Ist sie so schwach?
Besinne dich, wie oft das Schicksal dir in tausend Trümmer
In dieser Hand zerbrach.
Es sollte wohl so sein.
Es mußte ihr entgleiten,
Was nicht geschaffen war, dich führend zu geleiten,
In dieser deiner Hand dir magisch aufzublinken,
Zur Heimat leuchtend, die du sahst von Ferne winken.
Doch siehe zu, daß dir die rechte Kraft in deine Hand nun kommt,
Sie taste nimmermehr, -- sie wisse, was ihr frommt.
Und jene Sehnsucht, die dir grausam überstrahlte,
Was du umklammert hieltst zu unrecht in der Hand,
Die Sehnsucht, die jedwedem Irrtum unbeugsam
schmerzlich dich entwand,
Sie leuchte heller dir und wandle sich in Macht:
Daß du beharren darfst, wenn dir die Heimat lacht!
Ob ich diese Blätter unvernichtet ließe, wenn du mich enttäuschtest,
Johannes? Mich aus allen Himmeln meines Glaubens rissest? Mein holdes
Wunder, unser Wunderbares, verneintest, vernichtetest?
Was heißt enttäuschen? Wenn ein Mensch etwas begeht, was man ihm durchaus
und niemals zugemutet hätte. Enttäuschen heißt vernichten.
Wenn du nun begingest, was ich dir niemals zumute, ja mit aller Phantasie
mir nicht vorstellen kann, wenn du Lieblosigkeit an mir begingest? Wenn du
die Todsünde begingest, den Mord an der heiligen Liebe?
Ließ ich die Blätter, die Blätter, die an dieser Liebe wurden,
unvernichtet?
Lange habe ich darüber gerungen. Mir schien es, als zwänge mich eine
Stimme, mich zu entscheiden. Als lebte ich in beständiger
Einsturzgefahr, bevor ich mich nicht deutlich entschieden hätte in dieser
unwahrscheinlichen Frage.
Und die Stimme, sie sprach zu mir, wie sie schon öfter mir aus dunkler
Bewußtlosigkeit hell heraustönte: »Was immer geschehen mag mit dir, --
rette mich, deine Stimme!«
Und die Stimme, die Stimme -- sie ist in den Blättern!
Ich rette die Blätter, was immer geschehen mag mit -- mir.
Wäre das, was sie entstehen ließ, nicht ein Wirkliches, ein Seiendes, wie
ich dachte und wähnte, so wäre es doch so wirklich, so seiend, wie die
Idee davon, die göttliche, die mir eingeborene, Eidea, gegen die das
»Ding« selbst zum nichtigen Schemen wird, gegen die es erbleicht, wie ein
fahles Abbild des einzigen wahrhaft Seienden.
Um der Eidea willen, der hohen, der ewigen, um jener »Idee« willen, die
vernehmbar und sichtbar ward durch _mich_, -- rettete ich die Blätter, was
immer geschehen möge mit mir.
* * * * *
Es könnte ja geschehen. Wie, warum, weshalb -- ich weiß es nicht.
Aber geschehen könnte es, sicherlich. Es könnte geschehen, daß ich
an Johannes erlebte, was ich an Dimitri erlebte, nur in milderem Tempo,
sicherlich, und in sanfterer Tonart, sicherlich. Und tausendmal schlimmer,
sicherlich. Denn dort war ein Wildes und Banges, was zusammen erlebt
wurde, von Anfang an, hier ein frommer, seliger Glaube, an dem meine Seele
klingend wurde. Es könnte dennoch geschehen.
Und daß ich mich hingab an das, was ich mit Johannes erlebte, nicht nur
mit meiner weiblichen Person (das wäre keine so große Sache, das), aber
mit meinem innigsten Glauben, mit dem Glauben des Stroms an seine Mündung,
daß ich das ganze wunderholde Erleben für gültig nahm, über den
Augenblick hinaus, der es entstehen ließ, daß ich mir alle Zweifelei
so gern und so willig verscheuchen ließ, es wäre -- eine maßlose
Überhebung von mir gewesen. Überhebung eben das, was das ganze Glück
war! Hybris wäre das gewesen, tief verhaßt den Göttern und von ihnen mit
Vernichtung bestraft.
* * * * *
Das Wunderbare, das Wunderbare -- es wäre aber doch. Hier in den
Blättern. Würden sie mich denn nicht erdrücken, in Scham und Schmerz
begraben, gerade diese Blätter?
