beider
Richtungen mit Abscheu zurückgewiesen.
Dieser unnatürliche und verderbliche Gegensatz zwischen
Naturwissenschaft und Philosophie, zwischen den Ergebnissen der
Erfahrung und des Denkens, wird unstreitig in weiten gebildeten Kreisen
immer lebhafter und schmerzlicher empfunden. Das bezeugt schon der
wachsende Umfang der ungeheuren populären »naturphilosophischen«
Literatur, die im Laufe des letzten halben Jahrhunderts entstanden
ist. Das bezeugt auch die erfreuliche Tatsache, daß trotz jener
gegenseitigen Abneigung der beobachtenden Naturforscher und der
denkenden Philosophen dennoch hervorragende Männer der Wissenschaft aus
beiden Lagern sich gegenseitig die Hand zum Bunde reichen und vereinigt
nach der Lösung jener höchsten Aufgabe der Forschung streben, die wir
kurz mit einem Worte als »=Die Welträtsel=« bezeichnen.
Die Untersuchungen über diese »Welträtsel«, welche ich in der
vorliegenden Schrift gebe, können vernünftigerweise nicht den Anspruch
erheben, eine vollständige =Lösung= derselben zu bringen; vielmehr
sollen sie nur eine kritische =Beleuchtung= derselben für weitere
gebildete Kreise geben und die Frage zu beantworten suchen, wie weit
wir uns gegenwärtig deren Lösung genähert haben. =Welche Stufe in der
Erkenntnis der Wahrheit haben wir am Ende des 19. Jahrhunderts wirklich
erreicht?= Und welche Fortschritte nach diesem unendlich entfernten
Ziele haben wir im Laufe desselben wirklich gemacht?
Die Antwort auf diese großen Fragen, die ich hier gebe, kann naturgemäß
nur =subjektiv= und nur teilweise richtig sein; denn meine Kenntnisse
der wirklichen Natur und meine Vernunft zur Beurteilung ihres
objektiven Wesens sind beschränkt, ebenso wie diejenigen aller anderen
Menschen. Das Einzige, was ich für dieselben voll in Anspruch nehme,
und was auch meine entschiedensten Gegner anerkennen müssen, ist, daß
meine monistische Philosophie von Anfang bis zu Ende =ehrlich= ist,
d. h. der vollständige Ausdruck der Überzeugung, welche ich durch
vieljähriges eifriges Forschen in der Natur und durch unablässiges
Nachdenken über den wahren Grund ihrer Erscheinungen erworben habe.
Diese naturphilosophische Gedankenarbeit erstreckt sich jetzt über
ein volles halbes Jahrhundert, und ich darf jetzt, in meinem 66.
Lebensjahre, wohl annehmen, daß sie =reif= im menschlichen Sinne ist;
ich bin auch völlig gewiß, daß diese »=reife Frucht=« vom Baume der
Erkenntnis für die kurze Spanne des Daseins, die mir noch beschieden
ist, keine bedeutende Vervollkommnung und keine prinzipiellen
Veränderungen erfahren wird.
Alle wesentlichen und entscheidenden Anschauungen meiner monistischen
und genetischen Philosophie habe ich schon vor 33 Jahren in meiner
»=Generellen Morphologie der Organismen=« niedergelegt, einem
weitschweifig und schwerfällig geschriebenen Werke, welches nur
sehr wenig Leser gefunden hat. Es war der erste Versuch, die
neubegründete Entwickelungslehre für das ganze Gebiet der organischen
Formenwissenschaft durchzuführen. Um wenigstens einen Teil der neuen,
darin enthaltenen Gedanken zur Geltung zu bringen und um zugleich einen
weiteren Kreis von Gebildeten für die größten Erkenntnisfortschritte
unseres Jahrhunderts zu interessieren, veröffentlichte ich zwei Jahre
später (1868) meine »=Natürliche Schöpfungsgeschichte=«. Da dieses
leichter geschürzte Werk trotz seiner großen Mängel in neun starken
Auflagen und zwölf verschiedenen Übersetzungen erschien, hat es nicht
wenig zur Verbreitung der monistischen Weltanschauung beigetragen.
Dasselbe gilt auch wohl von der weniger gelesenen »=Anthropogenie=«,
in welcher ich (1874) die schwierige Aufgabe zu lösen versuchte, die
wichtigsten Tatsachen der menschlichen Entwickelungsgeschichte einem
größeren Kreise von Gebildeten zugänglich und verständlich zu machen;
die vierte, umgearbeitete Auflage derselben erschien 1891. Einige
bedeutende und besonders wertvolle Fortschritte, welche neuerdings
dieser wichtigste Teil der Anthropologie gemacht hat, habe ich in
dem Vortrage beleuchtet, den ich 1898 »Über unsere gegenwärtige
Kenntnis vom =Ursprung des Menschen=« auf dem vierten internationalen
Zoologenkongreß in Cambridge gehalten habe (siebente Auflage 1899).
Mehrere einzelne Fragen unserer modernen Naturphilosophie, die ein
besonderes Interesse bieten, habe ich behandelt in meinen »Gesammelten
populären Vorträgen aus dem Gebiete der =Entwickelungslehre=« (1878).
Endlich habe ich die allgemeinsten Grundsätze meiner monistischen
Philosophie und ihre besondere Beziehung zu den herrschenden
Glaubenslehren kurz zusammengefaßt in dem »Glaubensbekenntnis eines
Naturforschers: =Der Monismus als Band zwischen Religion und
Wissenschaft=« (1892, achte Auflage 1899).
Die vorliegende Schrift über die »=Welträtsel=« ist die weitere
Ausführung, Begründung und Ergänzung der Überzeugungen, welche ich in
den vorstehend angeführten Schriften bereits ein Menschenalter hindurch
vertreten habe. Ich gedenke damit meine Studien auf dem Gebiete der
monistischen Weltanschauung abzuschließen.
Der alte, viele Jahre hindurch gehegte Plan, ein ganzes »=System
der monistischen Philosophie=« auf Grund der Entwickelungslehre
auszubauen, wird nicht mehr zur Ausführung gelangen. Meine Kräfte
reichen dazu nicht mehr aus, und mancherlei Mahnungen des herannahenden
Alters drängen zum Abschluß. Auch bin ich ganz und gar ein Kind des
=neunzehnten Jahrhunderts= und will mit dessen Ende einen Strich unter
meine Lebensarbeit machen.
