Dies Gesicht: das, was die Stirne sucht, -- die Augen beleuchten dazu

den Weg. Denn ein ordentliches Licht muß leuchten zu dem, was der Stirne

Sache.

Die im Binnenland, sie verkneifen gewöhnlich die Augen und verfurchen

die Stirn, wenn hinter ihr (angeblich) etwas vorgeht. An ein paar Gedanken

verlieren sie gleich ihr Gesicht.

Hier? Je schwerer die Sache, desto heller das Leuchten!

Und sehet den Mund, den gefahrfrohen Mund!

Und sehet die Hand! Sie ist das Greifende, das Unbeirrbare. Wie liegt sie

am Steuer, greift und lenkt.

Wegbeleuchtend, gefahrfroh, unbeirrbar.

Seht ihr's, -- seht ihr's deutlich?

Das Schiff kommt ganz nah, ganz nah an die Küste heran.

Aber -- das Glas heraus, aus der Laterna Magica.

Einen Augenblick nur, versprach ich ja euch!

* * * * *

Von dir Geschaffenes lebt in deiner Musik. In dem, was du bautest, in dir

erst bautest, bis es klingend ward, -- Musik. Und dann aus dir herausbauen

konntest, was also geworden war. Werk deiner _Stimme_, es wird leben --

_deine_ Tat.

Aber -- die Gestalt!

Daß ich diese deine Gestalt, als solche, in diese Blätter tragen, sie

hier hereinretten durfte, -- es macht mir die Blätter teuer.

Diese deine Gestalt »erhalten«, sie in diese Blätter eingezeichnet zu

haben -- trotz der Tarnkappe! -- meine Tat!

Trotz der Tarnkappe! Denn der in der Tarnkappe steckt, -- er wirft doch

einen Schatten, wie? Die Tarnkappe macht doch nicht auch den Schatten

unsichtbar, wie? Und wenn nun die _Sonne_ recht voll auf ihn fällt,

(auf den in der Tarnkappe), dann wird sein Schatten, in der Sonne, recht

deutlich. Fast so deutlich wie die Gestalt, die vertarnkappte, die ihn

wirft.

Und den Schatten, den Schatten durft ich zeichnen! Einzeichnen in diese

darum so teueren Blätter.

Und nicht nur die »Gestalt«. Daß ich »es« einzeichnen darf, das --

Wunderbare -- unabhängig davon, was mit uns geschieht! Gerettet ist's,

geborgen, hier, hier in den Blättern.

Was ich in diesen Blättern den Göttern entzünden will, wie ich es

nannte, es verläßt mich keinen Augenblick. Ich muß es _tragen_, wo immer

ich gehe und stehe. Auf die Vollendung der Konzeption eines Werkes bis ins

kleinste, darauf kommt es, nach Goethe, einzig an. Ausgetragen muß sein,

was geboren werden soll.

Und nicht einmal, nicht bloß auf eine einzige Art kann ich sagen und

schreiben, was ich hier schreibe, -- auf zehnerlei Arten könnte ich es und

tue ich es oft. Ist es Übermut oder Überfülle, oder ist es mir selbst

kaum bewußte Strebung nach möglichster Vollendung der _Gestalt_, --

morphologische Strebung des Stoffes, möchte ich es nennen, (sein Wille zur

_Form_, der ihm innewohnt!) -- daß ich die einzelnen »Stellen«, ohne

es recht zu wollen, manchmal wieder und wieder schreibe, bis ich mir unter

zehn Blättern eines erkiese, welches ich da niederlege?!

Schrieb ich sonst etwas (Aufzeichnungen etwa, oder Briefe) in der einen

armselig herausgedrückten Art, in der ich es einmal herausgebracht hatte,

blieb es stehen und es durfte so wenig daran gerührt werden, wie etwa ein

wackliges Häuschen angeblasen werden darf.

Jetzt, -- ich bücke mich und die Wellen meiner Quelle bleiben mir als

schimmernde feste Kugeln in der Hand (wie es jener Brahminenfrau am Ganges

erging, solange sie sündlos war), und ich werfe sie in die Luft und spiele

mit ihnen und werfe sie wieder hinein in die Quelle und fange sie wieder

und forme sie wieder, wieder, wieder.

Ich glaube, ich glaube, das kommt, weil der Stoff, das Element, aus dem ich

diese Wellen greife, von so besonderer Art ist. Er hat den Zauber wohl in

sich. Der Stoff.

