Auf Eine Bedingung --

»Versteht sich: daß sie dem ruchlosen Wandel entsagt, und sogleich diese

Stadt verläßt.«

Dies macht Deinem Herzen Ehre.

Bei diesem Gespräch kam erst noch zur Aufhellung, woran zeither noch

niemand gedacht hatte. Ich sagte: »Aber ist denn die ganze Menschheit in

späteren Jahren zum Unheil verdammt? Die Jugendfreunde, die Verwandten,

Alles muß ich unglücklich wiederfinden, und ...« Nicht Alles, fiel

Wilhelmine ein. Seltsam, daß Du nach unserm Bruder Otto noch nicht gefragt

hast. Zum Theil ist wohl Deine Krankheit Schuld daran, daß wir vergessen

haben, von ihm zu reden; zum Theil auch -- wird bei den Seinigen nicht eben

viel über ihn geredet --

Ich begreife selbst nicht, fiel ich ein, wie es zugegangen ist, daß ich

an Otto nicht gedacht habe. Von den übrigen bösen Zeitungen war mein

Gedächtniß so vollgepfropft, daß ... nun, was macht Otto? Ich wünsche ihm

alles Gute.

Die Schwester antwortete: Er ist Minister des Herzogs.

Es war sicherlich keine Mißgunst, was ich empfand; ich staunte nur, faltete

die Hände, und schüttelte den Kopf ein wenig.

Jene fuhr fort: Er ist zugleich in den Adelstand erhoben.

»Ist es möglich! Aber ist es möglich!«

Einige Jahre nach Deiner Abreise wurde er Rath, und nicht lange darauf

Präsident eines anderen Collegiums; dann wurde er weiter empfohlen, und dem

Herzoge näher bekannt. Schon manches Jahr bekleidet er die erste Stelle im

Lande.

Immer noch höchlich verwundert sagte ich: »Otto der trockne, engherzige

Otto, Minister des Herzogs?«

Lächelnd erwiederte meine Schwester: Wenn nun der Herzog trockne,

engherzige Minister liebt? Ueber den Geschmack ist nicht zu streiten.

-- Dem Bruder gelang es auch noch weiter. Seine Würde verschaffte ihm

Gelegenheit, sich mit einem Fräulein aus einem reichen Hause zu verbinden.

»Nun -- ich gönne ihm Alles; er ist mein Bruder. So höre ich doch nicht

lauter schlimme Nachrichten. Ei, ei! Es scheint also, als müßte

eine Anweisung, hier Glück zu machen, so lauten: Fleiß, tüchtigen

Geschäftsfleiß, wenn auch mehr dem Schein als der Wirklichkeit nach, und

den Fleiß so geregelt, wie ihn jeder alltägliche Kopf zu zeigen vermag; das

heißt: trocknen Schlendrian, immer Schlendrian, nie über das Gewöhnliche

hinaus. Zweitens Kriecherei, ächte, wahre Kriecherei vor allem Rang.

Endlich die so beliebte Engherzigkeit. Nun meinetwegen denn! Ich kann es

nicht ändern. Aber sage mir nur, wie es zugeht, daß unser Vater nach so

langjährigen, treuen Diensten eine so kärgliche Pension hat! Konnte sie

Otto nicht billig erhöhen? Konnte er Deinem Mann nicht eine gute Bedienung

verschaffen? Dein Mann mußte allenfalls ja auch sein Mann seyn.«

Wilhelmine erwiederte: O, Se. Excellenz geruhen jetzt, sich Dero armer

Verwandten zu schämen. Als wir uns im Anfang von Otto's Erhebung an ihn

wandten, fertigte er uns mit kleinen demüthigenden Geschenken ab. Auf

wiederholte Bitten, etwas für den Vater, und für meinen Mann zu thun, gab

er zur Antwort: »Unmöglich könne er, auf seinem viel beobachteten Platze,

sich Nepotismus vorwerfen lassen; vielmehr habe er, aus Consequenz,

allenthalben zu vermeiden, daß er nicht für Angehörige und ältere Bekannte

eintrete. Der Pensionsfond sei zudem erschöpft, und Sauer habe nur

genügende Thätigkeit auf das Advociren zu verwenden, um bestehn zu

können.« Nun machte ich selbst eine Reise zu ihm. Es währte lange, ehe ich

vorgelassen wurde; und, als es endlich geschah, währte die gnädige

Audienz, überhäufter Geschäfte wegen, nur kurze Zeit. Otto blieb auch jetzt

unzugänglich, und sagte mir daneben: der Vater sowohl, als ich, hätten ihn

immer dem Bruder nachgesetzt, und an diesem ein höheres Talent und manche

andere Vorzüge erhoben. Nun, fügte er hinzu, das höhere Talent half

ihm nach Sibirien. Mag er von da seinen Lieben Zobelpelze schicken! --

Empfindlich, daß er über Dein Unglück noch spotten konnte, verwies ich ihm

das, und sagte hernach: eben auch des unglücklichen Bruders wegen käme ich.

Glaube er, dem Vater und meinem Manne keine Gunst erzeigen zu dürfen, so

möchte er wenigstens den Herzog bewegen, sich am russischen Hofe mit einer

Bitte für Dich zu verwenden. O, sagten Se. Excellenz, da würde ich bei

Sr. Durchlaucht eine Fehlbitte thun, und noch Höchstihre Ungnade auf mich

laden. Mit dem Hofe in St. Petersburg steht der hiesige nicht am beßten.

Ich kann weiter nichts als den Unglücklichen bedauern. Seinem unbesonnenen

Leichtsinn muß er übrigens sein Schicksal zuschreiben. -- Nun folgte ein

stolz freundliches Entlassungszeichen. In den Gasthof schickte Otto mir

noch ein trocknes Billet, mit einer Summe, die meine Reisekosten vergüten

sollte. Ich sandte sie ihm, mit einem Briefchen in seinem eignen Styl,

zurück. Seit dieser Zeit haben wir uns so wenig um ihn bekümmert, wie er

sich um seine Verwandten.

»Pfui,« rief ich aus; »pfui! -- Doch laß ihn! Er kann bei diesem unholden

Sinn, trotz allem Ansehn und Vermögen, sich nicht glücklich fühlen. Ich

danke um so mehr für Deine schwesterliche Liebe, die, so viel es anging,

doch zu handeln versuchte. Aber -- damit nicht auch ich keine Theilnahme

für arme Verwandten zeige -- ich habe noch nicht nach Charlotten gefragt.

Lebt sie noch und in welchen Verhältnissen?«

Wilhelmine biß sich ein wenig in die Lippen; es fiel ihr schwer,

eine Antwort zu geben. Neid war nicht im Spiel; eines so gehässigen

Charakterzuges war sie nicht fähig. Aber einige Spuren von verwundeter,

weiblicher Eitelkeit las ich in ihren Augen, als sie über diesen Gegenstand

reden sollte. Ihre widrige Empfindung unter einem Lächeln zu verbergen

bemüht, hob sie endlich an: Charlotte ist lange verheirathet.

»So hat sie doch einen Mann gefunden? Das freut, und -- wundert mich.«

Glücklich verheirathet, wenigstens reich -- nein, in der That auch

glücklich; die Gemüthsart ihres Mannes paßt zu der ihrigen.

»Reich obenein? Das Mädchenglück hat auch seine Launen.«

Und oft gar seltsame.

»Wer ist denn Charlottens Mann? Habe ich ihn gekannt?«

O ja! Du wirst Dich bei seinem Namen wundern. Herr von Soldin.

»Ist das Scherz oder Ernst?«

Warum sollte ich Scherz treiben!

»Ich meinte -- es hatte so ein Ansehn, und man konnte es unmöglich anders

deuten -- er habe Absichten auf Dich ...«

Die häufigen Besuche galten Charlotten. Um _sie_ bemühte er sich, als wir

glaubten ....

»Wie konnte -- fast möcht' ich sagen, das platte Geschöpf ihn anziehn!«

Ueber den Geschmack ist nicht zu streiten.

»Hm! -- Du nanntest ihn immer geschmacklos. Er hat diesen Ausspruch

bestätigt.«

Unbedeutende Mädchen finden oft leichter eine Heirath, als gebildete.

»Wie geht das zu? Etwa, weil es so wenig gebildete Männer giebt? Das ist

wohl gewiß nicht die Ursache. Der gebildeten Männer müssen ja viel mehr

seyn, als der gebildeten Mädchen; denn die Männer haben mehr Gelegenheit

sich zu bilden. Oder sollte Mädchenbildung mehr bewundert, als geliebt

seyn, ernste Neigung mehr verscheuchen, als befördern? Dies kann ich auch

nicht glauben.«

Einen Grund findet man hier nicht leicht heraus; es bleibt nur dabei, daß

nichts verschiedner als der Geschmack, und -- daß die Liebe blind ist.

»Ach -- meine Liebe war nicht blind. Emma hatte Schönheit, Verstand, und

ihrem Herzen ließ sich kein Vorwurf machen. Oder -- wäre meine Liebe in so

fern doch blind gewesen, daß sie eine heimliche Anlage zur Verworfenheit

nicht entdeckte? Hier fragt es sich gleichwohl immer noch: ob eine solche

Anlage in der That vorhanden war, oder ob nur die Einflüsse eines dürftigen

Zustands Emma zu dem hingezogen, was ihre Grundsätze einst verdammten. Zwar

sollte man fast schließen, eine Anlage müsse vorhanden gewesen seyn; sonst

wäre Emma nicht durch Armuth gefallen. Wohnen sonst doch Armuth und Tugend

oft zusammen. Zwar vielleicht öfter, wenn Tugend zeitig an Armuth gewöhnt

ist, als wenn sie sich erst dazu bequemen soll. Im letzten Falle wird

Armuth auch oft eine gefährliche Klippe für die Tugend.«

Desto edler ist sie aber auch, wenn sie, wie ein Fels, dem Drange der

Armuth widersteht.

»Freilich wohl. Will man indeß Entschuldigungen aufsuchen, so kann man es

vorzüglich beredt, wo die Armuth zu nennen ist.«

Dann aber auch standhaft gebliebne Tugend um so beredter loben.

»Allerdings! O Emma, wärst Du tugendhaft geblieben!«

Dann würde sie noch einen späten Lohn in Deiner Hand empfangen haben.

»Die Thörin noch, bei ihrer Verworfenheit! Was soll man übrigens zu einer

Anlage sagen, wie ich vorhin sie erwähnte? Ist sie natürlich, und können

die Grundsätze, welche eine sorgsame Erziehung einflößt, sie nicht

verdrängen, so entschuldigt das Verbrechen sich ja beinahe ganz.«

Nein, da stimme ich Dir nicht bei.

»Und eine Tugend, die nur in der Abwesenheit gewisser schlimmen Neigungen

besteht, folglich nicht kämpfen darf, hat keinen Werth.«

Freilich wird die Tugend erst edel, wenn sie, vom edlen Grundsatz

begeistert, diesen in sich zu solcher Kraft erhebt, daß er die schlimme

Anlage niederzuhalten vermag. Dies aber soll und muß die Tugend. Gänzliche

Abwesenheit böser Neigungen ist wohl auch selten; die Umstände wecken sie,

wenn sie auch schlummern.

»Die Heftigkeit des Temperaments, welche den Umständen entgegen tritt, ist

aber auch verschieden.«

Wohl kein Phlegma ist so tief, daß nicht manche Lüste daraus hervorgerufen

werden könnten.

»Es kommt aber in jedem Fall noch auf die Umstände an, ob sie mehr oder

weniger auf den Menschen eindringen. Die physische Gemüthsanlage bekommen

wir aus den Händen der Natur, über ihre Entwickelung vermögen die

Außendinge mehr, als wir. Manche sind glücklich genug, bei einem ruhigen

Sinn noch solchen Umständen fern zu bleiben, die verlockend auf sie

eindringen könnten.«

Die Gemüthsanlage muß sich durch kräftigen Tugendwillen veredeln lassen.

Umstände, welche uns zu verlocken geeignet sind, nahen sich uns so leicht

nicht, wenn wir selbst vorsichtig davon entfernt bleiben.

»Zum Theil gebe ich das zu, doch nur zum Theil. Immer wird auf dem

ungestümen Lebensmeere das Glück einen weiten Spielraum behalten.«

Tugend bleibt dennoch auf diesem Meere der sicherste Pilot. Und umfängt

sie das Glück nicht, so wird sie doch am kräftigsten über das Entbehren

desselben trösten und beruhigen.

»Ja, diesen Satz muß ich ohne Einschränkung unterschreiben. -- Doch

Schwester, ein Wort in Vertrauen. Dein Mann klagte über die öfteren

Besuche, die August Dir gemacht hat. Jetzt wirst Du ihn ohne Zweifel

verachten. Es geschah auch nur im Anfang Deiner Ehe, wo er noch nicht zum

Trinker herabgesunken war. Offen -- hatte Dein Mann gerechte Ursache, zu

fürchten?«

Nein! Nur Wahlverwandtschaft unserer Ideen und Gefühle vereinigte mich mit

August.

»Es scheint mir -- Du hast ihn einst wirklich geliebt, so gut wie ich Emma,

Und ihn so wenig richtig beurtheilt, wie ich die Geliebte.«

Wenn ich das einräumte, so könnte ich getrost auch hinzufügen: daß ich

diese Liebe doch nie über meine Vernunft und Pflicht Herrin werden ließ.

»Hätte sie es aber -- durch Zeit und nähere Gelegenheit als im Vaterhause

-- nicht werden können?«

Ich -- glaube nicht.

»Du liebtest Deinen Mann nicht, und empfandest doch ein mächtiges Bedürfniß

zu lieben.«

Eins will ich Dir gestehn. Als August sich nicht mehr bei mir einfand,

schmerzte es mich tief; späterhin war es mir aber äußerst lieb, daß ihn

mein Mann entfernt hatte.

»Deine Tugend, gute Wilhelmine, hatte folglich -- Glück. O nicht allein

andere Menschen bleiben uns Räthsel, auch das eigne Herz bleibt es. Laß uns

aber nicht zu weit ins Feld der Moralphilosophie dringen. Erzähle mir von

Charlotten das Nähere.«

Eigentlich -- möcht' ich es doch nicht blinde Liebe nennen, was Herrn von

Soldin an sie zog. Im Punkte der Schönheit empfand er einmal nicht wie

Andere. Charlottens runde, derbe Formen -- mochten anders Urtheilende sie

auch plump nennen -- hatten Reitz für ihn.

»Ha ha ha! Er hatte den Geschmack der Algierer, welche ihre Mädchen zu

mästen pflegen. Auf das Gesicht kömmt es nicht an; Schönheit wird durch die

Fettigkeit bestimmt.«

Soldin suchte eine wirthliche, anspruchlose, einfache Hausfrau; und weil

er sie fand -- ließ, nach seinem Sinn, die Wahl sich auch klug nennen. Und

soll man fremden oder eignem Sinn folgen? Bereuen durfte er seine Wahl auch

nicht. Sein Vater ist lange todt; beide Eheleute wirthschaften gut; die

Heimsuchung des Kriegs ist überstanden, und Soldin noch immer ein Mann von

hunderttausend Thalern.

»So finde ich wenigstens Einen der Jugendfreunde nicht unglücklich.«

Charlotten muß ich nachrühmen, daß sie weder stolz, noch fremd gegen uns

geworden ist. Sie schickt mir manches in Küche und Keller, und wenn die

Noth hier zuweilen hoch stieg, suchte ich bei ihr auch anderweitige Hülfe

nicht vergebens, ob sie gleich, wie ich, fünf Kinder hat.

»Brav! ... Fortan sollst Du mit ähnlichen Bitten ihr nicht lästig

werden.« --

Ich that nun alles, was ich mir vorgenommen hatte, und fühlte mich im

Kreise der geliebten Schwester und ihrer Kinder, die ich bald, als wären

sie die meinigen, liebte, so glücklich als man es, über vierzig Jahre

hinaus, und -- in diesem Leben, seyn kann. Die erlittene Sklaverei in

Sibirien ließ mich das Glück der Freiheit um so höher achten und genießen.

Auch Wilhelminens Ehe gewann nun, nach dem Verschwinden der Nahrungssorgen,

mehr Eintracht, und meine Gegenwart nöthigte ihren Mann zu einem sanfteren

Betragen. Auch Menschen von tadelhaftem Charakter bessern sich nach

Umständen.

Möchten junge Leser durch meine Erzählung sich bewogen fühlen, _zeitig_

über die Veränderungen nachzudenken, welche die Zeit hervorbringt! Möchten

sie, was ihnen das Glück gab, fest halten, da es launenhaft ist! Möchten

sie ihre Ansprüche nicht übertreiben, da diese oft betriegen! Möchten sie

im Schönheits-, im Talentgefühl, weniger Aufmunterungen zum Hoffen, als

Warnungen vor Mißbrauch sehn! Und endlich, möchten sie an Wilhelminens Satz

glauben: »Tugend ist der beßte Pilot auf dem Lebensmeer, und erhebt über

ein feindliches Schicksal.«

Der lustige Todesfall.

Eine komische Erzählung.

Der lustige Todesfall.

Herr Lund, ein Kaufmann, der -- nach Börsentaxe -- hunderttausend Thaler,

und wohl noch einige Tausend darüber, werth seyn mochte, starb, zur größten

Verwunderung seiner Frau. Denn oft hatte sie gesagt: Mein Mann stirbt gewiß

nicht; er ist ja einer von den reichsten Leuten in der Stadt, und so klug

obenein! Er wird schon wissen, wie man es zu machen hat, daß man nicht zu

sterben braucht. Sagten ihr Bekannte dagegen: der Tod sei so unhöflich,

nicht Reichthum, nicht Klugheit zu achten; dann bemerkte Jene -- doch in

Vertrauen --: so stürbe ihr Mann gewiß nicht _vor_ ihr, sondern werde sie

überleben: sie habe kein Glück; was sie wünsche, treffe nie ein, das wisse

sie schon.

Demungeachtet rief Jenen der Tod ab, und noch früher, als seine bis

dahin ziemlich feste Gesundheit es hätte erwarten lassen. Eine plötzliche

Erkältung zog ihm einen Schlagfluß zu, der in wenigen Stunden eine Ladung

für Charons Nachen aus ihm machte.