Das Wunderbare -- das war ja diese Hybris! Das war ja der bestätigte
Glaube, der holde Glaube. Und _seine_ Gestalt, des Freundes Gestalt, war
es, die das alles trug. Was wäre es dann mit dieser Gestalt, mit diesem
Glauben, mit diesem Wunderbaren?
Wie könnte ich es verantworten, die Blätter leben zu lassen?
* * * * *
Johannes, der Freund, der eins war mit der Gestalt, die ich liebte, -- er,
er löste sich dann von der Gestalt. Und _mein_ Johannes, der, den ich in
diese Blätter trug, näher wäre er der Göttlichen, der Idee, ihr, die
uns wachsen macht über uns selbst hinaus, näher ihr wäre er dann, denn
ihm, dem -- andern.
Nicht mehr eins wären dann die beiden. Was sie in eins verschmolz war
dies Herz, dies Herz. Menschenherz, das denkende, -- dessen pochen
kein Sphärengedonner übertönt. Mein Menschenherz, das bei jenem
Auseinanderriß der beiden, die eins waren, wohl zerrissen würde, mitten
durch.
Und das Wunderbare dieser Blätter? Es wäre dann für -- Spätere. Um
Spätere, Bessere, Stärkere, Schönere als wir, näher zu ihr zu bringen,
zur Idee -- dessen, was meine Hybris mir zuteil geworden wähnte.
Johannes, mein Freund, an dessen Gestalt ich mich tiefatmend lehnte, da ich
heraufgefahren kam aus meiner Wüste, du, woher kommen diese Noten in mein
Lied? Wirst du wohl über den von dir fort und der »Idee« dafür näher
rückenden, über den also »idealisierten« Johannes dein Lachen finden,
-- dein gutes, gutes Lachen?
* * * * *
Ein Glaube, dem ich einen -- Opferstoß entzündete.
Und dem ich einen Tempel baute.
Wenn sie mich trotzdem erreichte, die -- Verödung? Und da ich in diesem
Erleben gewesen, wär's eine, wie noch keine war. »Die ungeheure Zone der
Finsternis, des Schweigens und des Eises.« So nennt es Maeterlinck.
Sie wäre es, die mich erwartete.
Den Gott verjagen und den Tempel -- lassen?
Und -- aus ihm heraustreten -- und meine Straße gehen -- und führte
sie -- -- --
* * * * *
Du tadeltest einmal, scherzend, daß deine kleine Welle nicht genug an den
großen Ozean denke, dem sie angehört. Doch, doch. Unrecht tatest du der
kleinen Welle. Mit hunderten weißer Schaumfüßchen krabbelt so eine Welle
ihrer Küste zu. Wichtig, eifrig und unbeirrbar tut sie das. Solange sie
Welle ist, solange sie diese ihre Wellengestalt nicht verloren hat, an
eine andere größere Gestalt, solange sie nicht aufgelöst wurde, in einer
größeren Einheit, muß sie, gerade gemäß ihrer Rolle im großen Ozean,
die Rolle ihrer winzigen Einheit mit großem Eifer und großer Wichtigkeit
durchführen. Würden nicht Milliarden Wellen mit hunderten weißer
Füßchen ihr kleines Ich eifrig dahin tragen, wohin es _will_ (oder
muß?), keinen Ozean gäbe es dann.
Du weißt, du verstehst, was deine Welle meint?
Tief unter ihrer wilden Brandung trägt sie, die Welle, ihre Kraft. Ihre
Kraft -- zu fließen. Sich aufzulösen, zu vergehen, wenn es sein soll.
Ihres Elementes ist sie. Das weiß die Welle, glaub' es! Tief unter ihrer
Brandung, unter ihrem Schaumgekräusel, das ihr Fuß wird und sie zu ihrer
Küste trägt, weiß sie sich ihres Elementes.
Du verstehst, Johannes?
Erinnerst du dich der Worte Lenaus, aus jenem Buch, das seine Briefe an
Sophie sammelt?
Sie fragte ihn, was mit ihm würde, wenn sie ihn nicht mehr liebte. Und er
suchte und antwortete:
»O still -- ich könnte sonst erschrecken,
Könnt' ich den Winkel nicht entdecken,
Der unzerstört für Gott verbliebe,
Beim Tode deiner Liebe.«
Unter der Brandung -- weiß sich die Welle ihres Elementes.