Oder -- sollte es an mir liegen? Hat ein Zauber meine Hand berührt?

* * * * *

Daß Kunst ohne Herz gemacht werden kann, ist eine von den Narreteien, die

jetzt gerade im Kurs sind und durch geschickte Konstrukteure illustriert

werden. Wie merkt man es einem noch so »geschickt« verfertigten Machwerk

an, daß es eine fingierte Gestalt des Lebens ist, gleich jener Olympia

in »Hoffmanns Erzählungen«. Ein Apparat bleibt ein Apparat, und sei es

selbst eine noch so flott arbeitende Denkmaschine.

Der Dichter, unter allen Künstlern insbesondere, ist ganz »Herz«. Alles

muß ihn »angehen«. Er lebt hunderttausendfach. Wie der Bäcker für

andere backt, der Schuster schustert, der Zimmermann baut, der Maler sieht,

der Musiker hört, so -- _lebt_ der Dichter für alle andern. Er lebt ihnen

etwas vor, erlebt es bis an die Grenze der Erlebnismöglichkeit und läßt

so die andern das Leben durch und durch leben, wie sie es allein nie

könnten.

* * * * *

Ich denke in »Stellen«, seit ich diese Blätter führe. Das will sagen,

in besonderer _Form_. Nicht nur ein Gedanke »fällt« mir ein, der sich

dann eine Gestalt _sucht_, sondern die Gestalt selbst kommt mir plötzlich

daher, in ihrer Besonderheit, ihn, den Gedanken, den Gott in sich tragend.

Sie fällt mir in den Schoß, wie vom Himmel. Wie der Goldregen plötzlich

fiel in der Danaë Schoß. Blüten regnet es, wie aus dem Füllhorn

der Mythe, Blüten, die den Gott verbergen. Und die Gestalt, in der er

erscheint, ist sehr wesentlich. Auf die Bereitschaft zur Empfängnis kommt

es dann einzig an. Zur Empfängnis gerade dieser Gestalt. Denn wäre der

Goldregen nicht gerade in der Danaë brünstigen Schoß gefallen, die

kostbare Begierde des Zeus wäre verloren gewesen.

* * * * *

Mir ist, als hätte ich bisher Volapük gesprochen. Oder meinetwegen

Esperanto. Irgendeiner allgemeinen Verständigungssprache mich bedient,

bedienen müssen. Aber _meine_ Sprache, die dieser Blätter, hatte ich

sie jemals früher gefunden? Wer hat sie je von mir gehört, diese meine

Sprache? Ähnlich klang's, Esperanto ähnelt ja allem.

Zu dir nur konnte ich meine Sprache, mein Deutsch reden. An dir nur es

finden.

Ungeheuerlich, »exotisch« möchte anderen vielleicht erscheinen, was ich

zu sagen habe und wie ich es sage. Dir, dir ist's -- was mir _dein_ Wort

ist: heimlich, heimatlich traut. O nimmer könnte ich sie missen, diese

meine Heimat. Und verlöre ich Dich, so würde mein Herz doch immer die

Heimat begehren -- im Herzen eines Menschen.

* * * * *

Mir ist, als hätte ich sie -- dich -- nur wiedergefunden.

Vorher -- wo war es doch?

War es zu Eleusis -- Priester? Oder zu Padua -- Meister? Oder zu Ephesus --

Opfernder?

Träumereien wagen sich zu dir.

* * * * *

Oft scheint es mir auch, als wären wir -- einst, einst --

zusammengesessen, ich, deine Frouve, und du, mein lieber Herr, und hätten

uns damals schon, »am stillen Herd, zur Winterszeit«, süßen Trunk

kredenzen lassen von ihm, der auch jetzt unser liebster Mundschenk ist, --

mein Landsmann Vogelweid, Freund Walthahari. Er saß uns gegenüber, ein

teurer Hausgast, ein schwerer Winterabend war's und »eingeschneit« war

uns Haus und Hof. Und wir saßen alle drei auf der Bank um den Ofen herum

und brieten da Äpfel.

»Saget mir ieman, waz ist minne«, sprach Freund Walther.

Und wir beide, du und ich, sahen uns an und schwiegen und lösten dann die

Blicke voneinander und lächelten ihm zu, dem lieben Dritten.