Die unermeßliche Ausdehnung, welche das menschliche Wissen infolge
fortgeschrittener Arbeitsteilung in unserem Jahrhundert erlangt hat,
läßt es schon heute unmöglich erscheinen, alle Zweige desselben mit
gleicher Gründlichkeit zu umfassen und ihren inneren Zusammenhang
einheitlich darzustellen. Selbst ein Genius ersten Ranges, der
alle Gebiete der Wissenschaft gleichmäßig beherrschte, und der die
künstlerische Gabe ihrer einheitlichen Darstellung in vollem Maße
besäße, würde doch nicht imstande sein, im Raume eines mäßigen Bandes
ein umfassendes allgemeines Bild des ganzen »Kosmos« auszuführen.
Mir selbst, dessen Kenntnisse in den verschiedenen Gebieten sehr
ungleich und lückenhaft sind, konnte hier nur die Aufgabe zufallen,
den allgemeinen Plan eines solchen Weltbildes zu entwerfen und die
durchgehende =Einheit= seiner Teile nachzuweisen, trotz sehr ungleicher
Ausführung derselben. Das vorliegende Buch über die Welträtsel trägt
daher auch nur den Charakter eines »Skizzenbuches«, in welchem
=Studien= von sehr ungleichem Werte zu einem Ganzen zusammengefügt
sind. Da die Niederschrift derselben zum Teil schon in früheren Jahren,
zum anderen Teil aber erst in der letzten Zeit erfolgte, ist die
Behandlung leider oft ungleichmäßig; auch sind mehrfache Wiederholungen
nicht zu vermeiden gewesen; ich bitte dieselben zu entschuldigen.
Indem ich hiermit von meinen Lesern mich verabschiede, spreche ich die
Hoffnung aus, daß ich durch meine ehrliche und gewissenhafte Arbeit
-- trotz ihrer mir wohl bewußten Mängel -- ein kleines Scherflein zur
Lösung der »Welträtsel« beigetragen habe, und daß ich im Kampfe der
Weltanschauungen manchem ehrlichen und nach reiner Vernunfterkenntnis
ringenden Leser denjenigen Weg gezeigt habe, der nach meiner festen
Überzeugung allein zur Wahrheit führt, den Weg der =empirischen
Naturforschung= und der darauf gegründeten =monistischen Philosophie=.
=Jena=, 2. April 1899.
_Ernst Haeckel._
Vorwort zur Taschenausgabe.
Auf Anregung des Verlegers der »Welträtsel«, Herrn =Alfred Kröner=, und
auf Wunsch vieler Leser dieses Buches, habe ich mich entschlossen, eine
neue und bequeme =Taschenausgabe= davon zu veranstalten. Es kam dabei
besonders in Betracht, den Inhalt einem größeren Kreise durch leichtere
Darstellung und gefälligere Form zugänglich zu machen, überflüssige
Zugaben zu entfernen und Wiederholungen auszuschalten, sowie viele
Fremdwörter und verwickelte Ausführungen durch leichter verständliche
zu ersetzen. Ferner sind viele Sätze entfernt worden, welche teils
ferner liegende, teils zweifelhafte Fragen behandelten; das Buch
hat dadurch an Klarheit und Sicherheit, wie auch an einheitlicher
Durchführung gewonnen.
Der Raumersparnis halber sind auch alle Literaturhinweise und
=Anmerkungen= weggefallen, welche in der ersten großen Ausgabe
enthalten sind, sowie das =Nachwort= zu der später erschienenen
Volksausgabe (»Das Glaubensbekenntnis der reinen Vernunft«). Diejenigen
Leser, welche diese weiteren Zusätze und Erläuterungen kennen zu lernen
wünschen, finden sie in der kürzlich erschienenen zehnten Auflage
der =großen Ausgabe=, und teilweise in der »neu durchgesehenen und
verbesserten Auflage der =Volksausgabe=« (240. Tausend).
Möge auch diese neue =Taschenausgabe= dazu dienen, das Licht der
Aufklärung in immer weitere Kreise zu tragen und viele denkende Leser
anregen, sich selbsttätig an der Lösung der großen »Welträtsel« zu
beteiligen.
=Jena=, 29. September 1908.
_Ernst Haeckel._
Inhalt
~I~. Anthropologischer Teil
=Der Mensch=
1. Stellung der Welträtsel 1
2. Unser Körperbau 14
3. Unser Leben 24
4. Unsere Keimesgeschichte 32
5. Unsere Stammesgeschichte 42
~II~. Psychologischer Teil
=Die Seele=
6. Das Wesen der Seele 54
7. Stufenleiter der Seele 68
8. Keimesgeschichte der Seele 80
9. Stammesgeschichte der Seele 90
10. Bewußtsein der Seele 101
11. Unsterblichkeit der Seele 113
~III~. Kosmologischer Teil
=Die Welt=
12. Das Substanzgesetz 127
13. Entwickelungsgeschichte der Welt 140
14. Einheit der Natur 154
15. Gott und Welt 168
~IV~. Theologischer Teil
=Der Gott=
16. Wissen und Glauben 180
17. Wissenschaft und Christentum 191
18. Unsere monistische Religion 206
19. Unsere monistische Sittenlehre 217
20. Lösung der Welträtsel 229
=Erstes Kapitel.=
_Stellung der Welträtsel._
Allgemeines Kulturbild des neunzehnten Jahrhunderts. Der Kampf der
Weltanschauungen. Monismus und Dualismus.
Am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts bietet sich dem denkenden
Beobachter eines der merkwürdigsten Schauspiele dar. Alle Gebildeten
sind darüber einig, daß dieses großartige Jahrhundert in vieler
Beziehung alle seine Vorgänger unendlich überflügelt und Aufgaben
gelöst hat, die in seinem Anfange unlösbar erschienen. Die
überraschenden theoretischen Fortschritte in der Naturerkenntnis und
ihre fruchtbare praktische Verwertung in Technik, Industrie, Verkehr
usw. haben unserem modernen Kulturleben ein völlig neues Gepräge
gegeben. Dagegen haben wir auf wichtigen Gebieten des geistigen
Lebens und der Gesellschafts-Beziehungen wenige oder gar keine
Fortschritte gegen frühere Jahrhunderte aufzuweisen, vielfach sogar
leider bedenkliche Rückschritte. Aus diesem offenkundigen Zwiespalt
entspringt nicht nur ein unbehagliches Gefühl innerer Zerrissenheit
und Unwahrheit, sondern auch die Gefahr schwerer Katastrophen auf
politischem und sozialem Gebiete. Es ist daher nicht nur das gute
Recht, sondern auch die heilige Pflicht jedes ehrlichen und von
Menschenliebe beseelten Forschers, nach bestem Wissen zur Aufhebung
jenes Zwiespaltes und zur Vermeidung der daraus entspringenden Gefahren
beizutragen. Dies kann aber nach unserer Überzeugung nur durch mutiges
Streben nach =Erkenntnis der Wahrheit= geschehen und durch Gewinnung
einer klaren, fest gegründeten, =naturgemäßen Weltanschauung=.
