Kreuzweg vor der Wahl.
Wahl? Wird man denn nicht geboren für den einen oder anderen Weg?
Wahl? Freiheit? Schicksal?
Verstört vermochte meine Seele niemals zu singen! Sie war dann nicht --
Stimme.
Die mir die Seele, die Stimme verstörten, ~anima~, die Zarte, die vom
Herzen lebt, sie waren die wahren, furchtbaren Störer, die Verstörer, die
Dämonen, vor denen ich zitterte mein Lebenlang!
* * * * *
In welcher Verödung habe ich doch gelebt. Ich, deren Herz die Freude und
die Güte braucht, um nicht zu verenden, wie so ein Fisch im Sande.
Ihr, die ihr in Verödung lebt, -- betet, betet zur Sonne! Und wendet
den Kopf nur immer wieder fromm nach ihr. Bis sie euch gnädig mit ihren
goldenen Feuernetzen erreicht hat, ihr armen Fische, und euch aus Sand und
Schutt und Staub heraus- und in ihr Element hinüberzieht, indem ihr
so leicht und frei werdet wie Seelen, die eine arme, schwere, schuppige
Fischhaut losgeworden sind und frei, -- frei und erlöst im Äther
schweben.
* * * * *
Dunkle Zeiten habe ich in meinem Leben hinter mir. Verzweiflungen, aus
denen ich mich zusammenklauben mußte, Stück für Stück. Das war, da
sie, die Mächte, mir den Willen brechen wollten. Den Willen zu mir. Schwer
rangen sie miteinander, er und jene. Nahe, nahe war er dem Untergang. Aber
die Stimme, _seine_ Stimme, rief ihn und trieb ihn und jagte ihn empor.
Von ihr hing immer alles ab, das wußte ich! Entfloh _sie_ mir, war _er_
verloren und ich mit ihm und das Leben verwettet.
Ihr nach! Sie festhalten: das war die Aufgabe, das war die Frage.
O, wie ich meiner Seele nachjagte, da sie mich verlassen wollte! Wie
ich sie, die flüchtige, die verzweifelte, immer noch gerade an einem
Zipfelchen erwischte, wenn sie schon im Begriffe war, -- sich aus mir zu
stürzen. Halt!
* * * * *
Ich hatte heute nacht einen seltsamen Traum. Auf einer Bahre lag ein
Leichnam, ein Frauenleichnam. Eine junge Selbstmörderin war es. Ich war
es selber. In tiefer Not hatte ich ein Ende gemacht, hatte getan, wovor ich
wachend immer zurückgebebt.
Aber, nicht doch, das war nicht _ich_. Eine andere war es. Wo hatte ich
dieses Gesicht schon gesehen? Diesen langen, schmalen Fanatikerkopf? Eine
Nacht tauchte auf, -- ein Bild, -- jetzt weiß ich es: jenes Mädchen
ist es, das van Haer liebte. Sie ist seine Frau geworden, wie ich später
erfuhr. Und sie hat ihr Leben selbst geendet, um seinetwillen, wie man
sagte. Aus den Fenstern ihres Landhauses in Schottland ist sie in die See
gesprungen.
Und wie ich mich über die Bahre beuge, verändern sich die Züge, es sind
wieder die meinen. Ist sie es, bin ich es?
Die Tür fliegt auf, weit und geräuschlos. Und herein kommt, -- nein
wallt, -- eine Schar schöner Mädchen. Unhörbar gleiten sie, schweben sie
näher zur Bahre, auf der diese Fremde liegt, von eigener Hand getötet,
und sie dennoch sieht, hört und erkennt: die Genien der Freude sind es.
Glühende Gewänder tragen sie in bunten, strahlenden Farben. Aber ihre
Gesichter, die holdseligen, sind weiß und todesernst.
Die Genien der Freude sind's, -- die Seligkeiten, die ich nun mit dir
erlebe, Johannes!
Und sie treten an die Bahre und singen mir -- ihr -- ein Lied.
* * * * *
Da ich erwachte, suchte ich Sinn und Rhythmus dieses Liedes wieder, das ich
im Traum gehört.
* * * * *
Hast du zersprengt, was sich vollenden wollte,
War dies dein Sinn?
Daß ab vom Wege, jäh zerschmettert, rollte,
Was dich dir barg, zur Tiefe hin?
Zerschmettert den Becher, den übervollen,
Ach, du hättest nicht sollen, -- ach, du hättest nicht sollen!