»Liebe Frouve,« sagtest du, »Freund Walthahari fragt uns um Minne.«

»Geh' er hin und seh' er selbst«, sagte ich.

»Weiset mich zurecht, warum sie schmerzet so sehr?« fragte er und horchte

gespannt.

»Minn' ist Minne, tut sie wohl«, sagte ich.

»Tut sie weh, so ist es nicht die rechte Minne«, sprachst du, mein lieber

Herr, -- »ich weiß nicht, wie man sie dann nennen soll.« Und zogest

dabei, umsichtig und aufmerksam, wie es deine liebe Art ist, die Äpfel aus

der Ofenröhre, die sich da zischend gemeldet hatten.

»Wenn ich richtig deute, was der Minne Wesen sei --«

»-- so sprecht ja!« unterbrach die Frouve den Freund. »Sprecht ja!

Minn' ist zweier Herzen Freude! Sprechet ja!«

»Teilen beide gleich, so ist die Minne da«, sprach mein lieber Herr

und schob uns die Äpfel, die er fürsorglich geschält hatte, auf den

blitzenden zinnernen Tellern zu, daß uns ihr süßer Dampf gar lieblich in

die Nase stieg.

»Ihr wohnet manche Tugend bei, und dabei Heiterkeit«, meinte nachdenklich

Freund Walther.

»Ihr folget große Treu' und dazu Seligkeit«, sprach mein Herr und

blickte mich an.

»Minn' ist zweier Herzen Freude! Da spracht ihr recht, vieledle Frouve«,

sagte Walther.

Ich lächelte arg. »Und tut sie weh, wie nennt ihr sie dann?«

»Die könnt' _Unminne_ heißen ehr«, sagte mein Herr.

»Die will ich immer hassen sehr.« Walter sprach's treuherzig, kreuzte

Bein auf Bein und biß herzhaft in seinen leckern Bratapfel.

»Es wär' uns allen eines Heiles wieder not«, meinte er, da wir alle drei

speisten.

»Welcher saelden waere uns nôt?« fragte mein Herr.

»Daß man rechter Freude wie früher hätte acht! Nicht kann gefallen mir,

zu meiner Freude _Tod_, _daß die Freud' den Jungen jetzt fast Schmerzen

macht_!«

»Des spracht Ihr wahr und recht!« sagte mein Herr.

Und dann bat er: »Frouve, spielt uns ein Lied! Wolltet Ihr Eure Laute

holen? Wir sängen dann alle, zum süßen Spiel.«

Langsam schritt ich durch das Gemach, die Laute zu holen, die fremdartig,

seltsam an der Wand hing. Da hörte ich flüstern: »Wo holtet Ihr sie?«

»Vom Kreuzzug bracht' ich mir sie. Und was klingt sie mir deutsch!«

»Die Laute?«

»Die Frouve, die traute!«

Da kam ich wieder. Und wir sangen, am deutschen Herd, ein Lied von der

heiligen Minne! -- --

Und Freund Walthahari schrieb, was wir ihm sangen und rieten, am selbigen

Abend noch nieder, mit gar zierlichen Zeichen.

Und überreichte mir, da am anderen Morgen sein Roß gesattelt stand

und ihn uns entführte, ein Röllchen. »Nehmet ein armes Gastgeschenk,

vieltraute Frouve!«

Und ich entrollte es, und da stand:

»_Minn' ist zweier Herzen Freude._«

Da galoppierte er schon ferne durch den Schnee und winkte uns, die wir

unter dem Tore standen, grüßend mit dem Hute zurück. -- -- --

* * * * *

Pietà war meine Liebe zu _ihm_.

Freude, hohe Freude ist meine Liebe zu dir! »In jede hohe Freude mischt

sich ein Gefühl der Dankbarkeit«, schrieb Wagner an Mathilde. Und jede

solche demütige, hohe Freude ist, so will es mir scheinen, religiös.

Fromm macht diese Freudigkeit.

* * * * *

Johannes, du herzlicher Mensch! Die anderen, die küßten mich um

ihretwillen. Du aber küssest mich um meinetwillen. So deutlich, so

sichtbarlich, so unverkennbar ist dieses. Heiß und doch zart, wie samtene,

rote Blüten, so fallen sie auf mich, deine Küsse, so werden sie über

mich gestreut, wie Blüten, die aus unerschöpfbarem Füllhorn quellen und

niederfallen und immer wieder neu sprießen und fallen, fallen auf das,

dem der Segen bestimmt ist, und was Erwartung wurde, von den Füßen bis zu

Lippen und Augen und Haaren.