O still -- ich könnte sonst erschrecken ...
* * * * *
In einer Ode von Walt Whitman heißt es: »Kommt dir, Träumer, denn
kein Gedanke, daß dies alles nur _Maja_ sein könnte und Täuschung?«
Maja ... Nicht anders konnte die heißen, von der diese Blätter
erzählen. Aber die lebende Maja weiß von keiner Täuschung dessen, -- der
ihrem Herzen Treue hält! Und bist nicht _Du_ es, so ist es der Geliebte
ihrer Sehnsucht und sie gehört _ihm_ -- für _Zeit und Ewigkeit_.
Warum, warum sind diese Gefühle über mich gekommen? Woher? Was fiel mir
da ins Herz und wuchs und trieb darin, bis es herausquoll mit seltsamen,
düsteren Tönen?
Wie ein Saitenspiel ist dieses mein _Herz_. Und mit lebenbebenden Händen
greife ich selbst hinein, mitten hinein. Und was mir da unter diesen
bebenden Händen, die nicht ruhen können, die nicht los mehr kommen vom
Instrument, geheimnisvoll gezwungen zum Spiel, erbraust, -- o großer
Gott, es ist ein volles Lied. Ich fühl's an der Bewegung der Saiten dieser
meiner wunderbaren Laute. Die Symphonie erbraust.
Warum geschah es mir, -- daß dieses Dunkle mir hineinklingen mußte in
mein Lied? War es vielleicht, damit das Lied -- ein echtes Menschenlied?
Ward es deswegen über mich verhängt?
Sym -- phonie! Phoné -- die Stimme, der Ruf. Stimmenzusammenklang!
War es, daß kein Ruf, keine Stimme fehle, die dem Leben gehört?
Und in die jubelnden Passagen der Violinen und in das Geschmetter der
Hörner mußte es hineintönen -- wie die Stimme der Dunkelheit:
»So klopft das Schicksal an die Tür.«
Und ich greife und greife die Saiten. Und sie zucken und schwingen und
_tönen_.
Und das Blut rieselt unter meinen spielenden Händen und strömt dahin, mir
zu Füßen.
Fließe, fließe über die Erde, die braune, die geliebte, laß dich
trinken von ihr und wachse auf aus ihr in glühender Glorie. Verströme
mein Blut, und verströmte mein Leben darob.
* * * * *
Du bliebst bei mir, die Nacht. Sommerlich war sie. Verstrich und verblich
so schnell. Wir merkten es kaum, da dämmerte es schon. Da drang es in
sie, in die Nacht, lichter und immer lichter. Und es kündete ihn, den Tag,
bevor er sich selbst noch deutlich war, wie mit Flötenton, kündete es
ihn, -- horch!
_Heller_ als er selbst noch war, der Tag, drang es in ihn: tirillili.
* * * * *
Die Nacht verstrich. Es drang in sie
So flötenfroh, es kam vom Hag:
Tirillili -- tirillili.
Ein Vogel rang um Melodie.
Auf grauen Wellen trug der Tag
Zum Bett, wo ich im Arm dir lag,
Den Amselschlag
Und sie,
Die heller war, die Melodie:
Tirillili -- tirillili.
Die Nacht verblich. Es drang in sie,
So wachensfroh, ein Flüsterwort:
»Ich seh' das Licht,
Das stärker denn der bleiche Tag
Und heller denn der Amselschlag
Dir aus den Augen bricht
Und eindringt in den bleichen Tag,
Wie sie,
Die heller war, die Melodie:
Tirillili -- tirillili.«
Die Nacht entwich. Der in sie drang,
So flötenfroh, der Amselschlag,
Verklang im Hag.
Das Bette stand im Morgenlicht,
Und dein Gesicht und mein Gesicht
Blickt in den Tag,
Den jüngsten, den die Welt gebar,
Und trug in ihn, die heller war,
Die _unser_ war, die Melodie:
Tirillili -- tirillili.
Da liegt es vor mir, -- ein Lied. Ich finde es hier und mich dabei, eine
Feder liegt daneben und die Blätter, die Blätter vor mir. Es wird wohl so
sein, daß ich es _schrieb_. Aber wie, wie geschah es?
_Wie_ drang in das, was dämmerhaft, -- »die heller war, die Melodie?«
* * * * *
»Es drang in sie.« Das Eindringende: das Bewältigende, das Stärkere.