_Fortschritte der Naturerkenntnis._ Wenn wir uns den unvollkommenen
Zustand der Naturerkenntnis im Anfang des 19. Jahrhunderts
vergegenwärtigen und ihn mit der glänzenden Höhe an dessen Schlusse
vergleichen, so muß jedem Sachkundigen der Fortschritt erstaunlich
groß erscheinen. Jeder einzelne Zweig der Naturwissenschaft darf
sich rühmen, daß er innerhalb dieses Jahrhunderts Gewinne von
größter Tragweite erzielt habe. In der mikroskopischen Kenntnis des
Kleinsten wie in der teleskopischen Erforschung des Größten haben
wir unschätzbare Einsichten gewonnen, die noch vor hundert Jahren
undenkbar erschienen. Verbesserte Untersuchungsmethoden haben uns
im Reiche der einzelligen Lebewesen eine »unsichtbare Welt« voll
unendlichen Formenreichtums offenbart, sowie in der winzigen kleinen
Zelle den gemeinsamen »Elementar-Organismus« kennen gelehrt, aus dessen
sozialen Zellverbänden, den Geweben, der Körper aller vielzelligen
Pflanzen und Tiere ebenso wie der des Menschen zusammengesetzt
ist. Diese anatomischen Kenntnisse sind von größter Tragweite; sie
werden ergänzt durch den embryologischen Nachweis, daß jeder höhere
vielzellige Organismus sich aus einer einzigen einfachen Zelle
entwickelt, der »befruchteten Eizelle«. Die bedeutungsvolle, hierauf
gegründete =Zellentheorie= hat uns erst das wahre Verständnis für
die geheimnisvollen Lebenserscheinungen eröffnet, zu deren Erklärung
man früher eine übernatürliche »Lebenskraft« oder ein »unsterbliches
Seelenwesen« annahm. Auch das eigentliche Wesen der Krankheit ist dem
Arzte erst durch die damit verknüpfte Zellularpathologie klar und
verständlich geworden.
Nicht minder gewaltig sind aber die Entdeckungen des 19. Jahrhunderts
im Bereiche der anorganischen Natur. Die Physik hat in allen Teilen
ihres Gebietes die erstaunlichsten Fortschritte gemacht; und was
wichtiger ist, sie hat die =Einheit der Naturkräfte= im ganzen
Universum nachgewiesen. Die mechanische Wärmetheorie hat gezeigt, wie
eng dieselben zusammenhängen und wie jede unter bestimmten Bedingungen
sich direkt in die andere verwandeln kann. Die Spektralanalyse hat
uns gelehrt, daß dieselben Stoffe, welche unseren Erdkörper und
seine lebendigen Bewohner aufbauen, auch die Masse der übrigen
Planeten, der Sonne und der entferntesten Fixsterne zusammensetzen.
Die Astrophysik hat unsere Weltanschauung im großartigsten Maßstabe
erweitert, indem sie uns im unendlichen Weltraum Millionen von
kreisenden Weltkörpern nachgewiesen hat, größer als unsere Erde, und
gleich dieser in beständiger Umbildung begriffen, in einem ewigen
Wechsel von »Werden und Vergehen«. Die Chemie hat uns mit einer
Menge von neuen, früher unbekannten Stoffen bekannt gemacht, die
alle aus Verbindungen von wenigen unzerlegbaren Elementen (ungefähr
achtzig) bestehen. Sie hat gezeigt, daß eines von diesen Elementen,
der Kohlenstoff, der wunderbare Körper ist, welcher die Bildung der
unendlich mannigfaltigen organischen Verbindungen bewirkt und somit die
»chemische Basis des Lebens« darstellt. Alle einzelnen Fortschritte
der Physik und Chemie stehen jedoch an theoretischer Bedeutung der
Erkenntnis des gewaltigen Gesetzes nach, welches alle in einem
gemeinsamen Brennpunkt vereinigt, des =Substanzgesetzes=. Indem dieses
»=kosmologische Grundgesetz=« die ewige Erhaltung der Kraft und des
Stoffes, die allgemeine Konstanz der Energie und der Materie im ganzen
Weltall nachweist, ist es der sichere Leitstern geworden, der unsere
monistische Philosophie durch das gewaltige Labyrinth der Welträtsel zu
deren Lösung führt.
* * * * *
Da es unsere Aufgabe sein wird, in den folgenden Kapiteln eine
allgemeine Übersicht über den jetzigen Stand unserer Naturerkenntnis
und über ihre Fortschritte in unserem Jahrhundert zu gewinnen, wollen
wir hier nicht weiter auf eine Musterung der einzelnen Gebiete
eingehen. Nur einen größten Fortschritt wollen wir noch hervorheben,
der dem Substanzgesetz ebenbürtig ist und der es ergänzt: die
Begründung der =Entwickelungslehre=. Zwar haben einzelne denkende
Forscher schon seit Jahrtausenden von »=Entwickelung=« der Dinge
gesprochen; daß aber dieser Begriff das =Universum= beherrscht, und
daß die Welt selbst weiter nichts ist als eine ewige »Entwickelung der
Substanz«, dieser gewaltige Gedanke ist ein Kind des 19. Jahrhunderts.
Erst in seiner zweiten Hälfte gelangte er zu voller Klarheit und zu
allgemeiner Anwendung. Das unsterbliche Verdienst, diesen höchsten
philosophischen Begriff empirisch begründet und zu umfassender Geltung
gebracht zu haben, gebührt dem großen englischen Naturforscher =Charles
Darwin=; er legte 1859 den festen Grund für jene Abstammungslehre,
welche der geniale französische Naturphilosoph =Jean Lamarck= schon
1809 in ihren Hauptzügen erkannt, und deren Grundgedanken unser größter
deutscher Dichter und Denker, =Wolfgang Goethe=, schon 1790 prophetisch
erfaßt hatte. Damit wurde uns zugleich der Schlüssel zur »Frage aller
Fragen« geschenkt, zu dem großen Welträtsel von der »Stellung des
Menschen in der Natur« und von seiner natürlichen Entstehung. Wenn wir
heute imstande sind, die Herrschaft des =Entwickelungsgesetzes= im
Gesamtgebiete der Natur klar zu erkennen und sie in Verbindung mit dem
=Substanzgesetze= zur einheitlichen Erklärung aller Naturerscheinungen
zu benutzen, so verdanken wir dies in erster Linie jenen drei genialen,
weitblickenden Naturphilosophen, drei Sternen erster Größe unter allen
anderen großen Männern des neunzehnten Jahrhunderts.