Und um meinetwillen!

Denn dein Blick wird nicht dunkel, nicht abseitig, nicht von mir fort

entführt zu jenen Mächten, die den Mann erschüttern, wie das Rollen der

Lava den Krater.

Nicht ihnen gehört die Gewalt über dich. Sie lenken mir ihn keinen

Augenblick fort aus seinem Bette, meinen goldenen Strom, der aus der Quelle

deiner Augen stürzt und fließt, fließt in mich, sein williges Bett.

Um meinetwillen fließt er. Und um meinetwillen regnet es Blüten, rote,

samtene Blüten.

* * * * *

Voll von Sehnsucht war Dimitri. Voll von Sehnsucht, -- Süchten, mehr ein

Süchtiger, denn ein Sehnender. Nicht wie man sich Sehnsucht vorzustellen

liebt, kann man sich die seine denken: nicht die vom Morgen Umwobene, zum

Tage Ahnende -- die Schwebende, Lockende, -- die die Seele in den Garten

der Ekstase geleitet. Nicht solcher Art war seine Sehnsucht. Er, der doch

ein Dichter war, hatte keinen Träumerblick. Und den des Wissenden, den

hatte er noch weniger. Wie der Strom dahinrollt, so empfand ich seinen

Blick, silbern, rollend, wohin? woher? Rollend, ohne Möglichkeit,

innezuhalten.

Seine Sehnsucht _hatte_ ihn, wie eine wilde Reiterin ihr Roß. Sie saß

auf ihm -- und peitschte und jagte und peitschte; keuchend, mit geblähten

Nüstern, rollenden Auges, fliegender Mähne, jagt es dahin, unter den

Hieben und Sporen der Furchtbaren, die seine Meisterin ist, das Roß, --

das edle.

Und seine Reiterin und Meisterin drückt ihm die Sporen ins Fleisch. Wohin

_sie_ will, muß der Weg führen, nicht wohin, er, der Jagende, selbst

will. Ein Geknechteter, rast er dahin. Und die ihn jagt, seine Sehnsucht,

peitscht ihn -- mit Begierde, spornt ihn, mit schneidenden Eisen der Not,

die tief in sein Fleisch dringen. Und wo sie vorbeikommen, die beiden,

diese Sehnsucht und dieser ihr Träger, da lassen sie hinter sich --

Zerstampfung, Zerstörung, Schrecken.

Und doch, und doch -- ein _edles_ Roß, das also gejagte, ein unfreies,

gehetztes, geknechtetes, und doch ein edles!

* * * * *

Johannes, wie ist deine Sehnsucht eine andere. Eine mütterliche, im

Schoße tragende, wohnt sie dort, wo Harmonien aufklingen aus der Masse

erstickter, verröchelnder, verzweifelnder, lästernder und betender

Stimmen! Wo Stimmenvielklang sich entwirrt, löst, _ordnet_ nach geheimem

Gesetz. Nach den geheimen Vorgängen der Vermählung. Und sie, die

Sehnsucht, empfängt und trägt und birgt, -- daß etwas werde! Ordnung

werde! So trägt sie -- die Schönheit. Denn Ordnung ist Schönheit.

Und auf verbindende, aufklingende Töne horchend, ahnend, ihnen

entgegenlauschend, gehst du, suchst du, sammelst du: Töne, -- Töne

zur Ordnung! Und mit dieser tönenden Beute beladen, schreitest du, ein

Lauschender, ein Wegebahnender, von deutlicher Melodie geführt, dorthin,

wo es klingt, wo _sie_ wohnt -- Sehnsucht.

Der von der Sehnsucht Gejagte und der von der Sehnsucht Geführte -- es ist

zweierlei.

* * * * *

Nie sah ich Ruhe wie die deine: feurige Ruhe, -- »bezähmt, bewacht«.

Dieses ist die Ruhe, die die Unruhigen erlöst. Dieses die Ruhe, die

die Darbenden speiset und die Gehetzten erquickt, wie der Schatten des

festwurzelnden, blühenden, belaubten Baumes. Dieses die Ruhe, die

die Griechen -- träumten, in Marmor, durch dessen Geäder man die

Leidenschaften fließen sah, ohne daß sie das Marmorgeäder zersprengten!