Der Tag, das männliche Prinzip, dringt in sie, die Nacht. Aber stärker
und heller noch als er, ist, was der »Stimme«, des Vogels Stimme, da nach
Melodie sie ringt, entquillt. Sie, die Melodie, überklingt den Tag.
Aber heller noch als diese Melodie, um die der Vogel rang, ist jene andere:
die aus den Augen bricht als Licht! Menschenbewußtheit, deutlichste
Melodie der Menschenstimme, -- ~anima~.
_Sie_ überdringt, überklingt, überwältigt alles, alles, was
dämmerhaft. Und dringt ein, zeugend.
Und siehe, -- ein Paar auf dem Lager, ein Menschenpaar: Ursymbol des
Gesanges von der Begattung des Dämmernden durch das Lichtere.
Näher, näher ist das Weib dem Dunkel, denn der Mann. Näher dem
Kreißenden, aus dem -- Welt ward, da die _Stimme_ hineindrang, die das
Licht befahl.
Es drang in sie, die Nacht, da sie als Chaos kreißte, -- die heller war:
die Melodie, -- der Logos. Da ward sie Form und -- Welt.
* * * * *
»Es drang in sie.« Wie drang es in mich, das Licht, das zeugende?
Woher?
Es klang in mir, und ich sang. Woher aber drang es in mich, so licht, so
zeugend?
Mich schaudert.
Nicht wußt' ich, Johannes, da ich die Weise, die sich schlingende, in sich
selbst eindringende, niederschrieb, nicht wußt' ich da, Johannes, -- ihren
Sinn.
Verstehe, verstehe, -- Geheimnisvolles, Unsagbares: ich _wußt'_ ihn nicht,
den Sinn, der aus mir brach und sonnenklar jetzt niederliegt im Lied!
»Es drang in sie,
die heller war, -- die Melodie.«
Es drang, woher?
Und wer ist -- er?
Und sonnenklar darniederliegt -- ein Sinn: Urgeheimnisse nahe. Und
sonnenklar, schuf er, der Sinn, sich selbst die Form. Die Form, die wieder
durch sich selbst schon -- deutet, auf ihn, der sich sie schuf.
* * * * *
O sonderbares Geschehen. Ich schrieb das Lied nicht einmal, ich schrieb es
mehrere Male. Und immer als ein anderes und doch dasselbe. Der Stoff, der
Gedanke, der Gott kam in mehrfacher Gestalt. Ich hatte es hingeschrieben
und dachte damit fertig zu sein. Aber siehe: der Vogel im Kopf sang weiter.
Wie ohne mein Zutun. Er sang und sang dasselbe Lied, in anderer Tonart, und
ich mußte ihnen nach, diesen Tönen.
O meine Lieder, ihr meine beschwingten! Werdet flügge, ihr Füße, werdet
erbeutend ihr Hände, ihnen nach, meinen Liedern, ihnen nach!
* * * * *
Als ich mit Dimitri war, sagte er oft: »Singe doch! singe!« Und ich
würgte und preßte an meiner Stimme, und nichts kam mir aus der Kehle, es
sei denn ein Gekrächze. »Du hast keine Kraft«, sagte Dimitri. So war es.
Unminne zerfraß meine Kraft!
Nun habe ich Kraft. Stark ist meine Stimme. Voll klingt mein Lied. Und das
Lied, das Lied, das ist ja gerade -- _das Lied von dem Gesange_! Was ich an
ihr, der Stimme, erlebte, künde ich _mit_ ihr! Und die vielen Lieder,
die mir aufspringen, -- ein einziger Gesang sind sie nur, tief in sich
verbunden: der Gesang, den alle Singenden noch schuldig blieben, bis zum
heutigen Tag.
Ich -- bezahle. Für mich bezahle ich und alle die, die jemals sangen,
denen Verkündigung ward, gleich mir. Für alle die, denen Gesang gegeben,
bezahle ich, mit diesem Lied von der Stimme, meiner Stimme!
* * * * *
Ich weiß, ich weiß: eine Hand kann fallen auf mich, eine schwere Hand.
Ein eisiger Hauch kann mich anwehen, plötzlich, von irgendwo, aus dem
Geheimnis. Ein dunkler Blick kann mich treffen, aus einem Auge, das mir
unsichtbar.
Und Anima, die tönende, verstummt, verfällt, versinkt mir, mit einem
Schlag.
Es _kann_ geschehen.