Trinken und warten und trinken
Und warten, von gestern zu heut,
Wie jenes zugrunde will sinken,
Wie dieses sich ewig erneut.
Ein »Morgen« hatte dir kommen wollen,
Ach, du hättest nicht sollen, -- ach, du hättest nicht sollen!
Nun blieb von dem deinen, was immer geblieben,
Was aus den versenkten Särgen,
In jugendlich ewigem Grün getrieben,
Was die strandzerschmetterten Wellen bergen,
Wenn sie, eins mit dem Einen, neu wieder rollen,
Ach, du hättest nicht sollen, -- ach, du hättest nicht sollen!
* * * * *
Was hinter mir liegt an Leid, Leiden und Leidenschaffendem, es genügte,
um tausend andere tausend Tode sterben zu lassen. Aber, mir will scheinen,
daß, wenn ein Einziger tausendfach leidet, er tausend andere -- erlöse.
Denn dieses tausendfache Leiden muß irgendwie aus ihm bluten. Und dieses
Blut ist der wahre Balsam für die Leiden der tausend andern. Und wenn
einer hohe Lust seliger erlebt, denn die andern, er beseligt sie mit dieser
seiner Lust. Vertausendfachte Freude und vertausendfachtes Leiden einzelner
-- Erlösung, Messiastum.
Und wer sind diese Erlöser? Wie heißen sie, diese Opfer, die alle Tode
sterben und alle Himmel bewahren, in ihrer einzigen Menschenbrust? Wie
heißen sie, diese lebendigen Flammen? Nennt man sie nicht -- Sänger,
Dichter, diese Messiasherzen?
Wenn einer litt, wie der, der der größte aller Dichter war, der zu
Golgatha am Kreuze verstarb, mußte es nicht balsamisch über die Welt
tropfen, sein Blut?
Zuckende, strömende, tönende Herzen, -- Dichterherzen, flammende
Erlöserherzen!
Flaubert sagt: »Was für ein Künstler wäre man, wenn man nie etwas
anderes als Schönes gesehen, Schönes gelesen, Schönes geliebt hätte!«
(An anderer Stelle sagt er freilich wieder: »Begreift man, wieviel
betrachteter Niedrigkeit es bedarf, damit sich die Größe der Seele bilde,
alle die widerwärtigen Miasmen, die man verschlucken, den Gram, den man
erleiden, die Qualen, die man ertragen mußte, bevor man eine gute Seite zu
schreiben imstande war.« -- Beides ist wahr.)
Seit ich mit dir bin, lebe ich in lauter Schönheit. Und, ich Frevlerin,
immer hatte ich mir diesen Zustand als den natürlichen vorgestellt, und
was anders war, Leid, Elend als Unnatur empfunden.
Unnatürlich ist, daß der Mensch schlecht lebt. Denn die Erde ist gut. Und
reich. Die Sonne nicht erloschen. Sie wärmt, hellt und bebrütet. Läßt
wachsen und reifen. Unnatürlich ist, daß Menschen schlecht leben.
Als Schande wird es einmal empfunden werden, gleich Krankheit. Armut --
Schande. Krankheit -- Schande. Häßlichkeit -- Schande.
Solange es nicht Privatschande ist, all dieses, ist es
Gesellschaftsschande. Denn die Erde ist gut. Und reich. Und die Sonne
glüht.
Nicht um da zu sein, erträgt man das Leben, sondern um schön da zu sein.
* * * * *
Ich habe gestern bis gegen Mitternacht in diesen Blättern geschrieben.
Dann bin ich hinausgetreten auf den Balkon und habe, wie so oft schon,
»mein Antlitz hin nach West gewandt«. Und da, da glaubte ich wirklich
in der Luft das deine zu erkennen und deinem Blick in der Dunkelheit zu
begegnen. Wunderbar strömte mir die Nachtluft entgegen und mir war's, als
hörte ich aus ihr deine liebe, tiefe, innige Stimme ganz dicht an
meinem Ohr flüstern, -- jenen Gruß Lenaus an Sophie: »Gute Nacht, du
Heißverlangte!«
* * * * *
April! Ich liebe diesen Monat. Und nicht nur um des Geruches von
Geburtstagskuchen willen, der mir mit ihm verknüpft ist. Ich liebe ihn,
weil er der Frühling ist. Im Mai ist's immer schon schwül und schwer in
der Stadt. Hold und verheißend ist der April.