Diesen erstaunlichen Fortschritten unserer =theoretischen=
Naturerkenntnis entspricht deren mannigfaltige =praktische= Anwendung
auf allen Gebieten des menschlichen Kulturlebens. Wenn wir heute
im »Zeitalter des Verkehrs« stehen, wenn der internationale Handel
und das Reisen eine früher nicht geahnte Bedeutung erlangt haben,
wenn wir mittels Telegraph und Telephon die Schranken von Raum und
Zeit überwunden haben, so verdanken wir das in erster Linie den
Fortschritten der technischen Physik, besonders in der Anwendung der
Dampfkraft und der Elektrizität. Wenn wir durch die Photographie das
Sonnenlicht zwingen, uns in einem Augenblick naturgetreue Bilder
von jedem beliebigen Gegenstande zu verschaffen, wenn wir in der
Landwirtschaft und in den verschiedensten Gewerben erstaunliche
praktische Fortschritte gemacht haben, wenn wir in der Medizin durch
Chloroform und Morphium, durch antiseptische und Serumtherapie die
Leiden der Menschheit unendlich gemildert haben, so verdanken wir dies
der angewandten Chemie. Durch diese und andere Erfindungen der Technik
haben wir alle früheren Jahrhunderte weit überflügelt.
_Fortschritte der sozialen Einrichtungen._ So dürfen wir heute mit
gerechtem Stolze auf die gewaltigen Fortschritte des 19. Jahrhunderts
in der Naturerkenntnis und deren praktische Verwertung zurückblicken.
Leider bietet sich uns ein ganz anderes und wenig erfreuliches
Bild, wenn wir andere, nicht minder wichtige Gebiete des modernen
Kulturlebens ins Auge fassen. Zu unserem Bedauern müssen wir da den
Satz von =Alfred Wallace= unterschreiben: »Verglichen mit unseren
erstaunlichen Fortschritten in den physikalischen Wissenschaften und
ihrer praktischen Anwendung, bleibt unser System der Regierung, der
administrativen Justiz, der Nationalerziehung und unsere ganze soziale
und moralische Organisation in einem =Zustande der Barbarei=.« Um uns
von der Wahrheit dieser schweren Vorwürfe zu überzeugen, brauchen wir
nur einen unbefangenen Blick in unser öffentliches Leben zu werfen,
oder in den Spiegel zu blicken, den uns täglich unsere Zeitung, als das
Organ der öffentlichen Meinung, vorhält.
_Unsere Rechtspflege._ Beginnen wir unsere Rundschau mit der Justiz,
dem »~Fundamentum regnorum~«. Niemand wird behaupten können,
daß deren heutiger Zustand mit unserer fortgeschrittenen Erkenntnis
des Menschen und der Welt in Einklang sei. Keine Woche vergeht, in
der wir nicht von richterlichen Urteilen lesen, welche dem gesunden
Menschenverstand widersprechen; viele Entscheidungen unserer höheren
und niederen Gerichtshöfe erscheinen geradezu unbegreiflich. Wir
sehen ganz davon ab, daß in vielen modernen Staaten -- trotz der auf
Papier gedruckten Verfassung -- noch tatsächlich der Absolutismus
herrscht und daß manche »Männer des Rechts« nicht nach ehrlicher
Überzeugung urteilen, sondern entsprechend dem »höheren Wunsche von
maßgebender Stelle«. Wir nehmen vielmehr an, daß die meisten Richter
und Staatsanwälte nach bestem Gewissen urteilen und nur menschlich
irren. Dann erklären sich wohl die meisten Irrtümer durch mangelhafte
Vorbildung und durch die veraltete Gesetzgebung. Freilich herrscht
vielfach die Ansicht, daß gerade die Juristen die höchste Bildung
besitzen; gerade sie werden bei der Besetzung der verschiedensten
Ämter vorgezogen. Allein diese vielgerühmte »juristische Bildung«
ist größtenteils eine rein =formale=, keine reale. Den menschlichen
Organismus und seine wichtigste Funktion, die Seele, lernen unsere
Juristen nur oberflächlich kennen; das beweisen z. B. die wunderlichen
Ansichten über »Willensfreiheit, Verantwortung« usw., denen wir täglich
begegnen. Den meisten Studierenden der Jurisprudenz fällt es gar nicht
ein, sich um =Anthropologie, Psychologie= und =Entwickelungsgeschichte=
zu bekümmern, die ersten Vorbedingungen für richtige Beurteilung des
Menschenwesens. Freilich bleibt dazu auch »keine Zeit«; diese wird
leider nur zu sehr durch das gründliche Studium von Bier und Wein in
Anspruch genommen, sowie das »veredelnde« Mensurenwesen; der Rest
der kostbaren Studienzeit aber ist notwendig, um die Hunderte von
Paragraphen der Gesetzbücher zu erlernen, deren Kenntnis den Juristen
zu allen möglichen Stellungen im heutigen Kulturstaate befähigt.
_Unsere Staatsordnung._ Das leidige Gebiet der Politik wollen wir hier
nur ganz flüchtig streifen. Die unerfreulichen Zustände des modernen
Staatslebens sind ja allbekannt und jedermann täglich fühlbar. Zum
großen Teile erklären sich deren Mängel daraus, daß die meisten
Staatsbeamten eben Juristen sind, Männer von hoher formaler Bildung,
aber ohne jene gründliche Kenntnis der Menschennatur, die nur durch
vergleichende Anthropologie und Psychologie erworben werden kann.
»Bau und Leben des sozialen Körpers«, d. h. des =Staates=, lernen
wir nur dann richtig verstehen, wenn wir naturwissenschaftliche
Kenntnis vom »Bau und Leben« der =Personen= besitzen, welche den Staat
zusammensetzen, und der =Zellen=, welche jene Personen zusammensetzen.