Dieses, was das Weib sucht, an des Mannes Brust.

Wie klingt es doch im Hohenlied:

»Wer ist die, die herauffährt von der Wüste und lehnet sich an ihren

Freund?«

Fürwahr -- aus einer Wüste fuhr ich herauf. Nichts war da, woran ich

mich hätte lehnen können, mein Lebenlang, in dieser meiner traurigen

Wüstenfahrt. Nun aber kann ich mich lehnen. Nun ich heraufgefahren bin. An

meinen Freund mich lehnen.

»Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den

Söhnen. Ich sitze unter dem Schatten, deß ich begehre, und seine Frucht

ist meiner Kehle süße.«

»Stehe auf, Nordwind, und komm, Südwind, -- und wehe durch meinen Garten,

daß seine Würze triefen!«

* * * * *

Auch Dimitri wünschte, was jeder Mann wünscht: das Weib möge sich an ihn

lehnen. Und ich wollte es so gern und tat es auch, und siehe -- es bog ihn,

verbog ihn. Denn kein starker Baum, ein tausendästiger Busch war er,

mit seltsamen, üppigen Blüten und Beeren an seinen Zweigen, seinen

tausendfältigen Zweigen. Der Stamm aber fehlte. Ein Gebüsch, dessen

Gezweig sich schier undurchdringlich ineinander schlingt. Und lehnte

man sich da hinein, so gab es nach und bog sich und verbog sich. Eine

Schwächere könnte auch wohl an den Busch sich lehnen. Kleine Vögelchen

auch auf diesen Zweigen sich wiegen und Schatten da suchen und finden. Und

gar wohl wäre dem Busch dabei, denn er sehnte sich zu geben, nach Art der

starken, festverwurzelten, hoch in den Stamm geschossenen, dichtbelaubten

und befruchteten Bäume. Freilich von den Beeren des Busches dürfte kein

Vögelchen naschen, es stürbe daran.

Wohl könnte dann dem Busche sein. Wäre da nicht eine Menschenseele in

ihm, die von Sehnsucht gejagt, von Begierde gepeitscht, von Not gespornt

ist und begehrt und ergiert, was nicht ihr zugedacht war. Eine Seele, deren

eigene Ideale sie verwirren und verraten. Die heute vermeint, ein paar

Vögelchen, hüpfend in ihrem Gezweige, wären das, was Freude brächte.

Und die morgen das gefiederte Getier am liebsten hinauswürfe und von einer

Herrin träumet -- die sich neiget -- und seine Blüten bricht, -- daß die

verwundeten Zweige -- bluten.

* * * * *

Alles _sah_ er am Anfang, was er, balde, ach balde, nicht mehr sah.

»Wie sie sitzen kann!« Und ich mußte mich _vor_setzen.

»Wie sie sich lehnt!« -- »Lehn' dich, bitte, lehn' dich da an die

Portiere!«

Und ich »lehnte« mich. »So!« Und er stand verzückt und schaute.

Er diktierte mir auch oft. Ich saß am Schreibtisch, der in der Zimmerecke

stand. An der anderen Wand, gegen die ich den Rücken kehrte, stand die

Ottomane. Da lag er gewöhnlich, während er mir diktierte. Er hatte es

gern, wenn ich für ihn schrieb. Und ich schrieb gern für ihn, ich, die

ich meine eigenen »Skripten«, -- wenn ich eine Schriftstellerin wäre, --

niemals selbst abschreiben könnte. -- --

Und er lag und diktierte, und ich saß und schrieb.

»Du -- bitte!«

»Was denn?«

»Stütze dich mit dem linken Arm auf, nicht so, nein, nicht an die Wange,

mehr in den Nacken die Hand, so, ans Haar!«

»Warum denn?«

»Damit ich doch deine kleinen süßen Finger sehen kann.«

Oder er trat an den Schreibtisch, während ich schrieb, und legte seine

Hand, leicht, ganz leicht, auf meine schreibende Hand.

Liebende sollten sich eines als Merkmal dienen lassen: wenn nicht jeder von

ihnen ununterbrochen die Berührung mit dem andern sucht, dann ist »es«

nicht, oder nicht mehr, dann hat sie das »Wunderbare« verlassen -- die

Liebe.

* * * * *

Vergessen hatte ich diese Dinge mit Dimitri. Tot und vergraben waren sie,

längst. Wie kamen sie herauf?