* * * * *
Aprilmorgen.
Ich sehe auf einen Friedhofsgarten
Von meinem Fenster herab.
Ich höre die Särge knarren
Und sehe, wie sie verscharren,
Worauf die Gruben warten.
Und doch: so friedlich wird mir's Gemüte, --
Der Friedhof steht in Blüte.
Im Ostermorgen zerfließen
Schwere Gewitterdünste,
Die der eilige Frühling hineingeweht
In den wunderzarten April.
Und Tränen den Friedhof gießen:
Daß er treu das Geliehene hüte!
Der Friedhof steht in Blüte.
* * * * *
Gestern war mein Geburtstag. Ein Bild kam mir, ein teures Bild: von der
Mutter. Ja, das sind ihre Augen. Und _mein_ Lachen und Weinen, -- ich finde
es in diesen Augen wieder! (Wenn sie ganz stillhält, und das tut sie ja
nur auf dem Bild.) Wieviel müssen die geweint haben, diese Augen! Und wie
blinken sie doch so lustig, so lieb, so unverwüstlich, trotz alledem. Seid
gesegnet, liebe Augen!
Und dann, dann bekam ich einen Brief: deinen Brief!
Welch ein Brief! Welch ein Geburtstag.
Du kamst. Du brachtest mir ein Buch: »Also sprach Zarathustra«. Und meine
Lieblingsblumen brachtest du mir, weiße Gardenien. Wo hattest du sie her,
hierzulande?
Und ich erzählte dir, wo ich diese geliebte, wunderbare Blume das erstemal
gesehen habe. In Genua war es. Da kam ich auf der Durchreise hin, als ich
nach jener -- azurenen Küste fuhr. Allein war ich. Und saß am Strand von
Nervi. Im Schoß lagen mir die Gardenien. Und üppig und süß empfand ich
damals, von ihrem Atem angeweht, meine Einsamkeit. Beinahe wie Glück war
es, damals, eine kurze Stunde lang.
»Siehe,« sagte ich, -- »ihre Blätter, der Gardenia weiße Blätter, sie
beben, wie in Ekstase! Und sind doch so fest gewachsen im Kelch! Das ist
das Wunderbarste an der Gardenia: du kannst sie rütteln und schütteln,
soviel du willst, der Wind mag sie an ihrer weißen, samtenen Krone zausen,
soviel er mag, sie entblättert nicht wie andere Blumen, wie die »stolze
Rose«, Tulpe und wie sie alle heißen. Nicht eines ihrer sphärenhellen,
frohen Blütenblätter entfällt ihr. Sie hält sie fest in ihrem
wunderbaren Kelch. _So, so müßte man sein: so unverwehbar!_«
Und ich begann, sie zu einem Kranz zu flechten. Als er fertig war, setztest
du mir ihn aufs Haar. Und Andacht war in deinem Blick bei dieser Handlung.
Und dann sahest du mich lange, lange an, und unsere Blicke flossen
zusammen. Und endlich sagtest du, schweratmend flüsternd: »Was bist du
schön! Wie blühst du mir jungfräulich, meine süße kleine Maja!«
Ich blieb still, mit erschüttertem Herzen. Aber in diesem meinem Herzen
habe ich für dies Wort einen Altar errichtet, dir und mir.
* * * * *
Geheimnisvoll entringt, enthaucht sich mir, was ich mit dir erlebe. Alles
wird Stimme. Der Blumen Stimme, ihr Gemüt, ihr Hauch, ~anima~, -- ihr
_Duft_, -- ihrer Seele Seele kann nicht leichter, nicht freier, nicht
notwendiger ihrem Kelch entsteigen, als mir diese Stimme quillt. Und ich
höre auch Stimmen, Stimmen, die ich nie vernommen, und die Seele meiner
Seele, _die_ Stimme selbst, nimmt sie auf und trägt sie in sich, bis sie
ihr Eigen werden und dann meiner genesenen Brust entströmen.
* * * * *
Weiße Gardenia.
Weiße Gardenia:
Von allen Blumen du die Blume,
Ein frommes Lied klingt auf zu deinem Ruhme.
So wohnt das Licht auf himmelsnaher Stirn,
So erdenferne ruht der ewige Schnee am Firn,
Wie deiner Sammetblüte Glanz erglüht
In weißer Glut.