Wenn unsere »Staatslenker« und »Volksvertreter« diese =unschätzbaren
biologischen= und =anthropologischen Vorkenntnisse= besäßen, so
würde unmöglich in den Zeitungen täglich jene entsetzliche Fülle
von soziologischen Irrtümern und von politischer Kannegießerei
zu lesen sein, welche unsere Parlamentsberichte und auch viele
Regierungserlasse nicht gerade erfreulich auszeichnen. Am meisten
zu beklagen ist es, daß der moderne =Kulturstaat= sich der
kulturfeindlichen =Kirche= in die Arme wirft, und daß der bornierte
Egoismus der Parteien, die Verblendung der kurzsichtigen Parteiführer
die Hierarchie unterstützt. Dadurch entstehen so traurige Bilder, wie
sie uns am Schlusse des 19. Jahrhunderts der Deutsche Reichstag vor
Augen führte: die Geschicke des gebildeten deutschen Volkes in der Hand
des ultramontanen Zentrums, unter der Leitung des römischen Papismus,
der sein ärgster und gefährlichster Feind ist. Statt Recht und Vernunft
regiert Aberglaube und Verdummung. Unsere Staatsordnung kann nur dann
besser werden, wenn sie sich von den Fesseln der Kirche befreit und
wenn sie durch allgemeine =naturwissenschaftliche Bildung= die Welt- und
Menschenkenntnis der Staatsbürger auf eine höhere Stufe hebt. Dabei
kommt es gar nicht auf die besondere =Staatsform= an. Ob Monarchie oder
Republik, ob aristokratische oder demokratische Verfassung, das sind
untergeordnete Fragen gegenüber der großen Hauptfrage: Soll der moderne
Kulturstaat geistlich oder weltlich sein? Soll er =theokratisch=,
durch unvernünftige Glaubenssätze und klerikale Willkür, oder soll
er =nomokratisch=, durch vernünftige Gesetze und bürgerliches Recht
geleitet werden?
_Unsere Schule._ Ebenso wie unsere Rechtspflege und Staatsordnung
entspricht auch unsere Jugenderziehung durchaus nicht den
Anforderungen, welche die wissenschaftlichen Fortschritte des 19.
Jahrhunderts an die moderne Bildung stellen. Die =Naturwissenschaft=,
die alle anderen Wissenschaften so weit überflügelt und welche, bei
Licht betrachtet, auch alle sogenannten Geisteswissenschaften in sich
aufgenommen hat, wird in unseren Schulen immer noch als Aschenbrödel
in die Ecke gestellt. Unseren meisten Lehrern erscheint immer noch als
Hauptaufgabe jene tote Gelehrsamkeit, die aus den Klosterschulen des
Mittelalters übernommen ist; im Vordergrunde steht der grammatikalische
Sport und die zeitraubende »gründliche Kenntnis« der klassischen
Sprachen, sowie der äußerlichen Völkergeschichte. Die Sittenlehre, der
wichtigste Gegenstand der praktischen Philosophie, wird vernachlässigt
und an ihre Stelle die kirchliche Konfession gesetzt. Der Glaube soll
dem Wissen vorangehen; nicht jener wissenschaftliche Glaube, welcher
uns zu einer monistischen Religion führt, sondern jener unvernünftige
Aberglaube, der die Grundlage eines verunstalteten Christentums
bildet. Während die großartigen Erkenntnisse der modernen Kosmologie
und Anthropologie, der heutigen Biologie und Entwickelungslehre auf
unseren höheren Schulen gar keine oder nur ganz ungenügende Verwertung
finden, wird das Gedächtnis mit einer Unmasse von philologischen und
historischen Tatsachen überladen, die weder für die Geistesbildung,
noch für das praktische Leben von Nutzen sind. Auch die veralteten
Einrichtungen und Fakultätsverhältnisse der Universitäten entsprechen
der heutigen Entwickelungsstufe der natürlichen Weltanschauung
ebensowenig wie der Unterricht in den Gymnasien und in den niederen
Schulen.
_Unsere Kirche._ Im schärfsten Gegensatze zu der modernen Bildung
und zu deren Grundlage, der vorgeschrittenen Naturerkenntnis, steht
unstreitig die Kirche. Wir wollen hier garnicht vom ultramontanen
Papismus sprechen, oder von den orthodoxen evangelischen Richtungen,
welche diesem in bezug auf krassesten Aberglauben und Unkenntnis
der Wirklichkeit nichts nachgeben. Vielmehr versetzen wir uns in
die Predigt eines liberalen protestantischen Pfarrers, der gute
Durchschnittsbildung besitzt und der Vernunft neben dem Glauben ihr
gutes Recht einräumt. Da hören wir neben vortrefflichen Sittenlehren,
die mit unserer monistischen Ethik (im 19. Kapitel) vollkommen
harmonieren, Vorstellungen über das Wesen von Gott und Welt, von
Mensch und Leben, welche allen Erkenntnissen der Naturforschung direkt
widersprechen. Es ist kein Wunder, wenn Techniker und Chemiker,
Ärzte und Philosophen, die gründlich über die Natur beobachtet und
nachgedacht haben, solchen Predigten kein Gehör schenken wollen.
Es fehlt eben unseren Theologen und Philologen, ebenso wie unseren
Politikern und Juristen, an jener =unentbehrlichen Naturerkenntnis=,
auf welche sich die monistische Entwickelungslehre gründet.
_Konflikt zwischen Vernunft und Dogma._ Aus diesen bedauerlichen
Gegensätzen ergeben sich für unser modernes Kulturleben schwere
Konflikte, deren Gefahr dringend zur Beseitigung auffordert. Unsere
heutige Bildung verlangt ihr gutes Recht auf allen Gebieten des
öffentlichen und privaten Lebens; sie wünscht die Menschheit mittels
der =Vernunft= auf jene höhere Stufe der Erkenntnis und damit zugleich
auf jenen besseren Weg zum Glück erhoben zu sehen, welche wir unserer
hoch entwickelten Naturwissenschaft verdanken. Dagegen sträuben sich
mit aller Macht diejenigen einflußreichen Kreise, welche unsere
Geistesbildung in den überwundenen Anschauungen des Mittelalters
zurückhalten wollen; sie verharren im Banne der traditionellen =Dogmen=
und verlangen, daß die Vernunft sich unter diese »höhere Offenbarung«
beuge. Das ist der Fall in weiten Kreisen der Theologie und Philologie,
der Soziologie und Jurisprudenz. Diese Rückständigkeit beruht zum
größten Teile gewiß nicht auf eigennützigem Streben, sondern teils auf
Unkenntnis der realen Tatsachen, teils auf der bequemen Gewohnheit der
Tradition. Die gefährlichste Feindin der Vernunft und Wissenschaft ist
nicht die Bosheit, sondern die Unwissenheit und vielleicht noch mehr
die Trägheit. Gegen diese beiden Mächte kämpfen die Götter selbst dann
noch vergebens, wenn sie die erstere glücklich überwunden haben.