Die Wittwe schlug ihre Hände zusammen. Da sieht man's, rief sie nun:

unverhofft kömmt doch oft!

Ist er auch gewiß todt? fragte sie den noch beschäftigten Arzt. Kann ich

mich darauf verlassen? -- Der Arzt gab ihr die heiligsten Betheurungen, und

bekam einen reichen Ehrensold für die vergebens angewandte Mühe.

Die Wittwe vergaß auch dem Manne nicht, was er zuletzt für sie gethan

hatte. Sie ordnete nicht nur eine stattliche Beerdigungsprozession an,

sondern bewies ihm auch ihre Dankbarkeit noch durch einen marmornen

Grabstein mit Urne und Todesengel. Unter den Lügen, welche die Inschrift

enthielt, war die gröbste: daß Lunds _betrübte_ Wittwe ihm dieses Denkmahl

errichtet habe.

Prüfte man die Sache genau, so ließ es sich der Nachgebliebnen eben nicht

verübeln, wenn sie über den Todesfall ihre Haare nicht ausraufte. Sie hatte

über den Verstorbnen immer die -- auch nicht ungerechte -- Klage geführt,

daß er ihr zu wenig Vergnügen mache. Wenn Alles im Hause bereits zur Ruhe

gegangen war, saß er noch an den Büchern, und rechnete dem Buchhalter

nach. Morgens stand er am frühsten auf, weckte seine Leute, sah in die

Niederlagen, und schmälte arg, wenn er irgend etwas nicht so fand, wie

er es finden wollte. Abends und Morgens bekümmerte sich Lund folglich gar

nicht um seine Gattin, den Tag über hingegen desto mehr. Früh bekam sie

Weisungen, die Köchin zu mehr Sparsamkeit anzuhalten, und darüber zu

wachen, daß sie keine Provision am Markt-Einkauf nähme. Mittags gab es

gewöhnlich Verweise, daß das Essen zu gut sei, was für die schlechten

Zeiten nicht passe. Nachmittags empfahl er seiner Ehehälfte, als eine

gesunde Motion, die Mörserkeule zu regen, und gegen Abend ward sie ersucht,

den Ladendienern Corinthen, Mandeln, Reiß und andere Material-Waaren, von

Unsauberkeiten reinigen zu helfen. Von Schauspiel, Gastereien, und was

dahin gehört, war die Rede nie. Aeußerte Frau Lund bisweilen einen Wunsch

nach Zerstreuung, dann hieß es: der sonntägliche Kirchengang zerstreue

genug. Bei schöner Frühlings- und Sommerwitterung, nach vorsichtigem

Aussehn, ob nicht etwa Regen die Kleidungsstücke mit Nachtheil bedrohe,

ging Lund auch wohl mit Frau und Tochter am Sonntage vor's Thor. Da man

sich dort in das weiche Gras setzte, und in die Anmuth der Gegend sah,

würde es immer seine Idyllenwirkung nicht ganz verfehlt haben, wenn der

Hausvater, von Landluft umweht, die Stadt vergessen hätte. So aber pflegte

er diese Gelegenheiten zu nützen, seinen Frauenzimmern _ausführliche_

Strafpredigten zu halten, weil die Geschäfte zu Hause ihm nur kurze

vergönnten. Er bewies dann seiner Frau: daß sie bei weitem nicht mit so

geringem Wirthschaftsgelde auszukommen verstehe, wie seine Mutter

vor dreißig Jahren, und daß sie eine dumme Gans sei, die sich von den

Köchinnen, so lange er sie zur Frau habe, Tag für Tag betriegen lasse. Er

hatte nicht völlig unrecht; denn was man _Geist_ nennt, war an Frau Lund

eben nicht zu erschaun: sie ließ es bei der _Seele_ bewenden. Wo hätte

sie aber auch Geist hernehmen sollen? Ihr Vater hatte sich zwar einst mit

Köpfen vielfach beschäftigt, doch für den Kopf seiner Tochter um so weniger

etwas gethan, als er sehr geitzig war. Weiland Haarkräusler, gehörte er

zu den kunstsinnigsten seiner Kunstgenossen, hatte deshalb auch die meiste

Beschäftigung in der Stadt, und frisirte keine Braut unter einem Thaler.

Vor zwanzig Jahren wollte Lund sich besetzen. Als Ladendiener hatte er nur

hundert Thaler zusammensparen können; nun meinte er: wenn er eine Frau mit

etlichen Tausenden nähme, und jene Hundert dazu fügte, so würde sich schon

eine solide Materialhandlung gründen lassen. Er klopfte da und dort an, wo

sich Tausende vermuthen ließen; doch nirgend wurde ihm aufgethan. Das

hatte seine Gründe. Wer Tausende besaß, wollte ihnen auch etwas Namhaftes

begegnen sehn; auch war Lund nicht eine schöne, sondern vielmehr eine

häßliche Mannsperson, und hatte ein nicht _für_, sondern _gegen_ ihn

einnehmendes Betragen. Nun spekulirte er endlich auf die Tochter des

Haarkräuslers. Sie war das einzige Kind; der Vater lief mehr als den halben

Tag in seinem gepuderten Rock umher; Präsidenten und Geheime Räthe, Damen

vom ersten Rang, gehörten zu dem weiten Kreis seiner Praxis. Auch ging die

Sage, daß es ihm gelungen wäre, zwei tausend Thaler zu sparen, die er in

sichern Handlungen auf gute Zinsen untergebracht habe.

Lund pochte also auch hier an. Auf Schönheit und Betragen wurde eben nicht

gesehen, weil es bei der Friseurstochter um Beides auch nicht sonderlich

stand. -- Einen Kaufmann zum Schwiegersohn zu haben -- schmeichelte der

Eitelkeit des Friseurs doch ein wenig; und auf sorgsame Erkundigung bei

des jungen Mannes vorigem Principal, erfuhr er: Lund verstehe sich auf die

italiänische doppelte Buchhaltung und die Waarenkunde ganz löblich, sei

aber auch einem so schmutzigen Geitz ergeben, daß er nicht einmal ein Paar

reputirliche Beinkleider habe.

Nun meinte der Haarkräusler: _dem_ könne man schon eine Tochter anvertraun;

habe er jetzt wenig, so werde er einst viel haben. Er gab daher sein _Ja_,

sperrte sich aber im Punkte der Ausstattung ganz ungemein. So lange ich

lebe, sagte er, gebe ich nichts; dafür aber auch Alles, was ich habe, wenn

ich todt bin. Oh gehorsamer Diener, entgegnete Lund; da werde ich mich wohl

hüten, die Jungfer Tochter zu lieben.

Endlich verstand der Brautvater sich doch dazu, zwei hundert Thaler, die

Kleider und Leibwäsche seiner verstorbenen Frau, sammt einigem Zinn und

Messing, herauszurücken. Lund hatte auf mehr gerechnet; weil der Friseur

indeß bleich und hager aussah, zuweilen auch hustete, ließ Jener sich

die Mitgabe doch gefallen. Denn als ein guter Rechner mußte er theils den

Husten ins Gewinn-Conto stellen, theils den Umstand ins Verlust-Conto:

daß er, wenn es hier nichts würde, vermuthlich in der ganzen Stadt kein

Mädchen, das nur hundert Thaler werth sei, bekommen würde. Ein

kupferner Kessel hätte doch beinahe Alles zerschlagen. Diesen wollte der

Schwiegersohn noch haben, und der Schwiegervater nicht geben. Den Kessel,

sagte Lund, und ich liebe; wo nicht, so lieb' ich nicht. Erst antwortete

man ihm zwar: So lassen Sie es bleiben! rief ihn aber doch von der Treppe

noch wieder zurück.

Mit drei hundert Thalern fing nun Lund seine Material- und Spezereihandlung

an. Einiger Credit that freilich zu Anfang dabei Noth; er wurde indeß bald

ansehnlich, als die Börse nicht mehr zweifelte: Lund strahle unter allen

Filzen hiesigen Ortes wie ein Stern erster Größe hervor.

Er füllte nach und nach seine Niederlagen mehr, und breitete seine

Geschäfte nach kleinen Städten aus, wo er die untergeordneten Krämer mit

Waaren versah. Bald discontirte er auch Wechsel, und handelte mit Papieren;

doch Alles mit einer so behutsamen Vorsicht, mit einem so richtigen Takt,

daß es zu den seltensten Erscheinungen gehörte, wenn es sich zeigte, daß

Lund einmal einen Fehlgriff gethan hatte. Nach funfzehn Jahren war es dahin

gekommen, daß Papiere, welche Lund kaufte, sogleich ein Procent stiegen,

und die Gattung hingegen, welche er ausbot, um etliche Procent fiel. Er

merkte sich das, und führte bisweilen die ganze Börse an. Einmal besonders,

in den Kriegszeiten, schrieen die Juden Weh über ihn. So eben war

eine Schlacht gewonnen, die auf den künftigen Preis der Papiere einen

entschieden vortheilhaften Einfluß erwarten ließ. Lund hatte Mittel

gefunden, von dem Ereigniß noch zeitiger unterrichtet zu seyn, als die

Juden. Er wußte, daß sie einen Agenten im Hauptquartier hielten, der ihnen

den Ausgang der nahe bevorstehenden Schlacht sogleich durch eine Estafette

melden sollte. Aber auch Lund hatte seinen Schwiegervater dorthin gesandt,

und, um viel zu gewinnen, etwas daran gewagt. Der Friseur mußte als Courier

herbeifliegen, und obenein auf den Postämtern etliche Schaffner bestechen,

daß sie die Juden-Depesche mit lahmen Pferden expedirten. Nun kam die

hochwichtige Botschaft um zwölf Stunden früher zu Lunds Ohren, und in

diese zwölf Stunden fiel gerade eine Börsenmorgenzeit. Er ließ heimlich

aussprengen: eine Hauptschlacht wäre verloren gegangen. Die Juden stritten

anfänglich; doch weil ihre Estafette nicht eintraf, so meinten sie: der

Feind könnte wohl schon die Postenverbindung stören, und fingen an, Lunds

Nachricht zu glauben. Lund kaufte nicht selbst, bot vielmehr emsig feil,

was den Papieren, auf die bereits das üble Gerücht wirkte, noch mehr

schadete. Seine Bevollmächtigten mußten dagegen zusammenkaufen, so viel sie

nur konnten. Eilig schlugen auch die Juden los, weil sie meinten: wäre

erst die officielle Nachricht da, dann könnte ein noch tieferes Fallen

der Papiere nicht ausbleiben. Damal gewann Lund auf Einen Schlag zwanzig

tausend Thaler; der arme schwindsüchtige Friseur hatte aber von seiner

übermäßigen Anstrengung den Tod.

Nun glaubte Lund, noch die Erbschaft von dem Schwiegervater zu heben. Schon

lange sah er schmachtend danach aus; der Wohlselige aber blieb, bei seinem

mäßigen Leben, trotz seiner Schwindsucht, immerfort, wie er seit zehn

und mehr Jahren gewesen war. Nur der Couriergalopp hatte die Schwindsucht

endlich zu einer galoppirenden gemacht.

Dies Mal täuschte sich Lund aber in seinen Erwartungen. Der Wohlselige

hatte in der That einst etliche Tausend Thaler beisammen; kaum war indeß

seine Tochter verheirathet, als die Mode seine Kunst in einen solchen

Verfall brachte, wie einst die Gothen und Vandalen alle Kunst und

Wissenschaft zu Rom. Schwedenköpfe, Titusköpfe, altdeutsche Köpfe, machten

den armen Friseuren die Köpfe so warm, daß sie damit gegen die Wände

hätten laufen mögen. In den ersten Zeiten ging es noch hin; nur junge Leute

dankten ihre Haarkräusler ab, obschon ältere sie Modenarren hießen. Doch

als erst im Lauf der Jahre auch Präsidenten und Geheime Räthe Zöpfe und

Locken abschafften, als erst auch die Weisen Modenarren wurden, und die

Damen ihr ungepudertes Haar durch Kammermädchen in Flechten aufstecken

ließen: da war bei den einst hochgeachteten Künstlern ihres Leides kein

Ende zu sehn. In so fern Lunds Schwiegervater jetzt nicht viel mehr

verdiente, mußte er sein Kapital angreifen und immer davon zusetzen.

Ein Unglück gesellte sich zum andern; in Folge des Kriegs hörte das

Handelshaus, worin er das meiste Vermögen niedergelegt hatte, zu zahlen

auf. Er sagte dem Eidam nichts von diesem Unglück, damit es seine Tochter

nicht in Klagen und Vorwürfen empfinden sollte. Des Schwiegervaters

nunmehrige Muße benutzte der Eidam genug, und vortheilhaft, zum Ausspähen

und Aussprengen dessen, was seinen spekulativen Absichten frommte. Er

mußte dabei auch andere, jetzt unbeschäftigte, Kunstgenossen in Thätigkeit

setzen, aber sie für ihre Mühe oft aus seiner eignen Tasche bezahlen.

Denn Lund versprach wohl ansehnliche Vergütungen; was er gab, war hingegen

unansehnlich genug: freilich nicht in Lunds Augen; denn _ihm_ galten schon

etliche Groschen für etwas Ansehnliches. Noch ein schwerer Unfall traf den

Verstorbenen. Wollte Lund durch fremde Hand kaufen lassen, so wurden des

Schwiegervaters Freunde bevollmächtigt; er selbst mußte aber in der Nähe

Acht haben, daß nicht Einer mit dem anvertrauten Gelde entwischte. Selbst

ein Polizeibeamter, des Alten Vetter, mußte, schnellen Ergreifens

wegen, bei der Hand seyn. Nichts destoweniger ging einmal ein Freund mit

fünfhundert Thalern davon. Zu leichtfüßig spottete er alles Nacheilens,

entkam aus der Stadt, und auch über die Landesgränze. Den Verlust hatte

nun der Schwiegervater zu decken, und es kam mit ihm so weit, daß er, trotz

seinem ehemaligen Vermögen und Geitz, doch wenig mehr als Puderbeutel,

Brenneisen und Kämme nachließ, die, weniger Nachfrage halben, nicht einmal

die Trödler kaufen wollten. Die übrige fahrende Habe reichte auch zu den

Begräbnißkosten nicht hin, wie spärlich auch Lund dabei zu verfahren gebot.

Er suchte für den Leichnam das Armenrecht in einem Gratissarg und Zubehör

nach; die Obrigkeit wollte sich aber nicht zur Liberalität bei einem Todten

verstehn, der einen reichen Schwiegersohn hinterließ. So mußte schon Lund

zutreten; und wie er auch allen eitlen Aufwand vermied, so kostete es ihm

doch um so mehr Aerger, als die an seines Schwiegervaters Ableben geknüpfte

Hoffnung gänzlich zerrissen war.

Bei jenen sonntäglichen Spaziergängen im Freien blieb auch seine Gattin nie

mit Vorwürfen über die eben erzählten Umstände verschont. »Anstatt, daß

ich hoffte,« sagte Lund, »von Deinem Vater zu erben, mußte ich ihn noch

begraben lassen. Was habe ich nun von Dir gehabt, mein Kind? Zwei hundert

Thaler! Denn Kleider, Wäsche, Zinn, Messing und den kupfernen Kessel kann

ich doch nicht mitrechnen; _Du_ trägst sie, oder brauchst sie in der Küche.

Zwei hundert Thaler sind immer nicht zu verachten, das weiß ich wohl; aber

ich kann doch auch nicht einmal behaupten, daß sie mir zu Gute gekommen

sind. Denn in den langen Jahren hast Du gewiß zwei hundert Thaler in Essen

und Trinken verbraucht; ja, ich habe noch zulegen müssen; zu geschweigen,

was die Tochter kostet: eine Last, die Du mir auch aufgebürdet hast.«

Frau Lund erwiederte ihm zwar: Auf meinen zwei hundert Thalern hat doch ein

ziemlicher Segen geruht, und mein verstorbener Vater brachte Dir auch noch

manchen Thaler ein. Herr Lund bewies aber: _seine_ Spekulationen, sein

saurer Fleiß und Schweiß hätten alles gethan. An dem Verlust, den ihr

Vater einige Mal gelitten hatte, sollte auch Niemand schuld seyn, als die

Tochter. »Du hättest ihn erinnern sollen,« sagte Herr Lund, »daß er sein

Geld nicht bei Weber =et compagnie= lassen müsse; man sprach von diesem

Hause schon lange nicht gut an der Börse. Mir wollte er immer nicht sagen,

wo sein Geld stände; sonst hätte ich ihm längst ein =aviso= gegeben. Du

hättest ihn auch vor dem spitzbübischen Friseur warnen können, der mit

fünfhundert Thalern durchging. Als eine Friseurs-Tochter hättest Du den

Spitzbuben wohl kennen sollen. Aber Du bist eine dumme Gans, von der ich

alle mein Lebelang nur Schaden gehabt habe.«

Auch seine Tochter Philippine, die gegen das Ende seines Lebens etwa

neunzehn Jahre alt war, hatte bei den Spaziergängen ihre Noth. Der erste

Vorwurf ging immer auf ihr ganzes Daseyn. Hätte ich Dich nicht, sagte er,

o wie viel könnte ich sparen! Gewöhnlich folgten dann Verweise, daß seine

Tochter eine Putznärrin sei. Lund pflegte noch hinzuzusetzen: »Und warum

bist Du eine Putznärrin? Du denkst wohl einem Mann zu gefallen? Und das

könnte am Ende wohl seyn; denn -- auch ein großer Fehler an Dir! -- ganz

passabel siehst Du aus. Ah, gehorsamer Diener! Du sollst nicht heirathen,

kannst ledig bleiben. Wenn ein Bräutigam kommt, so will er auch haben; und

wo soll man's hernehmen bei den schlechten, nahrungslosen Zeiten, wo aller

Handel und Wandel stockt!«

Noch mehr Scheltworte mußte Philippine darüber hören, daß sie ein Mädchen

war. Wärst Du ein Junge, hieß es, so könntest Du schon die Lehrjahre

überstanden haben, und im Comptoir sitzen. Ich brauchte den Buchhalter

nicht. Du könntest in ein Paar Jahren Dich nach einer gut bemittelten Frau

umsehn, die so viel Fonds noch zubrächte, als das Haus Lund schon hat; etwa

nach zwanzig Jahren änderte sich wohl die Firma, und zeichnete Gottfried

Lund und Sohn. Und müßt' ich nach dreißig Jahren, oder später, einmal an

meinen Tod denken, dann hätte ich doch die Aussicht, daß die Firma Lund,

die an der Börse zu Ehren zu bringen mir so viel Mühe und Schweiß gekostet

hat, nicht so bald aufhören würde. Da siehst Du, wie vielen Schaden es mir

thut, daß Du ein Mädchen bist.