Und das Geheimnis, das im Kelch dir ruht,
Enthaucht ihm, da er sonnensehnend blüht,
Die Seele, deiner Seele: dein Gemüt.
So Wahrheit wie Geheimnis schließt sich rätselvoll in dir,
Weiße Gardenia, du.
So sphärenhell, geborgt von fremdem Stern, dein froher Glanz,
So irdisch süß, wie lust- und leiddurchbebt, dein Blätterkranz.
So _unverwehbar_ deine keusche Krone!
Wie einst du dies zu solcher holden Ruh,
Weiße Gardenia, du?
Einst saß ich, still durchglüht, an einem fernen Strand,
Blau lag das Meer vor mir.
Da hielt ich dich in schwerem Strauß im Schoß,
Weiße Gardenia, du.
Gesegnet war die Seele mir.
Und, Seele _deiner_ Seele, hauchst du mir
Den süßen Atem zu.
Und wieder strahlst du, in demüt'gem Ruhme,
Im Schoße mir, ein reicher Kranz.
Und anders ist die Seele mir gesegnet,
Kam mir das Glück aus deinem Hauch geweht?
Ein frommes Lied klingt auf, wie ein Gebet:
Daß ich dir gliche je, in meinem Frauentume,
Weiße Gardenia, du, du aller Blumen Blume!
* * * * *
Von dir kam mir dies Lied! Musik aus dir, Stimme geworden in mir!
Ich lege es nieder auf dem Altar in meinem Herzen, dein und meinem Altar,
vor dem ich jungfräulich stehe, neben dir, jungfräulich, -- Frouvelin.
* * * * *
Wenn ich auf den Balkon hinaustrete, -- so fühle ich, wie die Luft mich
streichelt. Und wenn ich meinen Blumen frisches Wasser gebe, -- sie nicken
mir zu! Alles _liebt_ mich! Woher kommt mir, woher kommt mir dieser Segen?
* * * * *
Ein Gewitter zog auf, da du gestern bei mir warst.
Und wir saßen auf dem Balkon, eigentlich einer überdachten Loggia, eng
aneinandergeschmiegt, und blickten hinein in diesen gelben, schweren
Glast, der sich immer dunkler und dunkler am Himmel zusammenballte. Und wir
blickten uns in die Augen. Von dir zu mir ging es wie ein Strom, ein Strom,
in dem wir untergehen wollten.
Und draußen entlud sich das Aprilgewitter. Es flammte auf, in dem gelben
Glast und rollte und brauste über unsern Köpfen dahin. Und dann war es
vorbeigezogen, und kühl und wundersam umwehte es uns. April!
* * * * *
Und daß du nichts -- wagst, es ist das Süßeste, das Schönste.
* * * * *
»Du sehnst dich nach mir?« Ich sagte es.
Ich weiß nicht, wie es mir so über die Lippen kam.
Und ich sah dich erbleichen.
»Wann wirst du mich -- erdulden?«
_So_ sagtest du es.
»Es darf kein Opfer sein.«
Ich legte dir die Hand auf die Lippen.
Du vergrubst den Kopf an meiner Brust.
So demütig sind nur die Freien!
* * * * *
»Es darf kein Opfer sein.« Doch. Es ist ein Opfer. Aber nicht: »Ich
opfere mich«, sondern: »Ich opfere.« Ich trage einen Kelch, einen
geweihten Kelch: opfernd trage ich ihn dir entgegen und halte ihn an deine
frommen Lippen. Trinke, du! Und zu der heiligen Handlung -- eine frohe,
heidnische Melodie: Evoë!
Heidnisch bewußt und doch mystisch geheimnisvoll sei dir dieser Trunk
-- wie jener andere Trunk, der auf Mont Salvatsch den Frommen und Frohen
wurde.
* * * * *
Evoë!
Wie ein geweihter Kelch, wie eine Vase,
In der die Blume deiner Liebe blüht,
Scheint mir mein eigner Leib, durchglüht
Von dieser irdisch heiligen Ekstase.
Wie Kelch gewordner weißer Stein von Laase,
Wenn ihm der Gott einhauchte sein Gemüt,
Daß er Gefäß sei seinem Schöpferlied,
Damit es becherlos ihm nicht im Busen rase.
Geheimnisvoller Becher, der beim Mahle
Auf Mont Salvatsch sich frommen Lippen bot
Und sie entsühnt von allem Fluch der Erde!