Aber ich will geopfert haben. Will entzündet haben den Stoß, für die
hohe Zeit, da mir die Stimme, die eigene, einzige, mir selbst gehörende
Stimme, -- klang, ohne Unterlaß, vom frühen Morgen bis in den Schlaf der
Nacht, da sie mir keine Stunde schwieg! Da ich außer mir war, außer
dem Staube, ekstatisch, tönend, schauend. Fromm will ich mich dem Gott
überlassen.
* * * * *
»Die Frage: Woher hat's der Dichter? geht auch nur aufs Was, vom Wie
erfährt dabei niemand etwas.« Goethe.
Und wenn es doch gelänge, dieses zu künden? Dieses »Wie«?
Doch vielleicht einem Dichter gelänge?
»Gelänge« ist falsch. Es kann nicht »gelingen«. Geschehen muß es, mit
ihm geschehen.
Und wenn es mit einer -- Frau geschähe?
Aus dem Geschaffenen selbst, sich offenbarend -- das Schaffen. Aus dem
Gesange selbst -- die Stimme!
Wenn es -- geschähe?
Eine Antwort dann für Goethes fragenden Ruf?
Wenn ihr klänge Amselflöte,
Hell ins Dämmergrau,
Wenn ihr sprühte Morgenröte,
Flammend aus dem Tau,
Wenn sie, opfernd, im Gebete
Ein Gesicht erschau',
Eine Antwort dann für Goethe
Fände eine -- Frau?
Eine Traumgestalt trat zum Sokrates und sprach zu ihm: »Mach und treibe
Musik!«
Er aber deutete den Traum dahin, daß die Philosophie die vortrefflichste
Musik sei.
Viel -- Musik kommt mir von dir, du Musiker!
Von Unendlichkeit sprachst du mir. Ein Begriff ist's, über Menschenmaß.
Diese Erde -- eine Winzigkeit, gegen die ein Stecknadelkopf ein Kosmos
erscheint.
Und ich, und ich?
Welten über Welten, Milchstraßen, Sphären, Sonnensysteme mit ihren
Trabanten, unendlich, unermeßlich, unvergänglich.
Und ich, und ich?
Ich -- denke sie. Ich bin das denkende Prinzip. Und nicht nur dies: Ich bin
die Wärme. Die einzige Wärme im All -- ist mein Menschenherz.
Kalt ist die Welt, kalt die Sphären, kalt die brennende Sonne. Allein das
Menschenherz hat Wärme.
Das Herz ist die Wärme. Und die Wärme ist Helle. Und Helle ist der
Gedanke. Und der Gedanke ist die _Stimme_, die rufende!
Und die Stimme ist Gott.
Das Herz ist Gott!
Und ich, ich Kreatur dieser Erde, gegen die, gemessen an der Unendlichkeit,
ein Stecknadelknopf ein Kosmos ist, -- ich trage es in mir, das Wärmende,
Hellende, Rufende! Durch das die Sphären gedacht werden und die
Milchstraßen -- und der Amselschlag, am jüngsten Morgen.
Hörtest du das Tirillili?
Unser war es. Dein und mein. Unser Herz dachte es, wie es die Sphären
denkt. Kein Gott nimmt uns das Tirillili. Kein Sphärengedonner
übertönt's.
* * * * *
Und weh tut es oft, ob seiner großen Macht, mein -- Herz. Es preßt und
zieht sich oft so sonderbar zusammen -- Johannes?
Wir wollen ja reisen. Es wird gut sein, wenn wir reisen. Das Herz --
Warum zittere ich so, wenn ich an die Blätter denke? Wenn wir reisen, ende
ich die Blätter. Dann -- singe ich nur noch, mit jener Kehlenstimme.
Zwei? Eine?
Ich schaudere, wie sie sich kündet, wie mir geschieht durch sie, ~anima
mea~.
Wir müssen reisen, Johannes. Das Herz --
* * * * *
Du spieltest mir gestern Wagner. Und ich versuchte meine Stimme, bis zur
Brünhildhöhe. Und sie wuchs und wuchs mir und floß mit diesen Tönen
fort. Und du stauntest, selig, daß es mir gelang. »Und das wird alles
noch wachsen«, sagtest du, im Spiel.
Ich aber -- sang:
»Geh hin zu der Götter
Heiligem Rat!