In meinem Herzen ist es lebendig geworden durch die große Sonnenflut, die

hineinbrach. So lebendig, daß selbst -- Gräber darin zu blühen beginnen.

Erinnerung: Grabblume du, wunderbar üppige, üppiger denn alle anderen

Blumen, die auf gemeinem Boden sprießen. Erinnerung, Grabblume du, du aus

Verwestem blühende, du stolzestes Lebenssymbol!

* * * * *

Ganz Anspruch, ganz Forderung war Dimitris Art in der Liebe.

Das Wunderbare: das ist die rastlose Forderung an sich selbst, »zu Liebe«

dem andern.

Und was anders ist, denn das »Wunderbare«, verdient nicht den Namen

Liebe.

* * * * *

Wie umklammert halten wir uns, immer.

Stunden vergehen, -- wir lösen uns nicht. Das Abendbrot steht bereit, vor

uns auf dem Tisch. Du füllst die Tassen, über mich hinweg. Du nimmst

die Bissen auf die Gabel, für mich, für dich. Und es ist, als wären wir

versunken in einander.

»Du ißt ja nichts«, sagst du. Und die Bissen werden mir in den Mund

hineingedrängt. Ich kann schwer essen jetzt. Und dann auch vor Glück kann

ich nur schwer essen.

»Jetzt wirst du den Kakao trinken«, sagst du.

Ich sitze und rühre mich nicht. Habe ja auch keine Hand frei, habe beide

Hände um deinen Hals, und da gehen sie nicht fort.

Und du nimmst die Tasse in die eine und den Löffel in die andere Hand, und

Löffel für Löffel wird mir an die Lippen geführt. Bis die Tasse leer

ist.

Ohne daß dieses Geschehen dir und mir wie ein absonderliches erschiene.

Dieses ist das Wunderbare. Und was anders ist, was weniger ist, verdient

nicht den Namen des -- Geheimnisses. Nur das Wunderbare ist das Geheimnis.

* * * * *

Sommer ist es geworden über alledem.

Lieben heißt, sich ein Geschöpf ganz zu eigen machen. Es ganz und gar

_begreifen_, das, was man also begriffen hat, begreifen _wollen_ und sich

freudig erfüllt (»gefüllt«) fühlen von dem Begriffenen. Jeder

gleicht wahrlich dem Geist, den er begreift. Nun herrscht aber diese

Gefühlsimpotenz unter den Heutigen. Diese »Schwäche«. Diese

Bröckligkeit der Gefühle. Wie kann man da »begreifen«? Begreifen heißt

ja eingreifen in ein anderes und es dann halten, umfassen. Um einzugreifen,

muß aber erst eingedrungen worden sein in das, was begriffen werden soll.

Eindringen aber kann nicht der -- seelisch Geschwächte. Ganz und gar

eindringen. Gibt es Halbjungfrauen, so gibt es auch _Halbentjungferer_. Die

letzten Hemmnisse zwischen ich und du bringen sie nicht zum Fallen. Nicht

vollständig werden sie mit ihrer Aufgabe fertig. Nicht gänzlich vermögen

sie, sich des Weibes zu bemächtigen. Das Liebesverhältnis wird nicht

komplett »konsumiert«. Die Präliminarien der Liebe und die ersten

Präludien bewältigen sie, aber was _dann_ kommt, der schönste, aber auch

der schwerste Teil, er bleibt ungenossen, unbewältigt, unkonsumiert.

Physiologisch -- _da_ reicht es bis zur Orgie. Nicht solche Schwäche

ist natürlich hier gemeint. Nein, nein, diese viel ärgere, diese

Gefühlsimpotenz, die den Eintritt in die tiefsten Erlebnisse der Liebe

den an ihr Leidenden für ewig verwehrt. Nur starke Menschen sind fähig,

Liebesgefühle für ein anderes Geschöpf emporwachsen zu lassen, »aus der

Tiefe zur Höhe«, sie durchzuhalten, sie zu behaupten.

Schwächlinge »versuchen« am liebsten immer wieder, fangen am liebsten

immer wieder neu an. Don Juan ist der banalste aller Bösewichter. So

sehr man ihn auch »dämonisch« machen will. Mir scheint er banal, dieser

Liebhaber in die flache Breite. In die Tiefe lieben, das ist die Frage, die

Kraftfrage.