Wie jener rätselvolle Trunk vom Grale
Den, der ihn _wissend_ tat, entwunden aller Not,
So dir der Trunk von diesem Kelche werde!
* * * * *
Ich erwartete dich. Drei Tage hatten wir uns nicht gesehen. Unsere
Pflichten da draußen, abseits von der »Insel«, trennen uns oft für
Tage. Ach, und auch das ist wunderbar. Denn was häuft sich nicht an in
solchen drei Tagen!
Ich erwartete dich. Und ich schmückte mich.
Wie schön wird ein Weib, das sich schmückt für den Geliebten! Selbst
wenn es so wenig schön ist, wie ich. Wie wellte es sich mir unter der
Hand, dieses weiche, allzu feine Haar, das man zusammendrücken kann in
nichts. Wie strömte es frühlingshaft aus jeder Pore meines Leibes, da ich
ihn mit Wohlgerüchen wusch. Und wie leuchtet die »Lux« in ihm auf, alle
Fenster der Seele erhellend, -- eine einzige, aufflammende Illumination.
Und dann das Kleid. Ich wühlte in meinen Schränken. Welch grelle, bunte
Lappen hatte ich da getragen. Fort! Ein weißes Kleid, ein strahlend
ernstes, weißes Kleid!
Und weiß, weiß bis zu den Füßen herunter.
Und du kamst. Und ich ging dir entgegen. Und du sahest, wie ich ging. Du
sahest, daß ich etwas dir zutrug, -- opfernd, -- diesen Kelch, von dem du
trinken solltest.
Du hattest mir Blumen gebracht: rote, bräutliche, brennende Blüten.
Brennende Blüten fielen in meinen Schoß.
Heilige Bewußtheit: Sphärenhelle, von der die Gestirne leben! -- -- --
* * * * *
Du gingest von mir. Ich trat auf den Balkon hinaus und blickte dir nach.
Sternfunkelnd war die Aprilnacht. Licht erschien sie mir, so licht, -- wie
ein Weib, von dem eben der Geliebte gegangen.
* * * * *
Daß ich mein Lied so hinausschmettern kann in alle Winde? In dieses
Offene, Grenzenlose, wo es weiter und weitergetragen wird? Daß meine
_Stimme_ nicht zurückbebt vor dieser Verkündung ihrer geheimsten Melodie?
_Ward_ sie mir denn nicht, die Melodie, damit ich sie sänge? Nicht
vielleicht einzig deswegen mir »ermöglicht«?
Singen muß ich mein Lied, weil diese Ekstase über mich kam, aus der die
großen, die bekennenden Gesänge quellen, die Psalmen, die Hohenlieder.
Ein Lied unterschlagen, das Gott selbst mir auftrug, hineinhauchte mit dem
Schöpferhauch seiner eigenen _Stimme_ in diese meine Menschenkehle, solch
ein Lied unterschlagen?!
Ein Lied, das mir aufgetragen wurde, damit ein Wiederklang davon bleibe,
wenn ich selbst nicht mehr bin, von mir zurückbleibe, als Stoff für
weiteres, -- Stoff und Wiederklang geheimnisvoll eines! -- als ein
rettender Rhythmus vielleicht, eine führende Melodie für jene, die
auf _die Stimme_ warten, die sie auf ihren Weg rufen soll, wenn sie,
unbestätigten Glaubens, irregeworden, melodielos, steuerlos geworden,
umherfahren auf hoher See.
Darum klinge, du Lied, so weit immer die Winde dich tragen mögen! Und wenn
ich, dich aushauchend, mein Leben mit aushauchen sollte, dafür, daß ich
dich sang, dich singen durfte, singen mußte!
* * * * *
Ein hohes und lachendes Lied der seufzenden Welt zu singen, dazu, so will
es mir scheinen, mußte ich alle meine Leiden trinken. Und, da ich sie
trank: nach einem Trunk aus der Sonne selbst mich verzehren! In meinem mir
nun einmal »eingeborenen« überheblichen Frevelwahn schien es mir
immer, als ob er mir gebührte, dieser unwahrscheinliche Trunk, als ob uns
Menschen, die wir ja nach dem Ebenbild dessen -- gedacht sind, der über
allen Sonnen -- denkt, als ob uns Menschen die Freude gebühre, die Sonne,
die Ekstase! Gebühre -- jawohl, gebühre! Ich hörte immer, »es müsse
nun einmal so sein«, um uns und in uns, wie es meistens eben ist: so
staubig, so dämmrig, so melodielos, und schlimmer. _So_ sollte sein
_müssen_, dachte ich immer hinter dieser meiner »Empörerstirn«. So
sollte es gedacht sein, als Gesetz, von dem, der über allen Sonnen --
denkt, so gedacht für uns, die nach ihm -- Gedachten? Dies der _Gedanke_,
im Stoff und in der Melodie, von der er ja nur wiederklingt, der Stoff?