Von meinem Ringe
Raun' ihnen zu:
Die Liebe ließe ich nie,
Mir nehmen nie sie, die Liebe!«
* * * * *
Den Göttern wollte ich opfern. Daß sie uns gnädig vor Dämonen behüten
mögen. Denn mir war immer bange vor Dämonen.
Und da entzündete ich diesen -- Stoß.
Die Asche dir!
Hier stehe ich, -- eine heidnische Priesterin. Eine »Stimme« habe ich
gehört, die mir zu opfern befahl. Mit eigener Hand zu verbrennen, mein
Eigenstes.
Und ich tue, wie mir geboten wurde.
Hier stehe ich, eine heidnische Priesterin! Gefäß war ich, in dem der
Gott wohnte.
Herbei den Stoff, der verbrannt werden soll, den kostbaren Stoff: diese
verrauschten Liebesjahre.
Herbei die Opfer, die Menschenopfer: meine Leichen.
Und nun: Feuer daran, mit eigener Hand.
Nicht gezittert, Priesterin! Tue, was deines Amtes ist!
Und ich werfe sie hinein, die brennende Fackel, mitten hinein, mit eigener
Hand.
Wild und prasselnd schlägt es auf. Und _Stimmen_ höre ich aus dem Brande:
»-- -- -- Priesterin, -- nahe, nahe bist du den Flammen! Siehe zu, daß
sie nicht dein Gewand ergreifen!«
Und wenn sie es ergriffen?! Wäre es denn ein Priestergewand, ein
geheimnisvoll geweihtes, gefeites, wenn sie es verzehren könnten, diese
Flammen?
Und hier in dieser opfernden Hand halte ich den Becher, voll bis zum Rande,
den vollen, wahrlich übervollen Becher meiner Leiden. Ich gieße ihn aus,
auf Opfer und Altar.
Und hier -- die Lust, die ich genossen habe, ich streue sie hinein in die
Flammen, wie reifes Getreide.
Seid ihr's zufrieden, Götter?
Da war mir's, als hörte ich aus dem Brande ein wildes und doch heiliges
Lied: ein christliches Lied, aus dem heidnischen Kult, ein fanatisches
Büßerlied, wie die zornigen Apostel der Heilsarmee es den irdisch
Versuchten in die Ohren gellen. Es dröhnte mir entgegen aus dem wilden
Geprassel: »Rette, rette deine Seele!«
Und bange starrte ich in das Flammenmeer.
Und da -- siehe, -- da, was ist dies? Was flog da auf aus der Glut?
Flammengerettet, schmetternd, alle Stimmen überschmetternd, übertönend,
_die_ Stimme, ~anima~, mein Phönix, mein unverbrennbarer!
Werft mir Räucherwerk in die Flammen, daß das Opfer den Göttern
gefällig sei. Wie es zischend hineinfällt und sie sprühen macht. Und
wie mir alles, alles verbrennt und verglüht. Keine Schlacke bleibt mir im
Opferstoß. Dämpfe, weiße Dämpfe steigen auf aus der Lohe, Dämpfe, die
in den Lüften immer reiner, immer klarer und klarer werden.
_In die Höhen entführt, was ich irdisch verbrannte!_
Wohl mir: die Götter sind gnädig.
Ich habe verbrannt. Ich habe geopfert. Ich habe getan, was meines Amtes
war, was mir geboten wurde.
Und nun, nun?
Mein Unverbrennbares weiß ich gerettet.
Und nun, nun?!
Ach, die frohen Noten da in dem Lied! All die frohen Noten, die da noch die
Köpfchen heben und herausspringen möchten aus dem Lied, -- ich glaube, --
Scherze, Scherze.
Was wird kommen? Das Singen, das große Singen, Johannes, und das frohe,
verfolgende Jagen und das Tragen dabei, und in alledem, -- dazwischen,
darüber, darunter, -- das Strömen der gewaltigen Welle! Blutrot war, ist
sie gefärbt, diese Lebenswelle.
Denn von meinem Herzen nährte sie sich.
Alles, alles aus meinem Herzen: mein Singen, mein Lieben, mein Sein.
Und dieses Herz, von dem das alles kam, kommt, das Herz, -- es zieht,
es preßt sich mir oft so sonderbar zusammen, es wird nicht mehr wollen,
Johannes, nicht mehr können, wenn das Letzte gegeben ist, was ich noch
schuldig bin, wenn ich herausgerettet habe aus mir, -- was ich noch
schuldig bin.