Philippinens Mutter vertrat sie denn wohl, und erinnerte den Mann: sie

doch nicht um etwas zu schelten, wofür sie nicht könne, ihr auch nicht

vorzuwerfen, daß sie eine Putznärrin wäre, da dies ja völlig ungerecht sei.

Nicht lange vor seinem Tode entstand hierüber ein heftiger Wortwechsel. Wie

kann sie eine Putznärrin seyn! sagte die Mutter; sie hat ja keinen Putz!

»Nennst Du das keinen Putz, was sie da trägt?«

Nein! Ein Hauskleidchen von wohlfeilem Kattun.

»Oho! ich soll wohl gar theuren kaufen! Und wenn das kein Putz ist, so

möchte sie doch gern welchen haben. Ich seh' ihr ins Herz.«

Mein Himmel, wär es denn auch gerade eine Sünde? Alle junge Mädchen putzen

sich gern.

»Braucht sie denn gerade jung zu thun? Kann sie sich nicht alt und ehrbar

betragen? Ich habe so oft gesagt, die Kleider, welche Du ablegst, sollen

ihr zurecht gemacht werden. Bring' ichs wohl dahin?«

Wie kann ich denn Kleider ablegen? Ich habe selbst nur noch zwei, die

so dünne sind, wie Spinnewebe, weil meine selige Mutter sie schon halb

abgetragen hat.

»Daß Du ein Reißteufel bist mit Deinen Kleidern, weiß ich schon lange, und

Philippine tritt in Deine Fußstapfen. Erst vor drei Jahren habe ich ihr

das neue Kleid anschaffen müssen; das alte, hieß es, wäre nicht mehr zu

brauchen, und kam auf den Trödel.«

Philippinchen hatte es so geschont, daß es der Trödler noch recht gut

bezahlte. Aber es war ihr zu kurz geworden.

»Warum hatte es der Schneider nicht eingelegt? Uebrigens auch einer von

ihren Fehlern, daß sie so wächst. Sie braucht nicht allein so oft neue

Sachen, sondern immer mehr Zeug dazu.«

Du magst sagen, was Du willst, mein Kind: sie muß doch wieder ein Kleid

haben.

»Was? Schon wieder? Erst vor drei Jahren ...«

Da war sie noch nicht sechzehn Jahre; seitdem ist sie erst recht

aufgeschossen. Eingelegt war das Kleid; es ist schon einige Mal

nachgelassen, nun geht es aber nicht mehr. Pinchen laß einmal das

Blumenpflücken, und steh auf ... Da siehst Du? Kaum sind noch die Waden

bedeckt.

»Nun, ich sehe noch gar nicht, daß es so sehr zu kurz ist. Aber doch

unverantwortlich, wie das Mädchen wächst. Daran bist Du wieder Schuld,

sonst Niemand. Das kommt von dem Ueberfüttern.«

In einem Vierteljahr werden vielleicht die Kniee zu sehen seyn. Bedenke

doch, was der Wohlstand fordert!

»Wohlstand, Wohlstand! Eben das Mädchen macht, daß ich nimmermehr zu

einigem Wohlstand komme! ... Aus einem neuen Kleid wird nichts. Sie kann

Sonntags zu Hause bleiben, und im Predigtbuch lesen.«

Und, mein Kind, daß Du immer sagst, Philippinchen soll nicht heirathen,

kommt mir auch wunderlich vor. Du wirst so bald nicht sterben. Ach, Gott!

ich glaube, Du stirbst in Deinem Leben nicht. --

»Ha ha ha! In meinem Leben freilich nicht, aber in meinem Tode. Du bist und

bleibst doch eine dumme Gans! Wenn's aber noch lange damit ansteht, soll es

mir lieb seyn.«

O, es wird noch lange genug damit anstehn; Du bist ja gesund, wie ein Fisch

im Wasser.

»Das thut meine Mäßigkeit in allen Dingen.«

Wirklich, Du bist allzu mäßig, könntest Dir hier und da wohl manches zu

Gute thun, was nicht einmal Kosten verursachte. Aber weil Du selbst doch

sagst, daß Du einmal, trotz all' Deinem Verstand und Gelde, wirst sterben

müssen -- gerade darum sollte Philippine heirathen. Denn wer soll in der

Folge erben, was wir haben?

»Sag nur nicht: was _wir_ haben. Das Vermögen gehört mir. Hast Du mir

zweihundert Thaler eingebracht, so hast Du mir wohl dreihundert gekostet.«

Nun gut, _Dein_ Vermögen. Soll es denn in fremde Hände kommen? Ist denn

Dein eignes Fleisch und Blut Dir nicht lieber, als weitläuftige Vettern und

Muhmen?

»Ei, daran werde ich denken, wenn ich dermaleinst dem Tode nahe bin.«

Aber, Du meinst ja, erst in dreißig Jahren würde es dahin kommen. Dann wäre

Philippinchen beinahe funfzig Jahre, und das Heirathen könnte auch nicht

mehr helfen.

»Im Grunde ist es unartig, Frau, daß Du so oft von meinem Tode sprichst.

Das hört Niemand gern, und ich habe doch erst fünf und vierzig Jahre auf

dem Nacken. Daß Du es übrigens lieber sehn würdest, wenn ich heute stürbe,

als morgen, weiß ich sehr gut.«

Das wohl nicht. Aber Du würdest Dich freun, wenn Du mich begraben lassen

könntest; dann kostete ich Dir nichts mehr.

»Ich werde mich aber hüten, daß ich Deinen Wunsch erfülle.«

So viel an mir liegt, ich auch. Du kannst aber ruhig seyn; ich werde Dich

nicht überleben, habe nun einmal kein Glück in der Welt.

»Kein Glück? Sei nicht undankbar gegen den Himmel! Dein Vater lief mit dem

Puderquast umher; und Du hast einen Mann, der nur Gottfried Lund zeichnen

darf, so gilt es an der Börse wie baares Geld.«

Was hab' ich von dem Mann, was hab' ich von dem Geld? Doch laß uns nicht

von solchen verdrießlichen Dingen sprechen. Lieber wollen wir nachgerade an

Philippinchens Heirath denken.

»Da kömmst Du schon wieder mit Deinem _wir_! _Ich_ bin Mann, und werde

sagen, wie ich's haben will; ihr müßt Order pariren. Bei dem Allen --

wenn sich Einer fände, ein solider Mann bei Jahren, der keine Ausstattung

verlangte, keinen Heller -- wer weiß, was ich thäte! So brauchte ich das

Mädchen doch nicht länger zu ernähren.«

Nach dieser Unterredung schien unsern Lund denn doch bisweilen ein Gedanke

an die Verheirathung seiner Tochter zu beschäftigen. Er sagte einige Mal:

»Ich hätte wohl einen Bräutigam für Philippinen; nur wird sie ihm zu hübsch

seyn. Ich kenne ihn; das hat er nicht gern.« Wenn seine Gattin nun fragte,

wer es sei, und ob sie den Auserwählten kenne; dann gab er zur Antwort:

»Noch ist es nicht so weit; erst muß seine Frau sterben. Da sie aber an

einem sogenannten Scirrhus leidet, so kann es damit höchstens noch ein Paar

Jahre währen.«

Es währte aber nur ein Paar Monate, und Herr Kauser (so hieß der von

unserm Lund zum Schwiegersohn Erwählte), ebenfalls ein wohl renommirter

Handelsmann in Material- und Spezerei-Waaren, sah sich in den Wittwerstand

versetzt. Er galt an der Börse für gut, und daneben für Lunds Pylades oder

Jonathan, indem Beide völlig gleichen Sinnes waren. Er mochte etwa funfzig

Jahr alt seyn; aber für jedes konnte er auch wenigstens tausend Thaler auf

den Tisch zählen, und war folglich ein nicht zu verachtender Liebhaber, was

den einen Punkt betraf. Sollte in anderen Punkten auch etwas zu erinnern

seyn, meinte Herr Lund, so müsse man über den Hauptpunkt die Nebenpunkte

vergessen. Noch vor dem Ableben der Frau Kauser, hatte Lund den nunmehrigen

Wittwer befragt: ob nach demselben Philippine wohl auf seine Hand rechnen

dürfe, vorausgesetzt, daß sie nur eine leere Hand bringe, und alle Mitgabe

à Conto gestellt sei, bis nach des Vaters Tode. Herr Kauser nahm die Sache

in Bedenken, und bedachte heraus: daß es ja vollkommen einerlei wäre, ob

Lund oder er Philippinens Geld im Handel umwendete; daß Jener damit eben so

viel verdienen würde, wie er selbst, und auch eben so wenig unnütz verthun.

Ein so edles Vertrauen zwischen Beiden konnte in der That an Orest und

Pylades erinnern.

Als die wohlselige Frau Kauser ihrer sanften Ruhestätte entgegen fuhr,

mußte auch Herr Lund sie begleiten, und in der Kutsche des Leidtragenden,

welche dem Trauerwagen zunächst folgte, seinen Ehrenplatz nehmen. Er hatte

eine schwarze Kleidung dazu entlehnt, und zuvor seiner Ehehälfte gesagt:

Philippine möchte sich bereit halten, ihren Bräutigam hernach zu empfangen:

denn um nicht viele Zeit an den Geschäften zu verlieren, würde er mit

demselben gleich hieher kommen. Auf diese Art könnten zwei Förmlichkeiten

zugleich abgethan werden.

Frau Lund hatte doch so viele Begriffe von Anstand, daß sie erinnerte:

es würde an diesem Tage sich wenig ziemen, und solche Eil besonders dem

Bräutigam übel gedeutet werden.

Herr Lund erwiederte: Solide Geschäftsleute schöben nicht auf, was sie

einmal thun wollten, und fragten nach dem Urtheil der Welt gar nicht.

Uebrigens sollte es eben keine Verlobung vor Notar und Zeugen seyn, wovon

er selbst einräume, daß sie für den Begräbnißtag nicht recht passend seyn

würde; sondern bloß ein vorläufiges Versprechen, im Kreis der nächsten

Verwandten. Es wäre zugleich eine Gelegenheit, daß Braut und Bräutigam

einander kennen lernten.

Frau Lund fragte: welches Kleid nun Philippine anziehen sollte. Wie sie

bei dem Spaziergang vor etlichen Monaten vorausgesagt habe, sei durch

Philippinens abermaliges Wachsthum das einzige Sonntagskleid nun so kurz

geworden, daß wenigstens die Strumpfbänder zum Vorschein kämen. So könne

Philippine sich doch einem Bräutigam nicht zeigen!

Herr Lund stampfte mit beiden Füßen. Meinen Sürtout, rief er, den ich im

Comptoir zu tragen pflege, habe ich nun zwölf Jahre. Warum kann Philippine

nicht auch ein Kleid zwölf Jahre tragen? Ein Kleid, das sie obenein nur

Sonntags anzieht! Eigentlich müßte es siebenmal so lange halten, als mein

Sürtout, =ergo= vier und achtzig Jahre!

Die Mutter wandte ihm ganz vernünftig ein: daß er in den verflossenen zwölf

Jahren, die er den Sürtout besitze, auch nicht mehr gewachsen sei. Zugleich

äußerte sie den Wunsch: aus einem Kleiderladen einen fertigen Anzug gekauft

zu sehn, der sich für eine Brautbesichtigung zieme.

Possen! rief Herr Lund; sie mag in dem alltäglichen Hausanzug von Damis

erscheinen.

Es ist ja nicht einmal Damis, sagte Jene; nur gefärbte schlechte Leinwand.

Und auch schon alt, geflickt, unten ein breiter Saum angenäht, dessen Farbe

absticht.

»Thut nichts! Da sieht Freund Kauser, daß man hier nicht überflüßige

Haushaltungskosten ins Cassa-Buch notirt, obwohl er sich das ohnehin

vorstellen kann. Und Philippine -- auch einer von ihren Fehlern, daß sie

nur allzu hübsch ist -- _soll_ ihm nicht gut ins Auge fallen. Er möchte

sonst zurückziehn; es kömmt ihm auf das Netto bei einer Frau an, nicht aufs

Brutto, und die Schönheit ist immer ein Brutto, wovon der Mann nur unnütze

Last hat. Er muß sorgen, wachen, daß nicht Andere zu der Waare Lust

bekommen, und je mehr eine Frau weiß, daß sie passabel aussieht, je ärger

quält sie den Mann noch um hübsche Emballage. Ich habe oft gesagt, daß ich

etwas darum gäbe, wenn Philippine häßlich wäre. Als Heirathsartikel ist es

doch immer einerlei; der Mann gewöhnt sich an eine häßliche Frau, wie

an eine hübsche; nach Jahr und Tag weiß er nicht mehr, wie seine Frau

aussieht. Doch er kann bei den Geschäften ruhiger seyn, und braucht nicht

an der Börse zu denken: jetzt ist ein Hausfreund bei meiner Frau; wenn er

so klug gewesen ist, sich eine zu nehmen, die nicht hübsch ist.«

Dabei hatte es sein Bewenden. Philippine erfuhr mit geheimen Grauen ihre

Bestimmung. Nie hatte sie Herrn Kauser gesehn; aber es fehlte ihr nicht an

natürlichem Verstande, um =a priori= zu schließen: der Vater würde ihr wohl

eben nicht einen liebenswürdigen Mann aussuchen.

Die Leser könnten mit Recht fragen: woher Philippine doch einen Begriff

von Liebenswürdigkeit genommen habe? In der That war sie einst gar schlecht

unterrichtet worden, kam nur bei den schon erwähnten Gelegenheiten aus, und

sah weiter Niemanden, als die Hausgenossen. Denn hatte Jemand in Geschäften

mit Lund zu reden, so mußten die Frauenzimmer sich entfernen, wenn sie

nicht ohnehin häusliche Verrichtungen hatten.

Bei dem Allen war Philippine nicht ganz ungebildet. Erstlich hatte sie

einen lebhafteren natürlichen Verstand, als ihre Mutter. Zweitens ereignete

sich aber auch ein Umstand, wodurch einige Entwickelung dieser Anlage

entstehen konnte, und wirklich entstand.

Vor Jahr und Tag hatten sich Lunds Geschäfte dergestalt erweitert, daß er,

neben den gewöhnlichen Ladendienern, eines Buchhalters bedurfte. Er hatte

zeither die Verrichtungen desselben theils allein besorgt, theils den

ältesten seiner Ladendiener dazu gebraucht. Dieser ging nun von ihm ab;

von den übrigen hatte keiner die nöthigen Kenntnisse, und überdem war, wie

schon gesagt, der Kreis, in welchem man sich tummelte, bei weitem größer

geworden.

Als Lund damal einen Buchhalter suchte, war es nicht leicht, einen

nach seinem Wunsch zu finden. Junge Handelsbeflissene von Erziehung und

mannichfachen Kenntnissen pflegten ein gutes Gehalt, gute Beköstigung,

und eine anderweitige gute Behandlung zu wollen. Lund verlangte nun mehr

Kenntnisse, als er selbst hatte: der Buchhalter sollte in französischer,

englischer und italiänischer Sprache Correspondenz führen, was Lund nicht

verstand, was aber geschehen mußte, in so fern er die zeither nur auf

Deutschland beschränkten Geschäfte über dessen Gränzen hin ausbreiten

wollte. Disconto und Handel mit Papiergeld waren nicht mehr so lebhaft

wie sonst; Lund hatte namhafte Summen liegen, und mußte sehn, wie er den

größtmöglichen Ertrag davon zöge. Trieb er indeß auch manchen Großhandel,

so lebte er doch immer noch auf dem Fuß eines Kleinkrämers; ja, selbst bei

dem kleinsten unter den Kleinkrämern würde man wohl kaum eine so armselige

Lebensweise gefunden haben. Unter diesen Umständen wollte er zwar bei

seinem Buchhalter ungemein große Kenntnisse, aber ihn nur schlecht besolden

und schlecht beköstigen. Auch sollte der Buchhalter sich -- mitunter

wenigstens -- gefallen lassen, daß er schlecht behandelt würde; denn in

dem, was man behandeln nennt, ging Lund mit seinen Ladendienern gar

wenig zart um: sie mußten Rippenstöße und andere handgreifliche Weisungen

hinnehmen, und wurden nicht allein in der dritten Person angeredet, sondern

häufig auch in den Vocativen der Substantive Esel, Schlingel, Lümmel

u. s. w. Dies hatte freilich die Folge, daß keiner so leicht ein halbes

Jahr bei ihm aushielt.

Als er sich jetzt an der Börse in seiner Absicht umthat, und die Mäkler um

junge Handelsbeflissene mit vorzüglichen Kenntnissen befragte, gab es deren

wohl, die ein Unterkommen suchten, doch nicht Einen, der es bei Lund finden

wollte. Wurde ihnen nur der Name genannt, so hörten sie auch schon auf,

von der Sache zu sprechen, und die Mäkler waren also nicht im Stande,

Herrn Lund ein taugliches Subjekt nachzuweisen. Einige Monate blieb dessen

Absicht unerfüllt; dann meldete sich aber ein hübscher junger Mensch von

selbst bei Herrn Lund, mit der Anfrage: ob er bei ihm die Stelle eines

Buchhalters bekommen könne.

Lund maß ihn vom Wirbel bis zu den Sohlen. Letztere waren etwas schadhaft,

und dort die Haare ohne alle Zierlichkeit geordnet. Ein abgetragner

Ueberrock von schlechtem Tuch kam hinzu. Dies Alles konnte dem Prüfenden

schon gefallen. Der junge Mensch hielt, dem Ansehen nach, nicht auf windige

Eleganz, und trug seine Kleidungsstücke so lange als möglich. Also konnte

er sich auch mit wenigem Gehalt begnügen.