Dies die -- Stimme?
Mein überheblicher Frevlerwahn wollte sich nicht zufrieden geben.
Ich wollte nicht demütig werden im Leide, so tief mir auch die Stirn
in den Staub gedrückt wurde. Nicht demütig werden: das ist schlimm. Es
mußte erst das Glück kommen, um mich demütig zu machen, und fromm.
In diese meine Hand, diese kleine Rebellenhand, wie du sie nennst, mußte
ich »richtig« -- die Sonne selbst bekommen! Und aus ihr trinken, o, einen
Trunk tun, den nur die innerlich ganz »Feuerfesten« vertragen.
Und siehe: ich wurde fromm an dem gefährlichen, lodernden Trunke. Und ich
fing an zu beten. Zu ihr: zur Sonne!
* * * * *
Betet, betet zur Sonne! Betet zur Gnade! Und glaubet nicht, daß sie euch
nicht erhöre! Der Kult wirkt zurück, und das ist die Wirkung des Gebetes.
* * * * *
Wer besser könnte in Staub verwühlte Stirnen zärtlich vom Staube
heben, in die sie, -- die Gottähnlichen! -- gedrückt wurden, wer besser
aufrichten das tief gedemütigte Haupt und es zart und zärtlich zur Sonne
wenden, wer besser könnte es, wer einzig dürfte es, als wer selbst im
Staube verwühlt und tief, tief gedemütigt gewesen? Und zu dem dann die
_Macht_ trat, das Haupt ihm hebend und es zart und zärtlich ihm zur Sonne
wendend?
Ein hohes und lachendes Lied der seufzenden, gedemütigten Welt zu singen,
ward mir -- aufgetragen. Darum die Melodie mir »ermöglicht«. Damit
dieser Glaube an die Gnade sie alle ergreife, die nach dem, der über allen
Sonnen denkt, gedacht sind! Damit sie verlernen, am Unheil zu verzagen und
glauben lernen an die Gnade der Liebe, die sie einstmals erreichen muß,
wenn sie selbst liebten! -- -- --
So bezahle ich, was ich schuldig wurde, schuldig, da mir hohe Freude
ward, da mir Rhythmus, Melodie und _Stimme_ ward, -- während Millionen in
tiefster Verwühlung seufzen, stöhnen.
Ich bezahle mit diesem lachenden, weinenden, demütig-frommen Lied, das
mir aufgetragen wurde, damit ich es sänge, und sollt' ich, es aushauchend,
mein Geschick erfüllen.
»Sonderbare du, mit den vielen Gesichtern. Wenn du mir plaudernd und
lachend zuhörst, -- was bist du da doch, du weißt, das vergötterte
Baby --«
»Ich weiß: -- mit dem edlen Papa!«
»Dann, am Flügel, oder im Gespräch, in ernsthaftem Gespräch, da
empfinde ich dich, nun, als was ich bisher eine Frau noch nie empfand.«
»Antifeministische Bemerkungen sind in meiner Gegenwart zu
unterdrücken.«
»Da ist dein Gesicht ja ganz unzweifelhaft, jenes Jünglingsgesicht aus
dem Uffizien, das des Philosophenschülers -- du weißt!«
»Von Padua. Ich weiß. Aber was denn sonst noch? Habe ich denn noch
mehr Verwandte, Ahnen, Doppelgänger oder Vorstadien meiner jetzigen
Inkarnation?«
»Wenn deine Lider so schwer werden -- --«
»Dann?«
»In diesem deinem Blick unter den schweren Lidern, -- es ist dann etwas --
etwas wie Urmüttertum darin, in diesem deinem Blick. Diana von Ephesus --
du weißt?«
»Diana -- eine Diana, der ich gliche? Nichts weiß ich von solcher
Diana.«
»Es ist eine Diana im Tempel zu Ephesus. Sie wurde verehrt als eine
Fruchtbare. Mit vielen Brüsten ist sie gebildet, so wie du mit vielen --
Gesichtern. Diana von Ephesus -- eine andere Ceres. Ceres -- das ist die
naive Fruchtbarkeit, die Gebärerin dessen, was bleibt oder nicht
bleibt, erhalten wird oder ausgerottet. Diana von Ephesus ist eine andere
Fruchtbare. Eine Erdgeheimnisse-Wissende ist sie. Eine Opfernde!