_Wissend_ trinken, das ist die Liebe. Synthese! Schwächlinge sind aber

nicht synthetisch. Entweder sie trinken, dann vergessen sie das »Wissen«.

Oder sie wissen, und dann verfurchen sie die Stirn und kommen vor lauter

Gegrübel nicht zum Trunk.

* * * * *

»Wirken, füllen, fesseln.« Ich kann nicht »wirken«, und »fesseln«

liegt mir so wenig, vorsätzlich zumindest, wie manchem Mann »erobern«.

Nicht dieses aufs immer frische »Füllen« berechnete Wirken, nicht

»Behandeln« ist meine Sache. Nur _sein_ kann ich.

Von dir, Johannes, habe ich das liebe Wort gehört, daß du mich lieb hast,

weil ich _bin_. Nie habe ich ausgeschaut, ob ich auf dich wohl »wirke«.

* * * * *

Heroische Menschen sind selten in diesem Zeitalter. Das sind die Menschen

der starken Lebensgefühle. Gäbe es starke Freundschaft, so gäbe es

auch mehr starke, unverbrennbare Liebe. Aber die Gefühlskraft gehört

der Antike an. Anarchronistisch, wie ein Koloß der Antike, ragt heute ein

Mensch solcher Art in diese Zeit. Vereinsamt steht er gewöhnlich.

Auch die heroischen Gruppen gehören der Antike an. Solche, die verbunden

waren durch überpersönliche Gefühle, -- Gefühle, die der Idee

»Mensch« gehörten. Jene Gruppen meine ich, deren Historie die

Renaissance ausgrub und unter deren Studium sie Humanismus wurde.

* * * * *

Brüderlichkeit -- diesen Gedanken habe ich tief im Herzen! Liebe war meine

Lebensquelle immer. Sah ich Freude über mich in den Augen anderer, so

wurden sie hell davon, meine dunklen Augen. Und ich glaubte so gern

an Geneigtheit, Freundlichkeit, an die Idee der Vertraulichkeit, des

Wohlwollens von Mensch zu Mensch, der Brüderlichkeit.

O meine Brüder und Schwestern, -- möchte doch dieser Glaube über euch

alle kommen!

* * * * *

Aber wenig Wohlwollen erfuhr ich. Niemand sprach zu mir, wenn ich litt:

»Sei geduldig! Sei friedlich! Sie wird dir wiederkommen, deine Seele.

Denn du mußt wissen, sie ist nicht immer in voller Bewußtheit da, so eine

Seele. Sie verläßt einen -- scheinbar -- manchesmal. Aber sie wird dir

wiederkommen. Und dann mußt du sie in beide Hände fassen und sie tief und

fest verankern. Und zu ihr sprechen: Bleibe da, sei ruhig!«

Niemand sprach zu mir, wenn ich froh war: »Menschenskind! deine hellen

Augen freuen mich!«

Und doch und doch, -- mein Glaube blieb leben und sprach zu mir, da ich

tief daniedergedrückt war: »Einer wird kommen einmal, der deine Blicke

trinkt. Einer wird vor dir stehen einmal und wird dich nehmen, imstande

sein, dich zu nehmen, so wie du bist. Der Freund wird es sein, _der_

Freund! Und _lehnen_ wirst du dich an deinen Freund, die du heraufgefahren

bist aus der Wüste, die du dich dein Lebenlang an niemanden ungestraft

lehnen durftest, auf dieser deiner traurigen Fahrt. An ihn wirst du dich

lehnen. Denn stark und ragend wird er sein und »auserwählt seine Gestalt,

wie Zedern auf Libanon«.

* * * * *

Wenn ich sie auch an dir erlebte diese -- Gefühlsverbröckelung? Was dann?

Würde das _Herz_ es ertragen? Dieses wehe, strömende, singende Herz?

Und du kommst und fragst: »Hast du mich auch noch lieb, Frowelin?« Und

ich erwidere Dir: »Freund! Wenn Du mich auch verlässest -- so bleibt mir

-- Gott!« -- -- --

Die Liebe, die Liebe! Was ist sie närrisch, was ist sie zweifelsüchtig!

Die süße, die närrische, die furchtbare!

* * * * *

Die Stimme: Roman in Blättern. Zweite, von der Verfasserin neubearbeitete Ausgabe. · 第 10 / 12 段