_Anthropismus._ Eine der mächtigsten Stützen gewährt jener
rückständigen Weltanschauung der =Anthropismus= oder die
»=Vermenschlichung=«. Unter diesem Begriffe verstehe ich jenen
mächtigen und weit verbreiteten Komplex von irrtümlichen Vorstellungen,
welcher den menschlichen Organismus in Gegensatz zu der ganzen übrigen
Natur stellt, ihn als vorbedachtes Endziel der organischen Schöpfung
und als ein von dieser verschiedenes, gottähnliches Wesen auffaßt. Bei
genauerer Kritik dieses einflußreichen Vorstellungskreises ergibt sich,
daß er eigentlich aus drei verschiedenen Dogmen besteht, die wir als
den =anthropozentrischen, anthropomorphischen= und =anthropolatrischen=
Irrtum unterscheiden. ~I~. Das =anthropozentrische Dogma= ruht
auf der Vorstellung, daß der Mensch der vorbedachte Mittelpunkt und
Endzweck alles Erdenlebens -- oder in weiterer Fassung der ganzen
Welt -- sei. Da dieser Irrtum dem menschlichen Eigendünkel äußerst
erwünscht, und da er mit den Schöpfungsmythen und mit den Dogmen
der =mosaischen, christlichen= und =mohammedanischen= Religion
innig verwachsen ist, beherrscht er auch heute noch den größten
Teil der Kulturwelt. -- ~II~. Das =anthropomorphische Dogma=
knüpft ebenfalls an die Schöpfungssagen der drei genannten, sowie
vieler anderen Religionen an. Es vergleicht die Weltschöpfung und
Weltregierung Gottes mit den Kunstschöpfungen eines sinnreichen
Technikers und mit der Staatsregierung eines weisen Herrschers. »Gott
der Herr« als Schöpfer, Erhalter und Regierer der Welt wird dabei
in seinem Denken und Handeln durchaus menschenähnlich vorgestellt.
Daraus folgt dann wieder umgekehrt, daß der Mensch gottähnlich
ist. »Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.« Die ältere naive
Mythologie verleiht ihren Göttern Menschengestalt, Fleisch und Blut.
Weniger materialistisch sind die Vorstellungen der neueren mystischen
Theosophie, welche den persönlichen Gott als »unsichtbares« Wesen
verehrt und ihn doch gleichzeitig nach Menschenart denken, sprechen und
handeln läßt. -- ~III~. Das =anthropolatrische Dogma= ergibt sich
aus dieser Vergleichung der menschlichen und göttlichen Seelentätigkeit
von selbst; es führt zu der göttlichen =Verehrung= des menschlichen
Organismus, zum »anthropistischen Größenwahn«. Daraus folgt wieder
der hochgeschätzte »Glaube an die persönliche Unsterblichkeit der
Seele«, sowie das dualistische Dogma von der Doppelnatur des Menschen,
dessen »unsterbliche Seele« den sterblichen Körper nur zeitweise
bewohnt. Diese drei anthropistischen Dogmen, mannigfach ausgebildet und
der wechselnden Glaubensform der verschiedenen Religionen angepaßt,
wurden zur Quelle der gefährlichsten Irrtümer. Die =anthropistische
Weltanschauung=, die daraus entsprang, steht in unversöhnlichem
Gegensatz zu unserer monistischen Naturerkenntnis; sie wird zunächst
schon durch deren kosmologische Perspektive widerlegt.
_Kosmologische Perspektive._ Die Unhaltbarkeit dieser drei
anthropistischen Dogmen, wie auch vieler anderer Anschauungen der
dualistischen Philosophie und der orthodoxen Religion, offenbart sich,
sobald wir sie aus der =kosmologischen Perspektive= unseres Monismus
kritisch betrachten. Wir verstehen darunter jene umfassende =Anschauung
des Weltganzen=, welche uns der höchste Standpunkt der monistischen
Naturerkenntnis gewährt. Da überzeugen wir uns von der Wahrheit der
folgenden wichtigen »=kosmologischen Lehrsätze=«:
1. Das Weltall (Universum oder Kosmos) ist ewig, unendlich und
unbegrenzt. 2. Die Substanz desselben mit ihren beiden Attributen
(Materie und Energie) erfüllt den unendlichen Raum und befindet sich
in ewiger Bewegung. 3. Diese Bewegung verläuft in der unendlichen
Zeit als eine einheitliche Entwickelung, mit periodischem Wechsel von
Werden und Vergehen, von Fortbildung und Rückbildung. 4. Die unzähligen
Weltkörper, welche im raumerfüllenden Äther verteilt sind, unterliegen
sämtlich dem Substanzgesetz. 5. Unsere Sonne ist einer von diesen
unzähligen vergänglichen Weltkörpern, und unsere Erde ist einer von den
zahlreichen vergänglichen Planeten, welche diese umkreisen. 6. Unsere
Erde hat einen langen Abkühlungsprozeß durchgemacht, ehe auf derselben
tropfbar flüssiges Wasser und damit die erste Vorbedingung organischen
Lebens entstehen konnte. 7. Der darauf folgende biogenetische Prozeß,
die langsame Entwickelung und Umbildung zahlloser organischer Formen,
hat viele Millionen Jahre (weit über hundert!) in Anspruch genommen.
8. Unter den verschiedenen Tierstämmen, welche sich im späteren
Verlaufe des biogenetischen Prozesses auf unserer Erde entwickelten,
hat der Stamm der Wirbeltiere im Wettlaufe der Entwickelung neuerdings
alle anderen weit überflügelt. 9. Als der bedeutendste Zweig des
Wirbeltierstammes hat sich erst spät (während der Triasperiode) aus
Amphibien die Klasse der Säugetiere entwickelt. 10. Der vollkommenste
und höchst entwickelte Zweig dieser Klasse ist die Ordnung der
Herrentiere oder Primaten, die erst im Beginne der Tertiärzeit durch
Umbildung aus niedersten Zottentieren entstanden ist. 11. Das jüngste
und vollkommenste Ästchen des Primatenzweiges ist der Mensch, der erst
in späterer Tertiärzeit aus einer Reihe von Menschenaffen hervorging.