Und sie müßte dein Antlitz haben, das -- mit den schweren
Lidern. -- -- --
Welch ein Glück, daß ich dich _sehe_, du mir immer Vertraute!«
* * * * *
Der Trunk vom Weibe: Unwissende stehen sie davor. »Thumpe«, wenn auch
nicht »Klare«, »Vale«, wenn auch nicht »Parsi«. Thumpe Toren. Aber
nur dem Wissenden, dem immer Bewußten, dem immer vom Staub in den Geist
Entrückbaren und Entrückenden, nur ihm, dem Ekstatischen, wird der Trunk
vom Weibe das, was »jener rätselvolle Trunk vom Grale« dem, »der ihn
_wissend_ tat«.
* * * * *
Dieses dein entzücktes Lächeln! Dieses strahlende, in mich eindringende
Lächeln, wenn du mit mir bist. Nie noch sah ich, soviel wir auch zusammen
waren, dein Auge auf mich gerichtet, ohne daß dieses Lächeln dagewesen
wäre in deinem Blick, um deine frohen Lippen, auf deiner lichten,
freudigen Stirn.
Und wie trinke ich es, dieses Lächeln! Wie wandelt es sich in mir in
freudige, feurige Säfte, in Kräfte, die die Seele mächtig werden lassen,
-- lebensmächtig und sangesmächtig.
* * * * *
Johannes, Johannes, es treibt mich, es versucht mich sehr, dir -- für
ein weniges nur, ich verspreche es, ein ganz klein weniges nur, -- die
Tarnkappe vom Kopfe zu stoßen! Dich sehen zu lassen! Einen einzigen,
kurzen, blitzgeschwinden Augenblick.
Ja? Ja?
Daß du mir sichtbar wirst, -- einen einzigen kleinen Augenblick. Das
geschah ja auch andern, vermummten Helden. Plötzlich »rutschte« ihnen
(vielleicht stießen sie mit dem Kopfe an eine niedrige Decke), --
die Tarnkappe herunter, und die Leute im Gemach sahen erstaunt eine
Erscheinung, die gleich wieder verschwand, versteht sich, da sie ja die
heruntergeglittene Tarnkappe schnell erwischte.
Ähnlich war's ja auch in jenem Gemach, wo Rhodope plötzlich den Gyges
sah: einen kurzen Augenblick lang. Hier war's der Ring, der sich verschob.
Ähnlich geht's auch bei der geheimnisvollen ~Laterna magica~ zu.
Plötzlich sieht man auf einer weißen Fläche -- ein Bild. Ein farbiges,
bewegliches Bild. Das kommt von der magischen Laterne, die irgendwo
versteckt ist im Hintergrund. Und die Person an der Laterne kann das Glas,
das den Zauber wirkt, beliebig einschieben und wieder herausziehen.
Also -- schieben wir's hinein.
Jetzt schnell, ein Bild.
Ihr schaut -- eine Küstenlandschaft.
Einen Küstenstrich an der Nordsee erschaut ihr auf der magisch
beleuchteten Fläche -- dieser Blätter.
Über das frühlingsstürmende graue Meer strahlt die Sonne. In diesem
Sturm und Sonnengefunkel zugleich (es ist das alles herstellbar bei der
modernen Filmtechnik) nähert sich das Schiff der Küste.
Fröhlich und gewaltig fährt es dahin. Und in den Segeln braust's! Und
jetzt -- jetzt seht ihr -- jetzt könnt ihr ihn erkennen: ihn, -- den
Steuermann. Er versteht sich aufs Seefahren, das werdet ihr gleich merken,
wenn er an die Küste herankommt. Denn es ist gefährlich und schwer
anzulegen an dieser Küste. Aber -- Wikinger waren ja seine Leute! Und die
verstanden das doch. Jetzt -- jetzt seht ihr ihn in voller Figur. Und zwei
Köpfe zumindest überragt er, was ihr drinnen im Binnenland an Leuten
zu sehen gewohnt seid. Denn die von -- oben -- es ist eben ein anderer
Menschenschlag da.