Es wird dann nicht mehr können, das Herz, -- Johannes!
Und die Stimme, die Stimme, auch sie -- was soll nun noch kommen mit ihr,
von ihr?
Ein großer Gesang pflegt über manche Vögel zu kommen. Nicht nur über
Schwäne, auch über die farbigen, sonnenfrohen, indischen Vögel, die
Richard Wagner hielt und von denen er Mathilde erzählte. Ein großer
Gesang kommt über sie und bricht heraus, strömt, strömt.
Und mit ihm verströmen sie ihr Leben. Denn davon nährte sich das Lied,
und nahm es mit, da es verklang.
Unter meinen Fenstern, der Friedhof, er steht jetzt nicht in Blüte, --
es kommt ja jetzt der Herbst. Und wir wollen nach Italien, zur Sonne,
wallfahren, opfern.
Wenn es, wenn ich -- wenn es geschehen sollte, -- nicht trauern, niemals
trauern! Es bleibt ja von mir -- all mein Gesang und all meine _Seele_ ...
Und die Blätter, die Blätter, die bleiben auch.
Und du, du wirst sie flattern lassen, in alle Winde, in alle Weiten, denn
Majas _Stimme_ ist darin, die du so sehr liebtest und die du gehört haben
wolltest, über alle Weiten!
Und dann, dann?
Nicht trauern, wenn es geschieht, nicht, nicht trauern.
»Daß er treu das Geliehene hüte!«
Das Geliehene -- es bleibt ja.
Die Vögel, die so verstarben, waren sie denn nicht die wahrhaft
Geretteten?
* * * * *
Werde ich _doch_ leben?
Entrissen werden von deinen geliebten, liebreichen, pflegenden Händen,
allem, was mich bedroht, allen Dämonen entrissen werden, von deinen
starken, liebreichen Händen, heil gepflegt, noch einmal, heil gepflegt von
dir?
Oder muß ich vergehen an dieser Lebenswelle? Vergehen, bevor sie ein
einziges Mal noch ebbte, -- es wäre ein seliges Sterben.
Muß ich vergehen -- weil das Lied so stark war?
Die Melodie, die Melodie, -- wer _lieh_ sie mir doch? Wer war denn da in
mir? Wer lieh, -- wer war -- wie kam -- wie war das doch, Johannes, das mit
der -- -- -- Stimme?
Eine geheimnisvolle Doppelgeschichte ....
Wie -- war das doch -- Johannes?
Urteile der Presse
über die Werke von #Grete Meisel-Heß#:
Über »#Die sexuelle Krise#« schreibt _Karl Jentsch_ in der »Zeit« in
Wien: »Schon dieser erste Teil ist ein großartiges Werk. Großartig durch
die erschöpfende Darstellung aller erdenkbaren und wirklich vorkommenden
Seelenzustände, die das Geschlechtsleben verursacht. (Die Verfasserin
kennt auch die Psyche des Mannes auf das genaueste und wird ihr
gerecht, was sie mehrfach in Gegensatz zu bekannten Forderungen der
Frauenrechtlerinnen bringt.) Großartig auch durch die naive Kühnheit oder
kühne Naivität, mit der sie das Intimste ausspricht, die aber, eben als
Naivität einer edlen und reinen Seele, nichts Anstößiges hat und jeden
Versuch einer Verdächtigung entwaffnen muß.«
Über »#Das Wesen der Geschlechtlichkeit#« urteilt u. a. _Professor
Gramzow_: »Schon der Titel deutet die gewaltige, umfassende Aufgabe an,
die hier in Angriff genommen ist. Aber nicht nur _riesenhaftes Wissen_
liegt ihrem Buch zugrunde, sondern auch eindringende Denkkraft .... Man
möchte vermuten, daß sich _bodenlose Tiefen des Erlebens_ hinter dem
Buche auftun. Kein Teilproblem der sexuellen Frage bleibt unerörtert.
Nicht nur der Zusammenhang der Formen und Forderungen des sexuellen Lebens
mit allen Angelegenheiten der Gesellschaft, sondern auch die
Verschärfung der sexuellen Krise durch den Weltkrieg erfährt eingehende
Behandlung .... Mit größtem Wahrheitsmut wird überall _das letzte Wort
der erreichten Erkenntnis_ ausgesprochen. Mir scheint es Bewunderung und
Dank zu verdienen.«
(»Zeitgeist« des Berliner Tageblatts.)