12. Demnach ist die sogenannte »Weltgeschichte« eine verschwindend
kurze Episode in dem langen Verlaufe der organischen Erdgeschichte,
ebenso wie diese selbst ein kleines Stück von der Geschichte unseres
Planetensystems; und wie unsere Mutter Erde ein vergängliches
Sonnenstäubchen im unendlichen Weltall, so ist der einzelne Mensch eine
vorübergehende Erscheinung in der vergänglichen organischen Natur.
Nichts scheint mir geeigneter als diese großartige =kosmologische
Perspektive=, um von vornherein den richtigen Maßstab und den
weitsichtigen Standpunkt festzusetzen, welchen wir zur Lösung der
Welträtsel einhalten müssen. Denn dadurch wird nicht nur die maßgebende
»Stellung des Menschen in der Natur« klar bezeichnet, sondern auch
der herrschende =anthropistische Größenwahn= widerlegt, die Anmaßung,
mit welcher der Mensch sich dem unendlichen Universum gegenüberstellt
und als wichtigsten Teil des Weltalls verherrlicht. Diese grenzenlose
Selbstüberhebung des eiteln Menschen hat ihn dazu verführt, sich
als »Ebenbild Gottes« zu betrachten, für seine vergängliche Person
ein »ewiges Leben« in Anspruch zu nehmen und sich einzubilden, daß
er unbeschränkte »Freiheit des Willens« besitzt. Der lächerliche
Cäsarenwahn des Caligula ist eine spezielle Form dieser hochmütigen
Selbstvergötterung des Menschen. Erst wenn wir diesen unhaltbaren
Größenwahn aufgeben und die naturgemäße kosmologische Perspektive
einnehmen, können wir zur Lösung der »Welträtsel« gelangen.
_Zahl der Welträtsel._ Der ungebildete Kulturmensch ist noch ebenso wie
der rohe Naturmensch auf Schritt und Tritt von unzähligen Welträtseln
umgeben. Je weiter die Kultur fortschreitet und die Wissenschaft sich
entwickelt, desto mehr wird ihre Zahl beschränkt. Die =monistische
Philosophie= wird schließlich nur ein einziges, allumfassendes
Welträtsel anerkennen, das »=Substanzproblem=«. In der berühmten
Rede, welche =Emil du Bois-Reymond= 1880 in der Leibniz-Sitzung der
Berliner Akademie der Wissenschaften hielt, unterscheidet er »=sieben
Welträtsel=«; er führt dieselben in nachstehender Reihenfolge auf:
~I~. das Wesen von Materie und Kraft, ~II~. der Ursprung der
Bewegung, ~III~. die erste Entstehung des Lebens, ~IV~. die
(anscheinend absichtsvoll) zweckmäßige Einrichtung der Natur, ~V~.
das Entstehen der einfachen Sinnesempfindung und des Bewußtseins,
~VI~. das vernünftige Denken und der Ursprung der damit eng
verbundenen Sprache, ~VII~. die Frage nach der Willensfreiheit.
Von diesen sieben Welträtseln erklärt der Rhetor der Berliner Akademie
=drei= für ganz transzendent und unlösbar (das erste, zweite und
fünfte); =drei= andere hält er zwar für schwierig, aber für lösbar
(das dritte, vierte und sechste); bezüglich des siebenten und letzten
»Welträtsels«, welches praktisch das wichtigste ist, nämlich der
Willensfreiheit, verhält er sich unentschieden.
Nach meiner Ansicht werden die drei »transzendenten« Rätsel (~I, II,
V~) durch unsere Auffassung der =Substanz= erledigt (Kapitel 12);
die drei anderen, schwierigen, aber lösbaren Probleme (~III, IV,
VI~) sind durch unsere moderne =Entwickelungslehre= endgültig gelöst;
das siebente und letzte Welträtsel, die Willensfreiheit, ist gar kein
Objekt kritischer wissenschaftlicher Erklärung, da sie als reines
=Dogma= auf bloßer Täuschung beruht und in Wirklichkeit gar nicht
existiert.
_Lösung der Welträtsel._ Die Mittel und Wege zur Lösung der Welträtsel
sind diejenigen der reinen wissenschaftlichen Erkenntnis überhaupt:
=Erfahrung= und =Schlußfolgerung=. Die wissenschaftliche Erfahrung
erwerben wir uns durch Beobachtung und Experiment, wobei in erster
Linie unsere Sinnesorgane, in zweiter die »inneren Sinnesherde«
unserer Großhirnrinde tätig sind. Die mikroskopischen Elementarorgane
der ersteren sind die Sinneszellen, die der letzteren Gruppen von
Ganglienzellen. Die Erfahrungen, welche wir von der Außenwelt durch
diese unschätzbarsten Organe unseres Geisteslebens erhalten haben,
werden dann durch andere Gehirnteile in Vorstellungen umgesetzt und
diese wiederum durch Assoziation zu Schlüssen verknüpft. Die Bildung
dieser Schlußfolgerungen erfolgt auf zwei verschiedenen Wegen, die
nach meiner Überzeugung gleich wertvoll und unentbehrlich sind:
=Induktion und Deduktion=. Die weiteren verwickelten Gehirnoperationen,
die Bildung von zusammenhängenden Kettenschlüssen, die Abstraktion
und Begriffsbildung, die Ergänzung des erkennenden Verstandes durch
die plastische Phantasie, schließlich das Bewußtsein, das Denken
und Philosophieren, sind ebenso Funktionen der Ganglienzellen der
Großhirnrinde wie die vorhergehenden einfacheren Seelentätigkeiten.
Alle zusammen vereinigen wir in dem höchsten Begriffe der =Vernunft=.