Herrisch fragte ihn Lund: ob er Zeugnisse aufzuweisen habe. Jener nahm

deren mehrere aus einem wurmstichigen Taschenbuch. Sie waren von namhaften

Häusern in Hamburg, Wien und Leipzig ausgestellt, wo der Jüngling

conditionirt hatte, und klangen sehr löblich.

Lund hielt sie gegen das Fensterlicht, um zu sehen, ob auch nichts darin

radirt und beliebig geändert sei. Dann fragte er barsch: »Aber warum blieb

man nicht länger an einem Orte, und zieht umher, wie die Zigeuner?«

Bescheiden wurde ihm geantwortet: Um an verschiedenen Orten meine

Kenntnisse zu erweitern.

Nun mußte der junge Mann zur Probe einige verwickelte Handelsrechnungen

machen, oder lösen. Hierauf verstand sich Herr Lund; und er sah nun, daß

es schnell, richtig, und mit einer saubern Handschrift vollzogen ward.

Gleichwohl tadelte er Einiges daran.

Nun führte er den jungen Mann in seine Speicher und Niederlagen. Dort mußte

er die Waaren nennen, ihre Güte beurtheilen, und ihre Preise abschätzen.

Auch hier bestand er wenigstens ziemlich.

Lund schüttelte aber dennoch den Kopf, ging wieder mit ihm ins Comptoir,

und verlangte Geschäftsbriefe in mehreren Sprachen, nach einem durch ihn

bestimmten Inhalt.

Sie waren bald vollendet, und hatten ein zierliches Ansehn. Selbst konnte

Lund sie nicht beurtheilen, und beschied deshalb Jenen auf den folgenden

Tag wieder zu sich.

Unterdessen zeigte er die Briefe einigen Kaufleuten und Mäklern, die fremde

Sprachen verstanden, und hörte, daß nichts daran zu tadeln sei.

Ketter -- so hieß der junge Mann -- fand sich um die bestimmte Zeit wieder

ein.

Ganz bin ich zwar nicht zufrieden, sagte Lund; indeß -- ich will's

versuchen. Was verlangt man an Gehalt?

Zu seiner Befremdung ward nur eine höchst mäßige Summe vorgeschlagen. Lund

bot demungeachtet nur die Hälfte. Der junge Mensch zuckte die Schultern,

berief sich auf die theure Zeit, und den Umstand: daß er eine unvermögende

Mutter habe, die er unterstützen müsse. Doch, setzte er hinzu, will ich für

das nächste Vierteljahr einschlagen; auf die Bedingung, daß mir der Herr

Principal Einiges zulegen, wenn meine Dienste Ihnen genehm sind.

»Das kann vielleicht geschehn, erwiederte Herr Lund; doch muß ich erinnern,

daß man nur Hausmannskost finden wird.«

Daran bin ich in meiner Jugend gewöhnt worden, und sie ist mir die liebste.

»Auch, daß man nicht zu empfindlich seyn darf. Ich habe ein etwas hitziges

Naturell, meine es aber gut.«

Ich werde mich stets um die Zufriedenheit des Herrn Principals bemühn; so

darf ich keinen Unwillen fürchten.

»Auch, daß man nicht auf einerlei Arbeit muß beschränkt seyn wollen. In

meinem Hause kömmt mancherlei vor; und wer in meinem Lohn und Brot steht,

muß überall mit angreifen, wo es Noth thut.«

Gern werde ich Ihnen so viele Dienste leisten, als ich nur vermag.

»Auch, daß man ordentlich seyn muß, nicht Abends und Sonntags auslaufen,

keine junge lustige Bekannten in's Haus ziehn, die Unfug treiben.«

Die Pflicht der Ordnung versteht sich von selbst; übrigens bin ich hier

fremd, und habe keine Bekannten.

»Noch Eins! Man hat nur eine Kammer; auf eine geheitzte Stube lasse ich

mich nicht ein.«

Ich bin jung und nicht frostig.

»Am beßten auch, ein junger Mensch wärmt sich das Blut durch Arbeit. Nun --

wann will man anziehn?«

Noch heute; in diesem Augenblick, wenn Sie es befehlen.

»Gut; so setz' Er sich gleich an den Schreibtisch.«

In dem Augenblick, wo sich Lund in den wirklichen Principal des Buchhalters

verwandelt hatte, verwandelte er auch das bisherige _man_ in die

Anrede _Er_. Andere Buchhalter würden ihm die dritte Person mindestens

zurückgegeben haben; Ketter hingegen war so bescheiden, daß er sich

gefallen ließ, was Herrn Lund gefiel.

Dieser hatte auch späterhin nicht die mindeste Ursache, Ketters Anstellung

zu bereun. Er verrichtete die ihm aufgegebenen Geschäfte nicht allein

pünktlich, sondern brachte auch, durch seinen klugen Rath, dem Brotherrn

manchen namhaften Vortheil. Er aß und trank so mäßig, wie es ein Harpagon

nur verlangen konnte; und waren am Abend die Comptoirgeschäfte vollendet,

hatte er nichts dagegen, wenn Lund ihn anwies, mit seiner Frau und Tochter

Spezereien zu verlesen, oder Düten zu kleistern. Ungemein selten ging er

Sonntags aus, und immer kam er schon nach einer Stunde zurück. In allen

Stücken konnte Lund sowohl auf die strengste Redlichkeit, als auf seinen

treusten Eifer, den Nutzen der Handlung zu fördern, bauen.

Hatte indeß der Kaufmann, bei so vielem Vortheil, keinesweges Ursache zur

Reue, so ärgerte er sich dennoch über den Buchhalter; besonders, als das

erste Vierteljahr zu Ende ging. Lund war so weit entfernt, ihm nun eine

Gehaltszulage zu bewilligen, daß er vielmehr an einen Abzug dachte. Bei

den Ladendienern pflegte das immer zu geschehn; sie hatten irgend etwas

zerbrochen, das ihnen zu einem viel höheren, als dem wirklichen, Preise

angerechnet wurde, oder es fehlte irgend etwas; genug, Herr Lund verkürzte

ihnen den Lohn, und nicht selten bekamen sie gar nichts, oder mußten wohl

noch zugeben. Einen ähnlichen Anlaß konnte nun der Principal bei seinem

Buchhalter nicht auffinden, wie emsig er auch danach suchte; ja, nicht

einmal eine Ursache, ihn zu schelten. So konnte er auch, wenn beim Ablauf

des Vierteljahrs Ketter etwa an die ausbedungene Zulage erinnerte, ihm

nicht das Mindeste vorwerfen, um die Anschuldigung zu begründen: er sei

nicht zufrieden genug mit seinen Diensten, um sein Gehalt zu erhöhen.

Deshalb brach er manche Gelegenheit vom Zaun, den jungen Menschen zu

schelten. Doch auch hier wurde ihm nur Geduld entgegengesetzt, und als die

ersten drei Monate verflossen waren, erinnerte ihn Ketter nicht an jene

Bedingung, sondern ließ das kleine Gehalt auch ferner gelten.

Die Abendstunden, wo Ketter sich mit den Frauenzimmern beschäftigen

mußte, hatten indeß ihre Nebenwirkungen. Lund pflegte dann oben in eine

wohlverwahrte Kammer zu gehn, die seine baaren Summen, und solche Papiere

enthielt, wovon Andere nichts wissen sollten. Stundenlang schloß er sich

dort ein, zählte, rechnete und schrieb. In seiner Gegenwart sprach Ketter

von nichts als von Geschäften, und meistens nur, wenn er befragt wurde; an

die Frauenzimmer richtete er nie ein Wort; es hatte das Ansehn, als wäre

der junge Mann zu blöde und verlegen dazu.

So verhielt es sich aber in der That nicht; denn sobald Lund sich entfernt

hatte, erzählte Ketter Jenen Manches von den großen Städten, worin er sich

aufgehalten hatte, oder knüpfte andere Gespräche an, in welchen er

sich geistreich genug zeigte. Das unterhielt die so einsam gehaltenen

Frauenzimmer angenehm; besonders merkte Philippine eifrig auf Ketters

Reden, und zog manche Belehrung daraus. Ihre Mutter hatte nichts dagegen,

und sie selbst schöpfte immer mehr Vertrauen zu dem jungen Mann. Er äußerte

sich nun auch offen über den Umstand, daß Philippine so wenig Unterricht

bekommen hätte, da, bei ihren vortrefflichen natürlichen Anlagen, ihr doch

ein mannichfacher zu wünschen sei. Frau Lund sagte: Zu so etwas giebt

der Alte kein Geld her; ich selbst sehe wohl ein, daß es Schade um

Philippinchen ist, die hier ganz versauern muß, kann aber nichts dabei

thun. Nun erbot sich Ketter, in den Abendstunden zuweilen aus einem guten

Buche vorzulesen. Jene ließ das gern geschehn, hörte selbst mit großem

Vergnügen zu, und willigte auch ein, daß Philippine solche Bücher mit in

ihre Schlafkammer nehmen, und sich dort noch daraus belehren konnte. Der

junge Mann schrieb ihr auch kleine Aufgaben nieder, mit denen sie sich

einsam beschäftigen sollte. Daß man dies Alles vor Lund geheim halten

mußte, versteht sich von selbst.

So gelangte Philippine nach und nach zu verschiednen nützlich belehrenden

Schriften. Ketter gab ihr Wilmsens Kinderfreund, Raffs Naturgeschichte,

Campens Rath für seine Tochter, einige auserlesene Schauspiele, einige

Romane von moralischer Tendenz, und mehr, was Geist und Herz bilden konnte.

Je angenehmer Philippinen die neuen Beschäftigungen wurden; desto mehr Zeit

wendete sie darauf, so viel sie es vor ihrem Vater konnte. Noch kein Jahr

war verflossen, und man hätte sagen mögen: mit Philippinen habe sich ein

halbes Wunder ereignet. Das sonst kalte, stumme, oder einsilbige Mädchen,

an dem nur bisweilen ein lebhaftes Augenblitzen, oder hie und da eine

wohl treffende, aber doch übel ausgedrückte Bemerkung ein nicht ganz

gewöhnliches Geschöpf ahnen ließ, zeigte nun tiefes, warmes Gefühl, helles

Urtheil, nicht selten gar muntern feinen Witz, und hatte im Gedächtniß

mannichfache Kenntnisse aufgesammelt. Hatte das -- scheinbare -- Gänschen

sich dergestalt umgewandelt, so konnte man auch bei der Mutter (die Lund

eine wirkliche Gans nannte) einige auffallende Entwicklung nicht verkennen.

Wenigstens hatte sie mehr Umsicht, als ehedem, wußte die Menschen richtiger

zu beurtheilen, und vertraute den eignen Augen mehr.

Daß Lund von den Veränderungen, die mit Beiden vorgegangen waren, wenig

merkte, war natürlich. Einmal verbargen sie sich klug vor ihm, und zweitens

hatte er den Kopf zu voll von Geschäften, als daß er auf die Frauenzimmer

sorgsam hätte achten mögen. Auch sprach er mit ihnen immer nur vom

Nöthigen, oder schalt über das Erste Beßte. Ließ man sich dort einmal

unvorsichtig ein kluges Wort entfallen, so rief er: »Sehe doch Einer! die

Philippine wird am Ende gar naseweis! Willst Du schweigen?« Oder auch: »Die

Gans will noch auf ihre alten Tage klug thun.«

Daß Philippine durch Ketters mündliche Unterhaltungen einen starken Impuls

auf Gemüth und Verstand bekommen hatte, litt übrigens keinen Zweifel. In

dem letzten Vierteljahre hatte sie oft auch Gelegenheit, ihn allein zu

sprechen. Es geschah während der sonntäglichen Spaziergänge ihrer Eltern,

welche sie, bei dem Mangel an einem neuen Kleide, nicht begleiten konnte.

Indeß war Ketter viel zu rechtlich, Mißbrauch von diesen Annäherungen zu

machen; er unterrichtete Philippinen nur um desto eifriger über moralische

und andere nützliche Gegenstände.

Philippine hatte jetzt auch einige Begriffe von männlicher

Liebenswürdigkeit, und die mochte sie hauptsächlich wohl in dem letzten

Vierteljahre bekommen haben. Ketters Gestalt war nicht unedel; er kleidete

sich zwar ärmlich und wenig zierlich, Philippine hatte indeß nur selten

wohlgekleidete junge Männer gesehn, da sie nirgend hinkam. Uebrigens hatte

sie wenig natürlichen Hang zum Putz, und daher war ihr auch der Anzug eines

Mannes ziemlich gleichgültig. So viel sah sie indeß wohl, daß Ketter, wenn

er sich in eine elegante Kleidung würfe, andern artigen Männern keineswegs

in _der_ äußern Anmuth nachstehn würde, die sie einer solchen Kleidung

verdankten.

Um so niedergeschlagner mußte sie aber seyn, als sie vernahm, daß ein von

ihrem Vater gewählter Bräutigam sich ihr zeigen würde. Die Mutter war mit

ihr besorgt, wußte ihr aber keinen Trost zu geben; denn Lund hörte auf

keine Einreden, trat ihnen stets vielmehr mit Hitze und Härte entgegen, und

setzte zuletzt immer despotisch seinen Willen durch.

Nur Eine Hoffnung behielt Philippine noch, in dem Fall, daß sie dem

Bräutigam etwa nicht gefiele. Es war ihr daher lieb, in schlechter

Hauskleidung vor ihm erscheinen zu müssen; sie schwärzte diese Kleidung

noch absichtlich am Küchenherd, und machte sich auch noch selbst einige

Rußflecken in das Gesicht. Daneben beschloß sie, gebeugt und linkisch

aufzutreten, und auf Alles, was der Bräutigam sie fragen würde, so dumm und

albern als möglich zu antworten.

Die Mutter sagte zwar: Ich kenne Herrn Kauser nicht, habe auch sonst nichts

von ihm gehört; es wäre aber doch möglich, daß wir uns Beide irrten, und

daß der Vater einen Mann ausgesucht hätte, der Dir gefallen könnte. Also

ist es nicht klug gehandelt, wenn Du ihm zu mißfallen suchst.

Nein, nein! sagte Philippine; er wird mir nicht gefallen! Das weiß ich, ehe

ich ihn noch gesehn habe!

Endlich rollte eine mit schwarzem Tuch überzogne Kutsche vor. Zwei schwarz

gekleidete Männer stiegen aus, Herr Lund und Herr Kauser. Die Luft war

durch Regen gerade sehr trübe, und die Wohnstube hinter dem Spezereiladen

hatte nur Ein Fenster in den etwas engen Hof, so daß es auch an hellen

Tagen hier ziemlich dunkel blieb; und vollend bei solchem Wetter, als

heute.

Philippinens ohnehin trübes und finstres Gesicht bekam folglich nur ein

sehr mattes Licht; und da die Lilien und Rosen darin von den schwarzen

Flecken entstellt wurden, so that ihre Schönheit so gut als gar keine

Wirkung.

Dazu kam auch noch, daß die kleine Stube, in welche die beiden schwarzen

Männer jetzt traten, schon lange nicht mehr geweißt war.

Anfangs redeten sie vom Börsencours, ohne sich um die übrigen Anwesenden zu

kümmern. Nach einiger Zeit brachte Herr Kauser denn doch die Angelegenheit,

welche ihn hieher führte, zur Sprache. Apropos, fing er an, wenn Ihr keine

Ausstattung gebt, so müßt Ihr doch die Hochzeit ausrichten. »Das werd'

ich wohl bleiben lassen,« erwiederte Herr Lund; »wer heirathet, der trägt

billig auch die Kosten. Man braucht indeß keinen närrischen Aufwand zu

machen. Ein Paar Zeugen, ein Paar Tassen Kaffee, und damit gut.«

Herr Kauser dachte ein Weilchen nach, und erwiederte dann: Nun, es

ist freilich, genau überlegt, am Ende gleichviel, ob Ihr die Hochzeit

ausrichtet oder nicht. Das heißt, wenn es noch dazu kommt. Ihr wißt meine

Bedingung. Wo ist die Tochter? Bei diesen Worten setzte er seine Brille auf

die Nase.

Lund dagegen brachte seine Ohren in Bewegung, indem er bald hinter dem

einen, bald hinter dem andern kratzte. Das that er aus Verlegenheit und

Besorgniß, daß der Handel zurückgehn könne.

Kauser fing wieder an: Ist sie schön, und putzt sich gern, so nehm ich sie

nicht. Dabei müßte ich mir den Schlag an den Hals ärgern. Ist sie das hier?

Hm -- nun, es geht damit noch an. Mir wollte Jemand sagen, sie wäre schön.

So arg ist es damit eben nicht. Nach ihrem Anzug scheint sie auch eine gute

Wirthin zu seyn. Nun ja -- ich lass' es mir gefallen.

Philippine, die erst heimlich darüber seufzte, daß sie keine Mühe angewandt

hätte, reitzend zu erscheinen, fuhr bei den letzten Worten zusammen, als

ergriffe sie ein Fieberfrost. Sie hatte jedoch, seitdem Herr Kauser

ins Zimmer trat, nichts anderes empfunden als eine Reihe von kalten

Fieberschauern. Der zugewiesene Geliebte war schindeldürr, hatte ein

erdgelbes, vielgefaltetes Gesicht, eine lange dünne Habichtsnase, ein

spitzes Kinn, und ein Paar weitgeöffnete gelbbraune Augen, die gewöhnlich

zwar sehr matt aussahen, aber doch von einem gewissen Isegrimmsfeuer

loderten, wenn ein Affekt sie anregte. Die schwarze Kleidung war ihnen

günstig; ihr Leuchten trat nunmehr heraus.

Bon jour, Mamsell, krächzte jetzt erst der Prüfende. Ich denke, wir wollen

uns schon mit einander vertragen. Werden Sie eine gute Frau seyn, so bin

ich ein guter Mann. So viel sag' ich Ihnen aber vorher, spaßen lass' ich

mit mir nicht. Servitör, Madam Lund!