_Vernunft, Gemüt und Offenbarung._ Durch die Vernunft allein können
wir zur wahren Naturerkenntnis und zur Lösung der Welträtsel
gelangen. Indessen hat die Vernunft ihren hohen Wert erst durch die
fortschreitende Kultur und Geistesbildung, durch die Entwickelung
der =Wissenschaft= erhalten. Der ungebildete Mensch und der rohe
Naturmensch sind ebensowenig (oder ebensosehr) »vernünftig« wie die
nächstverwandten Säugetiere (Affen, Hunde, Elefanten usw.). Nun ist
noch heute in weiten Kreisen die Ansicht verbreitet, daß es außer
der Vernunft noch zwei weitere (ja sogar wichtigere!) Erkenntniswege
gebe: Gemüt und Offenbarung. Diesem gefährlichen Irrtum müssen wir
entschieden entgegentreten. =Das Gemüt hat mit der Erkenntnis der
Wahrheit garnichts zu tun.= Was wir »Gemüt« nennen und hochschätzen,
ist eine verwickelte Tätigkeit des Gehirns, welche sich aus Gefühlen
der Lust und Unlust, aus Vorstellungen der Zuneigung und Abneigung,
aus Strebungen des Begehrens und Fliehens zusammensetzt. Dabei
können die verschiedensten anderen Tätigkeiten des Organismus
mitspielen, Bedürfnisse der Sinne und der Muskeln, des Magens und
der Geschlechtsorgane usw. Die Erkenntnis der Wahrheit fördern
alle diese Gemütszustände und Gemütsbewegungen in keiner Weise; im
Gegenteil stören sie oft die allein dazu befähigte Vernunft. Noch
kein »Welträtsel« ist durch die Gehirnfunktion des Gemüts gelöst
oder auch nur gefördert worden. Dasselbe gilt aber auch von der
sogenannten »=Offenbarung=« und den angeblichen, dadurch erreichten
»=Glaubenswahrheiten=«; diese beruhen sämtlich auf bewußter oder
unbewußter Täuschung (vergl. das 16. Kapitel).
_Philosophie und Naturwissenschaft._ Als einen der erfreulichsten
Fortschritte zur Lösung der Welträtsel müssen wir es begrüßen,
daß in neuerer Zeit immer mehr die beiden einzigen dazu führenden
Wege: =Erfahrung und Denken= (oder =Empirie und Spekulation=) als
gleichberechtigte und sich gegenseitig ergänzende Erkenntnismethoden
anerkannt worden sind. Die Philosophen haben allmählich eingesehen,
daß die reine Spekulation zur wahren Erkenntnis nicht ausreicht. Und
ebenso haben sich anderseits die Naturforscher überzeugt, daß die
bloße Erfahrung für die Bildung einer realen Weltanschauung ungenügend
ist. Die zwei großen Erkenntniswege, die sinnliche Erfahrung und das
vernünftige Denken, sind =zwei verschiedene Gehirnfunktionen=; die
erstere wird durch die Sinnesorgane und die zentralen Sinnesherde,
die letztere durch die dazwischen liegenden Denkherde, die großen
»Assozionszentren der Großhirnrinde« vermittelt. (Vergl. Kapitel 7
und 10.) Erst durch die vereinigte Tätigkeit beider entsteht wahre
Erkenntnis. Allerdings gibt es auch heute noch Philosophen, welche
die Welt bloß aus ihrem Kopfe konstruieren wollen, und welche die
empirische Naturerkenntnis schon deshalb verschmähen, weil sie die
wirkliche Welt nicht kennen. Anderseits behaupten auch heute noch
manche Naturforscher, daß die einzige Aufgabe der Wissenschaft
das »tatsächliche Wissen, die objektive Erforschung der einzelnen
Naturerscheinungen sei«; das »Zeitalter der Philosophie« sei vorüber,
und an ihre Stelle sei die Naturwissenschaft getreten (=Virchow= 1893).
Diese einseitige Überschätzung der Empirie ist ein ebenso gefährlicher
Irrtum wie jene entgegengesetzte der Spekulation. Beide Erkenntniswege
sind sich gegenseitig unentbehrlich. Die größten Triumphe der
modernen Naturforschung, die Zellentheorie und die Wärmetheorie, die
Entwickelungstheorie und das Substanzgesetz, sind =philosophische
Taten=, aber nicht Ergebnisse der reinen =Spekulation=, sondern der
vorausgegangenen, ausgedehntesten und gründlichsten =Empirie=.
_Dualismus und Monismus._ Alle verschiedenen Richtungen der Philosophie
lassen sich, vom heutigen Standpunkte der Naturwissenschaft beurteilt,
in zwei entgegengesetzte Reihen bringen, einerseits die =dualistische=
oder zwiespältige, anderseits die =monistische= oder einheitliche
Weltanschauung. Der =Dualismus= (im weitesten Sinne!) zerlegt das
Universum in zwei ganz verschiedene Substanzen, die materielle Welt und
den immateriellen Gott, der ihr als Schöpfer, Erhalter und Regierer
gegenübersteht. Der =Monismus= hingegen (ebenfalls im weitesten Sinne
begriffen!) erkennt im Universum nur eine einzige Substanz, die »Gott
und Natur« zugleich ist; Körper und Geist (oder Materie und Energie)
sind für sie untrennbar verbunden. Der außerweltliche »persönliche«
Gott des Dualismus führt zum =Theismus=, der innerweltliche Gott des
Monismus zum =Pantheismus=.
_Materialismus und Spiritualismus._ Sehr häufig werden auch heute
noch die verschiedenen Begriffe =Monismus= und =Materialismus= und
ebenso die wesentlich verschiedenen Richtungen des theoretischen und
des praktischen Materialismus verwechselt. Da diese und ähnliche
Begriffsverwirrungen zahlreiche Irrtümer veranlassen, wollen wir zur
Vermeidung aller Mißverständnisse nur kurz noch folgendes bemerken:
~I~. Unser =reiner Monismus= ist weder mit jenem =Materialismus=
identisch, welcher den Geist leugnet und die Welt in eine Summe von
toten Atomen auflöst, noch mit dem theoretischen =Spiritualismus=
(neuerdings als =Energetik= bezeichnet), welcher die Materie leugnet
und die Welt nur als eine räumlich geordnete Gruppe von bloßen
Empfindungen und Vorstellungen (oder von Energien oder immateriellen
Naturkräften) betrachtet. ~II~. Vielmehr sind wir mit =Goethe= der
festen Überzeugung, daß »die Materie nie ohne Geist, der Geist nie
ohne Materie existiert und wirksam sein kann«. Wir halten fest an
der monistischen Auffassung von =Spinoza=: =Die Materie=, als die
unendlich ausgedehnte Substanz, und der =Geist= (oder die Energie), als
die empfindende oder denkende Substanz, sind die beiden =Attribute=
oder Grundeigenschaften des allumfassenden göttlichen Weltwesens, der
universalen =Substanz=. (Vergl. Kapitel 12.)
=Zweites Kapitel.=
_Unser Körperbau._
Monistische Studien über menschliche und vergleichende Anatomie.
Übereinstimmung in der gröberen und feineren Organisation des Menschen
und der Säugetiere.