Jetzt wandte er sich halb um, auf's Neue mit dem Vater des Mädchens zu

sprechen, der jetzt viel leichter athmete, weil sich kein Hinderniß gezeigt

hatte. Nun sah die Braut Herrn Kauser, der seine Brille, nach vollendeter

Prüfung, wieder abnahm, von der Seite. Dies hatte sein Vortheilhaftes für

die convexe Nase und das concave Kinn. Der Zufall ließ aber dem Profil der

Gestalt noch einige malerische Ergänzungen angedeihen, welche der Fantasie

der Braut ungemein zu Hülfe kamen. Die weitgeöffneten Augen hatten bei ihr

den Effekt eines abgebildeten weitgeöffneten Höllenschlundes gethan. Die

Wirkung des Profils entsprach jener Illusion, nur daß sie vom Reich zu dem

Regenten überging. Das sollte nun der Fantasie noch über alle Erwartung

leicht gemacht werden. Der Bräutigam hatte pechfarbne, mit grau

durchmengte, struppige Haare, an deren Verschneidung lange nicht gedacht

war. Nun sträubten sich am Scheitel zwei gekrümmte, spitz auslaufende

Borsten auf, die, von der Seite gesehn, zwei mäßigen Hörnern glichen.

Kauser hatte sich aber in den etwas kurzen Trauermantel dergestalt

gewickelt, daß er sich bis nahe an die Mitte des Leibes heraufzog. Und

weil er darunter seinen Hut einklemmte, so fügte es sich, daß eine Ecke

desselben hinterwärts vorblickte, und zugleich einen rheinländischen Fuß

lang den schwarzen Flor niederwallen ließ. Nichts konnte lebhafter an den

Schweif erinnern, von dem man nicht weiß, ob ihn Lucifer wirklich hat, oder

ob ihn die Maler nur freigebig damit beschenken.

Philippine war indeß nun vom Grausen übermannt, sank ihrer Mutter halb

ohnmächtig in die Arme, und rief zugleich, mit Wehmuth und Entsetzen zu

gleichen Theilen in ihrer Stimme: Hu, der Teufel leibhaftig!

Herrn Kauser gefiel das Compliment freilich schlecht, und Herr Lund wallte

in dem grimmigsten Zorn darüber auf. Was Teufel, rief er, schickt es sich

für eine Braut, den Bräutigam Teufel zu nennen? Daß ich Dir nicht mit der

flachen Hand an das gottlose Maul komme! Du solltest wirklich meinen, der

Teufel wär' es!

Philippine stotterte: Beßter Vater, ich flehe Sie um Erbarmen an! Geben Sie

mir den Tod, nur diesen Mann nicht. Ich kann ihn nicht heirathen! Mir graut

und schaudert vor ihm --

Jungfer Naseweis, fiel Herr Lund ein, wird Sie gefragt? Hat Sie auch eine

Stimme?

Jene fuhr fort: Ich eigne mich auch nicht für ihn.

Donnernd gebot ihr der Vater, zu schweigen, und fügte hinzu: Will das Ei

klüger seyn, als die Henne? Ich muß wissen, was zusammen paßt!

Frau Lund, ihre Tochter im Arm haltend, brach nun in Thränen aus, und rief:

Nein, lieber Mann, der Unterschied in den Jahren ist zu groß. Mache Dein

Kind nicht unglücklich!

Seht doch, entgegnete der liebe Mann; will die Gans auch drein schnattern?

»Ich bin Mutter, und gebe meine Einwilligung nicht.«

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht um Deine Einwilligung gefragt,

und werde es auch bis an mein seliges Ende nicht thun.

Ei, fiel Herr Kauser ein, mein lieber Lund, das hätte ich nicht gedacht!

Eure Frauenzimmer sind schlecht gezogen. Uebrigens thut bald, was Ihr thun

wollt; ich habe Posttag, und verliere meine Zeit.

Gut, entgegnete Herr Lund, ich werde Euch vorläufig mit dem Mädchen

versprechen. Ein Zeuge muß wohl noch dabei seyn. Ich rufe meinen

Buchhalter.

Er ging, und der Bräutigam wandte sich unterdessen an Philippinen. Mamsell,

sagte er, glauben Sie nicht etwa, daß ich so einfältig bin, Ihnen nicht

in's Herz zu sehn. Es ist nur Verstellung und Ziererei. Sie heirathen für

Ihr Leben gern, sind froh, daß ich gekommen bin. Man kennt die Jüngferchen,

sie machen's alle so. Meine selige Frau wollte auch durchaus nicht, der

Vater mußte Gewalt brauchen. Aber sie widersetzte sich nur zum Schein; die

Gewalt wäre gar nicht nöthig gewesen. Aergern Sie doch Ihren Vater nicht

unnützer Weise. Sie stellen sich, als wollten Sie das nicht, was Ihnen doch

sehr lieb ist.

Lund fand sich wieder ein; Ketter folgte. Hier ist ein Zeuge, fing Jener

an; nun kein Sperren mehr, Jungfer Naseweis! Hingegangen zu Herrn Kauser,

gesagt: lieber Bräutigam, ich freue mich, daß ich die Ehre haben soll,

Ihre Frau zu werden. Dann ein Küßchen in Ehren gegeben. Allons, wie lange

währt's?

Ketter staunte. Herr Lund, rief er, um Gottes willen! was denken Sie zu

thun!

Mit großen Augen fragte dieser: Wa ... wa ... wa ... was ist das?

»Sie könnten Ihre liebenswürdige Tochter so hinopfern?«

Wa ... wa ... was geht Sie das an, junger Herr? Zeugen sollen Sie,

die Ohren brauchen, nicht den Mund. Wie kann sich auch der Buchhalter

unterstehn, seines Principals Verfahren zu tadeln! Da soll ja ...

»Wie unedel muß ein Mann fühlen, der nicht allein an eben dem Tage, an

welchem er die vorige Gattin begraben hat, sich abermal versprechen will,

sondern auch ein Mädchen, das Grauen vor ihm einer Ohnmacht nahe bringt,

durch Zwang an sich gefesselt kann sehn wollen!«

Ich sage Ihnen meinen Dienst auf! -- Herr Kauser rief: Und dann muß es

an der Börse öffentlich gesagt, ja selbst den Handelsfreunden weit umher

geschrieben werden: daß er widerspenstig gegen seinen Principal gewesen

ist, einen soliden angesehenen Kaufmann, dem er Respekt schuldig war, mit

himmelschreiend unehrerbietigen Worten beleidigt hat. An keinem Orte muß er

wieder eine Condition finden! Aber die Zeit vergeht. Macht fort, Lund!

Der junge Mann rief: »Weigern Sie sich Philippine! Es gilt das Glück Ihres

Lebens. Die Gesetze berechtigen Sie, da Ihren Gehorsam zu versagen, wo man

Sie zwingen will, in Ihr Verderben zu gehn!«

Philippine hatte mehr Muth, seitdem Ketter eingetreten war. Feierlich

schwör ich, sagte sie, daß ich diesem Mann nie meine Hand geben werde, und

sollte ich darüber auch untergehn.

Frau Lund küßte ihre Tochter, billigte, was sie gesagt hatte, und versprach

ihren Beistand nach allen Kräften.

Nun liefen die beiden Schwarzen in blindem Zorn mit den Köpfen an einander,

und wurden durch den Schmerz noch wilder. Kauser trat mit eingestemmten

Armen vor Philippinen hin, und sah ihr mit so strafenden und drohenden

Blicken ins Gesicht, daß selbst die Tapferkeit davor hätte zittern mögen.

Zu Worten gelangte sein Grimm dagegen nicht; Lunds Flüche hätten sie auch

übertäubt.

Seitdem ihm Ketters kluge Thätigkeit wichtige Vortheile gebracht, hatte

Lund das Er doch in eine höflichere Anrede umgeändert, weil er meinte,

das _Sie_ koste ja nichts, und der junge Mann könne es anstatt einer

Gehaltszulage in Empfang nehmen. Jetzt aber rief er die Anrede mit _Er_

zurück, nachdem schon Flüche vorhergegangen waren. Er packte den jungen

Mann zugleich an der Brust, und schrie: Bu -- bu -- Bursche! Er will meine

Tochter zum Ungehorsam verleiten? Wa -- wa -- was geht meine Tochter Ihn

an?

Kaltblütig hielt Jener ihn ab, und sagte: Viel geht sie mich an. Ich sage

muthig, daß ich Philippinen liebe. Zuerst sah ich sie in der Kirche, wo

ihre Schönheit mich bezauberte. Ich wünschte, ihr nahe zu seyn, um mir ihre

Gegenliebe erwerben zu können. Darum kam ich in Ihr Haus, fügte mich in

jede Ihrer wunderlichen Launen, suchte durch Redlichkeit und Fleiß meines

Principals Wohlwollen zu verdienen. Schon manchen Jünglingen gelang unter

solchen Umständen endlich, was sie Anfangs nimmer hoffen durften. Ich

machte einen ähnlichen Entwurf, ob mich schon nicht Philippinens Reichthum,

sondern ihre Liebenswürdigkeit angezogen hatte. Daher bediente ich mich

einer List, doch keiner Arglist, sondern einer schuldlosen, auch dem

Redlichen erlaubten. Geben Sie mir Philippinen ohne alle Ausstattung.

Ganz so unbemittelt, wie ich es vorgab, bin ich nicht, und traue mir

hinreichende Geschicklichkeit zu, eine Frau zu ernähren.

Philippine rief: Auch ich gestehe freimüthig, daß ich ihn liebe.

Die beiden Schwarzen geberdeten sich, als wollten sie mit den Köpfen gegen

die Wände laufen, Wände und Köpfe zugleich einstoßen. Doch besannen sie

sich noch, und sprachen in dem heftigsten Zorne, beide zugleich. Herr Lund

rief zitternd: Also hat Er sich wie ein Betrieger in mein Haus geschlichen,

und obenein mir die Tochter verführt! Nicht genug, solchen Bösewicht

fortzujagen; verhaften, einstecken lassen muß man ihn. Ich will auf der

Stelle zu dem Polizeiamt!

Er klemmte seinen Trauermantel in die Thür, als er beim Weggehn sie hinter

sich zuwarf, und ließ ihn, wie Joseph, lieber fahren, als daß er noch

zaudern mochte.

Herr Kauser hatte mit ihm zugleich gesprochen: O, wenn es hier noch einen

jungen Wildfang giebt, der einem soliden Geschäftsmann böse Tücke spielen

könnte; wenn das Jüngferchen obenein in ihn vernarrt ist, so kann ich mich

bei einem vorläufigen Versprechen nicht beruhigen. Ich hole einen Notar;

gleich Schwarz auf Weiß, unterzeichnet und gehörig besiegelt.

Er ging auch, blieb aber in den Mantel gewickelt; und dies kam ihm zu

Statten, wie man sogleich hören wird.

Nie, seitdem er lebte, hatte sich Lund so heftig geärgert, wie diesen

Abend. Der Zorn hatte auch seinen ganzen Körper in den stärksten Schweiß

gesetzt. In seiner blinden Wuth hatte er gar nicht bedacht, was jetzt

das Klügste sei. Ihm, einem guten Rechner, mußte jeder Strich durch die

Rechnung ein Dorn im Auge seyn. Der heutige lange aber brachte ihn fast

ganz von Sinnen.

So rannte er davon, und bemerkte nicht, daß sich der vorhin mäßige

Herbstregen in einen Platzregen verwandelt hatte, den man beinahe einen

Wolkenbruch hätte nennen mögen. Es war ziemlich weit nach dem Polizeiamt.

Jupiter =pluvius= drang durch den schwarzen leichten Rock, und

überschwemmte die Oberfläche des Körpers zum zweiten Male. Heiße und kalte

Nässe vertrugen sich nun so schlecht, daß aus ihrem Zwiespalt ein Zwiespalt

zwischen Lunds Leib und Seele entstand, dessen Natur gewiß irgend ein Arzt

den Lesern gern erklären wird, wenn sie ihn höflich darum fragen.

Genug, Lund erkältete sich plötzlich auf seinen glühenden Zorn, und fiel,

ehe er noch das Polizeiamt erreicht hatte, auf der Straße nieder. Daß er

gerade in einen Rinnstein fiel, und daß einige Zeit verging, ehe man ihn

aufhob und ins Trockne brachte, vermehrte die Folgen der Erkältung bis zu

einem sehr hohen Grade.

Bei einem Platzregen gehen natürlicher Weise schon wenige Menschen aus dem

Hause, und in einem Rinnstein kann man länger unbemerkt bleiben, als mitten

auf dem Fahrdamm.

Erst nach einer Viertelstunde wurde Lund gesehn, und erkannt, doch im

Anfang für betrunken gehalten, bis verständige Leute bemerkten; _der_, bei

seinem Geitze, habe sich gewiß nicht betrunken; ihm sei eine Ohnmacht, ein

Krampf, wo nicht gar ein Schlagfluß, zu gestoßen.

Endlich zog man den Röchelnden aus der Tiefe, und schaffte ihn mit einem

Tragsessel in seine Wohnung. Ehe dies geschah, untersuchte noch ein

vorbeigehender Chirurgus seinen Zustand.

Als vorhin die beiden Schwarzen weggeeilt waren, thaten die

zurückgebliebnen Frauenzimmer, was Frauenzimmer unter solchen Umständen zu

thun pflegen: sie ließen Klagen auf Thränen folgen, und dann wieder Thränen

auf Klagen. Dem Buchhalter fiel das Trösten anheim, obwohl er selbst Trost

bedurfte. Er sagte indeß: Standhaft, gute Philippine; man kann und darf Sie

nicht zwingen. Wenn Ihre Mutter sich nicht zur Einwilligung bewegen läßt,

so muß ihr Wort doch auch gelten. Ich kann nun nicht mehr im Hause bleiben,

ob ich es gleich mit Schmerz verlasse. Eine Verhaftung besorge ich zwar

nicht, will auch vor jedem Richter vertreten, was ich gethan und gesagt

habe; Herr Lund hat mir aber den Dienst aufgekündigt. Nun, meine Bücher

sind in Ordnung. Nur eine kurze Anweisung für meinen Nachfolger, und ich

kann noch heute gehn.

Philippine bat ihn weinend, zu bleiben, und sie in der Noth nicht zu

verlassen. So lange es möglich ist, soll es geschehn, erwiederte Ketter;

allein Ihr Vater wird auf meine Entfernung dringen, wenn er weiter nichts

vermag. O Philippine, ich weiß nun, daß Sie mich ein wenig lieben. Welche

Glückseligkeit, und welches Entsetzen zugleich für mich, da meine Trennung

von Ihnen jetzt nothwendig ist, und da ich nun überzeugt bin, von Ihrem

Vater nie mein Glück hoffen zu dürfen!

Ketter, sagte Philippine ermannt; ja, ich liebe Sie! Zu sehr haben Sie

meine Achtung und meine Dankbarkeit gewonnen, als daß ich je einem Andern

meine Hand geben könnte. Braucht mein Vater Gewalt, so sag ich noch am

Altare Nein, und rufe die Gesetze zu Hülfe. Doch sagen Sie mir, Sie, der

Sie mich mit so vielem Guten, Rechten, Edlen und Schönen bekannt gemacht

haben: würde es in meiner Lage unrecht seyn, wenn ich zu entfliehn suchte?

Als Kammerjungfer, vielleicht sogar als Lehrerin, fände ich wohl ein

Unterkommen. Schwer würde es mir freilich seyn, mich von der guten Mutter

zu trennen; das müßte ich aber ja auch, wenn ich den verhaßten Kauser

heirathete. In jenem Fall wüßte sie mich doch vor dem schrecklichsten

Unglück gesichert.

In dem einzigen Fall, erwiederte Ketter, daß Ihr Vater seine Absicht mit

Gewalt durchsetzen will, halte ich es für erlaubt, daß Sie entfliehn. Auf

meinen -- anspruchlosen -- Beistand können Sie dann sicher zählen.

Ich will selbst helfen, schluchzte die Mutter, allen Zorn meines Mannes

tragen. --

Der Buchhalter ging ins Comptoir; die Frauenzimmer blieben, und weinten

ihre schmerzlichen Thränen fort.

Da eilte, ehe noch der Tragsessel vor dem Hause war, jener Chirurgus

herein. Erschrecken Sie nicht, Madame, fing er an; ich bringe eine üble

Nachricht. Herrn Lund hat der Schlag gerührt. Er ist ohne alle Besinnung,

und -- fassen Sie sich -- es ist keine Hülfe mehr.

Mutter und Tochter erschraken in der That sehr heftig; doch ihre Thränen

hörten sogleich auf zu fließen. Ist es möglich? rief Frau Lund; ist es

möglich?

Man trug den Sterbenden bereits in die Hausthür. Die Gattin eilte ihm

entgegen, und wußte nicht, ob sie den eignen Augen trauen sollte. Doch that

sie nach Pflicht und Gewissen, was nöthig schien. Der Kranke wurde in das

Schlafzimmer gebracht, der nassen Kleidung entledigt, und in das gewärmte

Bett gelegt. Der Chirurgus öffnete zwei Adern, sagte aber voraus, daß

es unnütz seyn würde. Frau Lund befahl, daß noch ein Arzt geholt werden

sollte, der berühmteste in der Stadt.

Bis er kam, beschäftigte der Chirurgus sich mit andern Rettungsmitteln.

Philippine, die ungemein verstört in die Küche geeilt war, half dem Mädchen

Thee bereiten und Steine wärmen. Von Zeit zu Zeit kam Frau Lund zu ihr, und

sagte: Er bleibt dabei, daß keine Hülfe ist. Wir müssen aber doch nichts

versäumen, daß wir uns nichts vorzuwerfen haben.

Philippine erwiederte jedes Mal: Freilich müssen wir das; sonst behielten

wir ja kein gutes Gewissen.

Der berühmte Arzt kam endlich, fand hier aber keine Gelegenheit mehr, noch

berühmter zu werden. Lunds Gesicht war zur Hälfte blau; nur selten vernahm

man ein Röcheln, und der Puls war kaum noch zu finden.

Ist noch Hoffnung, Herr Doktor? fragte Frau Lund.

Nur einige Minuten kann es noch währen, antwortete der Arzt, nach einem

bedauernden Achselzucken.

Frau Lund eilte wieder in die Küche, und schlug die Hände zusammen. Es

ist bald aus, sagte sie; ich hätte es nie gedacht. Nun soll ich ihn doch

überleben. Da sieht man: unverhofft kömmt doch oft!

Aengstlich sagte ihr Philippine ins Ohr: sie möchte nicht vergessen, ja

nicht vergessen -- was, das konnte sie nicht hervorbringen.

Die Mutter eilte in die Wohnstube. Beide gingen neben einander auf und ab,

ohne etwas zu sagen. Bald kam der Arzt: Madame, ich bezeuge mein Beileid;

Ihr Mann hat geendet.

Ist er auch gewiß todt? entfuhr der neuen Wittwe; kann ich mich darauf

verlassen?

Philippine zupfte sie wieder ängstlich am Kleide, und Jener erklärte die

absolut tödtlichen Wirkungen einer solchen Apoplexie, wie die vorliegende.

Er soll einen Grabstein von Marmor haben, sagte Frau Lund wieder, und

dachte dabei dunkel: zum Dank für die große Wohlthat, die er mir durch

seinen Tod erzeigt.

Die Nichthülfe der Aerzte ward reichlich bezahlt, und Beide gingen ihres

Weges.

Mutter und Tochter flogen zum Todten, und schauderten. Die entseelten

Züge schienen Trümmer von Geitz und Wuth. Lange war der Anblick nicht

auszuhalten; Jene eilten in die Wohnstube zurück. Noch immer waren sie im

Taumel einer Bestürzung, als kämen sie aus einem Kerker, und hätten noch

dazu ein Loos von funfzig tausend Thalern gewonnen.

Träum' ich auch nicht? sagte Frau Lund; ist es denn wirklich wahr?

Wahr, erwiederte die Tochter. Nur fassen Sie sich; lassen Sie nicht

merken ...

Mein Gott, fiel die Mutter ein, hat er es denn danach gemacht, daß wir uns

über seinen Tod grämen können? Ich hatte keine frohe Stunde bei ihm, und

sein Kind wollte er auch noch ohne Erbarmen unglücklich machen.

Hätte er noch einen letzten Willen abfassen können, sagte die Tochter, so

würde er sicher darin verordnet haben, daß ich Kausern heirathen sollte.

Oder er hätte Dich enterbt, fiel die Mutter ein.

Nun, sagte die Tochter wieder, heirathe ich Kausern doch nicht, liebe

Mutter? -- Und die Mutter umarmte sie.

Ketter hatte von dem Allen nichts gehört. Jetzt trat er wehmüthig in die

Stube. Herr Lund, fing er an, kömmt nicht wieder; so will ich denn gehn.

Er kömmt nicht wieder, sagte Frau Lund; Sie gehn aber nicht. Wer sollte

denn die Geschäfte meiner Handlung führen? Oder vielmehr: unsrer Handlung;

denn sie gehört mir und Philippinen zur Hälfte.

Der junge Mann verstand sie nicht, und gerieth in das höchste Erstaunen,

als man ihm das Nähere sagte. Ungläubig ging er zu dem Leichnam, und kam

bald in großer Bestürzung wieder. Jetzt erschien auch Herr Kauser, von

einem Notar begleitet. Schwarz auf Weiß, rief er; Siegel und Zeichnung!

Frau Lund sagte: Herr Kauser, ziemt es sich wohl, gleich nach einem

Todesfall ein Verlöbniß zu halten?

Warum nicht? antwortete er; über Vorurtheile muß man sich hinwegsetzen, wo

es das Mein und Dein gilt.

Gut, hob Frau Lund wieder an; nun habe ich zu reden. Herr Notar, ich

verspreche meine Tochter mit meinem Buchhalter, und Herr Kauser ist wohl so

gütig, als Zeuge sich zu unterschreiben.

Herr Kauser rief: Was sind das für Possen! Wo ist mein Herzensfreund Lund?

Man hinterbrachte ihm alles. O, wie würde ihn der Tod des Herzensfreundes

entzückt haben, wenn er schon mit Philippinen verheirathet gewesen wäre!

Seine Einreden halfen nicht, da er nicht Schwarz auf Weiß hatte. Ketter und

Philippine wurden nach einigen Monaten ein frohes Paar. Der wurmstichige

Hausrath wurde abgeschafft; man genoß, was der Geitz zusammengescharrt

hatte, und freute sich des Lebens, doch mit Anstand und mäßig.

Das Sonst und Jetzt waren im Lundschen Hause nun ziemlich verschieden.

So geht es im weiten launigen Reiche der Schicksalsgöttin. Oft sinken die

Freuden der Lebenden mit in ein Grab; bisweilen aber blühen ihnen auch

Rosen daraus hervor.

Drei

Liebespaare in Einem.

Eine

romantische Kriegsbegebenheit.

Drei Liebespaare in Einem.

Der Sohn eines sächsischen, ziemlich bemittelten Landedelmanns wurde nach

D*** auf eine Schule gesandt. Er war träge im Lernen, fleißig aber

im Koboltschießen und Ballschlagen; oft vergaß er über einer glatten

Schlitterbahn im Winter, oder einem steigenden Papierdrachen im Herbst, daß

ihn eine Lehrstunde erwartete, und mußte daher ins Carcer. Die ihm jedes

Vierteljahr ausgestellten Zeugnisse lauteten ungemein übel; er mußte sie

jedes Mal in die Heimath schicken, von wo dann tüchtige Strafpredigten

erfolgten. Sechzehn oder siebzehn Jahre mochte er alt seyn, als, nach einem

ganz außerordentlich üblen Zeugniß, sein Vater in D*** anlangte, um einmal

selbst nach dem ungerathenen Sohn zu sehn. Er fand dessen Wohnzimmer in

solcher Unordnung, daß er die Hände über dem Kopf hätte zusammenschlagen

mögen. Bälle und Flitzbogen lagen umher, die Schulbücher waren zerrissen,

die Hefte voll Tintenflecke, und allerlei Fratzen darauf gezeichnet, so

wie auch an den Wänden. Lisuart -- so hieß das Söhnchen -- hatte sich nicht

gewaschen, nicht gekämmt; an Ellbogen und Knieen zeigten sich merklich

schadhafte Gegenden.

Aber Junge, rief der Vater, Du spielst noch mit Bällen und Flitzbogen? Und

so liederlich sieht Alles neben und an Dir aus? Bist ein Edelmann, und hast

nicht mehr Ambition? Gehst mit zerrissenen Hosen, und das Hemd kuckt Dir an

den Ellbogen heraus? Wie lange ist es her, daß ich Geld zu neuen Kleidern

geschickt habe?

Ehe Lisuart zu einer Antwort gelangen konnte, bekam er zwei derbe

Ohrfeigen; nun ward er tückisch, und antwortete gar nicht.

Der Vater machte jedoch mit ihm eine Runde bei den Lehrern, um sich zu

erkundigen, woran es doch mit dem Buben läge.

Der Rektor sagte: Zwei Umstände sind es hauptsächlich, an denen es liegt,

daß der junge Herr nichts lernt. Einmal schläft er zu lange, und kömmt

immer zu spät in die Classe, wie sehr ich ihm auch das =Aurora musis

amica= empfohlen, und ihn ermahnt habe, mit Tagesanbruch seine Uebungen

vorzunehmen. Zweitens aber stecken seine Taschen immer voll Kuchen und

Obst; er nascht während des Unterrichts in Einem weg verstohlen, und da

gilt folglich das =plenus venter non studet libenter= auch in Einem weg bei

ihm.

Junge, hob der Vater wieder an, wo nimmst Du das Geld her? Ich habe Dir

doch nur acht Groschen zu Kleinigkeiten monatlich ausgesetzt.

Der Rektor faßte ihm während dessen in die Taschen; in der einen

befand sich eine Mandel Abrikosen, in der andern ein Paket überzogner

Gewürzkuchen.

Lisuart mußte nun reden, und gestand in abgebrochnen Worten: daß er bei

verschiednen Kuchenbäckern und Obsthökerinnen auf Borg nähme.

Der Vater sagte zornig: Ich will in den Zeitungen bekannt machen lassen,

daß Dir auch nicht eine gebrannte Mandel, nicht eine Pflaume, kreditirt

werden soll.

Der Conrektor und der Subrektor äußerten ebenfalls große Unzufriedenheit,

und klagten, daß der junge Mensch sich durch einen gewissen

erzschalkhaften, boshaften Sinn auszeichne. Es sollte damit, ihnen zufolge,

so weit gehen, daß er die Ehrerbietung vor seinen Lehrern vergäße. Beide

führten einige Beispiele an. Einer sagte: Wie oft ich es ihm auch schon

verboten, ja, ihn darum ins Carcer geschickt habe, nennt er mich doch oft,

anstatt Herr Conrektor, Herr _Kornrektor_, so daß alle Knaben lachen, und

die Aufmerksamkeit verloren geht. Ich bin nicht zu übermäßiger Strenge

geneigt; jung ist jung. Sollen aber zuweilen =allotria= getrieben werden,

so gescheh' es in den Freistunden, nicht in der Klasse.

Und mich, fiel der Andere ein, redet er oft, anstatt Herr Subrektor, Herr

_Suppenrektor_ an. Man sagt wohl: =pueri puerilia tractant=; allein der

Herr Sohn sollte nicht mehr zu den Knaben gehören wollen.

Sein College nahm abermal das Wort: Daß er es gerade so übel meine,

behaupte ich bei dem allen nicht. Die veränderte Silbe in Korn will sagen:

ein Mann von ächtem Schroot und Korn. Er sollte gleichwohl bei der alten

bleiben.

Nein, hob Lisuart stotternd an; so habe ich es nicht gemeint ...

Der Lehrer fragte: Wie denn sonst?

Er bekam zur Antwort: Nun -- weil Sie so gerne Korn trinken.

Hierüber gerieth der Conrektor fast außer sich, und wollte den Beleidiger

nicht mehr in seiner Klasse dulden.

Feuerroth wollte nun auch der Subrektor hören, weshalb denn sein Titel eine

Veränderung erlitten habe. Der junge Mensch antwortete: es sei ihm zu

Ohren gekommen, der Herr Subrektor habe einmal auf einem Schmaus eine ganze

Terrine Suppe allein verzehrt.

Nun wollte auch dieser ihn nicht mehr unterrichten. Wär' es noch

klassischer Witz, sagte er, so behielt' ich ihn in meiner Klasse; Allein

dieser Witz ist schal, trivial.

Bei der Schule stand aber noch ein Quintus, der berühmt und berüchtigt

zugleich war: jenes, weil er mehrere Schriften herausgegeben, die Aufsehn

in der gelehrten Welt machten; dieses, weil er ehedem schon ein andres Amt

bekleidet, aber von den jungen Mädchen, die er unterrichten sollte, zwei

in einen Zustand versetzt hatte, nach welchem sie gesegnet zur Einsegnung

kamen. Man hatte ihn weggejagt und noch anderweitig hart bestraft;

ihn endlich aber, seiner trefflichen Kenntnisse wegen, doch wieder als

Schulmann -- nur nicht bei Mädchen -- angestellt. Dieser Quintus trat nun

für Lisuart ein. Er wollte bemerkt haben, daß der junge Mensch ein Genie

sei. Nur Geduld! setzte er hinzu; es wird sich schon entfalten, und dann

geht es auch mit den Studien über Hals und Kopf. Ich weiß, wie es bei mir

gegangen ist.

Schon wollte der Vater seinen ungerathenen Sohn wieder mit nach Hause

nehmen; doch der kleine Schimmer von Hoffnung, auf welchen der Quintus

deutete, bestimmte ihn anders. Er versprach dem Conrektor und Subrektor,

ihnen ein Paar geräucherte Schinken in die Küche zu senden, wenn sie die

Sache gut seyn ließen.

Lisuart wohnte bis jetzt bei einem Bürger, dem der Vater eine Art von

Aufsicht über ihn anvertraut hatte. Der Mann sagte aber: der junge Herr

folge nicht, und richte auch im Hause nur allerlei Unfug an; darum wäre es

ihm lieber, wenn der junge Herr auszöge.

Dem Vater fiel nun ein, daß in D*** ein verabschiedeter Hauptmann lebe, der

sein Freund und Herr Bruder sei. Er ging mit Lisuart zu ihm, und fragte: ob

es anginge, und er ihm die Freundschaft erzeigen wollte, den Sohn in sein

Haus zu nehmen? -- Von dessen übler Aufführung verschwieg er nichts, setzte

aber hinzu: Strenge ist um so nöthiger; und kann Einer noch etwas aus ihm

machen, so bist Du es, Herr Bruder.

Warum nicht, Herr Bruder? entgegnete der Hauptmann; das will ich Dir schon

zu Gefallen thun. Aber ich muß im Nothfall die Fuchtel brauchen dürfen.

In Gottes Namen, erwiederte der Vater; brauche Sie nur recht oft! Er hat

neun Häute; thu' Alles Dir Mögliche, ihm auch durch die letzte zu kommen.

Nicht öfter, sagte der alte Officier, als wenn er nicht pariren will. Von

Gelehrsamkeit versteh' ich den Teufel; aber daß er früh aufstehn und sich

an die Bücher setzen soll, will ich schon machen. Und kömmst Du wieder, und

er ist nicht in seinem Anzug, wie aus dem Ei geschält, so ... gerade soll

er mir auch gehn, wie eine Kerze.

Der Hauptmann erfüllte sein Versprechen. Kaum war Lisuart einige Monate in

seinem Hause, als er in manchem Betracht sich gebessert hatte; aber doch

nur ein wenig, und nicht in allen Stücken. Die Kleidung war sauber,

stand ihm aber nicht gut; er ging gerade, doch steif, ohne Anmuth. Das

Kinderspielzeug war verschwunden; Lisuart stand auch, in Rücksicht auf die

schon einige Mal empfundenen Fuchtel, zeitig auf; doch an den Büchern wurde

noch immer nicht viel gethan, ja, eigentlich noch weniger, als zuvor, wo

er doch noch Gesichter mit langen Nasen hineingekritzelt hatte; was

der Hauptmann nicht mehr zugab. Noch immer lauteten die Schulzeugnisse

keineswegs rühmlich, und Lisuart saß noch in Quarta, obschon Manche, die

jünger als er waren, sich in Tertia, ja in Secunda befanden.

Der Hauptmann nahm ihm einen Fechtmeister und einen Tanzmeister an, daß

sie ihm ein sogenanntes =air degagé= beibringen sollten. Bei Jenem machte

Lisuart einige Fortschritte, zum Tanzen hingegen hatte er so wenig Lust als

Geschicklichkeit.

So kam sein achtzehntes Jahr heran, und auch der Winter, für den sein

neuer Mentor in eine Gesellschaft trat, die sich wöchentlich zu einem Ball

versammelte. Es geschah meistens um Lisuarts willen, der, wie Jener sagte,

hier noch mehr den Bauer ablegen, und feinere Lebensart bekommen sollte.

Doch es hinkte auch da genug. Er sollte eine Dame zum Tanz auffordern,

weigerte sich aber aus Blödigkeit. Nur angedrohte Fuchtel konnten ihn

endlich bestimmen. Nun tanzte er freilich, indeß mit so krummen Knieen und

so verwirrt, daß man über ihn lachte. Beim Essen stopfte er dagegen so viel

Kuchen und Obst in sich, daß man mit Fingern auf ihn wies. Der Hauptmann

ärgerte sich sehr, und fuchtelte ihn noch um Mitternacht, als man wieder zu

Hause war.

Auf dem nächsten Ball zeigte er etwas mehr Geschick beim Tanz, und etwas

weniger Naschgier an der Tafel; aber ganz unausgelacht kam er doch nicht

davon. Sie sollten sich schämen, sagte der Hauptmann daheim; so ein

hübscher junger Mensch, und beträgt sich -- hol mich der ...! -- so

ungehobelt wie -- nun, ich mag's nicht sagen.

Dies Mal war Lisuart doch so dreist, daß er sagte: Wenn aber Jemand so viel

flucht, Herr Hauptmann, ist das gehobelt oder ungehobelt?

Was? rief Jener, der junge Patron will noch auf mich sticheln? Das leid'

ich, Gott straf mich, nicht! Ich vertrete Vatersstelle bei ihm, und habe

Autorität.

Um diese Autorität abermal thätig zu beweisen, zog er vom Leder; dies

Mal aber, anstatt einer gewichtigen Klinge, eine leichte, beräucherte

Gänsefeder, welche Lisuart aus einem Flederwisch gezogen und mit der Klinge

vertauscht hatte. Es war das erste Mal, daß er dem Hauptmann einen Streich

zu spielen wagte.

Dieser rief: Wer hat das gethan?

Ich nicht, antwortete Lisuart.

»Können Sie schwören?«

Hol mich der Teufel!

»Können Sie auch Ihr Ehrenwort darauf geben?«

Nein, das kann ich nicht! Ich hab' es gethan, weil ich dachte, eine Feder

thäte doch nicht so weh.

Nun fiel ihm der Hauptmann um den Hals. Sieh! rief er; bist doch ein

tüchtiger Kerl, Junge! Schwörst wohl beim Teufel falsch, willst aber nicht

Dein Ehrenwort geben. Bravo! Und hast doch einmal Raupen im Kopf, einen

guten Einfall. Ich glaube, die zwei Bälle haben Dich schon etwas formirt.

Das muß ich gleich meinem Herrn Bruder schreiben. O, ich will zum Teufel

fahren, wenn nicht noch was aus Dir wird!

Auf dem nächsten Ball setzte der Hauptmann sich neben eine ihm unbekannte

Dame, und hob ein Gespräch mit ihr an. Nicht lange nachher kam ihre, etwa

funfzehnjährige, Tochter aus den Reihen zurück, und nahm Platz bei der

Mutter. Pfui, Luischen! sagte diese, wie schlecht hast Du getanzt! Und wir

haben doch vier Monate einen Tanzmeister bei uns gehabt. Zwar bist Du zum

ersten Mal auf einem Ball; ich hätte aber doch nicht geglaubt, daß es so

schlecht gehn würde.

O nur Uebung, gnädige Frau, sagte der Hauptmann; da wird das Fräulein

dreist. Ich habe da einen Eleven, der soll sie gleich wieder auffordern.

Lisuart, kommen Sie her!

Schüchtern nahte sich dieser, und machte eine linkische Verbeugung.

Fordern Sie das Fräulein auf, sagte der Hauptmann wieder; geschwind!

Lisuart stammelte: Kann ich die Ehre haben ...?

Die Dame nahm das Wort: Wird meiner Tochter viel Ehre seyn. Allons, Luise,

folge!

Luise stand bebend auf, schien ungern wieder in den Reihen zu gehn. Der

Hauptmann sah zu. Es kam ihm vor, als nähme Lisuart sich dies Mal mehr

zusammen, und hielte sich dreist, zierlicher.

Lisuart wies auch das Fräulein in den sogenannten Touren zurecht. Als aber

der Tanz vorüber war, liefen ihm große Tropfen Angstschweiß vom Gesicht.

Der Hauptmann stand auf, lobte ihn, und sagte hernach leise: Nun setzen Sie

sich ein wenig neben die junge Dame, mit der Sie getanzt haben; unterhalten

Sie sich mit ihr.

Lisuart wollte nicht, und suchte Ausflüchte. Sie sollen, ward ihm

erwiedert, oder es giebt zu Hause Fuchtel. Die Klinge ist eingesetzt.

Lisuart fragte zaudernd: Was soll ich denn mit ihr sprechen?

Tausend Sapperment! entgegnete der Hauptmann, was das für eine dwatsche

Frage ist! Eben da formirt sich ein junger Mensch, wenn er mit Damen

spricht, und es muß sich ja wohl etwas finden, wovon man sprechen kann,

in's Teufels Namen! Sprechen Sie, wovon Sie wollen, nur nichts Ungezognes!

Lisuart nahm zagend neben dem Fräulein Platz, und hob an: Meine Gnädige --

es ist heute schönes Wetter.

Die Gnädige antwortete: So muß es eben erst schön geworden seyn. Als wir

kamen, schneiete es.

Sie hatte, wie man sieht, etwas mehr Fassung, als er; denn sie hörte doch,

was er sagte, und daß es nicht ganz richtig schien. Er dagegen hatte so

wenig recht gewußt, was er sagte, als er recht hörte, was sie antwortete.

Beide dankten eigentlich dem Himmel, daß sie doch einige Worte

hervorgebracht hatten, weil es die Schicklichkeit so gebot. Das Fräulein

zeigte etwas mehr Gegenwart des Geistes im Reden, weil die weibliche Natur

es so mit sich bringt. Daß Lisuart dagegen beim Tanz sie darin übertroffen

hatte, rührte vielleicht davon her, daß er schon einige Mal öffentlich

getanzt, Luise aber heute den ersten Versuch machte.

Nach und nach kamen Beide doch mehr und mehr ins Gespräch. Luise erzählte,

daß sie zum ersten Mal mit ihrer Mutter in D*** sei, was sie bereits an

schönen Sachen gesehn habe, und noch sehn werde, und mehr dergleichen. Ihr

Vater, sagte sie auch, der zu Hause geblieben wäre, hätte ihr prophezeiet,

sie würde sich recht wundern. Lisuarts Angst verlor sich auf einer Seite;

denn er vernahm allmählig, was seine Nachbarin sagte, und konnte dazwischen

erzählen: wie es ihm in D*** ergangen sei, und noch gehe; auf der anderen

Seite aber stieg diese Angst. Denn er fing an, ein ihm bis dahin ganz

unbekanntes wunderbares Vergnügen zu fühlen, als er so mit Luisen redete.

Und weil er so oft über das, was ihm Vergnügen gemacht, Tadel, Scheltworte,

selbst Ohrfeigen und Fuchtel bekommen hatte, fing er an zu fürchten: daß

ihm dieses Vergnügen aller Vergnügen noch etwas viel Schlimmeres zuziehen

würde.

Zu seinem Erstaunen klopfte ihm aber der Hauptmann auf die Schulter, und

betheuerte bei Ehre und Reputation: so wäre es recht!

Er setzte bei der Abendtafel sich wieder zu jener Dame, und Lisuart

mußte neben Luisen Platz nehmen. Der junge Mensch betrug sich fein und

angemessen, tanzte hernach noch einmal mit dem kleinen schönen Fräulein,

und Beiden ließ sich kein Fehler mehr vorwerfen. --

Am nächsten Morgen kam sein Aufseher in seine Stuben: Was ist das!

sagte er; Sie haben gewiß das Licht brennen lassen, und sind darüber

eingeschlafen. Der Teufel! so kann ja Feuer entstehn.

Das noch glimmende Licht war ganz herunter gebrannt, und der junge Mensch

hatte noch die Kleidung von gestern Stück für Stück auf dem Leibe.

Ich habe, erwiederte Lisuart verwirrt, ein nöthiges lateinisches Exercitium

gemacht, und bin darüber nicht zu Bette gegangen. Es war ja schon zwei Uhr,

als wir nach Hause kamen.

Eigentlich verhielt sich die Sache so. Lisuart empfand, als er vom Ball

nach Hause kam, auch nicht die mindeste Neigung zum Schlaf. Des Fräuleins

Bild tanzte ihm unaufhörlich vor dem innern Auge: immer klangen ihre Worte,

und die Musik der beiden mit ihr getanzten Tänze, ihm vor dem innern Ohr,

und dies machte ihm wieder ein neues, so hohes Vergnügen, daß er sich

ihm weit lieber, als dem Schlaf überließ. Es stand ein Klavier auf seinem

Zimmer. Er bekam Unterricht in der Musik, hatte aber bis jetzt nur sehr

geringe Fortschritte gemacht; theils, weil seine Neigung zu dieser

Kunst nicht groß war, theils auch weil sein Lehrer darin nicht zu den

vorzüglichsten gehörte. Dieser hatte seinem Schüler binnen einem Jahre eine

alte sogenannte Klavierschule mit ganz leichten Anfangsstücken gebracht,

etliche Sonaten der Art von Vanhal und Pleiel, auch eine Operette von

Hiller, die Ouverture daraus zu lernen; allein der Schüler hatte bis jetzt

sehr wenig begriffen.

Nur die alte Operette hatte ihn gewissermaaßen angezogen, weil sie Lisuart

und Dariolette hieß. Der Mensch ist nun einmal so, daß er seinen Namen gern

gedruckt sieht. Ein Kupfer am Titelblatt, welches einen jungen stattlichen

Ritter im Harnisch vorstellte, pflegte er oft anzusehn, und auch einige der

leichten Gesangmelodieen aus dem Werk zu klimpern.

Jetzt, indem er so im Zimmer umherging, und der eben entflohenen Stunden

dachte, fiel ihm auch das Musikbuch in die Augen, und er betrachtete nun

zum ersten Male mit Antheil die junge Dame, welche im Kupfer neben dem

Ritter stand. Bald setzte er sich an das Klavier, und es schien ihm ganz

anders zu klingen. Er schlug Einiges von dem auf, was der Ritter Lisuart

von seiner Liebe singt, und es ergriff ihn gewaltig. Ihm dünkte, als wären

es seine eignen Empfindungen; und viel geläufiger, als sonst, konnte er

jetzt die Noten lesen, und die Finger rühren. Noch mehr hingerissen fühlte

er sich bei dem Gesang der Dame in den Worten:

Reich Deine Hand als Bräut'gam mir,

Mein liebstes Gut auf Erden,

Und ich verspreche Dir dafür,

Nie ungetreu zu werden.

Er konnte nicht aufhören, die einfache Melodie zu wiederholen und die

einfachen Worte dabei zu lesen. Ihm war, als sänge das Luise -- zu ihm; und

sterben hätte er mögen vor Entzücken über diese Vorstellung. Er beklagte

nur, daß nicht Dariolette jenen Namen hatte. Bis an den hellen Morgen

konnte er sich nicht von der süßen Beschäftigung losreißen.

Und nun brachte er auch eine ganz veränderte Stimmung mit in die Schule.

Die Wissenschaften hatten ihm eine höhere Bedeutung gewonnen; er meinte:

was ihn so lange angeekelt habe, könne wohl hohes Vergnügen gewähren. Zum

ersten Male schämte er sich, immerfort getadelt worden und gegen Andere

zurückgeblieben zu seyn; es erwachte in ihm Ehrgeitz, das Verlangen, seinen

Mitschülern gleich, ja zuvor zu kommen, und er dachte nun auch, das könne

so schwer nicht seyn.

Die ganze Woche hindurch zeigte er ungemeinen Fleiß, sowohl in den

Lehrstunden, als zu Hause, und fragte den Quintus um vielerlei, der sich

auch bereitwillig zeigte, ihm durch Winke und guten Rath fortzuhelfen.

Schon am Ende dieser Woche wurde er in eine höhere Klasse versetzt. Hierzu

trugen die Empfehlungen des Quintus das Meiste bei; dieser hatte nehmlich

dem Rektor versichert: Lisuarts Genie fange nun an, sich zu entwickeln.

Gerade an diesem Tage führte ihn sein Mentor wieder auf den Ball. Lisuart

hatte sich recht sorgfältig und nett gekleidet, und war viel weniger

verlegen, als zeither; einige ältliche Damen, die müßig auf ihren Stühlen

die Versammlung musterten, machten die Bemerkung: der Lisuart staffire sich

recht gut heraus, und werde ein ganz hübscher Mensch.

Schon die heutige Versetzung in eine höhere Klasse hatte dem jungen

Menschen mehr Muth gegeben; dazu kam aber noch, daß der Hauptmann

ihn, theils darüber, theils auch über seinen heutigen Anzug und sein

verbessertes Betragen gelobt hatte. Lob über ein gewisses Verdienst pflegt

dies Verdienst zu erhöhn, namentlich in jüngeren Lebensjahren.

Aus dieser Ursache trat er nicht mehr so scheu vor Luisen, nach der er sich

die ganze Woche hindurch gesehnt hatte. Auch Luise war weniger betreten,

und daneben vortheilhafter, als neulich, gekleidet. Beide tanzten und

sprachen heute mehr mit einander, als vor acht Tagen, und menschenkundigen

Beobachtern hätte es nicht entgehn können, daß Beide sich sehr glücklich

fühlten, und daß sich in ihren Herzen die ersten Spuren der Liebe zeigten.

Sonderbar übrigens, daß noch keins von Beiden des Anderen Namen wußte, und

auch den Muth nicht hatte, danach zu fragen. Lisuart bediente sich nur der

Anrede: meine Gnädige; und Luise war genöthigt, alle Anrede zu vermeiden.

Der Hauptmann saß am Spieltisch, und kam dies Mal nicht zu ihnen.

Luisens Mutter begegnete dem jungen Menschen darum freundlich, weil er sich

immer zu ihr hielt; es war ihr ja daran gelegen, daß Luise, die bisher auf

dem stillen Lande erzogen war, sich in der Welt darstellen lernen sollte.

Und außer Lisuart kümmerte sich Niemand eben um Luisen; das noch halb

kindische Fräulein war den jungen Herren von Ton zu unbedeutend, und auch

in D*** nur wenig bekannt.

Heute kam das Gespräch unter andern auf die Tonkunst. Lisuart erfuhr, das

Fräulein habe auch darin Unterricht gehabt; und nach ihren Aeußerungen

mußte sie viel größere Fortschritte darin gemacht haben, als er. Um so

schöner und vortrefflicher schien ihm nun die Musik.

Er brachte den Rest der Nacht abermal am Klaviere hin, und mit noch höher

gesteigerten Empfindungen. Heute fand er in seinem alten Opernbuch eine

Romanze des Inhalts:

Es war einmal ein Königssohn,

Ein Wüthrich, den die Menschen flohn.

Nicht bänger fliehn die Kinder,

Wenn Ruprecht kömmt, und nicht geschwinder.

Der Vater weinte bitterlich,

Und sprach vergebens: bessre Dich!

Die Lehrer zwang sein Fluchen,

Die Thore vom Pallast zu suchen.

Einst führet sein Geschick ihn hin,

Wo eine junge Schäferin,

Von Hitz' und Lauf ermattet,

Die Nacht des grünen Walds beschattet.

Sie ruht im Schlaf, ihr Antlitz lacht

Gleich einer heitern Sommernacht,

Und frei und immer freier

Spielt Zephyr mit des Busens Schleier.

Wie ward dem Wilden, der sie sah!

Wie eine Säule steht er da

Wohl eine ganze Stunde,

Mit starrem Blick und offnem Munde.

Doch sie erwacht, und eilt zu fliehn,

Die Ehrfurcht lehrt ihn niederknien;

Der Stolze ruft mit Thränen:

Verzeuch, o lieblichste der Schönen!

Umsonst, sie flieht mit trübem Blick,

und mit Gefühl kehrt er zurück,

Das nimmer sich gereget,

Seit ihm ein Herz im Busen schläget.

Des Herzens Drang, des Wissens Lust,

Entflammen plötzlich seine Brust;

Der Alte will vor Freuden

Im Arm des neuen Sohns verscheiden.

Er fragt: Wer hat Dich so bekehrt?

Der Jüngling sagts; der Alte schwört:

Ich rufe sie noch heute

Im Hochzeitschmuck an Deine Seite.

Sie reichen sich die frohe Hand.

Noch jetzt hört man im ganzen Land,

Vom Prinzen und der Schönen,

Ein Lob von allen Lippen tönen.

Diese Verse setzten unsern Lisuart in Erstaunen, und gaben ihm noch

Deutungen, Aufschlüsse über sein Innres. Ja, so konnte _des Herzens Drang_

erwachen und _des Wissens Lust_; o, wäre der Alte da gewesen! Doch sah der

junge Mensch wohl ein, daß davon bei einem Tertianer die Rede noch nicht

seyn könne; aber, dachte er, einst, einst!

Wußte er doch nun ganz klar, daß er Luisen liebte, und seine Liebe sollte

eine ganze Ewigkeit dauern, keine Minute weniger.

Verdoppelter Fleiß in der Schule und zu Hause, stets mit wachsendem

Vergnügen begleitet, war die Folge seiner erwachten Gefühle. Auch der

Conrektor und Subrektor lobten ihn nun; denn von einem Kornrektor und

Suppenrektor ließ er nichts mehr hören, sondern zeichnete sich nur durch

Wißbegierde aus, so wie durch leicht erworbene Kenntnisse und einen

Scharfsinn, der oft in Verwunderung setzte. Der Subrektor selbst gab ihm

das Lob: er habe jetzt zuweilen ächt witzige Einfälle.

Ihm fiel aber auch ein, daß seine Kleidung ziemlich abgetragen, und gar

nicht recht nach dem Schnitt gemacht sei, wie andere junge Edelleute in

D*** sie trugen. Er bat den Hauptmann, ihm eine andere machen zu lassen.

Das thue ich von Herzen gern, bekam er zur Antwort; ist doch noch Geld da,

und mein Herr Bruder wird nicht geitzen, wenn er nur sieht, daß aus dem

Sohn ein Kerl wird.

Lisuart trieb, daß die neue Kleidung zum nächsten Ball fertig werden

sollte. Als er darin vor den Spiegel trat, hatte er selbst einen kleinen

Anfall von närrischer Eitelkeit; denn er fand, was er bis jetzt nie

gefunden hatte, nehmlich, daß er doch ein ganz hübscher Mensch sei.

Luise mußte das auch wohl finden; denn sie wurde, als sie ihn zuerst

erblickte, röther, und war hernach freundlicher, als zuvor. Sie schien ihm

aber auch heute bei Weitem reitzender; vielleicht, weil er, bei erhöhtem

Selbstgefühl, besonnenern Muth gewonnen hatte, sie mehr als flüchtig

anzusehn. Heute forderte Lisuart das Fräulein so oft zum Tanz auf, daß die

Mutter besorgte, es könnte Aufsehn erregen, und daß sie Luisen befahl,

die Aufforderungen nun abzulehnen. Sie vermied auch seine Nähe bei Tische,

worüber denn Lisuart sich recht sehr betrübte.

Doch in recht eigentliche Schwermuth sank er, als am nächsten Balltag Luise

nicht mehr zu sehen war; auch späterhin nicht mehr kam. Endlich gewann

er es, mit großer Mühe, über sich, den Hauptmann, als sie im Dunkeln nach

Hause gingen, zu fragen: wo die fremde Dame geblieben seyn möchte -- von

der Tochter sagte er doch nichts --, neben welcher er, der Hauptmann,

neulich gesessen hätte.

Ich weiß nicht, bekam er zur Antwort; vermuthlich ist sie abgereis't.

Noch schwerer ging Lisuart an die Erkundigung: wie sie heißen, und wo sie

wohnen möchte?

Der Hauptmann betheuerte, von dem Allen kein Wort zu wissen, und fügte

hinzu: Aha, junger Patron! Ich will des Teufels seyn, wenn Sie nicht in

die Tochter verliebt sind. Nun, recht gut das. Wenn sich ein junger Mensch

verliebt, fängt er auch an, etwas auf sich zu halten. Ich wette, nun werden

die Fuchtel nicht mehr nöthig seyn.

Behüte! rief Lisuart; wie kommen Sie darauf! Die Fuchtel anlangend -- nun,

die werde ich mir künftig verbitten, Ihnen aber auch keine Gelegenheit dazu

geben, Herr Hauptmann!

Bravo, erwiederte dieser; das soll mir recht lieb seyn.

Er schrieb dem Herrn Bruder nun auch: der Sohn fange recht ernstlich an,

sich zu bessern; und schickte Zeugnisse von den Lehrern mit, die ungemein

vortheilhaft klangen.

Lisuart machte jetzt in der That Fortschritte, die man ihm nicht zugetraut

hätte, und er selbst hatte mit jedem Tage eine höhere Freude daran. Auf der

anderen Seite war es ihm aber so schmerzlich, Luisen nicht mehr zu sehn,

und ihren Aufenthalt nicht zu wissen, daß eine merkliche Blässe im Gesicht

seinen Gram offenbarte.

So kam der Frühling heran, und nun erst fand er die schönen Umgebungen

der Stadt sehr anziehend. Er schweifte oft darin umher, mit irgend einem

Dichter in der Tasche, um ihn da oder dort, auf einem Felsen sitzend, zu

lesen. Darüber entzündete sich in seiner eignen Brust poetisches Feuer.

Er staunte, als er die ersten Versuche niedergeschrieben hatte, daß es ihm

auch gelänge, Verse zu machen. Zum Theil enthielten sie Erinnerungen an

jenes Beisammenseyn mit der geliebten Luise; zum Theil Sehnsucht nach

Wiedersehn; doch einige enthielten nur Lob der schönen Natur. Die letzteren

wies er dem Quintus vor, der sie verbesserte, und ihm aufmunternde Lehren,

und Rath gab, was er zur ferneren Ausbildung seines Geschmacks lesen müsse;

und mit den Worten endete: Sagt' ich es doch voraus, daß hier Genie wäre.

Natürlicher Weise freute sich der Jüngling hierüber. Als er dann

Shakespear, Schiller und Göthe las, verzweifelte er bald, Genie zu haben,

bald glaubte er wieder, daß es ihm nicht ganz daran fehle. _Genie des

Gefühls_, meinte er doch, könne man ihm nicht absprechen.

Er kam nach Secunda, und ein halbes Jahr später nach Prima. Nun hatte

er die meisten von seinen Mitschülern, die ihm vorangeeilt waren, wieder

eingeholt. Freude hierüber, die zufriednen Briefe seines Vaters, und die

süße Zerstreuung, welche ihm die Poesie gewährte, scheuchten nach und nach

aus seinem Herzen den Gram der Liebe, doch keineswegs die Liebe selbst,

welche sich vielmehr in seiner Brust immer stärker befestigte. Er machte

allerlei Entwürfe, Luisen auszumitteln, und sich zu bestreben, daß er bald,

wie sein Vater es wünschte, ein Amt erlangen möchte, um Luisen dann seine

Hand anbieten zu können.

Im Herbst erklärte man ihn fähig, die Hochschule zu beziehn, und Jena wurde

für ihn ausgewählt.

Ein neuer Lebenskreis, Freiheit, und Gelegenheit sich jugendlichem Frohsinn

zu überlassen, wie zuvor nie! Lisuart hatte jedoch keine Neigung, wilden

Ergötzlichkeiten nachzugehn, und suchte Freunde von ähnlichem Sinn. Außer

den Rechtswissenschaften, trieb er philologische mit beinahe übermäßigem

Eifer, und zeichnete sich sogar unter den fleißigern und musterhaften

jungen Musensöhnen noch aus.

Durch die mannichfachen, von ihm eingesammelten, Kenntnisse lernte er auch

sich selbst mehr kennen. Jetzt sah er wohl ein, daß, wenn er Luisen nicht

gesehn hätte, nie diese Neigung zu den Wissenschaften in ihm erwacht seyn,

und daß er vielmehr leicht dahin gekommen seyn würde, auf eine ihm höchst

nachtheilige Weise die akademische Freiheit zu mißbrauchen. Zu seiner Liebe

gesellte sich noch Dankbarkeit für sein Erwachen zu einem edleren Leben,

wodurch die Liebe noch mehr Nahrung bekam, und ihm in einem schönern Lichte

erschien.

In den nächsten Sommerferien machte er eine Fußreise; wie er vorgab, die

schöneren Gegenden von Sachsen zu sehn, eigentlich aber, Luisens Wohnort zu

entdecken. Sie hatte einmal in ihrer Unterhaltung mit ihm gesagt: In D***

bin ich noch nicht gewesen, wohl aber schon einige Mal in Leipzig, weil

dies nicht so weit von uns ist. Hieraus schloß nun Lisuart, ihr väterliches

Gut müsse in der Gegend von Leipzig liegen, und nahm sich vor, eine solche

Runde zu machen, daß er es nicht verfehlte.

Die Mühe war indeß vergeblich. Wie sorgfältig er auch jedes Dorf besuchte,

das einen Herrenhof hatte, wie genau er auch die Gestalten der Mutter

und Tochter beschreiben mochte: es glückte ihm nicht, das Gewünschte zu

erfahren, und er mußte endlich unverrichteter Sache nach Jena zurückkehren,

was ihn denn tief betrübte.

Als er neunzehn Jahre alt war, dachte er: nun ist Luise im sechzehnten; als

er das zwanzigste antrat: nun wird sie in das siebzehnte treten -- O, Gott,

wenn mir Jemand zuvorkäme!

Er entschloß sich, an den Hauptmann zu schreiben, und ihm sein Geheimniß

halb und halb zu entdecken. Es müsse sich ja, schrieb er weiter, in D***

wohl erforschen lassen, wer jene Dame gewesen sei; der Vorsteher

der Ballgesellschaft werde sie ohne Zweifel kennen. Er ließ die

angelegentlichste Bitte folgen, daß sich der Hauptmann nach ihr erkundigen

möchte.

In der Antwort auf diesen Brief hieß es: Der Vorsteher aus jener Zeit sei

gestorben, und alles anderweitige Nachfragen habe wenig gefruchtet.

Lisuart besuchte im nächsten Jahr seinen Vater, der ihn mit großer Freude

und Herzlichkeit empfing. Der Sohn ließ auch hier etwas von seinem innern

Zustand merken; da sagte aber sein Vater: Oho! jetzt schon an eine Heirath

zu denken, ist zu früh! Und ich habe übrigens halb und halb ... ein sehr

wohlhabender alter Freund, der eine einzige Tochter hat, die auch recht

schön und gebildet seyn soll ...

Lisuart unterbrach ihn mit Betheurungen: er würde nie einem andern Mädchen

seine Hand geben können. --

Possen! sagte der Vater wieder; so reden alle junge Leute, und die Umstände

ändern viel. Nichts mehr davon! kömmt Zeit, kömmt Rath.

Lisuart mußte wieder nach Jena. Seine Poesien machten bei Kennern Aufsehn,

und sie riethen ihm, eine Auswahl davon drucken zu lassen. Es geschah

endlich, doch so, daß er auf dem Titel nur seinen Vornamen nannte. Die _an

Luise_ überschriebenen Gedichte athmeten das meiste und stärkste Feuer.

Doch jetzt, im Jahr 1813, loderte auch das Kriegsfeuer in Deutschland

auf. Lisuart meinte, die politische Rolle des Königs von Sachsen wäre nur

gezwungen; und, obschon dessen Unterthan, beschloß er doch in preussische

Dienste zu gehn, um gegen Deutschlands Unterdrücker zu kämpfen. Er bat

seinen Vater um Erlaubniß dazu, und dieser sagte: Thue, was Du willst; ich

mag nichts davon wissen. Gieb Dir aber lieber einen andern Namen, daß es

nicht heißen kann: Du habest gegen Dein sächsisches Vaterland gestritten.

Lisuart ging nach Berlin, gab sich für einen Herrn von Breitenfeld aus, und

bekam eine Lieutenantsstelle bei einem neu errichteten Corps von leichter

Reiterei.

Nichts von den Kriegsauftritten, denen er beiwohnte, außer, daß er durch

seine Tapferkeit bald Rittmeister wurde.

Als nach der Schlacht bei Leipzig Napoleons Flüchtlinge verfolgt wurden,

und man sie theils zu ereilen, theils ihnen in die Seite zu kommen suchte,

gehörte Lisuarts Corps zu denen, welche am thätigsten waren.

Im Hessischen machte er eines Tages eine Seitenpatrulle, und traf auf eine

Anzahl abgeschnittener französischer Husaren, die so eben einen Reisewagen

plünderten. Ein Landedelmann der dortigen Gegend wollte darin mit seiner

Tochter fliehn, und hatte das Unglück, in die Hände jener Unholden zu

fallen, welche übrigens auch die Tochter reitzend fanden, und geneigt

schienen, sie für eine gute Beute zu erklären.

Lisuart, obgleich seine Mannschaft nur halb so stark war, stürzte sich in

die Feinde, und so entstand ein hartnäckiger Kampf. Die Preußen siegten;

ihren Rittmeister traf aber ein Säbelhieb in den Kopf, der ihn um alle

Besinnung brachte.

Man gab dem Edelmann das ihm Gehörende zurück, und hoch erfreut, die Ehre

seiner Tochter gerettet zu sehn, dachte er durch die beste Verpflegung der

Verwundeten seine Dankbarkeit zu beweisen. Man versicherte ihm, daß er nun

nicht zu fliehen brauchte, weil die befreundeten Truppen schon nahe wären.

So entschloß er sich denn, nach seinem Dorfe zurückzukehren, und nahm den

halb todten Rittmeister in seinem Wagen mit sich, dem ein Feldarzt, der

sich glücklicher Weise gefunden, sogleich den ersten Verband um den Kopf

gelegt hatte.

Lisuart galt sonst für einen schönen Officier; jetzt aber hätte sein

Anblick Entsetzen erregen können. Man denke sich zu einem starken,

dunkelbraunen Bart die bleiche Todtenfarbe und die bis an die Augen

reichenden Binden!

Der gerettete Gutsbesitzer ließ in seinem Hause ihm ein Zimmer zurecht

machen, und einen Wundarzt aus der nächsten Stadt rufen, der um ihn bleiben

mußte. Erst nach einigen Tagen bekam Lisuart einen Theil seines Bewußtseyns

wieder, das indeß öftere Anfälle vom Wundfieber störten. Zusammenhängendes

Denken ward ihm ungemein schwer; seine Ideen durchkreuzten sich, wie im

Wahnsinn, denn der feindliche Säbel war sehr tief eingedrungen. Auch sah er

nicht recht hell, und der Wundarzt verhehlte ihm nicht, daß sein Leben noch

immer in Gefahr schwebe.

Als die ersten Durchmärsche vorüber waren, herrschte in dem abgelegenen

Dorf mehr Ruhe. Dies that ihm wohl, und an Pflege ließ sein dankbarer Wirth

es nicht fehlen. Eines Abends hörte er im Nebenzimmer zu einem

Pianoforte singen. Die Stimme dünkte ihm vorzüglich schön, die Fertigkeit

ausgezeichnet. Es schien, als ob durch die Musik sein Fieber nachlasse,

sein Schmerz sich vermindre, und sein Kopf freier würde.

Als der Gutsbesitzer -- was oft geschah -- ihn besuchte, sagte Lisuart:

Ich hörte da eben sehr schön spielen und singen; Musik ist mein größtes

Vergnügen. Wenn ich des Vergnügen öfter hätte, so würde es viel zu meiner

Genesung beitragen.

Es war meine Tochter, erwiederte der Andere; so oft Sie es wünschen, soll

sie singen und spielen. Was kann sie weniger für ihren edelmüthigen Retter

thun!

Von nun an spielte und sang das Fräulein oft; und, so wie Davids Harfe

Sauls Melancholie vertrieb, so wirkte auch hier die Gewalt schöner Töne auf

einen zerrütteten Seelenzustand. Mit jedem Tage besserte sich nun auch die

Wunde, und freiwillig, obgleich befremdet, gestand der Arzt: er zweifle,

ob, ohne Beihülfe einer so lieblichen Anregung der Lebenskräfte, der

Rittmeister zu retten gewesen seyn würde.

Nach einigen Wochen war des Kranken Bewußtseyn vollkommen deutlich, und das

Wundfieber hatte sich verloren. Nur die Augen blieben noch schwach, weshalb

der Arzt die Fenster dicht verhängen ließ.

Zuweilen brachte der Herr vom Hause seine Tochter mit, welche dann jedes

Mal dem Rittmeister für ihre Rettung dankte. Ihre Unterhaltungen schienen

nicht minder zu wirken, als ihr Gesang und Spiel; Lisuart meinte: so

geistvoll habe er noch keine Dame reden hören. Sie erbot sich auch, ihm

bisweilen vorzulesen. Er lehnte das zwar, als zu gütig, ab; aber dennoch

blieb sie dabei, ihren Retter auch auf diese Art zu unterhalten. Sie ging

dazu in das Nebenzimmer, und ließ die Thür offen, weil sie in dem halb

finstern Krankenzimmer nicht hätte sehen können.

Eines Tages brachte sie einen Band Gedichte mit, und sagte ihm, daß diese

zu ihrer Lieblingslectüre gehörten. Wie staunte der Rittmeister, als sie

ihm nun aus _Lisuarts poetischen Versuchen_ vorlas. Die Empfindung, womit

sie es that, erregte bei ihm Rührung, Stolz und -- Gewissensvorwürfe. O

Gott! dachte er, sollt' ich dies Fräulein nicht lieben? nicht treulos an

Luisen geworden seyn, der ich doch in meinem Herzen ewige Liebe geschworen

habe?

Doch bald dachte er auch: Luisen habe ich seit vier Jahren nicht gesehen,

und vielleicht sehe ich sie nie wieder.

Und späterhin: Diesem Fräulein verdanke ich mein Leben; und das ist doch

noch mehr, als ich Luisen einst zu verdanken hatte.

Nach gerade sah er heller, und so viel die herabgelassenen grünen Vorhänge

es zuließen, prüfte er des Fräuleins Gestalt. Sie war höher als Luise, und

ihr Ausdruck voll Adel und Anmuth. Die Gesichtszüge schienen ihm geistiger,

bedeutender, aber nicht so heiter, wie er sich Luisens noch erinnerte;

eine gewisse sanfte Schwermuth lag darin verbreitet, die er jedoch äußerst

anziehend fand.

Einmal sagte er: Den Dichter, von dem Lisuarts poetische Versuche sind,

möchte ich beneiden, weil Sie ihm so viel Nachsicht schenken. Und doch --

kann ich ihn nicht beneiden. Wissen Sie ihn?

Sehr eilig rief Jene: Nein! Ist er Ihnen bekannt? Schon lange habe ich nach

seinem Namen gefragt.

Dies Mal klang die Stimme dem Rittmeister heitrer, als sonst, und schien

ihm ein wenig bekannt. Nun faßte er auch die Gesichtszüge schärfer ins

Auge.

Mein Fräulein, hob er wieder an, sind ... sind Sie einmal in D***

gewesen? --

»Vor vier Jahren.«

Auf dem Ball bei ***?

»O Himmel!«

Die Gedichte an Luise wurden -- an Sie geschrieben.

»Meine Ahnung! Und Sie -- Sie retteten mich!«

Sie retteten mein Leben!

Nun konnte der Rittmeister aber nicht mehr zusammenhangend sprechen. Ein

heftiger Rückfall vom Fieber, und nichts als Irrereden. Zu stark war die

Erschütterung für seine nur erst schwach befestigte Gesundheit.

Erst nach einigen Wochen kam er wieder so weit, als er schon gewesen war.

Nun hatten aber das Fräulein und ihr Vater das Gut verlassen, und es war in

andern Händen.

Der neue Eigenthümer sagte: Schon lange wäre der Kaufvertrag abgeschlossen

gewesen, und nun der Termin seines Antritts herangekommen; indeß sollte es

dem Rittmeister an keiner Pflege fehlen.

Lisuart fragte bestürzt: Wo ist denn der vorige Gutsherr geblieben?

Er bekam zu Antwort: Genau weiß ich es nicht. Wie ich höre, ist er nach dem

Brandenburgischen gezogen.

»Und sein Name? Noch immer habe ich nicht danach gefragt.«

Von Rothenfeld.

Lisuart bat, sobald er wieder schreiben konnte, Bekannte in Berlin, sich

nach dem Aufenthalt eines Herrn von Rothenfeld zu erkundigen. Welch ein

glückliches Wiederfinden, dachte er, und Luise liebt mich! Sie hat mein

Herz aus den Gedichten an sie errathen. Freilich reden einige deutlich

genug vom ersten Anblick, und den mächtigen Wirkungen der ersten Liebe.

Er genas nach einigen Wochen völlig, und eilte nun dem Heer in Frankreich

nach. Aus Berlin bekam er jedoch keine günstige Antwort. Man wußte dort

nichts von einem Herrn von Rothenfeld und seiner Tochter.

Das ging so zu. Luise hatte aus D*** eine gewisse Schwermuth gebracht, die

bei dem, zwei Jahre nachher erfolgenden, Tode ihrer Mutter sich mehrte.

Ihr Vater meinte, eine baldige Heirath würde das beßte Heilmittel seyn.

Er unterhandelte darüber mit einem alten Bekannten, einen Herrn von

Buchenthal, Vater eines einzigen Sohnes, von dem man viel Gutes sagte. Doch

die Kriegsunruhen kamen dazwischen.

Luise gestand ihrem Vater: der Rittmeister von Breitenfeld sei schon lange

der Gegenstand ihrer Liebe, und trage, wie sie vermuthet habe, auch _sie_

im Herzen.

Aber, antwortete der Vater, ich habe Dich bereits versprochen, und Du wirst

auch zufrieden seyn. Dem Rittmeister müssen wir unsere Dankbarkeit auf

andere Art beweisen.

So wenig Luise damit auch zufrieden war, mußte sie doch mit dem Vater nach

Sachsen reisen, wo er noch andere Güter hatte. Ein halbes Jahr nachher

schrieb sein Freund: Mein Sohn wird nun aus dem Kriege heimkehren. Mögen

die jungen Leute einander sehn. Können sie keine gegenseitige Neigung zu

einander fassen, so muß ihnen kein Zwang angethan werden.

Nach einem Monate reis'te Luise mit ihrem Vater -- auf ergangne Einladung

-- zu dem Herrn von Buchenthal. Sie bat unterwegs sehr viel, und

betheuerte: daß sie nur dem Rittmeister ihre Hand geben könne.

Man langte an. Der Sohn war vor einer Stunde gekommen, und -- hatte seinem

Vater betheuert: nur _Eine_ könne seine Gattin werden.

Luise trat kalt mit ihrem Vater ein. Neben dem Herrn von Buchenthal stand

ein schöner Officier. Sehr kalt verbeugte sie sich er auch. Er -- war

nicht mehr bleich, Binden und Bart waren verschwunden. Er sah das Fräulein

genauer an. Es war Luise!

Kleine Lebensgemälde in Erzählungen · 第 7 / 8 题